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Gutenberg > Hans Christian Andersen >

Der Improvisator

Hans Christian Andersen: Der Improvisator - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleDer Improvisator
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080616
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Die alte Domenica. Die Entdeckung. Der Abend in Nepi. Terni. Der Gesang der Schiffer. Venedig.

Im Palazzo Borghese nahm man Glückwünsche entgegen. Flaminia–Elisabeth war ja Himmelsbraut. Francescas Ernst verbarg sich hinter einem erkünstelten Lächeln; die Ruhe, die auf ihrem Antlitze lag, hatte sich aus ihrem Herzen geflüchtet. Fabiani sagte wunderbar bewegt zu mir: »Du hast deine beste Gönnerin verloren; du hast Grund, betrübt zu sein! – Sie bat mich, der alten Domenica einige Scudi zu geben. Du hast ihr wohl von deiner alten Pflegemutter erzählt? Bringe ihr diese, es ist Flaminias Gabe.«

Der Tod hatte sich wie eine Schlange um mein Herz gewunden; ein seltsamer Lebensüberdruß hatte sich meiner bemächtigt, ich bebte davor, denn der Selbstmord zeigte sich mir von seiner hellsten Seite. Leer und tot war es in den großen Sälen. »Hinaus in die freie Luft!« dachte ich, »hinaus nach der Heimat meiner Kindheit, wo Domenica mir Wiegenlieder sang, wo ich spielte und träumte,«

Unfruchtbar und versengt lag die Campagna vor mir, nicht ein einziges Blatt redete von Lebenshoffnung, die gelbe Tiber wälzte ihre Wellen dem Meere entgegen, um zu verschwinden. Ich sah wieder die alte Grabstube, mit dem dichten Epheu über dem Dache und die Mauer hinab, die kleine Welt, die ich als Kind die meinige genannt hatte. Die Thüre stand offen; ein wehmütig frohes Gefühl regte sich in meinem Herzen, ich dachte an Domenicas Liebe, an ihre Freude, mich zu sehen. Ein Jahr war es wenigstens her, seit ich das letzte Mal hier draußen war, und beinahe acht Monate, seitdem ich sie zum letztenmal in Rom gesprochen hatte, und sie hatte mich doch gebeten, recht bald zu ihr hinauszukommen. Oft hatte ich an sie gedacht, von ihr mit Flaminia geredet, allein der Sommeraufenthalt in Tivoli, meine bewegte Seelenstimmung seit unserer Rückkunft trugen die Schuld, daß ich nicht in die Campagna hinausgegangen war. – In Gedanken hörte ich schon ihren Freudenschrei bei meinem Anblicke und beflügelte meinen Schritt; als ich aber der Thüre nahe war, trat ich ganz leise auf, damit sie mich nicht hören sollte. – Ich blickte in die Stube hinein; mitten auf dem Fußboden stand ein großer eiserner Topf über einem Feuer, welches mit Stücken Rohr unterhalten wurde. Ein kleines Bürschchen blies dasselbe an, er wandte den Kopf und erblickte mich. Es war Pietro, das kleine Kind, welches ich gewiegt hatte. »Sankt Joseph!« rief er und sprang freudig auf; »Sie sind es, Eccellenza! Es ist lange, lange her, seit Sie so gnädig waren, zu uns herauszukommen!«

Ich reichte ihm die Hand und er wollte sie küssen. »Nein, nein, Pietro!« sagte ich; »es hat vielleicht den Anschein, daß ich meine alten Freunde vergessen habe, aber ich habe es nicht.«

»Nein, das sagte auch die gute alte Mutter!« rief er, »O Madonna, wie würde sie froh gewesen sein, hätte sie Sie gesehen,«

»Wo ist Domenica?« fragte ich.

»Ach!« erwiderte er, »schon ein halbes Jahr ruht sie in der Erde. Sie starb, während Eccellenza in Tivoli war. Sie war nur einige Tage krank, aber in der ganzen Zeit sprach sie nur von ihrem lieben Antonio. Ja, Eccellenza, Sie werden nicht böse sein, daß ich Sie so nenne, sie hatte Sie so lieb. – »Möchten meine Augen ihn noch einmal sehen, ehe sie sich schließen!« sagte sie voller Sehnsucht. – Als ich merkte, daß sie die Nacht nicht überleben konnte, ging ich nachmittags nach Rom. Ich wußte ja, Sie würden über meine Bitte nicht böse werden; ich wollte Sie bitten, mich zu der alten Mutter hinauszubegleiten; als ich aber ankam, waren Sie und die Herrschaft schon nach Tivoli übersiedelt. Da kehrte ich betrübt um, und als ich wieder zu Hause anlangte, war sie schon eingeschlafen.« Er bedeckte die Augen mit seinen Händen und weinte. Jedes Wort, welches er sagte, fiel mir schwer auf das Herz. Ich war ihr Gedanke auf dem Totenbette gewesen, und zu derselben Zeit waren meine Gedanken weit umhergeschweift, weit, weit von ihr. Hätte ich ihr doch wenigstens Lebewohl gesagt, ehe ich nach Tivoli reiste! Nein, ich war kein guter Mensch. Ich gab Pietro den auf Flaminias Wunsch mir anvertrauten Geldbeutel und alles, was ich sonst noch bei mir hatte, und er sank vor mir auf die Kniee und sagte, ich wäre ihr Schutzengel. Es klang wie Spott in meinem Herzen. Mit doppeltem Schmerze, in tiefster Seele erschüttert, verließ ich die Campagna. Ich weiß nicht, wie ich nach Hause kam.

Drei lange Tage lag ich ohne Bewußtsein in einem heftigen Fieber, Gott weiß, was ich darin gesprochen habe, aber Fabiani kam oft zu mir; man hatte mir die taube Fenella zur Krankenwärterin gegeben. Nie erwähnte man Flaminias. Krank war ich von der Campagna heimgekommen und hatte mich sofort zu Bett gelegt, worauf das Fieber ausbrach.

Langsam kehrten meine Kräfte zurück; vergebens zwang ich mich zu einer Laune, zu einer Munterkeit, die ich nicht besaß. Ungefähr sechs Wochen, nachdem Flaminia den Schleier genommen hatte, gestattete mir der Arzt wieder auszugehen. Unwillkürlich ging ich nach der Porta Pia, mein Auge starrte zu der Quattro Fontane hinab, aber ich hatte nicht den Mut, an dem Kloster vorüberzugehen. Aber nur wenige Abende später, als der Neumond schien, zog mich mein Herz dorthin, ich sah die graue Klostermauer, die Gitterfenster, Flaminias geschlossenes Grab. – »Weshalb soll ich diese Grabstätte des Todes nicht sehen dürfen?« sagte ich zu mir selbst und fand Entschuldigung dafür. Jeden Abend führte mich mein Weg dort vorüber; ich ginge gern nach der Villa Albani spazieren, sagte ich zu denjenigen von meinen Bekannten, die mir zufälligerweise begegneten, »Gott weiß, wie es enden mag!« seufzte mein Herz. »Lange kann ich es nicht aushalten« – und gerade da war ich am Ziele.

An einem dunklen Abend fiel ein Lichtschimmer aus einem Klosterfenster die Mauer hinab, ich lehnte mich gegen das Eckhaus, starrte nach dem hellen Punkte und dachte an Flaminia, »Antonio!« sagte plötzlich eine Stimme dicht neben mir. »Antonio, was thust du hier?« – Es war Fabiani. »Begleite mich nach Hause!« – Ich ging mit ihm; auf der Straße redeten wir nicht ein einziges Wort. Er wußte alles ebensogut wie ich selbst; das fühlte ich. Ein Undankbarer war ich; ich hatte nicht den Mut ihn anzusehen. Wir waren im Zimmer allein.

»Du bist noch krank, Antonio!« sagte er, und es lag ein merkwürdiger Ernst in seiner Stimme. »Dir fehlt Bewegung, Zerstreuung; es würde dir gut thun, wenn du dich mehr in der Welt umhertummeltest. Einmal haschtest du ja schon nach den Freiheitsschwingen; vielleicht war es unrecht, daß ich den Vogel wieder in den Käfig sperrte. Im Grunde genommen muß der Mensch immer seinen Willen haben, stürzt er dann in Unglück, so hat er es sich nur allein vorzuwerfen. Du bist alt genug, selbst deine Schritte zu lenken! Eine kleine Reise wird dir gewiß dienlich sein, der Arzt sagt es ebenfalls. Du hast ja bisher nur Neapel gesehen, besuche einmal Norditalien. Ich werde dafür sorgen; es ist für dich am besten, ja sogar notwendig, und,« fügte er mit einem Ernste, einer Strenge, die ich an ihm noch nicht kannte, hinzu, »ich bin überzeugt, daß du nie die Wohlthaten vergessen wirst, welche wir dir erwiesen haben, uns nie Verdruß und Kummer bereiten wirst, wie sie Unbesonnenheit und blinde Leidenschaft zu verursachen vermögen. Ein Mensch kann alles, was er will, wenn er nur das Gute will.« Blitzartig schlugen mich seine Worte zu Boden, ich beugte meine Kniee und drückte seine Hand an meine Lippen, »Ich weiß wohl, wir thaten dir stets unrecht,« sagte er halb spottend, »waren unbillig und streng. Aber niemand wird es wenigstens mit dir ehrlicher und aufrichtiger meinen, als wir. Du wirst schönere Redensarten, freundlichere Worte hören, aber nicht die wahre Treue finden, welche wir dir bewiesen. Ein Jahr kannst du dich ja auswärts in der Welt versuchen! Laß uns dann sehen, was für ein Geist in dir wohnt, ob wir dir unrecht gethan haben!« Er verließ mich.

Hat die Welt noch neue Schmerzen für mich, noch mehr Gifttropfen? Selbst der einzige Labetrunk: die Freiheit, in Gottes weite Welt hinauszufliegen, wird mir wie Gift in meine tiefe Wunde geträufelt. Fort aus Rom, fort aus dem Süden, wo alle Erinnerungsblumen stehen, über die Apenninen, nach Norden, wo ja der Schnee auf den hohen Bergen liegt! Von den Alpen herab weht Kälte in mein warmes Blut! Auf, nach Norden, nach dem schwimmenden Venedig, der Meeresbraut! Gott, laß mich nie mehr nach Rom, nach dem Grabe meiner Erinnerungen zurückkehren! Lebe wohl, meine Heimat, meine Vaterstadt! – Der Wagen rollte über die öde Campagna; die Peterskuppel verschwand hinter den Anhöhen; wir kamen am Monte Soracte vorbei, fuhren über die Berge nach Nepi mit seinen schmalen Gassen. Es war ein mondheller Abend, ein Mönch predigte vor der Thüre der Osteria, die Menge wiederholte seine Viva, Santa Maria, und folgte ihm singend durch die Straßen; mich verscheuchte dies Menschengewimmel. Die alten Wasserleitungen mit dichten Schlingpflanzen, die dunklen Olivenwälder ringsumher vereinigten sich zu einem Bilde, welches meiner Gemütsstimmung entsprach. Ich ging zu dem Thore hinaus, durch welches ich gekommen war. Dicht vor demselben lag die mächtige Ruine eines Kastells oder Klosters, durch dessen eingestürzte Hallen die große Landstraße führte. Ein kleiner Fußpfad führte vom Wege aus tiefer hinein, Epheu und Venushaar überzogen die Wände der einsamen Zellen; ich trat in eine große Halle, wo hohes Gras über den Trümmern und den hinabgestürzten Kapitälern wuchs. Neugierig schauten die breiten Blätter der Weinreben zu den gotischen Fenstern hinein, in denen nur noch hier und da einzelne Stücke bunten Glases saßen. Hoch oben auf der Mauer schossen Büsche und Sträucher hervor, die Strahlen des Mondes fielen auf ein Freskogemälde des heiligen Sebastian, der blutend und von Pfeilen durchbohrt dastand. Tiefe, donnergleiche Töne brausten beständig durch den Saal, ich ging dem Schalle nach, trat aus der engen Klosterpforte hinaus und stand zwischen Myrtensträuchern und reichem Weinlaub unmittelbar vor einem senkrechten Abgrund, in welchen sich ein Wasserfall, in dem hellen Mondschein wie mit Silberschaum bedeckt, hinabstürzte. Die ganze romantische Situation würde jedes Gemüt überrascht und gefesselt haben, doch hätte mein Schmerz sie vielleicht meiner Erinnerung entfallen lassen, hätte sich nicht das, was ich außerdem sah, meinem Herzen tief blutig eingegraben. Ich ging den kleinen, fast völlig zugewachsenen Fußpfad dicht am Abgrunde entlang, der auf die breite Landstraße zurückführte. Plötzlich starrten mich von der hohen weißen Mauer herab, auf welche der Mondschein fiel, drei bleiche Köpfe hinter einem eisernen Gitter an, die Köpfe hingerichteter Räuber, welche, wie in Rom auf der Porta del Angelo, in einem eisernen Käfig zur Warnung und zum abschreckenden Beispiel ausgestellt waren. Für mich war das kein Anblick, der mir Furcht einjagen konnte; früher hätte mich freilich mein Blut von solcher Stätte getrieben, aber der Schmerz giebt Philosophie. Das kühne Haupt, das Tod und Mordgedanken ausbrütete, des Gebirges mutiger Adler war nun ein schweigender gefangener Vogel, saß still und vernünftig in seinem Käfig, wie die anderen zahm gemachten Vögel. Ich trat ganz nahe heran; sie waren sicher erst in diesen letzten Tagen hingerichtet; jeder Zug war noch erkennbar. Als ich aber den mittelsten, einen weiblichen Kopf, anschaute, schlugen meine Pulsschläge stärker. Es war der einer alten Frau, die Haut war gelblich-braun, die Augen halb offen, das lange silberweiße Haar hing zum Gitter hinaus und bewegte sich im Winde. Mein Auge fiel auf die an der Mauer angebrachten steinernen Tafeln, auf welche man, wie es die Gewohnheit verlangte, die Namen und Verbrechen der Hingerichteten hatte eingravieren lassen; Fulvia stand darauf. Ich las auch den Namen ihres Geburtsorts: Frascati, und auf das Tiefste erschüttert trat ich einige Schritte zurück. Fulvia, die seltsame Alte, welche mir einmal das Leben gerettet hatte, sie, die mir die Mittel verschafft hatte, nach Neapel zu kommen, meines Lebens rätselhaften Schutzgeist, sah ich so wieder. Diese bläulichen Lippen, welche sie einmal auf meine Stirn gedrückt hatte, diese Lippen, welche prophetische Worte geredet und Tod und Leben gebracht hatten, sie waren verstummt, hauchten Furcht durch ihr Schweigen aus. »Mein Glück weissagtest du! Dein kühner Adler liegt mit gebrochenen Schwingen da, erreichte nie die Sonne. In dem Kampfe mit seinem Unglück sinkt er in des Lebens großen Nemisee hinab, seine Schwungfedern sind gelähmt!« Ich brach in Thränen aus, rief Fulvias Namen und ging langsam durch die öden Hallen zurück. Nie vergesse ich diesen Abend in Nepi.

Am nächsten Morgen reisten wir von dort ab und kamen bis Terni, welches Italiens größten und schönsten Wasserfall besitzt. Ich ritt zur Stadt hinaus durch einen dichten dunklen Olivenwald, nasse Wolken hingen um die Gipfel der Berge. Alles nördlich von Rom schien mir finster, nichts war lächelnd und schön wie die Sümpfe, wie Terracinas Orangenhaine, wo die grünen Palmen wachsen. Vielleicht war es mein eigenes Herz, welches dem Ganzen dieses finstere Kolorit verlieh. Wir kamen durch einen Garten; eine üppige Orangenallee dehnte sich zwischen der Felsenwand und dem Flusse aus, welcher pfeilschnell dahinbrauste. Schon zwischen den Felsen sah ich eine Wolke von Wasserstaub hoch in die Luft ragen, auf welcher der Regenbogen spielte. Inmitten einer wahren Wildnis von Rosmarin und Myrten stiegen wir aufwärts und vom höchsten Gipfel des Berges stürzte sich die ungeheure Wassermasse über die steile Felsenwand hinab. Ein kleinerer Flußarm schlängelte sich wie ein silbernes Band dicht neben dem Hauptstrome entlang; beide vereinigten sich unmittelbar vor dem Felsen, um eine breite Kaskade zu bilden, die in milchweißen Strudeln in den schwarzen Abgrund hinabwirbelte. Ich dachte an die Kaskadellen bei Tivoli, wo ich vor Flaminia improvisiert hatte. Der donnergleich brausende Strom sang mir mit ergreifenden Orgeltönen die Erinnerung an meinen Verlust, an meinen Schmerz; zerschmettert werden, sterben und verschwinden ist das Los der Natur.

»Hier wurde voriges Jahr ein Engländer von den Räubern erschossen!« sagte unser Führer, »Es war die Bande aus dem Sabinergebirge, obschon man sagen kann, daß sie in der ganzen Gebirgsgegend zwischen Rom und Terni zu Hause ist. Die Obrigkeit ist nun immer so schnell bei der Hand, da hat sie denn drei arme Burschen in ihre Finger bekommen. Ich sah selbst, wie sie, gebunden auf einem Wagen liegend, nach der Stadt gefahren wurden. Am Thore saß die kluge Fulvia, wie wir sie nannten; sie wußte vieles, wofür ein Mönch hätte den Kardinalshut erhalten können; sie sagte ihnen ihr Schicksal in verblümten Worten voraus. Später erzählte man, sie hätte ihnen heimliche Zeichen gemacht, es wären ihre Spießgesellen gewesen. In diesem Jahre haben sie nun die Alte und mehrere der Räuber ergriffen, ihre Stunde war gekommen; jetzt sitzt ihr Kopf grinsend auf dem Thore in Nepi.«

Es war, als ob alles, die Natur wie die Menschen, nur darauf ausging, meine Seele zu umnachten. Ich fühlte Lust in Windeseile die Länder zu durchjagen. Die dunklen Olivenwälder warfen immer mehr Schatten in meine Seele, die Berge erdrückten mich fast. »Hinaus an das Meer, wo die Winde wehen, an das Meer, wo ein Himmel uns trägt und ein anderer sich über uns wölbt!« Mein Herz brannte vor Liebe, mein Herz vor Sehnsucht. Zweimal hatte ich die reine begeisternde Flamme gefühlt, zu Annunziata hatte ich emporgeschaut, und mich mit meiner ganzen erwachenden Kraft an sie geschmiegt, aber sie liebte einen anderen. Flaminia war nur allmählich mit meiner Seele verwachsen, ich war nicht geblendet, nicht hingerissen worden, aber ich hatte den Edelstein schätzen gelernt. So oft sie mir schwesterlich die Hand reichte und ich sie an meine Lippen drücken durfte, so oft sie mich so sanft tröstete und betete, daß die Welt mich nicht verderben möchte, stieß sie mir den Pfeil tiefer in das Herz. Ich liebte sie nicht wie eine Braut, und doch fühlte ich, daß ich es nicht würde ertragen können, sie in eines anderen Armen zu sehen. Jetzt war sie tot, tot für die Welt. Kein fremder Mann sollte sie an sein Herz drücken, sollte Küsse von ihren Lippen saugen, sollte sie besitzen. Dieser Höllenqual war ich wenigstens nicht überliefert. Ich suchte mich durch Ausmalung dieses Bildes zu trösten, denn nun nannte ich mein Gefühl Liebe, der Seele und des Blutes starke Leidenschaft. Wenn ich sie als Braut eines der jungen Nobili gesehen hätte, wenn ich täglich Zeuge ihres Liebesglückes gewesen wäre, ich, der unbeachtete Hirtenknabe aus der Campagna, der das Gnadenbrot in dem reichen Palast aß, wenn sie mir dann noch immer ebenso schwesterlich, ebenso sanft, aber ohne Liebe gegenübergestanden hätte, o, das würde mich wahnsinnig gemacht haben. Nein, nun war sie eine Klosterjungfrau, niemand durfte sein Auge zu ihr erheben, niemand sah sie. Ja, das war besser, war glücklicher. – Der Jammer der Welt kann groß sein, denn mein Los war ja beneidenswert. »Nach dem Meere, dem wundervollen Meere! Das ist eine neue Welt für mich! Nach Venedig, der schwimmenden Stadt, der Königin des Adriatischen Meeres! Aber nicht durch die dunklen Wälder, die erdrückenden Berge, schnell, in leichtem Fluge über die Wogen!« so träumte mein Herz.

Mein Plan war gewesen, zuerst nach Florenz zu gehen, von dort über Bologna und Ferrara; ich änderte meinen Plan, verließ in Spoleto den Vetturino, nahm einen Platz auf der Post und jagte in finsterer Nacht über die Apenninen, durch Loretto hindurch, ohne auch nur das heilige Haus zu besuchen – die Madonna möge mir meine Sünde vergeben! Schon von den höchsten Punkten der Gebirgsstraße aus hatte ich das Adriatische Meer wie einen Silberstreifen am Horizonte erblickt. Gleich Riesenwellen lagen die Berge unter mir. Nun sah ich das blaue wogende Meer mit den Wimpeln und Flaggen aller Nationen auf den Schiffen. Bei diesem Anblicke mußte ich Neapels gedenken, aber kein Vesuv erhob sich mit seiner schwarzen Rauchsäule, kein Capri schwamm draußen im Meere. Ich schlief hier eine Nacht und hatte einen seltsamen Traum von Fulvia und Flaminia. »Deines Glückes Palme grünt!« sagten sie beide und lächelten. Als ich erwachte, schien das Tageslicht zu mir herein.

»Signore!« sagte der Cameriere, »ein Schiff nach Venedig liegt segelfertig. Aber Sie wollen wohl erst unsere Stadt besehen?«

»Nach Venedig!« rief ich. »Sofort, sofort, das ist gerade mein Wunsch!« Ein unerklärliches Gefühl trieb mich vorwärts. Ich ging an Bord, ließ meinen Koffer nachbringen und schaute nur über das unendliche Meer hinaus. »Lebe wohl, mein Vaterland!« Jetzt erst, als mein Fuß den festen Boden nicht mehr betrat, kam es mir endlich als eine Wirklichkeit vor, daß eine neue Welt sich vor mir öffnete. So viel wußte ich, daß mir Norditalien eine andere Natur zeigen würde. Venedig selbst war ja von allen Städten Italiens verschieden, eine reichgeschmückte Braut des mächtigen Meeres. Der venetianische geflügelte Löwe flatterte schon in der Luft über mir. Ein Schiff von Venedig trug mich. Die Segel wurden vom Winde geschwellt und bald befanden wir uns auf dem hohen Meere. Ich saß auf dem Reling und schaute über das blaue wogende Meer hinaus, ein junger Bursche saß nicht weit von mir und sang ein venetianisches Lied von dem Glücke der Liebe und der Kürze des Lebens.

»Küsse die roten Lippen, denn morgen bist du eine Beute des Todes! Liebe, so lange dein Herz noch jung, dein Blut noch Feuer und Flamme ist! Die grauen Haare sind des Todes Blumen, dann ist das Blut Eis, dann erlöschen die Flammen. Komm in die leichte Gondel! Unter ihrem Dache sitzen wir verborgen, Fenster und Thüre verhüllen wir, niemand sieht dich, mein Mädchen! Niemand sieht unser Liebesglück! Wir schaukeln auf den Wellen! Die Wellen umarmen sich, wie wir uns. Liebe, so lange die Jugend in deinem Blute brennt, die schweigende Nacht und die Wellen kennen allein dein Glück! Das Alter tötet mit Frost und mit Schnee.«

Während er sang, lächelte und nickte er den anderen in seiner Nähe zu, und im Chor sangen sie von Kuß und Liebe, so lange das Herz jung wäre. Es war ein lustiges Lied, ein sehr lustiges, und doch hallte es in meinem Herzen wie ein magisches Sterbelied wieder. Ja, die Jahre fliehen, die Jugendflamme erlischt! Der Liebe heiliges Oel ließ ich hin über die Erde fließen, es wurde nicht zu Licht und Wärme angezündet. Wohl verbreitete es kein Verderben, aber es ging zu Grunde, ohne geleuchtet oder gebrannt zu haben. Kein Gelübde band mich ja, keine Verpflichtung; weshalb kostete meine Lippe nicht von dem Labetrunk der Liebe, der brennend heiß vor mir stand. Mich quälte ein eigentümliches Gefühl, ja, wie soll ich es nennen, eine Art Mißfallen über mich selbst. War das etwa das wilde Feuer in meiner Brust, das meinen Verstand verzehrte? Ich fühlte eine Bitterkeit darüber, daß ich vor Santa die Flucht ergriffen hatte. Der Madonna heiliges Bild stürzte herab. – Nur der verrostete Nagel, der plötzlich brach, trug die Schuld, und die Klosterzucht der Jesuitenschule, die Ziegenmilch in meinem Blute jagte mich mit der Rute fort. Wie schön war Santa nicht! Ich sah ihren feurigen zärtlichen Blick, und ich ärgerte mich über mich selbst. Weshalb sollte ich nicht Bernardo gleichen, Tausenden gleichen, allen meinen jungen Freunden gleichen? Keiner, keiner wäre so thöricht wie ich gewesen. Liebe verlangte mein Herz, Liebe verlangte Gott, der dies Gefühl in mich hineingelegt hatte. – Aber ich bin noch jung, Venedig ist eine lustige Stadt, hat herrliche Weiber! Was giebt die Welt mir für meine Tugend, für mein kindliches Gemüt? Spott! Die Zeit bringt Bitterkeit und graue Haare! Und im Chor sang ich mit den andern auf dem Schiffe von Kuß und Liebe, so lange das Herz jung wäre.

Es war ein Fieber, der Wahnsinn des Schmerzes, welcher diese Gedanken in meiner Seele hervorrief. Er, der mir das Leben, der mir meine Empfindungen gab und mein ganzes Schicksal lenkte, wird mich gnädig richten. Es giebt Kämpfe, selbst Gedanken, welche die meisten Sterblichen nicht auszusprechen wagen, denn der Unschuldsengel in unserer Brust beugt sich vor der Sünde. Diejenigen, welche die Erfüllung des Sehnens ihrer Herzen fanden, haben schöne Gelegenheit, über meine ausgesprochene Ansicht moralisch zu philosophieren. Aber »richtet nicht, so werdet auch ihr nicht gerichtet werden, verdammet nicht, so werdet auch ihr nicht verdammet werden!« Ich fühlte es: in meinem Fleische, in meiner verderbten Natur wohnt nichts Gutes. Beten konnte ich nicht, doch schlief ich bald ein, während das Schiff nach Norden, nach dem reichen Venedig flog.

Am Morgen gewahrte ich dessen weiße Gebäude und Türme; sie glichen einer langen Reihe von Schiffen mit ausgespannten Segeln; zur Linken dehnte sich das lombardische Reich mit seinen flachen Küsten aus; die Alpen ähnelten einem bläulichen Nebel am Horizonte. Wie groß war hier der Himmel! Hier konnte sich die halbe Himmelskugel im Herzen abspiegeln.

Die Frische des Morgens besänftigte meine Gefühle; ich war ruhiger. Ich dachte an Venedigs Geschichte, an den Reichtum und die Pracht der Stadt, an ihre Selbständigkeit und Uebermacht, die mächtigen Dogen und ihre Vermählung mit dem Meere. Mehr und mehr näherten wir uns der Stadt, schon konnte ich über den Lagunen die einzelnen Gebäude unterscheiden, aber sie hatten gelblichgraue Mauern, schienen weder der alten noch der modernen Zeit anzugehören und gewährten keinen freundlichen Anblick. Den Markusturm hatte ich mir ebenfalls höher gedacht. Wir segelten zwischen dem festen Lande und den Lagunen hin, die wie krumme Erdwälle weit in das Meer hinausgriffen. Wie flach alles war, die Küste schien kaum einen Zoll höher als der Wasserspiegel! Ein paar armselige Häuser nannten sie eine Stadt,Fusina hier und da stand ein einzelner Busch, sonst bot sich dem Auge nichts dar, als nur das flache Land. Ich hatte geglaubt Venedig ganz nahe zu sein, aber noch lag es eine Meile entfernt, und zwischen uns und demselben befand sich nur ein stehendes morastiges Wasser mit breiten Schlamminseln. Nicht ein Vogel hätte sich auf sie niederlassen können, nicht ein Grashalm sproßte empor. Durch diesen ganzen See waren tiefe Kanäle gegraben und große Pfähle eingerammt, um gleichsam die Landstraße anzudeuten. Ich sah die ersten Gondeln, schmal, lang und pfeilgeschwind, aber sämtlich kohlschwarz angestrichen. Die kleine Kajüte in der Mitte war mit schwarzem Tuch überzogen; pfeilgeschwind glitten sie wie schwimmende Leichenwagen an uns vorüber. Das Wasser war nicht mehr blau wie draußen auf dem freien Meere oder dicht an der Küste Neapels; es war ein schmutziges Grün. Wir kamen an einer Insel vorüber, wo die Häuser aus dem Wasser emporgewachsen oder auf ein Wrack geklebt zu sein schienen. Auf der höchsten Spitze einer Mauer stand die Madonna mit dem Kinde und schaute über diese Wüstenei hinaus. An einzelnen Stellen war die Wasserfläche eine bewegliche grüne Ebene, eine Art Entengrün zwischen dem tiefen Wasser und den schwarzen Inseln von weichem Schlamme. Die Sonne schien hell auf Venezia herab, alle Glocken läuteten, aber es sah doch tot und einsam aus. Nur ein Schiff lag auf den Werften, noch keinen einzigen Menschen hatte ich bis jetzt entdecken können.

Ich stieg in eine schwarze Gondel und fuhr in eine tote Straße hinein, wo alles Wasser war, nicht ein einziger Fußbreit Landes war zu entdecken, auf dem man hätte gehen können. Große Gebäude sah ich, offene Thüren und Treppen bis ins Wasser hinab. In die großen Portale strömte das Wasser, als bildete es dort einen Kanal, und der Hofraum selbst glich nur einem viereckigen Brunnen, in den man zwar hineinsegeln konnte, wo sich aber die Gondel schwerlich umwenden ließ. Das Wasser hatte seinen grünlichen Schleim bis hoch die Mauern hinauf angesetzt; die großen Marmorpaläste schienen zusammenzusinken. Die breiten Fenster waren bis zu dem vergoldeten halbmorschen Gebälk mit rohen Brettern verschlagen. Stückweise schien der stolze Riesenkörper zu verfallen; das Ganze hatte etwas Beängstigendes. Die Glocken schwiegen, und außer dem Plätschern der Ruder im Wasser ließ sich nicht ein einziger Laut vernehmen; noch immer sah ich keinen Menschen, das prächtige Venedig lag wie ein toter Schwan auf den Wellen. Wir bogen in andere Straßen ein, klein und schmal, steinerne Brücken hingen über den Kanälen. Jetzt sah ich Menschen, die über mich fort zwischen den Häusern hinschlüpften oder sich in die Mauern selbst hineindrängten, denn Straßen sah ich nirgends als dort, wo die Gondel entlang glitt. »Aber wo geht man denn?« fragte ich meinen Gondelier und er zeigte bei den Brücken auf die schmalen Durchgänge zwischen den hohen Häusern. Die sich gegenüberwohnenden Nachbarn konnten einander von der sechsten Etage aus über die Straße fort die Hand reichen. Höchstens konnten dort unten, wohin kein Sonnenstrahl den Weg fand, drei Menschen nebeneinander vorübergehen. – Unsere Gondel war vorbei, und alles war wieder totenstill.

»Das ist Venezia, des Meeres reiche Braut, die Weltbeherrscherin!«

Ich sah den prächtigen Markusplatz. »Hier ist Leben!« sagte man. Wie ganz anders in Neapel, ja selbst in Rom auf dem lebhaften Korso! Und doch war der Markusplatz Venedigs Herz, wo sich noch Leben regte. Läden mit Büchern, Perlen und Bildern schmückten die langen Bogengänge, wo es jedoch noch immer nicht lebhaft genug zuging. Eine Gesellschaft Griechen und Türken saß in bunten Kleidern und mit der langen Pfeife im Munde still vor den Kaffeehäusern, die Sonne beleuchtete die goldenen Kuppeln der Markuskirche und die mächtigen Pferde von Bronze über dem Portale. Um Cyperns, Kandias und Moreas rote Masten hingen die Flaggen ohne Bewegung. Tausende von Tauben flatterten über dem Platze umher oder trippelten auf den breiten Steinen.

Ich besuchte die Ponte Rialto, die Pulsader, welche das Leben verriet. Und bald hatte ich Venedigs Bild, das Bild der großen Trauer, den Abdruck meiner eigenen Seele, aufgefaßt und verstanden. Es schien mir, als befände ich mich noch auf der See, nur von einem kleineren auf ein größeres Schiff, auf eine schwimmende Arche versetzt.

Als der Abend kam, als der Mondschein sein unsicheres Licht verbreitete und stärkere Schatten warf, fühlte ich mich hier mehr zu Hause. In der Stunde der Geisterwelt wurde ich erst mit der toten Braut vertraut. Ich stand am offenen Fenster, die schwarze Gondel schoß schnell über das dunkle Wasser hin, welches der Mond beschien. Ich dachte an den Sang des Schiffers von Kuß und Liebe und fühlte eine Bitterkeit gegen Annunziata, die mir den leichtsinnigen Bernardo vorgezogen hatte, und weshalb? Vielleicht gerade des Pikanten wegen, das ihm sein Leichtsinn verlieh. Ja, so sind die Weiber! Ich fühlte sogar Bitterkeit gegen die unschuldige fromme Flaminia; des Klosters Stille und Frieden galt ihr mehr, als meine starke brüderliche Liebe. – Nein, nein, ich liebte keine von ihnen mehr; eine eigentümliche Leere erfüllte meine Brust; alles, was ich sonst lieb gehabt hatte, wollte ich aus meiner Seele verbannen. An keine von ihnen wollte ich denken und doch schwebten meine Gedanken unaufhörlich zwischen dem Schönheitsbild Lara und Santa, dieser Tochter der Sünde. Ich stieg in eine Gondel und ließ mich an dem stillen Abende durch die Straßen fahren. Die Ruderer stimmten ihren Wechselgesang an, der nicht dem Gerusalemme liberata, entnommen war. Selbst ihres Herzens alte Melodien vergaßen die Venetianer, als ihre Dogen ausstarben und fremde Hände die Flügel des vor ihren Triumphwagen gespannten Löwen banden. »Das Leben will ich ergreifen, es bis auf den letzten Tropfen genießen!« sagte ich, und die Gondel lag still – wir hielten vor dem Hotel, in welchem ich wohnte, ich stieg aus und legte mich schlafen. Das war der erste Tag in Venedig.

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