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Gutenberg > Hans Christian Andersen >

Der Improvisator

Hans Christian Andersen: Der Improvisator - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleDer Improvisator
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080616
projectid89fc53d7
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Die Heimreise.

Francesca und Fabiani blieben noch zwei Tage auf Capri, damit wir die Rückreise nach Neapel gemeinschaftlich machen konnten. – War ich vorher mehrere Male durch ihre Rede, durch ihre Art und Weise mich zu behandeln verletzt worden, so umgaben sie mich jetzt mit so vieler Sorge und Liebe, daß ich mich von ganzem Herzen an sie anschloß. »Du mußt uns nach Rom begleiten,« sagten sie, »es ist das Vernünftigste und Beste.« Meine seltsame Errettung, der wunderbare Anblick in der Höhle wirkten auf mein exaltiertes Gemüt ein, ich fühlte mich so völlig in der Hand des unsichtbaren Lenkers, der alles liebevoll zum besten lenkt, daß ich jetzt alles Zufällige als eine Leitung auffaßte und mich voll Resignation in mein Schicksal ergab; und als mir Francesca freundlich die Hand drückte und mich fragte, ob ich Lust hätte, mit Bernardo in Neapel zu leben, versicherte ich, daß ich nach Rom wollte, nach Rom müßte.

»Wir hatten viel Thränen um dich geweint, Antonio!« sagte Francesca und drückte mir die Hand, »du bist unser gutes Kind! Die Madonna hat ihre Hand schirmend über dich gehalten.«

»Eccellenza soll erfahren, daß der Antonio, über den er böse war, im Mittelländischen Meere ertrunken ist,« sagte Fabiani, »und daß wir den alten vortrefflichen Antonio mit nach Hause bringen.«

»Der arme Gennaro!« seufzte da Francesca, »er hatte ein edles Herz, war Leben und Geist! In allem war er ein Muster!«

Der Arzt saß mehrere Stunden bei mir; er war eigentlich von Neapel und nur besuchsweise auf Capri. Am dritten Tage fuhr er mit uns zurück; ich wäre nun vollkommen wohl, behauptete er. Körperlich konnte es vielleicht sein, in psychischer Beziehung aber gewiß nicht. Ich hatte in das Reich des Todes hineingeschaut, hatte den Kuß des Todesengels auf meiner Stirn gefühlt, die Mimose der Jugendlichkeit hatte ihre Blätter zusammengerollt. Als wir in das Boot stiegen, in welches uns der Arzt folgte, und ich das klare durchsichtige tiefe Wasser sah, erschütterten die Erinnerungen an die Begebenheiten der letzten Tage meine Seele auf das heftigste. Ich dachte daran, wie nahe ich dem Tode gewesen war, dachte an meine wunderbare Rettung. Die Sonne schien so warm auf das herrliche blaue Meer! Ich fühlte, das Leben ist doch schön und Thränen traten mir in die Augen. Alle drei beschäftigten sich nur mit mir, ja Francesca selbst sprach von meinem schönen Talent, nannte mich Dichter, und als der Arzt hörte, daß ich es war, welcher improvisiert hatte, erzählte er, welches Glück ich bei allen seinen Freunden gemacht hätte, wie entzückt man gewesen wäre. Der Wind war vortrefflich, und anstatt nach Sorrento zu steuern, wie zuerst bestimmt war, und von dort auf dem Landwege nach Neapel zu reisen, fuhren wir direkt nach dieser Stadt.

In meiner Wohnung fand ich drei Briefe, darunter einen von Federigo. Er war gestern nach Ischia gereist und kam erst in drei Tagen zurück. Es betrübte mich, daß ich auch ihm nicht Lebewohl zu sagen vermochte, denn unsere Abreise war auf den nächsten Mittag festgesetzt. Der zweite Brief war, wie mir der Camerieri sagte, den Tag nach meiner Abreise angekommen; ich las: »Ein treues Herz, welches es ehrlich und gut mit Ihnen meint, erwartet Sie gegen Abend.« Haus und Hausnummer waren angegeben, aber kein Name, nur: »Ihre alte Freundin,« Der dritte Brief war von derselben Handschrift und lautete: »Kommen Sie, Antonio! Der Schreck in dem letzten unglücklichen Augenblicke, wo wir beisammen waren, ist jetzt gewiß überstanden, – Kommen Sie bald! Betrachten Sie es als ein Mißverständnis. – Alles kann noch gut werden, nur zögern Sie keinen Augenblick zu kommen!« Darauf folgte dieselbe Unterschrift. Daß er von Santa herrührte, ließ sich deutlich erkennen, obschon sie ein anderes Haus als das ihrige zur Zusammenkunft gewählt hatte. Ich wollte sie nicht mehr sehen und teilte ihrem Manne deshalb in einigen hastigen Worten mit, daß ich Neapel verließe. Die Schnelligkeit, in der sich dieser Entschluß bei mir gebildet hätte, verböte mir, mich noch persönlich zu verabschieden. Ich dankte ihm für seine und der Signora Artigkeit, die sie mir stets bewiesen, und bat sie meiner nicht ganz zu vergessen. An Federigo schrieb ich ebenfalls einen kleinen Zettel und versprach ihm einen ausführlichen Brief von Rom, denn ich wäre jetzt nicht in der Verfassung zu schreiben. – Nirgends ging ich hin, ich wollte nicht mit Bernardo zusammentreffen, wollte keinen meiner neuen Freunde sehen; der Arzt war der einzige, welchen ich besuchte! ich fuhr mit Fabiani zu ihm. Es war ein gemütliches freundliches Heim; seine älteste Schwester, eine alte Jungfer, hielt ihm Haus. Etwas höchst Liebenswürdiges, etwas Offenes und Ehrliches lag in ihrem ganzen Wesen, das mir ungemein gefiel. Ich mußte an die alte Domenica denken, nur daß des Arztes Schwester gebildet war, Talente und höhere Vollkommenheiten besaß.

Am nächsten Morgen, dem letzten, wo ich in Neapel weilte, hing mein Blick mit Wehmut an dem Vesuv, den ich jetzt zum letztenmal sah. Dichte Wolken verhüllten den Gipfel desselben, er schien mir kein Lebewohl zurufen zu wollen. – Das Meer war vollkommen still, ich dachte an mein Traumbild, an Lara in der strahlenden Grotte. Bald sollte alles, mein ganzer Aufenthalt hier in Neapel, einem Traume gleichen.

Ich ergriff die Zeitung diario di Napoli, welche der Camerieri gebracht hatte, mein Name stand darin: eine Kritik über mein erstes Auftreten. Begierig las ich sie: meine reiche Phantasie, meine schönen Verse wurden besonders hervorgehoben, ich schiene der Pangettischen Schule anzugehören und meinen Meister nur ein wenig zu stark studiert zu haben. Ich kannte ihn gar nicht; so viel stand unumstößlich fest, daß ich kein Vorbild hatte. Die Natur und mein eignes Gefühl waren meine einzigen Führer gewesen. Aber die meisten Recensenten sind so wenig original, daß sie glauben, alle, welche sie beurteilen, seien ebenfalls Kopien. Das Publikum hatte mir einen größeren Beifall zugejubelt als dieser, obgleich er sagte: Mit der Zeit würde ich ein Meister werden, schon jetzt wäre ich ein ungewöhnliches Talent, reich an Phantasie, Gefühl und Begeisterung. Ich verwahrte das Blatt, es sollte mir einmal als ein Zeichen dafür dienen, daß doch nicht alles, was ich hier erlebt hatte, ein Traum wäre. – Ich hatte Neapel gesehen, mich darin umhergetummelt, viel gewonnen, viel verloren. – War Fulvias glänzende Weissagung schon zu Ende?

Wir verließen Neapel; die hohen Weingärten entzogen es unsern Blicken. Vier Tage ging es heimwärts, nach Rom, vier Tage gebrauchten wir, um denselben Weg zurückzulegen, welchen ich vor zwei Monaten mit Federigo und Santa gereist war. Ich sah wieder Mola di Gaeta mit seinen Orangenhainen, jetzt dufteten die Bäume in voller Blütenpracht. Ich trat in den Gang, wo Santa gesessen und die Abenteuer meines Lebens mit angehört hatte. Wie viele große Begebenheiten hatten sich nicht seit der kurzen Zeit daran geknüpft! Wir fuhren durch das enge Itri und ich dachte an Federigo. An der Grenze, wo die Pässe untersucht wurden, standen noch die Ziegen in der großen Felsenhöhle, die er abgezeichnet hatte; den kleinen Knaben sah ich nicht.

Die Nacht brachten wir in Terracina zu; die Morgenluft war unendlich klar, ich sagte dem Meere Lebewohl, welches mich in seine Arme gedrückt, in den schönsten Traum gelullt und mir das Schönheitsbild Lara gezeigt hatte. In weiter Ferne sah ich an dem ätherklaren Horizont noch immer den Vesuv mit seiner hellblauen Rauchsäule; das Ganze war wie mit Duft auf das flimmernde Firmament hingehaucht. »Lebe wohl, lebe wohl, heim nach Rom, dort steht mein Grab!« seufzte ich. Ich grüßte die Berge, wo ich mit Fulvia gewandert, ich sah Genzano wieder, fuhr über den Platz, wo meine Mutter getötet war, wo ich als Kind mein Alles in dieser Welt verloren hatte. Jetzt kam ich als ein vornehmer Herr, die Bettler nannten mich Eccellenza, ich überschaute die Straße; war ich letzt wohl glücklicher als damals? – Wir kamen durch Albano, die Campagna lag vor uns, das Grab des Askanius mit dem dichten Epheu am Wege, die Grabkammern, die lange Wasserleitung und Rom mit der Peterskuppel.

»Ein munteres Gesicht, Antonio!« sagte Fabiani, als wir zur Porta San Giovanni hineinrollten. Die Laterankirche, der hohe Obelisk, das Kolosseum und der Trajanplatz, alles sagte mir, daß ich zu Hause war. Wie ein nächtlicher Traum und doch wie ein Jahr meines Lebens lagen die Begebenheiten der letzten Zeit vor mir. – Wie still und tot es hier gegen Neapel war, der lange Korso war keine Toledostraße. Ich sah wieder die bekannten Gesichter rings umher; Habbas Dahdah trippelte an uns vorüber und grüßte uns, als er den Wagen erkannte. An der Ecke der Via Condotti saß Peppo mit seinen Holzklötzen an den Händen.

»Nun sind wir zu Hause,« sagte Francesca.

»Ja, zu Hause!« wiederholte ich, und tausend Gefühle bewegten sich in meiner Brust. In wenigen Augenblicken sollte ich vor Eccellenza stehen, ich graute vor der Begegnung mit ihm und doch schien es mir, als ob die Pferde nicht schnell genug vorwärts flögen.

Wir hielten vor dem Palazzo Borghese.

Zwei kleine Zimmer in der obersten Etage wurden mir angewiesen; noch hatte ich Eccellenza nicht gesehen. Wir wurden zu Tische gerufen. Ich verneigte mich tief vor ihm.

»Antonio muß selbstverständlich zwischen mir und Francesca sitzen!« waren die ersten Worte, die ich von ihm hörte. Das Gespräch bewegte sich leicht und natürlich, jeden Augenblick erwartete ich, daß mich eine bittere Bemerkung treffen sollte, aber nicht ein einziges Wort kam zum Vorschein, nicht eine einzige Andeutung darauf, daß ich fortgewesen war, oder daß Eccellenza mir gezürnt hatte, wie sein Brief zu erkennen gab. Diese Milde rührte mich, doppelt schätzte ich all die Liebe, welche mich umgab, und doch kamen Stunden, in denen mein Stolz sich darüber verletzt fühlte, daß man mich nicht ausgescholten hatte.

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