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Der Improvisator

Hans Christian Andersen: Der Improvisator - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleDer Improvisator
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080616
projectid89fc53d7
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Die Reise nach Pästum. Die griechischen Tempel. Das blinde Mädchen.

Italiens Schönheit findet sich nicht in der Campagna und Rom, ich kannte sie nur von der Wanderung am Nemisee und durch das, was ich auf meiner Reise nach Neapel gesehen hatte. Doppelt mußte ich deshalb, ja fast noch mehr als der Fremde, der anderer Länder Schönheit kennt und folglich einen Vergleich anstellen kann, hier von der reichen Schönheit ergriffen werden. Wie eine Feenwelt, die ich im Traume gesehen, ja in der ich gelebt habe, liegt der Ausflug dieser Tage vor mir. Aber wie soll ich dieses Bild wiedergeben, welches meine Seele in sich aufnahm und das ich gleichsam in mein Blut übergehen ließ?

Naturschönheiten lassen sich durch eine bloße Erzählung niemals wiedergeben. Die Worte folgen ja, wie lose Mosaikstücke, hintereinander, das ganze Bild wird stückweise zusammengesetzt, man wird nicht, wie in der Natur, von dem großen Ganzen ergriffen, und immer bleibt es mangelhaft und unvollkommen. Man giebt die einzelnen Teile und läßt den Fremden sich das Bild selbst zusammensetzen; könnte man aber bei einer größeren Anzahl von Personen sehen, was für ein Bild sie sich nach ihrer Auffassung daraus gemacht haben, wie große Verschiedenheiten würden sich zeigen. Es geht mit der Natur, wie mit einem schönen Antlitz; durch Aufzählung der Einzelheiten bei beiden wird der Gesamteindruck doch nicht begreiflich; man muß einen bekannten Gegenstand zu Hilfe nehmen, und nur, wenn man mit mathematischer Gewißheit sagen kann: sie ähneln einander bis auf diese oder jene Einzelheit, entsteht ein einigermaßen befriedigender Begriff. Gäbe man mir eine Improvisation über Hesperiens Schönheit auf, so würde ich mit Zügen der Wahrheit schildern, was hier mein Auge mit berauschender Lust erschaute, und du, der du Süditalien niemals sähest, würde deine Phantasie auch jede Schönheit noch zu erhöhen suchen, sie wäre doch zu schwach, sich der Wirklichkeit zu nähern! Die Phantasiegemälde der Natur übersteigen die Phantasie des Menschen.

Herrlich war der Morgen, an dem wir von Castellamare abfuhren. Ich sehe noch den rauchenden Vesuv, das schöne Bergthal mit den wahren Weinwäldern, wo die saftigen grünen Ranken von Baum zu Baum hingen, die weißen Bergschlösser auf den grünen Felsenwänden oder halb in grünen Olivenhainen versteckt. Ich sehe den alten Tempel der Vesta mit seinen Marmorsäulen und seiner Kuppel, jetzt eine der Madonna Santa Maria Maggiore geweihte Kirche. Ein Stück der Mauer war eingestürzt, Totenköpfe und Gebeine schlossen die Oeffnung, aber die grünen Weinreben wuchsen wild über sie fort und schienen mit ihren frischen Blättern die Macht und Gewalt des Todes verbergen zu wollen.

Ich sehe noch die wilde Gebirgsformation, die einsamen Türme, auf denen Netze zum Fange ganzer Scharen von Seevögeln ausgespannt waren. Tief unter uns lag Salerno an dem dunkelblauen Meere, und wir trafen einen Zug, der mir das Bild mit doppelter Genauigkeit einprägte. Zwei weiße Ochsen mit ellenlangen Hörnern zogen einen Wagen, auf welchem vier gefesselte Räuber mit wahrhaft dämonischen Blicken und häßlichem Hohngelächter lagen. Schwarzäugige, schöngestaltete Kalabresen ritten, mit dem Gewehr über der Schulter, zur Seite.

Salerno, die gelehrte Stadt des Mittelalters, war das Ziel unserer ersten Tagesreise.

»Die Folianten vergilben,« rief Gennaro, »Salernos gelehrter Glanz ist erblichen, aber das Buch der Natur erhält jedes Jahr eine neue Auflage; und unser Antonio denkt, wie ich, aus ihm kann man mehr lernen als aus all dem gelehrten Staub.«

»Wir müssen aus beiden lernen!« erwiderte ich, »Wein und Brot gehören zusammen.«

Francesca fand, ich spräche vernünftig.

»Am Reden fehlt's nicht,« sagte Fabiani, »aber am Handeln. Nun sollst du beweisen, daß du dich auch darauf verstehst, Antonio, sobald du nach Rom kommst.«

Nach Rom? Ich nach Rom? Dieser Gedanke war mir nie in den Sinn gekommen, meine Lippen schwiegen, aber mein Bewußtsein sagte mir, ich könnte, ich dürfte jetzt Rom nicht wiedersehen, dürfte in die alten Verhältnisse nicht wieder eintreten.

Fabiani führte das Gespräch weiter, die andern plauderten mit ihm, und wir waren in Salerno. Unser erster Besuch galt der Kirche.

»Hier kann ich Cicerone sein,« sagte Gennaro, »Dies ist die Kapelle Gregors des Siebenten, des heiligen Vaters, welcher in Salerno starb. Sein Marmorbild steht dort vor uns auf dem Altare! Hier liegt Alexander der Große,« fuhr er fort und zeigte auf einen großen Sarkophag.

»Alexander der Große?« wiederholte Fabiani fragend.

»Ja gewiß! Ist es nicht so?« fragte er den Kirchendiener.

»Wie Eccellenza sagen!« versetzte dieser.

»Das ist ein Irrtum!« rief ich, indem ich mir das Monument genauer betrachtete. »Alexander ist ja hier nicht begraben, das streitet wider alle Geschichte! Sehen Sie nur, auf dem Sarkophage ist Alexanders Triumphzug abgebildet! Davon wird sich der Name wohl herschreiben.«

Gleich beim Eintritte in die Kirche hatte man uns einen ähnlichen Sarkophag gezeigt, auf dem des Bacchus Triumphzug dargestellt war. Man hatte ihn aus den Tempeln in Pästum geholt und jetzt diente er zur Grabstätte eines salernitanischen Prinzen, dessen modernes Marmorbild in natürlicher Größe auf demselben angebracht war. Daran hielt ich mich und meinte, dasselbe Verhältnis würde auch wohl bei diesem sogenannten Grabe Alexanders stattfinden. Ueber meinen Scharfsinn sehr entzückt, wurde ich förmlich beredt, allein Gennaro antwortete nur ein kaltes »Vielleicht« und Francesca flüsterte mir ins Ohr, es wäre unpassend, daß ich klüger als er sein wollte, ich wüßte es ja doch nicht. – Schweigend und ehrerbietig trat ich zurück.

Beim Ave Maria saß ich allein mit Francesca auf dem großen Altane des Hotels. Fabiani und Gennaro promenierten, und ich sollte meine gnädige Frau unterhalten.

»Was für ein herrliches Farbenspiel!« sagte ich und zeigte auf das Meer, welches sich milchweiß von der mit breiten Lavafliesen gepflasterten Straße bis zu dem rosenrot glänzenden Horizonte ausdehnte; indigoblau schimmerte die Küste. Diese Farbenpracht hatte ich in Rom nicht gekannt.

»Die Wolke hat schon felicissima notte gesagt!« rief Francesca und zeigte nach dem Berge, um den sich hoch über den Villen und Olivenhainen, und doch tief unter der alten Burg, die sich mit ihren zwei Türmen dem Gipfel näherte, eine Wolke gelagert hatte.

»Dort möchte ich wohnen und leben!« sagte ich; »hoch über der Wolke, möchte hinaussehen über das ewig wechselnde Meer!«

»Dort könntest du improvisieren,« entgegnete sie lächelnd, »aber niemand würde dich hören, und das wäre doch ein großes Unglück, Antonio!«

»Ja freilich!« erwiderte ich ebenfalls im Scherz, »soll ich aufrichtig sein? Der Beifall ist dem Dichter, was der Sonnenschein dem Baume. Der Mangel desselben hat im Gefängnisse ebenso sehr an Tassos Lebensblüte genagt wie sein Liebesunglück.«

»Lieber Freund!« unterbrach sie mich etwas ernst, »soeben sprach ich von dir und nicht von Tasso. Was hat er hier zu thun?«

»Es war ein Beispiel,« versetzte ich, »Tasso war ein Dichter und – –«

»Du glaubst es nun auch zu sein! Lieber Antonio, um des Himmels willen, nenne doch nie einen unsterblichen Namen, wenn von deinem die Rede ist! Glaube doch nur nicht, du seist ein Dichter, ein Improvisator, weil du ein leicht bewegliches Gemüt hast und diese verstehen kannst. Das können Tausende ebenso gut wie du! Mache dich damit nicht selbst unglücklich!«

»Aber Tausende haben mir doch neulich Beifall gespendet!« erwiderte ich und meine Wangen brannten; »da ist es doch wohl natürlich, daß ich diesen Gedanken, ja die volle Ueberzeugung hegen muß; und ich weiß, Sie freuen sich über mein Glück, über das Gute, das in mir wohnt.«

»Niemand von allen deinen Freunden freut sich mehr darüber als ich! Wir schätzen alle dein vortreffliches Herz, deinen edlen Charakter; um derentwillen wird Eccellenza dir auch verzeihen, das getraue ich mir dir zu versprechen! Du hast herrliche Anlagen, die entwickelt werden können, aber das müssen sie auch wirklich, Antonio! Von sich selbst kommt nichts. Arbeiten muß man. Dein Talent ist ein hübsches Gesellschaftstalent, viele Freunde kannst du damit erfreuen, aber für die Oeffentlichkeit ist es nicht groß genug.«

»Allein,« wagte ich zu sagen, »Gennaro, welcher mich nicht kannte, war ja doch über mein erstes Auftreten entzückt.«

»Gennaro!« wiederholte sie, »mit aller Achtung vor ihm, messe ich doch seinem kunstrichterlichen Urteile keinen hohen Wert bei. Und nun erst das Urteil des großen Publikums? Ja in dem Kapitel ist das Ohr eines Künstlers oft sehr verschieden von dem aller anderer Leute. Gut ist es, daß du nicht ausgepfiffen wurdest, das würde mich aufrichtig betrübt haben. Nun ist es recht still abgegangen und bald wird alles, sowohl du wie deine Improvisation, vergessen sein. Du hattest ja überdies einen fremden Namen. In drei Tagen sind wir wieder in Neapel und den folgenden Tag geht es nach Rom. Betrachte dann alles wie einen Traum, es war ja auch im Grunde genommen nichts anderes, und beweise uns durch Fleiß und Ausdauer, daß du wieder erwacht bist! Sage nicht ein einziges Wort! Ich meine es gut mit dir, ich bin die einzige, welche dir die Wahrheit sagt.« Sie reichte mir die Hand, ich durfte sie küssen.

Am nächsten Morgen sollten wir schon beim ersten Tagesgrauen aufbrechen, um rechtzeitig Pästum erreichen und nach einigen Stunden Aufenthalt wieder nach Salerno zurückkehren zu können, denn man kann in Pästum nicht übernachten und der Weg dorthin ist unsicher. Reitende Gendarmen folgten uns als Eskorte.

Orangenhaine, Wälder könnte man fast sagen, lagen auf beiden Seiten des Weges. Wir passierten den Fluß Sela, in dessen klarem Wasser sich Trauerweiden und Lorbeerbäume spiegelten. Innerhalb des wilden Gebirges lag ein üppiges Kornland. Aloe und Kaktus wuchs wild am Wege, alles war Ueppigkeit und Ergiebigkeit, und nun sahen wir die im reinsten schönsten Stile erbauten, über zweitausend Jahre alten Tempel vor uns. Diese, eine elende Schenke, drei ärmliche Häuser und einige Rohrhütten bildeten das ganze berühmte Dorf. Nicht einen einzigen Rosenstrauch sahen wir, und doch gab einst die Menge und Fülle seiner Rosen Pästum seine Berühmtheit; damals lag ein Purpurschein über diesen Fluren, jetzt waren sie blau, unendlich blau wie die in weiter Ferne sich erhebende Bergkette. Veilchen bedeckten die große Ebene, schossen zwischen Disteln und Sträuchern auf. Eine von Fruchtbarkeit strotzende und schwellende Wildnis breitete sich ringsumher aus. Aloe, wilde Feigen und das rote pyrethrum indicum, schlangen sich umeinander.

Hier hat man Siziliens Natur, dessen Fülle und Wildheit, dessen griechische Tempel und Armut. Ganze Scharen von Bettlern standen um uns her, die Wilden von den Inseln der Südsee glichen. Männer in langen Schafpelzen, die Wolle nach außen gekehrt, mit nackten schwarzbraunen Beinen und mit lose um das bräunliche Gesicht flatterndem langem Haare; Mädchen mit den herrlichsten Formen, halbnackt, der kurze zerrissene Rock bis über die Kniee aufgeschlitzt, eine Art Mantel von schmutzig braunem Zeuge lose um die nackten Schultern und ins lange schwarze Haar in einen Knoten gebunden. Die Augen strahlten Flammen.

Ein junges Mädchen befand sich darunter, schwerlich älter als elf Jahr, liebreizend wie die Schönheitsgöttin, obgleich es Annunziata nicht ähnelte, und ebensowenig Santa. Ich mußte an die mediceische Venus denken, von der Annunziata mir erzählt hatte. Ich konnte nicht lieben, aber bewundern, mich tief vor den Schönheiten beugen.

Die Kleine stand in einiger Entfernung von den andern Bettlern. Ein braunes viereckiges Stück Zeug hing lose über die eine Schulter hinab, die andere, Brust und Arme, waren wie die Füße völlig entblößt. Daß sie auch Geschmack besaß und sich zu putzen verstand, bezeugte das glatt aufgebundene Haar, welches mit einem Veilchenstrauß, der auf die schöne Stirn hinabhing, geschmückt war. Schamhaftigkeit, Geist und ein eigentümlich tiefer Schmerz leuchtete aus ihrem Antlitz hervor. Ihr Auge war niedergeschlagen, als suchte sie etwas auf der Erde.

Gennaro gewahrte sie zuerst, und obgleich sie kein Wort gesagt hatte, reichte er ihr seine Gabe, faßte sie unter das Kinn und sagte, daß sie im Verhältnis zu der übrigen Gesellschaft zu hübsch wäre. Francesca und Fabiani teilten seine Meinung. Ich sah, wie eine feine Röte unter ihrer braunen Haut hervorschimmerte, sie hob ihren Blick, und ich bemerkte, daß sie blind war.

Gern hätte ich ihr ebenfalls Geld gegeben, allein ich wagte es nicht. Als die andern, von den Bettlern verfolgt, in das Wirtshaus hineingingen, kehrte ich schnell um und drückte ihr einen Scudo in die Hand. Durch ihr ausgebildetes Gefühl und ihren Tastsinn schien sie den Wert desselben zu erkennen; ihre Wangen brannten, sie beugte sich hinab. Die frischen Lippen der Gesundheit, der Schönheit berührten meine Hand, es ging mir durch das Blut, ich riß mich los und folgte den andern.

Ein ungeheurer Reisighaufen brannte auf dem Herde, der beinahe die ganze Breite des Zimmers einnahm. Der Rauch wirbelte unter der rußigen Decke in förmlichen Wolken und suchte sich einen Ausweg; wir mußten uns ins Freie flüchten. Unter den hohen schattigen Trauerweiden wurde, während wir nach den Tempeln gingen, unser Frühstück bereitet. Wir mußten über eine wahre Wildnis, Fabiani und Gennaro reichten einander die Hände und bildeten auf diese Weise einen Tragsessel für Francesca.

»Eine fürchterliche Promenade!« rief sie lächelnd.

»O Eccellenza!« sagte der eine unserer Führer, »jetzt ist es hier prächtig, aber noch vor drei Jahren stand hier alles dicht voller Dornbüsche und in meiner Jugend lag bis hoch um die Säulen Sand und Erde.«

Die Menge bejahte seine Rede, und wir wanderten vorwärts, von der ganzen Bettlerschar begleitet, die uns schweigend anstarrte. Traf unser Blick einen der Bettler, so streckte sich sofort seine Hand mechanisch zum Betteln aus, und ein miserabile klang von seinen Lippen. Das blinde schöne Mädchen sah ich nicht, es saß jetzt wohl allein am Wege. Wir kletterten über die Trümmer eines Theaters und eines Friedenstempels.

»Frieden und Theater!« rief Gennaro, »wie konnten sich auch diese zwei so nahe bei einander halten!«

Der Neptunstempel lag vor uns. Dieser, die sogenannte Basilika und ein Cerestempel sind die herrlichen stolzen Reste, die gleich Pompeji in unserem Zeitalter wieder aus Vergessenheit und Nacht emporgestiegen sind. Jahrhunderte lang lagen sie unter Trümmern und in einer Wildnis verborgen, bis ein fremder Maler, der seinen Studien nachging, nach dieser Stelle kam und die Spitzen der Säulen entdeckte. Ihre Schönheit fesselte ihn, er skizzierte sie, sie wurden bekannt, die Trümmer fortgeräumt, das Strauchwerk ausgerodet, und wie gestern erbaut stehen jetzt die großen offnen Hallen da. Die Säulen sind von gelbem Travertiner, wilder Wein schlingt sich um sie, Feigenbäume ranken sich über den Boden, und aus Rissen und Sprüngen sprossen Veilchen und die dunkelrote Levkoje hervor.

Wir saßen auf dem Piedestal einer abgebrochenen Säule, Gennaro hatte die Bettler fortgetrieben, still genossen wir die reiche Natur um uns her. Die blauen Berge, das nahe Meer, die Stelle selbst, auf der wir uns befanden, ergriffen mich eigentümlich. »Wirst du jetzt vor uns improvisieren?« hatte Fabiani gefragt und Francesca mir denselben Wunsch zugenickt. Ich lehnte mich an die nächste Säule und besang nach einer der Melodien meiner Kindheit, was das Auge sah: die Schönheit der Natur, die herrlichen Denkmäler der Kunst, ich gedachte des armen blinden Mädchens, dem alle diese Herrlichkeit verschlossen war. Es wäre doppelt arm, doppelt verlassen. Thränen traten mir in die Augen, Gennaro klatschte Beifall und Fabiani und Francesca räumten ein: »Gefühl hat er!«

Sie stiegen die Tempelstufen hinab, langsam folgte ich hinter ihnen her. Hinter der Säule, an welcher ich gestanden hatte, saß oder lag vielmehr unter den duftenden Myrtensträuchern eine Gestalt mit dem Kopfe im Schoße und die Hände fest über den Nacken gepreßt; es war das blinde Mädchen.

Die Kleine hatte meinen Gesang gehört, mich ihre Sehnsucht und ihre Entbehrungen singen hören; das schnitt mir in die Seele. Ich neigte mich über sie, sie hörte die Blätter rauschen, erhob ihr Haupt, und mir kam es vor, daß sie bleicher aussah. Ich wagte nicht mich zu bewegen, sie lauschte.

»Angelo!« rief sie halblaut.

Ich weiß nicht weshalb, aber ich hielt meinen Atem zurück. Einen Augenblick saß sie schweigend da, es war Griechenlands Schönheitsgöttin, mit dem Auge ohne Sehkraft, welche trotzdem tief in die Seele hineinblickte, gerade so wie Annunziata sie geschildert hatte. Sie saß auf des Tempels Fußgestelle zwischen den wilden Feigen und den duftenden Myrtensträuchern; sie drückte einen Gegenstand an ihre Lippen und lächelte. Es war der Scudo, welchen sie von mir empfangen hatte. Bei diesem Anblicke wurde ich ganz warm, neigte mich unwillkürlich tiefer – mein Kuß brannte auf ihrer Stirne.

Sie stieß einen Schrei aus, einen durchdringenden Schrei, der mir Todesschrecken in die Seele jagte. Wie die erschreckte Hindin sprang sie auf und war verschwunden; ich sah nichts mehr, alles schien sich um mich zu drehen; über Dornbüsche und Sträucher flog ich dahin.

»Antonio, Antonio!« hörte ich Fabiani in weiter Ferne rufen, und ich faßte mich wieder, »Läufst du hinter Hasen her?« fragte er, »oder soll das den poetischen Flug vorstellen?«

»Er will uns zeigen, daß er da zu fliegen vermag, wo wir nur schrittweise vorwärts kommen,« sagte Gennaro, »jedoch ich meinerseits traue mir zu, denselben Flug wagen zu können.« Er stellte sich an meine Seite, um den Wettlauf zu beginnen.

»Glaubt ihr etwa, daß ich mit meiner Signora am Arme mit euch Schritt halten kann?« äußerte Fabiani; Gennaro unterbrach sofort seinen Lauf.

Als wir nach dem Wirtshause kamen, suchte mein Auge vergebens das blinde Mädchen, beständig tönte der Schrei desselben mir vor den Ohren, ich hörte mein eignes Herz dabei. – Mir war, als hätte ich eine Sünde begangen. Erst hatte ich, um das, was es verlor, zu veranschaulichen, den Kummer und Schmerz in der Brust desselben besungen, dann hatte ich ihm Schrecken und Angst in die Seele gejagt, ihm einen Kuß auf die Stirne gedrückt, den ersten, den ich bisher einem Weibe gegeben hatte. Hätte mich dasselbe angesehen, dann würde ich es nicht gewagt haben, sein Unglück, seine Schutzlosigkeit gaben mir Mut dazu – und ich beurteilte Bernardo so streng! Ich war ein sündiges Menschenkind wie er, wie alle Staubgeborene. Ich hätte vor dem Mädchen niederknieen, hätte es um Verzeihung anflehen können: nirgends war es zu entdecken.

Wir stiegen in den Wagen, um wieder nach Salerno zurückzufahren. Noch einmal sah ich mich nach demselben um, wagte aber nicht mich zu erkundigen, wo es sein könnte. Da rief Gennaro: »Wo ist das blinde Mädchen?«

»Lara?« fragte unser Führer, »sie sitzt gewiß im Neptuntempel! Dort hält sie sich meistenteils auf.«

»Bella divina!« rief Gennaro und warf einen Kußfinger nach der Gegend des Tempels hin. Wir rollten von dannen.

Lara hieß es also. Ich saß mit dem Kutscher Rücken an Rücken, sah, wie die Tempelsäulen sich mehr und mehr entfernten, aber in meinem Herzen tönte des Mädchens Angstschrei, tönte mein eigner Schmerz. An dem Wege hatte sich eine Schar Zigeuner gelagert und im Graben ein großes Feuer angezündet, an dem sie kochten und brieten. Die alte Zigeunermutter schlug das Tamburin und wollte uns prophezeien, wir jagten jedoch vorbei. Zwei schwarzäugige Mädchen verfolgten uns eine weite Strecke. Sie waren schön, und Gennaro hatte über ihren leichten Lauf und ihre brennenden Augen seine Freude, schön und edel wie Lara waren die Mädchen jedoch nicht.

Gegen Abend kamen wir nach Salerno, um am nächsten Morgen nach Amalfi und von dort nach Capri zu gehen.

»Nur einen Tag,« sagte Faliani, »bleiben wir in Neapel, wenn wir jetzt daselbst ankommen. Am Ende der Woche müssen wir wieder in Rom daheim sein. Du kannst deine Angelegenheiten ja wohl schnell ordnen, Antonio?«

Ich konnte, ich wollte nicht nach Rom zurück, aber eine Blödigkeit und eine Furcht, die mir meine Armut und Dankbarkeit während meines ganzen Lebens eingeflößt hatten, bewirkten, daß ich nur hervorzustammeln wagte, Eccellenza würde über meine Dreistigkeit zurückzukommen sehr zornig werden.

»Dafür werden wir schon sorgen!« unterbrach mich Fabiani.

»Verzeihen Sie mir, aber ich kann nicht!« stammelte ich und ergriff Francescas Hand. »Ich fühle tief, wie viel ich Ihnen zu verdanken habe.«

»Nichts davon, Antonio!« erwiderte sie und legte mir ihre Hand auf den Mund. Gleichzeitig wurden Fremde angemeldet, ich stand schweigend in einem Winkel und fühlte, wie schwach ich war. Noch vor zwei Tagen war ich frei und unabhängig wie ein Vogel, und er, der nicht einen Sperling auf die Erde fallen läßt, würde auch für mich gesorgt haben, und doch ließ ich den ersten schwachen Faden, der mir um den Fuß gelegt wurde, zu einem Ankertau wachsen. In Rom hast du wahre Freunde, dachte ich, wahr und aufrichtig, wenn auch nicht so höflich, wie deine neapolitanischen. Ich dachte an Santa, die ich nie mehr sehen wollte, dachte an Bernardo, welchen ich in Neapel ja doch treffen mußte, an Annunziata, welche kommen würde, dachte an sein und ihr Liebesglück –! Nach Rom, nach Rom! dort ist es weit besser!« sagte mein Herz zu mir, während meine Seele nach Freiheit und Unabhängigkeit verlangte.

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