Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Christian Andersen >

Der Improvisator

Hans Christian Andersen: Der Improvisator - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleDer Improvisator
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080616
projectid89fc53d7
Schließen

Navigation:

Eine unerwartete Begegnung. Mein Auftreten in San Carlo.

Es war entschieden, ich wollte als Improvisator auftreten. Tag für Tag fühlte ich mehr Mut dazu; in Marettis Haus und in einzelnen Familien, deren Bekanntschaft ich daselbst gemacht hatte, trug ich durch mein Talent zur Unterhaltung der Gesellschaft bei und erntete das größte Lob und freundliche Aufmunterung, Es war eine Erquickung für meine kranke Seele; ich fühlte eine Glückseligkeit, eine Dankbarkeit gegen die Vorsehung dabei, und niemand, der in meinem Herzen zu lesen verstand, würde das Feuer, welches in meinem Auge brannte, Eitelkeit genannt haben; es war reine, ungeschminkte Freude. Ich hatte ordentlich eine Art Angst bei dem Lobe, welches man mir erteilte, ich fürchtete desselben unwürdig zu sein oder es mir nicht beständig erhalten zu können. Ich fühlte tief und wage es auszusprechen, obwohl es auf mich selbst in so hohem Grabe Anwendung findet: Ruhm und Ermunterung ist für eine edle Seele die beste Schule, wogegen Strenge und unbilliger Tadel sie entweder einschüchtert oder Trotz und Uebermut erweckt; ich habe es aus eigener Erfahrung kennen gelernt. Maretti bewies mir viel Aufmerksamkeit, zeigte um meinetwillen für Dinge Interesse, die ihm sonst fern gelegen hatten, und führte mich zu Personen, deren Bekanntschaft mir auf der von mir erwählten Laufbahn von Nutzen sein konnte. Santa selbst war unendlich sanft und liebenswürdig gegen mich, und doch war es, als ob mich etwas von ihr fern hielte. Stets kam ich mit Federigo, oder wenn ich vermuten konnte, daß die Gesellschaft bereits versammelt war; ich befürchtete, daß sich der letzte Auftritt wiederholen möchte; indes ruhte mein Auge auf ihr, sobald sie es nicht gewahr wurde, und ich mußte sie schön finden. Es ging mir, wie es oft in der Welt geht, man wird aufgezogen, es wird erzählt, daß man eine Person liebe, an die man nie dachte und welche man nie sehr beachtete, allein nun stellt sich das Gelüst ein zu sehen, was denn an ihr sein kann, weshalb gerade sie der Gegenstand unserer Wahl sein sollte. Man wird neugierig, die Neugier verwandelt sich in Interesse, und aus dem Interesse wird, wie man Beispiele hat, Liebe. Bei mir ging es nur bis zur Aufmerksamkeit, zu einer Art sinnlichen Anschauens, welches ich nie zuvor gekannt hatte, aber gerade hierbei entstand ein Herzklopfen, eine Angst, die mich blöde und schüchtern machte und mich von ihr entfernt hielt.

Zwei Monate war ich schon in Neapel gewesen; der nächste Sonntag war zu meinem Auftreten auf dem großen Theater San Carlo bestimmt; man gab die Oper »der Barbier von Sevilla,« und nach derselben sollte ich nach aufgegebenen Thematen improvisieren. Ich nannte mich Cenci, meinen Familiennamen hatte ich doch nicht die Dreistigkeit auf den Theaterzettel zu setzen. Eine wunderbare Sehnsucht nach dem entscheidenden Tage, der meine Ehre gründen sollte, erfüllte meine Seele, aber oft befiel mich auch eine eigentümliche Beängstigung, eine Art Fieberschreck durchschauerte mein Blut, Federigo tröstete mich, das rührte von der Luft her, er und fast alle fühlten etwas Aehnliches, der Vesuv trüge die Schuld, dessen Ausbrüche sich fortwährend steigerten, der Lavastrom wäre schon den Berg hinabgeflossen und nähme seine Richtung nach Torre del Annunziata; am Abend könnten wir die Detonationen im Berge vernehmen. Die Luft wäre voller Asche, dieselbe bildete auf Bäumen und Blumen eine dichte Decke, der Gipfel des Berges stände in schwarzen donnerschwangren Wolken eingehüllt, bei jedem Ausbruche führen bläuliche Blitzstrahlen im Zickzack aus dem Krater hervor. Santa befand sich ebenfalls nicht wohl; »es ist ein Fieber,« sagte sie, und ihr Auge brannte. Sie sah bleich aus und äußerte ihren tiefen Unmut über ihr Unwohlsein, da sie an dem Abende meines Auftretens in San Carlo sein wollte und müßte. »Ja,« sagte sie, »und sollte ich den folgenden Tag das Fieber dreimal so stark haben, ich bleibe doch nicht fort. Für seine Freunde muß man sein Leben wagen, selbst wenn es nicht anerkannt wird.«

Ich tummelte mich bald auf den Promenaden, bald in Vergnügungsgärten und den verschiedenen Theatern; dann trieb mich die Aufregung, in der ich mich befand, wieder in die Kirchen zu den Füßen der Madonna. Ich beichtete jeden sündhaften Gedanken und betete um Mut und Kraft, dem mächtigen Triebe meiner Seele zu folgen. – »Bella ragazza!« flüsterte mir der Versucher ins Ohr, und meine Wangen brannten, indem ich mich losriß. Mein Geist und mein Fleisch rangen um die Herrschaft, ich fühlte eine Uebergangsperiode in meinem ganzen eigentlichen Ich; den Sonntagsabend hielt ich für den Kulminationspunkt.

»Wir müssen einmal das große Spielhaus besuchen!« hatte Federigo mehrmals gesagt. »Ein Dichter muß alles kennen lernen!« Wir waren nicht dagewesen, und ich empfand eine Art Schüchternheit allein hinzugehen. Bernardo hatte doch einigermaßen recht in der Aeußerung, die er einmal gegen mich gethan, daß meine Erziehung bei der guten Domenica und die Klosterzucht der Jesuitenschule meinem Blute ein wenig Ziegenmilch beigemischt hätten; Feigheit hatte er es sogar beleidigend genannt. – Meinem Wesen fehlte es an Bestimmtheit; ich mußte mehr in der Welt leben, wollte ich sie richtig schildern. Diese Gedanken regten sich sehr lebendig in mir, als ich etwas spät am Abend an dem bekannten Spielhaus vorüberging, »Ich gehe hinauf, gerade weil ich Mangel an Mut dazu in mir fühle,« sagte ich bei mir selbst, »Ich brauche ia nicht zu spielen. Federigo und meine andern Freunde werden sagen, daß ich vernünftig gehandelt habe.« Wie schwach man doch sein kann! Mein Herz klopfte, als beginge ich eine Sünde, während meine Vernunft mir sagte, daß gar nichts dabei wäre. Schweizer standen an dem Portal, die Treppe war prächtig erleuchtet, im Vorsaale standen eine Menge Diener, die mir Hut und Stock abnahmen und die Thür öffneten, durch welche ich eine Reihe reich erleuchteter Zimmer überblickte. Es war eine große Gesellschaft, Herren und Damen; ich wollte nicht verlegen erscheinen, durchschritt rasch den ersten Saal, und niemand nahm auch die geringste Notiz von mir. Ringsum saßen sie an großen Spieltischen, Haufen von Goldstücken lagen vor jedem. Eine ältliche Dame, sicher einmal sehr schön, saß mit geschminkten Wangen, reich gekleidet und mit einem sonderbaren Falkenblick auf die Goldhaufen da; fest preßte sich ihre magere Hand um die Karten. Einige junge, sehr schöne Mädchen standen im vertraulichen Gespräche mit mehreren Herren. Alle diese schönen Töchter der Sünde, selbst die Alte mit dem Falkenblicke, hatte einmal Herzen gewonnen, wie sie jetzt nur auf dieser Farbe gewann.

In einem der kleinern Gemächer stand ein Tisch mit roten und grünen Feldern; ich sah, daß man einen oder mehrere Colonati auf eine dieser Farben setzte; die Kugeln rollten, und wenn sie auf der erwählten Farbe liegen blieben, war der doppelte Einsatz gewonnen. Es ging so schnell wie mein Pulsschlag, Gold und Silber rollten beständig über den Tisch. Da griff ich ebenfalls in die Tasche und warf einen Colonati auf den Tisch; er fiel auf die rote Farbe. Der Mann, welcher vor mir stand, sah mich mit einem fragenden Blicke an, ob er liegen bleiben sollte, ich nickte unwillkürlich, die Kugel rollte und verdoppelt war mein Eigentum. Ich wurde darüber ordentlich verlegen, ließ Einsatz und Gewinn stehen, und die Kugeln rollten wieder und wieder. Ich hatte Glück im Spiel, mein Blut kam in Bewegung, es war nur mein Glücksgeld, welches ich wagte. Bald lag ein Silberhaufen vor mir, auch vereinzelte Goldstücke leuchteten daraus hervor. Ich trank ein Glas Wein, denn mein Gaumen brannte. Die ganze Silber- und Geldmasse wuchs, da ich sie nicht teilte, fort und fort. Wieder rollten die Kugeln und kaltblütig strich der Bankhalter den ganzen flimmernden Haufen ein. Mein schöner Goldtraum war vorbei, aber ich war auch erwacht, spielte nicht mehr, hatte nur den eingesetzten Colonati verloren. Damit tröstete ich mich und ging in den nächsten Saal.

Unter den jungen Damen zog eine meine Aufmerksamkeit durch eine wunderbare Aehnlichkeit mit Annunziata auf sich; nur war sie größer und stärker. Unablässig ruhte mein Blick auf ihr, sie bemerkte es und trat an mich heran, fragte, ob wir eine Partie machen wollten und zeigte nach einem der kleineren Spieltische; allein ich entschuldigte mich und ging in das andere Zimmer zurück; sie folgte mir mit ihren Blicken.

Ein Teil der jungen Herren spielte in dem innersten Zimmer Billard; sie hatten, obgleich Damen mitspielten, den Rock abgelegt; ich dachte nicht gleich daran, welche Freiheit in dieser Gesellschaft gestattet war. Vorn an der Thür, den Rücken mir zugewandt, stand ein junger Mann von stattlicher Figur. Er setzte das Queu gegen den Ball und machte einen meisterhaften Stoß, weshalb man ihm lebhaft Beifall zuklatschte, selbst die Dame, welche meine Aufmerksamkeit erregt hatte, nickte freundlich und schien ihm etwas Belustigendes zu sagen. Er wandte sich um und drückte einen Kuß auf ihre Wange. Scherzend schlug sie ihm auf die Schulter, aber mein Herz bebte – es war ja Bernardo. Ich hatte nicht den Mut näher zu treten, doch mußte ich vollkommene Gewißheit erlangen. Ich ging die Wand entlang bis zu einer offenen Thür, die in einen großen halbdunklen Saal führte. Aus diesem wollte ich ihn, ohne selbst gesehen zu werden, genauer betrachten. In dem Saale herrschte Dämmerung; rote und weiße Glaslampen verbreiteten nur ein schwaches Licht; er stellte einen künstlichen Garten dar, Lauben mit blechernen Blättern waren in demselben angebracht und Kübel mit Orangenbäumen zwischen ihnen in hübschen Gruppen aufgestellt. Ausgestopfte Papageien mit bunten Federn schaukelten sich auf den Zweigen, während eine Orgel in gedämpften Tönen leichte einschmeichelnde Melodien, die zu Herzen gingen, spielte. Eine sanfte Kühle wehte von dem Altane her durch die offenen Thüren.

Eben hatte ich einen flüchtigen Blick über das Ganze geworfen, als Bernardo auf mich zu hüpfte. Mechanisch zog ich mich in die nächste Laube zurück, er sah in dieselbe hinein, gerade nach der Richtung wo ich stand, nickte lächelnd, als hätte er einen Bekannten gesehen, und ging in die nächste Laube, warf sich dort auf einen Diwan und trällerte halblaut eine Melodie vor sich her. Tausend Gefühle bewegten meine Brust: Er hier? Ich ihm so nahe? Ich fühlte ein Zittern in meinem ganzen Körper und mußte mich setzen. Die duftenden Blumen, die halbgedämpfte Musik, die Dämmerung, selbst der elastische weiche Diwan, alles bewirkte eine Art Traumwelt, und nur in dieser konnte ich glauben Bernardo zu begegnen. Wie ich so dasaß, tänzelte die junge Dame, die meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte, zur Thüre herein. Sie stand schon in der Laube, in welcher ich mich befand, und Schrecken machte mein Blut sieden, als Bernardo laut zu singen begann. Sie erkannte ihn an der Stimme und war bei ihm, ich hörte einen Kuß, er brannte mir in der Seele.

Ihn, den treulosen leichtsinnigen Bernardo, ihn hatte Annunziata mir vorgezogen! Schon so kurz nach seinem Liebesglücke konnte er sie vergessen, konnte seine Lippen auf diesem, aus Schlamm gebildeten, Schönheitsbilde entweihen. Ich stürzte aus dem Zimmer, aus dem Hause, mein Herz klopfte vor Zorn und Schmerz; erst gegen Morgen vermochte ich wenige Augenblicke zu ruhen.

An dem nun kommenden Abend sollte ich auf dem Theater San Carlo auftreten. Der Gedanke daran so wie das gestrige Abenteuer setzten meine ganze Seele in Bewegung. Aufrichtiger und inbrünstiger hat mein Herz nie zur Madonna und den Heiligen gebetet. Ich ging in die Kirche, ließ mir von dem Priester das heilige Brot, des Erlösers blutigen Körper, reichen, betete, daß mich dasselbe stärken und reinigen möchte, und fühlte dessen wunderbare Kraft in mir. Nur ein Gedanke griff noch störend in die mir so nötige Ruhe ein, der Gedanke, ob Annunziata sich ebenfalls hier befände, ob Bernardo ihr gefolgt wäre. Federigo brachte mir Gewißheit, sie war nicht hier, dagegen war Bernardo nach der Liste über die angekommenen Fremden schon vor vier Tagen angelangt. Santa litt, wie ich wußte, am Fieber, wollte aber trotzdem das Theater besuchen. Die Zettel waren angeschlagen, Federigo erzählte Geschichten und der Vesuv warf stärker als gewöhnlich Feuer und Asche aus. Alles war in Thätigkeit.

Die Oper hatte begonnen, als mich am Abend die Kutsche nach dem Theater holte. Hätte die Parze an meiner Seite gesessen, die Schere erhoben, um meinen Lebensfaden zu trennen, ich glaube, ich hätte gerufen: »Schneide zu!« – »Gott, lenke alles zum besten!« war mein Gebet und mein Gedanke.

Im Foyer fand ich eine Menge Bühnenkünstler und einige Schöngeister, sogar einen Improvisator, einen Professor der französischen Sprache, Santini; Maretti hatte uns schon früher miteinander bekannt gemacht. Die Konversation war leicht, sie scherzten und lachten. Die im Barbier auftretenden Sänger kamen und gingen, als handelte es sich um ein geselliges Tanzvergnügen; die Bühne war ihre gewohnte Heimat.

»Wir werden Ihnen ein Thema aufgeben,« sagte Santini, »o, eine harte Nuß, aber es geht schon. Ich entsinne mich, wie ich bebte, als ich zum erstenmal heraus mußte, aber es ging, ich hatte meine Pfiffe, kleine unschuldige Kunstgriffe, wie sie die Vernunft an die Hand giebt. Gewisse kleine Stücke von Liebe, vom Altertum, von Italiens Schönheit, Kunst und Poesie, die man anzubringen weiß, und außerdem ein paar stehende Gedichte auswendig zu wissen, darauf muß man sich verstehen.«

Ich versicherte, daß ich auf dergleichen durchaus nicht vorbereitet wäre.

»Ja, ja, das sagt man so,« erwiderte er lächelnd; »aber gut, gut! Sie sind ein vernünftiger junger Mann, es wird Ihnen glänzend gelingen.«

Das Stück war zu Ende, ich stand allein auf der leeren Bühne. »Das Schafott ist errichtet!« sagte der Regisseur lächelnd und gab dem Maschinisten das Zeichen. Der Vorhang ging in die Höhe.

Ich sah nur einen schwarzen Abgrund, konnte nur die vordersten Köpfe am Orchester und in den ersten Logen des hohen Gebäudes unterscheiden; eine dicke warme Luft wogte mir entgegen. Ich fühlte eine Fassung, die mich selbst in Erstaunen setzte. Wohl war meine Seele erregt, allein sie war, wie sie sein mußte, für jeden Gedanken leicht empfänglich. Wie die Luft am klarsten ist, wenn im Winter eine scharfe Kälte sie durchdringt, so empfand ich zugleich Spannung und Klarheit, Alle meine geistigen Fähigkeiten waren rege, wie sie sein sollten und mußten.

Jeder konnte mir auf einem Zettel einen Gegenstand aufgeben, über den ich improvisieren sollte. Ein Polizeisekretär las ihn zuerst, ob mir kein gesetzwidriges Thema zugemutet wurde, darauf konnte ich wählen. Auf dem ersten stand: »Il cavalier servente,« eine Art von Galanterie, über welche ich niemals recht nachgedacht hatte. Ich wußte zwar, der Cicisbeo, wie man statt cavalier servente auch sagt, wäre der Ritter der Gegenwart, welcher, seitdem er für seine Dame nicht mehr in die Schranken treten kann, ihr treuer Begleiter ist, welcher in die Stelle des Ehemanns tritt. Ich erinnerte mich des bekannten Sonetts: Femina di costume di maniere;Das Cicisbeat soll bei den Kaufleuten Genuas entstanden sein. Geschäfte hielten sie häufig auswärts; wollten sie nun ihre Frauen nicht einsperren, so mußten sie sie einem Freunde anvertrauen, welcher ihr Begleiter sein konnte; gewöhnlich war dieser dann ein Geistlicher, Später wurde es allgemein Mode, niemand konnte eines solchen entbehren. Das Verhältnis war oft edel und rein und es ist vorgekommen, daß ein Gestorbener wegen seiner gewissenhaften und treuen Pflichterfüllung als Cicisbeo in der Leichenrede gerühmt wurde. Vom Toilettentische bis zur Schlafzeit ist der Cicisbeo um seine Dame; die größte Aufmerksamkeit gegen dieselbe und dagegen Gleichgültigkeit gegen andere ist seine Pflicht. – Oben erwähntes Sonett findet sich in W. Müllers »Rom, Römer und Römerin« im 2. Bande abgedruckt. aber augenblicklich wollte sich kein Gedankenfaden bei mir bilden. Ich öffnete mit großer Erwartung das andere Papier; darauf stand »Capri«; auch dies setzte mich in Verlegenheit; ich war nie auf der Insel gewesen, hatte ihre schöne Gebirgsformation nur von Neapel aus gesehen. Was ich nicht kannte, konnte ich auch nicht besingen, deshalb mußte ich mich lieber an il cavalier servente halten. Ich öffnete den dritten Zettel. »Neapels Katakomben« lautete sein Thema. Zwar war ich auch nicht darin gewesen, aber das Wort Katakomben rief ein furchtbares Ereignis aus meiner Kindheit wieder in mir wach. Meine Wanderung mit Federigo und unser Abenteuer stand lebendig vor meiner Seele. Ich griff einige Accorde, die Verse bildeten sich von selbst, ich erzählte, was ich empfunden und erlebt hatte, nur daß es Neapels und nicht Roms Katakomben waren. Zum zweitenmal ergriff ich den Glücksfaden wie damals, ein wiederholentlicher stürmischer Beifall begrüßte mich, es war mir, als ob Champagner statt des Blutes durch meine Adern rollte. Nun gab man mir »Fata Morgana« auf; auch diese schöne Lufterscheinung, die in Neapel und Sizilien sich oft in wunderbarer Pracht zeigt, hatte ich nicht gesehen, aber desto besser kannte ich dafür die schöne Fee Phantasie, welche in diesen schimmernden Schlössern wohnt. Meine eigene Traumwelt konnte ich schildern, in dieser schwebten auch ihre Gärten und Schlösser, In meinem Herzen wohnte ja des Lebens schönste Fata Morgana.

Schnell überdachte ich meinen Stoff, eine kleine Erzählung bildete sich daraus, und während des Gesanges entstanden beständig neue Ideen und reihten sich aneinander. Ich begann mit einer Schilderung der in Trümmer gesunkenen Kirche bei Posilippo, ohne gerade diesen Namen auszusprechen. Die romantische Wohnung darin hatte mich angesprochen, und ich gab ein Bild der Kirche, welche sich nun in ein Fischerhaus verwandelt hatte. Ein kleiner Knabe lag im Bette unter dem Fenster, in dessen Scheibe San Georgs Bild eingebrannt war. In der stillen mondhellen Nacht kam ein kleines wunderliebliches Mädchen zu ihm; es war so schön, so leicht wie die Luft und hatte herrliche bunte Flügel an den Schultern. Sie spielten zusammen und darauf führte dasselbe ihn in den grünen Weingarten hinaus, wo es ihm tausend Herrlichkeiten zeigte, die er nie zuvor gesehen hatte. Sie gingen in den Berg hinein, der sich öffnete und große glänzende Kirchen voller Bilder und Altäre in sich barg. Sie segelten auf dem blauen Meere nach dem rauchenden Vesuv hinüber, und der Berg war wie von Glas. Sie sahen, wie das Feuer darin flammte und loderte; sie besuchten unter der Erde die alten Städte, von welchen der Knabe schon hatte erzählen hören, und alle Leute lebten, und er sah ihren Reichtum und ihre Pracht, die sogar noch größer waren, als uns jetzt ihre Ueberreste erkennen lassen. – Das Mädchen löste ihre Flügel und band sie ihm an die Schultern. Selbst brauchte es sie nicht, denn es war leicht wie die Luft. Da flogen sie denn über die Orangenhaine, über das Gebirge, über die üppig grünen Sümpfe nach dem alten Rom mitten in der öden toten Campagna; flogen über das schöne blaue Meer, weit an Capri vorüber, ruhten auf den roten leuchtenden Wolken, und das kleine Mädchen küßte ihn, nannte sich die Phantasie, zeigte ihm seiner Mutter prächtige, aus Luft und Strahlen gebaute Burg, und in derselben spielten sie glücklich und froh. Als aber der Knabe heranwuchs, kam das kleine Mädchen seltener, nur im Mondschein guckte es zwischen dem bunten Weinlaub und den Orangen hervor, nickte ihm zu und er wurde betrübt und voller Sehnsucht. Seinem Vater mußte er mit auf der See helfen, mußte lernen die Ruder gebrauchen, die Segel reffen und das Boot im Sturme lenken. Aber je mehr er heranwuchs, desto fester verwuchsen auch seine Gedanken mit seiner lieben Spielschwester, die nie mehr kam. Oft ließ er in der mondhellen Nacht, wenn er auf der stillen See war, das Ruder ruhen; durch das klare tiefe Wasser schaute er den Grund mit seinem Sande und seinen Gewächsen. Die Phantasie blickte dann mit ihren dunklen schönen Augen zu ihm empor, schien ihm zu winken und ihn hinabzurufen. Eines Morgens scharten sich die Fischer am Ufer zusammen; in den Strahlen der aufgehenden Sonne schwamm dicht bei Capri eine neue wunderbar herrliche Insel, aus den Farben des Regenbogens erbaut und mit leuchtenden Türmen, Sternen und hellen purpurfarbigen Wolken geschmückt. »Fata Morgana!« riefen alle und jubelten froh bei dem herrlichen Anblick, aber der junge Fischer erkannte die Stätte nur zu gut, dort hatte er mit der schönen Phantasie gespielt, dort hatte er mit ihr gewohnt, eine eigentümliche Wehmut und Sehnsucht ergriff seine Seele, aber durch seine Thräne erbleichte und verschwand das ganze bekannte Bild. – An dem mondhellen Abend stieg wieder das Schloß und die Insel, aus Strahlen und Duft gebaut, empor. Von dem Vorgebirge, auf welchem die Fischer standen, sahen sie ein Boot pfeilgeschwind auf das seltsame schwimmende Land loseilen und verschwinden, und plötzlich erlosch das ganze Strahlengebäude, eine kohlschwarze Wolke erhob sich über die See, eine Wasserhose bewegte sich über die ruhige Oberfläche, die nun dunkelgrüne Wellen schlug. Als sie vorübergezogen war, lag die See wieder ruhig, der Mond schien auf das blaue Wasser hinab, aber kein Boot war zu sehen, der junge Fischer war verschwunden, verschwunden mit der schönen »Fata Morgana.«

Derselbe Beifall, wie vorher, begrüßte mich wieder; mein Mut und meine Begeisterung steigerte sich; in jedem Namen fand ich Erinnerungen an mein eigenes Leben, die ich nur auszusprechen brauchte. – Ich sollte über Tasso improvisieren. Ich sah mich selbst in ihm, Leonore war Annunziata, wir sahen einander an Ferraras Hofe, ich litt mit ihm im Gefängnisse, atmete, mit dem Tode im Herzen, wieder die Freiheit, indem ich von Sorrento über das wogende Meer nach Neapel blickte, saß mit ihm unter der Eiche bei St. Onophrii Kloster, die Glocke des Kapitols läutete zu seinem Krönungsfeste, aber der Todesengel kam und reichte ihm zuerst seine Krone, die Krone der Unsterblichkeit!

Mein Herz klopfte heftig, ich war davon ergriffen, fortgerissen von dem Fluge meiner Gedanken. Noch ein Gedicht trug ich vor, es war das letzte: Sapphos Tod. Die Qual der Eifersucht empfand ich selbst bei der Erinnerung an Bernardo, Annunziatas Kuß auf seiner Stirne brannte in meiner Seele. Sapphos Schönheit glich Annunziatas, aber ihr Liebeskummer war der meinige. Die Wogen schlossen sich über Sappho.

Mein Gedicht hatte zu Thränen gerührt, ein rauschender Beifall erschallte von allen Seiten, und nach dem Fallen des Vorhangs wurde ich zweimal hervorgerufen. Eine Glückseligkeit, eine namenlose Freude durchströmte mich, preßte mir aber zugleich das Herz, als ob es brechen sollte. Als ich von der Bühne kam, und man mich umarmte und beglückwünschte, brach ich in Weinen, in ein heftiges krampfhaftes Weinen aus.

Mit Santini, Federigo und einigen der Sänger wurde ein lustiger Abend gefeiert, meine Gesundheit getrunken, und ich war glücklich, aber meine Lippe wie gebunden.

»Er ist eine Perle!« sagte Federigo in seiner Lustigkeit von mir, »sein einziger Fehler besteht darin, daß er auch ein zweiter Joseph ist. Genieße das Leben, Antonio, pflücke die Rosen, eh' sie verblühn.«

Spät kam ich nach Hause und unter Dank und Gebet zur Madonna und zu dem Heiland, die mich nicht verlassen hatten, schlief ich bald tief und fest.

 << Kapitel 18  Kapitel 20 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.