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Der Improvisator

Hans Christian Andersen: Der Improvisator - Kapitel 18
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleDer Improvisator
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080616
projectid89fc53d7
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Wanderung durch Herculanum und Pompeji. Der Abend auf dem Vesuv.

Am nächsten Morgen kam Federigo, um mich abzuholen. Maretti stieg mit in den Wagen, ein frischer Luftzug wehte von der See herüber, und wir rollten um den Busen von Neapel nach Herculanum.

»Wie der Rauch aus dem Vesuv wirbelt!« sagte Federigo und zeigte nach dem Berge. »Der heutige Abend verspricht viel!«

»Anders wirbelte es,« sagte Maretti, »ein förmlicher Wolkenschatten lagerte sich über die ganze Gegend, als anno 79 post Christum die Städte, welche wir jetzt besuchen wollen, unter Lava und Asche verschwanden.«

Unmittelbar dort, wo die Vorstadt Neapels aufhört, beginnen die Städte San Giovanni, Portici und Resina, die so eng aneinander grenzen, daß sie als eine einzige Stadt betrachtet werden können. Wir waren am Ziele, ehe ich dachte; vor einem Hause in Resina machten wir Halt. Unter der Straße, in welcher wir hielten, ja unter der ganzen Stadt liegt Herculanum verborgen. Lava und Asche bedeckten in wenigen Stunden den ganzen Ort, dessen Existenz man allmählich vergaß, und die Stadt Resina erhob sich über demselben.

Wir traten in das nächste Haus; im Hofe befand sich ein großer offner Brunnen, eine Wendeltreppe führte durch denselben in die Tiefe.

»Sehen Sie, Signori!« sagte Maretti, »man schrieb 1720 post Christum, als der Prinz von Elboeuf diesen Brunnen graben ließ. Nur wenige Fuß war man erst hinabgekommen, als sich Bildsäulen fanden. Deshalb wurde die Fortsetzung der Brunnenanlage verboten, und, mirabile dicta, 30 Jahre lang rührte sich nicht eine Hand, bis Karl von Spanien hierher kam, den Brunnen tiefer graben ließ, und man nun auf die mächtige steinerne Treppe stieß, die wir hier sehen können.«

Das Tageslicht beleuchtete einen kleinen Teil derselben, es waren die Bänke in Herculanums großem Theater. Unser Führer zündete für jeden von uns ein Licht an, und wir stiegen in die Tiefe des Brunnens hinab und nun standen wir auf den Stufen, auf welchen die Zuschauer vor siebzehnhundert Jahren bei den dargestellten Lebensbegebenheiten wie ein einziger Riesenkörper gelacht, gefühlt und gejubelt hatten.

Eine kleine niedrige Thür dicht neben uns führte uns in einen großen geräumigen Gang. Wir stiegen nach dem Orchester hinab, betrachteten darin die verschiedenen Räumlichkeiten für die einzelnen Musici, die Garderoben und die Bühne selbst. Die Größe des Ganzen ergriff mich. Nur stückweise konnten wir es vor uns erleuchten, doch schien es mir weit größer als San Carlo. Leer, finster und öde lag alles ringsum; eine Welt lärmte über uns. Wie wir uns vorstellen, daß ein verschwundenes Geschlecht in dem Gewande verklärter Geister in unser Wirken und Leben hineintreten kann, so schien es mir hier umgekehrt, als wäre ich aus unserm Zeitalter herausgetreten und durchwanderte als Gespenst das ferne Altertum. Ich sehnte mich ordentlich nach dem Tageslichte und bald atmeten wir wieder die warmen Lüfte der Oberwelt.

Wir bogen rechts in eine Straße Resinas ein und ein ausgegrabener Platz von geringer Größe lag vor uns. Das war so ziemlich alles, was von Herculanum die Sonne beschien. Wir sahen eine einzelne Straße, Häuser mit kleinen engen Gemächern, roten und blaugemalten Wänden; nur wenig gegen das, was unserer in Pompeji wartete.

Bald lag Resina hinter uns, und nun gewahrten wir weit und breit eine einzige Ebene, die einem pechschwarzen, schäumenden, zu Eisenschlacke erstarrten Meere glich. Hier und da hatten sich bereits Gebäude erhoben, kleine Weingärten grünten und halb versunken stand eine Kirche in diesem Lande des Todes da.

»Diese Verwüstung habe ich selbst mit angesehen,« sagte Maretti; »ich war noch ein Kind, wenn ich so sagen darf im Alter zwischen lactens und puer, nie werde ich jenen Tag vergessen. Diese schwarze Schlacke, über welche wir jetzt dahinrollen, war ein glühender Feuerstrom. Ich sah, wie er sich vom Berge nach Torre del Greco hinabwälzte. Mein Vater, beati sunt mortui! pflückte mir selbst hier dicht daneben, wo jetzt nur die schwarze steinharte Rinde liegt, reife Trauben. Die Lichter in der Kirche schimmerten bläulich, während hier draußen die Mauern von dem starken Feuerscheine rot erglänzten. Die Weingärten waren schon überflutet, aber die Kirche stand inmitten des glühenden Feuermeeres wie eine schwimmende Arche.«

Wie sich die Weinreben mit schweren Trauben von Baum zu Baum ranken und eine einzige Guirlande bilden, so reiht sich um Neapels Busen Stadt an Stadt.Wo Torre del Greco aufhört, beginnt sofort Torre del Annunziata. Der ganze Weg, bis auf die soeben erwähnte Wüstenei, gleicht einer ununterbrochenen Toledostraße. Leichte, dicht mit Menschen gefüllte Kabriolette, Reiter zu Pferde und zu Esel kreuzten fortwährend einander; Karawanen von Reisenden, Damen wie Herren, trugen zur Belebung des Gemäldes bei.

Immer hatte ich mir Pompeji ebenso wie Herculanum tief in der Erde liegend gedacht, aber so ist es durchaus nicht. Oben vom Berge aus hat es über die Weinberge fort bis nach dem blauen Mittelländischen Meere geschaut. Wir stiegen bei jedem Schritte und standen jetzt vor einem durchbrochenen Walle schwärzlicher Asche, dem einzelne Sträucher und Baumwollenpflanzen ein freundlicheres Aussehen zu geben suchten. Wachthabende Soldaten ließen sich sehen und wir schritten in Pompejis Vorstadt hinein.

»Sie haben die Briefe an Tacitus gelesen!« sagte Maretti. »Sie haben den jüngern Plinius gelesen, jetzt sollen Sie die Kommentare seines Werkes sehen, wie sie wohl kein anderes besitzt.«

»Gräberstraße,« hieß die lange Straße, durch welche wir schritten; hier befand sich Monument an Monument. Vor zweien sah man runde hübsche Diwans mit schönen Zieraten. Hier hatten in jener Zeit Pompejis Söhne und Töchter auf ihren Spaziergängen zur Stadt hinaus gerastet. Von den Gräbern aus schauten sie über die blühende Natur und das lebendige Treiben auf der Landstraße und dem Meerbusen fort. Nun gewahrten wir auf beiden Seiten eine Reihe Häuser, alle mit Läden. Wie Gerippe mit leeren Augenhöhlen starrten sie uns an. Alle zeigten Spuren des Erdbebens, welches noch vor der völligen Zerstörung die Stadt erschüttert hatte. Mehrere Häuser ließen deutlich erkennen, daß sie gerade damals, als Feuer und Asche sie vor Jahrhunderten begrub, im Bau begriffen waren. Unvollendete Marmorkarniese lagen auf der Erbe und neben ihnen die Modelle aus Terracotta.

Jetzt erst gelangten wir an die Stadtmauern; auf diese führten wie auf ein Amphitheater breite Treppenstufen hinauf. Vor uns dehnte sich eine lange schmale Straße, wie Neapel mit breiten Lavafließen gepflastert, aus, mit Resten also eines weit früheren Ausbruches als derjenige, welcher Herculanum und Pompeji vor siebzehnhundert Jahren zerstörte. Tiefe Wagengeleise hatten sich in die Steine eingeschnitten; an den Häusern las man noch die Namen der Bewohner, welche bei ihren Lebzeiten darin eingehauen waren; hier und da hingen noch Schilder, eines derselben zeigte an, daß hier im Hause Mosaikarbeiten angefertigt würden.

Alle Zimmer waren klein, das Licht fiel durch die Decke oder eine Oeffnung oberhalb der Thüre hinein. Um den Hofraum, der gewöhnlich nur für das einzig kleine Blumenbeet oder das Bassin, aus welchem sich der Springbrunnen erhob, groß genug war, lief ein viereckiger Säulengang. Außerdem waren Häuser und Fußböden mit schönen Mosaikbildern ausgeschmückt, auf denen sich künstliche Formen, Kreise und Quadrate gegenseitig schnitten. Die Wände waren aus weißen, blauen und roten Farben bunt gemalt. Tänzerinnen, Genien, leichte schwebende Gestalten zeigten sich überall auf dem glühenden Grunde, alle in Kolorit und Zeichnung unendlich reizend und mit einer Frische, als wären sie erst gestern gemalt. Federigo und Maretti waren in tiefem Gespräche über die wunderbare Farbenkomposition, die sich so unglaublich gut hielt, ja ehe ich mich dessen versah, befanden sie sich mitten in Bayardis zehn Foliobänden.Catalogo degli antichi Monumenti d'Ercolano (1755). Es ging den beiden wie tausend andern, die die poetische Wirklichkeit, welche vor ihnen liegt, vergessen und sich auf die Kritik und Abhandlungen darüber weisen; Pompeji wurde über den gelehrten Untersuchungen vergessen. Ich war in diese auswendig gelernten Mysterien nicht so eingeweiht, die Wirklichkeit um mich her war eine poetische Welt, in welcher sich meine Seele zu Hause fühlte. Jahrhunderte schmolzen hier in Jahre zusammen, offenbarten sich in Augenblicken, jede Sorge legte sich, und mein Gemüt gewann wieder Ruhe und Begeisterung.

Wir standen vor Sallusts Hause.

»Sallust!« sagte Maretti und lüftete den Hut: »corpus sine animo! Die Seele ist fort, aber man grüßt doch den toten Körper ehrerbietig.«

Ein großes Gemälde, Diana und Aktäon darstellend, nahm die vordere Wand ein. Die Arbeiter stießen einen Freudenschrei aus und zogen einen prächtigen Marmortisch, weiß wie die in Carrara gebrochenen Blöcke, an das Tageslicht hervor; zwei herrliche Sphinxe dienten ihm als Füße, Was mich aber noch mehr ergriff, waren die fahlen Knochen, die ich bemerkte, und in der Asche der Abdruck einer weiblichen Brust von unendlicher Schönheit.

Wir gingen über das Forum nach dem Tempel des Jupiter; die Sonne beleuchtete hell die weißen Marmorsäulen desselben, dahinter lag der rauchende Vesuv, pechschwarze Wolken wälzten sich aus dem Krater hervor und schneeweiß lagerte sich der dicke Dampf über dem Lavastrome, der sich den Weg den Abhang des Berges hinabbahnte.

Wir besahen das Theater und setzten uns auf die treppenförmigen Bänke. Die Bühne mit ihren Säulen, ihrem steinernen Hintergrunde mit der Ausgangsthüre, alles stand noch, als hätte man gestern gespielt; aber keine Töne rauschten vom Orchester herüber, kein Roscius redete zu der jubelnden Menge, alles war tot, nur die große Scene der Natur vor uns atmete Leben. Die üppig grünen Weingärten, die unaufhörlich befahrene Straße nach Salerno hinab und im Hintergrunde die dunkelblauen Berge, die sich in scharfen Konturen gegen den Aether abhoben, bildeten einen Schauplatz, auf welchem Pompeji selbst wie ein tragischer Chor dastand, der von der Macht der Todesengels sang. Ich sah ihn ja selbst, ihn, dessen Flügel kohlschwarze Asche und strömende Lava sind, die er über Städte und Flecken ausbreitete.

Erst gegen Abend wollten wir den Vesuv besteigen, weil dann die glühende Lava in der Mondbeleuchtung von größerer Wirkung war. Von Resina nahmen wir Esel und ritten den Berg hinauf. Der Weg ging durch Weingärten und einsame Gehöfte, aber bald verschwand die Vegetation bis auf kleine verkrüppelte Sträucher und verwelkte schilfartige Stengel. Ein kalter und starker Wind hatte sich erhoben, sonst war der Abend unendlich schön. Die Sonne sah beim Untergehen wie brennendes Feuer aus, der Himmel strahlte wie Gold, das Meer glänzte indigofarbig und die Inseln glichen hellblauen Wolken. Es war eine Feenwelt, in die ich hineinschaute. Rings um den Meerbusen erblaßte Neapel mehr und mehr. In weiter, weiter Ferne leuchteten, gleich den Gletschern der Alpen, die schneebedeckten Berge, während zur Rechten, ganz in unserer Nähe, die rote Lava glühend aus dem Vesuv hervorquoll.

Jetzt gelangten wir auf eine mit schwarzer Lava bedeckte Ebene, ohne Weg und Steg. Unsere Esel prüften den Boden, ehe sie fest auftraten, vorsichtig mit dem Fuße; so erreichten wir nur langsam einen höheren Teil des Berges, welcher wie ein Vorgebirge in dieses tote versteinerte Meer hineinragte. Durch einen engen Hohlweg, in dem nur schilfartige Stengel hervorschossen, näherten wir uns der Hütte des Eremiten. Hier saß eine Schar Soldaten um ein Feuer und trank einige Foglietten Lacrimä Christi. Sie dienten den Fremden zur Eskorte und zum Schutze gegen die Räuber. Fackeln wurden angezündet, der Wind blies in die Flammen, als wollte er jeden Funken auslöschen. Bei dem beweglichen unsichern Scheine ritten wir nun in den dunkeln Abend hinein, den schmalen Felsenpfad hinauf, über lose Lavastücke, hart an tiefen Abgründen vorüber. Endlich erhob sich, wie ein hoher Berg, der kohlschwarze Aschengipfel, den wir hinauf mußten, vor uns. Weiter konnten unsere Esel nicht klettern, sie blieben bei den Knaben, die sie getrieben hatten, zurück. Der Führer ging mit der Fackel voraus, wir andern hinterher, aber in schräger Linie, denn es ging in der weichen Asche, in welche wir knietief einsanken, steil in die Höhe; hintereinander konnten wir nicht gehen, denn große lose Steine und Lavablöcke lagen in der Asche und rollten, sobald wir auf sie traten, hinab. Bei jedem zweiten Schritt glitten wir einen rückwärts, jeden Augenblick fielen wir in die schwarze Asche, als hätten wir ein Bleigewicht an den Füßen. – »Mut!« rief uns der Führer von der Spitze aus zu, »Mut, bald sind wir oben!« Aber beständig schien der Berg in gleicher Höhe vor uns zu stehen. Erwartung und Lust beflügelten mich, eine Stunde war verstrichen und wir erreichten den Gipfel, ich war der erste.

Eine große Fläche mit mächtigen, bunt durcheinander geworfenen Lavastücken breitete sich hier vor unsern Augen aus; mitten auf derselben stand noch ein Aschenhügel; es war der Kegel mit dem tiefen Krater, wie ein Feuerball schwebte der Mond darüber, so hoch war er gestiegen. Wir konnten ihn des Berges halber erst jetzt sehen, aber nur einen kurzen Augenblick, denn schon im nächsten wirbelte mit Gedankengeschwindigkeit ein kohlschwarzer Rauch aus dem Krater empor, rings um uns lagerte sich finstere Nacht, tief unter uns im Berge rollte ein ununterbrochener Donner; es bebte unter unsern Füßen, wir mußten, um nicht zu fallen, uns aneinander festhalten, und nun ertönte ein Knall, wie ihn hundert Kanonen nur schwach nachzuahmen vermöchten, der Rauch teilte sich und eine Feuersäule erhob sich mindestens eine italienische Meile hoch in die blaue Luft. Glühende Steine flogen Rubinen gleich in dem weißlich schimmernden Feuer, ich sah sie wie Raketen über uns hinabfallen, aber sie fielen in gerader Linie in den Krater oder rollten glühend den Aschenhügel hinab. »Ewiger Gott!« stammelte mein Herz, und ich wagte kaum zu atmen.

»Der Vesuv ist in seiner Sonntagslaune!« sagte unser Führer und winkte uns weiter vor. Ich glaubte, die Wanderung wäre zu Ende, aber der Führer zeigte über die Ebene hin, deren ganzer Horizont ein einziges leuchtendes Feuer war. Riesengroße Gestalten bewegten sich gleich schwarzen Schattenbildern auf das grausige Feuermeer zu. Es waren Reisende, die zwischen uns und der herabströmenden Lava standen. Wir waren, um derselben zu entgehen, um den Berg herumgegangen und bestiegen ihn von der östlichen entgegengesetzten Seite. Dem Krater selbst konnten wir uns bei seinem unruhigen Zustande nicht nähern, wohl aber der Stelle, wo die Lavaströme wie Quellen aus der Seite des Berges hervorquollen. Wir ließen den Krater deshalb linker Hand liegen, gingen über die Bergebene und kletterten über die großen Lavablöcke; weder Weg noch Steg gab es in dieser Einöde. Das bleiche Mondlicht, der rote Fackelschein auf dem unebenen Boden bewirkten, daß jeder Schatten, jede Spalte wie ein Abgrund erschien, da wir nur die tiefe Finsternis bemerkten. Wieder erschallte der mächtige Donner unter uns, alles wurde Nacht und ein neuer Ausbruch leuchtete vor uns auf. Nur langsam, mit den Händen vor uns hertastend, gingen und kletterten wir unserm Ziele entgegen, aber bald fühlten wir, daß alles, was wir berührten, warm war. Zwischen Lavastücken dampfte es heiß, wie aus einem Ofen heraus. Jetzt lag eine ebnere Fläche vor uns: ein Lavastrom, der nur zwei Tage alt war. Die oberste Rinde desselben war unter der Einwirkung der Luft schon schwarz und fest geworden, aber kaum eine halbe Elle dick, unter derselben stand die glühende Lava klafterdick. Fest wie die Eisrinde auf einem See, lag hier die erstarrte dünne Haut über einem Feuermeere. Hier sollte es hinübergehen; auf der andern Seite lagen wieder die unebenen Blöcke, auf welchen Fremde standen und zu dem neuen Lavastrom hinüberschauten, den man erst von hier erblicken konnte. – Einzeln gingen wir, der Führer voran, über die dünne Rinde, welche durch die Sohlen hindurchbrannte; überall hatte die Hitze große Spalten in dieselbe gerissen, und wir sahen das rote Feuer unter uns. Wäre die Rinde geborsten, dann wären wir alle in ein Feuermeer hinabgestürzt. Vorsichtig setzten wir Fuß vor Fuß und traten doch fest auf, um schnell einen Schritt weiter zu kommen, denn die Füße brannten uns; und gerade wie das Feuer, welches sich abzukühlen beginnt und schwarz wird, bei der Berührung augenblicklich seinen Feuerschein wieder erhält, so zeigte sich hier dieselbe Wirkung: auf dem Schnee wird die Spur schwarz, hier flimmerte sie rot. Keiner von uns sprach ein Wort, so schreckenvoll hatte es sich keiner in Gedanken vorgestellt. Ein Engländer kehrte mit seinem Führer zurück, er kam an mir auf demselben inselgleichen Rindenstücke vorüber, welches ringsum von Rissen eingeschlossen war.

»Befinden sich Engländer unter Ihnen?« fragte er. – »Italiener und ein Däne,« erwiderte ich; »a diavolo!« lautete die ganze Antwort. Wir waren jetzt bei den großen Blöcken, auf welchen mehrere Fremde standen. Ich stieg hinauf, und dicht vor mir glitt den Bergeshang der frische Lavastrom hinab. Es war, als ob das geschmolzene Metall aus dem Schmelzofen strömte; groß, breit und in ungeheuerer Ausdehnung breitete er sich vor und unter uns aus. Kein Wort, kein Bild vermag die Scene, die sich vor uns entrollte, in ihrer Größe und Schrecken erregenden Erhabenheit wiederzugeben. Selbst der Luftstrom schien mit Feuer und Schwefel gesättigt; ein dicker Dampf, von dem starken Schein gerötet, schwebte über dem Lavastrome; aber ringsum herrschte dichte Finsternis, in der Tiefe donnerte es und über uns stieg die Feuersäule mit glühenden Steinen in die Höhe. Nie habe ich mich meinem Gotte so nahe gefühlt. Seine Allmacht und Größe erfüllte meine Seele; es war, als ob das überall wogende Feuer jede Schwachheit und Kränklichkeit derselben verzehrte, ich fühlte Kraft und Mut, meine unsterbliche Seele erhob ihre Schwingen: »Mächtiger Gott, dein Apostel will ich werden! In dem Weltsturme will ich deinen Namen, deine Kraft und Herrlichkeit besingen; lauter soll mein Lied erklingen, als das des Mönches in seiner einsamen Zelle! Ich bin ein Dichter; verleihe mir Kraft, erhalte meine Seele rein, wie sie dein Priester und der der Natur besitzen muß!« Meine Hände falteten sich zum Gebete, zwischen Feuer und Wolken beugte sich mein Herz vor dem, dessen Wunder und Majestät zu meiner Seele redeten.

Wir stiegen hinab, und nur wenige Schritte von der Stelle, auf der wir standen, sahen wir das Lavastück krachend durch die geborstene Rinde versinken und eine Wolke von Funken in die Höhe wirbeln. Aber ich bebte nicht, ich fühlte, daß mein Gott mir nahe war, es bildete für mich einen Lebensmoment, wo es weder Furcht noch Schmerz giebt, weil man sich in seines Gottes Schutze sicher weiß. Ueberall sprühten Funken aus kleinen Kratern und aus dem größeren erfolgte jede Minute ein neuer Ausbruch. Es rauschte in der Luft, als ob Scharen von Vögeln auf einmal aus einem Walde aufstiegen. Federigo war ebenso ergriffen wie ich, und das Hinabsteigen in der weichen Asche entsprach unserer erregten Gemütsstimmung; wir flogen, unser Marsch glich einem Falle durch die Luft, wir glitten, liefen, sanken. Die Asche lag locker wie frischgefallener Schnee; nur zehn Minuten brauchten wir abwärts, wozu wir aufwärts eine Stunde gebraucht hatten. Der Wind hatte sich gelegt, unsere Esel erwarteten uns unten, und in der Einsiedelei saß unser Gelehrter, welcher die ermüdende Wanderung aufwärts nicht hatte mitmachen wollen. Ich fühlte mich wie neu belebt, mein Blick wendete sich beständig zurück; die Lava lag gleich kolossalen Meteorsteinen da, der Mond schien tageshell, wir fuhren längs dem Meerbusen hin und sahen den Wiederschein des Mondes und der Lava in zwei langen Strahlen, einem roten und blauen, über den Wasserspiegel zittern. Ich fühlte eine Kraft in meiner Seele, eine Klarheit in meinen Begriffen, ja, wenn ich das Kleinere mit dem Größeren vergleichen darf, fand ich bei mir darin etwas Verwandtes mit Boccaccio, daß der Eindruck eines Ortes, die augenblickliche Eingebung desselben, für das ganze Geisteswirken entscheidend war: Virgils Grab sah seine Thränen, die Welt seinen Dichterwert; mich hatte des Vulkans Größe und Schrecken erregende Erhabenheit von jeglichem Mißmut und Zweifel befreit; deshalb steht das Bild der Erlebnisse dieses Tages und Abends so lebendig vor meiner Seele, deshalb habe ich so lange bei dieser Schilderung verweilt und mich den Eindruck wiederzugeben bemüht, den ich damals erhielt und den auszusprechen es mich unwiderstehlich trieb.

Unser Gelehrter lud uns ein, ihn nach Hause zu begleiten; nach dem letzten Auftritte zwischen Santa und mir geriet ich im ersten Augenblicke in eine gewisse Verlegenheit, eine eigentümliche Furcht, sie wieder zu sehen, bemächtigte sich meiner, indes ein fester Entschluß hinsichtlich der künftigen Regelung unseres gegenseitigen Verhältnisses, den ich in meiner Seele faßte, brachte das erste Gefühl bald zum Schweigen. Sie reichte mir freundlich die Hand, schenkte uns Wein ein und war natürlich und munter, so daß ich mir selbst Vorwürfe wegen meines strengen Urteils über sie machte. Ich fühlte, daß nur mein Herz unrein war. Ihr Mitgefühl und ihre Teilnahme, die sich in südlicher Heftigkeit ausgesprochen, hatte ich für sinnliche Leidenschaft gehalten. Durch Freundlichkeit und Scherz, die in meiner jetzigen Stimmung so natürlich erschienen, suchte ich meine seltsame Aufführung am vorigen Tage wieder gut zu machen. Es kam mir vor, als verstände sie mich, und in ihren Blicken las ich aufrichtige Teilnahme und innige Liebe einer Schwester.

Sie hatten mich noch nie improvisieren hören, sie bewogen mich dazu, ich besang unsere Wanderung nach dem Vesuv, und Beifallklatschen und Begeisterung begrüßten mich. Was Annunziatas stumme Blicke gesagt hatten, strömte beredt von Santas Lippen, und sie wurde bei ihrer Rede doppelt schön, ihre Augen brannten sich mit verständnisvollen Blicken förmlich in meine Seele hinein.

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