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Der Improvisator

Hans Christian Andersen: Der Improvisator - Kapitel 16
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleDer Improvisator
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080616
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Zweiter Teil.

Die Pontinischen Sümpfe. Terracina. Ein alter Bekannter. Fra Diavolos Geburtsstadt. Der Orangenhain bei Mola di Gaeta. Die neapolitanische Signora. Neapel.

Viele stellten sich unter den Pontinischen Sümpfen nur einen morastigen Boden, eine öde Strecke Landes mit stehendem schlammigen Wasser, einen traurig zu durchreisenden Weg vor. Gerade das Gegenteil findet statt, die Sümpfe haben mehr Äehnlichkeit mit den reichen lombardischen Ebenen, ja sie sind sogar noch üppiger. Gräser und Kräuter sind so saftvoll und kräftig, wie sie Norditalien nicht aufweisen kann.

Kein Weg kann ausgezeichneter sein als der, welcher durch die Sümpfe führt. Der Wagen rollt unter einer unendlich langen Lindenallee dahin, deren Zweige gegen die brennenden Sonnenstrahlen Schutz und Schatten verleihen. Auf beiden Seiten dehnt sich die unabsehbare Ebene mit ihrem hohen Grase, ihren frischen grünen Sumpfpflanzen aus, Kanäle kreuzen einander und saugen das Wasser an sich, welches überall teich- und seeartig mit Schilf und breitblättrigen Wasserlilien steht. Linker Hand, wenn man von Rom kommt, ziehen sich die hohen Abruzzen mit mehreren kleinen Städten hin, die wie Bergschlösser mit ihren weißen Mauern von den grauen Felsen herableuchten. Zur Rechten erstreckt sich die grüne Ebene bis zum Meere hinab, wo sich das Vorgebirge Cicello erhebt, jetzt mit dem festen Lande zusammenhängend, einst die Insel der Circe, wo die Sage Ulysses landen ließ.

Während ich so dahinschritt, löste sich der Nebel auf, der über der grünen Fläche schwebte, auf welcher die Kanäle wie Leinwand auf der Bleiche hervorschimmerten. Obgleich es erst Ende Februar war, brannte die Sonne sommerlich heiß. Büffelherden weideten in dem hohen Grase. Eine Schar Pferde lief frei umher und schlug mit den Hinterbeinen lustig in die Höhe, daß das Wasser hoch empor spritzte. Die leichten Bewegungen, die mutwilligen Sprünge, mit denen sie sich umhertummelten, konnten einem Tiermaler als Studien dienen. Links erblickte ich eine schwarze ungeheure Rauchsäule, welche von dem großen Feuer herrührte, das die Hirten zur Reinigung der Luft um ihre Hütten angezündet hatten. Ich traf einen Bauer, dessen gelblich blasses kränkliches Aussehen dem üppigen Wachstume, in welchem die Sümpfe prangten, völlig widersprach. Wie ein aus dem Grabe hervorgeholter Toter ritt er auf seinem schwarzen Pferde und hielt in der Hand eine Art Lanze, mit der er die auf dem morastigen Sumpfboden zerstreuten Büffel zusammentrieb. Einige hatten sich hingelegt und streckten nur ihren schwarzen häßlichen Kopf mit den unheimlich funkelnden Augen hervor. Die hier und da unmittelbar am Wege aufgeführten, drei bis vier Stockwerke hohen Posthäuser verrieten gleichfalls auf den ersten Blick die giftige Luft, welche dampfend aus den Sümpfen emporstieg. Die geweißten Mauern waren von unten bis oben mit einem fetten grünlichen Schimmel überzogen. Gebäude wie Menschen trugen das Gepräge des Geistes der Verwesung, ein seltsamer Kontrast gegen all die reiche Ueppigkeit umher, das frische Grün und den warmen Sonnenschein.

Meine kranke Seele ließ mich in dieser Natur hier ein Bild des falschen Lebensglückes erblicken. So sieht der Mensch die Welt fast immer durch die Brille des Gefühls, und je nach den Farben des Glases, durch welches er schaut, erscheint sie ihm finster oder purpurhell.

Ungefähr eine Stunde vor dem Ave Maria hatte ich die Sümpfe hinter mir. Das Gebirge mit seinen gelben Felsmassen näherte sich mehr und mehr, und dicht vor mir lag Terracina in seiner üppigen hesperischen Natur. Drei hohe Palmbäume, mit Früchten bedeckt, standen unweit des Weges. Die großen Fruchtgärten auf den Berghalten schienen einen einzigen großen grünen Teppich mit Millionen goldner Punkte zu bilden; es waren Citronen und Apfelsinen, welche die Zweige bis zur Erde herabbeugten. Vor einem kleinen Bauerhause am Wege lagen eine Menge abgefallener Citronen, die gleich abgeschüttelten Kastanien auf einen Haufen zusammengetragen waren. Rosmarin und wilde dunkelrote Levkojen wuchsen üppig in den Klüften bis zu dem Felsengipfel empor, auf welchem die prächtige Ruine der Burg des Ostgotenkönigs TheodorichDietrich von Bern. lag und über die Stadt und die ganze Umgegend hinwegschaute.

Mein Auge war von dem schönen Gemälde geblendet; still träumend zog ich in Terracina ein. Da lag das Meer vor mir; zum erstenmal sah ich das Meer, das wunderherrliche Mittelländische Meer. Der Himmel selbst in seinem reinsten Ultramarin war wie eine ungeheure Ebene vor mir ausgespannt. Weit hinaus lagen Inseln, wie schwimmende Wolken, in dem schönsten Lila. Dort, wo am Horizonte sich die dunkle Rauchsäule in die Luft erhob, gewahrte ich den Vesuv. Der Meeresspiegel war völlig still; aber gegen die Küste, auf der ich stand, schlug die Brandung in langen blauen Wellen, klar und durchsichtig wie der Aether selbst; donnernd brach sie sich an den Felsen.

Mein Auge war nicht weniger wie mein Fuß gefesselt; meine ganze Seele atmete Entzücken. Es war, als ob sich das Körperliche in mir, Herz und Blut, in Geist verwandelte, sich in denselben auflöste, um zwischen diese beiden Himmel, das unendliche Meer und den Himmel darüber, hinausschweben zu können. Die Thränen strömten mir über die Wangen hinab, ich mußte weinen wie ein Kind.

In meiner Nähe lag ein großes weißes Gebäude; die Brandung schlug gegen den Boden, auf dem es errichtet war. Das unterste Stockwerk desselben bildete nach der Straße zu einen einzigen Bogengang, unter welchem die Wagen der Reisenden hielten. Es war das Wirtshaus von Terracina, das größte und schönste auf dem ganzen Wege zwischen Rom und Neapel.

Peitschengeknall hallte von der Felsenwand wieder; ein vierspänniger Wagen rollte auf das Wirtshaus zu. Bewaffnete Diener saßen hinten auf dem Wagen; ein bleicher magerer Herr, in einen großen bunten Schlafrock eingehüllt, lag bequem in demselben ausgestreckt. Der Postillon stieg nun ab, knallte noch einige Male mit seiner langen Peitsche und frische Pferde wurden vorgespannt. Der Fremde wollte weiter, da er aber eine Eskorte über das Gebirge verlangte, in welchem Fra Diavolo und de Cesaris kühne Nachfolger gefunden hatten, mußte er sich ein Viertelstündchen gedulden, und nun schalt er halb englisch, halb italienisch über das schläfrige Wesen der Italiener, über all die Plagen und Leiden, welche der Reisende hier zu erdulden hätte, knüpfte sich endlich aus seinem Taschentuche eine Nachtmütze zusammen, zog sich dieselbe über die Ohren und warf sich dann in eine Ecke des Wagens, schloß die Augen und schien sich in sein Schicksal zu ergeben.

Ich erfuhr, daß es ein Engländer war, der schon zehn Tage lang Nord- und Mittelitalien durchreist und sich in der kurzen Zeit mit diesen Ländern bekannt gemacht hatte. In einem einzigen Tage hatte er ganz Rom gesehen und nun wollte er nach Neapel, um den Vesuv zu besteigen. Darauf beabsichtigte er mit dem Dampfschiff nach Marseille überzusetzen, um auch das südliche Frankreich kennen zu lernen, hoffte jedoch dies in noch kürzerer Zeit abmachen zu können. Endlich kamen acht wohlbewaffnete Reiter, der Postillon knallte, und Wagen und Reiter verschwanden durch das Thor neben der hohen gelben Felsenwand.

»Trotz seiner ganzen Eskorte und allen seinen Waffen ist er doch nicht so sicher wie meine Fremden,« sagte ein kleiner vierschrötiger Mann, der mit seiner Peitsche spielte. »Die Engländer müssen das Fahren sehr lieben! Immer geht es in Galopp! Es sind sonderbare Käuze! Santa Philomena di Napoli!«

»Haben Sie viel Fremde in Ihrem Wagen?« fragte ich.

»Ein Herz in jeder Ecke,« erwiderte er. »Sehen Sie, das macht vier Mann. Allein im Kabriolett ist bis jetzt nur ein einziger. Wollen Sie nach Neapel, so können Sie übermorgen, wenn die Sonne noch San Elmo bescheint, schon dort sein.«

Wir wurden einig, und ich war aus der Verlegenheit, in welche mich der völlige Mangel an barem Gelde versetzte, gerettet.Wenn man mit einem Vetturino reist, so bezahlt man nicht voraus, sondern bekommt sogar noch Handgeld von ihm, damit man sich auf seine Ehrlichkeit verlassen kann, und er sorgt auf der ganzen Reise für Speise und Nachtlager. Alle diese Ausgaben werden in den einmal abgeschlossenen Accord mit eingerechnet.

»Handgeld möchten Sie auch wohl gern haben, Signore?« fragte der Vetturino und hielt ein Fünfpaolistück zwischen den Fingern.

»Besorgen Sie mir einen Platz bei Tische und ein gutes Bett,« versetzte ich. »Morgen fahren wir also?«

»Ja, wenn Sankt Antonio und meine Pferde wollen,« rief er, »dann geht es Schlag drei Uhr los. Zweimal werden wir ja auf dem Zollamt visitiert und dreimal unsere Pässe visiert, morgen ist unser schwerster Tag.« Und nun legte er die Hand an seine Mütze, nickte und verließ mich.

Man wies mir ein Zimmer nach dem Meere hinaus an, wo ein frischer Windzug sich erhoben hatte, wo die Brandung sich in langen Wellen unaufhörlich brach, ein Bild, gar verschieden von dem, welches die Campagna darbot, und doch lenkte die unermeßliche Ausdehnung vor mir meine Gedanken auf die Heimat und die alte Domenica. Es betrübte mich, daß ich sie nicht fleißiger besucht hatte, sie liebte mich von ganzem Herzen und war sicherlich das einzige menschliche Wesen, welches es that. Eccellenza Francesca, ja, sie hatte wohl auch eine gewisse Liebe zu mir, aber sie war von einer sehr eigentümlichen Färbung. Wohlthaten verbanden uns, und wo diese nicht vergolten werden können, bleibt zwischen Geber und Empfänger immer eine Kluft, welche wohl Jahr und Tag mit den Schlingpflanzen der Anhänglichkeit zudecken, aber nie ausfüllen können. Ich dachte an Bernardo und Annunziata – bittere Tropfen, die meinen Augen entrollten, netzten meine Lippen, oder – vielleicht rührten sie auch von der See unter mir her, spritzte doch die Brandung hoch an die Mauer empor.

Am nächsten Morgen rollte ich mit dem Vetturino und seinen Fremden schon vor Tage von Terracina fort. An der Grenze machten wir Halt; der Morgen fing gerade an zu grauen. Alle verließen, weil unsere Pässe untersucht werden sollten, den Wagen. Jetzt sah ich mir meine Gesellschaft erst recht an. Zu derselben gehörte ein Mann von ungefähr dreißig und einigen Jahren, ziemlich blond und mit blauen Augen, welcher meine Aufmerksamkeit auf sich zog. Ich mußte ihn schon früher gesehen haben, aber wo, darauf konnte ich mich nicht besinnen. Die wenigen Worte, die ich ihn reden hörte, verrieten außerdem, daß er ein Fremder war.

Durch die Revision der Pässe wurden wir, da die meisten in fremden Sprachen geschrieben waren, welche die Soldaten nicht verstanden, lange aufgehalten. Der Fremde nahm inzwischen ein Buch mit reinen Blättern vor und nahm eine Skizze der Umgegend auf. Romantisch genug nahmen sich die hohen Türme mit dem Thore, durch welches die Landstraße geht, die malerischen Höhlen dicht daneben und im Hintergrund die kleine Stadt im Gebirge aus.

Ich trat näher hinzu und er machte mich darauf aufmerksam, wie hübsch die Ziegen in der größten Höhle gruppiert standen. In demselben Augenblicke sprangen sie empor; ein großes Reisbündel, welches in einer der kleineren Oeffnungen im untern Teil der Höhle lag und als Thüre diente, wurde fortgezogen und paarweise, gleich den Tieren, als sie Noahs Arche verließen, hüpften die Ziegen hinaus. Ein ganz kleiner Bauerjunge bildete den Schluß. Sein kleiner spitzer Hut mit grobem Bande, die zerrissenen Strümpfe und Sandalen, dazu der kurze braune Mantel, welchen er umgebunden hatte, gaben ihm ein malerisches Aussehen. Hoch oben sprangen die Ziegen zwischen den niedrigen Sträuchern. Der Knabe stellte sich auf ein Felsenstück, welches über die Höhle hervorragte, und betrachtete uns und namentlich den Maler, der ihn und seine ganze Umgebung abzeichnete.

»Maledetto!« hörten wir den Vetturino rufen und sahen ihn in voller Hast auf uns zukommen. Einer der Pässe war nicht in Ordnung. Ich fühlte, daß dies nur der meinige sein konnte, und das Blut stieg mir in die Wangen. Der Fremde schalt über die Unwissenheit der Soldaten; sie könnten nur nicht lesen, behauptete er, und wir folgten nun dem Vetturino in den einen der Türme hinauf, wo wir fünf bis sechs Menschen, halb über einen Tisch gestreckt fanden, welche die vor ihnen ausgebreiteten Pässe herauszubuchstabieren bemüht waren.

»Wer heißt Frederik?« fragte der Mächtigste unter den Mächtigen am Tische.

»Ich bin so frei,« erwiderte der Fremde, »mein Name ist Frederik, auf italienisch Federigo.«

»Also Federigo Sir?«

»O nein, das ist der Name meines Königs, welcher ganz oben auf dem Passe steht.«

»Ja so!« sagte der Mann und las langsam vor: Frederic Six par la grace de dieu roi de Danemarc, des Vandales, des Gothes – – aber was ist das?« unterbrach der Mann sich selbst, »Sind Sie ein Vandale? Das ist ja doch ein barbarisches Volk?«

»Ja,« erwiderte der Fremde lächelnd, »ich bin ein Barbar, der nach Italien gekommen ist, sich zu kultivieren. Unten steht mein Name, er lautet Frederik wie der meines Königs, Frederic oder Federigo.«

»Es ist ein Engländer!« sagte einer der Schreiber.

»O nein!« versetzte der andere, »du mischst alle Nationen untereinander; du kannst ja lesen, daß er von Norden stammt: es ist ein Russe!«

Federigo, Dänemark, die Namen schlugen wie ein Blitzstrahl in meine Seele. Es war ja der Freund meiner Kindheit, der Mieter meiner Mutter, er, mit welchem ich in den Katakomben gewesen war und der mir seine hübsche silberne Uhr geschenkt und die schönen Bilder gezeichnet hatte.

Der Paß war richtig, und die Grenzsoldaten sahen es doppelt ein, als er ihnen einen Paolo in die Hand steckte, damit sie uns nicht noch länger aufhielten.

Sobald wir draußen waren, gab ich mich ihm zu erkennen. Er war wirklich der, für den ich ihn gehalten, unser dänischer Federigo, welcher bei meiner Mutter gewohnt hatte. Er äußerte bei der Wiedererkennungsscene eine lebhafte Freude und nannte mich sogar seinen lieben kleinen Antonio. Da gab es beiderseitig tausenderlei Fragen und Erkundigungen. Er wechselte mit meinem früheren Nachbar im Kabriolett den Platz, und nun saßen wir zusammen; noch einmal drückte er meine Hände, lachte und scherzte.

Ich erzählte ihm in wenigen Worten meine Lebensbegebenheiten von meinem Aufenthalte bei Domenica bis zu der Zeit, wo ich Abbate wurde, machte dann einen Sprung und endete, ohne die letzten Begebenheiten zu berühren, mit dem kurzen Satze – »nun reise ich nach Neapel.«

Er erinnerte sich noch sehr gut des Versprechens, welches er mir gab, als wir uns zum letztenmal in der Campagna sahen, mich eines Tages nach Rom abzuholen, aber kurz darauf nötigte ihn ein Brief aus seinem Vaterlande, die lange Rückreise anzutreten, so daß es ihm unmöglich war sein Versprechen zu erfüllen. In der Heimat wuchs seine Liebe zu Italien mit jedem Jahre, sie trieb ihn jetzt zum zweitenmal hinaus. »Und nun genieße ich erst alles,« sagte er, »trinke so recht die Luft in großen Zügen und kenne jedes Plätzchen, wo ich früher gewesen bin. Hier winkt mir meines Herzens Vaterland, hier sind Farben, hier sind Formen. Italien ist das Füllhorn des Segens!«

Die Zeit und der Weg flogen mir in Federigos Gesellschaft schnell dahin, selbst der Aufenthalt bei dem Zollhause zu Fondi währte mir nicht zu lange. Er wußte an jedem Dinge das poetisch Schöne richtig aufzufassen, er wurde mir dadurch lieb und interessant, und war der beste Trostengel meines betrübten Herzen«.

»Dort liegt mein liebes schmutziges Itri!« rief er und zeigte auf das Städtchen vor uns. »Du wirst es kaum glauben, Antonio, aber ich habe mich im Norden, wo die Straßen so rein, so regelmäßig, so abgezirkelt sind, recht herzlich nach einer schmutzigen italienischen Stadt gesehnt; darin liegt etwas Charakteristisches, etwas, was einen Maler anziehen muß. Diese engen schmutzigen Straßen, die grauen unreinlichen Altane mit darauf aufgehängten Strümpfen und Unterröcken, die Fenster ohne Ordnung, eins oben, eins unten, einige groß, andere klein, hier eine vier bis fünf Ellen hohe Treppe, um bis zur Hausthüre emporklimmen zu können, in der eine Mutter vor ihrem Spinnrocken sitzt, und dann ein Citronenbaum mit großen gelben Früchten über die Mauer hervorragend, ja das kann ein Gemälde werden! Aber mit diesen kultivierten Straßen, wo die Häuser wie Soldaten stehen, wo Treppen und Erker beschnitten werden, da läßt sich nie etwas anfangen.«

»Hier ist Fra Diavolos Geburtsstadt!« rief man inwendig im Wagen, als wir in das enge schmutzige Itri, welches Federigo so malerisch schön fand, hineinrollten. Die Stadt liegt auf einem hohen Felsen dicht an dem tiefen Abgrund; die Hauptstraße war auf den meisten Stellen nur für einen einzigen Wagen hinreichend breit.

Das Erdgeschoß hatte bei den meisten Häusern keine Fenster, dafür war die Thüre desto größer und breiter, durch welche man wie in einen dunklen Keller hineinblickte. Wohin man sah, gewahrte man nichts als unreinliche Kinder und Frauen; alle streckten die Hand aus, um zu betteln. Die Frauen lachten und die Kinder schrieen und schnitten uns Gesichter. Man durfte nicht den Kopf zum Wagen hinausstecken, wollte man nicht Gefahr laufen ihn an den hervorspringenden Häusern zu zerschmettern. Auf einzelnen Stellen hingen die Altane so weit über uns fort, daß es uns vorkam, als führen wir durch einen Bogengang. Schwarze Wände erblickte ich auf beiden Seiten, der Rauch bahnte sich den Weg durch die offenen Thüren die rußigen Mauern hinauf.

»Es ist eine herrliche Stadt,« sagte Federigo und klatschte in die Hände.

»Ein Räubernest ist es, entgegnete der Vetturino, als wir das Thor passiert hatten. »Die halbe Bevölkerung hat die Polizei nach einer andern Stadt jenseits des Gebirges verpflanzt und andere hierher versetzt, aber es hilft nichts, aus allem, was in dieses Erdreich gestreut wird, geht Unkraut auf. Aber die Aermsten wollen ja auch leben.«

Die Lage hier an der großen Landstraße zwischen Rom und Neapel lud förmlich zur Räuberei ein; überall fanden sich Schlupfwinkel in den dichten Olivenwäldern, in den Berghöhlen, den cyklopischen Mauern und den vielen andern Ruinen.

Federigo machte mich auf einen freistehenden einsamen Mauerkoloß aufmerksam, der mit Geißblatt und Schlingpflanzen völlig überwuchert war. Es war Ciceros Grab; hier hatte der Mörder Dolch den Flüchtling getroffen, hier hatten sich die Lippen der Beredsamkeit in Staub verwandelt.

»Nach seiner Villa in Mola bi Gaeta wird uns der Vetturino fahren,« sagte Federigo. »Es ist das beste Wirtshaus und hat eine Aussicht, welche sich mit der Neapels messen kann.«

Wunderbar schön war die Gebirgsformation, üppig die Vegetation; nun rollten wir durch eine Allee von hohen Lorbeerbäumen, und das erwähnte Hotel lag vor uns. Der CamerieriDer Kellner stand schon mit der Serviette da und erwartete uns auf der breiten Treppe, wo Sträucher und Blumen prangten.

»Eccellenza, sind Sie es!« rief er, indem er einer etwas wohlbeleibten Dame aus dem Wagen half. Ich betrachtete sie: ihr Gesicht war schön, sehr schön, die kohlschwarzen Augen verkündigten gleich, daß sie Neapolitanerin war.

»Ach ja, ich bin es!« erwiderte sie. »Hier komme ich mit meinem Kammermädchen als Cicisbeo; das ist mein ganzes Gefolge, ich habe nicht einen einzigen meiner sonstigen männlichen Umgebung bei mir. Was sagt Er zu meinem Mute, so allein von Rom nach Napoli zu reisen?«

Wie eine Leidende warf sie sich auf das Sofa, stützte ihre Wange auf ihr kleines fleischiges Händchen und begann den Speisezettel zu studieren: »Brodetto, Cipollette, Facioli. – Er weiß, daß ich keine Suppe haben will; – nein, nein, mein Embonpoint soll nicht wie das castello dell' ovo werden. Ein wenig animelle dorate und einige Finocchi sind für mich hinreichend. Wir werden noch in Santa Agathe die eigentliche Mahlzeit einnehmen. – Ach, nun atme ich schon leichter!« fuhr sie fort und löste ihr Mantelband auf, »nun fühle ich meine neapolitanische Luft wehen! Bella Napoli!« rief sie, riß die nach dem Garten hinaus gelegene Altanthüre auf, breitete ihre Arme aus und sog die Luft in langen Zügen ein.

»Können wir Neapel schon sehen?« fragte ich.

»Noch nicht,« versetzte Federigo, »aber Hesperien, Armidas Zaubergarten.«

Wir traten auf die Loggia hinaus. Welch eine Pracht, reicher als sich die Phantasie vorzustellen vermag! Unter uns befand sich ein Wald von Citronen- und Apfelsinenbäumen, sie schienen mit Früchten überladen, die Zweige beugten sich unter ihrer goldnen Last zur Erde. Cypressen, riesenhoch, wie Norditaliens Pappeln, begrenzten den Garten. Doppelt dunkel nahmen sie sich gegen das helle himmelblaue Meer aus, welches sich hinter ihnen ausdehnte und auf der andern Seite der Gartenmauer mit seiner Brandung über die Trümmer von Bädern und Tempeln des Altertums hinschlug. Schiffe und Böte, mit großen weißen Segeln, glitten in die ruhige Bucht hinein, um welche sich GaetaHier begrub Aeneas seine Amme Cajeta, nach welcher die Stadt ihren Namen erhielt. mit seinen hohen Gebäuden ausdehnte. Ein kleiner Berg ragte über die Stadt empor, oben auf demselben lag eine Ruine.

Mein Auge war von der großen Schönheit wie geblendet.

»Siehst du, wie der Vesuv raucht!« rief Federigo und zeigte zur Linken, wo die Umrisse des Berges wie leichte Wolken, die auf dem unbegreiflich schönen Meere ruhten, hervordämmerten. Mit der Seele eines Kindes erfaßte ich die reiche Herrlichkeit, und Federigo war ebenso glücklich wie ich. Wir mußten hinab unter die hohen Apfelsinenbäume, und ich küßte die goldne Frucht, welche an den Zweigen hing, nahm einige von der großen Menge, die auf der Erde lagen, und ließ sie wie goldne Kugeln in der Luft spielen.

»Liebliches Italien!« jauchzte Federigo. »Ja, so stand dein Bild in dem hohen Norden vor mir! In meiner Erinnerung fächelte dieser Duft, den ich hier bei jedem Luftzuge atme. An deine Olivenwälder dachte ich, wenn ich unsere Weiden sah. Von der Orangen Fülle träumte ich, wenn ich die goldnen Aepfel im Garten des Bauern neben dem duftenden Kleefelde sah. Aber das grüne Wasser der Ostsee ward nie blau wie das schöne Mittelmeer. Des Nordens Himmel wurde nie so hoch, so farbenreich, wie im warmen, im wunderschönen Süden.« Seine Freude war Begeisterung, seine Rede wurde Poesie.

»Welche Sehnsucht erfüllte mich in der Heimat!« fuhr er fort. »Glücklicher ist, wer nie das Paradies sah, als derjenige, welcher in ihm wandelte und sich von ihm wandte, um nie zurückzukehren. Meine Heimat ist schön. Dänemark ist ein blühender Garten, es kann sich mit allem jenseits der Alpen messen; es hat Buchenwälder und das Meer. Was ist aber irdische Schönheit gegen himmlische! Italien ist das Land der Phantasie, das Land der Schönheit; doppelt glücklich, wer es wieder begrüßt!« – Und er küßte gleich mir die gelben Orangen, die Thränen rollten ihm die Wangen hinab, und er faßte mich um den Hals, seine Lippen brannten auf meiner Stirne. – Da öffnete sich auch mein Herz ihm vollkommen; er war mir ja nicht fremd, war der Freund meiner Kindheit. Ich erzählte ihm meines Lebens letzte große Begebenheit und fühlte mein Herz dadurch erleichtert, daß ich mich mitteilen, Annunziatas Namen laut nennen, mich über meinen Kummer und mein Unglück aussprechen konnte, und Federigo hörte mit der Teilnahme eines aufrichtigen Freundes zu. Ich erzählte von meiner Flucht, von dem Abenteuer in der Räuberhöhle, von Fulvia und was ich über Bernardos Heilung erfahren hatte. Still drückte er mir die Hand und schaute mir mit seinen hellblauen Augen teilnahmsvoll bis in die Seele. Ein unterdrückter Seufzer ließ sich plötzlich hinter der Hecke dicht neben uns vernehmen; aber die hohen Lorbeersträucher und die von ihren Früchten herabgebeugten Apfelsinenzweige verhüllten alles. Daran hatte ich nicht gedacht, daß dort jemand ganz gut konnte gestanden und meine Erzählung mit angehört haben. Wir schoben die Zweige zur Seite und dicht neben uns, vor dem Eingange zu den Trümmern von Ciceros Bade, saß die neapolitanische Signora und schwamm in Thränen.

»Ach, junger Herr!« rief sie, »ich bin ganz unschuldig daran. – Ich saß schon hier, als Sie mit Ihrem Freunde kamen; es ist hier so kühl und frisch, Sie sprachen so laut, und ich war mitten in der Geschichte, ehe ich nur merkte, daß sie ganz vertraulicher Natur war. – Sie hat mich tief gerührt. Sie dürfen nicht böse darüber werden, daß ich Mitwisserin geworden bin; meine Zunge ist stumm wie die des Todes.« – Verlegen verneigte ich mich vor der fremden Signora, die so in meines Herzens Geschichte eingeweiht worden war. Nachher suchte mich Federigo damit zu trösten, daß niemand wissen könnte, wozu das gut wäre. »In meinem Glauben an ein Fatum,« sagte er, »bin ich ein wahrer Türke; außerdem handelt es sich ja auch nicht um Staatsgeheimnisse, jedes Herz hat in seinem Archive dergleichen traurige mémoires. Vielleicht war es ihre eigne Jugendgeschichte, welche sie aus der deinigen heraushörte. Ich bin davon überzeugt, denn die Menschen haben selten Thränen für den Kummer anderer, wenn er nicht einen ähnlichen bei ihnen selbst berührt. Wir sind alle ohne Ausnahme Egoisten, sogar in unserer größten Trauer, unserm tiefsten Kummer.«

Wir stiegen wieder ein und fuhren weiter. Die ganze Gegend weit und breit nahm an Ueppigkeit zu. Mannshoch wuchs dicht am Wege die breitblättrige Aloe, überall zur Einfriedigung der Gärten und Aecker benutzt. Die großen Trauerweiden schienen mit ihren hinabhängenden schwankenden Zweigen ihren eigenen Schatten auf der Erde zu küssen.

Bei Sonnenuntergang passierten wir den Fluß Garigliano, wo einst das alte Minturna lag. Ich sah in ihm nur den gelb dahinfließenden Liris, mit Schilf umwachsen, wie damals, als sich hier Marius vor dem grausamen Sulla verbarg. Aber wir hatten bis Santa Agathe noch weit, die Dunkelheit brach ein, und Signora wurde aus Angst vor den Räubern sehr unruhig und guckte beständig hinaus, ob uns auch niemand das Gepäck vom Wagen schnitte. Vergebens peitschte der Vetturino seine Pferde und stieß sein maledetto aus; aber die schwarze Nacht rollte schneller als er. Endlich sahen wir Licht vor uns; wir waren in Santa Agathe.

Signora war während der Abendmahlzeit merkwürdig still, aber es entging mir nicht, wie ihr Blick auf mir ruhte, und als ich am nächsten Morgen kurz vor der Abreise aus meinem Zimmer kam, um mein Glas KaffeeIn Italien trinkt man den Kaffee nicht aus Tassen, sondern aus Biergläsern. zu trinken, schritt sie mir mit großer Liebenswürdigkeit entgegen. Wir waren ganz allein, sie reichte mir die Hand und sagte gutmütig und vertraulich: »Sie sind mir doch nicht böse? ich schäme mich recht vor Ihnen, und doch ging alles so unschuldig zu.«

Ich beruhigte sie und versicherte, ich verließe mich völlig auf ihr weibliches Gefühl und ihre Verschwiegenheit.

»Sie kennen mich noch nicht,« sagte sie,, »aber vielleicht werden wir näher miteinander bekannt. Möglicherweise kann Ihnen jetzt, wo Sie nach einer großen fremden Stadt kommen, mein Mann von Nutzen sein. Sie müssen mich und ihn besuchen. Sie haben wohl keine Bekanntschaften, und ein junger Mann kann sich so leicht in der Wahl irren.«

Herzlich dankte ich ihr für ihre Teilnahme, die mich wirklich rührte; überall findet man doch gute Menschen.

»Napoli ist eine gefährliche Stadt,« sagte sie, aber Federigo trat herein und unterbrach uns.

Bald saßen wir wieder im Wagen, die Glasfenster waren herabgelassen, wir waren jetzt alle schon bekannter miteinander und näherten uns unserm gemeinsamen Ziele, Neapel. Federigo war über die malerischen Gruppen, denen wir begegneten, entzückt. Frauen in roten Röcken, welche sie über den Kopf gezogen hatten, ritten auf Eseln vorüber; ein kleines Kind lag saugend an der Mutter Brust oder ein etwas größeres schlief in einem Korbe zu ihren Füßen. Eine ganze Familie ritt auf einem Pferde; die Frau saß hinter ihrem Manne, legte ihren Arm und Kopf auf seine Schulter und schien zu schlafen; der Mann hatte ihren kleinen Jungen, welcher mit der Peitsche spielte, vor sich; es war eine Gruppe, wie sie Pignelli in seinen reizenden Scenen aus dem Volksleben dargestellt hat.

Die Luft war grau, es regnete ein wenig; wir konnten weder den Vesuv noch Capri sehen. Das Korn stand auf dem Felde unter den hohen Fruchtbäumen und Pappeln, an denen sich der Wein emporrankte, saftig grün.

»Sehen Sie?« sagte die Signora; »unsere Campagna ist eine vollständige Tafel, mit Brot, Wein und Obst gedeckt, und bald werden Sie unsere lustige Stadt und das wogende Meer erblicken.«

Gegen Abend langten wir daselbst an. Die prächtige Toledostraße lag vor uns; ja was war das für ein Korso!Die Hauptstraße, welche in Rom und Milano Korso, in Palermo Cassaro genannt wird, heißt in Neapel: Toledo. Helle Läden, Tische vor denselben, mit Orangen und Feigen bedeckt und von Lampen und bunten Laternen beleuchtet. Die Straße nahm sich mit ihren unzähligen Lichtern in freier Luft wie ein einziger Lichtstrom aus. Auf beiden Seiten hohe Häuser, mit Altanen vor jedem Fenster; Damen und Herren standen auf denselben, als wäre es noch ein lustiger Karneval. Ein Wagen jagte an dem andern vorbei; bald strauchelten die Pferde auf den glatten Lavafliesen, mit denen die Straße gepflastert war, bald kamen kleine zweirädrige Kabriolette. Fünf bis sechs Personen saßen in dem kleinen Wagen, zerlumpte Jungen hintendrauf, und unten in dem schaukelnden Netze lag noch zum Ueberflusse ein halb nackter Lazzaroni in süßer Seelenruhe; ein einziges Pferd zog die ganze Menge und doch ging es in Galopp. Vor einem Eckhause war ein Feuer angezündet; zwei halbnackte Kerle nur in Schwimmhosen und einer Weste, die mit ihrem einzigen Knopfe über der Brust zugeknöpft war, lagen an demselben und spielten Karte. Leierkasten und Drehorgeln spielten, Frauenzimmer sangen dazu, alle schrieen, alle liefen durcheinander: Soldaten, Griechen, Türken und Inglesi. Ich fühlte mich in eine ganz andere Welt versetzt; ein südlicheres Leben, als ich bisher gekannt hatte, wehte mir entgegen. Signora klatschte aus Begeisterung über ihr lustiges Neapel in die Hände; Rom war ein Grab gegen ihre lachende Stadt.

Wir bogen in den Largo del CastelloEiner der größten Plätze in Neapel; er geht bis zum Hafen hinab. ein: derselbe Lärm, dasselbe Volksgewühl empfing uns. Ringsumher befanden sich hell erleuchtete Theater mit bunten Gemälden, welche die Hauptscene des Stückes, das gespielt wurde, darstellten. – Von einer hohen Tribüne herab suchte eine Bajazzofamilie das Publikum anzulocken: die Frau rief aus, der Mann blies die Trompete, und das kleinste Kind prügelte sie alle beide mit einer mächtigen Reitpeitsche, während unten ein kleines Pferd auf den Hinterbeinen stand und aus einem aufgeschlagenen Buche las. – Ein Mann stand und focht mit den Händen umher und sang mitten unter einem Haufen Matrosen, die zusammengekauert dasaßen; es war ein Improvisator. Ein alter Mann las aus einem Buche, dem Orlando Furioso, wie man mir sagte, laut vor. Gerade als wir vorüberfuhren, klatschten seine Zuhörer Beifall.

»Monte Vesuvio!« hörte ich die Signora rufen, und nun sah ich am Ende des Platzes, dort wo der Leuchtturm steht, den Vesuv hoch in die Luft ragen, und die feuerrote Lava wälzte sich wie ein Blutstrom an einer Seite herab. Ueber dem Krater schwebte eine von der glühenden Lava rot angehauchte Wolke; aber nur einen einzigen Augenblick erblickte ich dies großartige Bild. Der Wagen rollte mit uns über den Platz, nach dem Hotel Casa tedesca. Dicht neben demselben lag ein kleines Marionettentheater; ein kleineres war vor demselben errichtet, in welchem Polichinel lustige Sprünge machte, jammerte, weinte und seine komischen Reden hielt. Ueberall ließ sich fröhliches Gelächter vernehmen. Nur wenige beachteten den Mönch, der an der gegenüberliegenden Ecke stand und von einer der hervorspringenden steinernen Treppen herabpredigte. Ein alter breitschultriger Mann, welcher wie ein Schiffer aussah, hielt das Kreuz mit der Figur des Erlösers. Mit blitzenden Augen sah der Mönch die hölzernen Puppen des Marionettenspielers an, die die Aufmerksamkeit des Volkes von seiner Rede abzogen.

»Ist dies Fastenzeit!« hörte ich ihn rufen. »Ist dies die dem Himmel geweihte Zeit! Die Zeit, in welcher wir uns demütigen, unser Fleisch kasteien, in Sack und Asche einherwandeln sollen! Für euch ist alle Zeit Karneval, bei Tag und Nacht, jahraus jahrein, bis ihr dahinfahrt in den Abgrund der Hölle. Dort könnt ihr dann winseln, dort könnt ihr dann heulen, tanzen und Festino feiern, in der Hölle ewigem Pfuhl und Pein!«

Seine Stimme hob sich mehr und mehr; der weiche neapolitanische Dialekt erklang in meinem Ohr wie wogende Verse, die Worte verschmolzen melodisch ineinander. Je mehr sich aber seine Stimme steigerte, desto lauter schrie auch Polichinel und machte doppelt so lustige Sprünge, welchen das Volk applaudierte. Da nahm der Mönch in heiliger Wut dem Manne, welcher bis jetzt das Kreuz gehalten hatte, dasselbe aus der Hand, stürzte sich damit unter das Volk und zeigte den Gekreuzigten, indem er rief: »Seht, das ist der wahre Polichinel! Ihn sollt ihr sehen! Ihn sollt ihr hören! Deshalb erhieltet ihr Augen und Ohren! Kyrie eleison!« Und von dem Anblicke des heiligen Zeichens ergriffen, stürzte die ganze Menge auf die Kniee und stimmte in das Kyrie eleison ein. Selbst der Marionettenspieler ließ seinen Polichinel sinken. Ich stand, von der Scene wunderbar ergriffen, neben unserm Wagen.

Federigo mußte der Signora einen Wagen herbeischaffen, damit sie nach Hause kommen konnte. Sie reichte ihm die Hand zum Danke, schlang aber ihre Arme um meinen Hals, ich fühlte einen brennend heißen Kuß auf meinen Lippen und hörte sie sagen: »Willkommen in Neapel!« Aus dem Wagen, welcher mit ihr davon rollte, warf sie mir noch Kußfinger zu. Wir begaben uns in das Hotel nach den Zimmern hinauf, welche uns der Camerieri anwies.

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