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Der Improvisator

Hans Christian Andersen: Der Improvisator - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleDer Improvisator
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080616
projectid89fc53d7
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Die Bauern von Rocca del Papa. Die Räuberhöhle. Meines Lebens Parze.

Sie liebt Bernardo! klang es in meinem Herzen; das war der Todespfeil, der Gift in all mein Blut goß, mich vorwärts trieb und selbst die Stimme betäubte, welche unaufhörlich rief: Du hast deinen Freund und Bruder getötet.

Instinktmäßig brach ich durch Gestrüpp und Gebüsch und kletterte über die Mauern, welche die Weingärten auf dem Berge einfriedigten. Die Peterskirche strahlte hoch in der Luft; so flammte es auch auf Kains und Abels Altären, als der Mörder floh.

Mehrere Stunden wanderte ich ununterbrochen vorwärts; ich machte erst vor der gelben Tiber halt, die mir den Weg versperrte. Von Rom bis zum Mittelländischen Meere hinab hätte ich weder eine Brücke noch ein Boot finden können, um auf die andere Seite zu gelangen. Das unerwartete Hindernis war ein Messerschnitt, der auf einen Augenblick den Wurm, welcher an meinem Herzen nagte, zerschnitt; aber bald wuchs er wieder zusammen, und ich fühlte mein ganzes Unglück doppelt.

Nur wenige Schritte von mir entfernt lag eine Grabruine; dem Umfange nach war sie größer als diejenige, in welcher ich als Kind bei der alten Domenica gelebt hatte, aber sie war ungleich verfallener. An den herabgestürzten Steinblöcken waren drei Pferde angebunden; sie verzehrten das Heubündel, welches ihnen an der Brust hing.

Der Eingang zur Grabesstube führte einige Stufen hinab; im Innern brannte ein Feuer. Zwei vierschrötige Bauern in Schafpelzen, bei welchen die Wolle nach außen gekehrt war, und mit großen Stiefeln und einem spitzen Hute, an welchen ein Marienbild geheftet war, streckten sich um das Feuer und rauchten aus ihren kurzen Pfeifen. Eine kleinere Gestalt, in einen großen grauen Mantel eingehüllt und mit einem breiten tief hinabgezogenen Hute lehnte sich an eine Mauer, indem sie aus einer Fogliette auf baldiges fröhliches Wiedersehen trank. Kaum hatte ich die ganze Gruppe überschaut, als ich auch schon entdeckt war. Sie ergriffen ihre Gewehre, die neben ihnen lagen, als befürchteten sie einen Ueberfall, und traten mir rasch entgegen.

»Was suchen Sie hier?« fragten sie.

»Ein Boot, um über die Tiber zu kommen,« erwiderte ich.

»Da können Sie lange suchen! Hier geht weder eine schwimmende Brücke noch eine Fähre hinüber, wenn man sie nicht selbst mit sich führt.«

»Aber,« fuhr der eine fort, während er mich vom Kopf bis zu den Füßen mit den Blicken maß, »Sie sind weit von der Landstraße abgekommen, Signore, und es ist in der Nacht hier nicht sicher. De Cesaris Bande soll noch lange Wurzelfasern haben, obgleich der heilige Vater so fleißig den Spaten gebraucht hat, daß ihm vielleicht seine eigenen Arme noch wehe thun.«

»Sie sollten,« sagte der andere, »sich eine kleine Waffe mitgenommen haben! Sehen Sie, das haben wir gethan, eine Flinte mit dreifachem Lauf und eine Pistole im Gürtel, wenn die Flinte versagen sollte.«

»Ja, und ich habe ein ganz allerliebstes Taschenmesser mitgenommen,« sagte der erste und zog aus dem Gürtel einen scharfen blanken Dolch, mit dem er in der Hand spielte.

»Stecke ihn wieder in die Scheide, Emidio! Der fremde Signore wird mir so bleich. Der junge Mann kann so scharfe Waffen nicht vertragen. Die ersten besten Gauner werden ihm seine paar Scudi abnehmen. Mit uns werden sie nicht so leicht fertig werden. Wissen Sie was,« sagte der Mann zu mir, »geben Sie uns Ihr Geld zur Aufbewahrung, Sie können versichert sein, daß es da besser aufgehoben ist.«

»Alles was ich habe, können Sie nehmen,« erwiderte ich, des Lebens überdrüssig und vor Kummer wie stumpfsinnig. »Große Summen werden Sie nicht bekommen.« Es war mir nur zu klar, in was für Gesellschaft ich geraten war. Schnell griff ich in meine Tasche, in welcher sich, wie ich wußte, noch zwei Scudi befanden, fand aber zu meiner Verwunderung eine Börse darin. Ich zog sie heraus, es war eine weibliche Arbeit. Ich hatte sie früher in den Händen der alten Gesellschafterin Annunziatas bemerkt. Sie mußte sie mir in den letzten Augenblicken in die Tasche gesteckt haben, damit ich auf meiner unglücklichen Flucht einen Notpfennig hätte. Alle Drei griffen nach der gefüllten Börse, ich schüttete ihren Inhalt auf den flachen Stein vor dem Feuer.

»Gold und Silber!« riefen sie, als die blanken Louisdore zwischen den Piastern hindurch blinkten. »Es wäre Sünde, wenn das edle Metall in Räuberhände fallen sollte.«

»Töten Sie mich nun,« sagte ich, »wenn es Ihre Absicht ist! Dann haben alle meine Leiden ein Ende.«

»Madonna mia!« rief der erste, »was denken Sie von uns? Wir sind ehrliche Bauern aus Rocca del Papa. Wir schlagen keinen christlichen Bruder tot. Trinken Sie einen Schluck Wein mit uns, und erzählen Sie uns, was Sie zu dieser Reise bewogen hat!«

»Das bleibt mein Geheimnis,« sagte ich und griff nach dem Weine, welchen man mir reichte, denn meine Lippen brannten nach einem Labetrunk.

Sie flüsterten einander einige Worte ins Ohr; der Mann mit dem breiten Hute erhob sich nun, nickte den andern vertraulich zu, sah mir spöttisch ins Gesicht und sagte: »Ihr werdet nach dem warmen lustigen Abend eine kalte Nacht haben.« Er ging, und bald hörten wir ihn über die Campagna traben.

»Sie wollten ja über die Tiber?« sagte der eine. »Kommen Sie nicht mit uns, dann werden Sie lange warten können. Setzen Sie sich zu mir aufs Pferd, denn wahrscheinlich werden Sie noch weniger Lust haben, sich an dem Schwanze desselben haltend hinterher zu schwimmen.«

Sicher war ich auf dieser Stelle nicht; ich fühlte, meine Heimat war fortan unter den Geächteten. Der Mann half mir auf das starke feurige Pferd, stieg darauf selbst auf und nahm den Vordersitz ein.

»Lassen Sie mich nun diesen Strick um Sie schlingen,« sagte er, »sonst gleiten Sie hinab und sind verloren!« Darauf legte er mir einen starken Strick fest um Arme und Brust und schlang ihn dann um sich selbst, so daß wir Rücken gegen Rücken saßen. Es war mir rein unmöglich die Hände zu bewegen. Langsam und mit dem Fuße vor sich hertastend ging das Pferd in den Strom, bald stieg ihm das Wasser bis an den Bauch. Kräftig arbeitete es sich bis an das entgegengesetzte Ufer hinüber. Sobald wir dort angelangt waren, löste der Mann den Strick, der mich an ihm festhielt, aber nur um mich noch fester an den Sattelgurt zu binden.

»Sie könnten stürzen und sich den Hals brechen,« sagte er; »halten Sie sich nur fest, denn nun reiten wir quer durch die Campagna.« Er drückte dem Pferde die Fersen in die Seite, der andere machte es ihm nach, und nun jagten sie wie zwei wohlgeübte Reiter über die große öde Ebene dahin. Ich hielt mich mit Händen und Füßen fest. Der Wind spielte mit des Mannes langem schwarzem Haare, welches mir um die Wangen flatterte. Wir jagten an zusammengestürzten Gräbern vorüber, ich sah die zertrümmerten Wasserleitungen und den Mond, der sich blutrot über dem Horizonte erhob, während leichter weißer Nebel an uns vorüber flog.

Daß ich Bernardo getötet hatte, daß ich von Annunziata und meiner Heimat geschieden war und nun in wilder Flucht über die Campagna flog, an eines Räubers Pferd gebunden – alles schien mir wie ein Traum, ein schrecklicher Traum. O daß ich bald erwachen und dieses Schreckensbild möchte verschwinden sehen! Ich drückte meine Augen zu und fühlte nur den kalten Wind vom Gebirge her mir um die Wangen blasen.

»Nun sind wir bald unter Großmutters Schürze,« sagte der Reiter, als wir das Gebirge erreichten. »Haben wir nicht ein gutes Pferd? Es hat heuer aber auch St. Antonii Segen erhalten. Mein Junge hat es mit seidenen Bändern ausgeputzt, es bekam Bibel und Weihwasser, und weder der Teufel noch der böse Blick wird ihm in diesem Jahre den Rest geben können.«

Die Morgendämmerung zeigte sich bereits am Horizonte, als wir einen Gebirgspfad einschlugen.

»Es beginnt schon hell zu werden,« sagte der andere Reiter; »Signore könnte schlimme Augen bekommen, ich will ihm einen Sonnenschirm geben,« und mit diesen Worten warf er mir ein Tuch über den Kopf und band es so fest, daß ich auch nicht das Geringste unterscheiden konnte. Meine Hände waren gebunden, ich befand mich völlig in ihrer Gewalt, aber in meinem Kummer fügte ich mich in alles. Ich merkte, daß wir aufwärts ritten, aber bald ging es wieder abwärts. Zweige und Sträucher schlugen mir ins Gesicht; wir waren auf einem völlig ungebahnten Wege. Endlich mußte ich absteigen, sie führten mich, aber kein Wort wurde gesprochen. Nun ging es durch eine enge Oeffnung eine Treppe hinab. Meine Seele war mit sich selbst zu beschäftigt gewesen, um zu bemerken, nach welcher Richtung zu man mit mir ins Gebirge gezogen war, doch sehr tief konnten wir nicht eingedrungen sein. Erst mehrere Jahre später wurde mir die Stelle bekannt; mancher Fremde hat sie besucht, und mancher Maler sie in Formen und Farben wiedergegeben. Wir waren bei dem alten Tusculum. Hinter Frascati, wo die Berghalde mit Kastanienwäldern und hohen Lorbeersträuchern bewachsen ist, liegen noch jetzt diese altertümlichen Ruinen. Hoher Weißdorn und wilde Rosen überwucherten die Stufen des Amphitheaters. Auf mehreren Stellen des Berges sind tiefe Höhlen, gemauerte Gewölbe, von dem üppigen Grase und Gebüsch fast ganz versteckt. Jenseits des Thales erheben sich die hohen Abruzzen, welche die Sümpfe begrenzen und der ganzen Landschaft eine mächtige Wildheit verleihen, die hier auf den letzten Ueberresten einer der Städte des Altertums doppelt ergreifend ist. Durch eine der Oeffnungen im Berge, von herabhängendem Immergrün und Schlinggewächsen halb verhüllt, führte man mich. Wir machten Halt; ich hörte ein leises Pfeifen und gleich darauf das Geräusch einer sich öffnenden Luke oder Thür. Wieder stiegen wir einige Stufen tiefer, nun vernahm ich mehrere Stimmen, man nahm mir die Binde von den Augen, und ich sah mich in einem geräumigen Gewölbe. Kräftig gebaute Männer, gleich meinen Begleitern in langen Schafpelzen, saßen um einen langen hölzernen Tisch, auf welchem zwei Messinglampen mit mehreren Flammen brannten, die ihre finstern ausdrucksvollen Züge hell beleuchteten, und spielten Karte; vor ihnen standen mehrere Flaschen Wein. Meine Ankunft weckte durchaus keine Verwunderung; man machte mir am Tische Platz und reichte mir den Becher und ein Stück ihres Salamis, während sie untereinander in einem Dialekte sprachen, welchen ich nicht verstand; aber ihr Gespräch schien mich durchaus nicht zu betreffen. – Ich fühlte keinen Hunger, nur einen brennenden Durst, und trank deshalb den Wein. Mein Auge glitt über die Wände hin; überall entdeckte ich Gewehre und Kleidungsstücke. In einer Ecke des Gewölbes befand sich eine Vertiefung; an der Decke derselben hingen zwei Hasen, denen das Fell halb abgezogen war, aber unter ihnen gewahrte ich noch ein Wesen. Eine alte magere Frau von wunderbar gerader, fast jugendlicher Haltung saß unbeweglich an ihrer Spindel und spann Flachs. Ihr silberweißes Haar hatte sich aufgelöst und floß über die eine Wange und rund um den bräunlichen Hals hinab; ihr schwarzes Auge ruhte ununterbrochen auf dem Flachsrocken. Es war das lebendige Bild einer der Parzen. Vor ihren Füßen lagen eine Menge glimmender Kohlen, als ob sie einen magischen Kreis bildeten, der sie von dieser Welt ausschlösse.

Lange wurde ich jedoch nicht mir selbst überlassen, man stellte eine Art Examen mit mir über meinen Stand, meine Vermögensverhältnisse und Familie an. Ich sagte ihnen, daß sie alles, was ich besäße, schon genommen hätten, daß ihnen, wenn sie etwa ein Lösegeld für mich forderten, niemand in Rom auch nur einen Scudo geben würde, und daß ich ein armer Vogel wäre, der sich lange mit dem Gedanken getragen hätte, nach Neapel zu reisen, um mein Talent als Improvisator geltend zu machen. Ich verbarg ihnen nicht den eigentlichen Grund meiner Flucht, jenen zufällig losgegangenen Schuß, doch ohne die näheren Umstände zu erwähnen. »Das einzige Lösegeld, welches Sie für mich erhalten,« sagte ich, »ist das, welches Ihnen die Gerechtigkeit giebt, wenn Sie mich ihr ausliefern. Thuen Sie es, in meiner Lage und Stimmung habe ich selbst keinen bessern Wunsch.«

»Das ist ja ein merkwürdiger Wunsch,« sagte der eine der Männer. »Sie haben doch gewiß in Rom so ein liebes Püppchen, welches seine goldnen Ohrringe für Ihre Freiheit hingiebt. Es wird Ihnen immer noch unbenommen bleiben, in Neapel zu improvisieren. Wir sind die Männer dazu, Sie sicher über die Grenze zu schaffen. Oder soll etwa Ihr Lösegeld in dem Handgelde auf unsere Brüderschaft bestehen, so ist hier gleichfalls meine Hand. Sie müssen wissen, daß Sie unter ehrliche Leute geraten sind. Um aber meine Vorschläge besser überlegen zu können, so suchen Sie jetzt erst Stärkung im Schlafe, hier ist das Bett und Sie sollen ein Deckbett erhalten, welches Wintersturm wie Sciroccoregen ausgehalten hat: meinen braunen Mantel dort am Rechen.« Er warf ihn mir zu, zeigte auf die Strohmatte vor dem Ende des Tisches und verließ mich, indem er das albanische Volkslied »discendi o mia bettina« anstimmte.

Ich warf mich, ohne an Ruhe zu denken, auf das Lager. Alle die letzten Begebenheiten schwebten wie häßliche Schreckbilder vor meiner Seele, doch schlossen sich dessenungeachtet meine Augen. Meine körperliche Kraft war völlig erschöpft, ich schlief den ganzen Tag fest und tief.

Als ich wieder erwachte, fühlte ich mich wunderbar gestärkt. Alles, was meine Seele erschüttert hatte, erschien mir jetzt wie ein Traum, aber mein Aufenthaltsort, die finstern Gesichter ringsumher, sagten mir nur zu bald, daß meine Erinnerungen die nackte Wirklichkeit waren.

Ein Fremder, mit Pistolen im Gürtel und den langen grauen Mantel lose über die eine Schulter gehängt, saß rittlings auf der Bank und befand sich in tiefem Gespräche mit den andern Räubern. In der Ecke des Gewölbes saß noch die alte mulattenfarbige Frau und spann nach wie vor an ihrem Spinnrade, ein Bild, auf dunklem Grunde gemalt. Frische Kohlen lagen auf den Fliesen vor ihr und verbreiteten Wärme. »Der Schuß ist ihm durch die Seite gegangen!« hörte ich den Fremden erzählen; »etwas Blut hat er verloren, aber in einem Monat ist alles vorbei!«

»Ei, Signore!« rief mein Entführer, als er mich wach sah, »ein zwölfstündiger Schlaf ist ein gutes Kopfkissen. Na, Gregorio bringt Neuigkeiten von Rom, welche Ihnen gewiß Freude machen werden. Sie haben dem hohen Senate arg auf die Schleppe getreten. Ja, ja, Sie sind es! Alle Umstände treffen zusammen. Sie haben ja dem Brudersohne des Senators auf den Pelz gebrannt. Es war ein kühner Schuß.«

»Ist er tot?« war alles, was ich hervorzustammeln vermochte.

»Nein, nicht so ganz!« erwiderte der Fremde, »und stirbt diesmal auch noch nicht. Wenigstens sagt es der Doktor. Die fremde schöne Signora, welche wie eine Nachtigall singen soll, wachte die ganze Nacht an seinem Bette, bis der Doktor versicherte, sie könnte ruhig sein, es wäre durchaus keine Gefahr vorhanden.«

»Sie haben sowohl nach seinem wie nach ihrem Herzen fehl geschossen! Lassen Sie die Vögel fliegen, sie bilden ein Paar, und bleiben Sie bei uns! Unser Leben ist lustig und frei, Sie können ein kleiner Fürst werden, und die Gefahr ist dabei nicht größer als diejenige, welche an einer jeden Krone hängt. Wein sollen Sie bekommen, Abenteuer und hübsche Mädchen für die eine, die Sie getäuscht hat. Besser ist es, das Leben in einem lustigen Zuge zu trinken, als es in Tropfen zu saugen.«

»Bernardo lebt! Ich bin nicht sein Mörder!« der Gedanke goß neues Leben in meine Seele, aber den Schmerz über Annunziatas Verlust konnte er doch nicht lindern. Ruhig und bestimmt antwortete ich dem Manne, daß sie mit mir nach Gutdünken verfahren könnten. Meine Natur, meine ganze Erziehung und Anschauung verböten mir in eine andere Verbindung mit ihnen zu treten als diejenige, in welche mich der Zufall geführt hätte.

»Sechshundert Scudi sind die geringste Summe, welche Ihnen Ihre Freiheit wiedergiebt,« sagte der Mann mit finsterm Ernst; »sie sind innerhalb sechs Tagen da, oder Sie sind der Unsrige! Tot oder lebendig! Ihr hübsches Gesicht, meine Freundlichkeit gegen Sie, hilft nichts. – Ohne die sechshundert Scudi haben Sie nur die Wahl zwischen der Brüderschaft mit uns oder der Brüderschaft mit den vielen, die sich Arm in Arm unten im Brunnen küssen. Schreiben Sie an Ihren Freund oder an die schöne Sängerin, im Grunde genommen müssen sie Ihnen doch dankbar sein, da Sie es zu einer Erklärung zwischen ihnen gebracht haben. Sie bezahlen die elende Summe für Sie gewiß gern. Für so billigen Preis ist noch niemand von unserm Wirtshause abgereist. Denken Sie nur,« fuhr er lachend fort, »Sie hatten freie Beförderung bis hierher, und nun noch Kost und Nachtlager sechs ganze Tage lang! Niemand kann sagen, daß es unbillig ist.«

Meine Antwort blieb dieselbe.

»Trotzkopf!« sagte er, »das gefällt mir von dir, und das will ich in dem Augenblicke bekennen, wo ich dir die Kugel ins Herz schieße. Unser leichtes keckes Leben muß eine jugendliche Seele entzücken, und du bist ein Dichter, Improvisator, dich sollte unser kecker Kampf ums Dasein nicht mit fortreißen? Wenn ich dich bäte »die stolze Kraft zwischen den Felsen« zu besingen, müßtest du dann das Leben, das du jetzt herabzusetzen scheinst, nicht rühmen und erheben? Trinke den Becher aus und laß uns deine Kunst hören, du sollst uns schildern, was ich dir soeben sagte, die stolze Kraft, wie die Berge sie sahen, und thust du es als Meister, so lege ich der dir gegebenen Frist noch einen Tag zu.« – Er reichte mir die Zither, welche an der Wand hing, und die Räuber scharten sich, mit der Aufforderung zu singen, um mich.

Einige Augenblicke überlegte ich. Vom Walde, von den Felsen sollte ich singen, ich, der ich mich eigentlich nie zwischen denselben befunden hatte; meine Wanderung in der vorigen Nacht hatte ja mit verbundenen Augen stattgefunden, und während meines Aufenthaltes in Rom besuchte ich nur den Pinienwald bei der Villa Borghese und Villa Pamfili. Das Gebirge hatte mich zwar, als ich noch klein war, beschäftigt, gesehen hatte ich es aber nur von Domenicas Hütte aus. Ein einziges Mal hatte ich mich in demselben befunden, auf jener unglücklichen Reise nach Genzano zum Blumenfeste. Des Waldes Dunkelheit und Stille lag in dem Bilde, welches sich meine Erinnerung von jener Wanderung unter den hohen Platanen am See Nemi her, wo wir jenen Abend Kränze gewunden, gebildet hatte. Ich sah es deutlich wieder, Ideen erwachten in meiner Seele. In halb so kurzer Zeit, als ich jetzt zum Erzählen gebrauche, bewegten sich alle diese Bilder lebendig vor mir. Ich griff einige Accorde und die Gedanken verwandelten sich in Worte, die Worte in wogende Verse. Ich schilderte den tiefen See, vom Walde eingeschlossen, und die Felsen, welche sich über demselben hoch bis zu den Wolken erheben. In dem Adlerneste saß die Adlermutter und lehrte die Jungen die Kraft ihrer Schwingen versuchen, übte ihren stolzen Blick, indem sie sie in die Sonne schauen ließ. »Ihr seid die Könige der Vögel, scharf ist euer Auge, stark sind eure Fänge. Flieget aus von eurer Mutter, mein Blick wird euch folgen, und singen wird mein Herz, wie des Schwanes Zunge, wenn der Tod ihn küßt, singen das Lied von der »stolzen Kraft!« Und die Jungen flogen vom Neste aus; das eine flog nur auf die nächste Felsenspitze und saß still, das Auge auf die Strahlen der Sonne gerichtet, als ob es ihre Flammen einsaugen wollte; aber das andere schwang sich kühn in großen Kreisen hoch über die Wälder und den tiefliegenden See. In der Wasserfläche spiegelte sich der den See begrenzende Wald und der blaue Himmel. Ein ungeheurer Fisch lag unbeweglich wie ein Stück Rohr dicht unter der Oberfläche. Mit Blitzesgeschwindigkeit stürzte sich der Adler auf seine Beute hinab; schlug seine scharfen Klauen in den Rücken derselben, und die Mutter bebte vor Freude. Aber Fisch und Vogel waren von gleicher Kraft. Die scharfen Fänge saßen zu fest, um sich wieder losreißen zu können, und der Kampf begann, so daß der stille See zitternd mächtige Ringe bildete. Einen Augenblick wurde es wieder ruhig, die großen Flügel lagen wie die Blätter der Lotusblume auf dem See ausgebreitet. Da schlugen sie plötzlich in die Höhe, ein eigentümlich krachender Ton ließ sich vernehmen, der eine Flügel sank hinab, während der andere den See zu Schaum peitschte und verschwand: – Fisch und Vogel versanken in die Tiefe. Da stieß die Mutter einen Jammerschrei aus und wandte ihr Auge wieder nach dem andern Sohne, der oben auf dem Felsen zaudernd gesessen hatte und nun verschwunden war; aber zur Sonne empor sah sie einen kohlschwarzen Punkt steigen und in den Strahlen derselben verschwinden; und ihr Herz erbebte vor Lust und sie besang die stolze Kraft, die erst am Ziele ihres Strebens sich so herrlich entfaltete.

Mein Gesang war zu Ende, ein lautes Beifallsklatschen begrüßte mich, aber mein Auge war unverwandt auf die alte Frau im Winkel gerichtet. Mitten unter meinem Gesange sah ich ja, wie sie die Spindel sinken ließ, und den finstern scharfen Blick auf mich heftete. Gerade das war die Veranlassung, daß sich jene Jugendscene, die ich in meinem Liede geschildert hatte, vor meinem Geiste zu erneuern schien. Sie stand auf und trat nun raschen Schrittes auf mich zu, indem sie rief: »Du hast dir dein Lösegeld ersungen! – Der Töne Klang ist stärker als der des Goldes. Ich bemerkte den Glücksstern in deinem Auge, als Fisch und Vogel untergingen, um auf dem tiefen Grunde zu sterben. – Fliege zur Sonne empor, mein mutiger Adler! Die Alte sitzt im Neste und freut sich deines Fluges. Niemand soll dir die Flügel binden.«

»Weise Fulvia!« sagte der Räuber, welcher mich zum Improvisieren aufgefordert hatte und sich jetzt mit wunderbarer Ehrerbietung vor der Alten verneigte, »kennst du den Signore? Hast du ihn schon früher improvisieren hören?«

»Ich habe den Stern in seinem Auge gesehen,« sagte sie, »den unsichtbaren Glanz gesehen, welcher die Kinder des Glückes umstrahlt. Er wand seinen Kranz, er wird einen schönern winden, aber mit ungebundenen Händen. – In sechs Tagen wirst du meinen jungen Adler weiter bringen, weil er seine Fänge nicht in die Seite des Fisches schlagen wird. Sechs Tage soll er hier im Neste ruhen und dann seinen Flug sonnenwärts beginnen.« – Darauf öffnete sie einen kleinen Wandschrank, nahm ein Stück Papier daraus und wollte schreiben. »Die Tinte ist eingetrocknet, und hart wie der feste Felsenpfad. Ritze dir in die Hand, Cosmo, die alte Fulvia denkt auch an dein Glück.« – Schweigend ergriff der Räuber sein Messer, ritzte sich leicht in die Haut und tauchte die Feder in das Blut. Die Alte gab sie mir und hieß mich schreiben: »Ich reise nach Neapel.« – »Nun deinen Namen darunter!« sagte sie, »er ist so gut wie ein päpstliches Siegel.« – »Wozu soll das führen?« hörte ich einen der Jüngeren halblaut sagen, indem er einen unwilligen Blick auf die Alte warf.

»Bekommt der Wurm Sprache?« sagte sie; »hüte dich vor dem breiten Fuße, der dich zertritt!«

»Wir vertrauen deiner Weisheit, kluge Mutter!« entgegnete der Aeltere, »dein Wille ist für uns die Monstranz mit dem Segen und Glücke.«

Es wurde nicht mehr gesprochen. Die muntere Stimmung kehrte zurück, die Weinflasche kreiste unaufhörlich. Vertraulich klopfte man mir auf die Schulter und gab mir das beste Stück vom Wildbret, als gegessen wurde, aber die Alte saß nach wie vor an ihrem Spinnrocken, während ihr der Jüngere frische glühende Kohlen vor die Füße legte, indem er sagte: »Du frierst, altes Mütterchen!« – Aus ihrer Rede, aus ihrem Namen, den ich hörte, erkannte ich in ihr jene alte Frau wieder, welche mir in meiner Kindheit, als ich mit meiner Mutter und Mariuccia am See Nemi Kränze wand, geweissagt hatte. – Ich fühlte, daß mein Schicksal in ihrer Hand lag. »Ich reise nach Neapel!« hatte sie mich schreiben lassen; das war mein eigner Wunsch, aber wie kam ich ohne Paß über die Grenze? Wie sollte sich meine Zukunft in der fremden Stadt gestalten, wo ich niemand kannte? Als Improvisator aufzutreten, wagte ich, nachdem ich aus dem Nachbarstaate geflüchtet war, nicht. Meine sprachlichen Kenntnisse und ein merkwürdig kindliches Vertrauen auf die Madonna stärkten meine Seele. Selbst der Gedanke an Annunziata, der in eine eigentümliche Wehmut überging, brachte Ruhe in meine Seele, eine Ruhe gleich der des Schiffers, wenn sein Schiff gesunken ist, und er, allein in dem kleinen Boote, einer unbekannten Küste zutreibt.

Ein Tag glitt nach dem andern hin, die Männer kamen und gingen, selbst Fulvia war einen ganzen Tag fort, und ich war in der Höhle mit einem der Räuber allein.

Es war ein junger Mensch von ungefähr einundzwanzig Jahren, mit unedlen Gesichtszügen, aber einem sonderbar melancholischen Blicke, der oft bis zur tierischen Wildheit überging; ein schönes langes über die Schultern hinabwallendes Haar charakterisierte sein Aeußeres. Lange saß er, den Kopf auf den Arm gestützt, schweigend da. Auf einmal wandte er sich zu mir, indem er sagte: »Du kannst lesen, lies mir ein Gebet aus diesem Buche!« und dabei zog er ein kleines Gebetbuch hervor. Ich las, und die aufrichtigste und tiefste Andacht leuchtete aus seinen großen dunklen Augen hervor.

»Weshalb willst du uns verlassen,« sagte er und reichte mir gutmütig die Hand, »Meineid und Falschheit wohnen in den Städten wie in den Wäldern, aber der Wald hat doch frischere Luft und weniger Menschen.«

Es entstand eine Art Vertraulichkeit zwischen uns, und ich schauderte vor seiner Wildheit, wurde aber von seinem Unglücke gerührt.

»Du kennst wohl die Sage von dem Fürsten von Savelli?« fragte er, »von der lustigen Hochzeit in Ariccia? Es war ja nur ein geringer Bauer, ein armes Mädchen, aber schön war dasselbe doch, und die Hochzeit wurde gefeiert. Der reiche Herr von Savelli ehrte die Braut mit einem Tanze und bestellte sie in den Garten hinaus. Sie verriet es aber ihrem Bräutigam, der sich in ihre Kleider und den Brautschleier hüllte und sich für sie einfand. Als sie nun der Graf an seine Brust drücken wollte, saß der Dolch in seinem adeligen Herzen. – Ich habe sowohl einen Grafen als auch einen Bräutigam wie diesen gekannt, aber die Braut war nicht so offenherzig: der reiche Herr hielt Brautnacht und der Bräutigam das Leichenmahl mit ihr. Ihre Brust glänzte wie Schnee, als das blanke Messer den Weg nach ihrem Herzen suchte.«

Ich sah ihm schweigend in die Augen, ich fand kein Wort ihm mein Mitgefühl zu äußern. »Du glaubst, ich habe nie Liebe empfunden, nie der Biene gleich aus dem duftenden Kelche getrunken!« rief er. »Eine vornehme englische Dame reiste nach Neapel, ein schönes Mädchen hatte sie bei sich, Gesundheit in den Wangen und Feuer im Auge. Die Kameraden zwangen sie alle aus dem Wagen zu steigen und sich auf die Erde zu legen, worauf sie ausgeplündert wurden. Die beiden Frauen und einen jungen Mann, vermutlich den Bräutigam der jüngeren, schleppten wir mit in das Gebirge. Ihn banden wir an einen Baum, das junge Mädchen war schön, war Braut – ich konnte auch Fürst von Savelli spielen! – Als später das Lösegeld für die drei ankam, waren des Mädchens rote Wangen fort, das Auge brannte nicht mehr so stark, es kam von dem vielen Schatten zwischen den Bergen.« – Ich wandte mich von ihm ab; halb entschuldigend fügte er hinzu: »Das Mädchen war Protestantin, keine Christin, eine Tochter des Satans.«

Eine Weile saßen wir beide schweigend. »Lies mir noch ein Gebet vor,« sagte er, und ich las es.

Gegen Abend kam Fulvia; sie reichte mir einen Brief, erlaubte mir aber nicht ihn zu lesen. »Die Berge haben ihre nassen Mäntel um sich; es ist Zeit auszufliegen. Iß und trink, wir haben einen langen Weg vor uns und auf dem nackten Felsenpfade wachsen keine Brotbäume.« Der junge Räuber trug eiligst verschiedene Gerichte auf, ich genoß etwas, und darauf warf sich Fulvia einen Mantel über die Schultern, und riß mich mit sich durch die finstern ausgehöhlten Gänge fort. »Im Briefe liegen deine Flügel,« sagte sie: »kein Grenzsoldat wird dir eine Feder krümmen, mein junger Adler! Die Wünschelrute daneben, sie giebt dir Gold und Silber, bis du deine eigenen Schätze gehoben hast.«

Mit ihren nackten magern Armen griff sie in den dichten Epheu hinein, der wie ein Vorhang den Eingang der Höhle verhüllte. Draußen war dunkle Nacht, ein feuchter Nebel umfloß die Berge. Ich hielt mich an ihrem Rocke fest; kaum konnte ich ihren schnellen Schritten auf dem ungebahnten Wege in der Dunkelheit folgen. Wie ein Geist schritt sie vorwärts; Büsche und Sträucher flogen gleichsam an uns vorüber.

Einige Stunden hatte unsere Wanderung schon gewährt; wir befanden uns in einem schmalen Gebirgsthale. In demselben lag eine Strohhütte, wie man sie in den Sümpfen findet: keine Wände, das Dach von Rohr und Stroh bis auf die Erde hinab. Licht schimmerte durch eine Ritze der niedrigen Thüre. Wir traten hinein, es war wie in einem großen Bienenkorbe, aber alles war ringsum kohlschwarz vom Rauch, der nur durch die Thür den einzigen Abzug fand. Pfähle und Ballen, selbst das Rohr, glänzten vom Ruße. Mitten auf dem Fußboden befand sich eine von Ziegelsteinen aufgeführte Erhöhung von einigen Ellen Länge und ungefähr der halben Breite. Hier lagen Kohle und Asche, hier wurde das Essen gekocht und von hier aus die Hütte erwärmt. Weiter zurück befand sich in der Wand eine Oeffnung, welche in eine kleinere Hütte führte, die mit der größeren ähnlich zusammenhing, wie die kleinere Zwiebel mit der Mutterzwiebel. Hierin schliefen ein Weib und einige Kinder, Ein Esel steckte seinen Kopf über sie fort und glotzte uns an. Ein alter, fast nackter Mann, nur mit zerrissenen Hosen von Ziegenfell um die Lenden, kam uns entgegen, er küßte Fulvia die Hand, und ohne daß ein Wort gewechselt wurde, warf er seinen Schafpelz über die nackten Schultern, zog den Esel hervor und machte mir ein Zeichen, daß ich aufsteigen möchte.

»Das Glückspferd wird einen bessern Trab gehen, als der Esel der Campagna!« sagte Fulvia. Der Bauer zog den Esel mit mir zur Hütte hinaus. Mein Herz war tief von Dankbarkeit gegen die seltsame Alte bewegt, ich beugte mich hinab, um ihr die Hand zu küssen, aber sie schüttelte den Kopf und strich mir das Haar von der Stirn zurück. Ich fühlte ihren kalten Kuß, sah sie noch einmal mit der Hand winken, und Zweige und Gesträuch entzogen sie meinen Blicken. Der Bauer trieb den Esel an und lief mit ihm den Pfad hinauf um die Wette; ich redete ihn an, er stieß einen schwachen Ton aus und deutete mir durch Zeichen an, daß er stumm wäre. Darauf ließ mir meine Neugierde den Brief, welchen mir Fulvia gegeben hatte zu lesen, keine Ruhe; ich zog ihn hervor und öffnete ihn. Er enthielt verschiedene Papiere, aber die Dunkelheit gestattete mir nicht, auch nur ein einziges Wort zu entziffern, so sehr ich meine Augen auch anstrengte. Beim Morgengrauen befanden wir uns auf dem Bergrücken, der nur den nackten Granit mit einzelnen Schlingpflanzen und der graugrünen duftenden Artemisia zeigte. Es war hellgestirnter Himmel, eine schwimmende Wolkenwelt lag unter uns, es waren die Sümpfe, die sich hier vom Albanergebirge zwischen Belletri und Terracina erstrecken, von den Abruzzen und dem Mittelländischen Meere begrenzt. Die niedrigen wogenden Nebelwolken schimmerten unter uns, und bald sah ich, wie der unendliche blaue Himmel in Lila und darauf in das reinste Rosenrot überging, die Berge selbst glichen himmelblauem Samt. Ich war von der Farbenpracht geblendet; ein Feuer brannte auf der Berghalde, es leuchtete wie ein Stern auf dem hellen Grunde. Da falteten sich meine Hände zum Gebet, mein Herz beugte sich vor Gott in der großen Kirche der Natur und ich betete still: »Dein Wille geschehe mit mir!«

Das Tageslicht war nun stark genug, um zu erkennen, was mein Brief enthielt. Es war ein Paß, von der römischen Polizei auf meinen eigenen Namen ausgestellt und von dem neapolitanischen Gesandten visiert. Daneben lag ein Wechsel über 500 Scudi auf das Haus Falconet in Neapel. Auf einem kleineren Zettel standen die Worte: »Bernardos Leben ist außer Gefahr, kommen Sie aber in den ersten Monaten nicht nach Rom!«

Fulvia hatte recht, hier waren Flügel und Wünschelrute. Ich war frei, ein Seufzer der Dankbarkeit stieg aus meinem Herzen empor. Bald erreichten wir einen gebahnteren Weg; hier saßen einige Hirten und frühstückten. Mein Führer machte Halt, sie schienen ihn zu kennen. Er unterhielt sich mit ihnen durch die Fingersprache, und sie luden uns ein, an ihrer Mahlzeit, welche aus Brot und Büffelkäse bestand, wozu sie Eselsmilch tranken, teilzunehmen. Ich genoß einige Bissen und fühlte mich dadurch gestärkt. Darauf wies mir mein Führer einen Fußpfad, und die andern erklärten mir, daß er das Gebirge hinab, längs den Sümpfen nach Terracina führte, wohin ich noch vor Abend gelangen könnte. Ich sollte nur beständig den Pfad verfolgen und das Gebirge zur Linken lassen; er würde mich nach Verlauf einiger Stunden an einen Kanal bringen, der das Gebirge mit der großen Heerstraße verbände, deren lange Allee ich, sobald sich der Nebel senkte, erblicken würde. Wenn ich dem Kanale folgte, gelangte ich auf die große Straße dicht bei dem verlassenen Kloster, in welchem jetzt ein Wirtshaus gehalten würde; es hieße Torre di tre Ponte.

Gern hätte ich meinem Führer ein kleines Geschenk gemacht, aber ich besaß durchaus nichts. Da fiel mir plötzlich ein, daß ich ja noch die zwei Scudi hätte, welche in meiner Tasche waren, als ich Rom verließ. Ich hatte ja nur die Geldbörse, welche man mir als Notpfennig zugesteckt hatte, hingegeben. In zwei Scudi bestand also augenblicklich all mein bares Geld, den einen sollte mein Führer haben, den andern mußte ich als Reisegeld behalten, bis ich nach Neapel kam, wo ich erst von meinem Wechsel Gebrauch machen konnte. Ich griff in die Tasche, aber vergeblich war mein Suchen; man hatte mich längst dieses kleinen Eigentums beraubt. Ich besaß schlechterdings nichts. Deshalb band ich mein seidenes Halstuch ab, gab es dem Manne, reichte den andern die Hand und ging dann allein, den Fußpfad verfolgend, nach den Sümpfen hinab.

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