Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Christian Andersen >

Der Improvisator

Hans Christian Andersen: Der Improvisator - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleDer Improvisator
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080616
projectid89fc53d7
Schließen

Navigation:

Die Bildergalerie. Genauere Erklärung. Das Osterfest. Der Wendepunkt meines Schicksals.

Es war für mich ein ganz eignes Gefühl Annunziata dort einzuführen, wo ich als Knabe gespielt, wo mir Signora die Gemälde gezeigt und sich über meine naiven Fragen und Aeußerungen belustigt hatte. Ich kannte jedes Stück, aber Annunziata kannte sie besser, verstand sie geistig. Ihre Bemerkungen waren treffend; mit geübtem Blicke und natürlichem Sinne bezeichnete sie jede Schönheit. Wir standen vor dem berühmten Stücke von Gerardo del Notti »Loth mit seinen Töchtern.« Ich lobte die große Wirkung, die darin läge, Loths männliches Gesicht, die lebensfrohe Tochter, welche ihm den Wein einschenkt, und den roten Abendhimmel, der durch die dunklen Bäume hindurchschimmert.

»Mit Geist und Flammen ist es gemalt!« unterbrach sie mich, »ich bewundere des Künstlers Pinsel im Kolorit und Ausdruck, aber es gefällt mir nicht, daß er diesen Gegenstand gewählt hat. Ich verlange selbst bei einem Gemälde eine Art Anstand, eine edle Reinheit in der Wahl eines Gegenstandes. Deshalb spricht mich auch Correggios Danae keineswegs so an, wie sie es könnte. Schön ist sie, göttlich ist der kleine Engel mit den bunten Flügeln, welcher auf dem Bette sitzt und ihr das Gold einsammeln hilft, aber das Sujet ist in meinen Augen unedel, es verletzt, wenn ich so sagen darf, meines Herzens Schönheitsgefühl. Deshalb erscheint mir Raffael so groß; in allem, was ich von ihm kenne, ist er der Apostel der Unschuld, und als solcher hat er uns die Madonna geben können.«

»Aber die Schönheit des Kunstwerkes,« fiel ich ihr in das Wort, »kann uns doch dazu bringen, das Unedle des Sujets zu übersehen.«

»Niemals,« erwiderte Annunziata; »die Kunst ist in jedem ihrer Zweige hoch und heilig, und Geistesreinheit ergreift mehr als Formenreinheit. Deshalb können uns der ältern Meister naive Darstellungen der Madonna tief rühren, obgleich uns diese scharfen Formen oft wie chinesische Bilder vorkommen. Alles ist so steif und hart! Der Geist muß in dem Bilde des Malers wie in dem Liede des Sängers rein sein; einzelne Ausschweifungen will ich zugeben, will sie als etwas zu Grelles entschuldigen und beklagen, daß der Künstler auf diesen Einfall kam, aber ich will mich doch über das Ganze freuen können.«

»Indes,« unterbrach ich sie, »die Abwechselung verschiedener Sujets ist gerade interessant; immer und ewig dasselbe zu sehen – –«

»Sie mißverstehen mich! ich will durchaus nicht, daß man mir immer Madonnen malen soll; nein ich bin glücklich über eine herrliche Landschaft, eine lebendige Scene aus dem Volksleben, ein Schiff im Sturme und Salvator Rosas Räubergruppen; aber ich will nichts Unmoralisches im Reiche der Kunst, und so nenne ich selbst Scidonis schön gemaltes Stück im Palazzo Sciaria. Sie erinnern sich desselben wohl? Zwei Bauern auf Eseln kommen an einer steinernen Mauer vorbei, auf welcher ein Totenkopf liegt. Eine Maus, ein Regenwurm und eine Bremse sitzen darauf, und an der Mauer liest man die Worte: et ego in Arcadia

»Ich kenne es,« entgegnete ich, »es hängt an der Seite von Raffaels herrlichem Violinspieler.«

»Ja,« versetzte Annunziata, »möchte auch die Inschrift unter ihm anstatt über jenem häßlichen Bilde hängen.« Wir standen nun vor Francesco Albanis Jahreszeiten; ich erzählte ihr, welchen Eindruck die kleinen Amoretten auf mich, als Kind, ausgeübt und wie ich hier in dieser Galerie gelebt und mich umher getummelt hätte.

»Sie haben glückliche Lebensmomente in Ihrer Jugend gehabt!« unterbrach sie mich und unterdrückte einen Seufzer, der vielleicht ihrer eignen galt.

»Die Ihrige war gewiß nicht weniger reich daran,« sagte ich. »Sie standen als ein glückliches bewundertes Kind da, als ich Sie zum erstenmal sah, und als wir uns wieder trafen, rissen Sie ganz Rom hin und – schienen glücklich; sind Sie es auch so recht im Herzen?«

Ich hatte mich halb zu ihr hinabgeneigt; sie schaute mir mit einem wunderbar wehmütigen Blicke ins Auge, indem sie rief: »Das bewunderte glückliche Kind wurde vater- und mutterlos, ein einsamer Vogel auf blattlosem Zweige. Er würde verhungert sein, aber der verachtete Jude gab ihm Obdach und Speise, bis er auf die wilde unruhige See ausflattern konnte.«

Sie schwieg, schüttelte den Kopf und sagte: »Aber das ist nichts, was einen Fremden unterhalten kann, und ich weiß nicht, wie ich dergleichen schwatzen kann.« – Sie wollte sich erheben, aber ich ergriff ihre Hand, indem ich fragte: »Bin ich Ihnen denn so fremd?« – Sie starrte einen Augenblick still vor sich hin, lächelte wehmütig und sagte: »Ja, ich habe ebenfalls Lebensaugenblicke gehabt, und,« fügte sie mit ihrer gewöhnlichen Munterkeit hinzu, »nur an diese will ich denken. Unser Zusammentreffen in der Kindheit, Ihre träumerische Versenkung in die Vergangenheit steckt auch mich an, und bewegt das Herz seine eignen Bilder zu betrachten, anstatt die Kunstwerke um uns her zu bewundern.«

Als wir die Galerie verließen und nach ihrem Hotel zurückkamen, erfuhren wir, daß Bernardo dagewesen wäre, um seinen Besuch abzustatten; man hatte ihm gesagt, sie wäre mit der alten Dame ausgefahren und ich hätte sie begleitet. Seine Leidenschaftlichkeit darüber sah ich voraus, aber anstatt darüber wie früher betrübt zu werden, hatte meine Liebe zu Annunziata Trotz und Bitterkeit gegen ihn geweckt. Daß ich Charakter und Willen bekäme, hatte er ja so oft gewünscht, sogar wenn ich gegen ihn unbillig würde. Nun sollte er seinen Wunsch bei mir in Erfüllung gehen sehen.

Beständig klangen mir Annunziatas Worte über den verachteten Juden, der den einsamen Vogel unter seine Flügel nahm, vor den Ohren. Sie mußte also doch dieselbe sein, welche Bernardo bei dem alten Hanoch gesehen hatte; es interessierte mich unendlich, aber sie war nicht zu bewegen den Faden wieder aufzunehmen. Als ich am nächsten Tage kam, war sie auf ihrem Zimmer, um eine neue Rolle einzustudieren. Ich unterhielt mich lange mit der alten Dame, die tauber war, als ich geglaubt hatte. Sie schien so dankbar, daß ich mit ihr sprach. Es fiel mir ein, daß sie mich nach meiner Improvisation zum erstenmal freundlich angesehen hatte, und daß ich damals glaubte, sie hätte meinem Vortrage folgen müssen.

»Das habe ich auch!« versicherte sie; »aus dem Ausdrucke in Ihrem Gesichte und den einzelnen Worten, die mein Ohr erreichten, verstand ich das Ganze. Und das war schön; so verstehe ich Annunziatas Recitative vollkommen und das lediglich durch ihren mimischen Ausdruck. Mein Auge hat sich geschärft, seitdem mein Gehör schwächer wurde.« Sie fragte mich nach Bernardo, welcher gestern während unserer Abwesenheit hier gewesen wäre, und bedauerte, daß er uns nicht begleitet hatte. Sie äußerte ein merkwürdiges Wohlwollen und Interesse für ihn. »Ja,« sagte sie, als es mir auffiel, »er hat einen edlen Charakter! Ich kenne einen Zug von ihm, der es beweist – der Gott der Juden und der Christen möge ihn dafür in seinen Schirm und seine Obhut nehmen!« Nach und nach wurde sie immer lebendiger und gesprächiger; ihre Liebe für Annunziata war rührend und groß. So viel wurde mir aus den vielen und nur halb dunkel angedeuteten Mitteilungen klar, daß Annunziata in Spanien geboren wäre und von spanischen Eltern abstammte. Schon in zartester Jugend wäre sie nach Rom gekommen. Als sie nun verwaist dastand, wäre der alte Hanoch, der in seiner Jugend in ihrer Heimat gewesen und dort ihre Eltern gekannt hätte, der einzige gewesen, der sich ihrer angenommen hätte. Später wäre sie noch als Kind zu einer Dame ihrer Heimat gekommen, welche ihre Stimme und ihr dramatisches Talent hätte ausbilden lassen. Ein Mann von großem Einflusse hätte sich in das schöne Kind verliebt, ihre Kälte gegen ihn seinen Haß und seine Rachsucht geweckt. Die Alte schien den geheimnisvollen Schleier, der diese ihr bereiteten Nachstellungen bedeckte, nicht berühren zu dürfen. Annunziatas Leben wäre in Gefahr gewesen; heimlich wäre sie nach Italien geflohen, wo sie in Rom im Judenquartiere bei ihrem alten Pflegevater schwerlich gesucht werden würde. Es wäre erst anderthalb Jahr her. Damals müßte es gewesen sein, wo sie Bernardo gesehen und sie ihm den Wein eingeschenkt hätte, wovon er so viel erzählt. Kurz darauf hätten sie erfahren, daß ihr Verfolger tot wäre. Nun wäre sie ausgeflogen, begeistert für ihre heilige Kunst, und hätte die Leute durch dieselbe wie durch ihre Schönheit entzückt. Die alte Dame hätte sie nach Neapel begleitet, sie ihre ersten Lorbeeren sammeln sehen und sie bisher nicht verlassen. »Ja, sie ist aber auch ein Engel Gottes,« sagte die redselige Alte, »fromm ist sie in ihrem Glauben, wie ein Weib es sein muß, und Verstand hat sie, wie man ihn dem besten Herzen nur wünschen kann.«

Als ich das Haus verließ, erschallten gerade die Freudenschüsse. In allen Straßen, auf den Plätzen, von Altanen und Fenstern aus schoß man mit kleinen Kanonen und Pistolen, zum Zeichen, daß die Fasten zu Ende wären. Die schwarzen Decken in Kirchen und Kapellen, welche die Gemälde fünf lange Wochen hindurch verhüllt hatten, fielen in demselben Augenblicke. Alles war Osterfreude. Die Trauerzeit war um, morgen begann Ostern, brach der Tag der Freude an, und doppelt froh sollte er mir aufgehen, da ich eingeladen war Annunziata zum Kirchenfeste und zur Kuppelbeleuchtung zu begleiten.

Alle Osterglocken läuteten, die Kardinäle rollten in ihren bunten Wagen, auf welchen hinten zahlreiche Diener standen, nach der Peterskirche; die Equipagen der reichen Fremden, das Gewühl der Fußgänger, alles verstopfte förmlich die engen Straßen. Von der Engelsburg wehten die großen Fahnen mit dem päpstlichen Wappen und dem heiligen Bilde der Madonna. Auf dem Petersplatze war Musik und rundum wurden Rosenkränze und Holzschnitte, welche den Papst darstellten, wie er den Segen austeilte, verkauft. Die Fontänen spielten mit ihren Riesenstrahlen und überall waren an den Arkaden Tribünen und Bänke angebracht, die schon fast ebenso gefüllt waren, wie der Platz. Bald strömte eine beinahe gleich große Schar aus der Kirche heraus, wo Prozessionen und Gesang, Vorzeigung heiliger Reliquien, des Speeres und der Kreuzesnägel u.s.w. manch frommes Gemüt erquickt hatten. Der ungeheuere Platz war ein Menschenmeer, Kopf bewegte sich an Kopf, die Wagenreihen zogen sich dicht zusammen, Bauern und Knaben kletterten an den Postamenten der Bildsäulen empor, es war, als ob ganz Rom in diesem Augenblicke nur hier lebte und atmete. Der Papst wurde in Prozession zur Kirche hinaus getragen; hoch auf den Schultern von sechs lila gekleideten Geistlichen saß er auf einem prächtigen Lehnsessel, zwei jüngere Priester fächelten ihm mit kolossalen Pfauenschwänzen auf langen Stöcken Kühlung zu, vor ihm schwangen Geistliche Rauchfässer und die Kardinäle schritten unter frommen Gesängen hinter ihm her. In dem Augenblicke, wo der Zug aus dem Portale hervortrat, empfingen ihn alle Musikchöre mit rauschenden Jubelklängen. Man trug den Papst die hohe Marmortreppe zur Galerie hinauf, auf deren Balkon er sich, von den Kardinälen umgeben, nun zeigte. Alles sank auf die Kniee, die langen Reihen der Soldaten, Alt und Jung, nur der protestantische Fremde stand aufrecht da und wollte sich vor dem Segen eines alten Mannes nicht beugen. Annunziata kniete im Wagen halb nieder und blickte mit ihrem seelenvollen Auge nach dem heiligen Vater, während tiefes Schweigen überall herrschte und sich der Segen gleich unsichtbaren Feuerzungen über uns ergoß. Von dem päpstlichen Balkon flatterten jetzt zwei Papiere, eines mit der Sündenvergebung, das andere mit der Verfluchung aller Feinde der Kirche, und der Pöbel schlug sich, um selbst nur ein Stückchen derselben zu erhalten. Nun läuteten wieder alle Kirchenglocken, die Musik mischte sich in diesen Jubel; ich war glücklich wie Annunziata. Während sich unser Wagen in Bewegung setzte, ritt Bernardo dicht an uns vorüber, er grüßte beide Damen, mich aber schien er gar nicht zu bemerken.

»Wie bleich er war!« sagte Annunziata, »ist er krank?« »Ich glaube es nicht,« erwiderte ich, obwohl ich wußte, was ihm das Blut aus den Wangen scheuchte. Das reifte meinen Entschluß. Ich fühlte, wie heiß ich Annunziata liebte; daß ich, schenkte sie mir ihre Liebe, für sie alles thun könnte; ihr wollte ich folgen; ich zweifelte nicht an meinem dramatischen Talent und, was meinen Gesang anlangte, so wußte ich, welchen Eindruck er machte, ich würde, wagte ich einmal diesen Schritt, immer mit Ehren auf der Bühne auftreten können. Liebte sie mich, welche Ansprüche hatte dann Bernardo? Er konnte sich ja um sie bewerben; war seine Liebe ebenso stark wie die meinige, und liebte sie ihn, dann würde ich natürlich augenblicklich zurücktreten. Dies schrieb ich ihm noch an dem nämlichen Tage, und ich wage zu glauben, daß mein Brief ein warmes und treues Herz verriet, denn manche Thräne fiel auf das Papier, als ich unserer früheren Freundschaft erwähnte, und wie wunderbar sich mein Herz an ihn geklammert hätte. Als der Brief abgesandt worden, fühlte ich mich weit ruhiger, obgleich der Gedanke, vielleicht Annunziata zu verlieren, wie ein Prometheusadler mich mit seinem scharfen Schnabel peinigte. Aber ich träumte auch davon, sie immer begleiten zu können und an ihrer Seite Ehre und Freude zu ernten. Als Sänger, als Improvisator sollte das Drama meines Lebens nun beginnen.

Nach dem Ave Maria fuhr ich mit Annunziata und der alten Dame aus, um die Kuppelbeleuchtung anzusehen. Die ganze Peterskirche mit ihrer hohen Kuppel, den beiden kleineren Seitenkuppeln und der ganzen Fassade war mit transparenten Papierlaternen ausgeschmückt; diese waren so richtig architektonisch angebracht, daß das ganze große Gebäude sich mit feurigen Konturen von der blauen Luft abhob. Das Gedränge draußen schien noch größer als am Vormittage, wir konnten nur im Schritt fahren. Von der Engelsbrücke aus sahen wir das illuminierte Riesengebäude zum erstenmal. Es spiegelte sich in der gelben Tiber, wo zahlreiche mit frohen Menschen gefüllte Boote dem großartigen Gemälde noch mehr Leben verliehen. Als wir den Petersplatz erreichten, wo uns rauschende Musik entgegentönte und überall Jubel und Freude herrschte, wurde gerade das Zeichen zur Verwandlung der Illumination gegeben. Mehrere hundert Menschen waren auf dem Dache und der Kuppel der Kirche verteilt, die gleichzeitig große eiserne Pfannen mit brennenden Pechkränzen hervorschoben. Es war, als ob plötzlich jede Laterne zu einer großen Flamme aufloderte; das ganze Gebäude verwandelte sich in einen glühenden Tempel Gottes, der über Rom leuchtete, wie der Stern über Bethlehems Wiege.Da die Kirche sowie sämtliche umherliegende Gebäude nur aus Stein gebaut sind, so ist es durchaus mit keiner Gefahr verbunden, daß die Pechkränze in den eisernen Pfannen ruhig bis zu Ende ausbrennen. Alles ist deshalb die Nacht hindurch ein einziges Feuermeer. Der Jubel des Volkes stieg mehr und mehr; Annunziata verlor sich im Anschauen des prächtigen Bildes.

»Aber das ist doch entsetzlich!« rief sie. »Der unglückliche Mensch, der dort die oberste Flamme auf dem Kreuze über der großen Kuppel befestigen muß. Mir schwindelt bei dem Gedanken daran.«

»Es ist eine Höhe gleich Aegyptens Pyramiden; es gehört Kühnheit dazu, sich dort hinaufzuschwingen und die Stricke festzuschnüren. Der heilige Vater läßt ihm auch die letzte Oelung geben, ehe er hinaufsteigt.«

»So muß also eines Menschen Leben gewagt werden,« seufzte sie, »und zwar nur um der Pracht und der Freude eines Augenblicks willen.«

»Aber es geschieht auch zur Verherrlichung Gottes,« versetzte ich, »und wie oft setzen wir es nicht für Geringeres aufs Spiel.« Die Wagen rollten vorüber, die meisten fuhren nach dem Monte Pincio, um von dort in einiger Entfernung die erleuchtete Kirche und die ganze Stadt, welche in ihrem Glanze schwamm, zu überschauen. »Es ist doch eine schöne Idee,« sagte ich, »daß von der Kirche alles Licht über die Stadt ausstrahlt; vielleicht hat Correggio hiervon die Idee zu seiner unsterblichen Nacht erhalten.«

»Um Vergebung!« unterbrach sie mich, »Sie scheinen nicht zu wissen, daß das Gemälde schon vor der Kirche vollendet war. Er erhielt die Idee sicherlich aus seinem eigenen Herzen, und das halte ich auch für schöner. Aber wir müssen die ganze Herrlichkeit von einem ferneren Punkte aus betrachten. Wie wäre es, wenn wir auf den Monte Mario führen, wo das Gedränge nicht so groß ist wie auf dem Monte Pincio. Wir sind dicht am Thore.«

Wir fuhren hinter dem Säulengange herum und befanden uns bald außerhalb der Stadt. Der Wagen hielt vor dem kleinen Wirtshause auf der halben Höhe des Berges. Die Kirchenkuppel nahm sich herrlich aus, sie schien aus brennender Sonne erbaut. Die Fassade war zwar verdeckt, aber auch dies übte eine eigentümliche Wirkung aus. Der Glanz, welcher sich von der erhellten Luft verbreitete, machte den Eindruck, als ob die von Sternen strahlende Kuppel auf einem Lichtmeer schwömme. Die Musik und die Glocken klangen bis zu uns herüber, aber rund umher war doppelte Nacht und die Sterne standen nur wie weiße Punkte hoch in der blauen Luft, als hätten sie ihren Glanz über Roms glänzendem Osterfeuer verloren. Ich stieg aus dem Wagen und ging in das kleine Wirtshaus, um einige Erfrischungen zu holen. Als ich wieder in den engen Gang hinaustrat, wo die Lampe vor dem Madonnenbilde brannte, stand Bernardo vor mir, bleich, wie damals, als er in der Jesuitenschule den Kranz empfing. Sein Auge brannte fieberhaft, er ergriff meine Hand mit der Kraft und Wildheit eines Wahnsinnigen. »Ich bin kein Mörder, Antonio!« sagte er mit sonderbar gedämpfter Stimme, »sonst stieße ich dir meinen Degen in dein falsches Herz; aber schlagen mußt du dich mit mir, ob deine Feigheit will oder nicht! Komm, komm mit mir!«

»Bernardo, bist du rasend?« fragte ich und wollte mich losreißen.

»Schrei nur laut!« fuhr er mit gedämpfter Stimme fort, »damit die Menge dir zu Hilfe eilt, da du nicht wagst mir Mann gegen Mann gegenüber zu treten. Aber ehe man mir die Hände fesselt, bist du des Todes!« Er reichte mir eine Pistole. »Komm, schieß dich mit mir, oder ich werde dein Mörder!« Dabei riß er mich mit den Gang entlang, und ich hielt die Pistole, die er mir gereicht hatte, zu meiner Verteidigung auf ihn gerichtet.

»Sie liebt dich, und stolz wirst du es dem römischen Volke, wirst du es mir beweisen, den du mit falscher gleißnerischer Rede betrogst, obgleich ich dich nie dazu aufforderte.«

»Du bist krank, Bernardo! Wahnsinniger, komm mir nicht zu nahe!« Er drang auf mich ein, ich stieß ihn fort – da hörte ich einen Schuß fallen, meine Hand zitterte, alles war in Rauch gehüllt, aber ein eigentümlicher Seufzer, Schrei kann ich es nicht nennen, traf mein Ohr, mein Herz. – Meine Pistole war losgegangen, Bernardo lag vor mir in seinem Blute. Wie ein Nachtwandler stand ich da und drückte krampfhaft die Pistole in meiner Hand. Erst als ich Stimmen der herbeieilenden Hausbewohner hörte, Annunziatas Schrei: »Jesus Maria!« hörte, sie und die Alte vor mir sah, fühlte ich das ganze Unglück. »Bernardo!« rief ich verzweifelt und wollte mich über seine Leiche werfen, aber Annunziata kniete schon neben derselben und suchte das Blut zu stillen. Noch immer sehe ich ihr bleiches Antlitz, sehe den festen Blick, welchen sie auf mich heftete. Ich war wie festgewurzelt.

»Retten Sie sich, retten Sie sich!« rief die alte Dame und zog mich am Arme.

Da rief ich, von Schmerz überwältigt: »Ich bin unschuldig! Jesus Maria, ich bin unschuldig! Mich wollte er morden, selbst gab er mir die Pistole, und sie ging aus Zufall los.« Und was ich sonst vielleicht nicht zu sagen gewagt hätte, jetzt in meiner Verzweiflung sprach ich es aus: »Annunziata, wir liebten dich, für dich würde ich eben so wie er sterben! Wer war dir der liebste von uns beiden? Sage mir in meiner Verzweiflung, ob du mich liebst, dann will ich fliehen!«

»Fort!« stammelte sie und machte ein Zeichen mit der Hand, während sie sich ununterbrochen mit dem Gefallenen beschäftigte.

»Fliehen Sie!« rief die alte Dame.

»Annunziata, wer war dir der liebste von uns beiden?« fragte ich, vom Schmerz überwältigt. Da beugte sie ihr Haupt auf den Toten herab, ich hörte sie weinen und sah, wie ihre Lippen Bernardos Stirn berührten.

»Die Gendarmen!« rief man von allen Seiten. »Fliehen Sie, fliehen Sie!« und wie von unsichtbaren Händen wurde ich aus dem Hause gerissen.

 << Kapitel 13  Kapitel 15 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.