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Der Improvisator

Hans Christian Andersen: Der Improvisator - Kapitel 11
Quellenangabe
typefiction
authorHans Christian Andersen
titleDer Improvisator
publisherVerlag von Philipp Reclam jun
year
firstpub
translatorH. Denhardt
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20080616
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Ein Jahr später. Der römische Karneval. Die Sängerin.

Sollte ich ohne Unterbrechung dem Faden folgen, der sich an Bernardos Liebe und meine Wanderung durch das Ghetto knüpft, dann müßte ich ein ganzes Jahr meines Lebens überspringen. Aber dieses Jahr hatte in seinem gleichförmigen Gange ungleich höhere Bedeutung für mich, als daß es mich nur um die zwölf Monate älter machte. Es war eine Art Zwischenakt in meinem Lebensdrama.

Selten sah ich Bernardo, und trafen wir uns, so war er wohl der lustige Leichtfuß, der er zu sein pflegte, aber so vertraulich wie sonst schien er mir nicht; der kalte vornehme Blick guckte hinter der Maske der Freundschaft hervor. Das verstimmte und betrübte mich; ihn zu fragen, wie es mit seiner Liebe stände, fehlte mir der Mut.

Recht häufig besuchte ich den borghesischen Palast und fand bei Eccellenza, Fabiani und Francesca eine wahre Heimat, doch oft auch Anlaß zu tiefem Schmerze. Meine Seele war von Dankbarkeit für alle Güte und Liebe, die sie mir hier alle erwiesen hatten, erfüllt; jeder ernste Blick warf deshalb auch einen desto dunkleren Schatten auf meine Lebenslust. Francesca lobte meine guten Eigenschaften, wollte nun aber auch ein vollkommenes Muster aus mir machen. Meine Haltung, meine Ausdrucksweise wurde ihrer Kritik unterworfen, und diese war streng, in der That zu streng; oft füllte sie meine Augen mit Thränen, obgleich ich schon ein großer sechzehnjähriger Mensch war. Der alte Herr, welcher mich aus Domenicas Hütte in seinen prächtigen Palast gerufen hatte, war mir noch ebensogut wie das erste Mal, als wir uns trafen, aber auch er beobachtete gegen mich dieselbe Erziehungsmethode wie die Signora. Seine große Vorliebe für Pflanzen und seltene Gewächse teilte ich nicht genug, und er nannte es Mangel an Lust zum Gründlichen. Mein eignes Ich beschäftigte mich, wie er fand, zu viel; ich träte nicht genug aus mir selbst heraus, ließe die Radien des Geistes nicht den Kreis der großen Welt berühren. »Sei eingedenk mein Sohn,« rief er mir wiederholentlich zu, »daß das Blatt, welches sich nur in sich selbst zusammenrollt, verwelkt!« Aber nach jeder heftigen Rede streichelte er mir wieder die Wange und tröstete mich ironisch damit, daß es eine schlimme Welt wäre, in der wir lebten, und daß man wie die Blumen gepreßt werden müßte, wenn die Madonna schöne Exemplare von uns bekommen sollte. Fabiani nahm alles von der lustigen Seite und lachte sie mit ihren wohlgemeinten Vorlesungen aus, indem er versicherte, ich würde nie ein Gelehrter, wie Eccellenza, noch pikant, wie Francesca, werden, aber trotzdem ein Charakter, der nicht zu verwerfen wäre. Dann rief er seine kleine Abbedissa, und bei ihr vergaß ich bald meine kleinen Sorgen.

Das folgende Jahr wollten sie in Norditalien zubringen, so daß sie sich während der warmen Sommermonate in Genua und im Winter in Milano aufhielten. Mir stand während derselben Zeit der große Schritt bevor, durch eine Art Examen in den Abbatestand und folglich in eine höhere Stellung einzutreten, als ich für den Augenblick einnahm.

Vor der Abreise der Familie fand in dem borghesischen Palaste ein großer Ball statt, zu dem auch ich eine Einladung erhielt. Pechkränze brannten draußen, und alle Fackeln, welche den Kutschen der Gäste vorgetragen wurden, steckten die Läufer in die an der Mauer angebrachten eisernen Halter, so daß dieselbe einer förmlichen Feuerkaskade glich. Päpstliche Soldaten zu Pferde hielten vor dem Portale. Der kleine Garten war mit bunten Papierlaternen ausgeschmückt, die Marmortreppe glänzend erleuchtet. Blumenduft erfüllte das ganze Treppenhaus, denn auf jeder Stufe standen die Mauer entlang Blumenvasen und kleine Orangenbäume. Die Soldaten schulterten am Eingange; es wimmelte von reichgekleideten Dienern. Francesca war strahlend schön. Die köstliche Paradiesvogelfeder, das weiße Atlaskleid mit dem reichen Spitzenbesatz kleidete sie allerliebst; daß sie mir aber die Hand reichte – ja, das fand ich doch noch niedlicher. In zwei Sälen, jeder mit vollem Orchester, schwebten die Tanzenden. Unter diesen war auch Bernardo und er war schön; die rote goldgestickte Uniform, die engen weißen Beinkleider, alles saß den schönen Formen wie angegossen. Er tanzte mit der Schönsten und sie lächelte ihn vertraulich und zärtlich an. Wie es mich ärgerte, daß ich nicht tanzen konnte. Niemand nahm so recht Notiz von mir. Wo ich mich allein daheim fühlte, kam ich mir am fremdesten unter den Fremden vor, jedoch Bernardo reichte mir die Hand, und jeder Mißmut war wieder verschwunden. Hinter den langen roten Gardinen am offenen Fenster tranken wir den schäumenden Champagner; er stieß vertraulich mit mir an. Heitere Melodien strömten durch das Ohr zu unserm Herzen, und ausgelöscht war jeder Gedanke, daß unsere Freundschaft schwächer als in früheren Tagen sein könnte. Ich wagte sogar des hübschen Judenmädchens zu erwähnen, und er lachte und schien von der tiefen Wunde völlig geheilt.

»Ich habe ein neues Goldvögelchen gefangen,« sagte er, »das ist zahmer und hat mir die Grillen fortgesungen; wir wollen das andere deshalb fliegen lassen! Es ist denn auch schon fort, ist aus dem Judenquartiere, ja, wenn ich meinen Gewährsleuten trauen kann, aus Rom selbst entwischt.«

Noch einmal stießen unsere Gläser zusammen, der Champagner und die lustige Musik gossen doppeltes Leben in unser Blut, – Bernardo befand sich wieder mitten im Tanze, ich stand allein, aber mit jener Meeresstille der Glückseligkeit in der Seele, in der man gern die ganze Welt an sein Herz drücken möchte. Unten auf der Straße jubelten die armen Jungen über die Funken, welche aus den Pechkränzen ausflogen; ich gedachte meiner eignen Armut in der Kindheit, dachte, wie ich mich an gleichen Spielen erfreut hatte, und nun jetzt hier oben in dem reichen Ballsaal unter Roms ersten Familien wie zu Hause war. Dank und Liebe gegen die Mutter Gottes, die mich so liebevoll aufwärts geführt hatte, füllte meine ganze Seele, meine Kniee beugten sich anbetend; die langen dichten Gardinen verhüllten mich ja vor allen andern. Ich war unendlich selig.

Die Nacht entfloh; noch zwei Tage verstrichen und die ganze Familie verließ Rom. Habbas Dahdah prägte mir jede Stunde ein, was mir dieses Jahr bringen würde, nämlich den Namen und die Würde eines Abbate. Ich studierte fleißig und sah Bernardo oder irgend einen andern Bekannten fast nie. Wochen vergingen und wurden zu Monaten, und diese brachten endlich den Tag, der mich nach abgelegter Prüfung, mit dem schwarzen Gewande und dem kurzen seidenen Mantel bekleidete.

Alles sang mir Viktoria zu, die hohen Pinien und die eben erst aufgeblühten Anemonen, die Ausrufer auf der Straße wie die leichte Wolke, welche durch die blaue Luft flog. Ich war unter dem schwarzen seidenen Abbatenmantel ein neuer und glücklicherer Mensch. Francesca hatte mir auch einen Wechsel auf hundert Scudi zur Bestreitung meiner kleinen Bedürfnisse und für meine Vergnügungen gesandt. In meiner Freude stürmte ich die spanische Treppe hinauf, warf dem Onkel Peppo einen blanken Scudo zu und flog wieder weiter, ohne mehr als sein »Eccellenza, Eccellenza Antonio!« zu hören.

Es war in den ersten Tagen des Februar, die Mandelbäume blühten; die Orangenbäume wurden gelber und gelber, der lustige Karneval stand vor der Thüre, als wäre er ein Fest zu Ehren meiner Erhebung in den Abbatestand, die Herolde zu Pferde, mit Trompeten und köstlichen Sammetfahnen, hatten sein Kommen schon verkündigt. Noch nie zuvor hatte ich diese Freuden genossen, noch nie so recht das Bild dieses glücklichen Narrenfestes meiner Heimat in mich aufgenommen. Als ich ein Kind war, befürchtete meine Mutter, daß ich im Gedränge zu Schaden kommen könnte; ich sah deshalb nur Momente des allgemeinen Festjubels, während sie mit mir nur an einer bestimmten Straßenecke stand. Als Schüler der Jesuitenschule hatte ich das lustige Treiben nur in ähnlicher Weise mit ansehen können. Wir Schüler durften auf all das fröhliche Scherzen und Lachen von dem flachen Dache eines Seitengebäudes in der Palazza del Doria hinabschauen; aber selbst teilzunehmen, selbst von der einen Seite der Straße nach der andern hinüber zu fliegen, nach dem Kapitol emporzusteigen und nach Trastevere hinauszuwandern, kurz zu gehen und zu bleiben, wohin und wo ich selbst wollte, davon war gar keine Rede. Wie natürlich also, daß ich mich nun in den wilden Strom warf und mich recht wie ein Kind über das Ganze freute. Am allerwenigsten dachte ich daran, daß das ernsteste Abenteuer meines Lebens beginnen sollte, daß eine Begebenheit, die mich einst stark und lebhaft beschäftigt hatte, wieder in meiner Erinnerung wach werden sollte, daß das verlorene Samenkorn, vergessen und ungesehen, sich nun als eine grüne duftende Pflanze zeigen würde, die sich fest um meinen Lebensbaum schlang.

Der Karneval nahm alle meine Gedanken ein. Ich besuchte schon in aller Frühe die Piazza del Popolo, um mir die Vorbereitungen zum Wettrennen anzusehen, ging am Abende den Korso auf und ab, indem ich die bunten Maskenanzüge, welche an den Schaufenstern hingen, und die Gestalten mit Masken und in vollem Kostüme betrachtete. Ich lieh mir die Tracht eines Advokaten, weil derselbe einer der lustigsten Charaktere ist, und schlief fast die ganze Nacht nicht; ich mußte ja meine Rolle überdenken und einstudieren.

Der kommende Tag kam mir wie ein heiliges Fest vor; ich war glücklich wie ein Kind. Rings umher in den Seitenstraßen richteten die Confettihändler ihre Buden und Tische auf und breiteten ihre bunten WarenConfetti sind kleine rote und weiße Kalkkügelchen, so groß wie Erbsen; bisweilen werden sie auch aus Getreidekörnern, die in einem Gipsteige umher gewälzt sind, verfertigt. Während des Karnevals bewirft man sich gegenseitig mit denselben. aus; der Korso wurde gefegt und bunte Teppiche aus allen Fenstern herausgehängt. Gegen drei Uhr, um die Stunden nach französischer Zeit anzugebenDie Stunden fängt man in Italien von Sonnenuntergang an zu zählen. Zu dieser Zeit läuten die Glocken zum Ave Maria. Die erste Stunde, nachdem die Sonne also untergegangen ist, heißt ein Uhr, die folgende zwei Uhr, und so geht es fort bis vierundzwanzig. Jede Woche werden die Uhren nach der Sonne ein Viertel vor oder nach gestellt. Unsere gewöhnliche Weise, die Zeit anzugeben, nennen die Römer die französische. Geht die Sonne genau sechs Uhr abends unter, dann heißt unsre dritte Nachmittagsstunde: drei Stunden vor Nacht oder einundzwanzig Uhr. Die Nacht beginnt bei Sonnenuntergang. war ich auf dem Kapitol, um zum erstenmal den Anfang des Festes zu genießen. Die Balkone waren mit vornehmen Fremden gefüllt. Der Senator saß in Purpur auf einem Samtthrone, allerliebste kleine Pagen, mit Federn auf ihren Samtbaretten, standen vor dem linken Flügel der päpstlichen Schweizergarde. Nun erschien eine Schar der ältesten Juden; mit entblößten Häuptern knieten sie vor dem Senator nieder. Ich erkannte den Mittelsten, es war Hanoch, der alte Jude, dessen Tochter Bernardo ein so großes Interesse eingeflößt hatte. Der Alte führte das Wort und hielt eine Art Rede, in welcher er nach altem Herkommen für sich und sein Volk um Erlaubnis bat, noch ein Jahr hier in Rom in dem ihnen angewiesenen Stadtviertel verbleiben zu dürfen, versprach einmal in eine katholische Kirche zu gehen und darum bat, daß es ihnen gestattet würde, anstatt selbst nach alter Sitte in Gegenwart der Römer durch den Korso zu laufen, die Kosten für das Pferdewettrennen sowie den ausgesetzten Preis und die bunten Samtfahnen zu bezahlen. Der Senator nickte gnädig (der alte Gebrauch, den Fuß auf die Schulter des Bittenden zu setzen, war abgeschafft), stieg darauf unter rauschender Musik in voller Prozession die Treppe bis zu seinem prächtigen Wagen hinab, in welchem auch die Pagen ihren Platz erhielten, und eröffnete so den Karneval. Die große Glocke des Kapitols läutete das Fest ein und ich lief schnell nach Hause, um mich in aller Eile in mein Advokatengewand zu werfen. In diesem kam ich mir wie ein ganz anderer Mensch vor. Mit einer Art Selbstzufriedenheit hüpfte ich auf die Straße hinab, wo mich bereits eine Gruppe Masken begrüßte. Es waren arme Arbeiter, welche diese Tage mit den reichsten Nobili auf gleiche Stufe stellten. Ihr ganzer Ausputz war originell genug und dazu der billigste von der Welt. Ueber ihrer gewöhnlichen Kleidung trugen sie ein grobes Hemde, mit Citronenschalen, die große Knöpfe vorstellen sollten, besetzt; grünen Salat auf den Schultern und Schuhen, eine Perücke von Finocchi und außerdem große aus Apfelsinenschalen ausgeschnittene Brillen.

Ich drohte ihnen allen mit Prozessen, zeigte ihnen in meinem Buche die Gesetzesstellen, die eine so verschwenderische Kleidertracht wie die ihrige verboten, und nun hüpfte ich, von ihnen allen applaudiert, nach der langen Korsostraße, die sich in einen förmlichen Maskensaal verwandelt hatte. Aus allen Fenstern und von allen Balkonen hingen bunte Teppiche herab. Längs den Häusern stand eine unendliche Reihe Stühle, »köstliche Plätze zum Zusehen,« wie der Ausrufer versicherte. Wagen folgte auf Wagen, zum größten Teil mit Maskierten, in zwei langen Reihen, eine die Straße aufwärts, die andere abwärts. An einzelnen waren selbst die Räder mit Lorbeerzweigen umwunden, sie machten fast den Eindruck beweglicher Lauben, und zwischen diesen tummelte sich das lustige Menschengewimmel. Alle Fenster waren mit Zuschauern gefüllt. Niedliche Römerinnen, in Offiziertracht und mit einem Schnurrbart über dem feinen Munde, warfen Confetti auf ihre Bekannten hinab. Ich hielt ihnen eine Rede und lud sie vor Gericht, weil sie nicht nur Confetti ins Gesicht, sondern auch Feuerblicke in die Herzen schleuderten. Ein Blumenregen belohnte meine Rede.

Ich traf eine furchtbar herausgeputzte Bürgersfrau in Begleitung ihres Cicisbeo; die Passage war auf einen Augenblick durch einen Kampf zwischen einer Schar Polichinelle unterbrochen, und die gute Madame mußte eine Probe meiner Beredsamkeit über sich ergehen lassen.

»Signora!« sagte ich, »heißt das Ihr Gelübde halten? Heißt das die römisch-katholische Sitte beobachten, wie Ihre Pflicht erheischt? Ach, wo ist jetzt noch eine Lucretia, Tarquinii Collatini Gattin! Da senden Sie nach dem Beispiele anderer römischer Frauen Ihren braven Mann während des Karnevals fort, um ihn bei den Mönchen in Trastevere geistliche Exercitien treiben zu lassen. Sie schwören ein göttliches ruhiges Leben in Ihrem Hause zu führen, und Ihr Mann kasteit seinen Leib in der Zeit allgemeiner Freude, betet und arbeitet Tag und Nacht innerhalb der Klostermauern. Da haben Sie freies Spiel, da fliegen Sie mit Ihren Galanen auf dem Korso umher. Ei, Signora, ich klage Sie vor Gericht laut § 27 des 16. Titels an.«

Ein nachdrücklicher Fächerschlag mir gerade ins Gesicht war ihre Antwort, und nach seiner Kraft und Gründlichkeit zu urteilen, mußte ich in aller Unschuld die Wahrheit getroffen haben.

»Bist du närrisch? Antonio!« flüsterte mir ihr Begleiter zu, und sie schlüpften, zwischen Sbirren, Griechen und Hirtinnen hindurch. Nach den wenigen Worten hatte ich ihn erkannt, es war Bernardo. Aber wer in aller Welt könnte die Dame sein?

»Luogi! Luogi, Patroni!« schrieen die Stuhlvermieter. Meine Gedanken waren zerstreut, aber wer wollte auch an einem Karnevalstage denken. Eine Gruppe Harlekin, mit Schellen auf den Schuhen und Schultern, tanzte um mich herum, und ein neuer Advokat auf mannshohen Stelzen schritt über uns fort. Als er in mir einen Kollegen erkannte, spottete er des niedrigen Standpunktes, den ich einnähme, und versicherte, daß nur bei ihm eine Sache gewonnen werden könnte. Auf Erden, an welcher ich fest klebte, gäbe es keine Gerechtigkeit. Nur oben ließe sie sich finden, und nun zeigte er nach dem höhern Luftraume, zu dem er sich emporgeschwungen hatte, und spazierte weiter.

Auf der Piazza Colonna war ein Musikchor: lustige Doktoren und Hirtinnen tanzten jubelnd sogar um einzelne Abteilungen Soldaten, welche, um Ordnung zu halten, zwischen den Wagen und dem Menschengewimmel die Straße mechanisch auf und ab wandelten. Eben hatte ich wieder eine gründliche Rede begonnen, als plötzlich ein Schreiber kam und meiner Beredsamkeit ein Ende machte. Sein Begleiter, der vor ihm herlief, läutete mir so vor den Ohren, daß ich meine eignen Worte nicht verstehen konnte. Nun erschallte auch der Kanonenschuß als Signal, daß alle Wagen die Straße verlassen mußten, da der Karneval für heute ein Ende hatte.

Ich erhielt einen Platz auf einer der Tribünen. Unter mir wogte das Volksgewühl; es ließ sich von den Soldaten nicht stören, die bemüht waren den Pferden Platz zu machen, welche bald durch die Straßen, wo keine Scheidewand eine bestimmte Bahn bildete, in wildem Laufe jagen sollten.

Kurz vor Ende der Straße, auf der Piazza del Popolo, wurden die Pferde vor die Schranken geführt. Sie schienen schon halb wild. Brennender Schwamm war ihnen auf den Rücken geklebt, kleine Raketen waren hinter den Ohren angebracht und lose Eisenplatten, welche sie während des Laufes bis aufs Blut spornten, an den Seiten befestigt. Die Stallknechte konnten sie kaum noch halten, der Kanonenschuß gab das Zeichen, das Tau vor den Schranken fiel, und nun flogen sie wie ein Sturmwind an mir vorbei den Korso entlang. Das Knittergold rauschte, die Mähnen und die bunten Bänder flatterten hoch in die Luft, die Feuerfunken sprühten ihnen um die Hufe, das ganze Volksgewimmel schrie hinter ihnen her, und in demselben Augenblicke, wo sie vorüber waren, strömte die Masse über die offene Bahn fort, der Woge gleich, die sich hinter dem Kiel des Schiffes schließt.

Das Fest war für heute zu Ende. Ich eilte heim, um mein Kostüm abzulegen, und fand im Zimmer Bernardo, welcher auf mich wartete.

»Du hier!« rief ich, »und deine Donna, wo in aller Welt hast du sie verlassen?«

»Still!« sagte er und drohte scherzend mit dem Finger, »laß es nicht zu einer Ehrensache zwischen uns kommen! – Wie konntest du doch nur auf die bizzare Idee verfallen, gerade das zu sagen, was du sagtest! – Aber wir wollen dir Absolution erteilen und eine Gnade erweisen. Du begleitest mich heute Abend ins Theater, man giebt die Oper Dido, es soll eine göttliche Musik sein. Unter den weiblichen Mitgliedern des Personals giebt es mehrere Schönheiten ersten Ranges, und außerdem tritt in der Hauptrolle eine fremde Sängerin auf, die ganz Neapel in Feuer und Flamme gesetzt haben soll. Es soll eine Stimme, ein Ausdruck und ein Vortrag sein, wovon wir keine Idee haben, und dann ist sie schön, sehr schön, wie man sagt. Du mußt die Bleifeder mitnehmen, denn entspricht sie nur halb der Beschreibung, die man mir gemacht hat, dann muß sie dich zu den schönsten Sonetten begeistern. Ich habe mir vom heutigen Karneval die letzten Veilchensträußer aufgespart, um sie ihr zu opfern, falls sie mich hinreißt.«

Ich war bereit ihn zu begleiten; jeden Tropfen des lustigen Karnevals wollte ich einsaugen. Es wurde ein wichtiger Abend für uns beide. In meinem diario romano steht denn auch dieser dritte Februar doppelt unterstrichen. Bernardo konnte Grund haben dasselbe zu thun.

In Roms größtem Opernhause, im Theater Alibert, sollten wir die neue Sängerin, als Dido, sehen. Der prächtige Plafond, an dem die Musen schweben, der Vorhang mit dem ganzen Olymp und die goldnen Arabesken der Logen, waren damals alle noch neu. Das ganze Haus war ausgekauft; alle Plätze, vom Parterre bis zum fünften Range, waren mit Menschen gefüllt. In jeder Loge brannten auf Wandleuchtern Lichter, alles strahlte wie ein Lichtmeer, Bernardo lenkte meine Blicke auf jede neue Schönheit, die in eine Loge trat, und sagte ein Dutzend Bosheiten über die Häßlichen.

Die Ouvertüre begann. Es war in Tönen die Expositionsscene des Stückes. Der wilde Sturm brauste über das Meer und trieb Aeneas an Lybiens Küsten. Des Sturmes Schrecken lösten sich in fromme Hymnen auf, die sich bis zum Jubel steigerten, und bei den weichen Flötentönen träumte ich mir Didos erwachende Liebe, ein Gefühl, das ich selbst noch nicht kannte. Das Jagdhorn ertönte, der Sturm stieg aufs neue, und ich weilte mit den Liebenden in der geheimnisvollen Grotte, wo alles Liebe atmete und verkündigte, diese starke feurige Leidenschaft, die in einer schrillen Dissonanz endete, unter welcher der Vorhang in die Höhe ging. Aeneas will fort, will für Askanius das hesperische Reich gewinnen, will Dido verlassen, die ihn, den Fremdling, aufnahm, ihm ihre Ehre und ihren Frieden opferte, und bis jetzt seine Pläne nicht ahnt, »aber bald wird der Traum zerfließen,« sagt er, »bald, wenn das Heer der Teukrer, mit Beute beladen, gleich der Ameisen schwarzer Schar, zum Strande zieht.«

Nun tritt Dido auf. Während sie auf der Bühne erschien, legte sich eine tiefe Stille über das Publikum; ihr ganzes Wesen, ihr königlicher und zugleich leichter reizender Anstand, ergriff alle ebenso wie mich, obwohl ich mir eine Darstellerin der Dido ganz anders gedacht hatte. Sie stand da, ein zartes liebliches Wesen, unendlich schön und vergeistigt, wie Raffael sich ein Weib zu denken vermochte. Schwarz wie Ebenholz lag das Haar und die schöne gewölbte Stirn, das dunkle Auge war voller Ausdruck. Ein lautes Beifallklatschen erhob sich, es war die Schönheit, welcher man huldigte, die Schönheit allein, denn noch hatte sie nicht einen einzigen Ton gesungen. Ich sah deutlich eine Röte über ihre Stirne fliegen, sie verneigte sich vor der bewundernden Menge, die nun unter tiefem Schweigen ihrer durchdachten schönen Betonung des Recitativs folgte.

»Antonio!« rief mir Bernardo halblaut zu und zupfte mich am Arme, »sie ist es! Ich müßte meinen Verstand verloren haben, oder sie ist es, mein entflogener Vogel! Ja, ja, ich kann mich nicht irren, auch ihre Stimme ist es! Ich entsinne mich aller ihrer Reize nur zu gut!«

»Wen meinst du?« fragte ich.

»Das Judenmädchen aus dem Ghetto,« erwiderte er, »und doch scheint es unmöglich, rein unmöglich! Sie kann ja nicht dieselbe sein!«

Er schwieg und verlor sich im Anschauen des wunderbar schönen Sylphenwesens. Sie sang ihr Liebesglück; es war ein Herz, das in Tönen jenes tiefe reine Gefühl ausatmete, welches sich auf Tonschwingen aus der Menschenbrust losriß. Eine eigentümliche Wehmut ergriff meine Seele; es war, als ob diese Töne die am tiefsten begrabenen Erinnerungen heraufbeschwören wollten. Auch ich war nahe daran mit Bernardo auszurufen: sie ist es. Ja, woran ich seit vielen Jahren nicht gedacht, wovon ich nicht einmal geträumt hatte, stand jetzt klar und lebhaft vor mir. Ich dachte daran, wie ich als Kind zur Weihnachtszeit in der Kirche Araceli predigte, und mir das wunderbar fein gebaute Mädchen mit der merkwürdig sonoren Stimme den Preis abgewonnen hatte; ich dachte ihrer, und je mehr ich diesen Abend sah und hörte, desto bestimmter brach in mir der Gedanke durch: »Sie ist es, sie und keine andere!«

Als ihr Aeneas später gesteht, daß er fortgeht, daß sie ja nicht verheiratet seien, er ihre Hochzeitsfackel nicht kenne, wie staunenerregend verstand sie da nicht den Uebergang in ihrer Seele, die Ueberraschung, den Schmerz, die Wut auszudrücken. Und nun sang sie ihre große Arie. Es war, als ob Wogen der Tiefe bis zu den Wolken emporschlugen. Wie soll ich diese Tonwelt schildern, die sich hier offenbarte! Mein Gedanke suchte ein körperliches Bild für diese Töne, die nicht aus einer Menschenbrust zu quellen schienen, und ich sah den Schwan sein Leben im Gesange ausatmen, während er bald die hohen Aetherströme mit den Flügeln schlug, bald in das tiefe Meer hinabtauchte und die Brandung zerteilte, um aufs neue emporzusteigen. Ein allgemeiner Beifallsruf brauste durch das Haus. »Annunziata! Annunziata!« rief man, und nun mußte sie wieder und wieder vor der begeisterten Menge erscheinen.

Und doch stand diese Nummer des Stücks hinter dem Duette des zweiten Aktes zurück, in welchem sie Aeneas bittet, nur nicht augenblicklich fortzuziehen, sie nicht so zu verlassen, sie, die um seinetwillen »Lybiens Stämme, Afrikas Fürsten, ihre Schamhaftigkeit und ihren Ruf verletzte.« »Ich sandte kein Schiff gegen Troja, ich störte nicht Anchises' Schatten und Asche!« Es war eine Wahrheit, ein Schmerz in ihrem Ausdruck, der mir die Thränen in die Augen trieb, und die tiefe Stille ringsumher bewies, wie jedes Herz dasselbe fühlte.

Aeneas verläßt sie und nun steht sie einen Augenblick bleich und marmorkalt, wie eine Niobe, aber bald rollt ihr das Blut siedend durch die Adern, es ist nicht mehr Dido, die warm liebende Dido, die verlassene Gattin, es ist eine Furie, die Schönheitszüge atmen Gift und Tod. Annunziata wußte so vollständig den Ausdruck ihrer Züge zu verändern, so einen jeden mit Schrecken zu erfüllen, daß man unwillkürlich mit ihr atmen und leiden mußte.

Leonardo da Vinci hat ein Medusenhaupt gemalt, welches sich in dem Museum zu Florenz befindet; alle werden von dem Anblick desselben eigentümlich ergriffen und sind doch nicht imstande, sich los zu reißen. Es gleicht dem Gischt des Abgrundes in den schönsten Formen der gähnenden Tiefe, die sich aus Gift und Eiter eine mediceeische Venus geschaffen hat. Der Blick, selbst die Stellung des Mundes, atmet Tod. So stand jetzt Dido vor uns.

Man sah den Scheiterhaufen, den ihre Schwester Anna errichtet hatte, den Hof mit schwarzen Totenkränzen behängt; fern im Hintergrunde flog des Aeneas Schiff über die aufgeregte See. Dido stand mit seinen vergessenen Waffen da, ihr Gesang klang tief und schwer und stieg dann wieder in Höhe und Kraft, wie der gefallenen Engel Jammer. Der Scheiterhaufen loderte auf, das Herz brach in Tönen.

Wie ein Sturm brauste der Beifall, als der Vorhang fiel. Wir waren alle außer uns vor Begeisterung über die herrliche Künstlerin, ihre Schönheit und unbegreiflich klangreiche Stimme.

»Annunziata! Annunziata!« schallte es vom Parterre und aus allen Logen. Da hob sich der Vorhang und sie stand vor uns schüchtern und anmutig, mit Augen voller Liebe und Milde. Blumen regneten auf sie hinab, die Damen wehten mit ihren weißen Taschentüchern und die Herren jubelten entzückt ihren Namen. Der Vorhang fiel, aber der Jubel schien sich nur noch zu steigern. Abermals mußte sie erscheinen und diesmal hielt sie den Sänger an der Hand, welcher die Rolle des Aeneas gespielt hatte. Aber wieder und immer wieder erhob sich der Ruf »Annunziata!« Noch einmal zeigte sie sich mit dem ganzen Personale, welches zu ihrem Triumphe beigetragen hatte, aber von neuem wiederholte man stürmisch nur ihren Namen, und zum viertenmal stand sie nun ganz allein auf der Bühne und dankte mit wenigen herzlichen Worten für die reiche Aufmunterung, die man ihrem Talente schenkte. Ich hatte in meiner Begeisterung einige Zeilen auf ein Papier geschrieben; unter Blumen und Kränzen flog es ihr zu Füßen.

Der Vorhang erhob sich nun nicht mehr, aber ununterbrochen ertönte derselbe Ruf; man wollte sie länger sehen, ihr länger seine Huldigungen darbringen. Da trat sie hinter dem Vorhange hervor, ging die Lampen entlang und sandte der jubelnden Menge Kußfinger und Dankworte zu. Die Freude strahlte ihr aus den Augen; über ihr ganzes Gesicht hatte sich eine Glückseligkeit verbreitet, die sich nicht beschreiben läßt; es war sicher einer der glücklichsten Augenblicke ihres Lebens. Aber war er es vielleicht nicht auch in dem meinigen? Ich teilte die Freude mit ihr wie den Jubel mit den andern; mein Auge, meine ganze Seele sog ihr Bild ein, ich sah nichts, ich dachte nichts anderes als Annunziata.

Die Menge verließ das Theater, ich wurde vom Strome, der sich um die Ecke bewegte, wo der Wagen der Sängerin hielt, mit fortgerissen; man drückte mich gegen die Mauer, alle wollten sie noch einmal sehen. Alle zogen den Hut ab und jubelten ihren Namen. Ich rief ihn mit und mein Herz schwoll sonderbar dabei. Bernardo hatte sich bis zur Kutschenthür hindurch gedrängt und öffnete sie ihr. Ich sah, daß man in einem Nu die Pferde ausspannte, und begeisterte junge Männer zugriffen, um selbst sie nach Hause zu ziehen; sie dankte und bat dieselben mit bebender Stimme es zu unterlassen, aber nur ihr Name erschallte im höchsten Jubel durch die Straße, Bernardo stieg auf den Wagentritt und beruhigte sie, sogar ich faßte an der Deichsel mit an und fühlte mich glückselig wie die andern. Nur allzu schnell ging alles wie ein schöner Traum vorüber. Ich war so glücklich mit Bernardo zusammen zu stoßen; wie beneidenswert er war! Er hatte ja mit ihr gesprochen, war ihr ganz nahe gewesen!

»Nun, was sagst du, Antonio? Ist dein Herz noch nicht bewegt? Glühst du nicht durch Mark und Bein, dann bist du nicht wert, ein Mann zu heißen! Begreifst du nun, wie du dir selbst im Lichte gestanden hast, als ich dich bei ihr einführen wollte, und daß es sich schon der Mühe lohnte hebräisch zu lernen, um mit solch einem Geschöpfe auf einer Bank sitzen zu können. Ja, Antonio, ich zweifle nicht im geringsten daran, wie unerklärlich es auch scheint, daß sie mein Judenmädchen ist! Sie war es, die mir den Cyperwein einschenkte und verschwand. Ich habe sie wieder, sie ist hier und ist herrlicher als ein Phönix in ihrem Neste, dem häßlichen Ghetto, aufgeflogen.«

»Es ist unmöglich, Bernardo!« erwiderte ich, »auch bei mir erweckt sie Erinnerungen, die deiner Vermutung, sie sei eine Jüdin, widersprechen; sicher gehört sie der allein seligmachenden Kirche an. Hättest du sie recht betrachtet, wie ich es that, dann hättest du sehen müssen, daß ihre Erscheinung nicht den jüdischen Typus hat, daß diese Züge nicht das Kainszeichen dieser unglücklichen Nation an sich tragen. Selbst ihre Sprache, diese Töne, nein so können sie von jüdischen Lippen nicht erklingen. O Bernardo, ich fühle mich so glücklich, so erfüllt von der Tonwelt, in die sie meine Seele versetzt hat! – Aber was sagte sie? Du sprachest ja mit ihr, standest ja dicht neben dem Wagen! War sie recht glücklich, so glücklich, wie sie uns alle gemacht hat?«

»Du bist ja ordentlich begeistert, Antonio!« unterbrach er mich, »nun schmilzt das Eis der Jesuitenschule! – Was sie sprach? Sie war ängstlich und doch zugleich stolz darauf, daß ihr wilden Bengel mit ihr durch die Straßen fuhrt. Sie zog den Schleier dicht um ihr Gesicht und drückte sich in eine Wagenecke; ich beruhigte sie und sagte alles, was mein Herz der Königin der Schönheit und Unschuld sagen konnte, aber sie wollte nicht einmal meine Hand annehmen, als ich ihr beim Aussteigen helfen wollte.«

»Aber wie konntest du dir dergleichen auch nur herausnehmen! Sie kennt dich ja nicht. Solche Dreistigkeit hätte ich mir nie unterstanden.«

»Ich glaube es gern, du kennst eben weder die Welt noch die Weiber! Sie hat mich bemerkt und das ist immer etwas!«

Ich mußte ihm nun mein ihr gewidmetes Impromptu vorlesen; er fand es göttlich, es müßte im diario di Roma abgedruckt werden. Wir stießen mit den Gläsern zusammen und tranken auf ihr Wohl. Alle im Café redeten nur von ihr. Alle waren gleich uns unerschöpflich ihr Lob zu singen. Es war schon spät, als ich von Bernardo schied; ich kam nach Hause, aber an Schlaf war nicht zu denken. Es war mir eine Wollust, die ganze Oper an meiner Seele vorüberziehen zu lassen, Annunziatas erstes Auftreten, die Arie, das Duett, die wunderbar ergreifende Schlußscene. In meinem Entzücken applaudierte ich laut und rief ihren Namen. Nun durchlief ich in Gedanken mein kleines Gedicht, schrieb es auf Papier und fand es schön, las es noch ein paarmal für mich selbst, und soll ich aufrichtig sein, so ging die Liebe zu ihr beinahe in zu hohem Grade auf das Gedicht über. Jetzt nach Verlauf vieler Jahre betrachte ich es mit ganz andern Augen; damals hielt ich es für ein kleines Meisterstück. »Sie hat es sicher aufgehoben,« dachte ich, »nun sitzt sie halb entkleidet auf dem weichen seidnen Sofa, stützt die Wange auf ihren schönen Arm und liest den Erguß meiner Seele:

Mit ird'scher Schwachheit sah ich aus dem Weltgetümmel
Zu dir entzückt empor, folgt' deinem stolzen Gang,
Auf Tönen führte durch die Tiefen und den Himmel
Mich jetzt dein Seraphblick, dein seelenvoller Sang.
Was Dante nur in Worten hat der Welt geschenkt,
In Tönen hast du's in die Seele mir gesenkt.

Ich kannte keine reichere und schönere Geisteswelt, als die uns aus Dantes Dichtung entgegenweht, aber diese stand nun, wie mir schien, mit einem höheren Leben, in einer weit größern Klarheit wie sonst vor mir. Ihr schmelzender Gesang, ihr Blick, der Schmerz und die Verzweiflung, die sie so meisterhaft zur Anschauung gebracht, hatten völlig den Dreiklang des Danteschen Gedichtes wiedergegeben. Sie mußte mein kleines Gedicht hübsch finden; ich stellte mir ihre Gedanken, ihre Lust, den Verfasser kennen zu lernen, vor und fast glaube ich, daß ich mich, ehe ich einschlief, beinahe mehr mit mir selbst und meinem kleinen Gedichte als mit ihr beschäftigte.

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