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Fjodr Michailowitsch Dostojewski: Der Idiot - Kapitel 47
Quellenangabe
typefiction
authorF. M. Dostojewskij
titleDer Idiot
publisherAufbau-Verlag Berlin
year1958
translatorH. Röhl
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20071223
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IX

Nach dem Ereignis, das wir im letzten Kapitel erzählt haben, waren zwei Wochen vergangen, und die Situation der handelnden Personen unserer Erzählung hatte sich dermaßen verändert, daß es uns außerordentlich schwer wird, ohne besondere Erläuterungen an die Fortsetzung zu gehen. Und doch fühlen wir, daß wir uns auf eine einfache Darlegung der Tatsachen beschränken müssen, unter möglichster Vermeidung besonderer Erläuterungen, und zwar aus einem sehr einfachen Grund: weil wir selbst in vielen Fällen in Verlegenheit sind, wie wir die Vorgänge erklären sollen. Ein solches Bekenntnis unsererseits muß dem Leser notwendigerweise sonderbar und unverständlich erscheinen, denn wie kann man etwas erzählen, wenn man selbst keine klare Vorstellung davon und keine persönliche Meinung darüber hat? Um uns nicht in eine noch schiefere Lage zu bringen, wollen wir lieber versuchen, das Gesagte an einem Beispiel klarzumachen; vielleicht wird dann der wohlgeneigte Leser verstehen, worin für uns eigentlich die Schwierigkeit liegt, und dieses Verfahren empfiehlt sich um so mehr, als dieses Beispiel keine Abschweifung, sondern im Gegenteil die unmittelbare, direkte Fortsetzung der Erzählung sein wird.

Zwei Wochen waren vergangen, das heißt, der Juli hatte bereits begonnen, und während dieser beiden Wochen war die Geschichte unseres Helden und besonders das letzte Ereignis dieser Geschichte allmählich in allen Straßen, die in der Nachbarschaft der Landhäuser Lebedews, Ptizyns, Darja Alexejewnas und der Familie Jepantschin lagen, kurz gesagt, fast im ganzen Ort und sogar in dessen Umgegend bekannt geworden und hatte dabei eine seltsame, sehr erheiternde, beinah unglaubliche und gleichzeitig beinah zum Greifen anschauliche Fassung erhalten. Fast die ganze Gesellschaft, Einheimische, Sommerfrischler, Residenzler, die zu den Konzerten herauskamen, alle erzählten ein und dieselbe Geschichte, aber mit tausend Variationen: ein Fürst habe in einer ehrenwerten, bekannten Familie einen Skandal herbeigeführt, sich von einer Tochter dieser Familie, die schon seine Braut gewesen sei, losgesagt, sich von einer bekannten Dame der Halbwelt betören lassen, alle seine früheren Beziehungen abgebrochen und beabsichtige nun, ohne sich um etwas zu kümmern, trotz aller Drohungen und trotz der allgemeinen Entrüstung des Publikums, sich in nächster Zeit mit dem ehrlosen Frauenzimmer hier in Pawlowsk in aller Öffentlichkeit, erhobenen Hauptes und allen gerade ins Gesicht blickend trauen zu lassen. Dieses Geschichtchen wurde durch skandalöse Züge dermaßen ausgeschmückt, und es wurden so viele bekannte, bedeutende Persönlichkeiten hineingemischt und so viele mannigfache phantastische und rätselhafte Details hinzugetan, und es stützte sich andrerseits auf so unwiderlegliche, feststehende Tatsachen, daß die allgemeine Neugier und die entstehenden Klatschereien gewiß sehr entschuldbar waren. Die feinste, schlauste und gleichzeitig am wahrscheinlichsten klingende Interpretation wurde diesem Geschichtchen durch einige Klatschmäuler männlichen Geschlechts zuteil; diese »ernsten, verständigen« Leute, die eine besondere Schicht bilden, haben immer, in jeder Gesellschaft, nichts Eiligeres zu tun, als den andern dieses und jenes Ereignis zu kommentieren, und sie finden darin ihren Beruf und häufig auch ihr Vergnügen. Sie stellten die Sache folgendermaßen dar: Ein junger Mensch aus guter Familie, ein Fürst, beinah reich zu nennen, ein Dummkopf, aber ein Demokrat und in den modernen Nihilismus, wie ihn Herr Turgenjew geschildert habe, vernarrt, kaum des Russischen mächtig, habe sich in eine Tochter des Generals Jepantschin verliebt und in der Familie als Bräutigam Aufnahme gefunden. Aber dann habe er es ähnlich gemacht wie jener französische Seminarist, von dem soeben ein Geschichtchen durch die Zeitungen gegangen sei, der sich eigens habe zum Geistlichen weihen lassen, der eigens um die Weihen gebeten, alle Zeremonien, Kniebeugungen, Küsse, Gelöbnisse und so weiter ausgeführt habe, um gleich am folgenden Tag seinem Bischof öffentlich in einem Brief zu erklären, daß er, da er nicht an Gott glaube, es für ehrlos halte, das Volk zu täuschen und sich von ihm ohne Gegenleistung ernähren zu lassen, und daß er daher die am vorhergehenden Tage ihm verliehene Würde wieder niederlege und seinen Brief in fortschrittlichen Zeitungen abdrucken lasse. Ähnlich diesem Atheisten habe auch der Fürst in seiner Weise ein falsches Spiel getrieben. Sie erzählten, er habe absichtlich eine bei den Eltern seiner Braut stattfindende festliche Abendgesellschaft abgewartet, auf der er sehr vielen hervorragenden Persönlichkeiten habe vorgestellt werden sollen, um laut und in Gegenwart aller seine Anschauungsweise darzulegen, hochachtbare Würdenträger zu beschimpfen, sich von seiner Braut öffentlich und in beleidigender Form loszusagen und im Handgemenge mit den ihn hinausbringenden Dienern eine schöne chinesische Vase zu zerschlagen. Um die modernen Sitten zu charakterisieren, fügten sie noch hinzu, der unvernünftige junge Mann habe seine Braut, die Generalstochter, wirklich geliebt, sich aber von ihr einzig und allein aus Nihilismus und wegen des zu erwartenden Skandals losgesagt, um sich nicht das Vergnügen zu versagen, vor den Augen der ganzen Welt eine Gefallene zu heiraten und dadurch zu beweisen, daß es in seiner Ideenwelt weder gefallene noch tugendhafte Frauen gebe, sondern nur einzig und allein die freie Frau, und daß er die herkömmliche, übliche Einteilung nicht anerkenne, sondern ausschließlich die »Frauenfrage« auf den Schild erhebe. Ja die gefallene Frau stehe in seinen Augen sogar noch etwas höher als die nicht gefallene. Diese Darstellung erschien sehr glaubwürdig und wurde von der Mehrzahl der Sommerfrischler akzeptiert, um so mehr, als sie durch die Ereignisse, die nun jeder weitere Tag brachte, ihre Bestätigung fand. Allerdings blieb eine Menge von Dingen unaufgeklärt: es wurde erzählt, das arme Mädchen habe ihren Bräutigam – oder nach anderen: ihren »Verführer« – so innig geliebt, daß sie gleich am nächsten Tag, nachdem er sich von ihr losgesagt habe, zu ihm hingelaufen sei, als er sich gerade bei seiner Geliebten befunden habe; andere behaupteten dagegen, er selbst habe sie absichtlich zu seiner Geliebten hingelockt, lediglich aus Nihilismus, um sie zu beschimpfen und zu beleidigen. Wie dem nun auch sein mochte, das Interesse an diesem Ereignis wuchs von Tag zu Tag, zumal nicht der geringste Zweifel aufkommen konnte, daß die skandalöse Hochzeit wirklich stattfinden würde.

Und wenn uns nun jemand eine Erklärung abverlangte, nicht hinsichtlich der nihilistischen Färbung, die man dem Ereignis verliehen hatte, o nein, sondern nur darüber, inwieweit die in Aussicht genommene Hochzeit den wirklichen Wünschen des Fürsten entsprochen habe, worin eigentlich in diesem Augenblick seine Wünsche bestanden hätten, wie eigentlich der Seelenzustand unseres Helden im vorliegenden Zeitpunkt zu charakterisieren sei, und über andere Punkte dieser Art – dann müßten wir bekennen, daß wir uns in großer Verlegenheit befinden, was wir darauf antworten sollen. Wir wissen nur das eine, daß die Hochzeit wirklich angesetzt wurde und daß der Fürst selbst Lebedew, Keller und einem Bekannten Lebedews, den letzterer ihm bei dieser Gelegenheit vorstellte, Vollmacht gab, alle erforderlichen Besorgungen sowohl kirchlicher als auch wirtschaftlicher Art zu erledigen; daß sie angewiesen wurden, dabei nicht mit Geld zu sparen; daß Nastasja Filippowna zur Hochzeit drängte und sie zu beschleunigen wünschte; daß zum Bräutigamsmarschall des Fürsten Keller auf seine eigene dringende Bitte ernannt wurde und zu Nastasja Filippownas Brautmarschall Burdowskij, der dieses Amt mit Begeisterung übernahm, und daß der Hochzeitstag auf Anfang Juli festgesetzt wurde. Aber außer diesen durchaus sicheren Details sind uns noch einige Tatsachen bekannt, die uns entschieden wieder irremachen, nämlich deswegen, weil sie den vorhergehenden widersprechen. Wir hegen zum Beispiel starken Verdacht, daß der Fürst, nachdem er Lebedew und die andern mit der Erledigung aller Geschäfte betraut hatte, gleich am selben Tag die erfolgte Ernennung eines Zeremonienmeisters und der beiden Marschälle und das Bevorstehen der Hochzeit fast ganz vergaß und daß, wenn er die Sache durch Überlassung der Geschäfte an andere möglichst schnell ordnete, er es einzig und allein in der Absicht tat, nun selbst nicht mehr daran denken zu müssen und dies alles vielleicht sogar so schnell wie möglich ganz zu vergessen. Woran dachte er aber in diesem Falle selbst, woran wollte er sich erinnern und wonach strebte er? Es ist auch nicht zu bezweifeln, daß ihm hierbei keinerlei Gewalt angetan wurde (etwa von seiten Nastasja Filippownas). Nastasja Filippowna hatte allerdings den dringenden Wunsch, daß die Hochzeit möglichst bald stattfinden möge, und sie war es, die sich den Plan mit der Hochzeit ausgedacht hatte, und nicht der Fürst; aber der Fürst hatte doch aus freien Stücken eingewilligt, freilich etwas zerstreut und wie wenn man von ihm etwas ganz Alltägliches verlangte. Solche merkwürdigen Tatsachen liegen uns in beträchtlicher Zahl vor, aber weit entfernt, zur Aufhellung zu dienen, verdunkeln sie vielmehr unserer Ansicht nach die Erklärung des Hergangs, auch wenn wir ihrer noch so viele beibringen würden; aber doch wollen wir hier noch ein Beispiel anführen.

Es ist uns genau bekannt, daß während dieser beiden Wochen der Fürst ganze Tage und Abende mit Nastasja Filippowna zusammen verbrachte; daß sie ihn zum Spaziergang und zu den Konzerten mitnahm; daß er täglich mit ihr in der Equipage ausfuhr; daß er anfing, sich ihretwegen zu beunruhigen, wenn er sie nur eine Stunde lang nicht gesehen hatte (er liebte sie also nach allen Anzeichen aufrichtig); daß er mit einem stillen, sanften Lächeln stundenlang, fast ohne selbst ein Wort zu sagen, zuhörte, ganz gleich worüber sie zu ihm redete. Aber wir wissen auch, daß er in diesen selben Tagen mehrmals, ja sogar recht oft, plötzlich zu Jepantschins ging, ohne dies vor Nastasja Filippowna geheimzuhalten, worüber diese beinah in Verzweiflung geriet. Wir wissen, daß er bei Jepantschins, solange sie noch in Pawlowsk blieben, nicht empfangen und eine Unterredung mit Aglaja Iwanowna ihm ständig verweigert wurde; daß er, ohne ein Wort zu sagen, wegging, aber gleich am nächsten Tage wieder hinkam, als hätte er die vorhergehende Abweisung ganz vergessen, und selbstverständlich eine neue Abweisung erfuhr. Es ist uns auch bekannt, daß, nachdem Aglaja Iwanowna von Nastasja Filippowna weggelaufen war, der Fürst eine Stunde darauf, vielleicht sogar noch etwas früher, bei Jepantschins war, natürlich in der Überzeugung, Aglaja dort vorzufinden, und daß sein Erscheinen damals in der Familie Jepantschin die größte Bestürzung und Angst hervorrief, weil Aglaja noch nicht nach Hause zurückgekehrt war und sie von ihm zum erstenmal hörten, daß sie mit ihm zu Nastasja Filippowna gegangen sei. Man erzählte, Lisaweta Prokofjewna, die Töchter und sogar Fürst Schtsch. wären damals zu dem Fürsten sehr hart und streng gewesen und hätten ihm gleich damals in scharfen Ausdrücken alle Bekanntschaft und Freundschaft aufgekündigt, zumal Warwara Ardalionowna plötzlich zu Lisaweta Prokofjewna gekommen sei mit der Mitteilung, Aglaja Iwanowna befinde sich schon seit einer Stunde bei ihr zu Hause, und zwar in einem schrecklichen Zustand, und scheine nicht wieder nach Hause zurückkehren zu wollen. Diese Nachricht erschreckte Lisaweta Prokofjewna am allermeisten und war vollkommen zutreffend: als Aglaja von Nastasja Filippowna fortgegangen war, wäre sie tatsächlich lieber gestorben, als daß sie sich ihren Angehörigen gezeigt hätte, und war darum zu Nina Alexandrowna gestürzt. Warwara Ardalionowna aber war ihrerseits sofort der Ansicht gewesen, Lisaweta Prokofjewna müsse unverzüglich von alledem in Kenntnis gesetzt werden. So eilten denn die Mutter und die Töchter alle zusammen sofort zu Nina Alexandrowna, gefolgt vom Oberhaupt der Familie, Iwan Fjodorowitsch selbst, der soeben nach Hause zurückgekehrt war, und hinter ihnen schlich auch Fürst Lew Nikolajewitsch her, trotz der gekündigten Freundschaft und der harten Worte; aber auf Warwara Ardalionownas Anordnung wurde er auch dort nicht zu Aglaja gelassen. Die Sache endete übrigens damit, daß Aglaja, als sie sah, wie die Mutter und die Schwestern um sie weinten und daß sie ihr keinerlei Vorwürfe machten, sich in ihre Arme warf und sogleich mit ihnen nach Hause zurückkehrte. Man erzählte, obgleich diese Gerüchte nicht sehr zuverlässig waren, Gawrila Ardalionowitsch habe auch diesmal sehr wenig Glück gehabt; er habe, als Warwara Ardalionowna zu Lisaweta Prokofjewna gelaufen und er mit Aglaja allein geblieben sei, die Gelegenheit benutzen wollen und angefangen, von seiner Liebe zu reden; als Aglaja das gehört habe, sei sie trotz all ihres Kummers und ihrer Tränen auf einmal in lautes Gelächter ausgebrochen und habe ihm die seltsame Frage vorgelegt, ob er wohl zum Beweis seiner Liebe auf der Stelle seinen Finger über einer Kerze verbrennen wolle. Gawrila Ardalionowitsch sei über dieses Ansinnen ganz verdutzt und fassungslos gewesen und habe ein so verblüfftes Gesicht gemacht, daß Aglaja über ihn krampfhaft gelacht, ihn stehengelassen habe und zu Nina Alexandrowna nach oben gelaufen sei, wo ihre Eltern sie dann vorgefunden hätten. Diese Geschichte gelangte am darauffolgenden Tag durch Ippolit zur Kenntnis des Fürsten. Da Ippolit nicht mehr vom Bett aufstand, ließ er den Fürsten eigens zu sich rufen, um ihm diese Nachricht mitzuteilen. Wie dieses Gerücht zu Ippolits Ohren gelangt war, ist uns unbekannt, aber als der Fürst die Geschichte von der Kerze und dem Finger hörte, mußte er so lachen, daß sogar Ippolit sich wunderte, aber dann fuhr er auf einmal zusammen und brach in Tränen aus... Überhaupt befand er sich in diesen Tagen in großer Unruhe und in einer außerordentlichen, undefinierbaren und qualvollen Verwirrung. Ippolit behauptete geradezu, er sei von Sinnen, aber darüber ließ sich noch nichts Sicheres sagen.

Wenn wir all diese Tatsachen anführen, es jedoch ablehnen, sie zu erklären, beabsichtigen wir nicht, unsern Helden in den Augen unserer Leser zu rechtfertigen. Wir sind im Gegenteil durchaus bereit, die Entrüstung zu teilen, die er sogar bei seinen Freunden durch sein Verhalten erweckte. Selbst Wera Lebedewa war eine Zeitlang über ihn empört; sogar Kolja war empört, desgleichen Keller, solange er noch nicht zum Bräutigamsmarschall erwählt war, ganz zu schweigen von Lebedew selbst, der sogar gegen den Fürsten zu intrigieren anfing, und zwar ebenfalls aus Empörung, die sogar ganz aufrichtig war. Aber davon werden wir noch später zu reden haben. Allgemein gesehen sind wir völlig und in höchstem Grade mit einigen sehr kräftigen und in psychologischer Hinsicht sogar sehr tiefsinnigen Bemerkungen einverstanden, die Jewgenij Pawlowitsch offen und ohne Umschweife dem Fürsten gegenüber in einem freundschaftlichen Gespräch aussprach, und zwar am sechsten oder siebenten Tag nach dem Vorfall bei Nastasja Filippowna. Wir bemerken bei dieser Gelegenheit, daß nicht nur Jepantschins selbst, sondern auch alle, die direkt oder indirekt mit der Familie in Verbindung standen, es für notwendig hielten, alle Beziehungen zum Fürsten vollständig abzubrechen. Fürst Schtsch. zum Beispiel wandte sich sogar weg, als er dem Fürsten begegnete, und erwiderte seinen Gruß nicht. Aber Jewgenij Pawlowitsch fürchtete nicht, sich dadurch zu kompromittieren, daß er den Fürsten besuchte, obwohl er selbst wieder angefangen hatte, täglich bei Jepantschins zu verkehren, und dort mit sichtlich erhöhter Freundlichkeit aufgenommen wurde. Er kam zum Fürsten gleich an dem Tage, nachdem die Jepantschins alle aus Pawlowsk abgereist waren. Als er bei dem Fürsten eintrat, kannte er bereits alle im Publikum verbreiteten Gerüchte, ja er hatte vielleicht selbst teilweise bei ihrer Verbreitung mitgewirkt. Der Fürst freute sich sehr über sein Kommen und begann sogleich von Jepantschins zu reden; dieses schlichte, offenherzige Verhalten löste auch dem Gast die Zunge, so daß auch er ohne Umschweife geradewegs zur Sache kam.

Der Fürst wußte noch nicht, daß Jepantschins abgereist waren; er war überrascht und wurde blaß; aber einen Augenblick darauf nickte er verwirrt und nachdenklich mit dem Kopf und gestand, daß es wohl habe so kommen müssen; dann erkundigte er sich schnell danach, wohin sie denn abgereist seien. Jewgenij Pawlowitsch beobachtete ihn unterdessen aufmerksam, und alles, was er wahrnahm, das heißt die Schnelligkeit der Fragen, ihre Direktheit, die Verwirrung des Fürsten und gleichzeitig eine gewisse sonderbare Offenherzigkeit, Unruhe und Aufregung, alles dies versetzte ihn in nicht geringe Verwunderung. Er machte übrigens in liebenswürdiger Weise dem Fürsten von allem eingehende Mitteilung; dieser wußte vieles noch nicht, und sein Besuch war der erste Bote, der von jener Familie zu ihm kam. Jewgenij Pawlowitsch bestätigte, daß Aglaja tatsächlich krank gewesen sei und drei Nächte hintereinander fast gar nicht geschlafen, sondern immer gefiebert habe; jetzt gehe es ihr besser, und sie befinde sich außer aller Gefahr, aber in einem nervösen, hysterischen Zustand. Ein Glück sei nur, daß in der Familie der vollste Friede herrsche. Aglajas Angehörige seien darauf bedacht, alle Andeutungen über das Geschehene zu vermeiden, sogar wenn sie unter sich seien, nicht nur in Aglajas Gegenwart. Die Eltern hätten schon miteinander über eine Reise ins Ausland gesprochen, die im Herbst, gleich nach Adelaidas Hochzeit, stattfinden solle; Aglaja habe die ersten Mitteilungen darüber schweigend entgegengenommen. Er, Jewgenij Pawlowitsch, werde vielleicht ebenfalls ins Ausland reisen. Sogar Fürst Schtsch. habe vor, dies mit Adelaida zusammen für ungefähr zwei Monate zu tun, wenn seine Geschäfte es ihm erlauben sollten. Der General selbst werde in Petersburg bleiben. Jetzt seien sie alle nach ihrem Gut Kolmino, etwa zwanzig Werst von Petersburg, übergesiedelt, wo sich ein herrschaftliches Gutshaus befinde. Die alte Bjelokonskaja sei noch nicht nach Moskau zurückgereist und, wie es scheine, sogar absichtlich noch dageblieben. Lisaweta Prokofjewna habe energisch erklärt, es sei nach allem Vorgefallenen unmöglich, in Pawlowsk zu bleiben; er, Jewgenij Pawlowitsch, habe ihr täglich von den im Ort umlaufenden Gerüchten Mitteilung gemacht. Nach ihrem auf der Jelagin-Insel gelegenen Landhaus überzusiedeln, hätten sie ebenfalls nicht für möglich gehalten.

»Na ja, und in der Tat«, fügte Jewgenij Pawlowitsch hinzu, »das müssen Sie selbst zugeben: war das etwa auszuhalten?... Zumal man wußte, was bei Ihnen hier in Ihrem Hause stündlich vorging, Fürst, und Sie, trotz der Zurückweisung, dort täglich einen Besuch machten ...«

»Ja, ja, ja, Sie haben recht, ich wollte Aglaja Iwanowna sprechen...«, erwiderte der Fürst und nickte wieder mit dem Kopf.

»Ach, lieber Fürst«, rief Jewgenij Pawlowitsch mit großer Lebhaftigkeit und Betrübnis, »wie konnten Sie nur damals zulassen, daß das alles geschah? Gewiß, gewiß, das kam für Sie alles so unerwartet... Ich gebe zu, daß Sie die Geistesgegenwart verlieren mußten und... außerstande waren, das von Sinnen gekommene Mädchen zurückzuhalten, das ging über Ihre Kräfte. Aber das mußten Sie doch begreifen, wie ernst und stark die Empfindungen dieses Mädchens Ihnen gegenüber waren. Sie wollte nicht mit einer andern teilen, und Sie... und Sie haben einen solchen Schatz weggeworfen und zerstört!«

»Ja, ja, Sie haben recht; ja, ich habe mich schuldig gemacht«, sagte der Fürst wieder in tiefem Kummer. »Aber wissen Sie: sie war die einzige, Aglaja war die einzige, die so über Nastasja Filippowna urteilte... Alle übrigen Menschen urteilten anders über sie.«

»Ja, das ist ja eben das Empörende; daß gar nichts Ernstes vorlag!« rief Jewgenij Pawlowitsch, der ganz in Eifer geriet. »Verzeihen Sie mir, Fürst, aber... ich... ich habe darüber nachgedacht, Fürst, habe viel darüber nachgedacht; ich weiß genau, was früher vorgegangen ist; ich weiß alles, was vor einem halben Jahre geschehen ist, alles, und... all das war nichts Ernstes! All das war nur ein leichter Rausch, eine phantastische Laune, ein verwehender Rauch, und nur die ängstliche Eifersucht eines ganz unerfahrenen Mädchens konnte das für etwas Ernstes halten!...«

Und nun ließ Jewgenij Pawlowitsch ganz ungeniert seiner Entrüstung freien Lauf. Verständig und klar und – wir wiederholen es – sogar mit außerordentlicher psychologischer Einsicht entwarf er dem Fürsten ein Bild der gesamten früheren Beziehungen desselben zu Nastasja Filippowna. Jewgenij Pawlowitsch hatte von jeher die Gabe des Wortes besessen; jetzt aber bewies er geradezu ein hohes Rednertalent. »Die Beziehungen zwischen Ihnen beiden«, begann er, »begannen gleich von Anfang an mit einer Unwahrhaftigkeit, und was mit Unwahrhaftigkeit anfängt, das muß auch mit Unwahrhaftigkeit enden; das ist ein Naturgesetz. Ich erkläre mich nicht einverstanden, wenn manche – na, dieser und jener tut es – Sie einen Idioten nennen, ich bin sogar empört darüber; Sie sind zu verständig für eine solche Bezeichnung; aber Sie haben doch so viel Seltsames an sich, daß Sie nicht so sind wie alle Menschen, das müssen Sie selbst zugeben. Ich bin zu der Ansicht gelangt, daß die Grundlage alles Geschehenen sich aus folgenden Momenten zusammensetzt: erstens aus Ihrer sozusagen angeborenen Unerfahrenheit (beachten Sie wohl diesen Ausdruck, Fürst: ›angeborenen‹!), dann aus Ihrer ungewöhnlichen Gutmütigkeit, ferner aus Ihrem phänomenalen Mangel an Gefühl für das rechte Maß (was Sie schon mehrmals selbst zugegeben haben) und endlich aus einer gewaltigen Masse von Resultaten des Denkens, die Sie bei Ihrer außerordentlichen Ehrlichkeit noch bis jetzt für echte, natürliche, unmittelbare Überzeugungen halten! Sie müssen selbst zugeben, Fürst, daß in Ihren Beziehungen zu Nastasja Filippowna gleich von Anfang an etwas relativ Demokratisches (ich bediene mich der Kürze wegen dieses Ausdrucks), sozusagen der zauberhafte Reiz der »Frauenfrage« (um es noch kürzer auszudrücken) lag. Ich kenne genau jene ganze Skandalszene, die sich bei Nastasja Filippowna abgespielt hat, als Rogoshin ihr sein Geld brachte. Wenn Sie wollen, werde ich Sie vor Ihren eigenen Augen sezieren, ich werde Ihnen einen Spiegel vorhalten, so genau weiß ich, wie die Sache zusammenhing und warum sie diese Wendung genommen hat! Sie, ein Jüngling, sehnten sich in der Schweiz nach der Heimat, Sie strebten nach Rußland wie nach einem unbekannten verheißenen Land, lasen viele Bücher über Rußland, Bücher, die vielleicht an sich vortrefflich, aber für Sie schädlich waren; Sie kamen mit dem ersten heißen Drang nach Tätigkeit her und stürzten sich sozusagen in die Tätigkeit! Und siehe da, gleich an demselben Tag teilt man Ihnen die traurige, herzergreifende Geschichte einer entehrten Frau mit – Ihnen, einem ritterlich denkenden, keuschen Menschen diese Geschichte einer Frau! An demselben Tag sehen Sie diese Frau; Sie sind bezaubert von ihrer Schönheit, einer phantastischen, dämonischen Schönheit (ich gebe ja zu, daß sie schön ist). Nehmen Sie Ihre Nervosität hinzu, Ihre Epilepsie, unser Petersburger die Nerven schwächendes Tauwetter; nehmen Sie hinzu, daß Sie diesen ganzen Tag in einer Ihnen bisher unbekannten, für Sie beinah märchenhaften Stadt zubrachten, mit allerlei Menschen zusammenkamen, die verschiedensten Szenen erlebten, unerwartete Bekanntschaften machten, einer ganz unerwarteten Wirklichkeit gegenübertraten, die drei schönen Fräulein Jepantschin und darunter Aglaja kennenlernten; nehmen Sie Ihre Ermüdung und Ihr Schwindelgefühl hinzu; nehmen Sie Nastasja Filippownas Salon und den dort herrschenden Ton hinzu, und... was meinen Sie: was konnten Sie von sich selbst in einem solchen Augenblick erwarten?«

»Ja, ja; ja, ja«, sagte der Fürst, nickte wieder mit dem Kopfe und begann zu erröten, »ja, so ist das ungefähr gewesen, und wissen Sie, ich hatte wirklich die ganze vorhergehende Nacht im Zug nicht geschlafen und ebenso die zweitletzte nicht und war sehr zerstreut...«

»Nun ja, gewiß, das ist es ja eben, worauf ich hinauswill«, fuhr Jewgenij Pawlowitsch eifrig fort. »Es ist klar, daß Sie sozusagen in einem Wonnerausch sich auf die Möglichkeit stürzten, öffentlich eine hochherzige Anschauung zu äußern, nämlich die, daß Sie, ein geborener Fürst und ein reiner Mensch, eine nicht durch eigene Schuld, sondern durch die Schuld eines abscheulichen, vornehmen Wüstlings entehrte Frau nicht für ehrlos halten. O Gott, das ist ja so begreiflich! Aber darum handelt es sich nicht, lieber Fürst, sondern darum, ob dieses Ihr Gefühl wahr und echt und natürlich oder nur ein auf einem Denkprozeß beruhendes Entzücken war. Was meinen Sie: im Tempel ist einst einer Frau verziehen worden, einer ebensolchen Frau, aber es wurde ihr nicht gesagt, daß sie recht handle und aller Ehren und aller Achtung wert sei. Hat Ihnen selbst denn nicht nach drei Monaten Ihr gesunder Verstand zugeflüstert, wie die Sache zusammenhing? Mag sie jetzt auch schuldlos sein (behaupten werde ich das nicht, denn soweit will ich nicht gehen), aber kann denn alles, was ihr widerfahren ist, ihren unerträglichen, dämonischen Stolz und ihren frechen, gierigen Egoismus rechtfertigen? Verzeihen Sie, Fürst, ich lasse mich hinreißen; aber...« »Ja, alles das ist vielleicht richtig; vielleicht haben Sie recht...«, murmelte der Fürst wieder. »Sie ist wirklich sehr reizbar, und Sie haben recht, gewiß, aber...«

»Sie verdient Mitleid? Das wollten Sie sagen, lieber Fürst? Aber durften Sie denn aus Mitleid mit ihr und zu ihrem Vergnügen ein anderes hochgesinntes, reines Mädchen schmählich kränken und vor den Augen jener hochmütigen, haßerfüllten Nebenbuhlerin erniedrigen? Da geht denn doch das Mitleid zu weit! Das ist denn doch eine arge Übertreibung! Durften Sie denn ein Mädchen, das Sie liebten, so vor seiner eigenen Rivalin demütigen und sich um der andern willen und vor den Augen ebendieser andern von ihm abwenden, nachdem Sie ihm schon selbst einen ehrlichen Antrag gemacht hatten... und das hatten Sie doch getan, und zwar in Gegenwart der Eltern und Schwestern! Gestatten Sie die Frage, Fürst: sind Sie bei einer solchen Handlungsweise noch ein ehrenhafter Mensch? Und haben Sie nicht das herrliche Mädchen betrogen, als Sie ihr versicherten, daß Sie sie liebten?«

»Ja, ja, Sie haben recht, ich fühle, daß ich eine Schuld auf mich geladen habe!« sagte der Fürst in unbeschreiblichem Gram.

»Aber genügt denn das?« rief Jewgenij Pawlowitsch ganz entrüstet. »Genügt denn das, einfach auszurufen: ›Ach, ich habe eine Schuld auf mich geladen!‹ Sie sind schuldig und bleiben dabei doch hartnäckig! Und wo hatten Sie denn damals Ihr Herz, Ihr ›christliches‹ Herz? Sie haben ja ihr Gesicht in jenem Augenblick gesehen: was meinen Sie, hat sie etwa weniger gelitten als jene andere, um derentwillen Sie sich von ihr trennten? Wie konnten Sie nur das alles mit ansehen und zugeben? Wie war es nur möglich?«

»Aber... ich habe es ja gar nicht zugegeben...«, murmelte der unglückliche Fürst.

»Wie meinen Sie das?«

»Ich habe bei Gott nichts zugegeben. Ich weiß bis auf den heutigen Tag noch nicht, wie das alles gekommen ist... ich... ich lief damals Aglaja Iwanowna nach, und Nastasja Filippowna fiel in Ohnmacht, und nachher hat man mir bis jetzt den Zutritt zu Aglaja Iwanowna verwehrt.«

»Ganz gleich! Sie hätten hinter Aglaja herlaufen sollen, wenn auch die andere in Ohnmacht lag!«

»Ja... ja, das hätte ich tun müssen... aber sie wäre gestorben! Sie hätte sich das Leben genommen, Sie kennen sie nicht, und... ich wollte ja doch nachher Aglaja Iwanowna alles erzählen, und ... Sehen Sie, Jewgenij Pawlowitsch, ich sehe, daß Sie doch wohl nicht alles wissen. Sagen Sie, warum läßt man mich nicht zu Aglaja Iwanowna? Ich würde ihr alles erklären. Sehen Sie: die beiden haben damals gar nicht über den richtigen Punkt gesprochen, gar nicht über den richtigen Punkt, darum hat ihre Zusammenkunft auch diesen Ausgang genommen... Ich kann Ihnen das nicht erklären, aber ich würde es vielleicht Aglaja erklären können... Ach, mein Gott, mein Gott! Sie sprechen von ihrem Gesicht in jenem Augenblick, als sie weglief... o mein Gott, ich erinnere mich!... Kommen Sie, kommen Sie!« rief er, indem er eilig aufsprang und Jewgenij Pawlowitsch am Ärmel mitzog.

»Wohin?«

»Gehen wir zu Aglaja Iwanowna, gehen wir jetzt gleich!...«

»Aber sie ist ja gar nicht in Pawlowsk, ich habe es Ihnen ja schon gesagt, und wozu sollten wir auch hingehen?«

»Sie wird es verstehen, sie wird es verstehen!« murmelte der Fürst und faltete wie betend die Hände. »Sie wird verstehen, daß das alles sich nicht so verhält, sondern ganz, ganz anders!«

»Wieso ganz anders? Sie wollen ja doch jene Frau heiraten? Also bleiben Sie hartnäckig... Wollen Sie sie heiraten oder nicht?«

»Nun ja, ich werde sie heiraten; ja, ich werde sie heiraten!«

»Also wie können Sie dann sagen, es verhielte sich nicht so?«

»O nein, es verhält sich nicht so, es verhält sich nicht so! Daß ich sie heirate, ist ganz unerheblich, das hat nichts zu bedeuten!«

»Wie kann denn das unerheblich sein und nichts zu bedeuten haben? Das sind doch keine Lappalien? Sie heiraten eine geliebte Frau, um sie glücklich zu machen, und Aglaja Iwanowna sieht und weiß das; also wie kann das unerheblich sein?«

»Um sie glücklich zu machen? O nein! Ich heirate einfach; sie will es so, und was liegt auch daran, daß ich sie heirate: ich... Nun, das ist ja ganz unerheblich! Aber sie würde sonst sicherlich sterben. Ich sehe jetzt, daß diese Ehe mit Rogoshin ein Wahnsinn war! Ich habe jetzt alles verstanden, was ich früher nicht verstand, und sehen Sie: als die beiden Frauen damals einander gegenüberstanden, da konnte ich Nastasja Filippownas Gesicht nicht ertragen... Sie wissen nicht, Jewgenij Pawlowitsch« (hier dämpfte er seine Stimme zu einem geheimnisvollen Flüstern), »ich habe das noch nie zu jemandem gesagt, auch zu Aglaja nicht: aber ich kann Nastasja Filippownas Gesicht nicht ertragen... Sie hatten vorhin ganz recht mit dem, was Sie über den damaligen Abend bei Nastasja Filippowna sagten; aber da war noch ein Moment, das Sie ausgelassen haben, weil Sie nichts davon wissen: ich habe ihr Gesicht angeschaut! Schon an jenem Vormittag auf dem Bild hatte ich es nicht ertragen können... Sehen Sie, Wera, Wera Lebedewa, die hat ganz andere Augen; ich... ich fürchte mich vor ihrem Gesicht!« fügte er in großer Angst hinzu.

»Sie fürchten sich?«

»Ja; sie ist wahnsinnig!« flüsterte er erbleichend.

»Sie wissen das bestimmt?« fragte Jewgenij Pawlowitsch höchst interessiert.

»Ja, bestimmt; jetzt weiß ich es bereits bestimmt; jetzt, in diesen Tagen, bin ich mir darüber völlig klargeworden!«

»Aber was tun Sie sich denn da an?« rief Jewgenij Pawlowitsch erschrocken. »Also heiraten Sie aus Angst? Das ist ja gar nicht zu begreifen... Vielleicht lieben Sie sie auch gar nicht einmal?«

»O doch, ich liebe sie von ganzem Herzen! Sie ist ja ein Kind, jetzt ist sie ein Kind, ganz und gar ein Kind! Oh, Sie wissen nur nichts davon!«

»Und gleichzeitig haben Sie Aglaja Iwanowna Ihre Liebe beteuert?«

»Ja, ja!«

»Wie ist das möglich? Also wollen Sie alle beide lieben?«

»Ja, ja.«

»Ich bitte Sie, Fürst, was reden Sie! Kommen Sie zur Besinnung!«

»Ich kann ohne Aglaja nicht leben... ich muß unbedingt mit ihr sprechen! Ich... ich werde bald im Schlaf sterben, ich dachte schon, ich würde in dieser Nacht im Schlaf sterben. Oh, wenn Aglaja es wüßte, alles wüßte, das heißt unbedingt alles. Denn hierbei muß man alles wissen, das ist die erste Bedingung! Warum können wir niemals alles über einen andern erfahren, wenn es doch nötig ist, wenn der andere sich schuldig gemacht hat!... Ich weiß übrigens nicht, was ich rede; ich bin ganz verwirrt; Sie haben mich furchtbar aufgeregt... Hat sie denn wirklich auch jetzt noch ein solches Gesicht wie damals, als sie weglief? O ja, ich habe eine Schuld auf mich geladen! Höchstwahrscheinlich bin ich an allem schuld. Ich weiß noch nicht inwiefern, aber ich bin schuld. Es liegt da etwas vor, was ich Ihnen nicht erklären kann, Jewgenij Pawlowitsch, ich finde nicht die richtigen Ausdrücke, aber ... Aglaja Iwanowna wird es verstehen! Oh, ich habe immer geglaubt, daß sie es verstehen wird.«

»Nein, Fürst, sie wird es nicht verstehen! Aglaja Iwanowna hat wie eine Frau, wie ein Mensch geliebt, und nicht wie... wie ein abstrakter Geist. Wissen Sie was, mein armer Fürst: das wahrscheinlichste ist, daß Sie weder die eine noch die andere jemals geliebt haben!«

»Ich weiß es nicht... vielleicht haben Sie in vielem recht, Jewgenij Pawlowitsch. Sie sind ein sehr verständiger Mensch, Jewgenij Pawlowitsch; ach, ich bekomme wieder Kopfschmerzen, lassen Sie uns zu ihr gehen! Um Gottes willen, um Gottes willen!«

»Aber ich sage Ihnen ja, daß sie nicht in Pawlowsk ist, sie ist in Kolmino.«

»Dann wollen wir nach Kolmino fahren, gleich, gleich!«

»Das ist un-mög-lich!« erwiderte Jewgenij Pawlowitsch gedehnt und stand auf.

»Hören Sie, ich werde einen Brief schreiben; bringen Sie den Brief hin!«

»Nein, Fürst, nein! Verschonen Sie mich mit solchen Aufträgen, ich kann sie nicht ausführen!«

Sie trennten sich. Jewgenij Pawlowitsch ging mit sonderbaren Eindrücken fort: auch er war zu der Überzeugung gekommen, daß der Fürst nicht ganz bei Sinnen sei. Und was hatte es eigentlich mit diesem Gesicht auf sich, das er fürchtete und das er so liebte? Und gleichzeitig würde er vielleicht wirklich ohne Aglaja sterben, so daß Aglaja vielleicht niemals erfahren würde, wie sehr er sie geliebt hatte! Haha! Und wie konnte er zwei zugleich lieben? Etwa mit zwei verschiedenen Lieben? Interessant... Der arme Idiot! Und was sollte nun aus ihm werden?

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