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Der Hund der Baskervilles

Arthur Conan Doyle: Der Hund der Baskervilles - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleDer Hund der Baskervilles
publisherProjekt Gutenberg-DE
editorreuters@abc.de
year2016
isbn3865118615
firstpub2016
translatoranonymus/reuters@abc.de
illustratorSidney Paget
senderProjekt Gutenberg-DE
created20161220
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Drittes Kapitel.
Das Problem

Ich gestehe, daß mich bei diesen Worten ein Schauder ergriff; es lag ein eigenartiger Klang in des Doktors Stimme; offenbar war er selber erschüttert von seinen Worten. Holmes hatte sich erregt vorgebeugt; seine Augen hatten jenen trockenen Glanz, der stets aus ihnen sprühte, wenn ein Fall ihm besonders nahe ging.

»Sie sahen es?«

»So deutlich, wie ich Sie vor mir habe.«

»Und Sie sagten nichts?«

»Was für einen Zweck hätte das haben sollen?«

»Wie kam es, daß sonst niemand die Spuren sah?«

»Sie waren einige zwanzig Schritte vom Leichnam entfernt, und kein Mensch dachte an eine solche Möglichkeit. Ich glaube nicht, daß ich selber sie bemerkt hätte, wenn ich nicht die Legende gekannt hätte.«

»Es gibt viele Schäferhunde auf dem Moor?«

»Ganz gewiß, aber die Spuren waren nicht von einem Schäferhund.«

»Sie sagten, sie wären groß gewesen?«

»Ungeheuer.«

»Aber das Tier war nicht an den Leichnam herangekommen?«

»Nein.«

»Wie war die Nacht?«

»Feucht und rauh.«

»Aber es regnete nicht?«

»Nein.«

»Wie sieht die Allee aus?«

»Sie besteht aus zwei undurchdringlichen, zwölf Fuß hohen Taxushecken. Der Weg, der die Mitte des Ganges einnimmt, ist etwa acht Fuß breit.«

»Ist etwas zwischen den Hecken und dem Weg?«

»Ja, an jeder Seite ein ungefähr sechs Fuß breiter Grasstreifen.«

»Wenn ich Sie recht verstehe, ist die Taxushecke an einer Stelle von einer Pforte unterbrochen?«

»Ja, von der Lattenpforte, die auf das Moor hinausführt.«

»Ist noch eine andere Öffnung vorhanden?«

»Keine.«

»Man muß also, um in die Taxusallee zu gelangen, entweder vom Haus herkommen, oder durch die Moorpforte eintreten?«

»Es gibt noch einen Zugang: durch ein Gartenhaus, das am äußersten Ende der Allee steht.«

»War Sir Charles so weit gekommen?«

»Nein, er lag ungefähr fünfzig Schritt weit davon ab.«

»Nun sagen Sie mir, Herr Doktor – und das ist wichtig – waren die Spuren, die Sie sahen, auf dem Weg und nicht auf dem Gras?«

»Auf dem Gras wären Spuren überhaupt nicht zu sehen gewesen.«

»Waren sie auf der Seite des Weges, wo sich die Moorpforte befindet?«

»Ja; sie waren am Rande des Weges, auf derselben Seite wie die Lattenpforte.«

»Sie interessieren mich über alle Maßen. Noch eins: war die Lattenpforte geschlossen?«

»Geschlossen und verriegelt.«

»Wie hoch ist sie?«

»Ungefähr vier Fuß.«

»Dann konnte also, wer wollte, hinübersteigen?«

»Ja.«

»Und was für Spuren bemerkten Sie an der Pforte?«

»Keine besonderen.«

»Grundgütiger Himmel! Haben Sie denn die Stelle nicht untersucht?«

»Doch, ich untersuchte sie genau.«

»Und Sie fanden nichts?«

»Der Boden war sehr zertreten. Sir Charles hatte offenbar fünf oder zehn Minuten lang da gestanden.«

»Woher wissen Sie das?«

»Weil er zweimal die Asche von seiner Zigarre abgestrichen hatte.«

»Ausgezeichnet! Das ist ein Kollege nach unserem Herzen, Watson. Aber die Spuren?«

»Seine eigenen Fußspuren befanden sich überall auf dem kleinen Fleck Erde; andere konnte ich nicht entdecken.«

Sherlock Holmes schlug sich in einer Aufwallung von Ungeduld mit der Hand aufs Knie und rief:

»Wäre ich doch nur dort gewesen! Augenscheinlich liegt ein ganz besonders interessanter Fall vor, aus dem ein wissenschaftlich geschulter Sachverständiger ungeheuer viel hätte machen können. Das Stückchen Erdreich, woraus ich wie aus einem Blatt Papier soviel hätte lesen können, es ist jetzt seit langer Zeit vom Regen durchweicht und von den Holzschuhen neugieriger Bauern bis zur Unkenntlichkeit zertrampelt. O, Dr. Mortimer, Dr. Mortimer! Daß Sie mich nicht hinzugezogen haben! Sie haben vielleicht eine große Verantwortung auf sich geladen.«

»Ich konnte Sie nicht hinzuziehen, Herr Holmes, ohne meine Entdeckung vor den Augen aller Welt zu enthüllen, und ich habe Ihnen bereits die Gründe angegeben, warum ich das nicht wünsche. Außerdem ... außerdem ...«

»Warum stocken Sie?«

»Es gibt ein Gebiet, auf dem auch der scharfsichtigste und erfahrenste Detektiv machtlos ist.«

»Sie meinen, es handelt sich um etwas Übernatürliches?«

»Das habe ich nicht so bestimmt ausgesprochen.«

»Nein, aber offenbar ist das Ihr Gedanke.«

»Seit jener tragischen Nacht, Herr Holmes, sind mehrere Vorfälle zu meiner Kenntnis gekommen, die sich schwer mit dem ordnungsmäßigen Gang der Natur zusammenreimen lassen.«

»Zum Beispiel?«

»Ehe noch das schreckliche Ereignis eintrat, hatten verschiedene Leute auf dem Moor eine Kreatur gesehen, die der Beschreibung nach dem Baskervilleschen Höllengeist entspricht; es ist ausgeschlossen, daß es sich um ein der menschlichen Wissenschaft bekanntes Tier handelt. Alle stimmen darin überein, es wäre ein riesiges Geschöpf gewesen, eine grausig gespensterhafte Erscheinung. Ich habe die Leute scharf ins Verhör genommen; einer von ihnen war ein hartköpfiger Landmann, der zweite ein Hufschmied, der dritte ein Moorbauer. Alle drei erzählten sie die gleiche Geschichte von der fürchterlichen Erscheinung, die genau so ausgesehen hat, wie der sagenhafte Höllenhund. Ich kann Ihnen versichern, es herrscht eine wahre Todesangst in der Gegend, und man muß einer schon ein sehr beherzter Mann sein, um nachts über das Moor zu gehen.«

»Und Sie, ein wissenschaftlich gebildeter Mann, glauben, die Erscheinung gehöre dem Gebiet des Übernatürlichen an?«

»Ich weiß nicht, was ich glauben soll.«

Holmes zuckte die Achseln und sagte:

»Ich habe bis jetzt meine Nachforschungen auf diese Welt beschränkt. Mit meinen bescheidenen Kräften habe ich das Böse bekämpft; aber mich an den Vater alles Bösen selber heranzuwagen, das wäre vielleicht ein zu ehrgeiziges Unterfangen ... So viel aber müssen Sie doch zugeben, daß die Fußspur etwas Wirkliches ist.«

»Der Höllenhund war auch wirklich, denn er riß einem Menschen die Kehle auf; und doch war er zugleich ein Teufelsgeschöpf.«

»Ich sehe, Sie sind ganz und gar zu den Supernaturalisten übergelaufen. Nun sagen Sie mir aber mal eins, Herr Dr. Mortimer: Wenn Sie sich zu solchen Ansichten bekennen, warum sind Sie dann überhaupt zu mir gekommen, um mich um Rat zu fragen? Sie sagen mir, es sei zwecklos, nach der Ursache von Sir Charles' Tod zu forschen, und bitten mich in demselben Atemzug, es doch zu tun.«

»Ich sagte nicht, daß ich das von Ihnen wünsche.«

»Wie kann ich Ihnen denn sonst helfen?«

»Indem Sie mir Ihren Rat geben, was ich mit Sir Henry Baskerville machen soll; er kommt« – hier sah Dr. Mortimer auf seine Uhr – »genau in ein und ein viertel Stunden auf dem Waterloo-Bahnhof an.«

»Er ist der Erbe?«

»Ja. Nach Sir Charles' Tod forschten wir nach dem jungen Herrn und erfuhren, daß er sich in Kanada als Landwirt niedergelassen hatte. Nach den uns zugegangenen Auskünften ist er in jeder Beziehung ein ausgezeichneter junger Mann. Ich spreche jetzt nicht als Arzt, sondern als Sir Charles' Testamentsvollstrecker.«

»Sonst ist wohl niemand da, der auf die Erbschaft ein Anrecht hat?«

»Niemand. Der einzige Verwandte, den wir außer ihm noch ausfindig machen konnten, war Rodger Baskerville, der jüngste der drei Brüder, von denen der arme Sir Charles der älteste war. Der zweite Bruder, der schon in frühem Alter starb, war der Vater unseres jungen Henry. Der dritte, Rodger, war das schwarze Schaf der Familie. Er war ein echter Baskerville von der tollen Sorte und zwar, so erzählte man mir, das leibhaftige Konterfei von dem Ahnenbild des alten Hugo. Als der englische Boden ihm zu heiß unter den Füßen wurde, floh er nach Mittelamerika; dort starb er im Jahr 1876 am gelben Fieber. Henry ist der Letzte der Baskervilles. In einer Stunde und fünf Minuten treffe ich ihn auf dem Waterloo-Bahnhof. Er hat mir telegraphiert, daß er heute früh in Southampton eintrifft. Nun, Herr Holmes, was soll ich Ihrer Meinung nach mit ihm anfangen?«

»Warum soll er nicht in das Haus seiner Väter ziehen?«

»Das scheint das Natürliche zu sein, nicht wahr? Und doch, bedenken Sie, daß jedem Baskerville, der dorthin geht, ein furchtbares Schicksal beschieden ist. Ich bin überzeugt, wenn Sir Charles mit mir vor seinem Tod hätte sprechen können, er hätte mich davor gewarnt, den Letzten des alten Geschlechtes, den Erben so großen Reichtums, in dieses Haus des Todes zu bringen. Andererseits läßt sich nicht leugnen, daß das Wohlergehen dieses ganzen armseligen, dürren Landstriches von seiner Anwesenheit abhängt. Alles Gute, das Sir Charles getan, wird verlorene Mühe sein, wenn Baskerville Hall keinen Bewohner hat. Ich fürchte, das natürliche Interesse, das ich selber an der Sache habe, könnte mich beeinflussen, und deshalb trage ich Ihnen den Fall vor und bitte um Ihren Rat.«

Holmes dachte eine kleine Weile nach; dann sagte er:

»In klare Worte gefaßt, liegt also die Sache so: Nach Ihrer Meinung ist eine höllische Macht am Werk und macht Dartmoor zu einem gefährlichen Aufenthaltsort für einen Baskerville. So denken Sie doch?«

»Jedenfalls möchte ich so weit gehen, zu sagen, daß einige Anzeichen vorhanden sind, es könnte so sein.«

»Ganz recht. Aber so viel ist doch sicher: Wenn Ihre Annahme, daß übernatürliche Kräfte im Spiel seien, richtig ist, so könnten diese dem jungen Mann in London ebenso leicht Böses antun wie in Devonshire. Einen Teufel mit örtlich beschränkter Macht, die etwa nur in einem bestimmten Kirchspiel gilt, den kann ich mir gar nicht vorstellen.«

»Sie nehmen die Sache etwas scherzhaft, Herr Holmes; Sie würden das wohl nicht tun, wenn Sie mit diesen Dingen in persönliche Berührung kämen. Wenn ich Sie recht verstehe, so meinen Sie also, der junge Mann werde in Devonshire ebenso sicher sein wie in London. In fünfzig Minuten kommt er. Was würden Sie mir empfehlen?«

»Ich empfehle Ihnen, werter Herr, eine Droschke zu nehmen, Ihren Hund abzurufen, der an meiner Haustür kratzt, und zum Waterloo-Bahnhof zu fahren, um Sir Henry Baskerville abzuholen.«

»Und dann?«

»Und dann werden Sie ihm durchaus nichts sagen, bis ich mir über die Sache klar geworden bin.«

»Wie lange brauchen Sie, um sich darüber klar zu werden?«

»Vierundzwanzig Stunden. Morgen früh um zehn, Herr Doktor Mortimer, werde ich Ihnen sehr verbunden sein, wenn Sie mich hier aufsuchen wollen, und es wird mir in meinen Plänen eine wesentliche Hilfe sein, wenn Sie Sir Henry Baskerville mitbringen.«

»So werde ich's machen, Herr Holmes.« Er kritzelte die Verabredung auf seine Manschette

und rannte in seiner sonderbaren, zerstreuten Art aus der Tür. Oben an der Treppe rief Holmes ihn aber zurück.

»Nur noch eine Frage, Herr Doktor. Sie sagen, vor Sir Charles Baskervilles Tod hätten mehrere Leute das Gespenst auf dem Moor gesehen?«

»Ja, drei.«

»Sah jemand es nachher?«

»Ich habe durchaus nichts davon gehört.«

»Danke. Guten Morgen.«

Holmes setzte sich wieder auf seinen Stuhl. Sein ruhiger Blick voll innerer Befriedigung zeigte an, daß er eine Aufgabe vor sich sah, die er als seiner würdig erachtete.

»Gehst du aus, Watson?«

»Ja, das heißt, wenn ich dir helfen kann ...«

»Nein, mein lieber Freund; erst wenn es zu handeln gilt, wende ich mich an dich um Hilfe. Na, dieser Fall ist prachtvoll, in mancher Hinsicht geradezu einzigartig. Wenn du bei Bradleys Laden vorbeikommst, willst du ihm, bitte, sagen, er möchte mir ein Pfund von seinem stärksten Schnittabak zuschicken? Danke. Es wäre recht gut, wenn du's so einrichten könntest, daß du nicht vor Abend zurückkommst. Dann würde es mir viel Vergnügen machen, unsere Ansichten über das höchst interessante Problem von heute früh zu vergleichen.«

Ich wußte, Abgeschlossenheit und Einsamkeit waren meinem Freund sehr notwendig in jenen Stunden schärfster Denkarbeit, in denen er jedes Beweisteilchen nach seiner Wichtigkeit maß, verschiedene Theorien gegen einander abwog und sich klar darüber wurde, welche wesentlich und welche unbedeutend waren. Ich verbrachte daher den Tag in meinem Klub und kam erst abends zur Bakerstraße zurück. Es war fast neun Uhr, als ich wieder unser Wohnzimmer betrat.

Als ich die Tür öffnete, war mein erster Gedanke, es sei Feuer ausgebrochen, denn das Zimmer war so voll Qualm, daß kaum das Licht der auf dem Tisch stehenden Lampe hindurchschien. Als ich jedoch im Zimmer war, erkannte ich, daß ich mich geirrt hatte; es war nur der beizende Rauch starken Tabaks, der mir die Kehle zuschnürte, so daß ich husten mußte. Durch den Dunst hindurch sah ich in undeutlichen Umrissen die Gestalt von Sherlock Holmes, der mit seiner schwarzen Tonpfeife zwischen den Lippen, mit seinem Hausrock bekleidet, sich's in einem Lehnstuhl bequem gemacht hatte. Mehrere Papierrollen lagen um ihn herum.

»Hast du dich erkältet, Watson?« fragte er.

»Nein, es ist diese vergiftete Luft.«

»Hm, nun da du davon sprichst, so glaube ich selber, sie ist wirklich ziemlich dick.«

»Dick?! ... Sie ist unerträglich!«

»Dann mach doch das Fenster auf. Du bist, wie ich bemerke, den ganzen Tag in deinem Klub gewesen?«

»Bester Holmes!«

»Habe ich recht?«

»Gewiß, aber wie ...?«

Er lachte über mein verblüfftes Gesicht.

»Du hast so eine entzückende Unschuld an dir, Watson. Es ist ein wahres Vergnügen für mich, meine schwachen Fähigkeiten ein bißchen an dir zu üben. Ein Herr geht an einem trüben, regnerischen Tag aus. Am Abend, als er zurückkommt, sieht er aus wie aus dem Ei gepellt; Hut und Stiefel sind noch tadellos glänzend. Also ist er den ganzen Tag an einem Ort gewesen. Intime Freunde hat er nicht. Wo kann er also gewesen sein? Ist es nicht selbstverständlich?«

»Allerdings, ziemlich selbstverständlich.«

»Die Welt ist voll von selbstverständlichen Dingen, auf die kein Mensch je achtet. Wo, glaubst du, bin ich gewesen?«

»Ebenfalls den ganzen Tag zu Hause.«

»Im Gegenteil, ich war in Devonshire.«

»Im Geiste?«

»Ganz recht. Mein Leib ist in diesem Lehnstuhl geblieben und hat, wie ich mit Bedauern bemerke, in meiner Abwesenheit zwei große Kannen Kaffee und eine unglaubliche Menge Tabak vertilgt. Als du weg warst, ließ ich mir von Stamford die Generalstabskarte von diesem Teil des Moores besorgen, und mein Geist hat den ganzen Tag über jenem Erdenfleck geschwebt. Ich schmeichle mir, ich könnte dort jetzt meinen Weg allein finden.«

»Die Karte ist wohl in großem Maßstab gehalten?«

»In sehr großem.« Er rollte eins von den Blättern auf und breitete es auf seinem Knie aus. »Hier hast du die Gegend, um die es für uns geht. Da in der Mitte ist Baskerville Hall.«

»Das mit dem Wald rund herum?«

»Ganz recht. Ich nehme an, daß die Taxusallee, obwohl sie nicht unter diesem Namen auf der Karte eingetragen ist, sich in dieser Richtung erstreckt; wie du siehst, ist rechts davon das Moor. Dieser kleine Häuserklumpen ist das Dörfchen Grimpen, wo unser Freund Dr. Mortimer sein Hauptquartier hat. In einem Kreis mit einem Radius von fünf Meilen sind, wie du siehst, nur ein paar ganz weit verstreute Gebäude vorhanden. Hier ist Lafter Hall, wovon in der Geschichte die Rede war. Da ist ein Haus eingezeichnet, das vielleicht der Wohnsitz des Naturforschers ist – Stapleton ist sein Name, wenn ich mich recht erinnere.

Dann hier zwei Moorbauernhäuser, High Tor und Foulmir. Dann in einer Entfernung von vierzehn Meilen das große Zuchthaus von Princetown. Zwischen diesen weit verstreuten Punkten und rund um sie herum erstreckt sich das trostlose, unbelebte Moor. Dies also ist der Schauplatz, auf dem sich die Tragödie abgespielt hat und sich vielleicht mit unserer Hilfe weiter entwickeln wird.«

»Es muß eine schaurige Gegend sein.«

»Ja, sie paßt zu einem großen Verbrechen. Wenn der Teufel je den Wunsch hätte, sich in menschliche Angelegenheiten einzumischen ...«

»Du neigst also selber zu einer übernatürlichen Erklärung?«

»Des Teufels Werkzeuge können wohl von Fleisch und Blut sein, nicht wahr? Wir müssen von zwei Fragen ausgehen: Erstens, ob überhaupt ein Verbrechen begangen wurde; zweitens, worin bestand das Verbrechen, und wie wurde es vollbracht? Natürlich, wenn Dr. Mortimers Vermutung richtig ist, wenn wir es mit Mächten zu tun haben, die außerhalb der gewöhnlichen Naturgesetze stehen, so hat unsere Suche ein Ende. Aber wir haben die Pflicht, alle anderen Hypothesen bis zu Ende zu verfolgen, ehe wir diese eine gelten lassen. Wenn's dir recht ist, so können wir wohl das Fenster wieder schließen. Es ist sonderbar genug, aber ich finde, eine konzentrierte Atmosphäre hilft mit zum konzentrieren der Gedanken. Ich bin noch nicht so weit, daß ich zum Zweck des Nachdenkens in eine Kiste krieche, allerdings wäre das die logische Verwirklichung meiner Überzeugungen ... Hast du dir mal den Fall durch den Kopf gehen lassen?«

»Ja, ich habe den Tag über viel daran gedacht. Der Fall ist sehr dazu angetan, einem den Kopf zu verwirren.«

»Ja, er ist von ganz eigener Art. Er bietet etliche außerordentliche Punkte: die Veränderung der Fußspuren zum Beispiel. Wie erklärst du dir diesen Umstand?«

»Mortimer sagte, der Mann sei in jenem Teil der Allee auf den Fußspitzen gegangen.«

»Er sprach nur nach, was ein Dummkopf bei der Untersuchung gesagt hatte. Warum sollte ein Mann auf den Fußspitzen die Allee hinuntergehen?«

»Was war's also?«

»Er rannte, Watson – rannte voller Verzweiflung, rannte in Todesangst, rannte, bis ihn der Herzschlag traf, und er tot auf sein Antlitz fiel.«

»Er rannte – vor was denn?«

»Da liegt unser Problem. Gewisse Anzeichen sprechen dafür, daß er vor Angst die Besinnung verloren hatte, schon ehe er zu laufen anfing.«

»Wie kannst du das sagen?«

»Ich setze voraus, daß die Ursache seines Schreckens über das Moor auf ihn zukam. Wenn dies der Fall war – und alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür – so konnte nur ein Mann, der den Verstand verloren hat, vom Haus weglaufen, anstatt darauf zu. Wenn man die Aussage des Zigeuners als wahr annimmt, so rannte er, nach Hilfe schreiend, gerade in die Richtung, wo Hilfe am allerwenigsten zu erwarten war. Und weiter, auf wen wartete er in jener Nacht, und warum wartete er auf ihn in der Taxusallee anstatt in seinem Haus?«

»Du glaubst, er wartete auf jemand?«

»Der Mann war ältlich und kränklich. Es läßt sich wohl begreifen, daß er abends einen Spaziergang zu machen pflegte, aber der Boden war naß und die Nacht rauh. Ist es natürlich, daß er fünf oder zehn Minuten lang auf derselben Stelle stand, wie Doktor Mortimer mit mehr Beobachtungsgabe, als ich ihm zugetraut hätte, aus der Zigarrenasche folgerte?«

»Aber er ging doch jeden Abend aus.«

»Ich halte es für unwahrscheinlich, daß er jeden Abend an der Moorpforte gewartet hat. Im Gegenteil, die Zeugen haben bekundet, daß er das Moor vermied. An jenem Abend wartete er. Es war der Abend vor seiner Abreise nach London. Das Ding nimmt Gestalt an, Watson. Es kommt Zusammenhang hinein. Darf ich dich bitten, mir meine Geige herüberzureichen? Wir wollen alles weitere Nachdenken über die Angelegenheit bis morgen früh verschieben; dann werden uns ja Doktor Mortimer und Sir Henry Baskerville mit ihrem Besuch zu Hilfe kommen.«

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