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Der Hund der Baskervilles

Arthur Conan Doyle: Der Hund der Baskervilles - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorArthur Conan Doyle
titleDer Hund der Baskervilles
publisherProjekt Gutenberg-DE
editorreuters@abc.de
year2016
isbn3865118615
firstpub2016
translatoranonymus/reuters@abc.de
illustratorSidney Paget
senderProjekt Gutenberg-DE
created20161220
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Kapitel 15.
Ein Rückblick

An einem rauhen und nebligen Abend Ende November saßen Holmes und ich vor dem lodernden Kaminfeuer in unserem Wohnzimmer in der Baker Straße. Seit dem tragischen Ende unseres Besuches in Devonshire hatte er sich mit zwei sehr bedeutenden Fällen befaßt; im ersten hatte er das niederträchtige Verhalten von Colonel Upwood in Verbindung mit dem berühmten Spielkartenskandal des Nonpareil-Clubs enthüllt, im zweiten hatte er die unglückliche Madame Montpensier vor der Mordanklage gerettet, die ihr in Zusammenhang mit dem Tod ihrer Stieftochter, Mademoiselle Carere, drohte, jener jungen Dame, die, wie sich jeder erinnert, sechs Monate später wohlauf und verheiratet in New York aufgefunden wurde. Mein Freund war wegen des Erfolges in diesen so schwierigen und wichtigen Fällen bester Laune, so war es mir möglich, mit ihm die Einzelheiten des Baskerville-Rätsels zu erörtern. Ich hatte geduldig auf diese Gelegenheit gewartet, weil mir bewußt war, daß er weder duldete, daß sich verschiedene Fälle überschnitten, noch, daß sein scharfer, logischer Verstand von den Aufgaben der Gegenwart durch das Schwelgen in Erinnerungen abgelenkt wurde. Jedoch weilten Sir Henry und Dr. Mortimer in London; sie waren im Aufbruch zu ihrer Reise, die Sir Henrys zerrüttete Nerven heilen sollte. Sie hatten uns an diesem Nachmittag besucht, so war es ganz natürlich, daß wir auf die Ereignisse in Baskerville zu sprechen kamen.

»Der ganze Ablauf der Ereignisse, vom Standpunkt des Mannes aus betrachtet, der sich Stapleton nannte, war einfach und natürlich, obwohl uns, die wir anfangs das Motiv seiner Handlungen nicht kannten und die Fakten nur Stück für Stück erfuhren, alles äußerst verwickelt schien. Ich hatte den Vorzug, zweimal mit Frau Stapleton sprechen zu können; der Fall ist jetzt völlig klar und ich glaube nicht, daß es für uns noch irgend etwas Unaufgeklärtes gibt. Du wirst ein paar Notizen zu dem Fall unter dem Buchstaben B in meinen Unterlagen finden.«

»Vielleicht wärst Du dennoch so freundlich, mir eine Zusammenfassung der Ereignisse nach Deiner Erinnerung zu geben.«

»Sicher, doch ich kann nicht garantieren, daß ich alle Fakten im Kopf habe. Intensive geistige Konzentration führt seltsamerweise dazu, daß Vergangenes aus dem Gedächtnis gelöscht wird. Ein Anwalt, der alle Fakten eines bestimmten Falles im Kopf hat und mit Sachverständigen darüber diskutieren kann, wird feststellen, daß er nach einer oder zwei Wochen mit Verhandlungen in einer anderen Sache den vorigen Fall wieder vergessen hat. So ersetzt auch jeder meiner Fälle vollständig den vorhergehenden, und Mademoiselle Carere hat meine Erinnerung an Baskerville Hall verschwimmen lassen. Morgen kann ein anderes Problem meine Aufmerksamkeit fesseln und seinerseits die hübsche französische Dame und den widerwärtigen Upwood verdrängen. Doch was den Fall jenes Hundes anbelangt, so will ich dir die Ereignisse so gut ich kann schildern, und du wirst einspringen, wenn ich etwas vergessen habe.

Meine Nachforschungen beweisen ohne jeden Zweifel, daß das Ahnenportrait nicht getäuscht hat: der Kerl war tatsächlich ein Baskerville. Er war der Sohn jenes Roger Baskerville, des jüngeren Bruders von Sir Charles, der wegen seines zweifelhaften Rufes nach Südamerika ging und dort, wie es hieß, unverheiratet starb. Tatsächlich aber war er verheiratet und hatte ein Kind, jenen Kerl, dessen richtiger Name der seines Vaters ist.

Dieser heiratete eines der schönsten Mädchen von Costarica, Beryl Garcia. Nachdem er eine bedeutende Summe Geldes veruntreut hatte, floh er mit seiner Frau nach England, wo er unter dem Namen Vandeleur eine Schule in Ost-Yorkshire unterhielt. Der Grund für die Wahl genau dieses Geschäftsfeldes war die Bekanntschaft mit einem schwindsüchtigen Lehrer auf der Überfahrt. Es gelang ihm, die Fähigkeiten dieses Mannes für seinen geschäftlichen Erfolg auszunutzen. Fraser, der Lehrer, starb jedoch und nach einem erfolgreichen Anfang sank die Schule in Verruf und Schande ab, sodaß die Vandeleurs es für angezeigt hielten ihren Namen in Stapleton zu ändern, und er verbrachte die Reste seines Vermögens, seine Zukunftspläne und sein Interesse an der Insektenkunde in den Süden Englands. Im Britischen Museum erfuhr ich, daß er eine anerkannte Autorität auf seinem Gebiet war und das ein Falter, den er als erster in seiner Yorkshire-Zeit beschrieben hat, nach ihm benannt wurde.

»Wir kommen nun zu jenem Abschnitt in seinem Leben, der für uns so außerordentlich interessant wurde. Offenbar hatte er sich nach den Verhältnissen seiner Familie erkundigt und bald herausgefunden, daß nur zwei Männer zwischen ihm und einer großen Erbschaft standen. Als er nach Devonshire kam, waren seine Pläne, glaube ich, noch recht vage. Aber daß er von Anfang an auf Böses sann, geht daraus hervor, daß er seine Frau als seine Schwester ausgab. Offenbar gedachte er sie als Lockvogel zu benutzen, wenn er auch noch nicht wußte, in welcher Weise dies geschehen könnte. Er wollte das Besitztum um jeden Preis haben und war bereit für dieses Ziel alle Mittel einzusetzen und jedes Risiko einzugehen. Zunächst ließ er sich möglichst nahe bei dem Stammsitz seiner Vorfahren nieder, alsdann trug er Sorge, mit Sir Charles und den anderen Nachbarn in ein freundschaftliches Verhältnis zu treten.

»Der Baronet erzählte ihm von dem Höllenhund und sprach sich damit selber das Todesurteil.

Stapleton, wie ich ihn immer noch nennen will, wußte von Dr. Mortimer, daß der alte Mann ein schwaches Herz hat und daß ein Schock ihn töten würde. Er hatte auch erfahren, daß Sir Charles abergläubisch war und die finstere Legende sehr ernst nahm. Mit seinem einfallsreichen Verstand entwickelte er schnell eine Möglichkeit, den Baronet zu Tode zu bringen, ohne das es möglich gewesen wäre, den wahren Mörder zu entlarven.

Als er seinen Plan gefaßt hatte, führte er ihn mit außerordentlicher Schlauheit durch. Ein gewöhnlicher Verbrecher hätte sich mit einem scharfen Hund begnügt. Der Einsatz künstlicher Mittel, um dem Tier eine diabolische Wirkung zu verleihen, war ein genialer Streich. Er kaufte den Hund in London bei Ross & Mangels, Händlern in der Fulham Straße. Es war der stärkste und wildeste Hund, den sie zu verkaufen hatten. Er transportierte ihn über die Nord-Devon-Linie und ging mit ihm eine weite Strecke über das Moor, um ihn ohne Aufsehen nach Hause zu schaffen. Auf den zur Bereicherung seiner Schmetterlingssammlung unternommenen Streifzügen hatte er das Grimpener Moor in allen Richtungen kennen gelernt; so fand er das sichere Versteck für die Bestie. Hier hatte er sie untergebracht und wartete auf eine günstige Gelegenheit.

Aber diese wollte nicht kommen. Der alte Herr war nicht dazu zu bewegen, sein Anwesen in der Nacht zu verlassen. Stapleton lauerte ihm des öfteren mit seinem Hund auf, aber ohne Erfolg. Während dieser fruchtlosen Ausflüge wurde er, oder besser gesagt sein Mordwerkzeug, mehrfach von Bauern gesehen und so erhielt die Sage vom Höllenhund eine neue Bestätigung. Er hatte gehofft, seine Frau würde bereit sein, Sir Charles ins Verderben zu locken, aber er stieß auf unerwarteten Widerstand. Sie weigerte sich, den alten Herrn in eine sentimentale Bindung zu verstricken, um ihn seinem Feind auszuliefern. Drohungen und, ich bedauere das sagen zu müssen, selbst Schläge konnten sie nicht umstimmen. Sie wollte damit nichts zu tun haben, und so befand sich Stapleton in einer Sackgasse.«

»Durch Zufall fand er einen Ausweg aus seinen Schwierigkeiten. Sir Charles, der Freundschaft mit ihm geschlossen hatte, übertrug ihm die Verantwortung für die wohltätige Unterstützung der unglücklichen Frau, jener Laura Lyons. Indem er sich ihr gegenüber als unverheiratet ausgab, gewann er die Kontrolle über sie und ließ sie glauben, daß er sie heiraten würde, wenn sie die Scheidung von ihrem Mann erreicht hätte. Sein Plan drohte jedoch zu scheitern, denn er erfuhr, das Sir Charles seinen Landsitz auf Anraten von Dr. Mortimer verlassen würde, ein Rat, dem er zum Schein beipflichtete. Er mußte sofort handeln, sonst wäre sein Opfer für ihn unerreichbar geworden. Daher setze er Frau Lyons unter Druck, jenen Brief zu schreiben, in welchem sie den alten Herrn um ein Treffen noch vor seiner Abreise nach London bat.

»Als er an jenem Abend aus Coombe Tracey zurückkam, hatte er genug Zeit, den Hund mit der Teufelsfarbe zu bemalen und ihn zum Tor zu bringen, an welchem der alte Herr vermutlich warten würde. Von seinem Herrn kommandiert sprang der Hund über das Gatter und hetzte den unglücklichen Baronet, der schreiend die Taxusallee herunter floh. In diesem düsteren Tunnel muß es ein wahrhaft schauerlicher Anblick gewesen sein, wie die riesige schwarze Kreatur mit glühenden Augen und flammenden Lefzen ihr Opfer verfolgte. Am Ende der Allee brach der herzschwache Baronet vor Panik tot zusammen. Der Hund rannte den Rasenstreifen entlang, während der Baronet auf dem Weg blieb, so war nur die Spur eines einzigen Mannes zu sehen. Als der Hund ihn bewegungslos liegen sah, schnüffelte er vielleicht an ihm, trollte sich aber, als er merkte, daß er tot war. Dabei entstanden die Spuren der Pfoten, die Doktor Mortimer fand. Der Hund wurde zurückgepfiffen und zu seinem Versteck im Grimpener Moor gebracht, so blieb das Geschehen für die Untersuchungsbehörden rätselhaft, verunsicherte die ganze Gegend und kam schließlich zu unserer Kenntnis.

»Soviel über den Tod von Sir Charles Baskerville. Man sieht die teuflische Schlauheit dahinter, denn es war wirklich unmöglich, den eigentlichen Mörder anzuklagen. Sein einziger Komplize konnte ihn nie verraten und die Unglaublichkeit dieses bizarren Anschlags machte ihn um so wirkungsvoller. Die beiden Frauen in diesem Fall, Frau Stapleton und Frau Laura Lyons, hegten einen starken Verdacht gegen Stapleton. Seine Frau wußte, daß er etwas gegen den alten Mann im Schilde führte und sie wußte von der Existenz des Hundes. Frau Lyons wußte davon nichts, aber es hatte einen starken Eindruck auf sie gemacht, daß der Baronet gerade zu der Stunde gestorben war, zu der sie eine Zusammenkunft mit ihm haben sollte, und daß sie auf Stapletons ausdrücklichen Wunsch dieser Zusammenkunft ferngeblieben war.. Beide Frauen standen jedoch vollständig unter seinem Einfluß, und so hatte von ihnen nichts zu befürchten. Die erste Hälfte seines Vorhabens war gelungen, aber der schwierigere zweite Teil blieb noch zu tun.

»Wenn Stapleton von dem Vorhandensein des in Kanada lebenden Erben nichts gewußt hatte, so mußte er es jedenfalls sehr bald vom Doktor Mortimer erfahren, und von diesem hörte er denn auch jede Einzelheit über die bevorstehende Ankunft Sir Henrys. Zunächst dachte er, der junge Fremde aus Kanada könnte vielleicht in London ins Jenseits befördert werden, ehe er überhaupt nach Devonshire käme. Gegen seine Frau hegte er Mißtrauen, seitdem sie sich geweigert hatte, ihm bei seinem Anschlag gegen den alten Baronet beizustehen; er wagte deshalb nicht, sie für längere Zeit aus den Augen zu lassen, weil er seinen Einfluß auf sie zu verlieren fürchtete. Deshalb nahm er sie mit nach London. Sie wohnten dort im Mexborough-Hotel in Craven Street – einem von den Gasthöfen, deren Papierkörbe ich durch Cartwright durchsuchen ließ. Wie du weißt, war die Nachforschung vergeblich. Hier schloß er seine Frau in ihr Zimmer ein, während er selbst, verkleidet mit einem falschen Bart, Dr. Mortimer auf seinen Wegen zu meiner Wohnung und später zum Bahnhof und dem Northumberland-Hotel unbemerkt folgte.

»Seine Frau ahnte etwas von seinen Plänen, aber sie hatte zugleich auch – und zwar infolge brutaler Mißhandlungen – eine solche Angst vor ihrem Mann, daß sie es nicht wagte, dem in Gefahr schwebenden, ahnungslosen Baronet ein Warnzeichen zu geben. Wäre der Brief in Stapletons Hände gefallen, so wäre sie selber ihres Lebens nicht mehr sicher gewesen. Schließlich fiel ihr, wie wir wissen, ein Hilfsmittel ein: sie schnitt die Worte ihrer Warnung aus einer Zeitung aus und adressierte den Brief mit verstellter Handschrift. Der Baronet erhielt ihn und damit zugleich die erste Warnung vor der Gefahr, in der er schwebte.

»Es war unabdingbar für Stapleton, einen persönlichen Gegenstand von Sir Henry in die Hand zu bekommen, damit er, falls erforderlich, den Hund auf seine Fährte setzen konnte. Mit der für ihn charakteristischen Frechheit und Schnelligkeit machte dieser sich daran, dazu hat er zweifellos den Hausdiener oder das Zimmermädchen bestochen. Zufällig war aber der erste Schuh, der ihm gebracht wurde, neu und ungetragen, also für seine Zwecke nutzlos. Also ließ er diesen zurückbringen und beschaffte sich einen anderen – ein Vorgehen, daß mir seine Schlauheit vor Augen führte und klar machte, daß wir es mit einem sehr gerissenen Verbrecher zu tun hatten. Es mußte einen wichtigen Grund geben, einen neuen Schuh zu verschmähen und einen abgetragenen haben zu wollen. Je absonderlicher und grotesker ein Vorfall erscheint, desto mehr ist eine gründliche Untersuchung erforderlich, denn gerade das, was einen Fall verkompliziert, stellt sich bei genauer und wissenschaftlicher Vorgehensweise als wesentlicher Punkt bei der Klärung des Rätsels heraus.

»Am nächsten Morgen hatten wir dann Besuch von unseren Freunden, ständig beschattet von Stapletons Wagen. Aus seiner Kenntnis unserer Wohnung und meiner Person sowie aus seinem generellen Verhalten glaubte ich schließen zu können, daß sich seine Verbrecherlaufbahn nicht nur auf den Baskerville-Fall beschränkt hat. Es ist auffällig, daß während der letzten drei Jahre vier bedeutende Einbrüche im Westen begangen wurden, bei denen kein Täter dingfest gemacht werden konnte. Bei der letzten dieser Taten, im Mai in Folkstone Court, war besonders auffällig, das daß der alleinige und maskierte Einbrecher einen Diener, der ihn überraschte, kaltblütig niederschoß. Zweifellos hat Stapleton seine schwindenden Mittel auf diese Weise ergänzt und war schon vor Jahren ein zu allem entschlossener hochgefährlicher Mann.

»Von Stapletons Gewandtheit erhielten wir an jenem Morgen einen ersten Begriff, als er uns so erfolgreich entkam und mir meinen eigenen Namen durch den Kutscher übermitteln ließ. Er wußte von dem Augenblick an, daß ich den Fall in meine Hände genommen hatte, daß also in London sich schwerlich für ihn eine Gelegenheit ergeben würde, seine Mordpläne zur Ausführung zu bringen. Er kehrte daher nach Dartmoor zurück und wartete des Baronets Ankunft ab.«

»Einen Augenblick, bitte,« sagte ich. »Du hast ohne Zweifel die Reihenfolge der Ereignisse richtig wiedergegeben, aber ein Punkt bleibt noch ungeklärt: Was wurde aus dem Hund, während der Herr in London war?«

»Ich habe mich selbst ernstlich mit diesem ohne Frage wichtigen Punkt beschäftigt. Es unterliegt für mich keinem Zweifel, daß Stapleton einen Vertrauten hatte, obwohl er ihn wahrscheinlich nicht so weit ins Vertrauen zog, daß seine eigene Sicherheit dadurch gefährdet werden konnte. In Merripit House war ein alter Diener Namens Anton. Er ist mit den Stapletons hierhergekommen und soll schon früher bei ihnen gewesen sein. Dann hätte auch gewußt, daß die Stapletons nicht Bruder und Schwester, sondern Mann und Frau waren. Der Mann ist heute nacht verschwunden und nicht wieder aufgetaucht. Auffällig ist auch sein Name: Anton heißen in England nur wenig Leute, dagegen ist Antonio in Spanien und im spanischen Amerika ein sehr gewöhnlicher Name. Er sprach, wie auch Frau Stapleton, gut englisch, aber mit einem etwas lispelnden Akzent. Ich selbst habe den alten Mann über das Grimpener Moor gehen sehen; er benutzte diesen von Stapleton kenntlich gemachten Pfad. Höchstwahrscheinlich also hat er in Abwesenheit seines Herrn den Hund gefüttert, obwohl er vielleicht den Zweck, zu dem die Bestie gehalten wurde, nicht gekannt hat.

»Die Stapletons sind dann nach Devonshire zurückgefahren, und Du und Sir Henry sind wenig später gefolgt. Noch etwas über den damaligen Stand meiner Kenntnisse. Du erinnerst Dich vielleicht, daß ich das Papier, auf das die gedruckten Wörter geklebt waren, einer genauen Untersuchung auf Wasserzeichen unterzog. Als ich das tat, hielt ich es sehr nahe an die Augen und nahm dabei eine schwachen Duft von sogenanntem weißen Jasmin wahr. Es gibt fünfundsiebzig Parfums, die ein Kriminalexperte unbedingt unterscheiden können muß. Das Parfum deutete auf die Mitwirkung einer Frau hin und ich begann, die Stapletons in Betracht zu ziehen. Ich wußte also bereits damals schon sicher, daß ein Hund im Spiel war und hatte gegen die richtigen Verbrecher Verdacht gefaßt, bevor wir in den Westen reisten.

»Meine Aufgabe war es nun, Stapleton zu beobachten. Das konnte ich natürlich nicht, wenn ich mit Dir zusammen war, denn er war sicherlich auf der Hut. Ich mußte also alle, auch Dich, täuschen und mich heimlich nach Devonshire begeben, während man mich in London wähnte. Mein Ungemach war nicht so arg, wie Du glaubtest, zudem dürfen solche Marginalien niemals die Untersuchung eines Falles beeinträchtigen. Die meiste Zeit habe ich mich in Cloombe Tracey aufgehalten und die Hütte im Moor nur benutzt, wenn es nötig war, um dem Schauplatz der Ereignisse nahe zu sein. Cartwright war mit mir gekommen hat mir in seiner Verkleidung als Bauernbursche große Dienste geleistet: ich war, was Essen und frische Wäsche und betraf, völlig von ihm abhängig. Während ich Stapleton beobachtete, hielt Cartwright Dich im Auge, sodaß ich alle Fäden in der Hand hielt.

»Wie ich schon sagte, haben mich Deine Berichte sehr schnell erreicht, weil sie sofort von der Baker Straße nach Coombe Tracy weitergeleitet wurden. Sie waren mir außerordentlich nützlich, besonders die zufällig wahre Episode aus Stapletons Lebenslauf. Hierdurch konnte ich die wahre Identität des Mannes und seiner Frau feststellen und wußte nun genau, woran ich war. Durch den geflohenen Sträfling und dessen Verbindung zu den Barrymores wurde die Angelegenheit kompliziert. Auch das hast Du restlos aufgeklärt, auch wenn ich durch eigene Beobachtungen zu eben derselben Schlußfolgerung gelangte.

»Als Du mich im Moor aufgespürt hattest, war mir die ganze Sache bereits klar, aber es war dennoch kein Fall, den ich der Gerichtsbarkeit übergeben konnte. Sogar Stapletons Anschlag auf Sir Henry, der mit dem Tod des unglücklichen Sträflings endete, konnte keinen Mordversuch gegen unseren Mann beweisen. Es gab offenbar keine andere Möglichkeit, als ihn auf frischer Tat zu ertappen, und daher mußten wir Sir Henry alleine und scheinbar schutzlos als Köder benutzen. Das haben wir auch getan, und unter Inkaufnahme eines schweren Schocks für unseren Klienten konnten wir den Fall abschließen und Stapleton in den Untergang treiben. Daß Sir Henry dem ausgesetzt wurde ist, wie ich zugeben muß, ein grober Fehler in meiner Handhabung des Falles, aber wir konnten das schauerliche, nervenzerreißende Schauspiel nicht vorhersehen, welches das Ungeheuer lieferte. Auch konnten wir den Nebel nicht vorhersehen, der es der Bestie ermöglichte, ohne Vorwarnung über uns zu kommen. Zwar hatte unser Erfolg einen hohen Preis, aber sowohl Dr. Mortimer als auch der hinzugezogene Spezialist versichern, das es ein vorübergehender sei. Auf einer längeren Reise wird unser Freund sich nicht nur von seinem Nervenschock, sondern auch von seinen verletzten Gefühlen erholen. Seine Liebe zu der Dame war tief und aufrichtig, und das schlimmste für Sir Henry an dieser ganzen düsteren Geschichte ist, daß sie ihn getäuscht hat.

»Es bleibt nur noch zu erklären, welchen Anteil sie an der ganzen Sache hatte. Zweifellos stand sie unter Stapletons Einfluß, ein Einfluß, der auf Furcht oder Liebe beruhte, oder auf beidem, schließlich sind diese Gefühle durchaus miteinander vereinbar. Jedenfalls war seine Macht echt und wirksam. Auf seinen Befehl willigte sie ein, sich als seine Schwester auszugeben; nur als er sie zu unmittelbarer Mitwirkung an einem Mord heranziehen wollte, da fand er die Grenzen seiner Macht. Sie versuchte Sir Henry zu warnen, so weit es geschehen konnte, ohne ihren Gatten zu gefährden; sie versuchte es nicht nur das eine Mal, sondern wiederholt. Stapleton selbst scheint eifersüchtig gewesen zu sein; denn als er sah, wie der Baronet der Dame den Hof machte, da brach seine Leidenschaft wild hervor, obwohl doch Sir Henrys Liebe zu den raffiniert ausgedachten Faktoren des Mordplanes gehörte. Indem er später das Verhältnis gut hieß, erlangte er die Gewißheit, daß Sir Henry häufig nach Merripit House zum Besuch kommen, und daß er selbst dadurch früher oder später die Gelegenheit erhalten würde, auf die er es abgesehen hatte. Am Entscheidungstag jedoch erklärte seine Frau sich plötzlich gegen ihn. Sie hatte von dem Tod des entflohenen Sträflings gehört und sie erfuhr; daß an demselben Tag, wo Sir Henry zu Tisch kommen sollte, der Hund in das Nebengebäude von Merripit House gebracht worden war. Sie sagte ihrem Mann das beabsichtigte Verbrechen gerade auf den Kopf zu, und es folgte ein heftiger Auftritt, wobei Stapleton ihr in seiner Wut ihr verriet, daß sie eine Nebenbuhlerin hatte. Augenblicklich schlug ihre treue Liebe in bitteren Haß um, und er sah, daß sie ihn verraten würde. Deshalb fesselte und knebelte er sie, damit sie nicht imstande wäre, den Baron zu warnen. Ohne Zweifel hoffte er, wenn die ganze Gegend den Tod des Baronets dem Familienfluch zuschreiben würde – und daran brauchte er nicht zu zweifeln – so würde sie sich ihm wieder zuwenden, mit der vollendeten Tatsache abfinden und über das, was sie wußte, Stillschweigen bewahren. Hierin hatte er sich allerdings nach meiner Meinung verrechnet; er wäre verloren gewesen, selbst wenn wir nicht dazwischen gekommen wären. Eine Weib, in deren Adern spanisches Blut fließt, vergibt nicht so leicht eine so grausame Beschimpfung ... Und das wäre wohl alles, was über den Fall zu sagen ist.« Und nun, mein lieber Watson, ohne meine Notizen zu benutzen, kann ich zu diesem absonderlichen Fall nichts weiteres mehr berichten, jedoch scheint mir, daß mir nichts Wesentliches entgangen ist.

»Aber Stapleton konnte doch nicht erwarten, daß der junge, kräftige Sir Henry aus reiner Angst vor dem Hund sterben würde, wie es ihm bei dem alten herzkranken Baronet geglückt war?«

»Die Bestie war wild und halb verhungert. Wenn ihre Erscheinung das Opfer nicht schon zu Tode erschreckt hätte, so hätte sie wenigstens den Widerstand gelähmt.«

»Zweifellos. Es bleibt nur die eine Schwierigkeit: wenn Stapleton die Erbschaft antrat – wie konnte er glaubhaft machen, angetreten hätte, wie hätte er glaubhaft machen können, daß er, der Erbe, j unter einem anderen Namen hier, in unmittelbarer Nähe seines Eigentums, gelebt hatte? Mußte das nicht Verdacht erregen und dadurch Nachforschungen veranlassen?«

»Das ist allerdings ein großes Problem und ich fürchte, ich kann es dir nicht erklären. Vergangenheit und Gegenwart sind die Gebiete meiner Ermittlungen – aber was jemand in der Zukunft tun wird diese Frage läßt sich schwer beantworten. Frau Stapleton – die ich natürlich darüber befragt habe – hat ihren Mann diese Frage des öfteren diskutieren hören. Es gab drei Möglichkeiten: Er konnte seine Ansprüche von Südamerika aus geltend machen, seine Identität vor einem britischen Konsul nachweisen und sich auf diese Weise in Besitz des Vermögens setzen, ohne überhaupt nach England zu kommen. Oder er konnte sich für die kurze Zeit, die er zur Erledigung des Geschäftes in London hätte sein müssen, einer geschickten Verkleidung bedienen. Oder er konnte einem Helfershelfer die nötigen Dokumente und Papiere ausliefern; dieser hätte die Erbschaft angetreten und ihm natürlich den größeren Teil des Einkommens überlassen müssen. Nach dem, was wir von ihm wissen, können wir wohl annehmen, daß er schon einen Ausweg aus der Schwierigkeit gefunden haben würde.

Und nun, mein lieber Watson, haben wir einige Wochen schwerer Arbeit hinter uns, und ich finde, daß wir uns angenehmeren Dingen zuwenden sollten. Ich habe eine Loge für Les Hugenots reserviert. Hast Du schon einmal De Reszkes gehört? Darf ich Dich dann bitten, in einer halben Stunde fertig zu sein? Dann könnten wir noch bei Marcini's vorbei, um ein kleines Abendessen einzunehmen.«

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