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Guy de Maupassant: Der Horla - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorMaupassant
seriesGesammelte Werke
volume7
titleDer Horla
publisherEgon Fleischel
year1905
firstpub1905
translatorGeorg Freiherr von Ompteda
senderwww.gaga.net
created20050427
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Das Loch

»Körperverletzung mit tötlichem Ausgang« lautete die Anklage, wegen deren der Tapezierer Leopold Renard vor den Geschworenen stand.

Mit ihm traten die Hauptzeugen ein: Frau Flamèche, die Witwe des Opfers, der Kunsttischler Ludwig Ladureau und der Klempner Johann Turdent.

Neben dem Angeklagten erscheint seine schwarz angezogene Frau, eine kleine, häßliche Äffin, als Dame verkleidet.

Leopold Renard stellt den Vorgang folgendermaßen dar:

»Mein Gott, 's ist eben 'n Unglück, dessen erstes Opfer ich geworden bin, an dem ich nichts ändern konnte. Die Thatsachen sprechen für sich selbst, Herr Präsident, ich bin ein ehrlicher Mann, ein Mann der Arbeit, ein Tapezier, der seit sechszehn Jahren in derselben Straße wohnt, bekannt, beliebt und wohlgeachtet von aller Welt, wie mir meine Nachbarn bezeugen können, sogar die Portiersfrau, die nicht gerade immer zum Lachen aufgelegt ist.

Ich liebe die Arbeit, ich liebe die Sparsamkeit, ich liebe anständige Menschen und anständige Vergnügungen. Und das hat mich ins Unglück gestürzt, traurig genug für mich, gewollt habe ichs nicht und ich habe mir nichts weiter vorzuwerfen.

Also seit fünf Jahren gehen meine Frau und ich Sonntags nach Poissy, um dort den Tag zu verleben. Wir schnappen dort Luft und nebenbei sind wir Angler mit Leib und Seele. Die alte Kracke, die Mélie, hat mir die Passion beigebracht, und sie ist noch mehr hinterher, die Motte, als ich, denn nämlich alles Böse kommt von ihr bei der ganzen Geschichte, das werden Sie gleich sehen.

Ich bin 'n guter, Kerl nicht die Spur böse, aber sie – oh weh! o weh! o weh! Das kleine, magere Ding da sieht garnicht so aus, jawoll, aber die ist böser, als wie 'n Marder. Ich will gar nicht sagen, daß sie nicht auch ihre guten Seiten hätte, sie hat schon welche, die für 'nen Geschäftsmann ganz wertvoll sind, aber der Charakter! Fragen Sie nur mal in der Nachbarschaft rum, fragen Sie nur mal die Portiersfrau, die mich entlastet hat, die wird Ihnen mal das Blaue vom Himmel 'runtererzählen.

Jeden Tag hat sie mir meine Milde vorgeworfen, ich würd' mir das nicht bieten lassen, ich würd' mir das nicht gefallen lassen. Wenn ich auf sie gehört hätte, Herr Präsident, hätt' ich mindestens jeden Monat drei Mal 'ne Hauerei gehabt.«

Frau Renard unterbrach ihn:

»Immer rede Du nur, wer zuletzt lacht, lacht am Besten.«

Er wandte sich zu ihr um und sagte ganz ehrlich:

»Na, weißt Du, ich kann Dich ja belasten, Du bist ja nicht der Angeklagte hier.«

Dann wandte er sich wieder zum Präsidenten:

»Ich erlaube mir also fortzufahren. Jeden Sonnabend abend gehen wir nach Poissy, um dort bei frühem Morgen zu angeln, das ist uns so zur zweiten Natur geworden, wie man so sagt. Ich habe da – den Sommer sind's gerade drei Jahre – einen Platz gefunden, einen Platz – o ha! hui! schattig, acht Fuß Wasser mindestens, vielleicht zehn, ein Loch mit so 'ner Höhle unter dem Uferrand, so 'n richtiges Fischloch, das reine Paradies für 'nen Angler.

Herr Präsident, das Loch, mußt' ich glauben, ist bloß für mich gemacht, denn ich war doch sozusagen sein Kolumbus. Jedermann wußte das in der Gegend, und keiner hat ein Wort dagegen gesagt. Es hieß: das ist dem Renard sein Platz, und kein Mensch wäre dorthin gegangen, selbst nicht Herr Plumeau, der dafür bekannt ist – ich will ihn nicht beleidigen – daß er Andern die Plätze wegschnappt.

Ich war also meiner Stelle ganz sicher und kam immer da wieder hin wie eben der Besitzer. Als ich nun Sonnabends kaum angekommen war, stieg ich in die Delila mit meiner Alten. Die Delila ist nämlich mein Boot, ich hab'se bei Fournaise bauen lassen, 's ist so was Leichtes und doch Sicheres. Also, ich meine, wir steigen in die Delila und stoßen ab, um die Fische zu ködern. Ich bin bekannt dafür, das verstehe ich aus dem ff. Ja, Sie werden wissen wollen, mit was ich das mache? Das kann ich nun nicht sagen, das gehört nicht hierher, darauf kann ich nicht antworten, weil das nämlich mein Geheimnis ist. Mindestens zweihundert Menschen haben mich schon darnach gefragt, sie haben mich zu 'ner Pulle Wein eingeladen, oder auf ein Gericht Fische, daß ich schwatzen sollte! Jawohl Kuchen! Hat sich was! Sie haben mich ausgehorcht, alle wollten mein Mittel wissen, aber nur meine Frau weiß es, und die redet keinen Ton! Habe ich recht, Mélie?«

Der Präsident unterbrach ihn:

»Kommen Sie möglichst schnell zur Sache.«

Der Angeklagte fuhr fort:

»Bin gleich dabei! Bin gleich dabei! Also Sonnabend den 8. Juli fuhren wir mit dem fünf Uhr fünfundzwanzig Zug fort und ehe wir aßen, gingen wir gleich, wie jeden Sonnabend 'raus, um Fische zu ködern. Das Wetter schien ganz günstig zu sein. Ich sagte zu Mélie:

»Das wird ein Morgen – fein,« und sie antwortet: »Es läßt sich so an.« Mehr reden wir nämlich nicht zusammen.

Und dann kamen wir wieder zurück zum Essen. Ich war guter Laune, ich hatte 'n Riesen-Durst. Da liegt der Hund begraben, Herr Präsident, das ist an allem schuld. Und ich sage so zu Mélie:

»Weißt Du, Mélie, es wäre schon schön, wenn ich mir mal 'ne Nachtmütze leistete.« So haben wir nämlich 'ne gewisse Sorte Weißwein getauft, weil er einen, wenn man zuviel davon trinkt, hindert zu schlafen und so die Nachtmütze ersetzt; verstehen Sie? Sie antwortete:

»Thu, was Du nicht lassen kanst! Du wirst Dich schon noch krank machen und dann kannst Du morgen früh nicht aufstehen.« Das stimmte schon, das war riesig schlau, sehr vorsichtig, sehr scharfsinnig, gebe ich ihr gern zu, ich konnte aber trotzdem nicht anders und trank meine Flasche und daher kommt das ganze Unglück.

Ich konnte also nicht schlafen! Gott verdamm mich, bis zwei Uhr morgens hatte ich meine »Nachtmütze« vom Wein auf und dann bumms – schlafe ich ein und schlafe, daß ich die Posaunen des jüngsten Gerichts nicht gehört hätte.

Kurz, meine Frau weckt mich um sechst. Ich springe aus dem Bett, ziehe schnell die Hose an und meinen Wasserkittel, fahre mit dem Schwamm übers Gesicht und wir steigen in die Delila. Zu spät. Als ich an mein Loch komme, war's besetzt. Das war mir doch noch nie passiert, Herr Präsident, seit drei Jahren nicht passiert. Das kam mir so vor, als ob man mich unter meinen Augen ausplündern wollte und ich sage:

»Donnerwetter! Donnerwetter! Donnerwetter!«

Und da fängt meine Frau an zu sticheln:

»Na, Deine Nachtmütze – siehste, Du altes Sumpfhuhn? Bist Du nun zufrieden, alter Schnapsbruder?«

Ich antwortete nicht, sie hatte ganz recht.

Trotzdem steige ich in der Nähe der Stelle an Land, um wenigstens noch den Rest zu bekommen, vielleicht würde der andere Mann da nichts fangen und weiter gehen.

Es war ein kleiner, magerer Mann, in weißem Waschanzug mit großem Strohhut. Er hatte seine Frau bei sich, eine dicke Person, die hinter ihm saß und stickte.

Als sie sahen, wie wir uns an der Stelle niederließen, brummte sie:

»Giebt's denn keinen anderen Platz?«

Und meine Frau, die schon innerlich kochte, antwortete:

»Anständige Leute fragen erst ehe sie einen Privatplatz besetzen.«

Da ich keine Geschichten haben wollte, sagte ich:

»Mélie halt' die Klappe, laß man gut sein, wir werden schon sehen.«

Wir hatten also die Delila unter den Weiden angebunden, waren an Land gestiegen und angelten Seite an Seite. Mélie und ich saßen unmittelbar neben den beiden Anderen.

Nun, Herr Präsident, muß ich mal mit 'n paar Einzelheiten kommen.

Wir waren kaum fünf Minuten da, als die Angelrute des Nachbars zwei – dreimal niedertaucht und dann zieht er einen Fisch 'raus, so dick wie mein Oberschenkel, na, vielleicht ein bißchen dünner, aber doch beinahe so dick. Mir klopft das Herz, mir wird ganz heiß, und Mélie fagt zu mir:

»Siehste, alter Süffling, haste den Fisch gesehen?«

Darauf fährt Herr Bru, der Materialwarenhändler aus Poissy, auch so 'n alter Angelfritze, in seinem Boote vorüber und ruft mir zu:

»Na, Herr Renard, man hat Ihnen ja Ihren Platz weggenommen.«

Und ich antworte ihm:

»Jawohl, Herr Bru, es giebt eben unfeine Leute auf der Welt, die kein Benehmen haben.«

Der im Waschanzug an meiner Seite that, als hätte er gar nichts gehört, seine Frau, das dicke Schwein, auch nicht.

Der Präsident unterbrach ihn ein zweites Mal:

»Nehmen Sie sich in Acht, Sie beleidigen die hier anwesende Witwe Flamèche.«

Renard entschuldigte sich:

»Bitte um Entschuldigung! Bitte um Entschuldigung – meine Erregung ist schuld.«

Also es war noch keine Viertelstunde vergangen, als der im Waschanzug noch einen Fisch fängt und gleich darauf noch einen und fünf Minuten später wieder einen.

Mir standen die Thränen in den Augen und dann fühlte ich, wie meine Alte zitterte vor Wut. Sie reizte mich immerfort:

»Siehste, wie sie Dir Deine Fische stehlen? Siehste, Du wirst nichts fangen, nicht einen Frosch, nichts, nichts, siehste?« In mir kochts, wenn ich nur daran denke.

Ich sagte mir: wir wollen Mittag abwarten, der Dieb da drüben wird frühstücken gehen und dann setze ich mich wieder an meinen alten Platz. Denn Herr Präsident, ich frühstücke nämlich immer draußen Sonntags, wir nehmen in der Delila unser Frühstück gleich mit.

Ja, prosit Mahlzeit, es schlägt Zwölfe, aber der Schuft hatte ein Huhn in 'ner Zeitung eingewickelt mit, und während er ißt, erwischt er, weiß Gott, noch einen Fisch.

Mélie und ich fangen auch an, ein bißchen was zu essen, aber wissen Sie, es wollte nicht recht 'runter, 's Herz war nicht dabei.

Dann nahm ich die Zeitung zur Verdauung, so lese ich jeden Sonntag den Gil Blas dort im Schatten am Wasser. Sonntags schreibt nämlich immer die Colombine, wissen Sie, die Colombine, die die schönen Artikel im Gil Blas schreibt. Ich brachte immer meine Alte zur Wut, wenn ich behauptete, ich kennte sie, die Colombine. 's ist gar nicht wahr, ich kenne sie nämlich nicht, ich habe sie nie gesehen. Aber das muß wahr sein, 's liest sich ganz hübsch, was sie schreibt und dann sagt sie für eine Frau riesig gewagte Sachen. Ich mag sie gerne, so schreiben nicht viele!

Da fange ich also an, meine Frau zu necken, aber sie wird sofort wütend, ganz eklig – also, ich schweige.

In diesem Augenblick kommen an der anderen Seite des Flusses unsere beiden Zeugen, die hier stehen: Herr Ladureau und Herr Durdent; wir kannten uns so vom Sehen.

Der Kleine hatte wieder angefangen zu angeln und fing Fische, daß ich zitterte geradezu. Und da fängt seine Frau an zu sagen:

»Der Platz ist famos hier, weißte, Désiré, hier müßten wir immer herkommen.«

Mir läufts kalt über den Rücken, und meine Frau sagt:

»Du bist doch gar kein Mann, bist kein Mann, Du hast ja Fischblut in den Adern.«

Und ich antworte ihr plötzlich:

»Weißte was, ich gehe lieber fort, sonst mache ich noch irgend 'ne Dummheit.«

Und sie raunt mir zu, als hätte sie mir 'n Stück glühendes Eisen unter die Nase gehalten:

»Du bist doch gar kein Mann! Jetzt willste noch gar ausreißen! Deinen Platz willste im Stiche lassen. pfui Du – Bazaine.«

Nun habe ich genug, aber ich sage immer noch nicht meff.

Aber da holt der Andere wieder einen Fisch 'raus, nee so was habe ich überhaupt noch nie gesehen.

Und da fängt meine Frau an laut zu sprechen wie wenn sie zu sich selbst spräche – daran können Sie sehen wie bösartig sie ist. Sie sagt nämlich:

»Nu, das sind einfach gemauste Fische, da wir doch selbst den Köder hergelegt haben, Da müßte doch wenigstens das Geld erstattet werden für den Köder.«

Da antwortete die Dicke neben dem im Waschanzug:

»Bitte, gilt das uns?«

»Ja, ich spreche von den Fischdieben, die sich das, was andere Leute ausgeben, zu Nutze machen.«

»Und uns nennen Sie Fischdiebe?«

Nnn fing eine Auseinandersetzung an und dann sagten sie sich Grobheiten, Donnerwetter noch mal, die wußten aber was und die saßen. Sie brüllten so laut, daß unsere beiden Zeugen, die auf der anderen Seite standen, anfingen, aus Ulk zu rufen:

»Na nu, ein bißchen Ruhe da drüben, sonst fangen Ihre Männer nichts!«

Jedenfalls bewegten sich der im Waschanzug und ich nicht mehr wie ein Baumstumpf. Wir blieben sitzen, die Augen auf's Wasser geheftet, als ob wir gar nichts hörten.

Donnerwetter noch mal! Wir hörtens wohl, wie das klang: »Sie alte Lügnerin! Sie Haderlumpen, Sie Mausehaken, Sie altes Luder!« Na, kurzum, ein Matrose weiß keine schöneren Namen nicht.

Plötzlich höre ich hinter mir ein Geräusch. Ich drehe mich um – die andere da, die Dicke, war mit ihrem Sonnenschirm über meine Frau hergefallen – klatsch – klatsch, klatsch – kriegt Mélie zwei übergezogen, aber sie wird rasend und wenn sie rasend wird, schlägt sie auch und sie packt die Dicke bei den Haaren und dann – klatsch – klatsch – klatsch – hageln die Ohrfeigen nur so auf 's Gesicht 'runter.

Ich würde sie sich selbst überlassen haben, die Weiber für sich und die Männer für sich, man muß sich da nicht 'reinmischen, aber der im Waschanzug steht plötzlich wie der Deubel auf und will sich auf meine Frau stürzen. Nee, nee, so war's nicht gewettet, so nicht, alter Freund. Ich also stecke dem Kerl die Faust unter die Nase – bums – eins in die Fresse, eins in den Bauch. Er hebt die Arme, hebt die Beine und fällt rückwärts gerade in den Bach hinein, gerade ins Loch.

Ich hätte ihn sicher wieder 'rausgeholt, Herr Präsident, wenn ich sofort Zeit gehabt hätte, aber nun kommt noch dazu, daß die Dicke jetzt die Oberhand kriegte und die Mélie tüchtig verhaute. Ich weiß wohl, daß ich, während der Andere da Wasser schluckte, nicht hätte zuspringen sollen, aber ich dachte doch nicht, daß er ersaufen würde und sagte mir: ach was, das Bad wird ihn recht hübsch abkühlen.

Ich stürzte mich also auf die Weiber, um sie auseinanderzubringen! Da habe ich aber was abgekriegt an Prügeln, Kratzern, Bissen, Donnerwetter! Solche Schindluder!

Kurz, ich brauchte mindestens fünf, vielleicht sogar zehn Minuten, um die beiden verhetzten Weiber zu trennen.

Ich drehe mich um – nichts zu sehen, 's Wasser ist still, wie 'n See und die Anderen da drüben schreien:

»Ziehen Sie ihn doch raus! Ziehen Sie ihn doch 'raus!«

Das ist ganz gut gesagt aber ich kann doch nicht schwimmen und tauchen noch weniger, weiß der Deubel.

Endlich kam der Flußaufseher und zwei Herren mit Bootshaken. Aber das dauerte sicher eine gute Viertelstunde. Da fanden sie ihn denn, unten auf dem Boden des Loches, acht Fuß tief, wie ich's gesagt habe. Aber er war alle, der Kleine mit dem Waschanzug.

So ist die Geschichte passiert das kann ich beschwören, mein Ehrenwort drauf – ich bin unschuldig!«

Da die Zeugen dasselbe bekundeten, so wurde der Angeklagte freigesprochen.

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