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Der hohe Schein

Ludwig Ganghofer: Der hohe Schein - Kapitel 1
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer hohe Schein
authorLudwig Ganghofer
yearca. 1930
publisherDeutsche Buch-Gemeinschaft
addressBerlin
titleDer hohe Schein
pages3-541
created20020511
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1904
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Ludwig Ganghofer

Der hohe Schein

Roman aus den Bergen


1

Der Tag begann.

Schon hatte der Himmel mattes Licht, in dem die erlöschenden Sterne nur noch wie Nadelspitzen sichtbar waren. In der Tiefe des langgestreckten, von Osten nach Westen ziehenden Tales lag noch die Nacht mit schwarzen Wäldern, und über den Bergen, die das Tal auf beiden Seiten geleiteten, hing noch die Dämmerung, deren Schleier alle Felsen in ein stilles Grau verschwimmen ließ.

Dieses gleiche Grau lag über dem weiten Almfeld der isolierten Bergmasse, die das lange Tal gegen Osten mit steinernem Riegel schloß, von den seitlichen Bergen durch enge Waldschluchten geschieden.

Mit dunklen Wellen hob sich das hügelige Almfeld gegen die Steinwände des Berges, der als steile Pyramide aus finsteren Wäldern stieg. Dieser Berg im Dämmerdunkel des Morgens sah anders aus als die anderen Berge. Er hob sich wie ein Geheimnis in die Lüfte, tiefschwarz, mit bläulichem Schimmer in dieser Schwärzte. Über den Wipfelkämmen, die an seinen Flanken hinaufkletterten, hatte der Himmel roten Schein, und flimmernde Glutlinien umzogen das dunkle Haupt des Berges.

Im Gezweig einer alten Fichte, die sich schwarz inmitten des grauen Almfeldes erhob, begann eine Ringdrossel leise zu zwitschern. Das war eine schüchterne Frage: »Tag, du schöner, kommst du nun bald?« Ein Laut, als hätte eine Tür gegen hölzerne Balken geschlagen. Hochwild, das äsend über das Almfeld gezogen, wurde flüchtig. Nahe dem Waldsaum blieben die Tiere stehen und äugten gegen die Sennhütte hinunter, aus deren offener Tür ein rötlicher Feuerschein in die Dämmerung zitterte. Jetzt erlosch der Schein. Und die Hütte glich einem großen dunklen Felsblock.

Zwei Frauen waren aus der Tür getreten, im stillen Grau zwei graue Gestalten.

»Diese Luft!« sagte eine linde, heitere Stimme von jugendlichem Klang.

»Heut kommt a schöner Tag!« Das war eine murrende Stimme. »Der Hohe Schein hat sein Glutrandl.« Das Weib deutete mit dem Stecken gegen den Berg hinauf. »Wann er 's Licht so verkündt, gibt's allweil a saubere Sonn.« Ein Seufzer. »Wird man halt wieder schwitzen müssen! Wär mir lieber: schön kühl haben. Allweil kommt's anders, als man möcht. So geht's mit allem im Leben. Ich versteh's net. Allweil sinnier ich drüber. Und wirst sehen, ich bring's noch amal aussi, warum alles so sein muß, so an ewiges Widerspiel.«

»Das schöne Leben? Ein Widerspiel?« Wie froh dieses junge Lachen in den grauen Morgen klang! »Da hab ich noch nie was gemerkt davon.«

»Du freust dich halt und lachst! Lauft dir a schwarze Grill übers Leberl, so meinst, es wär a Goldkäferl g'wesen. Bist halt eine von die Sonnseitigen! Aber dös is kei' Kunst. Dös is bloß a Glück!« Mit hoher, langgezogener Stimme begann das Weib zu schreien: »Kuh seeeeh! Kuh seeeeh!« Man hörte eine Schelle rasseln, eine zweite, eine dritte. Auf dem grauen Almfeld erhoben sich die jungen Rinder und kamen gelaufen, um gierig das Salz zu empfangen, das die Hirtin aus einer um ihre Hüften gebunden Leinentasche hervorholte. »Schau, Mathild«, sagte sie, »du bis grad wie's Vieh.«

»Lies!« Halb war's ein Lachen, halb ein ernstes Wort. »Ich bin dir gut. Aber grob darfst du nicht werden!«

»Grob? Ich sag dir ja doch ebbes Schöns. Schau, wie d' Rinder dös Salz mögen! Als wär's a Süßigkeit. Und du bist gradso! Du schluckst jede Lebenssorg wie a guts Bröckl.«

»Das ist wahr, Lies! Noch jede Sorg, die mich befallen hat, ist mir zu einer lieben Freud geworden.«

»Dein Glück halt!«

»Vielleicht ist doch auch ein bißl Kunst dabei.«

Die Sennin schüttelte den Kopf. »Wann 's Glück a Kunststückl wär, so müßt's jeder lernen können! Ich versteh's net, Mathild! Da kann ich kitzeln, soviel ich mag. Beim Vieh hab ich's aussibracht. D' Rinder mögen 's Salz, weil's ihnen die Knochen festet. Und da hab ich mir so fürg'stellt, als tät alle Lebensnot für uns Leut so ebbes sein wie a Bröserl Kraftsalz.«

»Ja, Lies! Kummer macht die Herzen stark.«

»Laß mich aus! Bei dir stimmt's. Weil halt du 's Glück dazu hast! Aber schau dir hundert andere drum an! Die sind elend und schreien. Perexempli: der Scheidhofer! Der hat im Leben dös Schmerzensalz pfundweis schlucken müssen. Wann's wahr wär, daß der Wehdam d' Leut stark macht, müßt der Scheidhofer im Glück a Mensch sein, wie im Wald der beste Baum. Und is an einschichtiger Narr und hockt in seim schönen Hof wie an armseliges Häufl Elend. Und schau dein' Vater an –«

»Laß meinen Vater ans deinem Grillenspiel!« sagte das junge Mädchen ernst.

Brummend ging die Sennin weiter und fing wieder mit hoher Stimme zu schreien an: »Kuh seeeh! Kuh seeeeh!« Wortlos folgte ihr das junge Mädchen, dessen Gedanken durch die Erinnerung an den Vater auf stille Wege geführt schienen. Die letzten Sterne waren erloschen, das Blau des Himmels begann sich zu lichten, über den langgestreckten Bergen hellte sich aller Schatten zu mildem Glanz, und ein unbestimmter Schimmer des beginnenden Tages floß auch schon hinunter in die Tiefen des Tales. »Lies!« sagte das junge Mädchen plötzlich. »Schau nur, wie der Hohe Schein zu brennen beginnt!« Die beiden blickten zur steilen Höhe des Berges hinauf, dessen Glutränder sich verwandelt hatten in züngelnde Feuersäume. Dieses Leuchten steigerte sich zu brennendem Glanz. Wie mit flammenden Wogen brandete die Lichtflut der nahenden Sonne gegen das steinerne Haupt des Berges hinauf, das umlodert war von einer flimmernden Strahlenkrone.

Inmitten des zitternden Glanzes, auf der höchsten Felszinne des Berges, unterschied man ein kleines, bewegliches Figürchen, gleißend, wie aus Gold gebildet.

»Da steht schon wieder einer droben, so a Stadtfrack, so an überspannter!« Die Sennin lachte höhnisch. »Den mußt dir anschauen, Mathild! Da droben in der lichten Höh schaut jeder aus wie a Bildstöckl mit'm Heiligenschein. Kommt er abi, so schaut er gradso aus wie die anderen narrischen Leut.«

Das junge Mädchen lächelte. »Wenn man im Licht und auf der Höhe so schön und heilig wird, sollt man allweil nur hinaufsteigen und nie hinunter.«

»Schau, jetzt stiefelt er weg da droben! Was d' Stadtleut nur haben von ihrer Bergrennerei? Wegen der Aussicht, heißt's allweil. Der Mensch soll lieber Einsicht haben. Was hat er von der Aussicht? Verlogenes Zuig!«

»Geh, Lies! Wenn du droben stehst auf einem Berg und schaust hinaus in die blaue Welt, so hast du doch Freude dran.«

»Freud? Gott bewahr! Bloß ärgern muß ich mich. Was weit is, lügt. Die schönen Sachen, die wahr sind, muß man greifen können.« Die Sennin bückte sich und brach eine Blume. »So a Blüml mußt anschauen! Dös is so wahr, wie's schön is. Und wie näher als d' hinguckst, um so schöner wird's. Aber schau da aussi!« Sie deutete gegen das ferne Tal. »Schau den letzten Berg an! Kleinwunzig schaut er aus wie a Steinmanndl, dös d' Hüterbuben baut haben. Vor neun Jahr amal, da bin ich so weit draußen g'wesen. Und da war dös kleine Steinhäufl so a Mordstrumm Berg, daß ich merken hab müssen: den hat unser Herrgott g'macht. Narretei! Was weit is, lügt.« Sie warf die Blume fort. »Und der Herrgott is auch weit. Aber wirst sehen, ich bring's noch amal aussi, wie er ausschaut in der Näh.«

Ein heiteres Lachen. »Grillenmahm!«

Da klang ein Surren in den Lüften, ein Sausen und Pfeifen. »Jesus!« rief die Sennin erschrocken und riß das Mädchen auf die Seite. Ein Stein schlug von der Felswand auf das Almfeld nieder und jagte an den beiden vorüber mit hohen Sprüngen der Tiefe zu. »Der Narr da droben!« schimpfte die Sennin. »Der muß zwei linke Füß haben! Und du, Mathild, sei froh, daß er a Fremder is! Der tät dir Unglück bringen.«

»Unglück?«

»Weil er an Stein über dein' Weg hat laufen lassen.«

»Geh, du Urschel! So ein Aberglauben! Der Stein ist doch gradso über deinen Weg gelaufen.«

»Mir tut er nix. Unglück können bloß die haben, für die noch allweil a Glück auf der Straß liegt.« Wieder sausten Steine mit Klang und Surren über die Felswand herab. »Der macht ja den ganzen Berg roglet! Freilich, auf d' Letzt muß alles abi. Aber wann alles amal in Scherben fallen muß, warum hat sich denn der Herrgott so viel plagt mit'm Bergmachen?« Die beiden waren in eine Mulde des Almfeldes niedergestiegen, und wieder hörte man den schreienden Ruf: »Kuh seeeeh! Kuh seeeeh!«

Zu beiden Seiten des einsamen Felsriesen brach der Strahlenglanz der steigenden Sonne in das lange Tal herein und glänzte die Spitzen der in die Ferne ziehenden Berge an. Weit draußen hatte auch der Talgrund schon einen Hauch von Sonne. In der Nähe dort unten dämmerte noch alles, denn der Hohe Schein warf seinen blauen Schattenkegel in die Tiefe.

Auf der Schutthalde, die sich vom Sturz der Wände niederstreckte gegen das Almfeld, klang ein Schritt und das Klirren eines Bergstockes. Aus dem Gewirr der Steinblöcke löste sich die Gestalt eines jungen Mannes von schlankem Wuchs, breitschultrig, doch mit Gliedern, die ihre eigene Kraft nicht zu kennen schienen. Er ging ein wenig gebeugt, ging langsam, wie der Schritt eines Menschen ist, der kein Ziel hat, nach dem er sich sehnt. Eins von jenen braunen Touristengewändern, wie man sie in der Stadt hinter den Schaufenstern hängen sieht. Über den rund gepackten Rucksack war ein Wettermantel aus grauem Loden geknotet. Unter der Krempe des Filzhutes hingen braune Haarsträhnen in das blasse Gesicht, das der beschwerliche Niederstieg über die Felswand kaum merklich gerötet hatte. Es war nicht schön, doch es fesselte durch seinen stillen Ernst und durch die großen Augen, stahlgrau, ein wenig ins Blaue spielend – Augen, die lieber nach einwärts ins eigene Leben zu blicken schienen als hinaus in die Welt. Im Widerspruch zu diesen wunschlosen Augen lag ein Zug des Dürstens um den weich geschwungenen Mund, den ein junger, lichtbrauner Bart umrahmte.

Langsam wanderte er über das Almfeld hinunter, blieb stehen und atmete tief, als wäre in der Luft etwas Köstliches. Ein süßer Duft war's, den er spürte. Den strömten die kleinen, braunen Blumen aus, die in großer Zahl auf dem Rasen blühten. Es waren Kohlröschen. Er pflückte eine von den Blumen und betrachtete sie lang. »So klein! Und so reich an Duft!« Hastig beugte er sich nieder und pflückte, bis es ein dicker Strauß wurde. Den schob er hinter das Hutband. Dann ging er auf die Sennhütte zu, unter deren vorspringendem Dach eine Holzbank an die Giebelwand gezimmert war, mit einem Tisch davor. Die Tür war nicht versperrt, nur von einer Holzklinke festgehalten. Der Fremde öffnete und rief in den dunklen Hüttenraum: »Ist jemand hier?« Als er keine Antwort erhielt, legte er den Rucksack auf die Bank und ließ sich nieder. Den Hut mit den Blumen schob er auf den Tisch, holte aus dem Rucksack ein dickes Buch hervor, schlug es mit dem Merkband auf und las weiter, wo er am Abend – oder spät in der Nacht? – zu lesen aufgehört hatte. Fast eine Stunde verging. Immer las er. Plötzlich schloß er das Buch. »Wie kalt das alles ist!« Er lehnte sich an die Hüttenwand zurück. Da glitt ihm ein Laut des Staunens über die Lippen. Wie ein wundersames Geheimnis, dessen dunkle Rätsel sich in helles Feuer verwandeln wollten, lag der Hohe Schein vor ihm. Die Sonne war schon dem Gipfel nah und goß ihren Glanz um alle Säume des einsamen Berges her, so blendend, daß die Umrisse der Felskuppe in diesem Geschimmer ganz verschwanden. Aller Schatten war aufgelöst in ein meertiefes, duftiges Blau, von Goldtönen umwoben, von Strahlen umzuckt.

Der Anblick des wundersamen Bildes wirkte um so tiefer auf den Schauenden, weil es mit allem Zauber seines Glanzes so jählings über ihn herfiel. Er war über das Almfeld niedergestiegen, ohne sich umzublicken, hatte gelesen, ohne aufzuschauen. Nun zog es ihn von der Bank, und er stieg über einen Hügel des Almfeldes hinauf, um weiteren Ausblick zu haben. So versunken war er, daß er die klappernden Schritte nicht hörte, die vom Waldsaum zur Hütte kamen.

»Da schnappt wieder einer über!« brummte die Sennin, als sie auf ihren Gruß keine Antwort bekam. Es war eine hagere Person, in grobem Arbeitskleid, mit der Salztasche um die Hüften. Das graue, dünn gewordene Haar war über dem Scheitel zu einem Knoten so fest zusammengedreht, daß an Stirn und Schläfen die Haarsträhnen straff gespannt waren. Das gab dem mageren Gesicht was Spitzmausartiges – ein Gesicht, verdrossen, zu dem die Augen nicht passen wollten: braune, scharfblickende Augen von hellem Glanz, spöttisch und sehnsüchtig.

Sie wollte in die Almstube treten. Da sah sie auf dem Tisch vor der Hütte das Buch liegen. »Natürlich! Sein Büchl muß jeder haben, sonst weiß er net in der Welt, wo er hin muß mit der Nasen. Aber so a Trumm Buch hat noch keiner umanand tragen!« Lachend trat sie in die Hütte.

Nach einer Weile, als sie beim Herd stand, kam der Fremde zur Tür und sagte: »Ich bitte, Frau, kann ich eine Schale Milch bekommen?«

Die Sennin guckte über die Schulter. »Meinetwegen! Aber Frau bin ich keine. Gott sei Dank, daß ich den Binkel net auch noch am Buckel hab!« Sie brachte ihm die Milch in einem hölzernen Weidling. Als der Fremde ein Glas haben wollte, brummte sie: »Wir sind keine Fürstenleut. Bei uns trinkt man aus der Schüssel. Muß man halt 's Maul a bißl breit machen.«

Lächelnd versuchte er diese Methode. Ganz gut ging es. Und die Milch schmeckte. Während er trank, schlug die Sennin das Buch auf und fand einen Namen, der mit kräftigen Zügen auf die Innenseite des Deckels geschrieben stand: »Walter Horhammer.« Sie blätterte weiter, fand das Titelblatt und bewegte buchstabierend die Lippen. Ihr Gesicht wurde ernst, und ihre klugen Mausaugen vergrößerten sich. Langsam hob sie die Spitznase und betrachtete erregt den Fremden. »Herr? Hat dös Wörtl da an Sinn und Verstand?«

Er hatte die Schüssel niedergestellt und trocknete mit dem Taschentuch den Bart, der vom Rahm eine weiße Borte bekommen hatte. »Welches Wort?«

Sie fuhr mit dem Finger unter dem Titel hin, während sie buchstabierte: »Die Welträtsel.« Schnaufend blickte sie auf. Rings um ihre funkelnden Augen spannten sich die kleinen Fältchen. »A Rätsel, gelt, dös is, wo man net weiß, was dahintersteckt? Und dös muß einer aussikitzeln wie die Grillen aus ihrem Loch? Und söllene Rätsel gibt's haufenweis in der Welt, an die Leut, an die Viecher, im Boden, in der Luft, am Herrgott und am Teufel. Ja, da muß ich allweil kitzeln, daß ich gar kei' Ruh nimmer hab!«

Es war ein freundlicher Blick, mit dem der junge Mann die Sennin betrachtete. »Die Klugen und die Einfältigen! In allen die gleiche Sehnsucht, die sich niemals stillt!«

»Sagen S' mir, Herr!« Vor Erregung wurde ihr die Stimme heiser. »Is dös wahr, daß in dem Buch da ebbes drinsteht von die Welträtsel?«

»Ja, liebe Frau! Das Buch handelt von allen Dingen, die wir Menschen nicht verstehen.«

»Und aus dem Buch kunnt einer aussilesen, wie alles is in der Welt und was hinter allem steckt?«

»Nein, gute Frau! In dem Buche steht nur, daß wir nicht wissen, wie alles ist.«

Vor Zorn und Enttäuschung stieg der Sennin das Blut ins Gesicht. »A Narr!« Sie versetzte dem Buch einen Stoß, daß es gegen die Milchschüssel fuhr. »Wann er nix weiß, der Lapp, weswegen schreibt er denn so an Endstrumm Buch? Da bin ich ja gradso gscheit wie der!«

Von diesem Unmut erheitert, trocknete der Fremde mit dem Taschentuch die verschüttete Milch von dem Buche. Dann nahm er seinen Rucksack von der Bank.

»Na, na! Deswegen können S' schon hockenbleiben! Und nix für ungut, weil der Gift so aussi hat müssen aus mir! Dreißg Jahr lang hat mich 's Kitzeln net verdrossen. Aber da möcht man halt amal ebbes aussibringen. Hab schon g'meint, jetzt hätt ich d' Schüssel voll Süßigkeit am Maul. Ja, Schnecken! Muß ich mich halt selber wieder plagen!« Langsam hob sie das Gesicht und spähte in das leuchtende Morgenblau des Himmels hinauf. Dabei sumste sie leise zwischen den Zähnen, wie es die Kinder machen, wenn sie mit langem Grashalm eine Grille ans dem dunklen Erdloch treiben. »Wart nur! Net auslassen tu ich. Alles muß ich noch aussikitzeln.«

Der Fremde lachte und zog die Riemen des Bergsackes über die Schultern.

»Da brauchen S' net lachen! Kunnt halt doch sein, daß mir amal statt der schwarzen Grill a goldglanzigs Käferl aussihupft.«

»Ein goldglanziges Käferl?« wiederholte der Fremde, als hätte ihm das Wort gefallen. Er nickte. »Wer weiß, ob nicht die schwarzen Grillen des Lebens nur aus den Löchern unserer Vernunft herauslaufen, während alles, was über und um uns ist, hellen Goldglanz hat, von dem wir nur manchmal in heiliger Stunde einen Schimmer ahnen.« Er blickte zu dem leuchtenden Wunder des Hohen Scheins hinauf.

Schief, als hätte sie über eine Brille wegzuschauen, sah ihn die Sennin an und brummte: »Am Verstand muß er auch zwei linke Füß haben, der!« Dann sagte sie laut: »Gelt, Sie, wann S' wieder amal vom Berg abisteigen, so passen S' a bißl auf, daß d' Steiner, dö S' ablassen, net d' Leut derschlagen.«

»Hab ich jemand in Gefahr gebracht?«

»Na, na! A söllener Täpp is unsereiner net, daß er stehnbleibt, bis d' Steiner kommen.«

»Der Weg war steil, und mir fehlt die Übung. Ich war heut zum erstenmal auf einem Berg.«

Die Sennin wurde freundlicher. »Jetzt gfallen S' mir wieder! Die andern, wann s' zum erstenmal gnagelte Schuh anhaben, sind alle schon auf hundert Berg droben gwesen, mit'm Maul.« Da sah sie, daß er gar nicht die bei Touristen so beliebten Bergflöße trug, sondern leichtes Schuhwerk mit dünnen Sohlen. »Aber Sie Lampl, Sie unvorsichtigs! Wie kann man denn mit söllene Spinnewebenschuh auf an Berg auffisteigen? Da hätten S' Ihnen schön zurichten können, Sie narrischer Gockel Sie!«

Er lächelte über die gutmütige Sorge, die aus dieser Grobheit redete. »Ich danke Ihnen!« Der Sennin zunickend, griff er nach dem Bergstock und legte eine Mark auf den Tisch. »Das ist für die Milch.«

»Herr, dös is z'viel.«

»Nicht zuviel für die Erfrischung, die mir der gute Trunk gebracht hat. Ich danke Ihnen!«

Er ging.

Die Sennin nahm das Markstück, spuckte drauf, damit ihr der unverdiente Gewinn keinen Schaden brächte, und schob's in die Tasche. Dann blickte sie dem Fremden spöttisch nach, und weil sie sah, daß er auf dem steilen Weg die Steine ins Rollen brachte, rief sie: »He! Da drunt gibt's Leut! Passen S' a bißl auf mit Ihre zwei linken Füß! Herr Walter Horhammer, mit'm dicken Buch!«

Lachend trat er von dem groben Weg auf den linden Rasen hinaus. Als er den Waldsaum erreichte, dessen Wipfel schon von Sonne brannten, wahrend kühler Schatten noch um die Stämme duftete, verhielt ihm ein reizvolles Bild den Schritt. Neben dem Wege lag ein Mädchen schlummernd in den blühenden Heidelbeerbüschen, die Hände unter dem Nacken verschlungen, das Gesicht ein wenig zur Seite geneigt. Die Glieder des schönen Körpers, der unter der leichten Hülle der ländlichen Tracht seine schlanken Linien verriet, waren wohlig in den Teppich der linden Büsche geschmiegt. Das Gewand war schmucklos, der Arbeitstracht einer Sennin ähnlich, doch neu und kleidsam. Der dunkelgrüne Wollstoff des Rockes lag wie ein Schatten zwischen dem lichteren Grün der Büsche, ein braunes Tuchleibchen umspannte glatt den jungen, ruhig atmenden Busen, und zwischen den gepufften Leinenärmeln lag der Kopf wie auf weißem Kissen. Das lichte Blondhaar war in breiten Flechten um die Stirn gelegt, an den geschlossenen Lidern schimmerten die Wimpern wie kleine goldene Sicheln, rosig blühte die Wärme des Schlafes auf den von der Sonne leicht gebräunten Wangen, und der sanfte Mund, der ein wenig geöffnet war, trank in ruhigen Zügen die reine Luft des Morgens. Wie auf einer Frucht der zarte Flaum der Reife, so war auf dem schlafenden Gesicht ein Hauch von Gesundheit und unberührter Frische. Die blühenden Büsche, die ihre Brust berührten, zitterten leise, sooft sie Atem holte, und der blaue Morgenschatten war um sie her wie ein feiner Schleier, der ein Köstliches verhüllen und dennoch zeigen möchte.

Unbeweglich stand der Fremde, als könnte er sich nicht satt schauen am Liebreiz dieses Bildes. Sein staunender Blick schien zu fragen: »Kann das Leben so schön sein? So friedlich? So rein?« Er nahm den Hut ab, löste die braunen Blumen aus der Schnur, ließ sie auf den Schoß der Schlummernden gleiten und trat in den Wald.

Seine zwei linken Füße brachten, so rauh der Weg auch war, keinen Stein ins Rollen. Dennoch erwachte die Schlafende. Sie hatte den leisen Fall der Blumen gefühlt. Halb sich anfrichtend, blickte sie vor sich hin, mit heiter strahlenden Augen von dunklem Blau, ein wenig nachdenklich, als möchte sie sich auf einen Traum besinnen, der beim Erwachen in ihren Gedanken erloschen war. Da sah sie die Blumen auf ihrem Schoß. Lächelnd guckte sie um sich her und rief mit heller Stimme: »Lies? Grillenmahm? He! Bist du das gewesen?« Nun hörte sie den Männerschritt, der sich im Wald entfernte. Erst erschrak sie ein wenig. Dann lächelte sie wieder und begann die zerstreuten Blumen zu sammeln. »Schau nur, da ist das Unglück schon über mich hergefallen!«

Eine Welle schimmernden Lichtes umflutete das Mädchen und verwandelte das Grün der Heidelbeerbüsche in rotes Gold.

Die Sonne war über den Hohen Schein heraufgestiegen.

Walter Horhammer mit dem dicken Buch – man sah an der Leinwand des Rucksackes die Kanten, die es herausbohrte – wanderte durch den Bergwald hinunter ins Tal. Die Erinnerung an alles, was ihm dieser Morgen gezeigt hatte, schien eine Heiterkeit in ihm zu wecken, die sich äußern mußte. Er begann die Weise eines Volksliedes vor sich hinzuträllern – ein bißchen falsch. Jetzt ging der Wald zu Ende, und über steile Wiesen sah man weit hinaus in das lange Tal. »Wie schön!« Den Rucksack von den Schultern streifend, warf sich Walter am Saum des Gehölzes in das linde Gras. Was er im Dämmerlicht des Morgens vom Hohen Schein herab gesehen hatte als ein graues Rätselbild der Tiefe, das lag in reiner Sonne vor ihm, ein heiteres Antlitz der Natur, in dem jedes freundliche Lächeln und jeder träumende Schatten deutlich zu erkennen war.

Wo die steilen Wiesen ein sanfteres Gefäll bekamen, lagen die ersten Gehöfte, halb versunken unter den von der Sonne vergoldeten Kronen der Obstbäume. Dunkle Nadelgehölze und lichte Buchenwäldchen wechselten mit Feldern, aus denen sich die grüne Saat unter leisem Wind bewegte. Wie ein Schlangenpaar mit Silberschuppen wanden sich die Läufe zweier Bäche durch Felder und Wiesen gegen die beiden Waldschluchten, die den Hohen Schein von den Ketten der anderen Berge trennten. Die beiden Bäche entsprangen einem großen Teich, der im Widerschein der Sonne glitzerte. Hinter dem Teich durchquerte den Talgrund ein breiter Hügel, der eine Wasserscheide bildete. Über dem Hügel draußen sah man einen dritten Bach hinausziehen gegen das ferne Tal. Von einem Zaun umschlungen, wie eine kleine Welt für sich, mit Wiesen und Wäldern, lag dieser Hügel zwischen den Bergen im Tal. Aus einem Gewirre von Laubkronen lugte der steile First eines großen Bauernhofes und das rote Ziegeldach eines villenartigen Hauses. Hinter dem Hügel stieg ein schlanker Kirchturm in die Lüfte und verriet, daß um ihn her der Kern des Dorfes lag. Doch bis weit hinaus ins ferne Tal, am glänzenden Bach und an der weißen Straße hin, lagen noch an die hundert Häuser und Gehöfte wie zierliches Spielzeug. Dann begannen wieder die Wälder und versanken blau in die westliche Tiefe. Mehr und mehr rückten in jener Ferne die Mauern der Berge aneinander, deren steile Waldzungen und Schutthalden sich von den kahlen Felswänden mit sanften Kurven gegen die Talsohle niederschwangen. In diesen sinkenden Linien war ein ruhiger Zug. Dennoch brachten sie Bewegung in jene Ferne – es schien, als möchten die Berge wie mit hundert Armen herabgreifen und zur Tiefe sagen: es ist so schön in der Höhe, komm herauf, wir wollen dir helfen!

Träumende Glockentöne schwammen vom Dorfe durch die sonnige Luft einher; und Lerchen standen über den Feldern im Blau, ihr Getriller niedergießend auf die Erde wie ein feines Geriesel von klingendem Gold. Aus den Gräsern im Schatten des Waldrandes, die noch gebeugt waren vom Gewichte silbergrauer Tautropfen, schwangen sich dunkle Pünktlein in die Luft und begannen zu schimmern, wenn sie die Sonne erreichten; und draußen auf der leuchtenden Wiese gaukelten zahllose Schmetterlinge, sich fliehend und suchend, sanft sich wiegend wie lebendig gewordene Träume der Blumen.

»Wie schön! – Tausend Bücher! Und alle sind leer! Und da liegt ein Blatt auf dem Buche der Natur vor mir, und man könnte lesen durch Ewigkeiten.. Ohne verstehen zu wollen! Nur sich freuen!« Walter lachte, wie verwundert über den Gedanken, der ihm da gekommen war. »Bin ich von gestern auf heut ein anderer Mensch geworden? Weil ich Schönheit sah? Und weil sie in meinem Leben etwas Neues ist? Wirkt sie auf alle Menschen so? Ist das eine Eigenart der Schönheit, daß sie fröhlich macht? Und aller Fragen vergessen läßt?« Da schwang sich auf dem Gras, in dem er ruhte, wieder solch ein schwarzes Pünktlein in die Höhe, schwamm aus dem Schatten in die Sonne hinaus und fing zu leuchten an. »Ein goldglänzendes Käferlein!« Sinnend blickte er dem schimmernden Tierchen nach, bis es im Blau verschwand. »Aus dem Schatten in die Sonne fliegen? Und leuchten, weil die Sonne leuchtet? Wäre das die Lösung aller Rätsel, deren Dunkel ungelichtet durch unsere Kirchen und Bücher schattet? – Ein Leben lang so wunschlos froh sein, wie mich's die Schönheit dieses Morgens für eine Stunde machte? Könnte man das erkämpfen? Oder wird das nur gefunden? Wie ich jenes Mädchen am Rain meines Weges im schönen Schlummer fand? Und wie mich ein Zufall dort hinaufführte zu diesem brennenden Bergwunder?«

Er hatte sich erhoben und den Rucksack über die Schulter genommen. Da sah er am Waldsaum einen Bauern, der aufmerksam den Graswuchs der Wiese musterte. Ein langer, hagerer Mensch war's, von harter Arbeit gebeugt, doch mit zufriedenem Gesicht. »Ein Glücklicher!« dachte Walter. Er ging auf den Bauern zu und plauderte eine Weile mit ihm, vom Wetter, vom schönen Gras, von der nahen Ernte. Dann sagte er: »Ich möchte Sie etwas fragen.«

»Wo 's Wirtshaus is?«

»Nein! Sie sollen mir sagen, was Sie für das beste Gut der Welt halten?«

»Mein, d' Welt is groß. Da wird's viel geben, was ich net schätzen kann. Aber bei uns da im Tal, da wird wohl dem Scheidhofer dös seinige 's beste sein!« Der Bauer deutete nach dem großen Hügel, der das Tal durchquerte. »Da drunt, der Scheidhofer, ja, der hat 's nobelste Gut beinand. Der is zum neiden.«

Lachend über das Mißverständnis, dem seine Neugier nach der Lebensweisheit eines »Glücklichen« begegnet war, ging Walter seiner Wege. Zwischen Haselnußhecken schritt er den Hang hinunter und folgte der Straße im Tal, in Gedanken versunken, bis ihn eine grüßende Stimme weckte. Ein alter Mann, in Hemdärmeln, das runde, rot glänzende Gesicht umsträubt von weißen Haarbüscheln, zimmerte am Stangenzaun einer Wiese. Walter dankte für den Gruß, ließ sich in ein Gespräch mit dem Alten ein und bekam ein Durcheinander von drolligem Zeug zu hören, das ihn heiter stimmte. Schließlich fragte er: »Was ist Ihnen das liebste an Ihrem lustigen Leben?«

Der fidele Alte kniff das linke Auge zu wie ein Schütze, wenn er zielt. »Zahlen S' a paar Maß Bier, und ich sag's Ihnen!«

Walter brachte seinem Trieb nach Erkenntnis eine Mark zum Opfer. »Also, was halten Sie für das beste auf der Welt?«

»Geld haben, wann mich der Durst plagt. Jetzt plagt er mich grad, und jetzt hab ich 's Geld, und jetzt kauf ich mir a Maßl.« Kichernd warf der Alte das Beil ins Gras und stapfte über die Wiese davon.

Durch den Spruch dieses Orakels halb verblüfft und halb belustigt, ging Walter der Straße nach, die ein kleines Gehölz durchzog. Von einer Biegung des Weges klang das schmetternde Gewieher eines Pferdes, ein Peitschenknall und der Ruf einer energischen Stimme. Dann wieder Stille im Wald. Nur noch das Geplauder eines jungen Burschen und eines Mädels. »Gelt, mußt fein Obacht geben, daß d' net stolperst!« klang die Stimme des Burschen mit einer Mischung von Spott und guter Laune. »Der Weg is gar hail für söllene, dös so noble Stadtschuh tragen.«

Die Stimme des Mädels war ein wenig gereizt. »Ich paß schon auf. Tu dich net sorgen! Und sei an andermal net gar so stolz! Beim Walperl, mein ich, tätst dich a bißl zuckriger anlassen im Dischkurs?«

»So? Meinst?«

»Ja! Und pfüet dich!«

Ans dem schmalen, von Brombeerstauden eingezäunten Fußpfad, den Walter eingeschlagen hatte, kam ein junges Mädel gegangen, nach ländlichem Geschmacke zierlich ausgeputzt, mit feinen Zeugstiefelchen an den hurtig ausschreitenden Füßen. Ihr Gesicht war hübsch, nur ein bißchen bleich und zugespitzt, mit deutlichem Ärger in den funkelnden Schwarzaugen. Sie blieb vor Walter stehen und schien darauf zu warten, daß er aus dem Weg hinausträte, um ihr Platz zu machen. Als ihr das zu lange dauerte, schaffte sie sich mit dem Ellbogen freien Weg. Da klang die singende Stimme des Burschen durch den Wald:

»Der Kerschbaum hat Kerschen,
Wer 's Greifen net scheucht,
Die grizigrasgrünen
Derlangt er sich leicht.

Der Kerschbaum hat Kerschen,
Magst süße, steig nauf,
Die süßesten hangen
Halt z'obergöscht drauf!«

Der Jodler, der das Lied endete, stieg mit scharfen Diskanttönen in die sonnige Luft. Dann ein dumpfes Gepolter wie von einem rollenden Baumstamm.

Wo der Fußpfad wieder in die Waldstraße einbog, stand ein Wagen, mit zwei stämmigen Pferden bespannt. Das waren herrliche Tiere, Luxuspferde nach bäuerlichem Geschmacke, reich geschirrt. Der junge Knecht, der zum Wagen gehörte, hatte schwere Arbeit. Von den Baumblöcken, die neben dem Waldweg lagen, zog er einen mit dem Spitzbeil bis zum Wagen her. Dann flog das Beil ins Moos. Ein Lupf, und das Ende des Blockes lag auf dem Knie des Burschen. Ein Ruck, und seine Schulter war unter dem Baum. Ein Schwung, und der Block war halb auf dem Wagen. Dann kam das andere Ende an die Reihe. Eine Arbeit, die vier Männer brauchte! Der junge Bursche machte das für sich allein. Dabei sah er gar nicht wie ein Riese aus. Nur so der Mittelschlag, aber fest und sehnig. Auch nicht besonders hübsch. Das Gesicht so braun wie die groben Hände und die nackten Knie. Die Augen hell und ruhig, der Kopf von dem knrzgeschnittenen Blondhaar wie von einer weißgelben Kappe bedeckt, und über dem strengen Mund ein Bärtchen, so licht, daß es aussah, als hätte er zwei weiße Mehlflecke unter der Nase. Dazu die bescheidenste Kleidung: die Füße nackt in den groben Schuhen, weiße Wadenstrümpfe, eine grau gescheuerte Lederhose und ein Barchenthemd mit blauen und roten Streifen, die in häufiger Wäsche ihre Farbe schon halb verloren hatten. Aber wer den Burschen so bei der Arbeit sah – wie schön das war: wenn sich beim Heben des schweren Baumes seine schlanken Glieder strafften! Und das Vergnügen, mit dem er schanzte! Und als der Baum auf dem Wagen lag, dieser freundliche Gruß für den Fremden, der vor ihm stand mit staunenden Augen, ganz erregt! Dann das Beil wieder gepackt, und wie das sauste: dieser Hieb in den neuen Baum!

»Das ist Leben!« sprach es in Walters Gedanken. Das Bild dieser Vollfreude kräftigen Schaffens stand vor ihm wie ein Daseinswunder, das überzeugend und ohne Rätsel ist. »Kraft besitzen, diese Kraft in Arbeit erschöpfen und zum Dank nur die süßesten Kirschen begehren, die zu höchst auf den Bäumen wachsen! – Den brauch ich nicht zu fragen, was ihm wert ist am Leben!« Mit Gepolter rollte wieder ein Baum auf den Wagen, der unter seiner wachsenden Last zu ächzen begann. »Wieviel Kraft Sie haben!« sprach Walter den Burschen an.

Der hob die ruhigen Augen und zeigte lächelnd unter dem weißen Bärtchen die noch weißeren Zähne. »Kraft? Ah na! Plagen muß man sich halt a bißl. Nacher geht's schon!« Er hob das Spitzbeil auf dem Moos und trieb mit sausendem Hieb das Eisen in den nächsten Block.

Als Walter davonging, sah er sich noch ein paarmal nach dem Burschen um. Und dann dieser Gegensatz des Lebens: ein kleines verwahrlostes Haus und ein steinaltes Weib auf der Bank, mit den dürren Händen im Schoß. Walter blieb stehen. Das gab ein etwas einseitiges Gespräch. Die Greisin schien kein anderes Wort mehr zu besitzen als ein müdes: »Ja, ja!« Ob sie noch einen Wunsch an das Leben hätte? »Halt a Sterbstündl, a guts, und kein' Doktor net brauchen!« Da kam ein fünfjähriges Bübchen gelaufen, halb nackt, mit einem zappelnden Schmetterling, den es an einem Flügel gefangenhielt. »Ahni, da schau! An Adler!« Beim Anblick des Fremden erschrak das Bürschl und gab den Schmetterling frei. Der taumelte davon; statt in die Sonne zu fliegen, prallte er in der blinden Angst seines winzigen Lebens gegen die Hausmauer und verkroch sich in einen dunklen Winkel.

Walter beugte sich zu dem Knaben nieder. »Deine Weisheit muß ich auch noch hören! Sag mir, du kleiner Adlerjäger, was dir am Leben das liebste ist?« Der Bub guckte an Walter hinauf, als hätte er fremde Sprache gehört. »Sei brav, und sag mir's!«

»Was?«

»Was du in der Welt am liebsten hast?«

»Alles!«

Walter konnte über dieses Kinderwort nicht lachen. Einen stummen Gruß nickend, folgte er der Straße. »Alles?« Das Wort eines Kindes gab ihm mehr zu denken als alle andern Orakelsprüche dieses Morgens. In Sinnen versunken, wanderte er, bis ihn eine murmelnde Stimme aufblicken machte. Ganz nahe, zwischen den hohen Ähren der Felder, sah er einen jungen Priester gehen, der unter dem Schatten eines schwarzen Schirmes halblaut aus einem kleinen Buche las. Ein Ausdruck von Betroffenheit war in Walters Augen, als er den jungen Geistlichen betrachtete. Der schien den Touristen aus der Straße nicht zu sehen und drehte den Schirm, weil ihm ein Sonnenstrahl über das Buch gefallen war; dabei deckte er mit dem Schirm auch das Gesicht. Als er hinter hohen Weißdornhecken verschwand, lachte Walter und begann so rasche Schritte zu machen, daß ihm die Stirn zu glühen anfing. Da war es ihm lieb, daß er Schatten fand. Nicht weit von dem großen Hügel, der das Tal durchquerte, zog die Straße in einen hochstämmigen Buchenwald. Hier waren die Laubkronen so dicht ineinandergewoben, daß die Sonne kaum noch hereinblinzelte in diese stille Kirche der Natur.

Von der Straße führte ein Seitenpfad in den Wald, und auf einem Weiser stand zu lesen: Fußweg nach Langental. Walter folgte diesem Pfad und kam zu einem großen Weiher, der in blanker Glätte den Himmel und die hohen Buchen spiegelte. Am Ufer war ein kleiner Platz mit Kies bestreut, und im Schatten stand eine Holzbank. Walter ließ sich nieder, um den zaubervollen Reiz dieses Bildes zu genießen. Das Wasser war so durchsichtig wie Luft. Alle Dinge, die auf dem Grund des Weihers lagen, die Steine und dürren Reiser, die welken Blätter und vermoderten Baumstrünke, waren wunderlich gefärbt und hatten rot und bläulich leuchtende Ränder. Große Forellen schwammen langsam durch das Labyrinth der versunkenen Baumstöcke, und wenn sie eine Wendung machten, schien ihr Körper für einen Augenblick wie von einem Band in den Farben des Regenbogens umschlungen. Immer wundersamer wurden die Farben der Tiefe, je weiter sich der kleine See hinausdehnte in die Sonne. Dann verschwand jedes Bild des Grundes, die klare Flut schien wie in Luft zerflossen, und nur am Ufer drüben konnte man am verkehrten Spiegelbild des Waldes noch erkennen, wo Luft und Wasser sich berührten. Wie rätselhaft schön das war: dieses Gedoppelte aller Dinge! Höhe und Tiefe ganz ein Gleiches! Was grün atmend gegen den blauen Himmel strebte, wuchs mit gleichen Formen auch hinunter gegen die blaue Tiefe. Sonnenschein und blaue Schönheit in der Höhe, reines Licht und blauender Glanz dort unten!

Walter hatte sich erhoben. Da gewahrte er zwischen den Bäumen eine Stelle, die mit Reseden und Levkojen bepflanzt war. Zwischen den Blumen war auf grauem Fels eine ebene Fläche ausgehauen, mit einer Inschrift:

»Wie sehn' ich mich, Natur, nach dir,
Dich treu und lieb zu fühlen!
Ein lust'ger Springbrunn, wirst du mir
Aus tausend Röhren spielen.

Wirst alle meine Kräfte mir
In meinem Sinn erheitern
Und dieses enge Dasein hier
Zur Ewigkeit erweitern!«

Schon der stille Liebreiz dieses Ortes hatte Walters Herz mit silbernem Netz gefangen. Und jetzt das Rätsel dieses Steines und der Zauber dieses kleinen Liedes! »Das muß ein Glücklicher gesungen haben.« Er las es immer wieder. Als er weiterwanderte durch den Wald, war das klingende Lied lebendig in ihm geworden, so daß ihm alle Schönheit dieses Morgens wie aus tausend Röhren spielte und reine Heiterkeit in seine empfänglich gewordenen Sinne goß.

Der Wald wurde freier; dann führte der Pfad durch einen hohen Zaun und stieg über Wiesen und durch kleine Ahornwäldchen zur Höhe des Hügels hinaus. Von hier aus konnte man sehen, daß jener hohe Zaun in weitem Bogen den ganzen Hügel umspannte. Alles Gelände des grünen Riegels, der die Breite des Tales sperrte, schien ein geschlossener Besitz zu sein. Walter sah den hohen Giebel eines Bauernhauses, das rote Dach eines villenartigen Gebäudes, dicht verschleiert von den Kronen alter Ulmen und zahlreicher Obstbäume. Bekieste Wege zogen gegen die Häuser hin, und in jedem Windhauch spürte man den Duft von Blumen, als wäre ein Garten mit reich besetzten Beeten in der Nähe. Auf einer Wiese waren lange Leinwandstücke zum Bleichen in die Sonne gelegt. Eine junge Magd in braunem Rock und schwarzem Mieder, die weißen Ärmel bis zu den Schultern aufgestülpt, brachte eine Gießkanne getragen, um die Leinwand zu besprengen. Das Wasser rauschte auf dem starren Linnen. Jetzt sah das Mädel den Fremden und rief ihn an: »Sie, da verlaufen S' Ihnen! Der öffentliche Fußweg geht da drüben gegen d' Straß zu!« Ihre helle Stimme hatte lachenden Klang.

»Wo bin ich hier?« fragte Walter.

Das Mädel hob die nette Nase wie einen Weiser, von dem man nicht wußte, wohin er zeigen wollte. »Aber dös weiß doch jedes Kind, daß da der Scheidhof is!«

»Der Scheidhof?« Walter lächelte. Der Scheidhof war »das beste Gut der Welt«. Das wußte er. Und daß die Leute, die da hausten, »zu neiden« wären!

Als er der Richtung folgte, die ihm das Mädel gewiesen, kam er durch eine Zauntür wieder auf die Straße, die den Hügel im Bogen umgangen hatte. Auch weiterhin führte sie noch am Scheidhof entlang, um dann abzubiegen gegen das große Dorf. Schwere Fuhrwerke wirbelten den Staub der Straße auf, ein trüber Schleier hing in der Windstille des nahen Mittags über dem Dorfe, und grauer Anflug hatte das Grün der Felder überzogen. Nur auf dem Scheidhofer Hügel hatten die Wiesen frische Farbe, denn hinter dem Zaun erhob sich eine dicht gepflanzte Hecke junger Fichten, über deren Wipfel der Straßenstaub nicht hinüberdampfte – als wär' es gefeiter Boden, den die Hecke gegen den Staub des Alltags zu schützen hatte.

Wo die Straße vom Scheidhof ablenkte, hatte der Zaun ein großes, von hohem Dachbogen überwölbtes Tor. An den Brettern hing ein Täfelchen: »Zwei Zimmer an Sommergäste zu vermieten.« Walter blieb stehen. Nichts hätte ihm gelegener kommen können als dieses weiße Blatt auf den grauen Brettern! Seit er da drüben am Ufer des Teiches gestanden, war es in ihm wach geworden wie ein heißer Wunsch: hier bleiben zu dürfen, lange! Und da hatte er kein Besinnen mehr nötig. Er griff nach der Klinke des Tores. Als er den schweren Bretterflügel vor sich aufschob, läutete im Dachbogen eine Glocke.

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