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Der Herrensepp

Peter Rosegger: Der Herrensepp - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorPeter Rosegger
booktitleDer Herrensepp und andere Erzählungen
titleDer Herrensepp
publisherKoehler & Amelang
year1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Peter Rosegger

Der Herrensepp

Im Edelgrund. Das ist ein kleines, von hohen Bergen umfriedetes Wiesental. Der Alpenrosenstrauch grünt an den Hängen dieses Tales, kommt aber selten zur Blüte, denn die liebe Sonne fällt nur von Floriani bis Jakobi in den Edelgrund. Hochruck heißt der Bergwall, der sich mit seinen grauen, gletscherumpanzerten Massen vor das Auge des Himmels stellt, das da jeden Tag um den Erdball wandelt, um all seine lichtdurstigen Kinder zu zählen und zu hüten.

Gegenüber diesem Bergwall, in dem Hintergrunde der Schluchten, erhebt sich der wildzerrissene Gebirgsstock, die Finsterfölz mit den drei Leuchtern. Die drei Leuchter sind drei kalkweiße Felshörner, welche über die Firnen und Kare des wüsten Bergstockes emporragen und in ihrem Widerscheine ein blasses Licht niedersenden in die Schattengründe des Tales. Zuweilen, wenn die Türme dort oben im Morgenrot oder Abendscheine glühen, als ob in der Himmelsbläue drei Lunten loderten, liegt ein Purpurton in der Dämmerung der Schlucht, und der Edelgrund hat rote Schatten.

Die Felsengebilde dieser Engtäler sind unsäglich mannigfaltig und sie spielen in allen Farben vom dunkelsten Blau bis in das hellste Weiß und stets zu allen Tageszeiten wechselnd. Gebüsche und Moose wuchern in allen Mulden und Rissen, wo sich nicht etwa die grauen Sandströme breiten. Und im Erdreiche der Klüfte und der sanfteren Lehnen bauen sich urkräftige Tannen und Lärchen, als wollte das Pflanzenreich mit den Ungetümen der Steinmassen den Kampf immer von neuem beginnen.

Ein Wasserbett mit weißem Sand und grauen verwaschenen Felsblöcken gräbt sich durch das kleine Tal, und das grünlichgraue Wasser, das selbst in den Hochsommertagen darin rieselt, braust und schäumt recht wacker drein, höhlt tiefe Tümpel, überspringt gischtend Felstrümmer und ist stärker als es scheint. Das ist der Finsterbach.

Wenn du auf der grünen Matte dieses Hochtales siehst und rufest laut: »Grüß dich Gott, Edelgrund!« – so hallt es ungezählte Male in der Runde, und die eine Wand schreit: »Edelgrund!« – und ein entfernter Wall ruft: »Grüß dich Gott!« – Und weiter klingt dein Gruß von Tafel zu Tafel, von Fels zu Fels.

Und wenn du nach der Gemse, die dort am Hange grast und schon das Haupt emporwirft und lauert, dein Bleirohr richtest, so braust dein Schuß wie das Knattern einer Schlacht durch die Gründe fort, und etwa weckt er gar an den Hängen des Hochruck eine Lawine auf, die niedertost und den Waldwuchs und dich selbst gefährdet.

Wenn aber auf einer der stolzen Höhen ein Jäger seinen Schuß abläßt, so siehst du von diesem Tale aus wohl den Blitz und den blauen Wirbel des Rauches, aber der Knall steigt nicht herab zu dir, der schlägt in dem höheren Bereiche seinen Takt.

Es ist, als ob im Hochgebirge die Natur nach anderen Gesetzen waltete, als etwa draußen im zahmen Gelände, wo Menschen, die nicht viel nach der Schöpfung Herrlichkeiten fragen, sich so wohl befinden.

Aber den Herren-Sepp hat doch das Heimweh so weit hereingetrieben.

In diesem schauerlichen Naturheiligtume – im Edelgrund unter einer Granitwand wohl gewahrt, steht ein kleines, freundliches Haus. Es ist aus Holz in einfachem Schweizerstile gebaut und das flache Dach mit grauen Steinen beschwert, gleichwohl nur selten Wind und Wetterstürme diese geborgene Talschlucht durchfegen.

Es ist ein einladender, wohnlicher Bau, von einem Wildgarten mit Wachholder-, Dorn- und Alpenrosensträuchen umgeben. Zwei Lärchenstämme streben in ihren frischgrünen Kegel hoch über das Dach des Häuschens auf, neben der moosgrauen Felswand. Am Fuße der Wand sprudelt zwischen Wildfarn und samtweichen Tannengeflechten eine Quelle, die selbst zur Sommerszeit manche Nacht ihre Eiszäpfchen spinnt. Über der Quelle in einer Nische des Felsens steht ein Bild aus Holz geschnitzt: Ein Jüngling mit Flügelschwingen an den Schultern, in der einen Hand den Ölzweig über einen Knaben haltend, der mit gefalteten Händen zu seinen Füßen steht. Der andere Arm des Jünglings weist gegen den Himmel empor. – Das ist die Darstellung des Schutzengels, wie ein solcher nach christlicher Mythe jedem Menschen auf Erden beigegeben ist. Zwischen diesen Gewalten des Hochgebirges hat das Menschenkind einen schirmenden Engel wohl doppelt vonnöten.

Ein leidlicher Fahrweg führt durch die Gräben und Engen der Vorberge bis zu diesem Hause im Edelgrund, aber nicht weiter. Nur ein schmaler Fußsteig zieht noch tiefer in das Hochtal und durch die Klüfte, steigt endlich den Gebirgswall der Finsterfölz hinan, um unter den drei Leuchtern einen engen Paß, das Fenster genannt, zu überschreiten und in die jenseitigen Berg- und Waldgegenden zu gelangen. Jäger und Hirten, Kräutersammler, Wildheuer und nur selten ein fremder Gast aus den Vorlanden betreten diesen Pfad, an welchem manche schlichte Gedenktafel verunglückter Wanderer steht.

Wir aber halten vor dem kleinen Alpenhause im Edelgrund und lauschen verwundert den zarten lustigen Tönen, die aus dem offenen Fenster des Hauses uns entgegenklingen.

Da drin in der Stube geht es freudig zu. Ein jugendlicher Mann in der Kleidung des Älplers sitzt am Tische und spielt auf einer vielsaitigen Zither frischlustige Alpenweisen. Und vor ihm auf dem Tische hockt ein Knäbl, das tut seine fetten Beinchen weit auseinander, seine tauklaren Äuglein angelweit auf, und völlig zu groß sind diese glänzend schwarzen Augenkirschen für das kleine, runde Gesicht; das Kind zappelt mit den weichen Händchen, als wolle es die aus dem Instrumente springenden Töne erhaschen. Und dabei hopst es und lallt und jauchzt, so daß der Mann mitten in sein Spiel hineinlacht: »Dem steckt's auch schon im Blut, hörst du, Kathrin, der wird dem lieben Herrgott noch Erd' und Himmel abstreiten.«

Kathrin, ein anmutsvolles Weib, das am nächsten Fenster sitzt und ein weißes Hemdchen mit roten Seidenbändern besäumt, lächelt zu den kecken Worten ihres Mannes und sagt: »Kindern schenkt der liebe Gott Erd' und Himmel ja von selber, die brauchen drum nicht zu streiten.«

Ein Gepolter vor der Tür. Mit unbeholfenem Stolpern trat ein Mann in die Stube, der alt und struppig und buckelig war und seinen großen Spitzhut schier hinten am Genick trug, auf daß derselbe nicht vorn herabpurzelte. Sein Gesicht war braun und zerrissen und wüst benarbt über und über – wie das Gebirgsleben und das Wildwetter den Menschen eben herrichtet.

Der Alte blieb an der Tür stehen und reckte sein stets zur Erde gebogenes Haupt nach allen Seiten, um die Stube zu betrachten, die, wenn auch nach Art der Gebirgswohnungen eingerichtet, doch eine gewisse Feinheit und Vornehmheit hatte, sowie auch die Bewohner, sich gleichwohl bäuerlich gebend, doch etwas Mildes und Gefälliges an sich trugen, wie man das bei Wald- und Alpenleuten so häufig nicht findet.

»Ja, das seh' ich schon,« murmelte der Alte in den Fußboden hinein, »ich bin recht dran. Das ist beim Herren-Sepp.«

Der Zitherspieler schob sein Instrument beiseite und ihm lag schon die Frage auf den Lippen; Was wünschet Ihr denn? Noch rechtzeitig fiel es ihm ein, daß diese Frage bei Bauersleuten nachgerade eine Grobheit ist. Nur Stromer und Bettelleute werden so begrüßt; sonst werden im Bauernhause die Fremden auf ganz andere Weise empfangen. So sagte der Sepp auf die Eintrittsworte des Alten: »Grüß Gott, schön! Mögt wohl ein wenig rasten?«

»Vergelt's Gott, das tu' ich schon,« antwortete der Buckelige und ließ sich keuchend auf die Ofenbank nieder und hub gemächlich an, mit Stein und Zunder Tabakfeuer zu schlagen, als wäre er in seiner Hütte.

Der Kleine war gleich nach dem Eintritte der Wildgestalt über die Tischplatte dem Vater zugerutscht und hatte die beiden Ärmchen um dessen Nacken geschlungen.

»Bübel,« rief jetzt der Höckermann mit schnarrender Stimme, »gehst her zu mir? Dich nehm' ich heut' mit!«

In dieser Not barg sich das Knäbl noch tiefer unter das Kinn des Vaters und hub zu kreischen an.

Jetzt fragte Kathrin: »Wollt Ihr vielleicht etwas?«

»Tabaksfeuer möcht' ich gern haben,« sagte der Fremde, »der Sakermenter will mir nicht brennen; hell zu wenig beizt ist er.« Und schob Stein und Zunder in den Hosensack.

Bald hielt ihm die Kathrin ein brennendes Streichhölzchen vor.

»Aha, da haben wir's,« rief der Alte erstaunt, »hab' schon gehört von der Neuigkeit; und heut' seh' ich's mit meinem Aug'. Ist ein spaßig Ding, hi, hi. – Bedank' mich aber schön, gleich probieren mag ich's doch nicht. Unsereins ist so ein Feuer nicht gewohnt.«

Er lehnte das brennende Streichhölzchen ab, bat sich aber ein zweites Stück aus, auf daß er es mit sich nehmen und seinen Kameraden zeigen könne, wie das neumodisch Feuerzeug aussehe, von dem es heiße, der böse Feind habe es aufgebracht, um damit die Häuser der Menschen und nach und nach die ganze Welt anzuzünden.

Als er jedoch ein volles Schächtelchen nehmen mußte, meinte er:

»Mein Lebtag, he, was brauch' ich alter Narr so viel Feuer! – Sei still, du kleiner Grill, dort; nehm' dich nicht mit, na, schon gewiß nicht; hab' eh' zu viel so Würmer daheim. – Und jetzt, wenn ich beim Herren-Sepp bin, so richt' ich meine Post aus.«

»Auszurichten habt Ihr?« fragte der Sepp.

»Das ist gewiß, eine Post,« sagte der Höckermann, »ich selber versteh sie nicht; nu, 'leicht seid Ihr gescheiter. – Der Waldhammer Jok ist mir begegnet, wie ich drüben durch das Ameiskar heraufsteig'. – Gehst übers Fenster, Petz? schreit er mich an. – Ich bin der Waldrauchgraber Petz. – Freilich, sag' ich; willst mich 'nüber tragen, Jok? – Oho, sagt er, du selber kannst mir den Weg ersparen; wenn du über den Edelgrund gehst, so sollst mir in des Herren-Sepp Haus ein paar Wörtel hineinrufen. – Das kann ich schon tun, sag' ich, was denn für Wörtel? – Ein Glasel Kranabeter von mir zum Sonntag sollst haben, wenn du mir heut' in des Herren-Sepp Haus schreist: Die Seppin soll eilends mit einem Weibnamen zum Waldhammer-Jok kommen! – Ist recht, sag' ich, kannst dich verlassen, Jok. – Und jetzt richt' ich's aus: Die Seppin soll eilends mit einem Weibnamen zum Waldhammer-Jok kommen.«

Jetzt war in das junge Weib Leben gefahren. »Ich dank' Euch schön,« sagte sie mit geröteten Wangen, und dann zu ihrem Manne: »Hast gehört, beim Waldhammer! So muß ich doch geschwind dazutun; es ist vier Stunden hinüber.«

»Und ich steig' wieder stad davon,« sagte der Bucklige und hatte große Mühe, sich von der Bank zu erheben. »Wenn's einmal geht, nachher geht's rechtschaffen, aber das Anrucken ist mir allemal sauer.«

Kathrin trug ihm noch Milch und Brot an, aber der Alte lehnte ab, er sei schon bezahlt, er kriege am Sonntag seinen Kranabeter.

»Heilige Maria, Mann, Ihr brennt ja!« rief plötzlich die Kathrin; und tatsächlich, aus dem Beinkleide des Alten stieg ein Rauchbändchen auf.

»Brennen?« brummte der Bucklige und drehte sich in der Runde, um das Feuer zu entdecken, »brennen?!« Er schleuderte die Streichhölzchen von sich; aber der Rauch aus dem Beinkleide wurde starker. »Der Buchenschwamm (Zunder) ist's, der Sakra! – Aha, verdrossen hat's dich, daß ich das neumodisch Feuer mittragen will; hast hinterher Funken gefangen.« Er entfernte den schon fast verkohlten Zunder. »Oder hab' ich dich doch selber angefeuert vorhin? Mag auch sein. Wart', jetzt rauchen wir eins an. So, Petz, jetzt ruck' weiter und bedank' dich fürs Rasten.«

So mit dem Feuerzeug und sich selbst redend, torkelte der Höckermann zur Türe hinaus.

Die Kathrin hatte noch das weggeworfene Schächtelchen in den Sack gesteckt, schloß nun eilig Kisten und Kästen auf und war gar geschäftig.

»Hätte schon einen eigenen Boten schicken können, der Waldhammer,« sagte der Mann, den sie den Herren-Sepp nannten, »aber diesen Waldbären fällt es nicht ein, daß es für eine Frau weder schicksam noch handsam ist, so allein über das Gebirge zu gehen.«

»Ei, wen wird so was kümmern,« rief das Weib, »du weißt ja, Sepp, daß ich schon mehrmals allein über das Fenster gegangen bin. Ich bin schwindelfrei und so ist keine Gefahr, und böse Menschen gibt es auch nicht hier. Du willst ja nicht einmal ein Schloß an unserer Haustür leiden.«

Der Sepp stellte den Kleinen in einen beweglichen Schragen, da der Knabe, kaum zehn Monate alt, noch allein nicht trippeln konnte. Dann ging er in das Freie und sah zu den Felsen hinan. Eine tagelange Regenzeit war eben vorübergegangen und ihre Frische lag noch über den Matten und Sträuchern.

Der Himmel war heiter, die Luft ruhig und lau; die Gemsen stiegen gegen die Firnen hinan und fraßen Flechten. – Das Wetter bliebe gut. Auch Lawinenstürze sind zu dieser Zeit kaum mehr zu fürchten, wie deren in diesem Jahre seltsamerweise fast gar nicht vorgekommen waren.

»Vor morgen abends wirst du nicht zurück sein können, Kathrin.«

»Wenn wir morgen früh um sieben Uhr in Klausdorf bei der Taufe sind, so denke ich, Sepp, wirst mit dem Mittagessen auf mich warten können.«

Die Herren-Sepp-Leute waren von dem Weibe des Waldhammer-Jok zu Gevatter gebeten worden – schon vor Wochen. Nun, aus den Worten des Waldrauchgräbers hatten sie verstanden, daß die Stunde gekommen und in der Hütte des Waldhammer ein junges Mädchen angelangt sei, das auf die Frau Patin und auf den Taufnamen warte.

Wäre es ein Knäbl gewesen, so hätte der Sepp die Obliegenheit gehabt; so aber – und im Gebirge sieht man streng darauf – mußte ein weiblicher Pate das Kind aus der Taufe heben.

Kathrin packte allerlei zu diesem Zweck vorbereitete Dinge ein, unter anderem auch das winzige kleine Hemdchen mit den Seidenbändern, an dem sie vorhin noch gearbeitet hatte.

»Gelt, Sepp,« sagte sie nun, »deine Mutter selig hat Maria geheißen? Ist es dir recht, daß wir auch unser Patenkind so nennen?«

Im Gebirgsvolke ist es Sitte, daß nicht die Eltern, sondern die Paten des Täuflings dessen Namen bestimmen.

»Du bist mein liebes Weib,« sagte der Sepp, »wie oft wünsche ich bei mir, meine Mutter hätte dich noch gesehen.« Er legte seinen Arm um ihren Nacken, wie es vorhin der kleine Josef mit ihm gemacht hatte. »Hast recht, mein Herz, nenne das Kind Maria. Hätte zwar gemeint, Kathrin wäre auch ein hübscher Name; aber pass' auf, den brauchen wir selber noch!«

Und als sie endlich mit allem fertig war, hob sie den Kleinen auf ihren Schoß und sang:

»Patsch' Händl z'samm,
Patsch' Händl z'samm,
Was wird die Mutter bringen?
Zwei schöne Schuh
Und noch was dazu,
Da wird das Büberl springen.«

Der Kleine lachte mit seinen leuchtenden Augen und die Mutter gab ihm einen Kuß gar auf die weißen Zähnchen hinein.

Der Sepp war so gern um den Knaben, doch wollte er dem Kinde heute die Mutter für die letzten Augenblicke nicht entziehen.

Die Magd war auf einige Tage zu ihrer kranken Ahne in das Vorland gereist. So ging der Sepp selbst in die Küche und brachte zur Jause Brot, Butter und geräuchertes Wildpret herbei. Dann ging er mit einem grünen Kruge zum Brunnen, der aus der Felswand quoll.

»Kathrin,« sagte er, als er von der Wand zurückkam, »lange hält das Wetter nicht; das Wasser ist so warm, daß man den Josef drin könnte baden. Heute wird's schon andauern, aber versprich mir, morgen nicht ohne einen Begleiter herüberzusteigen.«

Kathrin versprach es und sie aßen Brot mit Butter.

Der Kleine war dabei im Schoße der Mutter eingeschlummert. Nun drückte die Mutter einen leisen Kuß auf sein gerötetes Vollwängelchen und legte ihn in sein Bett. Hierauf unterwies sie noch den Gatten in einigen Teilen des Haushaltes. »Und des Bübls wegen, Sepp, darf ich ohne Sorge sein.«

»Kathrin!« sagte der Mann, »wie ich dasteh« – er stellte sich stramm und trotzig vor das Weib – »wie ich jetzt dasteh, so halt' ich Wacht.«

»Ja, ja, behüt' euch beide der liebe Herrgott,« sagte die Kathrin, »und verschlaf' dich nicht, daß der Josef in der Nacht sein Trinken kriegt.«

Die Kathrin sprengte noch einen Tropfen Weihwassers auf den kleinen Josef und auch auf den großen, der jedoch darüber mit den Augenlidern zuckte; es war ihm dieser Segen stets recht angenehm, nur nicht in die Augen.

Und endlich ging die Kathrin davon.

Der Sepp stand an der Tür und sah ihr lange nach. Das Bündel an den Arm gebunden, schritt sie mit ihrem Alpenstocke rüstig fürbaß.

Allen Respekt, Kathrin, daß du so wacker über Stock und Stein vermagst zu wandern und bist es doch, frei gesagt, nicht gewohnt.

Bevor sie um den Felsvorsprung bog, sah sie noch einmal um und deutete mit der Hand, der Sepp solle ins Haus gehen – zum Kleinen.

Aber der Sepp blickte noch eine Weile das Gewände hinan. Was denn heute die Vögel haben, daß sie so herumflattern? Sind Geier in der Nähe? Es ist um drei Uhr zur Nachmittagszeit und noch zwitschern die Finken.

Es geht eine Sage, daß auch die Vöglein, wenn sie Hochzeit halten, Gäste dazu einladen und Reigen tanzen und Brautlieder singen.

Nun ging der Sepp in das Haus zurück und setzte sich an die Wiege seines schlafenden Kindes. – Auch er war in dieser Wiege gelegen; sie war das einzige Erbe von seinem Vaterhause, das draußen gestanden. Draußen, wo an den Bergen vor wenigen Jahren noch die kleinen Felder und Kohlgärten lagen, die sich nun aber allmählich zu bewalden beginnen, weil die Höfe verarmt und verfallen. – Der Sepp war eines Hirtenbauers Sohn und schon in seiner Kindheit und Jugend der glücklichste Mensch. Was Wunder auch, er lebte seine Jugend im Walde und auf den Bergen.

Indes war der Knabe nicht ganz aus dem Holze seiner Landsleute zugehackt. Vögelfangen, Kugelscheiben, Scheibenschießen, Trinken, was und mehr als das Zeug hält, und Raufhändel, das ist guter Brauch im Lande. Derlei gefiel dem Sepp aber nicht. Sang und Klang war sein Leben. Eine alte Zither wußte er sich zu verschaffen – sie hatte nur zwei Saiten. Auf diesen Saiten spielte sich seine Knaben- und Jugendlust ab. Aber als er sich einmal in ein rothaariges Hirtenmädchen verliebte, da wurden ihm jählings die Saiten zu wenig, er mußte eine dritte haben. Jetzt aber spielte der Sepp, daß einem Leib und Seel' entzweigehen konnte, und er spielte bei allen Lustbarkeiten, und die Leute sagten: »Ums Geld könnt' er's tun!« – gab ihm aber keiner eins.

Zur selben Zeit kam ein hoher Herr in die Gegend, um mit anderen hohen Herren Gemsen zu jagen. Es war kein Baron, es war kein Graf, es war ein Herzog. Der sah und hörte den jungen Zitherkünstler, gab ihm zwar auch kein Geld, aber etwas anderes. Er zog den hübschen, offenherzigen jungen Mann in die Welt und gab ihn in eine Musiklehranstalt. Nach Jahresfrist schon, als sich der von Natur aus zart besaitete junge Mann nicht allein eine hohe Fertigkeit in seinem Musikfache, sondern bereits auch einige allgemeine Kenntnisse erworben hatte, spielte er am Hofe des Fürsten.

Der König selbst war dabei und Grafen und Herzöge mehr als genug, und Frauen, wunderschöne Frauen, in Seiden über und über und wie von Milch und Blut so zart. Dem Burschen aus dem Gebirge fiel nicht das Herz in die Hose – die trotzige Ursprünglichkeit seines Stammes war in ihm noch nicht erstickt – keck und munter griff er in die Saiten und dachte bei sich: Vornehm über die Maßen sind die Weibsbilder dahier, aber die Rothaarige daheim ist mir lieber.

Als er das erste Stück, es war ein wundersames Spiel, beendet hatte, erhob sich ein schallendes Händeklatschen. Der Sepp erschrak, aber es war Beifall.

»Freut mich, wenn's gefallen hat,« sagte er und hub sogleich ein zweites Stück zu spielen an. Alles horchte wieder; aber als es zu Ende war, sagte ein Herr, der eine schneeweiße Weste trug, zum Sepp, Weiteres dürfe er nicht mehr spielen, es sei genug, ja, es sei sogar das letzte Stück schon zu viel gewesen. Es wäre nicht in der Tagesordnung gestanden.

Da wurde der Sepp rot im Gesicht. – »Erst hat's ihnen gefallen, dann wollen sie nichts mehr hören,« murmelte er, »die Leut' sind falsch, denen spiel' ich nichts mehr.«

Er nahm seine Zither und ging davon.

Und das war der große Fehltritt. Von demselben Tage an hatte der hohe Herr dem jungen Musikanten seine Gönnerschaft entzogen.

Der Sepp atmete auf; so mag einem Singvogel zumute sein, den man freiläßt, weil man an ihm kein Vergnügen mehr hat. Der Bursche kehrte fröhlich zurück in das Gebirge. Aber seine Landsleute sahen ihn nur mit großen Augen an, sie hatten und taten nichts für ihn, trugen es ihm nach, daß er sie verlassen, und nannten ihn den Herren-Sepp, oder, wenn sie gar bitter sein wollten, den Stromer-Sepp, der der Hände Arbeit verschmähe und als leichtfertiger Musikant herumfahre. Sein Heimathaus war verwahrlost; die Seinen waren verstreut oder gestorben. – Nahm der Sepp seine Zither und ging wieder in die Welt.

Auf Kirchtagen und Jahrmärkten spielte er, bei allen Volksfesten war er dabei; in Städte rief man ihn auch. Es war eine heitere Sängerschaft. Und als er sich nach einer Weile ein rechtes Stück Geld erworben hatte, gedachte er wieder seiner Berge, deren Häupter so weiß waren wie sein klingendes Silber. Und bei dem Dukatengold, das er nun auch schon kannte, fiel ihm goldenes Haar ein. – Erinnert er sich recht, so hat er einmal an einem hellen Maientag dem Hirtenmädchen die Worte gesagt: »Wenn ich könnt', ich tat's. Heiraten tät' ich dich!«

Jetzt könnte er.

Und der Sepp zitherte sich weiter, zitherte sich dem Gebirge zu; und dort kam er just recht zur Hochzeit. Das rothaarige Hirtenmädchen heiratete einen Jägerburschen.

Ist auch gut, dachte sich der Sepp und spielte bei dem Hochzeitsfeste lustige Ländler auf seiner Zither.

Dann ging er wieder davon. Er wollte das Wort »Herren-Sepp« nicht leiden; er wußte gut genug, daß es Spott war. Er hätt's doch lieber mit den Bauern gehalten. – Ein schlichter Musikant will er bleiben; und gleichwohl er gegen seine trotzigen Landsleute einige Bitterkeit hegt, ihre Neigen und ihre Lieder, die spielt er doch noch am liebsten.

Und er ist viel besser daran, wie die anderen Burschen daheim. Ist einer herzensfreudig, oder ist er zum Sterben betrübt, oder ist er närrisch verliebt, oder hat er einen gewaltigen Zorn – er kann sich nicht helfen; es preßt und drückt und schraubt die Seele ein, oder es bricht aus in einen zerstörenden Sturm. Ja, da hat's der Musikant besser, die Seelenwucht löst sich in Saitenklingen, und die liebe Musik bringt alles in das Gleichgewicht.

Wieder und wieder macht der Sepp die Runde durch das Land. Zuweilen aber setzte er sich auf einen Stein unter Eichenschatten und spielte für sich allein. Was waren aber seine Knie und der grüne Rasen für ein schlechter Resonanzboden! Und die zarten Klänge ertranken in der weiten Luft, und der Windhauch sog das Lied ein, und sein Gemüt – für das er doch recht eigentlich gespielt – es wurde nicht erquickt. Da stützte der Bursche einmal seinen Kopf auf die Hand und sagte: »Sepp, du bist doch ein armer Teufel! ...«

Das Gefühl der Einsamkeit und Verlassenheit wollte ihn überkommen, aber noch zu rechter Zeit fuhr er in die Saiten und spielte eine kecke Volksweise.

Und als das so klang, da jodelte unweit davon im Gebüsche eine helle Stimme dieselbe Weise mit. Der Sepp sprang auf, sah den Lockenkopf eines Mädchens, der sich sofort hinter den Busch verbergen wollte. Es war aber zu spät...

– Der kleine Josef regte sich. Mit dem Fäustchen fuhr er über die Augen, die schier ein wenig aufgucken wollten.

Der Sepp wispelte einlullend mit den Lippen und wendete das Kind auf die andere Seite. Da schlief es ruhig weiter.

... Ein Fischermädchen war es, träumte der Sepp seine Vergangenheit weiter, Kathrin hieß es; allein bei einem fremden Manne so sitzen, das wollte es nicht; aber das Saitenspiel und das Singen war ihm Lust und Leben.

Der Musikant kehrte beim Fischer ein. Den ganzen Abend spielte er; die zwei alten Leutchen, Kathrinens Eltern, legten ihre Hände in den Schoß und lauschten still; nein, diese Leute verdarben den zarten Sang nicht durch Händegeklatsch; gleichwohl dieses Spiel auch in ihrer Tagesordnung nicht war, so horchten sie andächtig zu.

Kathrin tat die heimgebrachten Hechte in den Behälter und dachte den Fischen zu: »Ein Unglück, daß ihr taub seid, er spielt so schön.«

Dieses Mädchen denn ist sein Weib geworden.

Sie gründeten sich einen kleinen Hausstand im Orte; zogen auch mitsammen aus, um zu spielen und zu singen, und es war ein lustiges Musikantenpaar.

Zum Glücke des Hauses gesellte sich auch der Segen, bis schließlich zum freundlichen Duett auch noch eine dritte Stimme kam, eine zarte und helle Stimme, die aber keine Note und keinen Takt achtete und demnach für Konzerte nicht zu brauchen war.

Da ließ der Sepp das Wandern und blieb daheim bei seinem kleinen Josef.

Nun hatte er alles, was er sich nur zu wünschen vermochte: ein Heim, ein Weib, ein Kind. Und nun fehlte ihm doch noch was in der langen Zeit.

Er hatte es anfangs selbst nicht gewußt, was es war. Besonders zur schönen Sommerszeit kam's. Die Saiten wollten nicht stimmen; – ja, die Luft war schuld, sie war zu dicht, zu träge. Seine eigene Stimme kam ihm heiser vor. Wo auch sollt's denn hallen und schallen auf diesem flachen Gelände? –

Was fehlt der Welt? Sepp! Herren-Sepp! Was fehlt der Welt?

Die Berge fehlen ihr.

Das Heimweh hat dich erfaßt; in deinen heimatlichen Wäldern möchtest du sein, im Gebirge möchtest du leben.

Man weiß ein Häuschen, Sepp, das steht noch hinter jenen Waldbergen, wo sie dich den Herren-Sepp nennen, das steht tief in einem gletscherkühlen Felsentale. Dort braucht man keine Uhr zur Tageszeit; die Bergspitzen und die Felshörner, an denen die Sonne vorbeigeht, bedeuten die Stunden, nach denen sie etwa geheißen sind. Unseres Herrgotts Zifferblatt, lieber Sepp! – Und vielleicht geht in jenem Felsentale die Sonne täglich zweimal auf und zweimal unter, wenn sie sich hinter die Hochwarten birgt und wieder hervortritt. Vielleicht wird dort der Sonnenball einmal von einem Felszacken aufgespießt, bis er endlich nach solchen Abenteuern untertaucht und acht oder neun Monate lang gar nicht mehr aufgeht. – In solchem Gewände da drin und in der Klarheit der Luft und in der großen Ruhe des Waldes müßten Zithersaiten einen hellen Ton geben ...

Das Haus in jenem Felsentale ist ein Jagdasyl und gehört einem hohen Herrn, der dich kennt, der dir immer noch wohl will, dessen Gewissen schreit, er hätte dich in die Welt gezogen, in der du leicht untergehen könntest, der nach einer Gelegenheit sinnt, noch einmal was Rechtes für dich tun zu können. –

Ein waches Träumen war's gewesen die lange Zeit. Schließlich konnte der Sepp nicht mehr anders, er schrieb an den Verwalter des herzoglichen Jagdreviers, ob es denn nicht menschenmöglich wäre, daß – im Falle das Jagdhaus im Edelgrund leer stünde – er samt seiner kleinen Familie zur Sommerszeit ein paar Wochen in demselben wohnen könne.

Aus sich hätte er's kaum getan, aber die Sache war ihm nahegelegt worden. Und was ein Prinz will, allzeit ist das noch menschenmöglich gewesen.

»– Herr Josef Riedheimer ist Eigentümer des Hauses im Edelgrund« – und eigenhändig unterschrieben vom Herzog.

Und jetzt verließ er sein kleines Haus auf der Ebene, um es nur für die Winterszeit immer wieder zu beziehen. Der Sommer war sein im Hochgebirge. »Hier,« rief er, als er die Tannenwälder und die Felsen wiedersah, »hier hat Gott die Welt erschaffen!«

– Daß er noch so kindisch ist, der Sepp; einen Juchschrei hat er getan! Darauf ist das Knäbl aus dem Schlafe gefahren – hat den Vater helläugig angeblickt.

Aber, was heute nur die Ameisen wollen; die kommen aus den Fugen hervor, krabbeln an den Wänden hinan, und ein paar von ihnen besuchen das rotwangige Kindl in der Wiege.

Nun hob der Vater den zappelnden Kleinen aus seinem Nestchen, tat ihm das Nötige zugute, gab ihm Milch zu trinken, strich ihm die Seidenlocken aus dem gerundeten Stirnchen, schaukelte ihn auf dem Knie und trillerte das Lieblingsliedchen:

»Patsch' Händl z'samm,
Patsch' Händl z'samm,
Was wird die Mutter bringen...«

Der Sepp unterbricht sich. Die Zither schrillt auf dem Tische ganz von selbst; das offene Fenster geht langsam zu. – Was ist das?

Das ist ja fast unheimlich, allein so im Hause sein. Wie trifft sich's nur, daß die Dienstmagd gerade an diesen Tagen zu ihrer kranken Ahne gemußt? Sepp hätte sonst sein Weib über das Fenster begleitet.

Ohne Gefahr ist der Weg das Gewände hinan nicht, es gibt Stellen, wer an solchen stürzt, der stürzt viele hundert Fuß tief. Wenn sich zwei Wanderer am Rothang begegnen, so muß einer von ihnen umkehren, sie können nicht aneinander vorüber, dazu ist der Pfad zu schmal. An diesem Rothang war es ja, wo vor Jahren der Waldhammer-Jok stundenlang vor einem Steinbock gestanden. Der Bock wollte sich nicht wenden, der Jok auch nicht. Letzterer kannte die Eigenheit dieser Tiere wohl und wußte, daß, wenn er jetzt umkehre, der Steinbock ihn mit seiner ehernen Stirne in den Rücken rennen, ihn in den Abgrund stoßen werde. So stand der Jok. Er suchte das Tier mit Steinwürfen aus seinem Weg zu verscheuchen, das gelang ihm nicht und der Bock trippelte immer näher und schaukelte bedenklich seine großen Hörner. Die Zeit verging, die drei Leuchter glühten im Abendschein. Was tat der Jok? – Er schritt festen Mutes voran, faßte keck die kantigen Hörner der Alpenantilope und sagte: Du oder ich, mein Bursch! Der Bock ging einige Schritte rückwärts, um zum Stoß auszuholen. – Aha, du willst springen, sagte der Jok, ließ die Hörner los und schritt auch seinerseits ein bißchen nach rückwärts. Der Bock stemmte die Hinterfüße an, tat einen gewaltigen Sprung; der Jok bückte sich und das Tier – war über ihn hinweg.

Derlei jägerlateinische Abenteuer erzählt man im Gebirge die Menge. Aber am Rothang zeigt so manches »Martertaferl«, daß es nicht immer glücklich abgeht.

Und diesen Weg mußte die Kathrin, das hilflose Weib, wandeln. Wohl wahr, der Weg war ihr bekannt und bereits vertraut; und wer behutsam ist, für den hat's keine Gefahr. –

So quälte und beruhigte sich der Sepp und so schwätzte er laut mit seinem Knaben und setzte immer bei: »Ist sie erst über das Fenster, dann geht es sachte über das Ameiskar und durch das Knieholz abwärts und sie ist leicht vor Abend in der Waldhammerklause.«

Dem Kleinen schienen indes für den Augenblick diese Dinge sehr wesenlos: er spitzte sein Zeigefingerchen und stupfte damit auf des Vatters schwarzen Schnurrbart.

In demselben Momente schrillte von selbst wieder das Saitenspiel, die Fenster klirrten, die Wand ächzte, die Wiege bewegte sich und die Pendeluhr hörte auf zu ticken.

»Ein Erdbeben!«

Er hob das Kind zu seiner Brust und ging in das Freie.

Die Luft war drückend, der Himmel war wie gelblich angehaucht. In dem durch den Grund rauschenden Finsterbach reckten Forellen ihre Köpfe in die Luft empor.

Der kleine Josef machte große Augen und blickte wie befremdet in das Antlitz des Vaters. Dieses wendete sich den Wänden zu, hinter welchen der Paß, das Fenster genannt, lag. Links davon erhoben sich die Hochmassen der Finsterfölz mit ihren senkrechten Wänden und mit ihren Firnen, über welchen die drei Leuchter luftig und kühn emporragten.

Als der Sepp seine Augen gegen diese duftblaue Hochspitze richtete, sah er ein schwarzes Pünktchen sich langsam erheben, anfangs zitternd und verschwimmend, wie eine Augentäuschung, bald aber deutlicher werdend und wachsend. Des Mannes Blick blieb an dem Gegenstände haften. Von Sekunde zu Sekunde trat der schwarze Punkt deutlicher hervor, leuchtete zuweilen, büßte den Glanz sofort wieder ein, wenn er in den Bereich der Schatten kam, die von den drei Leuchtern her durch den Raum gezogen waren. Und endlich nach mehreren Minuten sank die dunkle Gestalt als Lämmergeier gegen die Schluchten des Edelgrundes, in deren Tiefen er verschwand.

»Das ist heute doch ein seltsamer Nachmittag,« dachte sich der Sepp. »Wart', Bübel, setz' dich dieweilen da aufs Moos, ich eile um das Schußgewehr. Ich denk', der Vogel läßt sich noch sehen.«

Kaum hatte er den Kleinen auf die weiche Matte gesetzt, so hob er ihn auch schon wieder auf den Arm. Es war ihm heute, als dürfe er das Kind nicht auf drei Augenblicke von sich lassen. Sein Gemüt war beklommen.

Schon umdüsterte sich das Felsental und es ging gegen Abend. Die Quelle an der Wand kam ruckweise und war trüb.

Der Sepp stand eben mit dem Kinde am Brunnen, um Wasser für den Abend zu schöpfen. – Der Josef streckte eben sein Händchen jubelnd gegen das farbenbunte Bildnis des Schutzengels empor, als das Gräßliche geschah.

Ein Erdstoß, dann ein dumpfes Donnern durch die Luft. Unwillkürlich wendete der Sepp sein Gesicht gegen den Paß hin, welchen sein Weib zu überschreiten hatte, und nun sah er ein Schauspiel, vor dem sein Puls stillstand.

Am Fuße der drei Leuchter wurde der Gletscher lebendig und fuhr in ungeheuren Tafeln langsam nieder bis zu dem senkrechten Gewände und stürzte schwer und träge über den gewaltigen Abgrund. Ein mattroter Schein umdämmerte die Finsterfölz, wie das Aufzucken eines Nordlichtes, dann bebte neuerdings die Erde. Die Wände krachten, als sprängen sie entzwei, und ein roter Steinkoloß kam durch die Lüfte gesaust, prallte an die Granittafeln! des Hochruckfußes, und von diesen mit Funkensprühen zurückgeworfen, fuhr er nieder in das Tal, und nicht gar weit von dem Hause schlug er in die Erde, daß hochauf der Sand und der Rasen und die Felsensplitter stoben. Und dann erst kam das Donnerrollen von dem Gletscherstürze heran, daß es die Lüfte und die Ohren zerriß und schier nimmer enden wollte.

Der Sepp war starr. Das Knäbl machte wieder seine großen Augen auf.

»O du mein armes Kind, was ist jetzt geschehen?« rief der Mann.

Es war dunkel. Er trug den Knaben in das Haus. Im Hause waren Fenster gesprungen.

Und dann brach die grauenhafte Nacht an. Die Spannung der Luft löste sich in einem Gewitter, und die Fenster waren stetig rot von dem Scheine der Blitze.

Das Kind schlief, aber der Vater irrte wachend umher. Er wollte durch Nacht und Sturm über das Gebirge, um sein Weib zu suchen. Aber das Kind – konnte er's denn verlassen? Mit Banden zog es ihn davon, mit Banden hielt es ihn zurück.

Wohl sagte er sich: »Sie wird noch vor dem Unheil über den Paß gekommen sein, oder sie hat sich unterwegs in einer der Felsklüfte zu schützen gewußt; sie ist ja klug, meine Kathrin, und sie ist ja brav und fromm; gelt, du lieber Herrgott im Himmel, du hast sie nicht verlassen!«

Der Kleine schluchzte im Schlafe und sein Schluchzen ging in ein heftiges Lachen über, ohne daß er die Augen öffnete.

Als es gegen Morgen war und die Leuchter oben schon blaß angehaucht wie ätherische Gestalten ragten, ging der Sepp wieder aus dem Hause. Es war kühl geworden und der Himmel war sternenhell. In der Ferne war es wie das Rauschen eines Wasserfalles; aber der Wildbach, der sonst durch den Edelgrund brauste, der war heute so seltsam still, und als der Sepp an sein Bett schritt, da fand er kein fließendes Wasser mehr. Einzelne Tümpel standen und darin plätscherte hier und da ein verendender Steinkrebs oder eine Forelle.

Was ist Furchtbares geschehen in den Hochmassen der Finsterfölz!

Bevor noch die Sonne auf den Kuppen des Gebirges lag, versammelten sich Leute der umliegenden Gegend im Edelgrund.

Sie fragten und sie erzählten; jeder wußte was anderes von dem Ereignis, das gestern am Abende stattgefunden. Draußen im Hochruckegg seien mehrere Joch Hochwald geknickt worden. Oben im Ringkar seien Felsen gespalten; daselbst läge auch eine Unzahl toter Tiere, als Gemsen, Eidechsen, Vögel usw., die jedoch keine Spur von Verwundung an sich trügen. Drüben in der Bärengrotte springe ein neuer mächtiger Quell aus dem Gesteine hervor und bilde Wasserfälle über das Gelehne, die man schon von weitem sehen und hören könne.

Gar sonderlich verwunderten sie sich über den roten Steinblock, der gestern durch die Lüfte gekommen war und wohl viele Zentner wog. Nirgends in der Nähe war ähnlich gefärbtes Gestein, und doch war an dem Koloß der frische Bruch leicht zu erkennen. Woher kam er? Der Waldrauchgräber Petz beguckte und betastete den Stein von allen Seiten und murmelte: »Das versteh ich nicht. Bigott, der ist vom Himmel gefallen.«

Den Sepp wollte all das nicht berühren. Er fragte jeden nach seinem Weibe. Soviel sie auch wußten, allein von Kathrin hatten sie nichts gesehen.

Nun brachen sie auf, das Weib zu suchen. Die Wangen des Musikanten röteten sich in neuer Hoffnung und Zuversicht.

»Auf, Josef!« rief er sein Kind aus dem Schlummer, »wir gehen allbeid' über den Berg zur Mutter.«

Der Kleine fürchtete sich vor den vielen Leuten und wimmerte, als ihn der Sepp mit einem Tuche auf seinen Rücken band. Er umschlang des Vaters Hals und sank endlich in das Tuch zurück, um vor Erschöpfung zu schlafen.

Sie gingen das stille, zerrissene Bachbett entlang durch Engen und Klüfte, bis der Fußsteig in Windungen das Gebirge hinanstieg. Überall Spuren der Katastrophe, zerrissener Boden, niedergebrochene Steine; sogar Eisstücke, fanden sich, und es war doch weit von der Stelle, wo die Gletscher niedergefahren.

Als die Männer zur ersten Anhöhe kamen, wo eine hölzerne Gedächtnistafel steht, berichtend, daß hier zwei Wildhahnjäger von einer Schneelawine begraben worden, begegnete ihnen der Waldhammer-Jok.

»He, Leute!« schrie er schon von weitem, »wollt ihr übers Fenster? – Keine Menschenmöglichkeit. Jesus und Maria, da droben ist die Welt auseinandergebrochen. Kein Mensch kann's glauben, was da geschehen ist, der Berg ist niedergebrochen!«

»– Ist mein Weib gestern zu Euch gekommen?« – wollte der Sepp den Waldhammer fragen; er rührte die Zunge, sie gab keinen Laut. Die Gestalten wankten vor seinen Augen.

»Ich komme von der anderen Seite her, vom Hochruck,« berichtete der Jok, »um Mitternacht bin ich schon fort von heim. – Ist nicht der Herren-Sepp bei euch? Ja, zu dem will ich. – Hab' dir schon gestern Post sagen lassen, Gevatter, 's ist hohe Zeit, wir brauchen dein Weib.« Dem Sepp schwankten die Knie, wortlos setzte er sich auf einen Stein und langte nach dem Kinde.

»Ist sie nicht schon gestern zu Euch gekommen, Jok?« fragten mehrere Männer zuzüglich.

Da blieb der Jok stehen und wurde blaß. – »Sollt's doch sein, was ich um Gottes heiligen Willen nicht hab' glauben können? Ist die Kathrin gestern noch fortgegangen vom Edelgrund? – Oh, helf' ihr Gott, helf' ihr der allmächtige Gott!«

Der Sepp saß da wie eine Bildsäule von Stein. Er starrte auf sein Kind, das ermüdet noch im Schlafe lag.

»– Schlaf' zu, werd' nimmermehr wach...«

Die Männer standen eine Weile stumm in der Runde und schauten ihn an.

Nun erhob sich der Sepp, faßte neukräftig den Stock und sagte: »Weiter! Suchen! Tot kann sie nicht sein. Sie hat sich schon geholfen, meine Kathrin. Jetzt ist die Sonne da, wir werden sie finden.«

Stundenlang stiegen sie im Gefelse umher. Sie sahen in die Tiefen hinab, in welchen die zerschellten Massen des von den drei Leuchtern niedergebrochenen Gletschers lagen. In der Nähe der Verwüstungen war stellenweise der Moosboden versenkt, und hie und da lag ein toter Specht, ein toter Rabe, ein toter Habicht, wie diese Tiere im Fluge vielleicht von dem Luftstoß erschlagen oder erdrückt sein mochten.

Endlich standen Männer auf dem Grat, wo sich der Blick öffnete in eine Gegend, die keiner von diesen Alpensöhnen noch gesehen hatte.

Wo früher an den steilen Lehnen des Rothang unter überhängenden Felsästen der Fußsteig sich hingezogen, war jetzt ein weites, tiefgehöhltes Kar. Und in den Kesseln stand Wasser.

»Da wächst ein See,« sagte einer der Männer, »und bis er voll ist, wird auch der Finsterbach wieder durch den Edelgrund rinnen.«

»Und in diesem Bruche ist sicher der rote Stein daheim gewesen, der unten im Edelgrund liegt,« sagte ein anderer, »und man glaubt es gar nicht, was der Luftdruck imstande ist.«

»Und über das Fenster führt kein Weg mehr,« meinte der Waldhammer, »Klausdorf und der Edelgrund sind drei Stunden weiter auseinandergerückt.«

»Ja, und zu den drei Leuchtern führt auch kein Weg mehr, der Berg steht von allen Seiten abgeschlossen; die letzte Zugbrücke, über die man sonst zu den Gletschern hinaufgestiegen, ist gefallen.

All das bewegte den Sepp nicht. »Sie ist tot,« redete er vor sich hin. »Gott hat sie begraben.«

Auf das Drängen der Leute kehrte er in das Haus im Edelgrund zurück, um doch nur sein Kind zu aßen.

Menschen kamen vom Vorlande herein; und gleichwohl es dem Sepp immer geschienen, sie wollten ihm nicht gut, weil er aus ihren Kreisen getreten war, so sah er es nun doch, sie hatten ihn lieb als einen der Ihren, und auch als einen der Menschen, die ein großes Unglück getroffen. – Sie brachten ihm Nahrung, weil er ja keine Hausfrau habe, die ihm welche bereite; Weiber kamen und trugen sich an, des Kleinen zu warten. Der alte Petz saß stundenlang auf dem roten Stein. Der Sepp lehnte alles ab; er wollte allein sein in dem Hause, in dem er mit ihr gelebt hatte, allein bei seinem Kinde, der Mutter Ebenbild.

Und als er allein war, da kam er in schweres Sinnen. – Wie hatte er's doch so unrecht verstanden! Den Menschen seiner heimatlichen Wälder hatte er mißtraut, und sie sind es, die ihm so treu beispringen wollten in der Not, sie sind es, die ruhelos das Hochgebirge durchstreifen, um eine Spur von seinem Weibe zu entdecken. Und das Hochgebirge hatte er geliebt; er war zu ihm aus gesegneten Landstrichen herangezogen, hatte sich vertrauensvoll ihm ergeben mit den Seinen. – Und das Hochgebirge ist so falsch...!

»Das mußt du dir merken, Kind,« sagte er zu seinem Knäblein. »An die Menschen mußt du dich halten.«

So verstrich der Tag. Und als die Dämmerung eintrat, in der einen Tag früher das Schreckliche geschehen war, fand sich der Sepp immer noch allein in dem öden Hause. Er hatte nicht Speise und Trank zu sich genommen; »Kathrin, ich will mit dem Mittagessen auf dich warten, so ist's verabredet.«

Er starrte zum Fenster hinaus. Dunkelheit und Stille zwischen den Felsen.

– Wenn nur das Wasser wieder da wär', wenn nur das Wasser wieder tät rinnen! –

Der Knabe war munter, er kroch auf dem Tische hin und her, kroch gegen das Fenster, guckte in die Nacht hinaus. – über den drei Leuchtern stand ein flimmerndes Sternlein, das guckte der Kleine an und nach demselben zeigte er mit seinem noch mundfeuchten Fingerchen. –

Der Sepp hatte aber nicht Zeit zum Träumen.

Mit der Milch einer Ziege sättigte er das Kind. Der Kleine schlief bald in seinem Bettchen. Der Sepp aber lag offenen Auges auf seinem Lager und sah durch das Fenster die Sterne des Himmels an. – Großeltern, Vater und Mutter und Gattin, sie sind voran. Wie wunderbar, wenn wir uns dort alle versammeln sollen! Viel zu wenig Gutes werd' ich ihr getan haben, meiner Kathrin. Nimmer von ihrer Seite hätt' ich gehen sollen; man überläßt sich seinen Geschäften und Gewohnheiten, man meint, man habe sich ja noch lange und wird schon all die Güte und Herzlichkeit noch üben. – Und jählings ist es aus und der Überlebende weiß sich nicht zu helfen. – Einmal noch, Kathrin, komm' zu mir, daß ich dir könnt' zeigen, wie lieb ich dich hab'!

Der Kleine in der Wiege regte sich; dann ward's wieder still, so öd und leer – so tot, Der Sepp sprang auf und trug Holz zusammen und machte im Ofen ein Feuer an. Er wollte die Flamme knistern hören. – Und als er mit dem Lichte auch zur Wiege trat, siehe, da saß der kleine Josef in seinem weißen Hemdchen auf dem Bette und spielte völlig in sich verloren mit einem blauen Halsbande von der Mutter.

Der Sepp hob den Kleinen aus der Wiege und legte ihn zu sich in sein Bett, nahe – nahe zu seiner Brust, und übergoß ihn mit Küssen: »Du bist mein liebes Kind.«


Nach wenigen Stunden lag wieder ein neuer Tag über dem Gebirge. Im Hause auf dem Edelgrund war es noch ruhig, der Sepp schlief und sein Haupt war tief in das Kissen versunken.

Der kleine Josef wollte das aber nicht schicksam finden, am hellen Tag so zu schlafen. Auch dünkte es ihm vielleicht schon Zeit zum Frühstück, denn er war ein großer Liebhaber von Ziegenmilch. – Sofort hub er an und zupfte den Vater an ben Locken. Der Sepp öffnete die Augen.

Ein Wonneblick auf sein Kind; ein zweiter suchender Blick in die Stube. – Sie ist nicht da. Sie ist zugrunde gegangen im Gebirg. An diesem Tage kamen wieder Menschen und stiegen in das Gebirge hinan. Die Tote mußte, wenn möglich, doch aus den Bergtrümmern hervorgeholt und dem Sepp zum Tröste feierlich begraben werden.

Auch der bucklige Petz war wieder da und schlich um das Haus des »Herren-Sepp« und rückte diesem endlich an den Leib, und er hätte ein Wörtel zu reden. Er wollte es aber ganz heimlich tun, auch von dem Neste des Knäbleins zog er den Sepp seitab.

»Du Mensch. Ich hab' meine Botschaft ausgerichtet, weil ich's zugesagt hab'. Aber drucken tut's mich, daß just ich sie hab' müssen locken. Da hab' ich meine ersparte Sach'; auf sieben heilige Messen wird's langen.«

Er legte das Geld hastig auf die Tischecke und wollte davoneilen; mit Mühe konnte ihn der Sepp halten, und in einen Rocksack stecken mußte er dem abwehrenden Manne das in Papier gewickelte Silbergeld.

»Mir auch recht,« sagte der Petz, »so tu' ich's selber. Nur daß ich mit dem Herrn Pfarrer nicht zu reden weiß; wer kann mir's denn wehren, wenn ich zu meiner eigenen Ruh' was tun will.«

Es verging der zweite Tag; die Männer kehrten, ohne die Vermißte gefunden zu haben, in ihre Häuser und Hütten zurück.

Draußen in der Pfarrkirche wurden die Totenglocken geläutet für die Verunglückte im Gebirge. – Und im Edelgrund war die Ödnis, und der Sepp war mit seinem Kinde allein.

Heute aber zog er neue Saiten auf die Zither und spielte. Der Knabe, sonst bewegsam wie Quecksilber und lallend und schreiend wie ein Papagei, hörte ernsthaft zu und blickte auf den Vater.

Dann wieder ging der Sepp im Hause umher und sammelte Gegenstände, die an sein Weib erinnerten, und jedes Gerät, das sie gehandhabt, wendete und wendete er und sah es an. Alles war da, ihre Linnen, ihre Kleider, ihre kleinen Schmucksachen, ihr Gebetbuch, all die lieben Dinge, aber sie selbst war wie herausgeschält, sie war nirgends. –

Auch in dieser Nacht sah er wieder das Sternchen, das über den drei Leuchtern glühte; es glänzte rötlich und flimmerte so lebendig. Es schien ganz nahe am Bergessaum zu stehen und es ging doch nicht unter, es leuchtete die ganze Nacht so hell und treu in des Witwers Kammer.

»Morgen, Josef,« sagte er, »wenn die Sonne scheint, wollen wir hinaufgehen auf den Berg.«


Am anderm Tag, als der Sonnenschein niederging an den Wänden und der Sepp die kleinen häuslichen Verrichtungen geschlichtet hatte, hörte er plötzlich im Freien ein Plätschern und Rieseln. Eilig legte er den Kleinen aus seinem Arm in die Wiege und sprang hinaus, um zu sehen, was das wäre. Hastig lief er um den Steinhügel und über den Moosgrund hin dem Bette des Finsterbaches zu, und siehe, es rann wieder das Wasser. Es rann und plätscherte wie vor und eh'.

»Ist der See gefüllt?« rief der Sepp. – »So und nicht anders, das Wasser ist gekommen – sie ist nicht gekommen.«

Langsam und gebeugt wandelte er wieder dem Hause zu. Dem Kinde wollte er es erzählen, der lustige Bach sei wieder da. Aber als er in die Stube trat, da stand die Wiege leer und der Knabe war verschwunden.

Zu seinem Bette stürzte der Sepp, an den Winkel des Tisches, des Ofens hastete er. Fast ohne Atem eilte er wieder in das Freie. Und als er um die rückseitige Hausecke bog, da sah er an der Felswand vor dem Schützengelbilde – mit dem Kinde hingesunken auf die Knie – sein Weib Kathrin.


Und erst später, viel später sagte sie: »Hell zum Lachen ist's auch noch. Jetzt bei der Waldhammerin bin ich noch nicht gewesen.«

»Ja, wie ist denn das zugegangen um des lieben Gottes Willen!« rief der Sepp und schlug die Hände zusammen.

»Was wirst denn tun, wenn du auf dem Berg oben bist und kannst nicht herab?« sprach das Weib, »da bliebest du sicherlich oben. – Gelt, und zum Kaffee hast auch nicht können! – Wer hätt' das gemeint, wie ich von heim fort bin! Ich steig' friedsam an dem Rothang hin und möcht' mich schier vor den Kopf schlagen, daß ich den Schrankschlüssel im Sack trag' und du könntest nicht einmal zur Kaffeebüchsen. Da höre ich jählings, wie es in den Wänden lebendig wird und ganze Steine fliegen über meinen Kopf hin. Ich trachte, daß ich vom Steig weg durch ein Kar auf die Höhe komme. Wie mir das eingefallen ist, das weiß ich nicht. Fortweg bin ich aufwärts geklettert, wo mir die wenigsten Steine entgegengekommen sind. Ich gelang' auf festeren Moosboden und ins Knieholz; jetzt, denk' ich, ist's schon gewonnen, und auf der andern Seiten will ich hinabsteigen ins Ameiskar. Und voreh' ich mir das ausdenken kann, ist dir so ein Stoß und der Boden ist lebendig durch und durch, und ich hab' vor meinen Augen auf einmal einen roten Schein gesehen. – Jetzt erschlägt dich der Blitz, hab' ich bei mir gesagt, und nachher ist nichts mehr gewesen.«

»Du heiliger Gott,« murmelte der Sepp.

»Und wie ich wieder wach bin worden,« erzählte sie weiter, »da lieg' ich im Knieholz und vor mir ist ein Abgrund und unten ist ein lebiger Nebel und ich hab' der Dunkelheit wegen nichts Rechtes mehr sehen können. Erst viel später bin ich's gewahr worden, daß der Berg ist niedergefahren. Ich hüll' mich in die Tücher, die ich für die Waldhammerin bei mir trag', und ich wart', bis der Tag wiederkommt, der Weg wird wohl zu finden sein. – Aber wie der Tag ist gekommen, da seh' ich die Schneefelder vor mir und gar nicht weit davon die drei Leuchter; und jetzt geh ich und geh und finde keinen Steig, der mich wollt' abwärts führen; überall sind die Wände, soweit ich mag sehen. Und das hätt' ich nicht geglaubt, Sepp, stundenlang kann eins da oben herumgehen, so breit ist der Berg. Den ganzen Tag hab' ich einen Abstieg gesucht, Und wenn ich auf diese Seite herübergekommen bin, so hab' ich wohl herabgesehen auf unser Haus. Was hab' ich geschrien, Sepp, da ich die Leut' gesehen hab' herumsteigen wie Ameisen zwischen den Steinen. Aber mein Schrei ist in die Höh' gegangen wie der Nebel aus den Klüften. Dann hab' ich dürres Knieholz zusammengeschleppt auf der Höhe, wo die Leuchter stehen, nicht weit von dem Eis, und hab' Feuer gemacht; das hat die ganze Nacht gebrannt, daß ihr mich solltet sehen.« –

»Das hab' ich gesehen!« fuhr der Sepp jetzt auf, »Jesus, das hab' ich gesehen zwei Nächte lang, und ich hab's für einen Stern gehalten.«

»Es ist nur ein Glück gewesen, daß ich das Backwerk bei mir gehabt,« sagte die Kathrin, »aber dieser Durst! Im ganzen Jahr trink' ich sonst nicht und da oben bin ich dir gar über das Eis hergefallen. – Drauf am zweiten Tage bin ich wieder herabgegangen zur Stelle, wo der Berg ist abgerutscht, und da hab' ich gesehen, daß in der Schlucht, die mich vom Fußsteig trennt und die kein Mensch hätt' übersetzen können, daß in dieser Gruben Wasser zusammenrinnt und fortweg steigt und steigt. Das wird einmal eine Brücken, denk' ich mir, aber so lang' will ich nicht warten ^– und bin wieder davongegangen und hab' an allen Schuttriesen und Mulden nach einem Abgang gesucht. 's ist umsonst, über Eis und Schnee kann ich nicht und hätt' auch sicher nichts genutzt; so bin ich wieder zu den drei Leuchtern gegangen und hab' Feuer gemacht, und so ist die dritte Nacht gewesen. – Was hab' ich gelugt, Sepp, aber es muß hell zu weit sein, und von unserm Haus Hab' ich kein Licht gesehen. Schon um zwei in der Nacht wird's da oben Tag; da bin ich auf und davon und hab' gedacht, heut' versuch' ich das letzt' und hinabkommen muß ich. Wieder zum Bergsturz steig' ich nieder, und da seh ich's, das Wasser in der Kluft ist so weit gestiegen, daß ich es wagen kann, zu ihm hinabzurutschen. Bin ja eine Fischerdirn', wenn mir die Wand nichts tut, das Wasser scheu' ich nimmer. Legföhrengebüsch hab' ich zusammengeflochten zu einem Flötz, auf demselben bin ich herabgefahren über den Hang und schnurgerad' in das Wasser hinein. – Jetzt bist daheim, Kathrin, denk' ich mir und rudere mich mit einem Ast über den neuen See bis ans andere Ufer, wo ich leicht ans Land spring' und gleich in eins über den Berg her und dem Edelgrund zu. – Jetzt bin ich wieder da und des Waldhammers Kind ist gewiß noch gar nicht getauft.«

So hatte es die Kathrin das erstemal erzählt. Später – sie mußte oft davon reden – hat sie auch noch viele Nebenumstände geschildert. Naturerscheinungen, vor denen ihr gegraut; Gefahren, die sie überstanden, und die Sehnsucht nach dem Hause im Edelgrund, das sie mit ihren Augen gehütet, mit ihrem Gebete besegnet habe. –

Ehe noch der Herbst das Laub und das Alpenmoos bleichte, verabschiedete sich der Sepp mit seiner Familie von den Bergen, mit dem Vorsatze, die liebe Sommerszeit von nun an im freien, sonnigen Flach- und Hügelgelände zu durchleben. Allein schon im nächsten Jahre, als die hohe Sonnenwende eintrat, fuhr er mit Sack und Pack wieder gegen sein Alpenhaus im Edelgrund.








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