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Der Held im Schatten

Karl Bröger: Der Held im Schatten - Kapitel 9
Quellenangabe
type
authorKarl Bröger
titleDer Held im Schatten
publisherEugen Diederichs
printrunAchtes bis zwölftes Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150702
projectide8bcfdaf
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Und so schieden sich Licht und Finsternis ...

Was Ernst verschworen hatte, je freiwillig zu tun, geschah nun doch aus fremdem Zwang. Er verließ seine Vaterstadt an einem sonnenklaren Oktobertag in Gesellschaft von tausend jungen, blühenden Menschen, gleich ihm der Kaserne auf zwei Jahre verschrieben. Wunderliche Gedanken waren seine Begleiter im engen, drängend gestopften Abteil. Als der Zug anfuhr und die hohen Kirchtürme immer weiter zurückblieben, lösten sich Erinnerungen und Empfindungen von süßer Schmerzlichkeit. Nun standen die Umrisse der Stadt fern, wie von Kinderhand ausgeschnitten und auf den blauen Himmelsgrund geklebt. Er war dieser Stadt verbunden. Ihre Mauern und Türme umzirkten das Kampffeld seiner dunkel verirrten Jugend. Jubel und Grauen, Hoffnung und Klage hatte sie vernommen und in ihre tausendjährige Seele geschlossen. Er konnte sich nicht denken ohne diese große, wunderlich zwischen den Zeiten liegende Stadt, in der sich die Geister von Jahrhunderten ansprechen. Zwei Jahre war er jetzt von ihr geschieden. Wie würden sie sich wiedersehen und erkennen? ...

Die Versunkenheit Ernst Löhners stach seltsam ab vom frischen, unbeschwerten Leben ringsumher. Die Rekruten sangen und rauchten, schrien hell in die klare Mittagsluft und plantschten in den Wellen einer frohen Laune wie Buben in einer Regenkuhle. Fort mit den trüben Gedanken! Ein neues Leben fing nun an, ein Dasein voll neuer, nie gewesener Taten. Auch dieser Strom will durchschwommen sein, auch jetzt heißt es wieder, Luft anziehen und sich kräftig rühren.

Ernst empfand sich frischer und biegsamer als lange Zeit. Er stürzte sich mitten in die tollste Ausgelassenheit, und da seine Laune, einmal entbunden, hinreißend strömen konnte, nahm er bald das ganze Abteil mit. Sprudelnd von Schnurren und Schnacken, weckte er tosendes Gelächter mit einer aus dem Ärmel geschüttelten Ansprache des Feldwebels an die einrückenden Rekruten.

»Stillgestanden! ... Wenn das g'scherte Rübenloch dahinten noch mal die Ohren rührt, lass' ich ihn tanzen, daß er nicht mehr weiß, ist er ein Männlein oder ein Weiblein ... Sperrt eure Löffel auf und strengt das bißchen Hirn an, das ihr hoffentlich nicht ganz in Mutters Freßkober gelassen habt. Ihr seid nun Soldaten! Wißt ihr auch, was das heißt? ... Gar keine Ahnung habt ihr davon, ihr krummen Zivillatscher. Bis ihr Soldaten seid, halbwegs richtige Soldaten, hab' ich mir wohl mein Endchen Lunge gar herausgeschrien und kann in Pension gehen. Glotzt nicht so dämlich! Euch wird schon noch ein Seifensieder aufgehen, wenn euch die Hammelknochen wehtun, daß ihr am liebsten in ein Mauseloch kriechen möget. Lieber will ich Tag und Nacht Holz hacken, als aus so einer krummen Bande Soldaten machen, die den Namen in Ehren verdienen ... Drum rat' ich euch bloß: Reißt euch zusammen und lümmelt nicht herum. Wir sind hier kein Regelklub und ich danke für die Ehre, euer Vorstand zu sein. Wer gefragt wird, macht das Maul auf, so weit er kann. Beim Menagieren könnt ihr das sicher alle ausgezeichnet. Wer nicht gefragt wird, hält die Klappe ... Der Soldat erhält regelmäßig seine Gebührnisse. Sperrt die Augen nicht so geistreich auf! Ich zahle euch die Gebührnisse bloß aus. Wenn's von meinem Geld gehen sollte, tät ich mich schön bedanken, und wüßt was Besseres damit anzufangen, als es einer solchen Rasselbande an den Hals zu werfen. Zweiundzwanzig Pfennig im Tag sind ein schöner Haufen Geld, wenn man sie auf einmal versaufen kann. Das habt ihr ja doch alle vor. Ihr wüßt nun Bescheid, was ein ehrliebender Soldat zu tun und nicht zu tun hat. Daß mir später keiner kommt und sagt, er hätte das und jenes nicht gewußt. Weggetreten! ...«

Die Zeit schwand bei solchen Possen, und eher als die lustige Sippschaft dachte, war das Ziel erreicht ...

Buchstadt liegt wunderschön im Bergkessel, rund von Höhen eingerahmt, die den Blick begrenzen. Die Kasernen lagern vor dem Städtchen in einer Senkung.

Die nächsten Wochen fanden Ernst in übelster Laune. Kein Wunder! Er hatte bislang gedacht, der Mensch geht, wie es am bequemsten ist. Hier sollte er plötzlich die Fußspitzen abwärts und gleichzeitig auswärts setzen, sollte die Knie durchdrücken und mit ganzer Sohle auf den Boden treten, wozu die Umstände? Ernst schwitzte Blut und verwünschte die vertrackten Vorschriften, die nur ein abgefeimter Folterknecht ausgeknobelt haben konnte. Obwohl nicht schwerfällig, tat sich Ernst doch sauer bei den Übungen, weil er seinen Körper allzulange vernachlässigt und gar nichts für seine Muskeln getan hatte. Auch das Kopfhängen schaffte üble Pein. Er war gewohnt, die Nase hängen zu lassen, was als unerhörter Verstoß gegen die vorschriftsmäßige Haltung eines Soldaten gerügt und bis zum Erbrechen beredet wurde. Eben hauchte der Ausbilder ihn wieder an: »Nehmen Sie Ihren verdammten Dickschädel hoch, Löhner! Sie finden hier keinen Hundertmarkschein ...«

Anschreien wirkte auf Ernst wie Peitschenschlag. Er hielt darum den Kopf hartnäckig gesenkt und preßte trotzig die Lippen. Der Abrichter stellte ihn dem Leutnant vor.

»Hören Sie mal, mein Lieber, bei uns gibt es diese Späßchen nicht. Draußen können Sie machen, was Ihnen paßt. Hier wird pariert oder wir streichen Ihnen das Lederzeug an, daß Ihnen schwarz vor den Augen wird ... Unteroffizier, nehmen Sie den Löhner allein vor. Wenn er in zehn Minuten die Nase immer noch im Sand hat, wird er dem Herrn Hauptmann vorgestellt.«

Es geschah zum erstenmal, daß auf Ernst Löhners bürgerliche Vergangenheit angespielt wurde. Daß sie nicht unbekannt war, ahnte Ernst. Er dachte seinen Teil und nahm sich vor, in keinem Zug dem Bild zu gleichen, das seine Strafliste gab.

Einmal über dir erste schwere Zeit der Ausbildung weg, fand sich Ernst gewandt in die neue Lage. Ohne ein Mustersoldat zu sein, fiel er bei den Übungen nicht mehr auf, tat im inneren Dienst, was von ihm verlangt werden konnte, und legte vernünftiges und beherrschtes Wesen zur Schau. Sein Gesicht war den Ausbildern rasch bekannt, in den wenigen Angelegenheiten, die vom Soldaten Geist erfordern, war Ernst besser zu Haus, als die meisten anderen, und der Feldwebel überlegte nicht lange, Ernst als Schreiber anzurichten. Ernst führte alle Kanzleiarbeiten rasch und zuverlässig aus, kam dabei den Anforderungen des gemeinen Dienstes immer noch nach und hatte so in einigen Monaten seine sichere Stellung bei der Kompagnie. Der Hauptmann mochte ihn nicht, war aber ein unbestechlich gerechter Mensch und schloß Ernst von seiner Gerechtigkeit nicht aus.

Ernst erkannte, daß in ihm eine gründliche Wandlung vorging. Er war ruhig und gesetzt, immer noch sehr schweigsam und verschlossen, selten aufgelegt, zu sprechen oder gar zu singen. Doch hatte er nie vorher dieses Gefühl inneren Gleichgewichtes gehabt. Über Vergangenes dachte er ohne Unmut nach, wenn auch der bittere Geschmack der Erinnerungen auf die Zunge biß, lebte ganz in den Pflichten der Gegenwart und hoffte heimlich, die Zukunft, die schön und strahlend hinter den Bergen saß, an denen jeden Tag sein Blick hing, würde ihm alles lohnen. Die Berge schauten gelassen und unbewegt herein in sein stilles, regelrechtes Leben. Ernst grüßte sie jeden Morgen und Abend, sah den Mond in ihren gewaltigen Kuppen hängen, und empfand ihre große Ruhe wie ein Spiegelbild der eigenen Seele. Die große Ruhe war auch über ihn gekommen. Seit er in der einsamen Kaserne, angesichts der reinen Höhenzüge, tat, was der Tag forderte, füllte Zufriedenheit sein Wesen, Zufriedenheit, die nicht Faulheit des Gemütes, die wohltuender Ausgleich von Willen und Sein ist. Nicht für die gemeinste Notdurft sorgen müssen, die aufreibende Hetze um Arbeit und Brot hinter sich wissen, nicht den Geruch der Armut und des Elends atmen, sondern reine, frische Waldluft: Ernst spürte, wie sein Wesen sich aus dem Bann von Trieben rang, die in der Großstadt empfangen und genährt, in der neuen Umwelt langsam abdorrten. Kneipendunst roch Ernst nicht mehr. Er blieb dem Wirtshaus fern. Wenn die Kameraden ihre sonntäglichen Sauffahrten rüsteten, streckte er sich auf die Klappe und las die Bücherei der Kompagnie auf. Außer der Löhnung bekam Ernst kein Geld in die Hand. Es war ihm auch ganz gleichgültig. Nun heißt es: Ein Soldat ohne Geld ist der Garnichts in der Welt! Ernst teilte sein Geringes sorgsam ein, was er früher nie getan hätte, hielt eisern an dem vorgenommenen Ausgabeplan fest und rückte nicht um Haaresbreite von seinen Grundsätzen. Einst waren ihm Grundsätze nur Ausreden für mangelndes Temperament gewesen. Duckmäuser wurde Ernst nicht. Die Abendunterhaltungen im Zimmer oder in der Kantine sahen ihn kreuzvergnügt. Als Vorsinger und Stimmführer erfreute sich Ernst guten Rufes bei allen liederfrohen Seelen, und wurde geschimpft, so schimpfte Ernst kräftig und überzeugt mit.

Sein liebster Aufenthalt war die Schreibstube. Feldwebel Müller war ein barscher, hitzköpfiger Unteroffizier von zwanzig Dienstjahren, gefürchtet in der ganzen Kompagnie für seine wahrhaft hanebüchene Grobheit, und dabei stark unter dem Pantoffel seiner raschen, zungenfertigen Frau Feldwebel. Unerbittlich im Dienst, zwang Feldwebel Müller doch manchmal sein faltenreiches Antlitz zu saurem Lächeln, wenn Ernst Löhner die befohlene Arbeit lange vor der Zeit ablieferte. Dafür hatte Ernst allerhand Gründe. Die Arbeit war ihm eigentlich herzlich gleichgültig. Doch die freie Zeit, die er bei früherer Ablieferung für sich herausschlug, schien ihm jede Anstrengung wert.

»Sie müssen schnell noch diese Verfügungen ausschreiben, Löhner. Ich brauch sie unbedingt. Hurtig also, daß ich morgen früh nicht aufsitze. Wenn's nötig ist, bleiben Sie über Zapfenstreich hier in der Schreibstube. Der Unteroffizier vom Tag wird verständigt. Los, los.« Viel eher, als Feldwebel Müller ahnte, war die Verfügung ausgeschrieben. Doch blieb Ernst ruhig in der Schreibstube sitzen, rauchte in das gelbe Gaslicht und reimte lustig drauflos. Er hatte ja Zeit, und der Zapfenstreich, der eben vom Spielmann hingebend geblasen wurde, galt nicht für ihn. Nur wenige Minuten fehlten auf Mitternacht, als Ernst seine lange Epistel beschloß. Sie gefiel ihm ausnehmend, denn kein einziger unreiner Reim warf einen Flecken auf das saubere Versgewand. Zufrieden mit der Leistung, öffnete er das Fenster und ließ mit dem Rauch auch die Muse entschweben.

Dichtende Soldaten sind lächerlich und rührend. Das waren aber gerade Eigenschaften, die Ernst Löhner gar nicht schätzte. Er verkramte jedes Zipfelchen Poesie vor anderen Augen und war sehr bestürzt, als ihm Feldwebel Müller eines Tages doch ein Papier unter die Nase hielt und davon mit entsetzlich falscher Betonung ablas:

Heraus, o nur heraus aus diesem Schwarm
der Allzuvielen und des Allgemeinen,
der dumpfen Seelen, bettelhaft und arm,
die das zu sein nicht wagen, was sie scheinen.

In diesem Stil ging es durch ein Dutzend Strophen fort. Der Feldwebel rückte die Brille weiter die Stirn hinauf, schnaubte in das ungeheuerlich rote Nasentuch und fragte verlegen und vorwurfsvoll, was das eigentlich zu bedeuten habe. Ernst schwitzte vor Scham und Unbehagen, und redete sich auf den unbekannten Dichter hinaus, von dem er die Verse abgeschrieben hätte. Hinterher nahm er sich selbst bei den Ohren und schalt sich einen elenden Feigling, der seine eigenen Kinder verleugnet, weiter begutachtete er, in Zukunft nie wieder eine Handschrift in der Kompagniekanzlei liegen zu lassen. Er fühlte sich einige Wochen von seinem Feldwebel mißtrauisch beobachtet.

Buchstadt ist ein herrliches Stückchen Welt, wenn die Sonne heiß auf den Fluß schien und in jeder Welle aufleuchtend strahlte, die Wälder grün rauschten und der blaue Himmelsbogen um die Höhen schwang, war es schön, Posten zu stehen, und in guter Ruh vor dem langen Gartenzaun auf und ab zu gondeln, die gelben Kuhblumen zu hüten und sich vorzustellen, man sei eigens da, den Frühling zu bewachen. In der Nacht flegelte der Mond breit auf den Sandwegen, rauschte das Wehr der nahen Mühle träumerisch, und köstlicher Harzduft wehte von den Wäldern, die starr und schwarz überm Fluß standen. Da schnallte man den Leibriemen zwei Loch weiter, klemmte das Gewehr unter den Arm und pfiff sich leise eins von den guten, alten Volksliedern.

Ernst zog gern auf Wache. Einen ganzen Tag lang frei und über alle anderen gestellt sein, denken, was man wollte, und wieviel man wollte, dem langweiligen Gamaschendienst zuschauen und selbst nicht mitzutun brauchen: er verstand, weshalb der lose Soldatenmund sang: Arrest und Wachen sind beim Haufen die feinsten Sachen ... Ernst brannte seine zwei Stunden, haschte in guter Weile Verse, wie andere Mücken fangen, und drosch in der Wachtstube mit den Kameraden Schafskopf, wenn er nicht lieber auf der Holzpritsche lag und sich seine gesammelten Werke abhörte.

Vollkommen war das Glück, wenn Ernst mit dem Einjährigen Weiß aufzog. Der junge Lehrer war selbst ein heimlicher Dichter und deshalb entzückt, eine verstehende Seele in Ernst zu finden. Hockten sie in einem Winkel, so stießen sich die anderen Leute prustend in die Rippen, tippten bedeutungsvoll ihre Stirn und schwangen die Hände in großartigen Gebärden durch die Luft. Die beiden Reimer achteten längst nicht mehr darauf, stritten sich die Köpfe warm über die Reize von Sonetten, Ghaselen, Ritornellen und Blankversen, wobei Ernst fast ständig den Widerpart hielt, und einigten sich nach Stunden auf einen Versuch mit lauter männlichen Reimen. Der Einjährige Weiß kniff die unwahrscheinlich blauen Märchenaugen ein, was seinem guten Bubengesicht vortrefflich stand, und dichtete, daß jedes Haar auf seinem Haupte dampfte. Unterdessen stoffelte Ernst seinen Posten vorschriftsmäßig ab und tat desgleichen. Die Ergebnisse wurden nachher verglichen und unter großem Aufwand von Fachworten gegen Neid und Mißgunst verteidigt.

Ein herrlicher Sommerabend fand unsere beiden Dichter wieder vereint auf Kasernenwache. Man hatte den halben Nachmittag weidlich Kunst und Literatur gepaukt und war endlich beim guten, alten Vater Claudius gelandet, den Weiß eifervoll rühmte und eine Seele von deutschem Menschen und Dichter hieß. Die Sonne rollte über die messerscharf vom Abendhimmel weggezackten Firste und Dächer Buchstadts, schwebte wundervoll leicht und frei in goldsprühenden Nebeln und sank plötzlich weg wie verschluckt. Das uralt herrliche Schauspiel hatte ergriffene Zuschauer.

Um Mitternacht drückte Ernst dem Einjährigen ein verknülltes Papier in die Finger. Er las:

Die Sonne geht zur Rüste,
nimmt nach der goldnen Küste
des Abends Ziel und Lauf.
Nun steigen mit den Sternen
aus unbekannten Fernen
Gefühle, fremd und wunderlich, herauf.
Des Tages Vollgesichte
verblassen mit dem Lichte
und gleiten aus dem Raum.
Ich stehe und empfinde,
wie ich mir selbst entschwinde
und tastend wandle zwischen Tag und Traum.

»Menschenskind, das ist ja prachtvoll! Das ist ja so schön wie heut abend, als die Sonne unterging und wir nachgeschaut haben ... Mensch, Löhner, Sie sind ja ein wirklicher Dichter ... Ich möchte das auch so sagen können ...«

Er war ein wirklicher Dichter? Schafskopf! Das hätte er doch schon längst sehen können, der gute Freund Weiß. Aber er glaubt halt doch auch, ein Lehrer müßte so was besser können. Nun sollte er aber sehen, wie ein wirklicher Dichter sich benimmt.

»Das ist doch gar nichts Besonderes ... Sie müßten erst meine wirklichen Gedichte kennen. Sonnenuntergang, was denn? Das haben schon hundert andere gesehen und gedichtet. Aber ich will, was noch keiner gesehen und gesagt hat. Kennen Sie Hebbel? Das ist ein Kerl. Dem muß man es gleichtun.«

Natürlich war Ernst im Grund sehr stolz auf die Anerkennung, doch diese Freude zeigen, schien ihm unwürdig. Er sprach breit und hochtrabend von Auffassung und Anschauung, von der Idee im Kunstwerk und wie sie beschaffen sein müßte, von den Dichtern, die nur leiern, weil sie nicht denken können, und von vielem, was er sich in den letzten Jahren kraus und bunt zusammengepflastert hatte. Der Einjährige ließ verwundert den Redestrom über sich erbrausen, flammte selbst auf, als Ernst Mörike einen butterweichen Säusler nannte, und balgte sich bis zum Morgengrauen mit ihm um die Preisfrage: Was ist ein vollkommenes Gedicht? Ernst hatte »Über allen Wipfeln ist Ruh« angeführt, die »Zwei Wandrer« Hebbels, »Kilchberg« von Meyer und hatte wütend bestritten, daß Schillers »Glocke« ein Gedicht, daß Schiller überhaupt ein Dichter ist. Sehr gekränkt forderte Weiß Widerruf dieser Ketzerei und pries Schiller als den größten deutschen Dichter. Ernst verwahrte sich feierlich gegen diese Einschätzung. Kleist, Grabbe, Georg Büchner und Hebbel wären viel größere Dichter als Schiller, der ja für Schulkinder ausgezeichnet geeignet, für selbstdenkende Menschen jedoch längst überwunden sei. Der Einjährige gestand, Grabbe und Büchner gar nicht, Kleist und Hebbel nur teilweise zu kennen, und mußte eine begeisterte Lobrede auf die vier »hellsten Sterne am deutschen Dichterhimmel« anhören.

Es geschah zum erstenmal, daß Ernst über die wichtigste Angelegenheit der Welt – das waren Kunst und Künstler für ihn – mit einem anderen Menschen sprach. Bisher hatte er sich alles selbst vorgeredet, hatte auch den Widerspruch aus sich selbst geholt und war überzeugt, keinen besseren Zuhörer zu finden als sich. Der Einjährige Weiß sah vieles anders. Ein lieber, für Schönes begeisterter Mensch war er dank behüteter Jugend und ruhiger Entwicklung nicht von der krassen Einseitigkeit Ernst Löhners, der in der Welt weiter nichts suchte als das eigene Bild. Er fand bald heraus, daß Ernst mehr dachte, als gut war, überhaupt das Denken stark überschätzte und aus dieser Überschätzung unduldsam wurde. Dagegen suchte er auf seine Weise zu wirken. Er wies Ernst Löhner an die Musik als die unmittelbarste Kunst.

Ernst war platt. Musik? Das ist doch ein ganz sinnloses Geräusch von Schafsdärmen und Roßhaaren, Messingblechen und Holzlöchern. Er lehnte es leidenschaftlich ab, zuzugeben, daß Musik die unmittelbar ansprechende Kunst sein soll.

»Sagen Sie doch selbst: Was bleibt von einem Konzert, selbst wenn klassische Musik gespielt wird? Man duselt in allerhand unbestimmten Empfindungen, besinnt sich umsonst, warum gerade jetzt die Trommel Lärm machen muß, und sieht die komisch aufgeblasenen Backen des Flötisten in der ernsthaftesten Musik ... Stecken die Musiker ihre Instrumente in den Sack, dann ist alles aus und vorbei. Man hat eine Stunde wirren Lärm gemacht, hat niemandem etwas gesagt und heißt das dann eine Kunst. Ich halte nur das für Kunst, was mir einen neuen Gedanken gibt, was mir den Sinn der Welt deutlicher macht, und was mich klüger gehen läßt, als ich gekommen bin. Ich finde, die Musik verschleiert geradezu den Sinn der Welt, schwächt den Willen zum Denken und ist eine Erbauung für Kinder und junge Mädchen ... Wenn in der Welt mehr gedacht und weniger Trompete geblasen würde, hätten wir alle Nutzen davon.«

Ob er denn ganz unmusikalisch sei, nie selbst Geige oder Klavier gespielt und dabei gar nichts empfunden habe? ... Ernst runzelte finster die Brauen. Er hörte die Musik seiner Jugend. Die grelle Stimme der Mutter, das Kreischen windschiefer Türen, das Rasseln von Ketten! Er könne sich nicht erinnern, jemals von Musik ergriffen worden zu sein.

»Ich bin mit Musik aufgewachsen. Daheim hat es Musik gegeben, solang ich denken kann. Der Vater war Lehrer und hat seine Geige fast jeden Abend am Fenster gespielt. Das ist die schönste Erinnerung meiner Kinderzeit. Ich liebe gute Musik über alles, spiele selbst, so gut es gehen will, Klavier und kann ganz vergehen über eine Sonate von Chopin ... Ich will Ihnen nicht wehe tun, Löhner, aber ich halte einen Menschen für arm, der nichts für Musik empfindet.«

Er täte ihm gar nicht weh, dürfte aber auch nicht übelnehmen, daß er in seinen Augen eben ein Mensch sei, der sich die Gedanken aus dem Kopf dudeln läßt, weil er nicht denken will oder nicht denken kann. Es stehe für ihn fest, daß die Musik bei den Künsten nichts zu suchen hat. Sie ist ein Gewerbe, schlau genug erfunden, die Menschen dumm zu halten. Das sehe man doch überall. In der Kirche wird musiziert, beim Militär, bei Hochzeit und Kirchweih, überall, wo gewisse Leute Vorteil davon haben, daß die Menschen in das Quieken und Schmettern vernarrt sind, statt zu denken, wo sie sind und wozu sie da sind. Keinem Menschen falle es ein, gute Gedichte in Kirchen und Kasernen vorzutragen. Bei Gedichten läßt sich etwas denken, und Denken ist unerwünscht.

Die Verdammung der Musik durch Ernst Löhner und ihre Verteidigung durch den Einjährigen Weiß geschah von beiden aus heißem Trieb zur Wahrheit. Ernst widerlegte jeden guten und begründeten Einwand durch zwei noch besser erklügelte Vorwürfe und begab sich auf wunderliche Abwege, seinem Mangel die Farbe eines Vorzugs anzuschminken. Im Grund war er doch nicht voll überzeugt von der Wertlosigkeit der Musik. So manches liebe Mal war er selbst nach hartem Marsch aufgelebt, wenn die Musik des Bataillons eingesetzt hatte. Daß eine Kraft von der Musik ausging, ließ sich nicht bestreiten, um so eifriger deutete Ernst deshalb die Wirkung dieser Kraft als lähmend und schwächend aus.

Lehnte Ernst nun auch die Musik selbst ab, die Gespräche über ihren Sinn und Zweck führte er lebhaft und voll Anteil. Triumph, wenn es gelang, Freund Weiß auf seine Seite zu ziehen! Wenn sich der Gedanke stärker erweisen würde als der Ton und ein neuer Gläubiger gewonnen würde für die allein seligmachende Kraft der Idee. Ernst führte die Sache mit Eifer und Nachdruck, setzte Weiß Gründe und Zwittergründe vor und erschien sich sehr verdienstlich in dieser verneinenden Stellung. Nicht zur Musik allein, auch zu vielem anderen in der Welt sagte Ernst unbedingt »nein«. Er war geneigt, der Schöpfung in Bausch und Bogen weise Zweckmäßigkeit abzusprechen, und versah die Hefte des lieben Gottes reichlich mit roten Fehlerzeichen.

Daraus entwickelten sich viele Reden und Widerreden, denn Weiß ergriff die Partei des lieben Gottes und fand die Welt wohl und weislich geordnet. Es warm da zwei wackere deutsche Schädel beisammen. Jeder suchte dem anderen weiszumachen, er wisse, wer der liebe Gott ist. Der Gewinn für Ernst Löhner lag in einer neuen Richtung, die sein Blick nahm. Die letzten vier Jahre hatte er immer auf der Stelle getreten. Was er nicht betrat, war nicht in der Welt. Daß die Welt doch größer sein müsse als sein Gehirn, daß auch unter anderem Haar gedacht, unter anderem Hemd gefühlt wurde, und daß es besser war, nicht alle Türen in die Welt zu vernageln, bedachte Ernst zuweilen.

Die Dienstzeit ging zu Ende. Ernst wunderte sich oft, wenn er zurückdachte. Nie vorher hatte sein Leben diesen starken, kräftigen Pulsschlag gehabt. Nie war Zeit so schnell und brausend durch ihn geströmt. Sann er über die zwei Soldatenjahre, so drängte sich die Erkenntnis vor, ein neuer, ein ganz anderer Mensch sei in seine Haut gewachsen. Wo war die Scheu geblieben vor Menschen und fremden Zuständen? Er konnte freier in die Welt blicken, seit er vorgefaßte Gedanken wegschob, die zwischen seinem Sinn und dem wahren Bild der Welt standen. Er war zweifelnd geworden, ob es wirklich seine Vorstellung von der Welt war, die er diese Jahre her bildete. Hatte er nicht Grabbe oder Hebbel auf die Nase gesetzt und durch sie das Leben wie durch eine Brille gesehen? Ein Gefühl langsamen Erwachens reckte sich, dumpf und schläfrig noch manchmal, und willens, wieder hinzusinken in wüsten Halbschlaf, wach zu werden, den Tag zu grüßen, der schon ungeduldig die hellen Schwingen regte, war Ernst Löhners Sehnsucht, die er brütend mitnahm in die Vaterstadt ...

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