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Der Held im Schatten

Karl Bröger: Der Held im Schatten - Kapitel 8
Quellenangabe
type
authorKarl Bröger
titleDer Held im Schatten
publisherEugen Diederichs
printrunAchtes bis zwölftes Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150702
projectide8bcfdaf
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Der nackte Mensch

Auch der Winter nahm ein Ende. Ernst kannte keinen schlimmeren, solange er zurückdachte. Er hatte gehungert und gefroren, hatte manchen Tag den Hund um sein Fell beneidet, und war elend herunter, seit die Pforten von Haus Hohburg hinter ihm zugefallen waren. Aber er triumphierte. Einen solchen Winter überstehen, allein auf sich angewiesen, ohne Heim und Anhang, ohne liebende Sorge und herzlichen Zuspruch, hieß ein Wesen von Stahl sein. Er hätte leicht warm und gesättigt sein können. Manches liebe Mal waren ihm Kameraden von Hohburg über den Weg gelaufen, um ihn einzuladen, bei einer kitzlichen Sache mitzutun. Er wollte nicht, weil er einen Weg in der Welt sah, den er gehen wollte. Nicht Angst vor der Polizei hielt Ernst zurück. Er folgte seinem wahren Wesen, triebhaft, tastend, nachtwandlerisch noch, aber jeden Tag bewußter und einsichtsvoller.

Der Weg lag nicht eben und kurvenlos vor Ernst. Krümmungen und Senkungen hielten den Schritt oft zweifelnd an. War er nun recht oder ging er doch verirrt? Dann sprach wieder die Stimme: Geh deinen Weg und laß die Leute reden.

Es war wilde Gärung in Ernst Löhner diesen ganzen Winter durch. Zu Zeiten schwankte er und trat neben den festen Grund. Ernst zerfloß manchmal ins Wässerig-Wesenlose. Dann brauchte es nur einen Druck der Außenwelt, um wieder in feste Form zu gerinnen. Die Welt von außen, sein harter Wille von innen waren Kräfte, zwischen denen fauchend und zischend die glühenden Massen der brodelnden Seele eingepreßt flossen.

Ausbrüche gab es immer noch. Der siedende Stoff wallte zornig über. Ernst haßte die Ordnung, die er um sich sah, haßte Menschen in guten Kleidern und mit zufriedenen Gesichtern, und tat ihnen Tort, wo er konnte. Der Krieg mit der Polizei ging heftig weiter. In ihr verabscheute Ernst Löhner jene Macht, die zu bessern unfähig, ihn und seinesgleichen nur jagen und hetzen konnte. Menschenjäger hieß Ernst jeden Schutzmann, und als Polizei galt ihm, was irgendwie für Ordnung, Sicherheit und Gesetzmäßigkeit Sorge trug. Ihnen blieb Ernst Löhner zunächst noch unlieb bekannt. Jeder öffentliche Auflauf fand Ernst im wildesten Strudel. Hatte ein Polizist mit einem Menschen zu schaffen, so stellte sich Ernst unbesehen gegen die Polizei. Ging Ernst nachts an einer Wache vorüber, so pfiff er schrill auf den Fingern oder auf dem Schlüssel, donnerte an die eisernen Rollbalken und bestand heftige Wortgefechte mit den so gestörten Wachmännern. Es wurde keine Polizeistunde in einem von Ernst besuchten Gasthaus geboten, gegen die er nicht höhnisch Verwahrung einlegte. Kurz: Ernst Löhner glaubte fest, gegen die Polizei hat der Mensch immer recht. Ein gutes Dutzend kleinerer Strafen von einigen Tagen bis zu einem Monat Gefängnis war die Wirkung dieses Glaubens. Sie schreckte ihn gar nicht, fachte seinen Eifer im Gegenteil an. Ernst legte sich selbst diese Strafen als ehrenvolle Zeugnisse einer aufrechten und kampflustigen Männlichkeit aus, und fand für diese Deutung in seinem Kreis reiche Zustimmung.

Drei Wochen saß Ernst eben wieder im Vollzugsgefängnis ab, munter gelaunt und fest entschlossen, nächstens einige Fenster der Polizeiwache einzuschlagen. Früh erschien der Aufseher, entfaltete ein feierlich aussehendes Schriftstück und verlas einige Namen. Die Verlesenen mußten zur Musterung. Um zehn Uhr sei Abfahrt. Musterung? ... Schattenhaft erinnerte sich Ernst, vor mehreren Monaten einen Befehl erhalten zu haben, der ihn zur Musterung lud. Befehl? ... Das stellten sich die Herrschaften ja recht einfach vor: Man pfeift und der Hund gehorcht. Ernst hatte seine Wohnung nicht gemeldet, weil er nirgends ständig wohnte, hatte das Papier in einen Ausguß geworfen und sich dabei gedacht: Fangt ihn, dann habt ihr ihn. Der Musterung war er fern geblieben. Er und Soldat! Lachhafte Vorstellung!

Der Wagen fuhr vor, von lautem Johlen der schon kräftig angebeutelten Vaterlandsverteidiger empfangen. Ernst streckte einem Brüller die Zunge heraus, drohte unmißverständlich einem anderen Prügel an und schritt herausfordernd durch die Gasse der besoffenen Hänse. Er war aufgelegt, dem nächsten, der zu nahe kam, eins auf den Schädel zu geben, daß die Ohren wackelten. Was wollten die Maulaffen mit ihrem blöden Gebrüll? Sie wußten ja gar nicht, weshalb er eingelocht war.

Die handfeste Laune dauerte nur kurz. Als Ernst sich auskleiden sollte, schämte er sich ganz furchtbar. Das Hemd, wußte er, war zerfetzt, und mit diesem Hemd vor die nett gekleideten jungen Leute zu treten, schien ihm schrecklich, nachdem er eben noch so forsch aufgetreten war. Blutsauer wurde ihm das Ablegen von Rock und Hose, und er glaubte, hundert Augen auf das löcherige Hemd und die nackten Hautstellen gerichtet. In der Tat scherte sich kein Mensch um sein trauriges Hemd.

»Sie sind doch gesund? ... Natürlich sind Sie gesund. Mit ihrer ausgezeichneten Lunge muß man ja gesund sein ... Rechten Fuß hoch! Linken Fuß hoch! ... Tauglich, Infanterie!«

Ungläubig guckte Ernst dem untersuchenden Arzt ins Gesicht. Er sollte Soldat werden! Aber das ging doch gar nicht. Zum Teufel, woran dachte der Doktor denn. Jetzt, wo er eben im Begriff war, langsam an die Oberfläche zu kommen, wollte man ihn wieder einstecken. Das sollte ihnen nicht gelingen. Bis zum Oktober laufen viele Züge nach Hamburg. In einem wird Ernst Löhner sitzen, ihr werten Herren! Vor ihm war ein kräftiger, breitbrüstiger Bursch gemustert und zurückgestellt worden. Wenn solche Bären freikommen, sollte er sich zwicken und drillen lassen? Aber in das Widerstreben mischte sich doch auch ein klein wenig Eitelkeit. »Man ist doch ein Kerl, gesund, gerade gewachsen, schlank und sehnig wie ein Windhund, nicht umzubringen ...« Ernst hatte im Grund eine angenehme Empfindung. Es schien ihm eine Bestätigung seiner Kraft und Ausdauer, ein verheißungsvolles Zeichen für die Zukunft.

Nach fast dreijähriger Flucht kehrte Ernst Löhner in den Zwinger zurück. Daß er einrücken mußte, hatte Wunder bewirkt. Man wollte ihn die paar Wochen noch daheim haben, ehe er in den kleinen, hundert Kilometer entfernten Standort verzog. Dem Vater, der selbst gern an seine Soldatenzeit dachte, rückte Ernst Löhner durch die Aushebung wieder näher. Daß er zum Soldaten taugte, galt als teilweise Wiederherstellung der Familienehre, die Ernst bisher so schlecht gewahrt hatte.

Die häuslichen Verhältnisse waren gediehen, wie es im Zwang der Umstände beschlossen lag. Vater und Mutter lebten schlecht zusammen. Zwei Kater in einem Sack konnten nicht mehr aufeinander fauchen. Ernst betrachtete den Vater nach der langen Trennung nachdenklich. Er fand ihn zermürbt, aufgeschwemmt und innerlich angefressen. Der starke Mann bröckelte ab und glich einem Haus, das langsam, aber unaufhaltbar aus den Grundmauern weicht. Weniger Wandlung zeigte die Mutter. Ihr Gesicht war noch spitziger geworden, die dünnen Lippen verschwanden fast im Gesicht und in der Stimme, von jeher scharf und schrill, schwang ein Oberton streitsüchtiger Unzufriedenheit.

Ernst beschloß, den Riß in der Familie nicht zu erweitern. Er nahm Arbeit, wo er sie fand, biß die Zähne hart zusammen und wich dem Zank in weitem Bogen aus. Für die Mutter war er nur Rechenposten. Sie kümmerte sich bloß um sein Tun und Lassen, wenn er Geld abliefern sollte. Um ihr keinen Pfennig schuldig zu bleiben, überwand Ernst Leichtsinn und Lässigkeit, und arbeitete geregelter als je vorher. Heimisch fühlte er sich jedoch nur mit dem Vater zusammen im Wirtshaus. Sie verabredeten insgeheim diese Gänge, trafen sich beim Bier und spielten Karten bis in die erste Frühe. Arm in Arm schwankten sie einträchtig heim, schüttelten die Schauer des häuslichen Gewitters kaltsinnig ab, und redeten der Mutter gemeinsam zu, sich aufs Ohr zu legen und den Rest auf den anderen Tag zu sparen. Den Vater glaubte Ernst jetzt zu verstehen. Seine wortkarge Verschlossenheit, die unbeholfene Schwermut des gutartigen Menschen, der schweigend alles hinnimmt, was das Leben bringt, berührten Verwandtes in ihm. Nur die haltlose Schwäche der Mutter gegenüber brachte ihn auf. Dieser Hüne von Mann flatterte wie ein Lappen im Wind, wenn die scharfe Stimme zeterte. Ernst wollte wissen, wie man mit der Mutter umzugehen hatte. Er war grob und barsch mit ihr, schnauzte sie an und erreichte durch hartes Zugreifen wirklich, daß sie sich besser beherrschte. Der Vater müßte es nur auch so halten, ging's nicht anders, mit der Faust dreinschlagen, sie würde schnell kuschen und ihre unausstehliche Zunge zügeln. Als Ernst entschieden dafür eintrat, daß er endlich die Hosen anziehe, schüttelte der Vater abwehrend den Kopf. Es war zu spät.

Dachte Ernst an die letzten drei Jahre, so hielt er immer für großes Glück, nicht daheim gewesen zu sein. Diese Zustände hätten ihn noch mehr in die Tiefe getaucht, hätten ihn wohl überhaupt nicht mehr über Wasser kommen lassen. Beinah ungeduldig rief er jetzt den Einrückungstag herbei, der ihn auf weitere zwei Jahre diesem Kreis von Haß, Zank und Raserei entzog.

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