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Der Held im Schatten

Karl Bröger: Der Held im Schatten - Kapitel 5
Quellenangabe
type
authorKarl Bröger
titleDer Held im Schatten
publisherEugen Diederichs
printrunAchtes bis zwölftes Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150702
projectide8bcfdaf
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Die Insel der Verlorenen

Eines Tages wurde Ernst geschnappt. Die Polizei hatte diesmal leichtes Spiel, denn er tat gar nichts, ihr zu entgehen. Als er im grünen Wagen saß, lehnte Ernst müde den Kopf an die harte Bretterwand und schloß die Augen, ohne sich um die Gesellschaft im Wagen zu kümmern.

Weihnachten war ganz nahe, als Ernst Löhners Fall zum gerichtlichen Aufruf kam. Die Untersuchungshaft hatte Ernst mit alten Bekannten zusammengeführt, die ihm einen hübschen Knast (Strafe) voraussagten und dringend empfahlen, nichts einzugestehen, was nicht hoffnungslos nachgewiesen sei. Daran dachte Ernst eben und gab auf die Frage des Vorsitzenden, ob er sich schuldig bekenne, keine Antwort. Die kalten, scharfen Augen des Gerichtsrates stachen in seinem Gesicht herum. Der Mann war unangenehm, und Ernst beschloß, nun erst recht bockig und mundfaul zu sein. Zu leugnen gab es eigentlich nichts, denn der Fall lag sonnenklar. Doch wollte Ernst den Herren auch nicht die Freude eines gar zu schnellen Urteils bereiten. Sie sollten ihr Gehalt nur verdienen.

Die gesamte Zeugenschaft wurde verhört. Ernst verstand nicht recht, warum die Leute wütende Blicke nach ihm warfen und herzlich Lust bezeugten, ihn zu prügeln. Sie klagten doch; er hatte das Gericht nicht bemüht. Die Fragen des Vorsitzenden und des Anklägers beantwortete Ernst mit Kopfschütteln, Achselzucken und Gesichtsverrenkungen. Aber kein einziges Wort kam über seine Lippen. Er frohlockte innerlich über die flehenden Blicke der Herren, die den stummen Sünder zweifelvoll prüfend musterten.

Zehn Monate Gefängnis, lautete der Spruch. Ernst erschrak nicht. Kundige hatten ihm ein Jahr mindestens vorausgesagt. Das waren aber immer noch zwei Monate weniger. Die Zellengenossen wünschten Ernst Glück zu diesem Ausgang und meinten, der Herr Staatsanwalt müßte entschieden seine gutmütigsten Hosen angehabt haben.

Zum heiligen Abend wurde Ernst eröffnet, er würde noch heute in das Gefängnis Hohburg abgeschoben. Gern hätte Ernst Weihnachten in seiner vertrauten Zelle gefeiert, wenn es aber nicht sein sollte, gut!

Ein untersetzter Mann führte Ernst zum Bahnhof. Die wappengeschmückte Mütze war das einzige Abzeichen seiner Stellung. Den derben Knotenstock hätte auch ein Viehtreiber tragen können. Vor dem Abgang hatte der Mann Ernst Löhner einen Revolver gezeigt und eine Schließkette und ihn ermahnt, vernünftig zu sein. Es mache ihm selbst keine Freude, aufzufallen, wenn er einen gefesselten Menschen heut am ersten Weihnachtstag durch die Straßen führte. Diese ruhige, nicht ohne Teilnahme vorgebrachte Aufklärung rührte Ernst, warum sollte er sich und dem Mann, der doch auch nichts für sein Amt konnte, Schwierigkeiten machen?

Der Weg ging mitten durch die Stadt. Ein Gemisch von Schnee und Schmutz quatschte unter den Schritten. Ernst hielt den Hals steif, schaute unternehmend in die Welt und warf die Blicke der Menschen kühl zurück. Sein Wächter spann ein Gespräch an, wie Ernst dankbar zu merken glaubte, um jedes Aufsehen zu vermeiden. An der alten Georgskirche vorbei, die belebte Bahnhofstraße aufwärts und über den Bahnhofplatz weg durch ein Seitenpförtchen zum Zug. Diesen Weg ist Ernst Löhner später noch hundertmal gegangen, ohne einen Begleiter mit Revolver und Schließkette, von Bekannten freundschaftlich begrüßt, und in dem sicheren Bewußtsein des Menschen, dessen Leistungen auf den Fortschritt der Welt zielen. Jetzt wurde ihm doch jeder Schritt schwerer, die alten Mauern und Türme nickten teilnahmsvoll, und der Stadtwall, kahl und schwärzlich im Winterdunst, würde einen Frühling blühen, den er nicht sah ...

Von der Bahn ist eine halbe Stunde Weg nach dem Gefängnis Hohburg. Ernst Löhners Reisebegleiter übernahm noch einen Häftling, und da er wohl nicht für geraten hielt, beide frei wandern zu lassen, schloß er sie mit den Handgelenken aneinander. Der Kamerad war ein großer, schwerer Mensch und kam mit neun Monaten Gefängnis aus einem anderen Gerichtsbezirk. Er murrte dumpf bei jedem zweiten Schritt, fluchte halblaut auf Staat, Polizei und Gericht und zerrte unwirsch an der Kette, wenn Ernst es gar zu eilig hatte.

Ein fahlgelbes Haus lagerte breit und wuchtig am Abschluß der Landstraße. Ein altes Kloster, dachte Ernst. Der Kamerad beugte sich leicht herüber, stieß Ernst an und grollte: »Das Kittchen!« Ernst wußte, daß damit das Gefängnis gemeint war, und heftete den Blick gespannt auf den Bau, der ihm für ein kleines Jahr Heimat und Welt sein sollte.

Drei Soldaten standen vor dem Eingang. Ein Posten pendelte die Stirnseite des Gebäudes auf und ab, guckte gelangweilt nach den zwei Ankömmlingen und drehte knirschend auf dem derben Absatz dicht vor Ernst um. Ein enger, finsterer Flur empfing sie. Es roch dumpf und faul, und plötzlich guckte Ernst daheim im Zwinger aus dem Wohnungsfenster in den Hof, wo die Dunggrube noch immer zum Himmel stank. Einen mächtigen Schlüsselbund an der Seite, tauchte überraschend ein Aufseher aus dem Halbdunkel. Der Mann hatte falsche, lauernde Augen, einen spöttischen Zug im Gesicht und den schleichenden, unhörbaren Gang großer Katzen.

»Was sind denn das für Vögel? ... Wie lang' hast du?«

Ernst begriff nicht gleich, daß er gemeint sei, war überhaupt ganz benommen von den Eindrücken und schwieg. Der Oberaufseher fuhr ihn barsch an, ob er wohl das Maul verloren habe. Er würde ihn nicht immer zweimal fragen. Ernst gab die verlangte Auskunft, wurde mit einigen spitzigen Anwürfen wegen seines Alters, seiner mangelnden Arbeitslust, überhaupt seiner echt großstädtischen Verdorbenheit bedacht und vernahm staunend, daß man ihn hier schon ziehen werde. Das dürfe er gern glauben.

Nachdem alles in einen Sack gesteckt worden war, was er mitgebracht hatte, kam Ernst in einen Raum, den vier oder fünf Kerle in grauweißen Drillichkleidern bevölkerten. Einer davon winkte Ernst heran, fragte ihn nach Herkunft, Sünde und Strafe aus und meckerte höhnisch, als Ernst gedrückt seine zehn Monate gestand.

»Da wirst du nicht alt bei uns, Junge! ... Zehn Monat! Dafür gibt es nicht mal einen Löffel. Bis du richtig essen willst, ist die Zeit ja schon vorbei ...«

Was die Kerle eigentlich wollten, ging Ernst nicht ein. Sie tasteten ihn frech und zudringlich von Kopf zu Füßen ab, rissen Witze über sein Aussehen und hätten wohl noch länger fortgemacht, wäre nicht urplötzlich der Oberaufseher dagestanden. Wie der Mann eigentlich ging, war sein eigenstes Geheimnis. Er war da und war fort, plötzlich und unverhofft, ohne daß man einen Schritt hörte. Die Sträflinge verstummten, krümmten sich schlangenhaft und glitten um den Aufseher, der mit grauen, rohen Augen jede Bewegung verfolgte.

»Was treibt ihr denn da? Schneid' dem Zugang das Haar, und du schaff' die Uniform her. Aber schnell, sonst mach' ich euch Beine ...«

Ernst fühlte das kalte Eisen im Genick. Sein langes, eitel und hingebend erhaltenes Haar fiel auf die Steinfliesen, und ehe fünf Minuten um waren, stand Ernst kurz geschoren vor dem Aufseher, der ihn befriedigt umdrehte.

»So, und jetzt in die Uniform, dann bist du, wie du sein mußt.«

Das grobe, dickfaserige Hemd scheuerte auf der Haut, und die Hosen waren viel zu lang; ratlos wog Ernst ein meterlanges Tuch in der Hand, bis ihm bedeutet wurde, das sei um den Hals zu tragen.

Ernst Löhner merkte überrascht, daß gleiche Kleider schnell gleiche Menschen schaffen. Sein Anzug hatte gar nicht zu dieser Welt gepaßt. Jetzt fühlte er sich vertrauter und heimischer, und da ihm auch noch die flache Mütze aufgestülpt wurde, unterschied er sich gar nicht mehr von den anderen Sträflingen. Büßer sehen sich zum Verwechseln ähnlich, und jeder ist der Doppelgänger aller anderen.

Durch einen langen, trüben Gang schritt Ernst hinter dem Oberaufseher drein. Dumpf polterndes Rasseln brandete an den Wänden hoch, schauerlich den Hall verschollener Zeiten weckend. Ein großer, wild blickender Sträfling kam ihnen entgegen; er setzte die Beine zwangvoll nach den Seiten; über den Knöcheln wuchteten breite, schwere Eisenringe, durch eine dicke Kette verbunden. Bei jedem Schritt klirrten die Ringe laut und klagend.

»Der Bruder hat ausbrechen wollen. Dafür hat er die Springer gekriegt und kommt vier Wochen in strengen Arrest. Schau dir's nur genau an. Vielleicht vergeht dir die Lust aufs Durchbrennen. Man hat schon Mittel, euch Bande zu zwingen.«

Die hämische, aufreizend bösartige Stimme des Büttels peitschte Ernst aus seiner Versunkenheit. Wo war er denn hingeraten? Erinnerungen stürmten auf ihn von vormals gelesenen Geschichten. Hexenhammer und peinliches Gericht, die Folterkammer, die er so oft gruselnd betrachtet hatte, Daumenschrauben und spanischer Stiefel ... das ganze Mittelalter tanzte den höllischen Reigen um Ernst Löhner, der fest die Zunge zwischen die Zähne nahm, um nicht aufzuschreien. Hier lebte also noch die Grausamkeit und das Entsetzen einer Zeit, die er sonst nur an hohen, traumhaft schönen Kirchen, an heiteren, edel maßvollen Häusern, an kindlich frommen Madonnen erkannt hatte. Hier hatten sich Finsternis und Roheit ihre Burg gebaut und widerstanden allen Anläufen der Menschlichkeit und erwachter Vernunft.

Die Zugangszelle war ein großer, viereckiger Raum, dämmerig und erstickend, mit schweren Gitterrahmen an den Fenstern und einer klotzig dicken, eisenbeschlagenen Bohlentür. Halb geblendet taumelte Ernst Löhner über die Schwelle, hörte Riegel und Schlösser schnappen und blieb mit hängenden Armen wie angenagelt stehen.

»Na, bist du auch fertig? ... Laß dich anschauen, wie du hergerichtet bist! ... Pfui Teufel, Junge, schau'n wir aus! ...«

Sein Genosse vom Bahnhof war es. Er stand von einer Bettstelle gemächlich auf, ging langsam um Ernst im Kreis, den Kopf aufgebracht schüttelnd, und zog Ernst mit sich in den Hintergrund.

»Heut haben wir unsere Ruh ... Jeder Zugang bleibt eine Nacht in diesem Affenkasten. Morgen werden wir eingeteilt und kommen zu den anderen ... Junge, Kopf hoch! Durch die Tür sind wir herein, durch die Tür gehn wir auch wieder hinaus. Der Tag hat auch im Kittchen bloß vierundzwanzig Stunden ...«

Der Mann redete gern. Er fragte Ernst in fünf Minuten mehr, als in einer Stunde zu beantworten war, flocht saftige Flüche und Schmähreden auf König und Vaterland ein, ballte die Fäuste, rollte die Augen und spuckte in kunstvollem Bogen nach den hoch angebrachten Fenstern.

»Feines Weihnachtsfest, nicht? ... Himmelkreuzbombenundblutiges Kreuz! Jetzt könnten wir beim Bockbier sitzen wie andere Spitzbuben auch und mopsen uns derweil in dem Ziegenstall ... Wenn man nur wenigstens rauchen oder schnupfen könnte. Hast du nichts geladen gehabt, Junge?«

Ernst verneinte mit Kopfschütteln. Er verspürte auch nicht schlecht Lust nach einer Zigarette, und siedend dachte er daran, wie er wohl zehn Monate ohne das geliebte Laster durchhalten sollte.

»Ich hab' dafür was mit. Der bucklige Hund von Oberaufseher hat sich die Augen ja ausgeglotzt, aber gefunden hat er doch nichts. Da, nimm eine Prise. Es tut wohl. Du wirst es bald spüren ...«

Ernst nahm die Prise gehorsam. Eine Zigarette wäre ihm lieber gewesen. Der Tabak britzelte und biß abscheulich auf die Schleimhäute, doch unterdrückte Ernst heldenhaft den Drang zum Niesen, weil ihn der Kamerad inständig beschwor, doch an sich zu halten. Das Luder, der Oberaufseher, schlich sicher draußen herum, und wenn er niesen hörte, wären sie beide geliefert.

»Der Schleicher tät sich den Buckel voll lachen, wenn er uns morgen gleich zum Rapport führen könnt' ... Du gefällst mir nicht schlecht, Junge, aber ich müßte dir die Knochen entzweischlagen, käme jetzt der schielende Gauner und filzte uns nach. Ich muß meine Prise haben, sonst bin ich krank. Du wirst schon noch merken, daß hier im Haus alles auf Tabak verrückt ist, und daß sich die besten Freunde um eine Prise umbringen möchten ... Es ist nicht leicht, so was hereinzubringen, der Oberaufseher ist wie ein Teufel dahinter ...«

Grünwald, ein oberfränkischer Korbflechter, erzählte Ernst nun, wie er es angestellt habe, Schnupfpulver durchzuschmuggeln.

Im Schubgefängnis ist Tabak erlaubt. Davon tat er sich einen Teil zurück, knetete eine längliche, in Goldschlägerhaut gehüllte Rolle und führte sie tief in den After ein.

»Der windige Oberputz hätte nur was merken sollen. Ich hätte Süßholz saufen müssen, bis ich vorn und hinten in die Luft gegangen wär'. Und das bucklige Luder hätte dazu gegrinst. Aber er hat nichts bemerkt und sich umsonst die Augen ausgekegelt. Das freut mich tüchtig, Junge, weil der Oberaufseher ein hundsgemeiner Schuft ist, der uns hängt, wo er bloß kann. Nimm dich vor dem in acht ...«

Was für eine Welt! Ernst hatte sich das Gefängnis vorgestellt als eine stille, weltabgewandte, beschauliche Klause, darin irrende und verirrte Menschen über Vergangenes nachdachten und ernstlichen Vorsatz faßten, sich für ein neues Leben zu erheben. Gesetzte, reife Menschen würden den Sträflingen Beispiel und Vorbild sein in Wort und Tat, würden fest und doch mild Triebe und Gedanken auf ein sittliches Ziel richten, um den im ärgsten Verbrecher noch schlummernden Menschen wieder aus dem verhängnisvollen Schlaf aufzuwecken.

Nun mußte er gleich in allererster Stunde erkennen, daß hier ein wilder, maßlos erbitterter Krieg zwischen Häftling und Aufseher tobte, ein mit allen Listen und Finten durchgefochtener Kampf um die Befriedigung einfachster Bedürfnisse. Grünwald sprach vom Oberaufseher als von einem »Gauner« und heimtückischen »Schleicher«, und Ernst gab zu, sein Eindruck von dem Menschen bestätige diese rohen Bezeichnungen. Wie stellt man sich zu einer solchen Welt? Offenheit und guter Vorsatz sind hier wohl gänzlich verraten und verkauft. Schlau sein, anders tun, als man denkt, Minen legen und selbst vor Minen auf der Hut sein: nach diesen Grundsätzen scheint hier gehandelt zu werden.

Einige Stunden hatten Ernst Löhner und Grünwald verplaudert. Ernst gab sich vorsichtig, entschleierte nur Strecken seines Lebensganges und wußte genau, daß auch Grünwald nicht alles sagte. Er war wegen Diebstahl da, keine besondere Sache, ohne eigenen Gedanken angepackt und bald aufgekommen. Ernst lauschte den selbstgefälligen Schilderungen dieses durchschnittlichen Langfingers herzlich dankbar, weil ein Mensch sprach, ein Mensch mit menschlicher Stimme in dieser grauen, toten, Verwesung hauchenden Welt des Hauses. Hätte Grünwald einen Menschen umgebracht und es erzählt, Ernst wäre ihm nicht weniger dankbar gewesen für die Erzählung, denn zwischen diesen Mauern schien es so natürlich, daß sich die Menschen umbringen.

Bald kam die Nacht. Eher als die freie Welt draußen hüllte grauer, rauchig trüber Abend Haus Hohburg in tiefe Schatten. Die Zelle lag in dicker Dunkelheit, als noch eine Schüssel Bohnen hereingereicht und verzehrt wurde. Grünwald streckte sich gleich auf die Pritsche und schlief in kurzem fest und tief. Manchmal murmelte er im Schlaf und zischte unverständliche Worte durch die Zähne.

Die Augen groß in die Dunkelheit geheftet, lag Ernst auf dem Rücken. Die Luft kam ihm wie gemauert vor. Sie drückte hart und felsig aus alle Glieder. Klein und winzig glitten die Bilder des Tages vorüber.

Die verlassene Stadt, die auf lange verlorenen Wälle und Türme, der stampfende Eisenbahnzug in der winterlich öden und kargen Landschaft, die Soldaten vor dem Tor, der Teufel in der Uniform des Oberaufsehers ... hoch dehnte sich die Brust im Übermaß der wechselnden Fülle und des wehen Glanzes, der auf allen Dingen lag. Draußen stapfte der Posten plump die Mauer entlang, ein schlürfender, zögernd tastender Fuß im Zellengang, sonst kein Laut in der wuchtenden Stummheit ringsum.

Horch! Ein fernes, taktmäßiges Klappern, dunkeltönig und fremd! Der Mann mit den Springern lief wohl in der Arrestzelle auf und ab. Im Halbschlaf wälzte sich Ernst Löhner auf die andere Seite, zog die Wolldecke über den Kopf, dem unbarmherzigen, marternden Klirren und Klingen zu entgehen, und blieb doch an den Klang gefesselt, Stunde um Stunde, hilflos und fiebrisch den Augenblick herbeisehnend, der den ruhelos schreitenden Kettenträger einhalten hieß.

Schwindendes Wissen um sich selbst mischte das Klirren in die Erinnerung einst gehörter Weihnachtsglocken, die längst, längst versunken waren und nur noch ganz fern und schwach aus tiefem Grund läuteten ...

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