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Der Held im Schatten

Karl Bröger: Der Held im Schatten - Kapitel 3
Quellenangabe
type
authorKarl Bröger
titleDer Held im Schatten
publisherEugen Diederichs
printrunAchtes bis zwölftes Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150702
projectide8bcfdaf
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Das Argus-Haus

Herzogstraße 9 lag mitten im Geschäftsviertel. Ernst Löhner stieg die breite, läuferbelegte Treppe des Kontorhauses »Argus« zögernd hinauf. Er überzeugte sich wiederholt, am rechten Ort zu sein. Hier stand es einwandfrei zu lesen, Seite drei des Stellenanzeigers, erste Spalte: »Intelligenter, junger Mann gesucht, der rasch und gut begreift, unbedingt vertrauenswürdig ist, und Lust zu kaufmännischen Spezialarbeiten hat. Beste Ausbildung zugesichert. Vorzustellen im Kontorhaus ›Argus‹, Herzogstraße 9.«

Zu dumm! Bis zum Augenblick hatte sich Ernst im sicheren Besitz aller verlangten Eigenschaften gefühlt. Warum traute er denn jetzt dem Gefühl nicht mehr ganz? Aufgeregt den schwarzen Tuchanzug glättend, klinkte Ernst endlich im zweiten Stockwerk die Türe auf, nachdem er das Emailschild lang und nachdenklich gemustert hatte. »Auskunftei Argus« war darauf zu lesen.

Zwei scharfe Brillengläser wendeten sich Ernst zu, und eine halblaute, verbindlich flötende Stimme fragte nach seinem Begehr. Er wolle sich also um die Stellung bewerben. Herr Alfons Beißer stand auf, ging um den betroffen äugenden Ernst im Kreis und lächelte höflich.

»Haben Sie Zeugnisse, junger Mann? ... Ein Schulzeugnis? ... In Stellung waren Sie noch nicht? ... Wollen Sie mal sehen lassen? ...«

Ernst errötete freudig. Der fein gekleidete Herr hatte »Sie« gesagt.

»Na ja ... Dumm scheinen Sie den Noten nach nicht zu sein ... Aber ›tadelnswertes Betragen‹ ... Was heißt das? ... Warum sind Sie eigentlich geflogen? ... Kneipereien ... hm, hm ... Etwas früh, junger Mann, etwas sehr früh ... Sie müssen sich jedenfalls das abgewöhnen, wenn ich Sie in meinem Haus anstellen soll.«

Natürlich beeilte sich Ernst, höchst und heiligst zu versichern, er wolle ganz nach Wunsch des Herrn Alfons Beißer leben.

»Wir werden das ja sehen, junger Mann ... In unserem Geschäft sind nur nüchterne Leute zu gebrauchen, die reinen Mund halten ... Verstehen Sie mich? ... Ich will Ihnen nichts dreinreden. O nein! Wir sind hier nicht in der Schule. Aber wenn Sie bei uns warm werden möchten, lassen Sie solche Dummheiten ... Fräulein Rascher! ...«

Ein untersetztes Mädchen erschien aus dem Nebenraum. Die sommerlich leichte Bluse bauchte um die volle Brust, und die stark geschnürten Hüften wölbten sich drängend aus dem platzend gespannten Rock. Runde, feuchte Kuhaugen schauten neugierig auf Ernst.

»Ich stelle Ihnen da den jungen Mann vor, der bei uns lernen soll. Nehmen Sie ihn unter Ihre schützenden Fittiche ... was Ihnen das Fräulein sagt, haben Sie zu tun, Herr Löhner ... Jetzt gehen Sie mal gleich mit Fräulein Rascher ins Archiv. Sie wird Ihnen zeigen, was dort zu tun ist.«

Das Archiv war ein gewöhnliches Zimmer. Regale standen an den Wänden, bis unter die Decke vollgestopft mit Mappen und Kästen. Die schwarzen Pappkästen waren alphabetisch geordnet und auf der Stirnseite sauber in Rundschrift beschrieben. Diese Kisten hatte Ernst abzustauben, eine Arbeit, die ihm ein bedenklicher Anfang seiner kaufmännischen Laufbahn schien.

Es gab aber doch bald andere Arbeit als Staubwischen. Ernst erwies sich gewandt und anstellig, was Herrn Alfons Beißer Anlaß war, ihn näher an den Geist des Betriebes zu führen.

»Sehen Sie, Herr Löhner, heute ist das nun mal im kaufmännischen Leben nicht anders. Vertrauen ist eine seltene Ware, aber jedes Geschäft muß auf Vertrauen gemacht werden, weil wir nicht mehr in der guten, alten Zeit sind, wo der Kaufmann seinen Kunden persönlich kannte und in die Verhältnisse eingeweiht war. Heutzutage überschaut der Geschäftsmann seine Verbindungen kaum noch im Hauptbuch. Von einer persönlichen Verbindung kann keine Rede sein ... Dazu sind eben wir da. Wir müssen uns um die Verhältnisse aller Leute kümmern. Wir müssen wissen, wie es um den Kredit, um den Ruf, um die Familienangelegenheiten der Leute steht ... Haben Sie wohl gedacht, daß in unserem Archiv das bürgerliche und geschäftliche Ansehen der halben Stadt liegt? Eine große Verantwortung lastet auf uns. Es heißt sehr aufpassen, wenn wir nicht zu Schaden kommen sollen. Die Haftpflichtgesetze sind streng ... Wir können von den soliden Leuten nicht leben. Wer heut mit dem Kommerzienrat Blaufeld Geschäfte machen will, fragt nicht uns, sondern die Bank ... Aber da haben Sie den Agenten Rothfuß. Der Mann ist schon dreimal verkracht und hofft noch dreimal pleite zu gehen, wenn er gesund bleibt. Bei Gott und der Welt bestellt er. Zahlen kann er nie. Jede Woche laufen sechs Anfragen nach Rothfuß ein, jede zu zwei Mark gerechnet ... Sie verstehen vielleicht, daß uns an dem Mann mehr gelegen sein muß als an dem Kommerzienrat Blaufeld, der immer zahlt.«

Ernst dachte bei sich, daß er dann ja von Spitzbuben lebe, hütete sich aber wohl, den Gedanken zu äußern. Er lauschte vielmehr hochachtungsvoll den Weisheiten seines Herrn und Meisters, der nachdenklich an seiner Zigarre sog und verklärten Gesichtes fortfuhr:

»Wir sind überhaupt nicht die gewöhnlichen Federknechte. Was heißt heute nicht alles Laufmann? Wir sind sozusagen eine Behörde, die kaufmännische Polizei, Spähleute des Kredites ... prägen Sie sich das nur recht fest ein und halten Sie stets auf die Würde unseres Hauses.«

Ernst prägte sich nicht alles ein, doch einiges behielt er immerhin. Daß er Behörde sei, erfüllte ihn mit Stolz. Daß er die Nase in anderer Leute Sachen stecken konnte, sagte ihm auch zu. Hoffentlich erkundigte sich recht bald wer nach dem Herrn Rektor von der Realschule oder nach dem Pedell. Er wollte schon mit einer Auskunft dienen.

Seine Stellung erheischte entsprechendes Auftreten. Gleich vom ersten Monatsgehalt erschwang Ernst ein zierliches Stöckchen, Tombakgriff (Täuschung für Nichtkenner: Silber). Das schlenkerte er leichtsinnig, hielt die Zigarette lässig im Mundwinkel und trabte schwungvoll morgens und abends durch die belebte Stadt. Kein Mensch sah, daß nur fünfundzwanzig Mark Monatsgehalt hinter dieser Kavalierspose standen.

Im Geschäft war Ernst eifrig und glückhaft bestrebt, hochzukommen. Er lernte Kurzschrift, hatte schnell alle Handgriffe der Schreibmaschine im Gelenk und schrieb Geschäftsbriefe in einem flotten und zutraulichen Stil. Herr Alfons Beißer rieb sich zufrieden die Hände und lobte mit berechnender Vorsicht den brauchbaren Jüngling. Nicht oft und ausschweifend, weil man junge Leute nicht verwöhnen darf und weil Herr Alfons Beißer nicht viel Zeit übrig hatte. Er kam morgens ins Kontor, hielt den Einlauf vor die kurzsichtigen Augen und empfahl sich dann mit höflichem Gruß. Vom Kaffeehaus rief er nachmittags gelegentlich an, doch nur, wenn ihn die ewige Tarockpartie einen Augenblick freiließ. Um sieben Uhr abends unterzeichnete Herr Alfons Beißer die Briefe, schwenkte gönnerhaft den steifen Filz und ward nicht mehr gesehen.

Fräulein Rascher versah in der Hauptsache das ganze Geschäft. Ernst war eine wertvolle Stütze geworden. Zu arbeiten gab es immer, doch hatten Einteilung und Berechnung der Zeit fertiggebracht, daß den zwei Leuten manche freie Stunde übrigblieb. Da drehte sich dann Fräulein Lene Rascher auf dem hohen Kontorbock abwärts, strich die Falten der Bluse aus und lächelte Ernst aufmunternd an.

Ernst wußte dunkel, wohin das Mädchen zielte. Aber Lene war fünf Jahre älter, sah in ihrer reifen Fülle einer wissenden Frau gleich und hatte kleine Annäherungen des jungen Menschen bisher stets zurückgewiesen. Ernst brachte nicht den rechten Mut seiner Begierde auf, wurde aber durch das zweideutige Verhalten Lenes in Spannung gehalten und schwankte unsicher in allen Vorsätzen.

An einem Tag der Faschingszeit war ihnen wieder ein freies Stündchen erblüht. Ernst überlegte ein vergnügtes Vorhaben für den Abend und guckte stirnrunzelnd über den Tisch fort gerade auf Lenes Bluse. Eine Papierkugel flog ihm ins Gesicht.

»Schauen Sie nicht so schafsdämlich, Herr Löhner! Was ist denn an meiner Bluse zu sehen? ...«

Fräulein Rascher strich langsam die stattliche Büste herab und sah hartnäckig in die jungen Augen, die ihrer Hand folgten. Richtig! Er hatte gar nicht nach der Bluse geguckt, sondern nach Lenes Busen. Das war Ernst aber erst deutlich geworden, als Lene über die Bluse fuhr.

Scheu wandte Ernst den Blick fort, drehte aber schnell den Kopf wieder nach dem Mädchen.

»Wir könnten übrigens das Kassabuch abschließen. Helfen Sie mir doch, Herr Löhner? Sie sind ja ein guter Rechner.«

Glutströme schossen Ernst durch den Leib, als er sich ganz dicht zu Lene setzen mußte. Die Wärme ihrer Körper mischte sich. Ein fast betäubender Duft hauchte von dem Mädchen, das lächelnd über Ernst gebeugt stand und die Hüfte gegen seine Schulter stemmte. Jäh warf Ernst den Arm um Lene und riß sie auf seinen Schoß. Sie drückte sein Gesicht mit beiden Händen von ihrer Brust, drängte langsam, ganz langsam den Leib aus der Umarmung und ging wiegend auf die andere Tischseite. Dort hob sie scheindrohend den Zeigefinger und – lächelte Ernst weiter an.

Fräulein Rascher wurde nie in Herrenbegleitung gesehen. Streng lebte sie nach den Sittenvorschriften ihrer kleinbürgerlichen Welt, und nur am Montag schatteten übernächtige Ringe die sonst wasserblauen Augen. Im Kontor nahm sich das Mädchen nicht ganz so sittsam aus. An der Bluse fingerte sie viel öfter, als ersichtlicher Grund war, und mit Ernst allein knöpfte sie auch beherzt die obersten zwei Knöpfe auf. Sie gönnte dem jungen Mann gern den Anblick ihres weißen Hemdbesatzes und der darunter wogenden Erhöhung. Das war doch auch weiter nichts! Der Bub war ja erst fünfzehn Jahre. Man konnte die Knöpfe ja schließen, wenn er frech werden sollte.

Ernst benahm sich aber gar nicht dumm. Obwohl es alle Mühe kostete, die Wallung zu bemeistern, übersah er doch meist, fein und erfahren lächelnd, den unordentlichen Anzug Fräulein Raschers. Er stellte sich taub und blind, ganz von den Pflichten des Tages besessen und trommelte auf der Schreibmaschine eilfertig weiter. Fräulein Rascher löste dann gewöhnlich noch einen Knopf ihrer Bluse, warf eine Bemerkung über die schreckliche Hitze im Zimmer hin und wartete verstohlen auf die Wirkung ihrer Preisgabe.

Das Spiel ging Wochen, ohne mehr zu werden, als läppische Kinderei. Heimlich aber schwelte das Feuer in beiden und wartete nur des Windhauchs, der es über ihre Köpfe trieb. Lene liebte sicher mehr das Spiel mit dem Feuer, als das Feuer selbst; sie vergaß aber über dem Spiel, daß auch sie nicht feuerfest sei.

Die Zeit war Tändeleien günstig. Fastnacht rückte nahe; es gab Musik auf Platz und Gasse, Tänze allerwärts, und der kommende Frühling wühlte den Menschen im Geblüt. Fräulein Rascher nestelte auch den untersten Blusenknopf los und duldete die Hände des jungen Freundes auf Brust und Hüften.

Am Tag aller Narren schlossen Ernst und Lene ihre Tätigkeit früher. Herr Alfons Beißer hatte schon um drei Uhr die Post erledigt und war, bunte Papierbänder um den korrekten Filzhut, trällernd abgegangen. Großes Leben wogte in der Stadt. Die Menschen schoben und drängten sich in den Hauptstraßen, warfen Konfetti und Papierschlangen durcheinander und fuhren sich mit Pfauenfedern um Mund und Nase. Kreischen und Quieken der Weiber, wiehernde Stimmen der Männer, zornige Schreie von Kopfhängern, denen kollerndes Gelächter antwortete, das Gewühl vermummter, ausschweifend und abenteuerlich belarvter Gestalten: ein Meer leichter Lebenslust warf seine Spritzer bis unter die Dachfenster und schlug auch über Ernst und Lene zusammen, die eng geschmiegt, im heftigsten Strudel trieben. Das gut gebaute Mädchen lenkte die männliche Liebenswürdigkeit reich auf sich,, zum großen Ärger ihres Begleiters, der wütende Blicke nach den zudringlichen Bewerbern schoß. Ernst nahm Lenes Arm an sich, was ruhig gestattet wurde, und steuerte aus dem Trubel. Vor einer Konditorei kam ihm der Einfall, Lene möchte vielleicht nichts gegen eine kleine Näscherei haben, und da er noch drei Mark und vierzig Pfennige besaß, kaufte er ein Pfund Pralinés. Das süße Zeug naschten beide im Weitergehen und, ohne recht auf den Weg zu achten, standen sie plötzlich wieder vor dem Geschäftshaus »Argus«.

Fräulein Rascher leckte katzenhaft die Lippen sauber und lächelte dankbar.

»Ich hab' vorhin mein Taschentuch droben gelassen. Wollen wir es holen?«

Ernst ahnte den Vorwand. Er glühte vor Erwartung und mußte gewaltsam an sich halten, seine Erwartung nicht zu zeigen. Das Haus war dämmerig und menschenleer. Alle Geschäfte hatten geschlossen, niemand hörte die Schritte auf der Stiege. Im Kontor herrschte Dunkelheit. Ernst zückte schon ein Streichholz, Licht zu machen, unterließ es aber, weil Fräulein Raschers unterdrückte, wie er zu hören glaubte, heisere Stimme ihm ins Ohr zischte, ob er denn so furchtsam sei. Mit hängenden Armen stand Ernst mitten im Zimmer. Die Luft bedrängte ihn, und um seine Ohren sauste es stürmisch.

»Kommen Sie doch her, Ernst, und helfen Sie mir suchen! Hier herum muß es liegen.«

Wieder fiel Ernst der seltsam klanglose, beinah heisere Ton der Mädchenstimme auf. Folgsam tappend ging er, die Hände vorgestreckt, auf den Umriß los, der sich verschwommen in einem Zimmerwinkel bewegte.

»Fürchten Sie sich? Es weiß doch kein Mensch, daß wir hier sind. Sie dürfen aber auch nichts sagen! Ja?«

Ernst nickte nur eifrig, beugte sich zu Lene und ... warf sich mit ganzem Leib auf das Mädchen. Lene kicherte lockend, drehte den Kopf nach Ernst und fing seine sinnlosen Liebkosungen mit dem Gesicht auf. Sie küßte mit breitem, nassem Mund, saugend und gierig, atmete erregt und sank rückwärts in die Arme des jungen Freundes. Ernst bebte im Sturm seiner Begier. Er wühlte die Hände tief in die Brüste des Mädchens, zog Lene auf die Kiste und verschüttete sie tief in Zärtlichkeiten.

Ungestört verhallte das verliebte Seufzen und Stöhnen im abendlichen Haus. Die Laternen brannten schon, als Ernst und Lene das Haus verließen, mißtrauisch die Straße abspähend, ob ihr Geheimnis keinen Wisser hatte ...

Daß Ernst nun eine Geliebte hatte, war tief in seiner Brust begraben. Lenes Angst, er könnte doch vielleicht unbedacht schwatzen, zerschmolz rasch in Wohlgefallen über das männlich verschlossene Betragen des jungen Liebhabers. Jeden Tag gab Lene diesem Wohlgefallen Ausdruck. Eine Augensprache hatte sich zwischen ihnen gebildet, die immer geredet wurde, wenn Ernst und Lene nicht allein waren. Herrn Alfons Beißers Kurzsichtigkeit war so entwickelt, daß er gar nichts von dem Verhältnis seiner Angestellten sah. Daß zwei junge, stundenlang allein gelassene Menschen an anderes denken könnten als an Hauptbuch und Kladde, fiel Herrn Alfons Beißer nicht im Traum bei. Dafür bezahlte er die Leute doch nicht.

Das Verhältnis setzte sich munter fort. Fräulein Rascher war ein vorsichtiges Mädchen, wer durfte glauben, daß sie sich mit dem jungen Menschen abgeben würde? Das war ja ein ganz grüner Junge. Kein Dummkopf, aber auch kein Frechling. Er verehre sie zwar, wie Jungens von sechzehn Jahren das eben machen. Sie sei freundlich mit ihm, aber mehr, als sich gelegentlich heimbegleiten lassen, erlaube sie nicht.

Ernst wußte manches anders. Lene war ein kräftiges, blutvolles Mädchen, sinnlich bis unter die Haarwurzeln und von fragloser Gemeinheit, was ihren Körper betraf. Sie schenkte Ernst nur Teile ihres Körpers, gewährte vieles, um schließlich alles zu versagen, und heizte ihre begehrlichen Sinne an der unverbrauchten Kraft des Jünglings. Ernst fühlte sich in dem Verhältnis immer gereizt und nie befriedigt, schweifte in Gedanken noch mehr aus als im Verkehr mit Lene und stumpfte unmerklich gegen viele Feinheiten der Sinne ab.

Für den Augenschein kam Ernst Löhner gut voran. Er ging flott angezogen, rauchte fleißig Zigaretten und war Stammgast in einer ganzen Reihe von Unterhaltungsstätten. Fröhlich pfeifend schwang er sich durch die belebten Straßen, und sein weißer Stehkragen wetteiferte an würgender Höhe mit jedem anderen.

Die Eltern hatten sich halb und halb mit den Dingen versöhnt. Daß Ernst Geld verdiente, und für seinen Unterhalt zahlte (nicht reich, doch recht annehmbar), schaffte ihm daheim neues Ansehen, und da Ernst als zahlendes Mitglied der Familie nicht gewillt war, unter einer Fuchtel zu stehen, forderte er bald seinen eigenen Hausschlüssel. Nicht etwa bittend und gutes Betragen zusichernd, sondern entschieden, ja unverschämt und mit dem Hinweis auf seine wöchentliche Beisteuer zum Haushalt. Selbst die Andeutung, als möblierter Herr zu gehen, leistete er sich.

Die glücklich eroberte Schlüsselgewalt gebrauchte Ernst umfassend. In Wirtshäusern und Singspielhallen saß er fast jeden Abend, und sein Auftreten verblüffte viel ältere Leute. Eine Kneipe suchte Ernst wochenlang besonders gern heim wegen des schönen, braunen Wirtstöchterleins, das aber gar nichts von ihm wissen wollte. Abend um Abend hockte er in dem rauchigen Lokal, warf sehr freimütige Redensarten in Fülle um sich und erstaunte erfahrene Spieler durch seine Geschicklichkeit in allen Kartengeheimnissen.

Den älteren Gästen war sein Benehmen nicht angenehm, und ein älterer Handwerksmeister hieß Ernst einmal kurzweg einen Lausbuben, der schon längst ins Bett gehörte. Ernst steckte die Hände in die Hosentaschen, räkelte sich herausfordernd und erwiderte, daß er ein Lausbub sei, wäre seines Vaters Schuld und täte ihm gar nicht weh; aber daß ihm das einer (nämlich ein Lausbub) sage, brauche er sich nicht gefallen zu lassen. Der wackere Meister verfärbte sich vor Wut und zeigte nicht übel Lust, Ernst eins hinter die Löffel zu geben. Der saß vollkommen gelassen da, hatte aber die Hand am Bierglas und sah fest seinem Widersacher in die Augen.

Solche und andere Ereignisse brachten Ernst in den Ruf eines tüchtigen, schlagfertigen jungen Mannes, der zu den besten Hoffnungen berechtige. Die Wirte des Viertels grüßten Ernst ausnehmend freundlich. Sie sprachen überhaupt sehr wohlwollend von der Familie Löhner, die zwei so wackere, bierfeste Männer hatte wie Johannes Löhner und seinen Sohn Ernst.

Herr Alfons Beißer hätte sich gewiß die Haare ausgerissen, wäre ihm kund geworden, daß dieses flotte Leben auf seine Kosten ging. Ernst führte seit kurzem die kleine Kasse. Daraus waren tägliche Ausgaben von geringer Höhe zu bestreiten, Briefporto, Straßenbahn usw. Als guter Rechner verstand Ernst bald, Überschüsse zu machen, die er in die eigene Tasche steckte. Schade, daß diese Überschüsse eigentlich nur Buchgewinne waren, durch Ernst Löhners verwickelte Aufschreibungen erzielt. Es kamen dabei aber doch immer einige Mark heraus, die Ernst gut und anständig unter die Menschen brachte.

Weil das Geschäft ein ganzes Jahr glatt und rund ging, wurde Ernst mit der Zeit kühn, ja frech. Er hatte sich eine neue Möglichkeit ausgedacht, die er gleich zu erproben beschloß. Wenn man von den fünfzig bis hundert Briefen, die täglich in alle Welt gingen, fünf oder sechs nicht freimachte, trug das zwar nur eine Kleinigkeit ein; das Monat durch rechnete es aber doch. Die Kunden der Auskunftei »Argus« zogen verdutzte Gesichter, als sie Strafporto zahlen mußten. Doch liefen Beschwerden zunächst nicht ein, was Ernst als Aufforderung betrachtete, ruhig fortzufahren. Dabei sicherte er sich aber stets den Rücken, indem er den Fehlbetrag seiner Kasse für den Fall einer Untersuchung bereithielt.

Schlecht gelaunt erschien Herr Alfons Beißer eines Tages im Kontor. Das Tarockspiel mußte diese letzten Tage auch nicht nach Wunsch gegangen sein.

»Donnerwetter nochmal! Was ist denn das für eine Schlamperei, Fräulein Rascher? Gleich drei Beschwerden über unfrankierte Briefe! Ich bitt' mir doch aus, daß die Augen aufgemacht werden, wofür zahl' ich Ihnen sonst das Gehalt? ... Kommen Sie doch mal mit dem Kassabuch und dem Markenbestand her, Löhner!«

Ernst folgte unbewegten Gesichtes diesem Befehl. Er lächelte innerlich, denn er wußte Buch und Bestand in schönster Ordnung. Herr Alfons Beißer rechnete, rechnete wieder, rechnete dreimal. Eine Marke zuviel war das Ergebnis.

»Donnerwetter nochmal! Da haben Sie Dösdabbel noch einen Brief unfrankiert fortgeschickt, wenn mir das wieder vorkommt, schick' ich dem Kunden das Porto und ziehe Ihnen die Kosten vom Gehalt ab. Verstehn Sie mich?«

Den hatte er schön hereingelegt. Doch durfte die Geschichte jetzt nicht mehr fortgesetzt werden, sonst konnte es zu guter Letzt schiefgehen. Ernst gab das Steuergeschäft vorerst auf und sah zu, wie er mit dem Gehalt auskam. Schon am achten Tag wechselte er die letzte Mark von den dreißig Märkern und begab sich für den Rest des Monats in die Kreide seines Stammwirtes. Denn daheimbleiben, fiel Ernst gar nicht ein. Ernst sah den Wirt Zahl unter Zahlen schreiben und rechnete am Monatsende bare achtundzwanzig Mark heraus. Was half es, daß er sich auf die Knöchel biß und den Daumennagel nachdenklich kaute? Davon wurde der Wirt nicht bezahlt. Die Kasse mußte also wieder helfen.

Fräulein Rascher hatte keinen Teil an diesen Geschäften ihres jungen Liebhabers. Sie ahnte nicht einmal, daß er den Kassenvorrat meistens in der Westentasche trug und manche kleine Näscherei aus diesem Geld bestritt, die sie guten Gewissens schleckte. Mit solchen Dingen wollte Fräulein Rascher nichts gemein haben. Ernst dachte sich das auch und versteckte vor Lene alles, was ihren Verdacht erwecken konnte.

Das Verhältnis dauerte schon zwei Jahre. Kaum ein Tag war vergangen ohne verschwiegene Liebkosung. Die zwei wurden sich nicht satt, Lene, weil ihr Trieb überhaupt nicht zu sättigen war, Ernst, weil er immer noch vornehmlich vom Duft und Dunst des prallen Körpers lebte. Seine Leidenschaft hungerte bei dieser mageren Kost, kreiste aber hartnäckig um Lene und ließ sich von keinem anderen Weib abziehen. Lene verstand sich auf die kleinen Kniffe der Liebe gut, täuschte sich jedoch über die Gelehrsamkeit ihres Schülers. Zuerst hatte der junge Heißsporn geschäumt, wenn sie am Montag erzählte, wie gestern ihr Tänzer ausgesehen habe, wie er von ihr schwärmte und was der freche Kerl heimwärts wollte. Lene freute sich über das heftige Aufbrausen des verliebten Ernst, der schwor, nächstens jedem den Schädel einzuschlagen, der Lene anzublicken wage. Ernst hatte keinen Schädel eingeschlagen und schwor auch nicht einmal mehr, es vielleicht zu tun. Dafür sprach er von seinen Eroberungen, die er aus den Fingern sog, stellte sich wissend, ja erfahren und reizte Lene durch diese Gelassenheit, wie sie ihn mit ihren Erzählungen aufbrachte. So gleichgültig war ihr der junge Freund doch nicht, daß sie ihn mit jedem beliebigen Mädchen teilen mochte.

Eifersucht, wenn sie gegenseitig ist, befeuert die Neigung. Nie waren Ernst und Lene heißer aufeinander, als nach Stunden wechselseitiger Wut, wenn eins dem anderen die eigene Untreue wie Peitschenhiebe um die Ohren geknallt hatte. Dann schmolzen Ärger, Trotz und verliebter Haß zu heftiger Brunst, die alles fordern und gewähren hieß. Lene übertölpelte sich selbst, als sie Ernst in die Eifersucht trieb. Unversehens sprang die Flamme, die sie schürte, auf Lene über und brannte ihre kühle Vorsicht, die Ängstlichkeit ihres kleinbürgerlichen Gemüts und die Furcht vor natürlichen Folgen aus. In den roten Feuermantel restloser Hingabe gehüllt, schritt das Paar über die letzte Schranke fort und wendete kein Auge mehr zurück in die Welt klar entschiedener Verhältnisse. Ihr Verhältnis war weder klar noch entschieden. Zwar hatte sich Ernst schon öfter beim abendlichen Heimgang männlich aufgerichtet und das Wort »Verlobung« gesprochen. Allein Lene schüttelte jedesmal den Kopf ungläubig und strich Ernst dankbar übers Haar. Verstand sie die edle Wallung, die Ernst zu diesem Wort zwang? Sie sah den jungen, schmächtigen Menschen an ihrer Seite und seufzte bedrückt.

Es stand zuviel zwischen ihnen. Die Ungleichheit ihres Wesens, gleich nur in der Unbeherrschtheit der Sinne, der Altersunterschied, elterliche Hoffnungen und die eigenen Wege, auf denen Lene dem jungen Freund nicht folgen konnte. Ernst hatte diese Wege wieder eingeschlagen, gedrängt durch die mißliche Lage seiner Verhältnisse. Er hatte Schulden, gemein quetschende Schulden bei Wirten und Händlern, die ihm keine Nachsicht gaben. Um sie loszuwerden, griff Ernst tiefer als je in die Kasse und mußte bald feststellen, daß ihm die Dinge über den Kopf wuchsen.

Hatte nun Herr Alfons Beißer doch etwas bemerkt, oder war ihm Ungünstiges über seinen Angestellten zugetragen worden, gleich im Beginn des neuen Jahres hielt er überraschende Nachschau. Die Bücher müßten abgeschlossen und vorgelegt werden. Bei Fräulein Rascher stimmte alles aufs schönste, bei Ernst fehlten in der Kasse hundertdreiundsechzig Mark, Herr Alfons Beißer raste. Verzweifelt angelten die dürren, dicht behaarten Hände durch die Luft, der Kneifer fiel zehnmal von der hochstrebenden Himmelfahrtsnase, und die sonst so verbindlich flötende Stimme kreischte scharf und grell.

»Kommen Sie her, Löhner! Wenn ich bitten darf, auch Sie, Fräulein Rascher ... Wo ist das Geld hingekommen, Sie ganz gefährlicher Schwindler? Wollen Sie das gefälligst sagen? ... Hundertdreiundsechzig Mark Manko sind in der Kasse, Fräulein Rascher. Haben Sie Töne? ...«

Ernst hatte sich ganz gefaßt. Kaltblütig lächelnd räumte er ein, daß hundertdreiundsechzig Mark fehlen. Er habe sie aus der Kasse genommen, um Verpflichtungen zu decken. Sein Gehalt hätte nicht zum Leben gereicht ... Herr Alfons Beißer verfärbte sich. Den Kneifer hoheitsvoll in die Höhe reckend, begann er vorwurfsvoll:

»Was sagen Sie da? Ihr Gehalt hat nicht zum Leben gereicht? ... Ich zahle Ihnen vierzig Mark. Bringen Sie mir den Lehrling erst mal her, der dieses Gehalt anderswo bekommt ... Dabei schämen Sie sich nicht, mich zu betrügen. Von meinem Geld decken Sie Ihre Verpflichtungen. Von meinem Geld ... Was gehn mich, in drei Teufels Namen, Ihre Verpflichtungen an? ... Ich will Ihnen was sagen, Löhner: Die Polizei holen, hat keinen Zweck. Die gibt mir das Geld auch nicht. Aber schauen Sie bloß, daß Sie schleunigst aus dem Haus verschwinden. Sonst reut mich vielleicht mein guter Wille doch ...«

Fräulein Rascher war dem Schauspiel atemlos gefolgt. Erst verstand sie nicht recht, dann wurde ihr schnell klar, was vorging. Entgeistert starrte sie Ernst an, der gleichmütig die Wände absuchte. Mit diesem Menschen hatte sie sich eingelassen ... Ernst sah die vollen Schultern beben, ein sprühender Blick brannte auf seinem Gesicht. Lene wandte sich an Herrn Alfons Beißer:

»Ich bitte um meine Entlassung, Herr Beißer, wenn Sie glauben, daß ich ...«

»Aber was denken Sie, Fräulein Rascher! Ihre Bücher sind doch in bester Ordnung. Ich glaube von Ihnen nur das beste. Der Bursch hat Sie ebenso hinters Licht geführt, wie er mich hintergangen hat ... Ist er schon fort?«

Ernst stand unter der Tür, im Arm ein kleines Bündel. Seine wenigen Habseligkeiten ... Als er die Tür öffnete, kehrte sich Fräulein Rascher kurz um. Ernst zog den Hut fast bis auf den Boden und senkte den Kopf tief. Täuschte er sich, oder hatte Lene wirklich den Kopf wenig, nur ein ganz klein wenig geneigt? Aus der Treppe sah Ernst die entsetzten Augen des Mädchens vor sich hergehen ...

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