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Der Held im Schatten

Karl Bröger: Der Held im Schatten - Kapitel 2
Quellenangabe
type
authorKarl Bröger
titleDer Held im Schatten
publisherEugen Diederichs
printrunAchtes bis zwölftes Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150702
projectide8bcfdaf
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Der Knabe im Zwinger

Im Zwinger steht noch das Haus, rissig und grauwandig, allen Winden offen, den milden wie den rauhen, die sich an den vier Ecken stoßen. Dicht unter dem First hängt die Dachstube vor, einem Vogelbauer ähnlich, klein, eng, bescheiden in sich geduckt.

Heulend blies der Wind in einer Märznacht des Jahres 1886 um das graue Haus. Das dürftige Lichtlein in der Dachstube bebte und zitterte. Jeden Augenblick wollte es erlöschen, den aussichtslosen Kampf aufgeben gegen den grimmigen Nordsturm.

Dann wäre die Welt ganz finster gewesen, die zu beschreiten Ernst Löhner sich eben anschickte. Übermäßig hell war die Welt wohl auch jetzt nicht, doch ein kleines, freundliches Lämpchen spendete immerhin schwachen Schein und ließ die weise Frau sehen, daß sie einem Knäblein hilfreichen Dienst tat.

»Jessas! Der macht ja net amal an rechtschaffnen Maßkrug voll«, urteilte die rundliche Hebamme, während sie das Kind aller herkömmlichen Weihen unterzog, die der Mensch bei seiner leiblichen Ankunft zu ertragen hat.

Drei oder vier Weiber der Nachbarschaft waren trotz der frühen Stunde anwesend. Sie wollten ihre überschüssigen Tränen loswerden, zu welchem Zweck ihnen Entbindung, Kindtaufe oder Begräbnis gleich wert ist.

Es gibt Menschen, die darin ein Vergnügen finden. Die Weiber füllten den schmalen Raum zwischen Tisch und Wochenbett, steckten die Köpfe zusammen wie Gänse, wenn es donnert, und erzählten erbauliche Geschichten von schweren Entbindungen.

Johannes Löhner saß mitten unter ihnen. Aufgeregt, fast hilfloser als sein Erstgeborener, und erstaunt aufzuckend, wenn aus dem Stubenwinkel der schrille Diskant des Söhnleins dem Leben einen sehr zornigen Hymnus sang.

Johannes war enttäuscht. Die auffällige Kleinheit seines Sprossen verletzte sein einfaches Gemüt, denn seine vierkantige Art schätzte am Menschen besonders die Brustweite. Damit schien es bei seinem Stammhalter nun allerdings nicht hervorragend bestellt.

Gutmütig lächelnd trug die Hebamme den mörderisch schreienden Bengel durch die Stube, hielt ihn seinem Erzeuger unter die Nase und orakelte, auf eine kleine Falte an der Nasenwurzel deutend: »Der Bub hat Verstand. Ich kenn' mich da aus. Vor dreißig Jahren ist es gewesen ...«

Andächtig horchte Johannes Löhner auf die Geschichte eines Kindes mit einer Falte unter der Nasenwurzel, das später eine Leuchte im Leben wurde. Er besaß die unbegrenzte Hochachtung einfacher Menschen vor geistigen Gaben. Unklar war ihm nur, woher sein Kind solche Gaben haben sollte. Er wußte von sich genau, daß er die elende Dorfklippschule bis zur Entlassung in der zweiten Klasse geschwänzt hatte. Doch diese Unklarheit konnte ihn nicht groß anfechten.

Mit gelassenem Stolz nahm er die Glückwünsche von Hebamme und Nachbarinnen entgegen, fuhr übernächtig in den gipsbestaubten Arbeitsrock und ging schwerschrittig in den grauenden Morgen hinaus, seiner täglichen Arbeit nach.

Auf der Straße noch zeterte das gellende Kreischen aus der Dachstube hinter ihm her und gutlaunig brummte er: »Ob der Saubub wohl noch immer brüllt, wenn ich zum Mittag komm ...«

 

Wieder war ein Kind vor der Hochzeit gekommen. Der Zwinger – wo werden arme Leute anders geboren als im Zwinger? – nahm das Ereignis bemerkenswert ruhig hin. Die alte Geschichte ... Der Soldat lernt das Mädchen kennen, genießt bescheidene Sonntagsfreuden und bleibt eines Abends zu lang mit dem Schatz auf der Bank sitzen, was ist da schon dabei?

Johannes Löhner war wenigstens hernach nicht davongelaufen. Das wurde ihm von der Welt im Zwinger gutgeschrieben, und selbst Maria Mäl glaubte an ein ungewöhnliches Glück, weil sie wußte, daß es nicht alle Männer so halten.

Seit der Entlassung Johannes Löhners vom Militär wohnten die zwei Leutchen zusammen. Hoch oben in der Dachstube des grauen Hauses führten sie den kleinen Hausstand, so gut das gehen wollte. Erste Sorge war, arbeitsfähig zu sein. Das graue Gespenst, das treppauf, treppab durch die Welt des Zwingers schlich, ging nur an Türen vorüber, hinter denen es gesunde, kräftige Arme wußte. Darum schleppte Johannes Löhner täglich elf Stunden Mörtel und Ziegelsteine, und Maria Mäl knüpfte Silberborten, daß ihre Augen brannten.

Das Kind stand dem Sinn eines solchen Lebens im Weg. Eine Mutter, die arbeiten muß, kann die eigene Nacht nicht opfern.

Der kleine Ernst kam also in Pflege. Eine bejahrte Witfrau, die gute, alte Lina Sindelmann, nahm den ewigen Schreihals ins Haus. Sie war eine liebe Seele. Die fleischgewordene Geduld schleppte sie ihren Pflegling durch alle Räume der bescheidenen Wohnung – es gab nur zwei, ein Zimmer und die giftgrün bemalte Küche – und war eigentlich nur am Sonntag mit der Welt unzufrieden, weil da die Eltern das Kind heimholten.

Sie fühlte sich ganz als Mutter des kleinen Ernst Mäl und war es auch, wenn eine Mutter mehr ist als die körperliche Herberge während der neun Monate. Sie entdeckte das erste Lächeln, sie lenkte die ersten Schritte, und das erste deutliche Wort des Kindes galt ihr.

Von diesen kleinen Begebenheiten wußte Maria Mäl nur aus den Berichten der Pflegefrau. Sie saß diese ganze Zeit im dumpfen Fabriksaal und knüpfte alle Sehnsucht ihres mütterlichen Gefühls in goldene und silberne Schnüre. Manchmal stieg wohl eine zornige Traurigkeit in Maria Mäl darüber auf, daß sie Mutter geworden war, es aber nicht sein durfte. Diese Traurigkeit zerbrach aber an der harten Einsicht, daß arme Leute geboren sind, zu arbeiten.

Ernst Mäl ging ins fünfte Jahr, als sich die Hüterin seiner ersten Kindheit legte und die Welt so geräuschlos verließ, wie sie darin geschaltet hatte. Am Nachmittag winkte die runzelige Hand noch hinter den Geranien- und Fuchsienstöcken hervor, am Abend lief es durch die ganze Nachbarschaft: »Die alte Sindelmännin hat der Schlag getroffen!« So kam die erste Nacht, die Ernst unter dem elterlichen Dach verbrachte. Unfaßliches Entsetzen hielt das Lind wach. Was war mit Mutter Sindelmann geschehen?

Die zwei nächsten Tage waren voll aufregender Erlebnisse. Am Mittag gingen Vater und Mutter in ihren besten Kleidern fort, die Mutter einen mächtigen Kranz in der Hand mit einer weißen Schleife daran.

Ernst sollte nicht aus dem Hoftor gehen. Er machte sich aber, kaum waren die Eltern außer Sicht, auf die Suche nach Mutter Sindelmann. Sie hatte nur einige Häuser straßab gewohnt, und Ernst stand bald vor dem niedrigen, schmucklosen Haus. In den engen Hausflur führten vier ausgetretene Staffeln. Das Haus lag ausgestorben da. Alles war zum Begräbnis fort, und niemand hörte, als Ernst Mäl zaghaft an der Türe von Mutter Sindelmanns Wohnung klopfte. Hilflos schluchzend sank das Kind auf den alten Abstreifer hin, saß dort, von herzbrechendem Weinen geschüttelt, und rief von Zeit zu Zeit den Namen der Toten. Da keine Antwort kam, schlug es verzweifelt gegen die Tür und schlief endlich, des Weinens und Wartens satt, auf der Schwelle ein. Spät abends fand ihn die Mutter immer noch schlafend, die geballten Hände gegen die Wohnung der Toten streckend.

 

Ein anderes Leben begann jetzt. Die Eltern fanden, Ernst sei alt genug, sich selbst zu hüten. Sie freuten sich herzlich des ersparten Kostgeldes und redeten ernsthaft mit ihrem Sohn, sich der Freiheit wert zu erweisen.

Jeden Morgen hieß es, mit den Eltern aufstehen. Bei armen Leuten ist alles genau ausgerechnet, auch der Schlaf. Dann zog Maria Mäl den schlaftrunkenen Buben an, strählte das im Wirbel borstig abstehende Braunhaar und drückte Ernst eine Brotscheibe in die Hand. Dabei stand sie immer schon mit einem Fuß auf der Treppe.

Da blinzelte nun der kleine Ernst in den nebelnden Herbstmorgen, das ausgewaschene Zwillichröcklein am Leib, unter dem die halblangen Hosen neugierig vorguckten. Das schäbige Zwillichröcklein schützte mütterliche Wirtschaftlichkeit noch durch eine Wachstuchschürze. Langsam trollte Ernst über die Straße, zog die Hosen an, die heftig zum Herunterfallen neigten und verschlug sich in das wellige Gelände von Schutthaufen, kleinen Kerichthalden und Schottersteinbergen, die er von der elterlichen Wohnung aus ständig sah. Dort saßen schon ein Dutzend Spielgenossen, ältere und jüngere, ernst und sachlich mit der Untersuchung der verschiedenen Haufen befaßt.

Ernst hatte nur wenig Glück bei diesem Bergwerksbetrieb. Mehr als rostige Nägel oder einen invaliden Kochtopf hatte er noch nicht gefördert. Daran läßt sich leicht das Glück ermessen, daß er eines Tages einen Öldruck ausgrub. Es war darauf ein Reiter zu sehen, der mit gezogenem Schwert vor sich hinwies. Er hatte einen herrlich blauen Panzer an und auf dem Kopf einen adlergeschmückten Helm.

Die andern Buben kamen in Bewegung und an seiner blutigen Nase konnte Ernst ermessen, wie groß ihr Neid war. Nach heftigem Geräuf war er in den Hof geflüchtet und saß jetzt im hintersten Winkel der sicheren Zuflucht, trunken von Glückseligkeit über dem wunderbaren Schatz.

Im Übermaß der Wonne streckte sich Ernst bäuchlings auf den Boden, breitete den Bogen vor sich hin und beschwerte die Ecken mit Steinen, die er als rechter Bub immer in den Taschen trug. Dann vertiefte er sich in die grellfarbige Herrlichkeit, prägte sich jeden kleinsten Zug des Bildes ein und fand vornehmlich den langen Pferdeschwanz wunderschön.

Beim Mittagessen gab es Kopfnüsse, weil Ernst nach jedem Löffel Suppe vom Tisch wegrannte. Er fürchtete, der blaugepanzerte Reiter könnte auf Nimmerwiedersehen fortreiten.

Vom Vater wollte Ernst eine Erklärung des Bildes und war sehr befriedigt, daß der Reiter Bismarck hieß und ein Preuße war. Er wollte auch ein Preuße sein, vorausgesetzt, daß die Preußen wirklich alle reiten und blaue Panzer tragen. Ob das der Fall sei? Der Vater bestritt die Möglichkeit nicht, und Ernst träumte lange nur von Preußen, blauen Panzern und langen Pferdeschwänzen.

So vergingen die Tage bei mageren Suppen und fetten Einbildungen. Immer hatte Ernst schmutzige Hände und auch sein unkindliches, weil zu scharf geschnittenes Gesicht prangte in allen Zeichen eifriger Wühlarbeit. Die Mutter schalt, aber davon wurde Ernst nicht sauberer. Arme Kinder haben keine Gärten mit reinlichen Sandwegen. Sie treiben sich in Schuttgruben und Bauplätzen umher, fallen wohl auch in eine Mörtelpfanne und riechen selten gut.

Ernst trug seinen Zwillichrock nun schon im dritten Jahr. Er war ihm noch nicht zu eng. Wachteln und Kaldaunen kamen daheim nicht auf den Tisch, und blaue Griessuppe ist kein Mästfutter. Bis ihm vom Wohlleben die Knöpfe aus dem Zwillichrock sprangen, hatte es gute weile.

Manches liebe Mal saß er auf seiner Schutthalde und trug herzliches Verlangen nach einer Scheibe Brot, wenn ihm doch jetzt ein kleineres Mädchen in den Weg laufen wollte, das an einem Schmalzbrot kaute! Was glaubt ihr würde Ernst machen? Natürlich seinen Teil von dem Brot nehmen, wenn das Mädchen nicht freiwillig abgeben wollte, und es würde schon nicht wollen.

Eifrig spähte Ernst die pfützendurchwirkte Straße entlang, ob ihm nichts in den Weg laufen wollte. Nichts, gar nichts ... Nur ein Wagen lenkte um die Biegung und schaukelte leicht stoßend näher. Sonst war Ernst den Wagen nicht abgeneigt. Doch was sollten jetzt Steine, wo er Lust auf Brot hatte? Der Kutscher dröselte neben dem Fuhrwerk her, holte zu einem knallenden Peitschenschlag aus und pfiff gedankenlos durch die gespitzten Lippen.

Ernst sah gelangweilt und hungrig auf Wagen, Pferde und Kutscher, plötzlich riß es ihn von seinem Platz. Starr den Blick auf das Handpferd gerichtet, kreuzte Ernst knapp vor dem Wagen die Straße, wofür er einen elenden Lausbuben zu hören bekam, lief einige Schritte voraus, blieb stehen und ließ das Fuhrwerk vorbei. Dieses Spiel wiederholte er mehrmals.

Neben einem stumpfen, abgearbeiteten Fuchs ging ein hochbeiniger Schimmel im Zug. Der stolze Bau des Schimmels, seine edle Kopfhaltung rissen Ernst mächtig hin und lösten eine dumpfe, unklare Ergriffenheit aus.

Jeden Tag kreiste seine Sehnsucht um das Tier. Er wartete auf den Wagen, nahm die polternden Schimpfreden des Kutschers verächtlich hin, wenn er ganze Straßen weit neben dem Schimmel herging und war ganz dem Bild des edlen Tieres verfallen. Ernst träumte nachts von seinem Schimmel und bewahrte lange den Glanz aus diesen Träumen. Auf dem Schimmel ritt Ernst aus dem grauen Land seiner Kindheit.

 

Ernst ging gern in die Schule. Darin bewies sich die Unkindlichkeit seines Wesens. Die andern Gören des Zwingers sträubten sich gegen die Schule und gingen durch, wo sie nur konnten.

Anders Ernst. Stolz die Schiefertafel unter die Achsel geklemmt, sah ihn der Zwinger täglich viermal über die Straße laufen. Das Schwämmchen flatterte an einer Schnur lustig hinterdrein. Die geheimnisvolle Welt des Abcs hatte für ihn gar keine Schrecken. Hinter jedem Buchstaben witterte er unerhörte Abenteuer, die zu erleben er heftig den jungen Geist spornte. Die Lehrer wunderten sich über die leichte Auffassung und hielten den Taglöhnersbuben für einen ausgemachten Windhund.

Rasch begriff Ernst seinen Vorteil. Er war stolz und gönnerhaft gegen die weniger Begabten, hämisch und ausfallend gegen einige, die ihm glücklich nachstrebten und verschlossen gegen alle, Lehrer wie Mitschüler, als hätte er ein tiefes Geheimnis zu hüten. Von großer Reizbarkeit griff Ernst mit Worten und mit den Fäusten jeden an, der etwa auf sein oder der andern armen Kinder Aussehen anspielte.

In der dritten Klasse saß auf der Bank vor ihm ein derber, breiter Bengel, Sohn eines protzigen Pfragners. Der liebte es, mit noch ewigen gleichgestimmten Seelen, ärmere Kinder zu hänseln.

Die Mutter achtete sonst peinlich auf alle Löcher in des Buben Kleidung. Aber einmal mußte sie doch einen Riß in Ernstens Hose übersehen haben, denn mit triumphierendem Geheul zerrte der dicke Pfragnersbub Ernst das Hemd aus dem Hosenboden. Blutrot stand Ernst vor dem Ausbruch schallenden Jubels und duckte sich, das Übel zu verbergen, scheu in seine Bank.

Draußen wartete er zitternd vor Wut auf den Feind. Ohne Plänkeleien einzuleiten, über die Bubenkämpfe selten gedeihen, sprang er den Pfragnerssohn an. In wütender Umschlingung wälzten sich die beiden Körper durcheinander. Ernst war nur ein schmächtiger, wenig ansehnlicher Knabe, doch er besaß die gefährliche Flinkheit aller Kinder, die sich viel im Freien tummeln. Bald kniete er auf dem schwerfälligen Gegner und drosch sinnlos auf ihn ein.

»Du Hund, da ... du Hund ... da ... da ...« Er zitterte am ganzen Körper, und die hellen Tränen kollerten über das verschrammte Gesicht. Bis eine kräftige Faust ihn unsanft von seinem Opfer riß und derbe Ohrfeigen um seine Backen prasselten. Der Vater des Besiegten hatte eingegriffen.

»Wart, du Bankert! Dir will's ich's versalzen, ehrlicher Leute Kinder zu prügeln, wo du froh sein kannst, daß sie überhaupt mit dir zusammen sein mögen ...«

Ernst spürte die Schläge eigentlich gar nicht. Nur die rohen Worte klangen ihm donnernd in die Ohren. Er stand einen Augenblick wie in tiefer Überlegung, rannte dann blitzschnell zu einem Steinhaufen, wo er eine Handvoll Steine aufraffte, und schleuderte unter unflätigen Worten dem Mann die Steine nach. Der begnügte sich, mit der Faust zu drohen.

Noch speiend vor Wut rannte Ernst geraden Laufs zur Mutter. Er wollte wissen, was ein »Bankert« ist.

Maria Mäl hatte die Frage noch nicht richtig gehört, da stürmte sie auch schon in die Wohnung des Pfragners. Wenige Minuten später lag der halbe Zwinger in den Fenstern und lauschte vergnügt dem Stimmengewirr aus dem Neidnerschen Laden. Maria, schnell zu Entladungen bereit, fragte mit schallender Stimme, ob man vielleicht erst einen vollgefressenen Heringsreiter fragen müßte, ob er etwas zu dem Buben zahle, ob er sich vielleicht nochmal unterstehe, den Buben zu schlagen, und ob sie ihm den Korb ins Gesicht werfen solle, wenn er nicht hinter dem Ladentisch bleibe.

Am Abend kam für Ernst das Nachspiel in Gestalt einer Tracht Prügel. Man hatte bei dem Pfragner bisher borgen können. Das war nun vorbei, und Ernst mußte dafür mit Fug und Recht büßen.

Wilder Groll verblieb Ernst aus diesem Erlebnis. Er grübelte umsonst, warum er gehauen worden war. Die Kinder um ihn hatten es schwer. Ernst puffte und knuffte alles, was schwächer war und stürzte sich in jedes Handgemenge zwischen feindlichen Brüdern, mochte es ihn angehen oder nicht. Außerdem wurde er noch scheuer und zog sich ganz in eine selbstgeschaffene Einsamkeit zurück, die er mit bedenklichen Bücherhelden bevölkerte. Rinaldo Rinaldini, der bayrische Hiesl, Leichtweis und ähnliche Romanhelden der Vorstadt waren die Gäste seiner Einsamkeit. Die billigen Hefte lagen überall herum, und wer hätte Zeit und Verständnis gehabt, Ernst vor dieser ehrenwerten Gesellschaft zu warnen?

 

Vier Klassen Volksschule hatte Ernst hinter sich, als es einem gutherzigen Mann einfiel, ihn zu verpflanzen. Der Vikar Blume nahm den kleinen Ernst gelegentlich in seine Wohnung und fragte nach den häuslichen Verhältnissen. Der junge Vikar war ein Christenmensch. Das erkannte jeder, der ihn nur einmal »Jesus« sagen hörte. Es lag darin eine kindlich gläubige Betonung, ganz fern jener anmaßlichen Vertraulichkeit zünftiger Kirchenlichter, die immer so tun, als wären sie Gott Vater, Sohn und heiligem Geist persönlich bekannt.

Der Vikar wolle mit ihnen sprechen, richtete Ernst eines Tages den Eltern aus.

Johannes beutelte den schwarzen Wollschopf und Maria wechselte in zwei Minuten dreimal die Schürze. Immer wieder blies sie ein gar nicht vorhandenes Stäubchen von den billigen Abzahlungsmöbeln.

Als der Vikar endlich kam, knixte Maria Mäl aufgeregt, wischte zum zehnten Male Staub und lud den Besucher ein, sich zu setzen. Johannes gab den Versuch einer Verbeugung schnell auf, kaute einen halben Gruß und hielt die schweren Arbeitshände krampfhaft hinter dem Rücken. Er verließ sich ganz auf Maria und auf sein frischgewaschenes Hemd. Er starrte den Besuch in unverhohlener Hochachtung an, und alles schien ihm an dem jungen Geistlichen bemerkenswert. Der langschössige Rock aus schwarzem Tuch, die goldene Brille, vornehmlich aber die weißen, gepflegten Hände, die sicher auf der Tischdecke ruhten. Gottes Wunder! Solche Hände gab es also auch auf der Welt.

Maria hatte sich bald gefaßt. Sie war nicht umsonst in der Großstadt aufgewachsen. Ohne zu reden, schoß sie aus der Tür. Mit Schwarzbrot, Butter, Käse und einem riesigen Rettich kehrte sie zurück. Diese Leckerheiten stellte sie vor den Gast, hielt erst einen ziemlichen Vortrag über Wert und gute Beschaffenheit der einzelnen Waren zusammt den Quellen, aus denen sie flossen, und endete mit der Aufforderung, zuzugreifen.

Johannes fühlte dunkel, daß er nun auch etwas tun müsse. Er fingerte bedächtig im rechten Hosensack, holte ein Markstück heraus und händigte es Ernst mit den gewichtigen Worten ein: »Lauf, Bub! A Maß Bier für'n Herrn Pfarrer!«

Vikar Blume fühlte hinter der plumpen Form die gute Absicht und hinderte nicht. Rettich und Bier schlug er allerdings aus und bat dafür um eine Tasse Milch, was Johannes zu der tiefen Überlegung bewog, ob nun Bier oder Milch besser für den Menschen sei.

Dann kam der Zweck des Besuchs an die Reihe. Vikar Blume wollte Ernst in die Realschule geben, was die Eltern dazu sagten?

Allerhand Einwendungen, in sehr gedrücktem Ton vorgebracht, brachten das Gespräch schließlich auf den Kern der Sache. Der Vikar möchte wissen, was die Eltern in der Woche verdienen.

Vater Johannes spielte im Leben meist den stummen Zuschauer. Die unvermittelte Frage verwirrte ihn deshalb. Als wäre die Antwort auf dem Grund des Bierkrugs zu finden, tat er einen gedankenvollen Schluck, bevor er herausdruckste: »Sind halt bloß 28 Pfennig die Stund und elf Stunden arbeiten wir. Dann gibt's a Nacht oder an Sonntag Kalk lösch'n. Dafür zahlt der Meister 40 Pfennig.« Der Vikar war schnell mit der Rechnung fertig. Der Mann 18, das Mädchen 6-7 Mark, jedenfalls nicht über 25 Mark, in der Woche: Da ließ sich allerdings nicht ans Studium denken. Er versprach tatkräftige Beihilfe und bekam die Zusage.

Vikar Blume war aber auch Geistlicher, und die Gemeinschaft der zwei Leutchen gefiel ihm nicht.

Weder Johannes Löhner noch sein Mädchen hatten es bislang notwendig gefunden, auf einem roten Samtschemel zu knien und das berühmte laute und deutliche »Ja« zu sagen. Johannes wußte sich ganz frei von diesem Bedürfnis, denn einmal redete er nicht gerne, und dann war die Unehelichkeit in seiner Familie Überlieferung. Seit drei Geschlechtern hatte es in der Familie keine Trauung gegeben vom Großvater ab. Weiter reichte die Überlieferung nicht.

Wesentlich lebhafter griff Maria den Gedanken auf. Sie empfand es lächerlich, daß ein Mädchen von zweiunddreißig Jahren, Mutter von vier Kindern, immer noch »Fräulein« angeredet wurde. Vikar Blume hatte an ihr eine Verbündete, und da Johannes nur gleichmütig die Augenwimpern hob, nahm er auch sein Einverständnis an. Die besorgten Hinweise auf die Kosten der Hochzeit beschwichtigte der Vikar mit der Zusage seiner Unterstützung.

Sehr befriedigt über den Besuch erhob sich Blume vom Plüschsessel (Maria hatte ihn von der Nachbarin entliehen) und nahm herzlichen Abschied. Er reichte Johannes und Maria die Hand, strich Ernst gütig über das drahtige Haar und verließ freundlich grüßend die Wohnung. Maria dienerte, bis der letzte Zipfel des schwarzen Rockes verschwunden war, und Johannes rieb tiefsinnig die schwieligen Hände aneinander. Er dachte über die weiche Hand des Geistlichen nach und murmelte kopfschüttelnd vor sich hin: »wie Butter ... wie Butter ...«

 

Ernst ging zur Realschule. Die Aufnahme war spielend bewältigt worden. Er tat sich viel zu gut, trug auf steifem Halse das Abzeichen seiner neuen Würde – eine grüne Mütze mit weißblauem Band – und verachtete aus ehrlichem Gemüt die Kameraden der gewöhnlichen Volksschule. Das hinderte aber nicht, ihnen die Zunge krampfhaft herauszustrecken, wenn sie seinen Weg kreuzten oder ein hitziges Gefecht anzubinden, was immer geschah, sobald einer nach der grünen Mütze schielte. Diese Mützen waren den Volksschülern ein Dorn im Auge. Konnten sie eine erschnappen, so war der Jubel groß. Ernst verteidigte sein Heiligtum stets siegreich und bläute manchen guten Freund darum brav aus.

Sein Hochmut fachte Erbitterung bei den Kindern des Zwingers an. Ernst merkte bald, daß er Feinde hatte, die ihm den Verrat an der Vergangenheit nicht vergessen wollten. Aber er reckte die Nase nur noch höher und verschwor laut, jemals wieder mit einem Volksschüler zu spielen.

War Ernst aus dem alten Kreis getreten, der neue Kreis nahm ihn nicht ohne weiteres auf. Die Söhne wohlhabender Metzger und Wirte taten Ernst durchaus nicht den Gefallen, zu hofieren. Sie suchten ihn wohl gelegentlich bei Schularbeiten auszunützen, gingen aber nicht gern mit ihm auf der Straße, weil Ernst ziemlich schäbig und fadenscheinig daherkam. Auch die sonderbare Doppeltheit seines Namens war ihnen unheimlich. Sie hießen alle wie ihre Väter. Der Tagelöhnerssohn trug den Mutternamen. Woher das kam, erfuhren sie auf Umwegen.

Diese auffällige Eigenschaft sollte Ernst übrigens bald verlieren. Der Same des Vikars Blume ging auf. Die Eltern würden heiraten.

Daheim verlautete kein Sterbenswörtlein davon. Durch den Kassenvorstand erfuhr Ernst von der Hochzeit der Eltern. Er wurde für einen Tag beurlaubt.

Der seltene Festtag brach für Ernst wenig verheißungsvoll an. Er wollte die Festlichkeit mit längerem Schlaf anfangen. Das fand die Mutter nicht notwendig, und sie goß ihm, als alles Rütteln und Schütteln nichts half, Wasser über den Kopf. Ernst bemurrte diesen nassen Anfang, beruhigte sich aber, als ihn der Vater mit einigen Ohrfeigen abtrocknete.

Um Platz zu schaffen, war das Zimmer zu räumen, worin die Familie wohnte und schlief. Mit dem Vater schleppte Ernst die Betten auf den Speicher, im Waschboden wurden sie verstaut. Der Vater klemmte sich zum Überfluß den Finger bei dieser Arbeit, was die Stimmung nicht hob. Aber es sah in der Wohnung doch prächtig aus. Die sonst in zwei Zimmer geteilte, enge Wohnung war eine neue Einheit, die Ernst gleich abmessen mußte. Genau neunzehn Schritte von einer Wand zur andern. Drei Tische (zwei davon freundnachbarlich ausgeborgt) bildeten eine lange Tafel. Die Tische waren verschieden hoch, so daß es auf der Fläche bergan und bergab ging.

Mit hochrotem Kopf kam Johannes Löhner aus der Nachbarswohnung, die als Ankleideraum diente. Nach heftiger Anstrengung war die stämmige Gestalt in den Gehrock geschlüpft, prustend nestelte Johannes den engen Kragen zurecht und mühte sich umsonst, die breiten Fäuste in die Stoffhandschuhe zu zwängen. Der gequetschte Daumen spottete aller Mühe. Schließlich erlaubte Maria, die Handschuhe im Rockschoß unterzubringen.

Besser ging es mit der bräutlichen Einkleidung. Maria sah in ihrem weißen Kleid sogar recht vorteilhaft aus. Mit 32 Jahren, und wenn man seit der Schulentlassung in die Fabrik geht, ist die Schönheit weg. Heute lebte Maria wieder einmal auf; froher Glanz lag in den Augen und sanftrosiger Schein über den Wangen.

Drunten polterte der Hochzeitswagen vor. Ein behendes Männlein schoß eilig in das Haus und bremste knapp vor dem Hochzeitspaar, die aufgeregt fliegenden Rockschöße in elegantem Schwung beruhigend. Von dem Lohndiener begleitet, der um sie sprang wie ein Dackelhund um ein Katzenpaar, bestiegen Johannes und Maria die Kutsche. Bewundernde Anmerkungen des ganzen Zwingers folgten nach.

Ernst, der sich keine Einzelheit des Tages entgehen lassen wollte, erhaschte bei der Abfahrt noch, daß dem Vater der angejahrte Zylinderhut entsprang, was ihm so köstlich vorkam, daß er aus vollem Halse lachte.

Armer Leute Fest hat den Magen zum besten Gast. Auch bei dieser Hochzeit wurde geschmort und gebraten, gebacken und gerührt, daß der ganze Zwinger nach den Wohlgerüchen duftete.

Die Hochzeiter kamen zurück. Johannes lachte dröhnend über die reichlich schwülstigen Glückwünsche, drehte sich mit vom Leib abgehaltenen Rockschößen zweimal um die Achse und hieb seine neue Frau derb auf die Schulter. »Etzt hätt mersch, Alte! Etzt därf ka Mensch mehr »Fräulein« zu dir sag'n.«

Fast zwei Stunden vergingen mit Kauen und Schlucken. Punkt drei Uhr öffnete Johannes den letzten Westenknopf und meinte stillvergnügt, der Mensch müßte eigentlich zwei Mägen haben. Dann stand er auf, blickte unsicher durchs Fenster und verschwand mit fliegendem Rock, was sollte er jetzt daheim machen, wo die Weiber ihren Kaffeeklatsch vorbereiteten? Da ging ein vernünftiger Mann lieber zum Bier.

Im Wirtshaus »Zum roten Roß« fanden sich nur zwei Gäste, fragwürdige Gestalten, bei der Erfindung der Arbeit sicher unbeteiligt. Bei der Ankunft des feierlich gekleideten Hochzeiters steckten sie die Köpfe zusammen und schnupperten erwartungsvoll. Sie witterten billiges Vergnügen und die Witterung trog nicht. Bald ächzte der Tisch unter dem Aufprall harter Knöchel und weil ein rechtschaffener Kartenspieler immer findet, daß nur der andere Fehler macht, setzte es nach jedem Spiel laute Bemerkungen. Dabei wurden aber nicht die vollen Krüge vergessen, denen der Wirt wahrhaft rührende Aufmerksamkeit widmete.

Vollkommen zufrieden mit seinem Hochzeitstag spielten Johannes und die Tagediebe bis in die Dämmerung. Möglich, daß der neue Ehemann überhaupt auf die häusliche Feier vergessen hätte, wären nicht Abgesandte erschienen, die an die Pflicht mahnten.

Die festliche Gesellschaft war inzwischen angetreten. Vikar Blume war auch gekommen und sah befriedigt auf sein christliches Werk. Die Traurede vom Vormittag ergänzte er durch erbauliche Betrachtungen über die Schönheiten des Ehestandes, von allen Anwesenden andächtig hingenommen. Als der Vikar einen Lobgesang auf die Häuslichkeit anhub, rutschte Johannes schuldbewußt auf seinem Stuhl, denn Maria rühmte seine Abneigung gegen außerhäusliches Leben.

Wuchtige Schritte polterten die Treppe herauf. Johannes knuffte hinter dem Rücken des Vikars nach Maria, die entschuldigend zu Blume meinte: »Arbeitskollegen von ihm! Lauter Landsmänner ...«

In der Tür tauchte ein baumlanger Kerl auf. Er trug den breitgekrämpten Filzhut der ehrsamen Maurerzunft tief in die Stirn gedrückt; das Gesicht war beschattet und nur ein brandroter Schnurrbart von der Dicke eines Mädchenzopfes zu sehen. Die Türe war sichtlich für kleinere Menschen berechnet. »Auweh, Hannes! Da hat scheint's der Zimmermo nach an Schneider g'mess'n. Hast an niedern Stuhl, sonst hau i a Loch in die Deck'n.«

Hinter dem Langen drängten weitere vier Männer nach, der Wehner Sixt, ein untersetzter Kerl mit einer Faschingslarve als Gesicht, der Hartl, dürr wie ein Postklepper, der Lengefelder, ein hübscher Bursch in geckischem Anzug und endlich der Herr »Polier«, kenntlich an einer mächtigen Glatze und an dem Zollstock, der zwischen der hinteren Hosentasche und dem Rock achtunggebietend ragte. Jeder trug ein Paket unterm Arm, der lange Klebes außerdem eine Ziehharmonika am Riemen über der Schulter.

Dem Pfarrer war die Ankunft der rauhen Gesellen unheimlich. Doch denen war die Anwesenheit des Pfarrers noch unheimlicher. Sie wagten kaum einen Scherz und benahmen sich recht manierlich. Ernsthafte und verständige Reden über das Wetter wurden geführt, dabei besonders erörtert, wie lang noch im Freien gearbeitet werden könnte, und einer achtete auf den andern, daß er beim Trinken nicht zu lange im Krug blieb. Alles wegen des Vikars! Nur der lange Klebes rückte unruhig auf seinem Platz. Schließlich ging er aus dem Zimmer, kam aber gleich wieder zurück, breites Schmunzeln im Gesicht und einen schwärzlichen Hauch auf dem fuchsigen Schnurrbart. Er war begeisterter Schnupfer und hatte den Zwiespalt von Anstand und Leidenschaft durch sein Austreten gelöst. Das freute die ehrliche Haut innig.

Als der Vikar aufbrach, gab es ein allgemeines Scharren und Kratzen der Füße und Verbeugungen, wie ehrsame Maurer und Mörtelmacher sie eben im Gelenk haben.

»Feiner Mann, der junge Herr Pfarrer«, urteilte der lange Klebes. »Aber ich halt's mit die Pfarrer doch wie derselbig Bauer, der g'sagt hat: Weißt, Nachber, unsern Pfarrer siegh i am liebst'n in der Kirch. Do kann i ihm ausweich'n ... Net amal rechtschaff'n schnupf'n konnst. Aber etzt san mir unter uns Pfarrerstöchter. Magst, Hannes?«

Die Dose wanderte reihum und schnell war die erbauliche Stimmung verschwunden. Johannes legte den Rock und den zerweichten Hemdkragen ab. In so bequemem Anzug setzte er sich an das Kopfende der Tafel. Alle andern folgten dem Beispiel, bis auf den Lengefelder, der nicht schlecht gehänselt wurde, weil er als einziger Rock und Kragen anbehielt. Er griente aber bloß und zupfte herausfordernd die großgeblümte Binde vor.

Der lange Klebes bearbeitete sein Maurerklavier nach allen Regeln der Kunst. Er zog den Balg mit athletischer Kraft und machte keine sehr reine, aber eine sehr laute Musik. Märsche, Lieder, Tänze wechselten. Hartel und der »Polier«, die sich für verkannte Sänger hielten, wetteiferten mit dem langen Klebes um die Oberherrschaft im Reich der Töne und setzten ihre ganze Stimmkraft daran. Bald sang alles, die Hochzeiter eingeschlossen.

Gestern Abend, spat in stiller Ru–hu,
hört ich im Wald wohl einer Amsel zu–hu.
Und als ich draußen saß
und meiner ganz vergaß,
da kam die Amsel, sie schmeichelt sich an mi–hich
und küsset mi-hich.

Die Endsilben jeder Zeile wurden endlos hinausgezogen und erstarben in sanftem Säuseln.

Die werbende Wirkung blieb nicht aus. Zuerst bezogen die Hausgenossen Posten im Flur; bei schicklicher Gelegenheit wollten sie einer Einladung folgen. Dann kamen die Nachbarn, und bald saßen wohl an zwanzig Menschen im Zimmer, dazu noch ein halbes Dutzend Flurgäste. Hochzeitliche Kleider hatten außer dem jungen Ehepaar und vielleicht dem Lengefelder kein Mensch an. wie sie dem Zug ihres Herzens gefolgt waren, in Pantoffeln, in Schlappschuhen, ohne Weste und im Unterrock saßen die Menschen da und freuten sich wie Schneekönige. Es gab reichlich zu essen und überreichlich zu trinken, denn man wußte im Zwinger, was man bei einer Hochzeit zu fordern hat.

Ernst stand betäubt mitten in dem Trubel. Angenehme Schlaffheit besaß ihn. Zuweilen bewegte ihn der heftige Drang, mitzutun. Dann griff er nach einem leeren Glas und reichte es dem langen Klebes, der das Amt des Kellermeisters versah. Der zwinkerte mit den schon etwas biertrüben Augen, munterte den Buben zu vollen Zügen auf und Ernst machte es den andern treulich nach. Merkwürdig, daß er so viel klarer und schärfer sah und für Augenblicke über dem Fest schwebte, als wäre es weit, weit weg von hier.

Er trank weiter, wurde aber mit jedem Schluck widerstandsloser gegen die andringende Erschöpfung. Teilnahmslos setzte er sich auf einen Stuhl und starrte krampfhaft in das Geflirr der wirbelnden Menschen. Er sah die Mutter mit dem Lengefelder walzen, der noch immer standhaft in Rock und Kragen aushielt; er glaubte, die Mutter lächeln zu sehen, doch ging alles unter in dem übermäßigen Wunsch nach Schlaf, nach Ruhe, nach Fernsein. Sich aus dem Zimmer tastend, kroch Ernst die Bodentreppe hinauf und sank in den Kleidern auf die Betten nieder, wie aus weiter Entfernung hörte er noch grölen, dann fiel alles: Fest, Eltern, Menschen und eigenes Bewußtsein in ein endlos tiefes, schwarzes Loch ...

 

Die Löhners tauchten wieder im Alltag unter. Nach vierundzwanzig Stunden war die Welle ihres Hochzeitsfestes verrauscht. Johannes schleppte seine Ziegelsteine, die nicht leichter wurden, weil sie jetzt auf verheiratete Schultern drückten. Die Stunden setzten ihren grauen Reigen fort und längst stand der Hochzeitstag wie ein seltsamer Fremdling aus Traumland abseits des trüben Kreises.

Ernst kostete die Eltern Geld. Wohl war er Freischüler, und sein Gönner, der Vikar Blume, trug manche kleine Last. Die Eltern rechneten aber jeden Pfennig aus und mußten rechnen, und seufzten über jeden Zeichenbogen, der notwendig war. Nur die wirklich ausfallenden Fortschritte des Buben ließen es gewagt scheinen, das angefangene Studium vorzeitig abzubrechen. Die Eltern sonnten sich in dem Gedanken, ihren Sohn einmal als Lehrer zu sehen, und dieser Gedanke erleichterte die drückende Last der Ausgaben.

Ernst war mit der Schule unzufrieden. Er lernte leicht, tat überhaupt nichts, weil er sich auf sein wunderbares Gedächtnis verlassen konnte, und raunzte mit den Eltern, weil er nicht besser angezogen war. Gelegentlich mit Kameraden in deren elterlichem Haus stieg ihm der Unterschied schmerzhaft auf zwischen guter Bürgerlichkeit und dem eigenen Heim. Da quoll manchmal wilde Bitterkeit auf. Warum mußten gerade seine Eltern arm sein? Der dumme Kraft kam schon wieder im schönen, blauen Matrosenanzug daher. Er ging das zweite Jahr in seiner grauen Kammgarnhose, die sieben Flecken aufgenäht zeigte.

Donnerstag nachmittag von 4-5 Uhr war Turnstunde. Davor zitterte Ernst seit Tagen. Seine Schuhsohlen waren durch und trotz inständiger Bitten hatte er bei der Mutter die Reparatur nicht erreicht. Ernst, fiebernd vor Angst und vorerlebter Scham, stand in Reih und Glied. Er dachte, den Lehrer wegen Unwohlseins um Befreiung zu bitten. Es war nichts damit, weil Notenturnen stattfinden sollte. Immer näher kam die Reihe an Ernst, der sich wirklich krank fühlte. Jetzt hieß es auch schon antreten. Der Turnlehrer verstand den flehenden Blick des Knaben nicht. Ungerührt kommandierte er seine Übungen und fuhr Ernst barsch an, der vor dem Reck beim Aufsprung zögerte. Halb sinnlos und doch von grausam bohrenden Gedanken wachgehalten, führte Ernst das Hochheben der Beine in die Waghalte aus. Langsam hoben sich die zerrissenen Schuhsohlen und enthüllten ihr Geheimnis. Im Wegtreten hörte Ernst leises Kichern und sah grausam spöttische Augen auf die Stelle gerichtet, wo sein Fuß durch den Schuh die blanke Erde trat. Aufgebracht stieß Ernst die nächsten im Glied zur Seite, stellte sich verkniffenen Gesichtes an seinen Platz und schaute starr, ohne sich während der ganzen Stunde vom Fleck zu rühren.

Dieses Erlebnis bewirkte eine Wandlung im Betragen Ernst Löhners. Er war beileibe kein musterhafter Schüler, doch hatte er sich bisher den Schulvorschriften angepaßt. Jetzt war ihm alles gleich. Es regnete in den nächsten Wochen Vermahnungen, Verweise, Arreststrafen, ohne die ingrimmige Aufsässigkeit des Knaben zu berühren. Wo er etwas gegen die geheiligte Ordnung unternehmen konnte, tat Ernst es voll ehrlicher Wonne. Er ärgerte Lehrer, Mitschüler und alle, die ihm in den Weg kamen.

Im deutschen Aufsatz mußte das bekannte Schwabsche Gedicht »Der Reiter und der Bodensee« nacherzählt werden. Ernst ließ den Reiter nach seinem glücklichen Ritt nicht sterben, wie die Vorlage verlangt, sondern erfand einen glücklichen Ausgang des Abenteuers. Diese Selbständigkeit wurde mit einer schlechten Note bestraft, was Ernst ärgerte, weil er gerade im deutschen Aufsatz keinen Mitschüler vor sich duldete. Als der Lehrer die Note verlas und hinzusetzte, daß die Arbeit sehr gut, aber nicht nach der Vorlage sei, ballte Ernst die Fäuste unter seiner Bank. Natürlich grölte die ganze Bande vor Vergnügen über den Schluß, den er zur Strafe vorlesen mußte.

Auf dem Heimweg schlug Ernst dem lautesten Schreier die Nase blutig, was eine Stunde Arrest trug. Dem Pedell der Schule war Ernst gar nicht grün und als dieser Vorhaltungen über sein Benehmen machen wollte, warf ihm Ernst Schulschwamm, Lineal und zwei Hefte an den Kopf.

Diese Tat machte Ernst zum Helden der ganzen Schule. Verstohlene Zeichen allgemeiner Hochachtung begleiteten Ernst, der in der Freiviertelstunde vom Pedell dem Rektorat vorgeführt wurde. Der weißhaarige Rektor sprach Machtworte. Ernst verteidigte sich trotzig und aufgebracht, redete verächtlich vom Pedell und weigerte sich unbedingt, die verlangte Abbitte zu leisten. Vier Stunden Karzer und schärfste Androhung des Hinauswurfs waren die Folge. Erbittert über die hohe, seinem Empfinden nach ungerechte Strafe fiel Ernst im Schulhof mit beißenden Redensarten über den Pedell her und riß sich wütend los, als der Mann Miene machte, ihn am Arm zu fassen. Unter lautem Beifallsjohlen der Kameraden verbat sich Ernst jede körperliche Berührung. Von da ab hatte er den Pedell zum unversöhnlichen Feind.

Doch kümmerte diese Feindschaft Ernst nicht groß.

Ernst hatte seit dem Erlebnis in der Turnstunde die Achse seines innerlichen Lebens aus der Schule verlegt. Lebte er doch auch im Alter der Freundschaften und gemeinsamer Schwärmereien.

Das Armeleutviertel im Zwinger konnte dazu nichts geben. Außerhalb des Zwingers freundlichere, hellere Welten zu betreten, strebte Ernst nach allerhand Bekanntschaften. Mit einigen Muttersöhnen, die feinere Hemden auf dem Leibe trugen als er, paukte er Lehrstoff ein, Jahreszahlen und Schlachtdaten, Logarithmen und Gleichungen. Ihm war das Spielerei, den andern war es saure Arbeit, die man sich gern durch das fabelhafte Gedächtnis des Taglöhnersknaben erleichtern ließ. Ernst wurde von den Nutznießern seiner Gedächtniskraft manchmal auch zum Spiel zugelassen, durfte selbst Blicke in ihre Wohnungen tun und verlor immer mehr die Lust am eigenen Daheim.

Schöne, wilde Zeit der Knabenspiele! Ernst floß über vor Schwärmerei, hielt seine Freunde für Halbgötter und erlesene Wesen und opferte ihnen bestes Gefühl. Namentlich Otto Lier schien ihm vom Himmel gefallen, weil in allem der eigene Gegensatz. Sah man den schmalschultrigen, hohlwangigen Ernst, nur die seltsam erregten Augen konnten anziehen, zusammen mit dem großen, gut entwickelten Lockenkopf, dann war die gegenseitige Neigung nicht faßlich. Ernst hing leidenschaftlich an dem schönen Knaben. Er gab keine Gelegenheit frei, Otto körperlich nahe zu sein und wählte bei den Ringkämpfen immer ihn zum Gegner. Sein Blut, das sonst noch ruhig floß, wallte höher unter der Berührung des Freundes. Ernst stand diesem Gefühl ratlos gegenüber, schämte sich seiner und verbarg es ängstlich.

Erlösung aus dieser ersten Not des erwachenden Blutes brachte die Bekanntschaft mit Ottos Schwester. Sie wurde an einem Mittwochnachmittag im Garten vor der Stadt gemacht. Dort versammelten sich regelmäßig die Freunde, gelesene Heldentaten aus Homer oder Lederstrumpf nachzuahmen. Ernst stellte sich den Garten nach seiner Einbildung vor: Dichtes Baum- und Strauchwerk, ein Springbrunnen in der Mitte, rund herum eine grüne, undurchdringliche Mauer, die der gemeinen Welt den Blick in das Paradies verwehrt.

Von dieser Romantik fand er nichts. Der Garten war ein Stück Kartoffelfeld, ohne jeden Strauch, wo Ernst den Springbrunnen geträumt hatte, lag halb in die Erde versenkt ein Wasserfaß.

Ernst haßte jede Wirklichkeit, die ihm eine schöne Einbildung zerstörte. So ging es auch mit dem Garten. Gleichgültig stocherte Ernst in den Kartoffelbeeten und schob die Oberlippe verächtlich in die Höhe. Daß aus einer dürftigen Laube Kichern und Tuscheln kam, erhöhte die Laune nicht. Ernst verachtete die Mädchen. Er hielt sie für entsetzlich dumm und fand ihre Zöpfe lächerlich.

Ernst kümmerte sich nicht um die vier Mädchen in der Laube. Er guckte angestrengt zum Himmel und warf Otto patzig hin, mit Mädchen spiele er nicht. Otto rieb sich verlegen die Hände und dachte nach, wie der Bär zu kirren wäre. Ernst storchte indessen gelangweilt durch den Garten, fest entschlossen, nicht mitzutun, wenn Mädchen dabei sein sollten. Ein Bündel Kartoffelkraut flog ihm ins Genick, und als er wütend kehrtmachte, sah er ganz nahe vor seinen Augen ein weiches, sanftes Mädchengesicht. Die lustigen, rehbraunen Augen schauten jetzt leicht betreten. Ernst schnitt auch ein zu saures Gesicht. Zur rechten Zeit tauchte Otto auf und stellte seine Schwester Gertrud vor. Der hübsche, muntere Backfisch ging schnippisch in eine Kniebeuge, wobei die Augen lockend auf Ernst zielten, wirbelte dann aus dem zierlichen Absatz um die Achse und flog falterleicht zu der andern Gesellschaft. Nun schien es Ernst doch, als hätte er just keine sehr glückliche Rolle gespielt. Verärgert stopfte er beide Hände in die Taschen und blieb breitspurig vor Otto stehen.

An den Spielen beteiligte sich Ernst nicht. Er hätte am liebsten geheult, weil er sich selbst ausgeschlossen hatte. Doch jetzt nachgeben, wäre ihm wie elender Verrat erschienen. Die andern neckten und hänselten, konnten aber den Stock nicht bewegen.

Als die Dämmerung anhuschte, häufte die Gesellschaft Kartoffelkraut und zündete den Haufen an. Der eklig beizende Rauch kroch am Boden hin und zog lange, zähe Fäden durch die Beete. Otto als Gymnasiast wußte um die Geschichte des Mucius Scävola, der seine Hand ins Feuer hielt, bis sie verkohlt war. Mutig forderte er zur Nachfolge dieses erhabenen Beispiels auf. Die vier Gespielen Ottos schauten bedenklich. Ernst lächelte höhnisch, verschränkte die Arme über die Brust und wippte in den Hüften. Das waren schon die rechten Helden, die mit Mädchen spielten. Er wollte ihnen aber zeigen, was ein Mann ertragen müsse, der in zwei oder drei Jahren mit dem »springenden Hirsch« auf die Büffeljagd ritt. Ernst las eifrig Indianergeschichten und war gerade aufgelegt zu einer Probe stumpfsinnigen Heldentums. Stülpte also die Ärmel hoch und reckte die Hand über die Glut des niedergebrannten Strunkhaufens.

Ernst dachte sich bei der ganzen Sache nichts. Wie oft hatte er schon ähnliche Proben ausgehalten, sich tätowiert mit Stecknadeln und Kienruß in die Zeichnung gerieben, am Marterpfahl gehangen und starre Gesichter geschnitten, wenn die Schläge auf die Fußsohlen klatschten. Daran dachte Ernst jetzt und hielt die Handfläche regungslos über die Glut. Es prickelte und brannte höllisch, und die Linien um Ernstens Mund wurden scharf, als wären sie mit dem Grabstichel gearbeitet. Zwei braune Mädchenaugen ruhten dunkel und hart auf seinem Gesicht. Ein fast grausamer Zug spielte lächelnd um den Kindermund, und Ernst ahnte, dieser Mund würde jetzt gleich laut auflachen, wenn nur das kleinste Zeichen von Schwäche dazu Ursache gab. Ernst schloß die Augen, atmete tief und senkte langsam die Hand auf die Glut. Bevor er sie noch berührte, fühlte Ernst den Arm heftig zurückgerissen. Das Mädchen sah ihn blitzend an. Das Funkeln ihres Auges verblaßte, als sich ihm der schwermütige Glanz des Knabenblicks verband, und ein sanfter, schüchterner Ausdruck stellte sich ein. Ernst aber fühlte allen Trotz und Groll in sich schmelzen, wenig hätte gefehlt, und er hätte geweint.

Das herbstlich sanfte Lied der Sonne klang ab. Hinter den Türmen der nahen Stadt verhallte zartes Abendrot. Eingehakt gingen die Kinder heimwärts, Ernst und Otto voraus, die Mädchen tuschelnd hinterdrein.

Manchmal sah Ernst verstohlen zurück und suchte Gertruds Augen. Sie glänzten ganz sanft und zärtlich und spiegelten den weichen Schein des abendlichen Himmels wieder.

 

Ernst bebte in allen Grundfesten seines Gemüts. Der sichere Bau des Knabenlebens wankte. Vorstellungen stürzten ein und erschlugen im Fallen alle mühsam errichteten Stützen der jungen Welt. war er denn bis jetzt taub gewesen? Stimmen riefen sich in ihm erkennend an, die lange stumm geruht hatten.

Ernst schwang sich aus allen Schranken seiner Welt. Er raffte das Blaue von unbekannten Himmeln, stahl Sterne und Sonnen und schuf sich eine Erde ganz aus eigenem Stoff.

Bei guter Laune hatte er schon früher zum Gaudium der Klasse gereimt. Er hatte mit Worten gespielt und staunte oft, wenn er sah, wie sich verwandte Worte finden, ohne daß Verstand die Wege weisen muß.

Jetzt aber dichtete Ernst voll verbissener Hartnäckigkeit. Er schloß die Augen, um seine nächsten Pflichten nicht zu sehen, rannte, die Nase hoch in der Luft, wunderlichen Schatten nach und hielt Zwiesprache mit dem Wind, dem guten Mond und allen Geistern, die im Wesenlosen schalten.

Die Schule konnte ihm da nur Hemmnis sein. Er kümmerte sich keinen Deut um Aufgaben und Zeugnisse, saß, von innerlicher Unrast gepeinigt, die langweiligen Stunden ab und warf die Bücher in die Ecke, wenn die Schulglocke ausgeschlagen hatte. Die Eltern trauten ihm unbedingt. Sie verstanden gar nichts von Aufgaben und Zensuren und glaubten gern, Ernst schriebe einen deutschen Aufsatz, derweil er einen Reim suchte zu einem neuen Einfall. Kamen sie am Abend todmüde heim, so waren sie froh, von Ernst nicht geplagt zu werden mit Fragen und Bitten. Sehr stolz auf den klugen Sohn, hielten sie sich selbst für dümmer, als einem Verhältnis von Eltern und Kind zuträglich ist und dachten nicht daran, einmal auch die Wege des Knaben zu begehen.

Herrliches Schlendern im anbrechenden Abend durch die Straßen der großen Stadt, die heimlicher und traulicher werden, je weiter das Licht entweicht! Ernst stand an der Anschlagsäule, den Rücken der Gaslaterne zugekehrt und starrte unverwandt nach den Fenstern des ansehnlichen Bürgerhauses gegenüber. Dort wohnte Gertrud. Gleich mußte das Licht in der Wohnung aufgehen. Man konnte da manchmal Schatten hinter den Vorhängen sehen, und es war schmerzseliger Genuß, aus den Umrissen eine Gestalt zu suchen.

Was Gertrud jetzt gerade tat? Wo lag eben ihre Hand? Ernst wünschte jeden Abend sehnlich, von dieser Hand berührt zu werden. Gegenstand ihres Zimmers zu sein, beneidenswertes Los! Ob sie auch im gleichen Zimmer mit Vater und Mutter schlief? Vielleicht würde sie sich gerade ausziehen. Sie mußte schlank und weiß sein, o ja, schlank und weiß wie die Figur, die Ernst heute in der Kunsthandlung gesehen hatte. In den Groschenheften ist zu lesen, daß der Räuberhauptmann in die Kammer der Gräfin geht. Was die da drinnen wohl tun mögen? Wenn er doch jetzt auch mit Gertrud allein in der Kammer wäre ...«

Erregt atmete Ernst bei diesem Gedanken auf. Sonderbar, dieses Sausen in den Ohren und Flimmern vor den Augen! Ging ein Gespenst eben vorbei? Er hatte doch ganz deutlich Gertrud gesehen, im Hemd, nein ... ganz nackt ... Dumme Gedanken, was wollte er denn von dem Mädchen? Mädchen sind doch alle entsetzlich dumm und haben lange Zöpfe. Nein, schrie da wieder eine Stimme, Gertrud ist gar nicht dumm. Sie ist ein schönes, schlankes Mädchen und verdient, daß man ihr den Mond zu Füßen legt.

Matt ging hinter den Häusern der Mond auf. Nachdenklich folgte Ernst seiner Bahn, fühlte, wie der weiche Glanz magnetisch an seinen Augen sog und schwärmte fessellos ins ausgebreitete All. So weich und rund war auch Gertruds Gesicht, und der Glanz ihrer Augen konnte genau so kühl über die Wangen streifen ... Was tat sie jetzt? Wo lag eben ihre Hand? ...

Das Karussel in Ernstens Kopf war wieder an alter Stelle und drehte den gleichen Kreis von vorne. Drehte den Kreis oft, bis das letzte Licht in dem Hause erlosch und nachtkalter Hauch von den Sternen wehte.

Taumelnd und tief verwirrt machte sich Ernst dann heimwärts, den Kopf schwer gesenkt und Gefühle wälzend, die bis zum Morgen auf seinen Schlaf drückten ... Die Mutter schüttelte den Kopf zu seinem Aussehen, glaubte aber, daß er zu Besuch bei einem Freund gewesen und mit diesem Schulaufgaben gemacht hätte.

 

Dreimal besuchte Ernst die Kirche an jedem Sonntag. Es dünkte ihm nicht genug, im Hauptgottesdienst gewesen zu sein. Anschließend blieb er auch gleich zum Kindergottesdienst und jeden Sonntagabend sah er die Sonne durch gemalte Kirchenfenster untergehen.

Warum das? Aus großer Frömmigkeit und Gottesfurcht? Aus Gefühl innersten Zwangs und inniger Erhebung?

Gott wohnt besser als die meisten Menschen. Selbst in der ärmlichsten Dorfkirche ist noch ein Schimmer von Schönheit und Augenweide. Die alte Kirche St. Bartholomä, die Ernst besuchte, ist ein Schatzkästlein einfacher, reiner Formen, und wenn sie am Sonntagvormittag von den sauber gekleideten Leuten besetzt war, konnte man schon glauben, daß die Welt gut und ordentlich bestellt ist. Daheim verlor Ernst jeden Glauben an diese Ordnung der Welt. Sie waren fünf Personen und wohnten in zwei Zimmern, keines größer als ein rechtschaffener Schweinestall. Das eine Zimmer sah zum Hof hinaus, der immer, solang Ernst sich erinnerte, voll Schmutz und Gerümpel lag. Gleich unter dem Wohnungsfenster stank eine Dunggrube zum Himmel. Diesen Hof roch Ernst, auch wenn er nicht daheim war. Der Geruch haftete an seinem ganzen Jugendleben.

Wie anders in der Kirche! Wenn er die Pforte überschritt, fühlte Ernst eine Welt übler Düfte hinter sich verwehen. Das verlohnte wohl, ein feierliches Gesicht zu schneiden und die sonst recht aufgeregte Gehweise auf würdige Gemessenheit zu sänftigen. Dicht vor dem Altar hatte sich Ernst einen in die Wand gelassenen Klappsitz ausgesucht. Kirchenschiff und Empore ließen sich von da gut überschauen, und wenn Ernst die Augen hinter sich warf, äugelte er drei Reihen zurück mit den Mädchen. Aus Leibeskräften sang er:

Dir, dir Jehova will ich singen,
denn wo ist noch ein solcher Gott wie du?
Dir will ich meine Lieder bringen.
O, gib mir deines Geistes Kraft dazu!
Daß ich es tu im Namen Jesu Christ,
so wie es dir durch ihn gefällig ist.

Am liebsten hätte er die ganze Stunde gesungen, weil das schöner klang, als wenn von der Kanzel Pfarrer Bäumlein greinte und durch die Nase sprach.

Zauberhafte Stimmung bannte Ernst besonders in die Abendandachten. Das Schiff atmete in seltsamem Zwielicht. Die bunten Kirchenfenster lebten stark farbiges Leben, und drunten saßen die Menschen, eins mit dem dämmerigen Halbdunkel, davon sie sich nur manchmal durch eine Bewegung lösten. Die Orgel rauschte gedämpfter als am Vormittag; sanft brach sich das Wellen und Schwellen der Töne in den Winkeln, und des Predigers Stimme wiegte sich darüber wie eine weiße Taube. Ganz verkrochen und klein lehnte Ernst in seinem Sitz, mochte kaum atmen und gab sich völlig auf im Tanz der Lichter und Schatten. Gott und alle steinernen Heiligen tanzten. Es waren Märchenstunden; Welt und Zeit schienen Ernst verwunschen und in das Dornröschenschloß gebannt.

So köstlich war dieses Erleben, daß Ernst keine äußere Berührung zuließ. Niemand merkte seine Ergriffenheit, die Eltern am wenigsten. Ihnen war Gott und Kirche weit aus dem Sinn gerückt, obwohl die Mutter streng auf den Kirchenbesuch der andern hielt und selbst kein Begräbnis versäumte. Sie wußte sich keine höhere Erbauung, als Grabreden anzuhören. Doch das eigene Leben nach den Lehren der Kirche zu gestalten, sittlich aus Kirchgang und Grabrede zu gewinnen, lag nicht im Kreis ihrer Entschlüsse, und da Vorbilder immer stärker sein werden als Worte, zog auch Ernst keine Nutzanwendung aus seiner kirchlichen Liebhaberei.

Das Leben predigte nach einem andern Text als die Ranzel. Dazu predigte es jede Stunde, nicht wie der Pfarrer nur am Sonntag. Schön war diese Predigt nicht, o wirklich, gar nicht! ...

Ernst sah, wie seine Familie aus dem Leim ging. Vater Johannes war gewiß ein lieber Mann von beschränkter Ehrlichkeit und unbeholfener Güte. Jeden Tag, ob es blühte oder schneite, war er mit der Sonne auf, trank den dünnen Kaffee und strich das Zehrgeld vom Tisch, das die Mutter bestimmt hatte. Wenn der Mond aufging, krachte die Stiege wieder unter dem harten Schritt. So jahraus, jahrein ohne Änderung und Stockung! Wie der Gang in einem Göpel, war der Tageslauf des Vaters, und die gleiche Gewalt trieb auch die Mutter ihren Weg. Nur daß sie nicht stumpf in diesem Zwang wurde, sondern scharf und spitz. Scharf und spitz in Worten, Meinungen und Taten. Untrennbar an den Mann geschlossen, empfand der die Stacheln und Dornen zunächst und vornehmlich.

Die Eltern waren sich am Anfang gewiß herzlich gut. Doch das Leben schmiedete sie enger zusammen, als dem persönlichen Eigennutz genehm ist. Jeder empfand des andern Last als eigene Last. Was geteilte Bürde sein wollte, wurde doppelte Beschwerung. Was Wunder, daß jedes strebte, von der Kette loszukommen! Die heftigen Bedrängungen des Lebens erbitterten die beiden Leute gegeneinander und da ihnen die Armut jeden Ausweg verrammelte, stießen sie sich im Käfig ihrer Ehe wund und blutig. Einer drückte dem andern die Dornenkrone, die er vom Leben trug, fester und tiefer in die Stirn und hielt sich für den Gekreuzigten.

Schon gleich nach der Hochzeit wurde das Kreuz aufgerichtet. Bis dahin hatten sich Johannes und Maria schlecht und recht einander angepaßt. Das gelang ohne viel Aufwand von Rücksicht und doch ohne Roheit. Mit der Ehe war das vorbei. Marias herrschsüchtige Art drängte nach dem Zügel, den sie auch bald in der Hand hielt. Wäre diese Hand nur stark und zielfest gewesen! Aber sie lenkte nach Laune und Wallung, und da Maria mehr Launen als Haare hatte, ging es in der Familie immer holterdipolter. Bei armen Leuten ist Herr im Haus, wer das Geld in der Hand hält. Maria wußte das sehr genau und wachte mißtrauisch über Johannes. Seine Arbeit wie sein Vergnügen wurden von ihr geregelt, und da Johannes doch zuviel Mann war, um als Gnade hinzunehmen, was seinem einfachen Sinn Recht schien, rissen die Kämpfe nicht ab. Es waren immer nur Kämpfe ums Geld, weil mit dem Kampf ums Geld in der kleinen Welt alles zu entscheiden ist.

Freitag war Vaters Zahltag. Das war immer ein Sturmtag, der sich schon am Morgen finster ankündigte, wenn Maria den Mann zur Arbeit entließ. Die an den andern Tagen angesammelte Spannung wetterleuchtete drohend in spitzigen Redensarten und hinwerfenden Bemerkungen. Am Abend brach dann Blitz und Donner los. Maria fuhrwerkte in der Küche unter Schüsseln und Tassen, murrte dumpf über das elende Leben und schob Johannes das karge Essen hin, während jede Miene des harten Gesichtes zuckte und zitterte. Suchte der Vater nach seiner gutmütigen Natur den Ausbruch mit einem schwermütigen Scherzwort zu hemmen, dann setzte Maria ihre bösesten Augen auf, ihre schrille Stimme brach los, und oft endete das Gewitter in einem endlos grollenden Zanken und Reifen. Johannes, sehr geduldig und nachgiebig, sprach meist gar nichts, schob den Wochenverdienst weiter die Tischkante hinauf und löffelte gelassen weiter. Diese Ruhe reizte Maria aufs äußerste. Sie tat jede Rücksicht ab, stampfte wütend auf und schlug die Türen knallend ins Schloß. Dann erhob sich Johannes bedächtig, wischte den Mund mit dem Hemdärmel und schlüpfte in den Rock. Die großen Kinderaugen fest auf Maria geheftet, schritt er rückwärts aus der Tür und wurde nicht mehr gesehen. Im Morgengrauen wankte er heim, die sonst so klaren, guten Augen trüb und gläsern und pfiff eine dumme Wirtshausweise unbeherrscht und doch auftrumpfend vor sich hin.

Ernst stand zwischen den Eltern. Die kämpfenden Parteien warben um ihn, die Mutter eifrig und unbesonnen, der Vater durch kleine Gefälligkeiten und durch Preisgabe manches väterlichen Sonderrechtes. Ernst durfte mit ins Wirtshaus, bekam sein eigenes Bierglas und vertrat den Vater beim Tarockspielen, wenn der gerade anderes zu tun hatte. Die Mutter zog ihn noch näher ins Vertrauen. Er bekam von ihr Geld zu Näschereien und manchen Bissen, den die Familie nicht zu sehen kriegte. Er hatte eine feste Stütze, wenn er Dummheiten anrichtete, woran es nie fehlte. Dann hielt ihm die Mutter eine Stange gegen den Vater und ersparte ihm manche wohlverdiente Tracht Prügel.

Innerlich stand Ernst dem Vater näher. Die ruhige, sichere, zuverlässige Art des Vaters schien ihm bessere Gewähr als die lebhafte, aber wandelbare, wortschnelle, doch selten aufrichtige Art Marias. Die größeren Vorteile verschaffte aber zweifellos das Bündnis mit ihr. Zwischen Neigung und Vorteil eingeklemmt, schwankte Ernst zwischen den Eltern, stand heut auf dieser, morgen auf jener Seite und trug auf allen Achseln Wasser. Einig ging er mit den Eltern, daß dieses Leben nicht schön sei.

Daß es bei diesem häuslichen Krieg auch für Ernst nicht ohne Wunden abging, zeigte sich schnell unnachhaltig. Sein Gemüt sollte noch lange die Narben dieser Kämpfe tragen.

 

Das Leben daheim haßte Ernst tief, und wenn er überall lieber weilte, als im Mutterhaus, geschah es in der Ahnung, daß er mit jeder Stunde, die er nicht daheim war, einer Gefahr entging. Die Straße im abendlichen Lichtglanz, die Kirche, ganz in Orgelklang und Altarschimmer getaucht, eines Freundes schönere Wohnung waren ihm Zuflucht und Obdach. Dort gediehen alle Erlebnisse, die in der Stickluft daheim welkten und duftlos abfielen. Heimatlos und einsam irrte die erwachende Seele durch die große Stadt, ließ sich nur manchmal zur Rast in Kirchenschiffen und an den Erkerfenstern des bewußten Hauses nieder und wußte kein Nest, sicher zu wohnen vor den Stürmen, die sich im Blut regten.

Der erste Sturm warf Ernst aus der Bahn seiner Bildung. Das Verhältnis zur Schule war unhaltbar geworden. Obwohl leicht allen Forderungen des Unterrichtes gewachsen, wurde Ernst vorzeitig aus der Schule entlassen. Seine Aufsässigkeit nahm mit jedem Tag zu. Der öde Gedächtnisdrill störte Ernst in den besten Gedanken, und ärgerlich stellten die Lehrer fest, daß der ausgezeichnete Schüler ihren Weisheiten gar keine Achtung erwies. Das war undankbar, aber kein Grund zum Hinauswurf. Dafür gab es genug andere Gründe.

Eine sehr weise, sicher erzieherisch gedachte Einrichtung der Schule wollte, daß sich jeder Schüler seine Strafen von den Eltern im »Sittenbüchel« bestätigen lasse. Zu solcher Bestätigung hätte Ernst jeden Augenblick Anlaß gehabt. Er dachte aber, daß es eigentlich eine doppelte Strafe ist, zuerst eingesperrt, dann daheim auch noch verhauen zu werden, und ersparte sich die Hälfte. Alle Einträge ins »Sittenbüchel« untermalte er fein säuberlich mit ungelenken Buchstaben, die den Vatersnamen ersetzten. Dadurch hatte er sich Prügel, dem Vater Ärger, leider aber auch der Schule die Genugtuung erspart, daß ein Ketzer zweimal verbrannt wird. Andere Schulgenossen sahen die Vorteile dieses Betriebes auch ein, und bald hätte die ganze Klasse Urkunden gefälscht. Denn mit dem Anspruch einer Urkunde trat der elende Wisch auf. Doch wachte die Gerechtigkeit. Eine peinliche Untersuchung stellte alles sonnenklar ins Licht, und da Ernst auch noch anderer Schandtaten verdächtig war, warf man ihn aus der Schule und schlug die Türe hart hinter ihm zu.

Ernst sah alles kommen. Er war einfach nicht mehr zur Schule gegangen, sondern hatte sich zwei Tage ins Bett gelegt. Die Eltern ahnten nichts, weil Ernst ganz unbefangen tat. Er las sich im Bett über sein Herzklopfen weg, denn recht geheuer kam ihm dieser Ausgang seiner Schulzeit selbst nicht vor. Daß die Eltern einmal alles erfahren mußten, war gar nicht zu hindern. Aber Ernst wollte es ihnen auf gar keinen Fall sagen. Am dritten Tag erschien sein alter Freund, der Pedell, auf der Bildfläche und deckte alles auf. Der Biedermann war von seiner Leistung sichtlich befriedigt.

Die Mutter stand fassungslos vor dieser Offenbarung. Sie schlug die Hände über den Kopf, bedachte Ernst mit schlimmen Schimpfreden und überlegte doch zu gleicher Zeit, wie dem Vater die Geschichte recht harmlos und mundgerecht vorzubringen sei. Johannes nahm die Kunde ruhiger auf, als Ernst befürchtete. Seine Antwort bestand in einem abschätzigen Blick, der Ernst durch Mark und Bein ging. Geredet wurde weiter nichts. Schwerer begrub die Mutter ihre Träume von des Sohnes Zukunft. Sie hatte ihn zu gern und zu oft als Lehrer gesehen, um die jähe Wendung gelassen hinzunehmen. Auf jeden Bissen bekam Ernst gestrichen, wie stark die mütterliche Enttäuschung war, und solches Brot schmeckt bitter.

Ernst sah die Schule noch einmal. Da holte er sein Zeugnis ab, welche Gnade ihm die Schulleitung gewährte. Es hieß darin, daß der Schüler Ernst Löhner bei tadelswertem Betragen und ungleichmäßigem Fleiß sehr gute Leistungen erreicht habe. Dann prangten in langer Reihe lauter Einser.

Sehr stolz auf dieses Zeugnis wartete Ernst das Ende des Unterrichtes ab, um bei den Kameraden zu prangen. Einige seufzten, als sie die Noten sahen, aber jeder war froh, nicht in Ernst Löhners Haut zu stecken. Daß sie ihn nicht mehr als zugehörig betrachteten, fühlte Ernst deutlich. Er rächte sich dafür mit großartigen Schildereien seiner Pläne und stellte lockend das Bild des freien Lebens auf, dem sie noch lange umsonst nachjagen müßten.

Im Torbogen kehrte sich Ernst kurz nach dem Schulhof um. Vier ereignisvolle Jahre seines Werdens waren eingerahmt von dieser grauen Mauer, die ihn jetzt mürrisch aus ihrer Haft entließ. Vor ihm lag die breite, munter bewegte Straße, die ins Leben führte, ins Leben, das irgendwo mit ausgebreiteten Armen auf Ernst Löhner wartete ...

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