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Der Held im Schatten

Karl Bröger: Der Held im Schatten - Kapitel 19
Quellenangabe
type
authorKarl Bröger
titleDer Held im Schatten
publisherEugen Diederichs
printrunAchtes bis zwölftes Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150702
projectide8bcfdaf
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Deutschland

Schön, still und wolkenlos zogen die drei Tage fort. Ernst ordnete, was zu ordnen war, besprach mit Luise die Aussichten und wie sie das Leben einrichten wollte, und erkannte bei diesem Gespräch, daß sie sich innerlich entgegengingen, jetzt, wo sie in wenigen Stunden voneinander scheiden mußten, wer weiß, auf immer ... Ein feiner Schmerz bohrte in dieser Erkenntnis. Noch zarter und gütiger zu sein, keinen Schatten auf die letzte Stunde fallen zu lassen, bemühte sich Ernst redlich und mit Erfolg.

Der Morgen kam. Mit der Sonne war Ernst aufgestanden, die wenigen Bedürfnisse waren gleich besorgt, und jetzt sah er durchs Fenster in den jungen, tauenden Tag. Ob sie noch schliefen? ... Auf den Zehen schlich Ernst in das Zimmer. Luise hatte das Kind an der Brust. Sie sah frisch und rosig aus, die langen Wimpern warfen graue Schatten auf die Wangen ... Jetzt hob sie die Lider. Ein voller Blick traf Ernst, ein verträumter, abwesender Blick ohne Bewußtsein des Augenblicks, strahlend aus einer schöneren, friedevollen Welt. Dann kroch langsam Erkenntnis in diesen Blick. Der Glanz wich und ein Schleier breitete sich über das Auge, daß es sich trüb einzog, wie ein Glas, das man anhaucht. Gleich war aber der tapfere Ausdruck wieder geholt. Luise lächelte Ernst an, deutete auf das Kind, das rotwangig an ihrer Seite schlief, und legte die Finger auf den Mund. Ein weicher, mit halben Lippen hingestreifter Kuß, ein fester Händedruck ... Ernst schritt aus dem Zimmer, ohne sich noch einmal umzusehen ...

Sechshundert Leute standen in Gliedern zu vier bereit. Koffer und Päcke, Bündel und Taschen vor sich hingestellt, achteten sie kaum auf die Verlesung. Jeder hatte nur einen Gedanken: einem Truppenteil eingereiht zu werden, der bis zum Ausmarsch in der Stadt blieb. Auch Ernst zehrte an dieser Hoffnung. Sofort wieder heimzukommen, wenn das Glück wohlwollte, hatte er Luise versprochen. Er hatte sogar, den Abschied zu erleichtern, mit ziemlicher Bestimmtheit versichert, daß er gewiß hierbleiben werde.

Die Gruppen sammelten sich. Bei zweihundert Mann nahmen ihre Sachen zur Hand, ordneten sich militärisch, und hinaus ging der Marsch, durch die Straßen, über eine Brücke und nun die Stadtmauer entlang den Weg zum Bahnhof. Ernst war bei diesem Zug. Es war also nichts mit dem Hierbleiben ... Besser vielleicht, viel besser ... Sonst gab es ein endloses, qualvolles Abschiednehmen ... Einmal mußte es ja sein, und so war es gut, nicht mehr heimzukommen.

Sie gaben sich ganz als Soldaten, waren ja auch lauter gediente Leute junger Jahrgänge, Reserve und Landwehr ersten Aufgebotes. Alte, von der Dienstzeit her vertraute Lieder klangen auf, fest und taktmäßig klappte der Massenschritt auf das Pflaster ... »Soldaten seins schön! Ja, man muß es gestehn ...« Ernst stimmte wacker ein, schob den Hut unternehmend ins Genick und bewegte die Arme im gewohnten Schwung ... Er fühlte sich gar nicht mehr als Einzelner. Sein Körper hielt Takt und Schritt der anderen, war in der Bewegung der Masse aufgesogen, und zu denken gab es gar nichts ... Ernst war Soldat. Vor sechs Jahren hatte er den bunten Rock ausgezogen und seitdem nicht mehr an Buchstadt und die zwei Jahre gedacht. Jetzt stand alles das wieder klar vor seinem Blick, die Ausmärsche zu den Übungen, das Necken und Frozzeln von Glied zu Glied, die straffe und gerade Haltung, wenn ein Befehl fiel ... diese ganze Zeit starr und ehern geregelter Pflicht.

Durch Menschengitter trabte der Marsch hin. Hüte und Hände winkten. Männer, die noch zurückblieben, schauten befriedigt dem Zug nach, Mädchen und Frauen machten ängstliche, verhängte Augen, die Jugend rannte neben den Reihen her und freute sich des gleichmäßigen Schrittes. Ein Zwölfjähriger schritt neben Ernst, tapfer bemüht, Tritt zu halten. Das Gesicht war ernst, gespannt und altklug, wie von der gewaltigen Stunde geformt ...

Ein kleines Bauernstädtchen war Standort. Die engen, verdrückten Gassen hallten Tag und Nacht unter den schweren Stiefeln. Fahrzeug holperte über das schlechte Pflaster, daß die schlafmützigen Häuser vom Keller bis zum First zitterten.

Vier Tage blieben sie dort. Einkleiden, Stiefel anpassen, Gewehr und Munition von der Kammer schaffen füllten die Zeit aus. Ernst hatte noch leise Hoffnung auf die ärztliche Musterung. Vielleicht blieb er doch daheim. Als der Bescheid »Tauglich« gefallen war, kehrte Ernst den Sinn entschieden ab von Heim und Haus. Das fiel nicht schwer. Zweitausend Männer mußten abrechnen, wenn sie es konnten, er konnte es auch ... Die schönen, warmen Tage und Abende riefen zwar die Erinnerung an alles wach, was zu verlassen man auf dem Sprung stand. Sommerliche Zeit ist friedevoll, Zeit stillen Reifens, und regt nicht zu Kampflust an.

Ernst gab sich auf, dachte nicht mehr zurück und sperrte entschlossen alle Türen ab, die in Vergangenes führten. Eine Karte an Luise hatte kurz angezeigt, wo er war und daß es gut ging. Sonst nichts ... Unter den anderen sitzend, trank er viel Bier, sang sich die Kehle heiser, ganz gleich, ob die »Arbeitermarseillaise« oder »Deutschland über alles ...«, und schlief prächtig unter dem Katheder des Schulhauses auf einer schmalen Strohschicht ... Was wollte er auch anders? ... Jedes persönliche Streben war abgeschnitten. Mit Millionen stand er unter gleichem Stern und Schicksal. Ihre Gedanken waren seine Gedanken, ihr Ziel war sein Ziel. Hinaus an die bedrohten Grenzen und zeigen, daß Mannheit auszuhalten, wenn's not tut, zu sterben weiß. Kein anderer Sinn, kein anderer Zweck ... Schnurgerade Weg und Richtung, deutlich das Ziel, ungewiß nur alles Persönliche.

Dienstag, den 11. August 1914, verließ die Truppe Sulzbach. Ernst spitzte auf einen Platz vorn im Wagen, wo die offene Schiebetür freien Ausblick gab. Fünfundvierzig Mann auf jeden Wagen, übermäßig breit kann sich da der einzelne nicht machen ... Der Zug stampfte westwärts, der Vaterstadt zu. Weit dehnten sich die Gefilde; das frische, satte Grün blitzte im Morgentau ... Sie sangen. Die Töne kämpften sich durch den dicken Tabaksqualm. In Schwaden zieht er ins Freie und trägt die Lieder über schweigendes Land. Nur da und dort ein Bauer auf dem Feld, sonst ist die Natur einsam und ungestört ...

Die Stadt! Eine halbe Stunde Aufenthalt ... Der Bahnhof im Nu von feldgrauen Gestalten überschwemmt, die den netten Schwestern vom »Roten Kreuz« ihre Gaben gern abnahmen: Wurst und Käse, Tabak und Schokolade ...

Weiter! ... Der Zug zieht fauchend an. Aus allen Fenstern Köpfe und Arme, Winken von Händen, Wimpel von Fahnen und Tüchern, lautes, jubelndes Grüßen und Rufen ... Die Türme weichen wie weggerückt aus den Augen, jetzt eine Biegung ... der Zug fährt zwischen dunklen, dürftigen Föhren. Versunken ist die Stadt ... Die Hand vor den Augen, spähte Ernst scharf nach Westen. Der Himmel reckte sich dunstig auf, flimmernd vor Glut, doch klar bis auf ein Wölkchen. Das stand tief im Westen. Nur ein Ende ragte über den Horizont. Fiel die Sonne darauf, so blitzte es her, drohend und funkelnd wie eine Lanzenspitze ...

Am späten Abend fuhr Ernst dem Rhein entgegen. Um die gleiche Stunde trat Luise, das Kind auf dem Arm, ans Fenster. Der Himmel war eingezogen. Eine riesige, schwarzgraue Wolke wälzte sich ungeheuer nach Westen. Die tiefsten Gründe der Nacht zuckten manchmal fahl auf.

Luise preßte das Kind an sich und legte die Hand schützend auf den jungen Scheitel ...

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