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Der Held im Schatten

Karl Bröger: Der Held im Schatten - Kapitel 18
Quellenangabe
type
authorKarl Bröger
titleDer Held im Schatten
publisherEugen Diederichs
printrunAchtes bis zwölftes Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150702
projectide8bcfdaf
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Die große Wolke

Ernst dachte an diesen Tanz im mondbeglänzten Zimmer froh und leichtblütig. Es war doch herrlich gewesen, ganz unbeschwert, gewichtlos, über sich hinaus gehoben. Luise war aufgeblüht wie eine Blume am Morgen. Ihre Bewegungen waren gelöster, die Augen glänzender, durch die Stimme brach ein Glanz von Freude und Lust am Leben. Und er? ... Die harten Knoten, von den Jahren geknüpft, gingen langsam, sehr langsam auf, einer um den anderen. Ernst hielt den Kopf hoch, Blick und Ausdruck wurden freier, und ein Schimmer von Blut trat in die Wangen. Das verkrochene Leben kam ins Licht. Er blieb mehr um Luise, plauderte von Vergangenheit und Zukunft, und hörte leidlich aufmerksam zu, wenn Luise von den bescheidenen Freuden ihres Tages sprach. Die schönen Sommertage fanden sie mit dem Kind draußen. Die Hängematte flog zwischen Bäumen, Sonnenflecken hüpften auf Kleid und Gesicht, und der Wind wehte Luisens braunes Haar in die hellen, silberweißen Strähnen »Fröschles«. Das Kind haschte nach Sonnenschein, Jauchzen entquoll dem jungen Blut. Sie beugten sich lächelnd auf die unschuldig reine Lust, und ihre Hände fanden sich ...

Die Schüsse von Sarajevo peitschten in diese friedliche Wendezeit. Der Hall schwoll tosend durch die Welt. Ernst hörte das drohende Anschwellen, hörte die unterirdisch grollende Zeit, die sich klirrend panzerte, und glaubte doch so wenig, wie alle Menschen, an Krieg ... Aufregende Tage für die Zeitung ... Das einleitende Spiel der Diplomatie hielt Nerven und Atem in Spannung. Auf den Tischen häuften sich die Meldungen, die Fernsprecher rasselten dauernd, die Luft surrte und summte von Gerüchten und Hoffnungen, von Wünschen und Befürchtungen. Wie ein Mückenschwarm tanzten sie durcheinander, ballten sich zu Klumpen und trieben ihr tolles Spiel im Flirren dieser schwülen Julitage. Am Dienstag war eine Versammlung der Partei im größten Rahmen gewesen. Tausende hatten leidenschaftlich für den Frieden und gegen den Krieg die Stimme erhoben. Ernst, Schriftführer der Versammlung, sah viertausend Hände sich in die Luft strecken. Ein mächtiger Wall gegen den Krieg schien getürmt. Die leidenschaftliche Erregung des Abends zitterte am anderen Morgen noch in ihm nach.

Am Freitag abend rannten die ersten Soldaten in Feldgrau durch die Vorstadt. Sie holten Reservisten, die am ersten Tag einrücken. Die sonst stillen Straßen und Plätze warfen haushohe Wogen. Gruppen standen zusammen, wild fuchtelnde Arme stießen in das milde Dämmergrau, die Männer sprachen rauh und herrisch, die Frauen schauten besorgt zum Himmel, Kinderschwärme hingen sich jedem Soldaten an, der im grauen Rock über die Straße schoß. Aufbruch, Wetterleuchten, dröhnendes Pochen des ungeheuren Schicksals, das vor der Tür stand ...

Samstag mittag ging Ernst gleich wieder fort. Erregt, zerwühlt, wild von Hoffnung zu Bestürzung pendelnd, zum Platzen mit Wut gefüllt. Kreischen und Schleifen aus der langgestreckten Fabrik ... Durch ein Fenster fiel sein Blick auf Haufen geschichteter Säbel und Seitengewehre. Drei Männer in blauen Arbeitskitteln, die Schutzbrille vorgebunden, hielten den kalt glitzernden Stahl an die Schmirgelscheibe, daß kleine, rotglühende Sonnen absprangen ... Ein grausam scharfer, gellender Klang sprang Ernst ins Gesicht ... Betäubt, wie vor die Stirn geschlagen, starrte er auf die rasend schwingenden Scheiben. Einmal auf und einmal ab, der Arbeiter zog das Eisen über den Daumennagel und legte bedächtig das scharfe Eisen beiseite ... Höhnisch blitzten die Klingen her. Ernst preßte die Hand auf den Mund. Schreien hätte er mögen, wild schreien: »Hört auf, hört doch auf! ... Seht ihr denn nicht, wie das Blut von euren Scheiben tropft ... Blut, warmes Menschenblut ... Schlagt das Mordzeug in Trümmer, in Trümmer ...«

Es stürmte orkanhaft im Gehirn. Krieg! Krieg! ... Kein Zweifel mehr. Keine Hoffnung mehr ... Er kam, er war schon da. Sie schliffen ihm das Schwert ...

Wie in höchster Erregung alles Blut zum Herzen drängt, waren alle Menschen in die Mitte der Stadt geströmt. Welle klatschte auf Welle heran, ein Meer von Köpfen und Beinen wogte durch die Straßen, brausend und schäumend, den Gischt bis an den Himmel spritzend, der unbarmherzig blau durch die Dächer strahlte. Blau und kühl, glänzend wie Stahl, der gehärtet wird ... Der lange, schmale Ausschnitt einem ungeheuren Schwert gleich, das furchtbar drohend über dem Lande hing. Heiß, erstickend heiß die Luft ... Ein Feuerofen der Raum zwischen den Häusern. Brodelnd kochte der Aufruhr von Stimmen und Gebärden. Die Massen zischten dampfend ineinander. Es wallte und strudelte rings und riß alle Sinne in den Riesenkessel von Wunsch, Wahn und Wut ...

Ernst hatte sich ins Automatenlokal geflüchtet. Zum Greifen dicht brandete die Flut der Leiber vorbei; nur die Tür aus geschliffenem Glas schied ihn von der Flut. Was hatte den Platz so verwandelt? Auch sonst belebt, ein Puls der Stadt, trieb er den Menschenstrom kräftig hin und her und leitete ihn zu den vergessensten Winkeln. Aber doch ruhig und maßvoll bei aller Kraft. Heut zuckte und bäumte er sich fiebrisch auf, preßte Menschenhaufen heiß und stürmend durch die steinernen Adern und klopfte wildesten Takt ... Eine Hand griff Ernst Löhner hart an die Schulter. Stahl, der Bildhauer ... Sie kannten sich nur flüchtig, hatten noch kein Dutzend Worte gewechselt. Jetzt fanden sich die Hände von selbst.

»Sie müssen auch mit? ... Am fünften Tag schon? ... Ich erst am sechzehnten ... Sind Sie nicht verheiratet? ...«

Stahl holte die Brieftasche vor. Ein rascher, beinahe zittriger Griff, Ernst spürte ein Papier in der Hand. Stahl tauchte bereits in der gestauten Menge unter, nur der geschwungene Hut zeigte Ernst, wo er im Gedräng ging ...

Ein Hundertmarkschein! ... Alles Blut schoß zu Kopf. Wie kam der fast unbekannte Mensch zu diesem Geschenk? ... Das blaue Papier verschwamm vor den Augen. Die Welt war behext, verrückt, wahnsinnig geworden. Das jüngste Gericht stand vor der Schwelle ...

Die Massen stockten. Ein Auto saß mitten im Gewühl fest. Eine Gestalt darin, die ein Blatt hoch in die Luft schwang ... Das Murmeln und Brausen schwoll dumpf an. Aus allen Ecken und Winkeln schien es zu kommen. Der Platz sammelte die Stimmen, und nun ... »Die Wacht am Rhein« ...

Wir haben Rußland den Krieg erklärt! ... Der Blitzstrahl war niedergefahren, die lastende Schwüle der letzten Tage riß mitten entzwei und gab dem Blick fürchterlich freie Ausschau ... Krieg! Krieg!

Ernst erhob sich, holte den tiefsten Atem aus der Brust und glitt in den Menschenstrom, der ihn mitspülte und an einer engen Gasse auswarf. Erregte Traurigkeit klemmte das Gefühl. Ernst fand sich plötzlich unendlich einsam und verlassen, wie auf eine wüste Insel ausgesetzt ... Luise! Das Kind! ... Fünf Tage noch, dann würde der Krieg polternd in sein stilles Haus kommen und ihn fortreißen. Wild bäumte sich alles in ihm auf. Sein Gehirn starrte von abwehrenden Gedanken wie eine Lanzengasse ... Er mußte ins Feld. Wozu? Für wen? Wer konnte ihn zwingen, wer? ... Der Mensch schrie auf und haderte mit dem Soldaten, der sich leise regte und von Ehre, Vaterland und Ruhm raunte ... Ehre? ... Seine Ehre ist es, Mensch zu sein, nicht Menschen umzubringen ... Vaterland? ... Er wußte bis zur Stunde nur, daß er arm sei, sein Vaterland ein elendes Loch im stinkenden Hinterhaus. Solange er fühlte, hatte er nur die Last des Armen, nie die Lust eines Deutschen empfunden, und er sollte diese verfluchte Last nun auch noch mit Zähnen und Nägeln verteidigen? ... Ruhm? ... Unsinn, Wahnsinn! Er wollte doch Eigenes aufbauen, nicht Fremdes zerstören. Woher also Ruhm? So viel, so unendlich viel war noch zu tun ... Alle Versäumnis gegen Luise, seine lieblosen Härten fielen zentnerschwer aufs Herz ...

Die Zeitung arbeitete unter Hochdruck. Ernst trat in den Kreis der Kollegen.

»Endlich das Kind? ... Wann müssen Sie fort? ... Der Mobilmachungsbefehl wird wohl noch diese Nacht einlaufen ... Was hab' ich gleich gesagt? ... Diesmal kommt es zum Krach. Da hilft alles nichts. Jetzt haben wir den Weltkrieg!«

Marxer kraute das wirre Löwenhaupt.

»Eine Hoffnung gibt es noch ... Unsere Genossen in Frankreich arbeiten bewundernswert gegen die Kriegsmacher ... wenn einer, dann kann Jaurès das Schlimmste im letzten Augenblick verhüten ...«

Lebhafter Austausch der Meinungen hackte ein. Die Hoffnung war ja winzig klein, doch es war immer noch eine Hoffnung. Neue Meldungen kamen. Marxer wühlte den Stoß durch, überflog die Blätter mit der Schnelligkeit des erprobten Zeitungsmenschen und beteiligte sich dabei noch lebhaft am Gespräch. Plötzlich zerriß ihm das Wort im Mund. Das Blatt in seiner Hand zitterte, krampfhaftes Zucken lief rund um den ergrauenden Bart.

»Alles ist verloren! ... Jaurès ermordet! ... Im Café ... Ein Lumpenhund von Nationalist ...«

Erstarrtes Schweigen ... Gelähmt hingen die Blicke an dem grauen Fetzen mit der Nachricht ...

»Jaurès ... Er allein hätte Frankreich vom Krieg abgehalten ... Das hat die Gesellschaft ganz genau gewußt ... Jetzt ist es aus damit. Wir können jeden Augenblick die Nachricht vom Kriegszustand mit Frankreich haben ...«

Eintönig klapperten die Schreibmaschinen, nicht anders als an jedem beliebigen Tag, und doch wurde Weltgeschichte, ungeheuerstes Völkerschicksal auf den Tasten zusammengesucht ... Todmüde verließ Ernst die Redaktion ...

Die Straße tobte um ihn. Sie brüllte wie ein Tier, abgerissene Fetzen von Worten und Tönen flatterten wirbelnd in der Luft, patriotische Lieder ballten sich aller Ecken und Enden, die Menschen wälzten sich in Strömung und Gegenströmung durch den Abend, immer um die eine unsichtbare Achse, die den Erdball jetzt trug ... Krieg!

Wieder fühlte sich Ernst in den Strudel gezogen, der alles verschlang, was in seinen Bereich kam, und dieser Bereich war die ganze, weite, sommerlich heiße und schöne Welt ... Halb bewußtlos trieb Ernst mit Tausenden dahin, war auf einmal in die Vorstadt geschwemmt, wo der Strudel seine letzten Kreise zog, und kam mit wüst verworrenem Kopf heim ... Luisens Hand bebte leicht, als sie seinen Arm berührte. Ernst verstand dieses Beben und nickte nur. Sie schlossen sich still in die Arme und hielten jedes eine Hand »Fröschles«, der sich zwischen Vater und Mutter drängte und die großen, unwissenden Augen voll aufschlug ...

Die kleine Laube der Wirtschaft war gestopft voll Menschen. Arbeiter, kleine Beamte, Vorstadtkaufleute ... Das Gewühl der Stimmen ordnete sich, wenn nur das eine Wort »Krieg« klang. Es klang die halbe Nacht. Ungekühlt, heiß brütete diese Nacht auf der Welt, brütete als furchtbar drohendes Schicksal über allen Menschen. Keiner, den dieses Schicksal nicht anging. Kräftige, blühende Männer tranken das schwarze, gelblich schäumende Bier, tranken es gierig und wie in der Angst, nicht genug davon zu erhalten. Es war ein Erraffen gewohnter Genüsse mit beiden Armen, ein Hindrängen zum Leben in diesem Trinken, Rauchen und Reden ...

Ernst saß im Kreis von Altersgenossen. Ihnen allen war gleiches Schicksal bestimmt. Wenige nur, die später als am fünften Tag antreten mußten. Er war lärmend aufgelegt, glühte von den Erregungen des Tages und sprach viel.

»Wir sind überfallen worden ... Es bleibt uns keine Wahl, so scheußlich ein moderner Krieg auch ist ... Sollen wir vielleicht die Hände ergeben in den Schoß legen und den Herren Russen den Weg nach Berlin zuvorkommend zeigen? ... Es ist vielleicht gut, daß es so gekommen ist. Dem verfluchten Zarismus brennt hoffentlich die Suppe recht bald an ...«

Jawohl, diesem Gesindel von Kosaken und Tataren würde man auf die Strümpfe helfen ... Sie sollten merken, daß nach Berlin ein weiter Weg ist ... Nur die Franzosen hätten klüger sein sollen ... Wären sie lieber mit uns marschiert ...

»Weißt, Löhner, mir ist es eigentlich ganz gleich ... Was hat denn ein Arbeiter zu verlieren? ... Aber gegen die Franzosen möchte ich doch nicht gern ziehen ... Da schieß' ich doch noch lieber ein Dutzend Kosaken über den Haufen ...«

Allgemeine Zustimmung, was die Franzosen betraf ... Keiner hatte viel Lust, gegen sie zu kämpfen ... Wenn es nun aber nicht anders sein kann ...

»Wie lang kann die Sache schon dauern? ... Wenn die Wissenschaft recht hat, muß ein moderner Krieg in einigen Monaten aus und gar sein. Bis Weihnachten sind wir doch wieder zurück, das heißt, wenn wir Glück haben. Ohne Glück trifft es dich gleich am ersten Tag und du brichst den Finger in der Nase ...«

Die Überzeugung von der kurzen Kriegsdauer war allgemein. In sechs Wochen glaubten ganz rosenfarbige Gemüter wieder alles im Gleis. Nichts geht doch über die Hoffnung: sie nährt sich von jedem Lüftlein und stirbt erst mit dem Leben selbst. Eben war der Krieg erklärt, und schon wurde von seinem Ende mehr geredet als von seinem Anfang, der jetzt, in dieser heißen, hellen Nacht begann, drüben an der russischen Grenze, im stillen Vogesental, oder droben am Rhein bei Aachen. Mit dem Zwang zum Krieg wird auch gleich der Wille zum Frieden geboren. Wie spricht das doch für den Menschen und sein Gefühl!

Sonntag klebten die weißen Aufrufe an Säulen und Hausecken ... Erster Mobilmachungstag! ... Ernst vertiefte sich in den Inhalt des Befehls. Also Donnerstag, früh um sieben Uhr, lief seine Stunde ab. Im Gehen rechnete er die Stunden aus, maß jeder Stunde ihre Pflichten zu, und gelobte, sich ganz den beiden Menschen hinzugeben, denen er verkettet war. Stärker und tiefer verkettet, als er lange zugab.

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