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Der Held im Schatten

Karl Bröger: Der Held im Schatten - Kapitel 17
Quellenangabe
type
authorKarl Bröger
titleDer Held im Schatten
publisherEugen Diederichs
printrunAchtes bis zwölftes Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150702
projectide8bcfdaf
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Der Tanz im Mond

Immer schwieg Luise. Nur die klugen, dunklen Augen redeten von Verstehen und wissendem Schmerz. Sie hatte nur eine Waffe: dieses Schweigen, das seine dunkle Güte lindernd über den unruhigen Mann breitete. Überall fand Ernst diese schweigende Güte, und oft drängte ihn innerstes Verlangen, sich Luise aufzuschließen. Setzte er jedoch an, so kam es rauh und stachlich von seinen Lippen, und Worte, die Brücken schlagen sollten, rissen den Abgrund nur weiter auf. Das sah er vor Augen: kam Luise eines Tages ans Ende ihrer unendlichen Geduld, dann stürzte der letzte Pfeiler, und kein Steg führte mehr über den schwarzen Strom, der ihr Leben trennte.

Schweigend saßen sie im Erkerwinkel, Ernst ein gleichgültiges Buch zwischen den Händen, Luise nähte ein Hemdchen, den Kopf leicht geneigt, daß die klare, reine Linie ihres Profils im Fenster spiegelte. Was für ein bestimmtes, wesenhaftes Gesicht? ... Ernst maß verstohlen Zug um Zug, blies den Rauch zur Seite und spielte gedankenvoll mit den Buchseiten. Ein fester, ruhiger Blick griff nach seinen Augen ...

»Ist das für ›Fröschle‹? ... Was du dir für Mühe gibst mit dem Buben ... Du verwöhnst den Bengel.«

Nur um anzuknüpfen, prüfte er den Stoff. Er hätte gern, zu gern über Luisens braunen Scheitel gestrichen, der dicht vor ihm lag. Es drängte, irgend Liebes zu sagen oder zu tun. Sie soll zuerst kommen, raunte der düstere Geist. Du hast es nicht nötig, ihr nachzulaufen.

Luise nickte leicht und nädelte unbeirrt weiter.

»So laß doch endlich das blöde Hemd! ... Kann man denn nie ein Wort mit euch reden? ...«

»Wenn du meinst, kann ich ja auch morgen nähen ... Es eilt nicht. Aber du kannst doch auch so sagen, was du mir zu sagen hast ... Das Hemdchen stört dich doch nicht ...«

Die satte Stimme seiner Frau war weich und halblaut, fest und doch ohne Schärfe.

»Es stört mich aber doch ... Ich will meine Frau auch einmal sprechen, wenn sie nichts zu tun hat ... Ich weiß schon: du hast eben immer zu tun ... Eigentlich ist dieses Leben doch ein Jammer. Ich bin den ganzen Tag fort, weil wir einmal leben müssen ... Kommt man dann heim, so hast du immer noch etwas zu arbeiten, und ich kann zuschauen, wie ein Hemd genäht und ein Strumpf gestopft wird ... Hast du eigentlich gar kein anderes Bedürfnis? ...«

Langsam rollte Luise das Hemd ein und legte es auf das Kästchen.

»Es gefällt dir also nicht, wenn ich arbeite ... Wer soll dann aber das Haus in Ordnung halten? ... O ja, ich weiß manches andere, was recht schön wäre ... wenn wir jetzt zum Beispiel einen kleinen Spaziergang machen, du und ich ... Das täte mir gut gefallen ... Aber du wirst zu müde sein, und ich meinte auch nur so ...«

Ernst senkte den Kopf. Wie lange war er mit Luise nicht mehr ausgegangen? ...

»Du hast recht, wir müssen wieder einmal auf ein Stündlein ausfliegen ... Morgen vielleicht ... Wann waren wir eigentlich zuletzt miteinander fort? ... Neun Wochen sind es schon wieder? ... Die Zeit vergeht doch unglaublich. Schon wieder neun Wochen! ... Da fällt mir übrigens ein: dein Sommerhut ist doch recht schäbig. – Schau doch um einen neuen, netten Hut ...«

Der »neue, nette Hut« war seine letzte Zuflucht, wenn er sich recht zerknirscht und in seines Weibes Schuldigkeit fühlte. Er wallte dann immer ehrlich auf. Luise sollte schön angezogen sein, sollte auf sich halten, wie einer hübschen, frischen Frau ziemt.

»Morgen hast du doch Zeit ... Geh also gleich um den Hut.«

Luisens Hand stahl sich herüber. Der leise, innige Druck galt nicht dem Hut, das wußte er, sondern der freundlichen Teilnahme, die aus seiner Wallung sprach.

»Überhaupt bist du viel zu viel daheim ... wenn du nächster Zeit ins Theater willst, bleib ich gern bei dem Buben ... wir vertragen uns ja ganz gut ... Magst du?«

Sie würde gern wieder einmal ins Theater gehen. Aber der Bub mache doch vielleicht mehr Arbeit und würde ihn stören.

»Aber nein doch, Luise, nein! ... Geh ruhig! Wir versauern ja sonst ganz und gar ... Du bist mit deinen vierundzwanzig Jahren schon so scheu und zurückgezogen, wie es dein Alter sonst nicht ist ...«

»Es fehlt mir nichts. Ich wüßte nicht, was ich entbehre ... Das Kind gibt soviel Unterhaltung, besonders jetzt, wo es zu reden anfängt ... Nur mit dir möchte ich manchmal, natürlich mußt du Zeit und Lust haben, eine Stunde oder zwei spazierengehn ... Die Abende sind so schön, und wir könnten im Gehen dies und jenes plaudern ... Ich höre dir gern zu ...«

Sie war doch ein herrlicher Mensch, besser, o soviel besser als er, der immer nur an sich dachte, nie bescheiden vergnügt sein konnte, und von eitlen Blähungen geplagt wurde.

»Gut! Wir gehen von jetzt ab öfter zusammen fort ... Ich hab' da vielleicht bisher manches übersehen, und war wohl nicht ganz, wie ich gern sein möchte ... Du verstehst das ja, bist immer ruhig und geduldig ... Ich hab' ja Nachsicht nötig, Luise. Das weiß ich recht gut. Manchmal ist es wohl recht schwer, mit mir auszukommen ... Aber du wirst das begreifen, wenn ich dir einiges aus meinem Leben erzähle ...«

Nie sprach Ernst anders als dumpf und grollend von seiner Vergangenheit. Die Stimme kam auch jetzt wie aus einer Gruft.

»Da hast du so einiges aus meinem Leben ... Du bist doch in Luft und Sonne groß geworden, Bäume und Blumen standen auf deinem Weg, der ja auch nicht ohne Steine gewesen ist ... Meine Jugend ist grau, düster, schattenvoll ... Jeder Mensch erinnert sich an schöne Bilder seiner Jugend, an irgendeinen grünen, versteckten Winkel, an einen Bach, eine Wiese im Sonnenschein ... In meinem Gedächtnis ist nichts grün, gar nichts ... Das macht herb und hart, finster und bösartig ... Ich bin vor den Menschen zu lang' geflohen, bin zu weit weggekommen, und muß nun mühsam wieder einen Weg zu ihnen suchen ... Daher meine Wut, meine Launen, mein unangenehmes Wesen, das dir so schwere Stunden macht ... Es ist oft unerträglich, Luise, mit allen Fasern nach Menschen zu verlangen und sie doch abstoßen müssen ... Was hilft es, daß ich die Menschheit liebe und meine ganze Kraft in ihren Dienst geben will, wenn ich die Menschen nicht ertragen kann? ... Man hat das Ganze nur, wenn man den kleinsten Teil hat ...«

Selten schloß sich Ernst auf. Er tat alles für sich ab und gönnte keiner Seele Zutritt. Die schwer und stockend vorgebrachte Rede ergriff Luise darum sehr. Sie legte seinen Arm still um ihre Schulter und drückte das Haar gegen seine Augen.

»Du mußt mir alles sagen, Ernst ... Ich hab' doch ein Recht darauf, denn nun sind wir doch einmal beisammen und müssen zusammen tragen ... Warum willst du denn immer alles allein tragen? ... Das ist bitter für mich ... Nicht, daß du es trägst, sondern, weil du es allein trägst und tragen willst ... Vertrauen muß doch sein, und wo Vertrauen ist, ist auch Kraft ... Ich kann dir vielleicht nicht immer sagen, wie du das oder das am leichtesten trägst ... Aber ich habe doch auch zwei Schultern ... So dumm, wie du glaubst, bin ich auch nicht ...«

Ernst zwang mit sanftem Zug Luisens Kopf näher heran.

»Das habe ich immer gewußt, tapfer und aufrecht bist du, Luise, die einzige für mich mögliche Frau, mag es hundertmal anders scheinen. Ganz recht: ich hab' dich eine Zeitlang für dumm genommen, wie ich alle Menschen für dumm nehme, weil ich eben ein maßlos eingebildeter Affe bin ... Es hilft aber nichts, daß ich weiß, wie eingebildet ich bin ... Denn hätte ich diese Einbildung nicht, wo wäre ich heut wohl? ... Ich muß das Gefühl haben, allen Menschen weit überlegen zu sein. Sonst ist alles aus und vorbei ... Ich leiste nur etwas mit dem Bewußtsein: ein anderer kann das nicht ... Nimm mir dieses Bewußtsein, und du nimmst mir den Willen und jede Kraft zur Leistung ...«

»Ganz versteh ich das nicht ... Es leuchtet mir ein, daß, wer etwas ist, auch etwas von sich hält ... Aber muß man das durch schroffes, wegwerfendes Benehmen gegen die anderen Menschen zeigen, die doch auch nichts dafür können, daß sie eben anders sind? ... Du denkst wohl doch zuviel und machst dir alles schwerer, als es wirklich ist ...«

Die ruhige, bedachtsame Art Luisens, seinen Gedanken nachzugehen, regte Ernst zu weiterem Reden an. Er war seit langem nicht mehr so umgänglich und mitteilsam gewesen.

»Das ist es ja, was mir heillos zu schaffen macht ... Sich selbst nichts vergeben und doch auch die Rechte der anderen achten ... Den Ausgleich muß ich finden, dann wird alles gut ... Mit dir will ich jetzt anfangen. Du hast den ersten Anspruch, weil du auf mich angewiesen bist, wie auch ich mich mit dir zu stellen habe ... Daß alles gut wird, ausgezeichnet sogar, weiß ich sicher ... Mein Gefühl irrt nicht, wir leben bald ein schöneres Leben und ziehen nicht mehr länger an verschiedenen Strängen ... Ich hab' heut solche Lust, kopfzustehen, in die Luft zu springen, mich im Gras zu wälzen ... zu tanzen ... Tanzen! Hast du als Mädchen viel getanzt?«

Luise zuckte überrascht auf und wendete ihr Gesicht voll dem seltsamen Frager zu.

»Tanzen! ... Herrlich, herrlich! ... Ich hab' als Mädchen so gern getanzt, sehr gern ... Du ... wir haben doch noch nie zusammen getanzt ...«

»Nein, Luise, ich kann mich nicht erinnern ... Ich hab' in meinem Leben niemals getanzt, als junger Mensch nicht, nicht als Soldat, und seitdem auch nicht ... Immer nur im Strang gezogen ... Ich muß wohl zu plump sein. Mein Fuß ist zu schwer und auch gar nicht an den glatten Boden gewöhnt ... Ist Tanzen wohl schön, sehr schön, Luise?«

Luise war aufgesprungen. Rasch, federnd, biegsam ... Die Arme über dem Kopf verschränkt, stand sie lächelnd vor Ernst. Er schaute träumend auf das junge Weib, das straff und leicht aufgereckt, die runden Hüften wiegte. Ein neuer, nie gekannter Reiz webte um Luise. In den Gliedern spielte schmeichelnde Kraft. Die Freude rieselte über das halb verdunkelte Antlitz. Erinnerung der Jugend, mädchenhafter Wunsch streckten schamhaft die Hände nach ihm aus.

»Wollen wir versuchen, Ernst? ... Es ist leicht, ein Kinderspiel, das Tanzen ...«

Ernst erhob sich jäh. Die strengen Züge waren weich und locker, und die tiefen Falten der Nasenwurzel glatt und spurlos verschwunden. Seine Arme schlangen sich um Luisens Leib, die neckisch rückwärts schritt und langsam zu walzen begann.

Weiß und groß fiel der Mond durchs Fenster. Er legte eine breite Silberbahn quer über das Zimmer und auf diesem kostbaren Teppich drehte sich das Paar. Eng umschlungen glitten sie rechts und links aus der lichten Bahn, und kehrten doch immer wieder auf den silbernen Plan zurück. Luise hatte die Augen geschlossen; um den vollen Mund lag glückseliges Lächeln. Ernst schaute mit großen, weiten Augen an Luisens Ohr vorbei. Sie schwebten weich, hingegeben, eins im anderen versunken, durch das Zimmer, hinauf, hinab, und das Mondlicht plätscherte melodisch auf die Diele ...

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