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Der Held im Schatten

Karl Bröger: Der Held im Schatten - Kapitel 15
Quellenangabe
type
authorKarl Bröger
titleDer Held im Schatten
publisherEugen Diederichs
printrunAchtes bis zwölftes Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150702
projectide8bcfdaf
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Die andre Hochzeit

Im gewöhnlichen Straßenanzug traten sie vor den Standesbeamten. Der Beamte wollte unbedingt Freund Göttler mit Luise trauen, weil Göttler feierlich im schwarzen Gehrock prangte und einen stilvollen Hut trug. Kranz und Schleier der Braut und Sträußlein des Bräutigams gab es auf dieser Hochzeit nicht; auch Sieden und Braten unterblieb. Die Männer tranken ein Glas Wein, sangen alte, innige Lieder von Glück und Leid der Liebe, und der schöne Choral Mendelssohns nach den Worten Ruths: »Wo du hingehst, da will auch ich hingehen ...« beschloß würdig die kleine Feier. Nachmittags flog die Familie aus, fiel in die grün-goldene Heimlichkeit eines Buchenwäldchens und verträumte dort die heißen Stunden. Mutter und Kind schaukelten in der Hängematte, Ernst rekelte auf den Waldboden und las stille Verse – ein feierlicher, reiner, unbefleckter Tag.

Luise hatte viel um Ernst geopfert. Ihre Familie zunächst. Der einsam aus dem weltfernen Dorf lebenden Mutter geschah großer Schmerz durch die Heirat. Eine fromme Frau, hatte sie erschrocken gehört, daß Ernst Sozialdemokrat und ungläubig sei, kirchliche Trauung und Taufe der Kinder ablehne und hartnäckig auf seiner Gesinnung bestand. Sie redete der Tochter herzlich zu, beschwor die Erinnerung an mütterliche Liebe und Sorge und rührte das Herz Luisens. Doch Ernst war unbewegt. Es bleibe bei bürgerlicher Trauung, das Kind würde nicht getauft, alles Reden wäre vergeblich. Verstimmt schieden Mutter und Kinder, und Luise versuchte behutsam, was der Mutter mißlungen war. Alles umsonst! Ernst stellte ihr frei, nach ihrer Gesinnung zu leben, die Kirche zu besuchen, so oft es ihr Bedürfnis war, doch nichts zu reden von Taufe und Abendmahl ... Luise unterwarf sich schweigend und gab die Sache der Mutter auf. Sie hätte der alten Frau gern die Herzensfreude bereitet, doch gegen die Halsstarrigkeit des Mannes war nichts zu richten.

Daß Luise ihn der Mutter vorzog, die sie kindlich verehrte, fand Ernst selbstverständlich. Er wußte nicht einmal ein dankendes Wort für diese Anhänglichkeit. Überhaupt gärte es noch einmal wild und toll in ihm auf. Der freie, schweifende Zigeuner, der unbürgerliche, heimlose Vagant wand sich grimmig in den Fesseln. Herb und barsch, ja oft bitter und böse konnte Ernst auf Luise werden, ganz ohne sichtbaren Grund und nur einer blinden Wallung gehorsam. Das alte Wirtshauslaufen hub wieder an.

Luise saß daheim bei dem Kind, spann ihre einsamen Gedanken und schluckte manche stille Träne. Sie war ein tapferer Mensch, ruhig und fest in sich gelagert, dabei von endloser Geduld und ganz ohne die kleinlichen Züge übersehener Frauen. Ernst kannte ihre Eigenschaften, wußte Haus und Kind in der besten Hut und bedachte darum Luise mit einem Vertrauen, das beinahe verächtlich war. Er hielt sie für beschränkt, weil sie wenig sprach, für langweilig, denn ihre sicheren Bewegungen schlossen jede Hast aus, und ärgerte sich an ihren Vorzügen wie an ihren Schwächen. An den Vorzügen vielleicht besonders ... Sie standen vor ihm wie stumme Anklagen seines Betragens. Dieses Betragen war weder schön, noch besonders männlich, eine Erkenntnis, die ihm selbst öfter dämmerte. Doch diese Erkenntnis anzuwenden, war Ernst noch nicht entschlossen. Trübe, recht trübe Stunden kamen, wenn Ernst in die Zukunft griff. Warum vermummten sich die geliebtesten Menschen vor ihm? Oder trug er ein falsches Gesicht? Luise entwich, lebte ein eigenes Leben und trat langsam in eine Dunkelheit, die er schon kommen sah. Sollte er wieder allein im Schatten gehen, einen zweiten Menschen neben sich, von dem ihn dicker Nebel schied? Das nicht, nur das nicht ... Herunter mit den Masken ... Machtlos sah Ernst die Schatten wachsen. Sein bestes Gefühl blutete und pulste traurig in verhaltenen Versen. »Die Vermummten« nannte er sich und Luise, und stellte klagend fest:

Wie lang wir uns auch schon lieben
und träumen einander zu:
Ich bin doch ich geblieben
und du bleibst immerfort du!

Und haben wir uns besessen,
schlief Eins im Anderen ein,
so wähnten wir selbstvergessen
wohl gar das Andre zu sein.

Manchmal da fällt ein Scheinen
vom einen ins andre Land.
Dann möchten wir gerne meinen,
jetzt hätten wir uns erkannt.

Der Abend dämmert und trüber
wird rings, was hell war und licht.
Wir stehn uns vermummt gegenüber
und kennen uns wieder nicht.

Das Kind hinderte den Bruch. Kreischte es aus der Lust gesunden Blutes auf, so wichen die Schatten, Licht fiel ein und alles glänzte hell und freundlich. Ernst liebte seinen Sohn überschwenglich, wollte er dem Kind zuwenden, was er der Mutter entzog, der Frucht erweisen, was er dem Acker weigerte? Ein feiner Zug um Luisens Mundwinkel sprach von Leid, das sie wahrhaft würdig trug. Kein fremder Blick sah den Riß; fröhlich und gelassen besorgte Luise den Haushalt, wartete des Kindes, wie nur eine liebevolle Mutter, und verschloß sich stolz und schweigend dem übellaunigen, hämisch stichelnden Mann. Auch mit der Eifersucht hatte es Ernst schon. Seine hübsche, reinliche Frau war gern einfach und unbefangen fröhlich, und weil Ernst zu ihrer Fröhlichkeit gar nichts tat, schloß Luise sich Bekannten an. Das war nun Ernst wieder nicht recht. Er wütete, stichelte in seiner gefährlich zweideutigen Weise auf einen Mann, und empfand gemeine Freude, wenn Luise nun doch aufbrauste und sich entschieden verwahrte.

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