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Der Held im Schatten

Karl Bröger: Der Held im Schatten - Kapitel 13
Quellenangabe
type
authorKarl Bröger
titleDer Held im Schatten
publisherEugen Diederichs
printrunAchtes bis zwölftes Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150702
projectide8bcfdaf
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Erlöstes Blut

Der Gasthof »Zum Rappen« liegt zwischen großen, nüchternen Miethäusern. Ehrbar und verläßlich inmitten windiger; schein-vornehmer Putzfassaden. Ein großer, gelber Briefkasten hängt an der Tür, die in den langen, engen Hausgang einläßt. Hier wird Bier geschenkt. Man sitzt an einem rohen Holztisch, streckt die Beine aus und schaut vergnügt auf die breite, lebhafte Straße. Die Straßenbahn gleitet vorbei; ihr schrilles Klingeln ist längst in die Stimmung des Platzes eingegangen und wird nicht mehr gehört. An schönen Sommerabenden ist hier gemütlich sein, frei von aller Erregung. Bürger sitzen beim Bier, sprechen vom Wetter und von den Steuern, und erörtern, inwiefern die Welt besserungsbedürftig sei. Der dicke Wirt schwitzt, sein rundes Gesicht glänzt wie eine Speckseite, und wenn er in Hemdärmeln geschäftig rennt, ähnelt er zum Verwechseln dem Bierfaß, das er vor sich herrollt.

Im »Rappen« war Ernst Löhner ständiger Abendgast. Nie betrat er die Wirtsstube. Der langgestreckte Vorplatz erlaubte gemächliches Gehen und behagte dem auf Einsamkeit erpichten Ernst ausnehmend. Nicht dieses Bedürfnis allein trieb Ernst her. Zwei Stunden am Abend war der Vorplatz gefüllt mit Leben und Bewegung. Die Dienstmädchen der nachbarlichen Herrschaftshäuser liefen um Bier. Eine gab der anderen die Tür in die Hand. Von schwarzen, braunen und blonden Köpfen reizvoller Wechsel ... Die drallen, gesunden Mädchen kannten den hageren, sauer schauenden Gast bald. Wenn Ernst die Fliesen hartnäckig abzählte, stießen sich die Mädchen an, legten die Hände auf den Mund und tuschelten zwischen den Fingern halblaut ... Ernst atmete den Duft des tätigen, einfachen, frohen Daseins wie erquickenden Hauch. Warum waren diese Mädchen fröhlich? Sie hatten es doch nicht herrlich auf der Welt, unterstanden den Launen fremder Leute, und nur spärliche Sonntage gehörten ihnen. Verstohlen, sondernd beobachtete Ernst die Schar. Er merkte sich die Gesichter, zählte auf die Minute aus, wann dieses und jenes Mädchen kam, und sichtete den bunten Kreis. Eine sollte auserwählt sein; mit ihr wollte Ernst sein Heil versuchen. Welche aber? Die große, volle Blondine schaute seelenvoll genug in die Welt; aber reden dürfte sie nichts. Ihre häßliche, schmerzhaft gezierte Stimme war nicht auszustehen. Das zierliche, braune Ding lachte ansteckend, wirbelte lustig und reizend, doch verschenkte sie ihr Lachen allzu freigebig und jedem Mann.

Zuletzt blieben zwei, beide sehr ähnlich. Gut gewachsen, mit runden, molligen Gliedern, regelmäßigen Zügen von klarem, einfachen Schnitt und zurückhaltendem Wesen, das angenehm abstach von der üblichen lauten, oft groben Art. Die eine etwas größer mit schwerem, glänzenden Braunhaar; die andere ging wunderschön, leicht und doch fest, und die breiten Zähne glänzten rein und untadelig in weitem, regelmäßigen Abstand.

Ernst paßte wie ein Luchs, welche sich die erste Blöße gab. Die armen Mädchen ahnten nicht, daß sie jeden Abend hochnotpeinlich abgeschätzt wurden. Sie hätten sich die Frechheit wahrscheinlich auch verbeten. Aber sie konnten gar nichts ahnen, denn Ernst tat, als wären sie nicht vorhanden. Er spaßte mit dem Wirt, schnitt ein hochmütig-abwesendes Gesicht und drehte den Rücken nach der Schenke. Sah er um, dann hafteten seine Augen voll und streng auf den Mädchen, ohne jede Verlegenheit, eher polizeimäßig forschend, als liebhaberisch blinzelnd.

Sie, die so schön ging, sollte es sein. Doch Vorsicht, Vorsicht! ... Erst wissen, was sonst mit dem schönen Kind los ist. Sie kann ja schon ein Verhältnis haben, bei ihrem Aussehen sogar äußerst wahrscheinlich. Maria durfte sie nicht heißen, sonst war es gleich nichts. Maria hieß die Mutter, und an sie wollte er nicht gemahnt sein.

Sechs gestandene Wochen knarrte die Türe im »Rappen«. Ernst zählte weiter die Steinfliesen. Jeden Abend kam er, fest gewillt, heute das Mädchen anzureden. Kam sie dann, so schaute er sie voll und forschend an, pendelte seinen lächerlichen Spaziergang ab und folgte ihr, doch nur mit den Augen, wenn sie fortging und im eisernen Gittertor des nahen Herrschaftshauses verschwand. »Esel, dummer, Schafskopf! Jetzt ist es wieder nichts gewesen und du warst doch so fest entschlossen ...« Das Mädchen wurde aufmerksam. Sechs Wochen fraß der junge Mann sie mit den Augen auf, blieb aber stumm wie ein Fisch. Daß er etwas wollte, verriet das Geschau. Merkwürdiger Mensch, der es fertig bringt, sechs Wochen lang etwas zu wollen, und es doch immer wieder verschob! Traute er sich nicht? Er sah nicht furchtsam aus. Auf dem finsteren, etwas arg mageren Gesicht lag eher Entschlossenheit.

Sie hatte ihm zugelächelt. Erst war Ernst unsicher, ob das Lächeln auch wirklich ihm galt. Sie lächelte noch zweimal, und da wußte Ernst, er war doch gemeint. Was bildete sich das dumme Ding ein? Wollte ihn etwa auslachen? Das Lächeln verletzte Ernst; er schwankte, ob er nicht doch besser den Versuch unterließ. Aber die wirklich prachtvollen Zähne ... So ein festes, blankes Gebiß, das unter den vollen, etwas dicken Lippen vorblitzte ... Und wie sie ging? Jedes Glied scheinbar für sich und unbekümmert um die anderen, und doch der ganze Körper in unbewußt gefälligem Tanz ...

Ernst begann seinen Vorsatz ganz von vorne aufzurollen. Was wollte er? Ein Weib. Sie konnten auch heiraten, wenn es nicht anders ging. Was wollte er für ein Weib? Ein schönes, gesundes, ihm gar nicht ähnliches Weib. Warum brauchte sie nicht klug und gebildet sein? Weil er satt hatte, sich außer mit seinem eigenen Verstand auch noch mit einer neunmalweisen Frau zu streiten. War er aber nicht auf eine kluge Frau angewiesen als angehender Klassiker? Zum Teufel, nein! Er war bisher seinen Weg allein gegangen und brauchte keinen Wegweiser im Unterrock. Gut! Er wollte also nur einen Bettschatz! ... Lachhaft! ... Einen Menschen wollte er um sich, der ihn aus dem Polareis der ewigen Grübelei lotste, einen gesunden, unverbrauchten Menschen ... Eine Frau, wenn sie feiner empfindet, will aber nicht bloß körperlich genommen sein? Schön, wenn sie auch Gemüt, Seele, Takt besitzt ... Nur kein Gehirnautomat, der gleich Antwort auswirft, wenn eine Frage eingeworfen ist. Körper sein, Blut und Trieb ... Er wollte es aus heißem Begehren; er war dürr, trocken, der Acker seiner Seele klaffte zerrissen. Eine schwere, randvolle Wolke mußte über ihm brechen, den Boden, der dürstete, zu tränken. Nur keinen Geist jetzt, keine Weisheit ... Hingabe, verströmendes Wegschenken ...

»Sie, nur sie kann bringen, was du verlangst, Erlösung aus der heißen dürren Wüste des Wissens und Denkens. Du hast die Wüste nun lang genug durchwandert ...«

Die erwachten Stimmen schwiegen nicht mehr. Sie sprachen jeden Abend, an dem er das Mädchen sah, lauter und lärmender, übertönten die Einwände des Verstandes und flossen zu einem einzigen Aufschrei zusammen, der Ernst endlich zur Tat riß.

Beinahe wäre der Anfang auch das Ende gewesen. Ernst sprang auch hier mit voller Wucht los. Die anknüpfenden Worte waren schmeichelnd gemeint, doch in seinem Mund wurde alle Weichheit Hohn. Das Mädchen, erschreckt von der Plötzlichkeit und Stärke dieser Annäherung, wich aus, und es stand Spitz auf Knopf, daß es sich ganz zurückzog. Warum es nicht geschah? ... Ernst erinnerte sich später noch oft an diesen kritischen Augenblick.

Einfacher Leute Kind, war Luise Krieger seit drei Jahren als Dienstmädchen in der Stadt. Auf dem Land geboren und erzogen, an der Grenze des schwäbischen und fränkischen Gaues, verließ sie das heimatliche Dorf vor einigen Jahren und wuchs allmählich in die Stadt ein. Diese Erklärungen hörte Ernst nur mit halbem Ohr. Was ging ihn das an? Luise konnte in China geboren und bei den Eskimos aufgewachsen sein. Das war alles vorbei und nicht mehr zu ändern. Für Geschwister und Verwandtschaften empfand Ernst wenig. Das sind Störenfriede, die immer in Sachen reden, die sie gar nichts angehen. Er schluckte aber die Brüder und Halbbrüder, Basen und Tanten Luisens hinunter mit dem stillen Gedanken, ihnen schon rechtzeitig aus dem Weg zu gehen.

Winter und Frühling schwanden über dem Liebesspiel; wechselseitiges Einholen und Fliehen, scherzhafter Kampf um Küsse, Schmeicheln um kleine Gunst ... Das Blut nahm unwillig und aufbegehrend Teil, nährte aber seine Hoffnungen und harrte der Stunde, wo ihm vom anderen Blut ein Schrei Erfüllung kündete.

Sie waren ernsthafte Menschen. Luise nicht, noch weniger Ernst hatten den Wirbel im Blut, der alle Hemmung wegfegt. Wohl trommelten ihre Begierden oft Sturm, daß Kopf und Brust dröhnten. Aber jedes hielt die letzte Tür dem anderen verschlossen und flüchtete im Aufruhr der Sinne hinter abwehrende Gebärden.

Im August ging Luise in Urlaub, zur Mutter in das Heimatdorf. Sollte er Luise begleiten? Schön mußte es sein, vom Bahnhof den einsamen Weg über Wiesen und Felder zu wandern, allerhand Zukunft zu planen und Luise an sich zu drücken, wenn der Weg so recht verlassen und weltfern um eine Ecke bog. Vor Luisens Abreise gingen sie nochmals spazieren, saßen umschlungen auf einer Bank, droben am Waldrand, schickten vom Hügel den Blick über das sonnensatte, kornwogende Land und genossen das Gefühl ihrer Nähe wie edlen, dunklen Wein.

Noch schwankte Ernst. Die Fahrt ging nur zwei Stunden; mit dem ersten Frühzug war er wieder zurück. Der Abend war warm und schwül. Schöne, weiche Nacht stand in Aussicht. Bei ihr und Mutter Grün Gast sein, schreckte Ernst nicht. Unter ganz anderen Umständen hatte er im Freien gehaust. Langsam schlenderten sie in die Stadt. Am Bahnhof setzten sich Ernst und Luise in die kleine Gartenwirtschaft, schoben sich gute Bissen verliebt neckend zu und tuschelten glückselig vom Nachmittag. Die duftenden Ranken der Geißblattlaube haschten Wölkchen Zigarettenduft, die Ernst überlegend paffte. Er fuhr also mit ... Fertig und aus! Fort mit den dummen Gedanken! Sie wollten ihm nur wieder ein Erlebnis verderben. Jetzt fortfahren, zwei Stunden lang mit der Bahn, auf einem kleinen, abseitigen Bahnhof den Zug verlassen, wenn es schon Nacht war und kein Mensch weit und breit zu merken, Luise am Arm, durch die Wiesen gehen und bis zum Morgen unter einem Baum träumen ... was bot ihm die Stadt, dieses Erlebnis aufzuwiegen?

Der Bahnhof duckte sich bescheiden vor dem einbrausenden Zug. Schläfrig lehnte das rote Stationshaus an der langen Weißdornhecke, die ein Stück mit der Straße lief, dann unwillig auswich und sich in einen Graben stürzte. Der Tag hatte ausgekämpft. Silbrig grau floß der Himmel um die niederen Höhen, rundete sich in sanfte Bogen, die weit hinten auf den schwarzen Spitzen der fernen Wälder ruhten. Mond strahlte weiß und mild. Zerstreutes Licht rauschte leise plätschernd auf das Land, wie warmer Sommerregen. Die Straße lief gekrümmt zwischen Feldern und Wiesen, leuchtend und so strahlend weiß, als wäre die Milchstraße auf die Erde gefallen. Nach Osten mauerte schwarzer Wald den Blick ab. Vor Ernst breitete sich die Flucht der Äcker; tellereben stieg das Land erst weit hinten geruhsam an und kletterte bedächtig den gestreckten Hang empor. Die Dinge glitten geisterhaft im Raum, schmiegten sich allen Dunkelheiten fügsam ein und schwebten, von riesiger Hand in die Höhe gehalten, durch die wundersame Nacht. In der Ferne verhallte das Stampfen des Zuges. Der Hall pochte an die Hügel, die ihn murmelnd, wie im Schlaf, aufnahmen und in ihre Stille versenkten.

Arm in Arm schritten Ernst und Luise durch das nächtlich schweigende Land. Der Weg war heller Führer. Betäubend zirpten die Grillen, die Wiesen hauchten stark, und geisterndes Licht huschte über das schlafende Gebreit. Ihr Blut sang jauchzend. Geheimste Wünsche reichten sich die Hand und erkannten sich hingerissen als vom Anbeginn einander bestimmt. Eine Pferdemähne anzusehen, stellte sich eine lohweiße Wolke vor den groß und wissend schauenden Mond und legte breiten, grauen Schatten auf das Wiesenstück, wo Ernst und Luise saßen ...

Der breitästige Birnbaum rauschte die ganze Nacht über Ernst. Er lag auf dem Rücken und starrte zum Himmel auf, der ernst und feierlich den uralten Reigen schwang. Leben rann wundersam verstillt in ihm. Sein Körper ruhte auf der Wiese wie auf weichsten Daunen, jedes Gefühl von Druck und Schwere abgestreift. So hatte ihn das Leben doch erhört, um das er harte Jahre warb. Hatte sich ihm gegeben, ihn erfüllt mit allen Wonnen und Wundern ihres rätselvollen Sinns, und er war von ihm gegangen, selig und aus aller Fülle getränkt.

Luise schlief jetzt wohl. Oder lag sie wach, wie er, und dachte der letzten Stunde, bebte im Sturm, sank in die endlose Flut und trieb darin auf den Wellen des verstillten Blutes? Sicher wachte sie, sah durch das Fenster die Sterne winken und bestellte ihnen Grüße ...

Kein Laut störte die Stille der Nacht. Die Luft wallte leicht gekräuselt und ganz in lichten Duft getaucht. Tiefblau lag der Himmel, von unzähligen Sternen durchwirkt. An den Rändern schoben sich dicke, graue Wolken zuhauf, voll weißen Glanz gesaugt. Die Wiesen brauten erste Frühnebel, die tintenschwarzen Wälder ergrauten zart, und der Schein des Mondes sammelte sich in silberglänzende Teiche.

Von den Bildern der Nacht erfüllt, ging Ernst im ersten Morgenlicht zum Bahnhof, stieg in den Zug und winkte fröhlich dem lustigen, zwiebelförmig gestalteten Kirchturm von Audorf zu. Sein Freund, der Birnbaum, ragte in den rötlichen Frühschein und grüßte mit allen Zweigen den fortbrausenden Zug.

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