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Der Held im Schatten

Karl Bröger: Der Held im Schatten - Kapitel 11
Quellenangabe
type
authorKarl Bröger
titleDer Held im Schatten
publisherEugen Diederichs
printrunAchtes bis zwölftes Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150702
projectide8bcfdaf
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Die zweite Geburt

Neue Gedanken brannten in Ernst Löhner. Er sah den Himmel, der bisher nur Bahn seines eigenen Glückssterns sein sollte, von großen, herrlichen Sonnen umkreist, denen Lauf und Richtung seines kleinen Geschickes anzupassen ist. Ernst suchte Anschluß an das große Heer der kämpfenden Menschheit; er schwur feurig zur Fahne dieses Heeres, holte das anmaßliche Banner seiner persönlichen Kriege ein und rollte es zusammen. Nur eine Fahne sollte über ihm wehen, die Fahne der Zukunft, die Fahne des völkerbefreienden Sozialismus.

Er glühte in der Esse dieser Leidenschaft und trug große, gewaltsame Gebärden zur Schau, sprach nicht viel mehr als vorher auch, wenn er aber sprach, in kurzen, krampfig geballten Sätzen, die wie Faustschläge waren. Daß sein Kampf der Kampf von Millionen war, berauschte ihn und füllte seine Brust mit stärkstem Vertrauen. Immer gleich an die äußerste Grenze schreitend, erträumte sich Ernst auch jetzt wieder die Kraft eines Vorkämpfers und nannte sich den Dichter des kämpfenden Volkes, den Seher der Zukunft, den Wegbereiter des Weltheils. Messianische Wünsche bedrängten ihn. Von Millionen sah er diese Wünsche geteilt, und jauchzte hoch aus dem Gefühl, Mund dieser Wünsche zu werden.

Wer die Welt umgestalten will, fängt im eigenen Haus an. Ernst versuchte die Kraft seiner Gesinnung daheim. Die Mutter mußte doch Verständnis dafür haben. Dreißig Jahre bückte sie sich schon über die Knüpfmaschine, war krumm und schmal geworden und hatte nur dürftigste Notdurft gestillt. Sie mußte doch aufglühen in Zorn und Eifer und der neuen Erkenntnis zufliegen. Prachtvoll eifrig und zornig konnte sie sein. Hier war einmal ein würdiger Gegenstand. Bedenken stiegen Ernst gleich auf. Die Mutter glaubte nur einer Macht: dem Geld. Sie betete zu einem Gott: dem Geld! Geld zu haben, war ihr Sinnen und Trachten stets gewesen. Wer Geld besaß, besaß in den Augen der Mutter von selbst alle menschlichen Tugenden. Er war gut und schön, klug und ein Kind Gottes, ihn zu achten war Pflicht der ärmeren Leute, die kein Geld hatten, und damit auch keine Tugenden.

Ernst predigte der Mutter den Sozialismus. Er bekam den Text mit beißenden Glossen an den Kopf geworfen. Ein junger Mensch hätte ordentlich zu sein und zu arbeiten, damit Geld ins Haus kommt. Alles andere ist Unsinn. Sie arbeite nun seit dreißig Jahren, sei nie aus einer Stellung entlassen worden, sondern überall freiwillig gegangen, und denke nicht an den Verband. Das koste nur Geld, trage aber nichts. Wer richtig arbeitet, braucht nicht zu streiken. Einmal im Schuß, war Marias Redseligkeit nicht zu dämmen. Der Redestrom schlängelte sich in krausen Windungen durch Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, warf wunderliche Blasen und überschwemmte das Hirn des Sohnes mit Sand und Geröll.

»Jawohl! Überall dreinreden, alles besser wissen, bloß nicht richtig arbeiten ... Von wem du das nur hast? Von mir gewiß nicht. Ich bin mit vierzehn Jahren in die Fabrik gekommen, und mir kann kein Mensch etwas nachsagen. Gott sei Dank! Ich bin immer ehrlich durchs Leben gekommen ... Drum möcht' ich auch einmal richtig begraben werden. Das werd' ich alles schon richten, wie es sein muß. Einen Metallsarg muß ich kriegen, gesungen muß werden ›Wer weiß, wie nahe mir mein Ende‹, und der Pfarrer soll eine Leichenrede halten, die den Leuten zeigt, wer man seiner Lebtag gewesen ist ... Es muß alles richtig und ordentlich werden. Du gehst doch hoffentlich auch hin, damit es nicht heißt, der älteste Sohn hat auf der Beerdigung gefehlt.«

Nein, er gehe auf gar keinen Fall hin. Ein Rudel Gänse müßten sie auf den Friedhof ziehen. Das wäre billiger und sei noch nicht dagewesen. Zornig und doch erschüttert hatte Ernst gelauscht. Diese Sorge um ein richtiges Begräbnis brachte ihm nur Wut und reizte seine Spottlust. Er wollte die Mutter aufrütteln, wollte sie als Kampfgefährtin gewinnen, und nun mußte er hören, wie sie begraben sein möchte. War das der Gewinn seiner Werbung? War die Mutter wirklich innerlich so fertig, daß ihr nur noch das eigene Begräbnis wichtig und reizvoll erschien, ein Ereignis, das sie doch selbst am wenigsten anging? Sie hätte doch gar nichts davon, ob nun der Sarg so oder so aussehe, ob der oder jener Choral gesungen würde, und ob der Geistliche ihren Lebenslauf ausschmücke, der doch wirklich zu elend und simpel sei, andere Menschen anzuspornen. Man lebt doch schließlich nicht, um sich für andere Menschen so umständlich begraben zu lassen. Sie selbst werde ja nichts von der ganzen Feierlichkeit sehen und hören. Oho! da sei er aber schwer auf dem Holzweg. Sie hoffe bestimmt, alles mitzumachen. Die grünen, flackernden Augen Marias bohrten, daß ihm unheimlich wurde. Dieser sonderbare Glaube, Gast des eigenen Begräbnisses zu sein, beklemmte Ernst und stellte sich geheimnisvoll zwischen ihn und die Mutter. Sie war doch eine ungewöhnliche Frau, zu Geistersehen und allerhand Fabelwesen geneigt.

Sein Versuch, für den Sozialismus zu werben, war hoffnungslos fehlgeschlagen. Darüber gab es keine Unklarheit. Wenn aber die Mutter nicht flammte, wo sollte dann die Lehre vom Recht des Armen zünden? Ernst grübelte, wo lag die Ursache dieser Erscheinung? Die sozialistische Botschaft war doch klar und einfach. Jeder Arme mußte sie verstehen und annehmen. Oder war die Mutter doch nicht arm? Seit Jahren ging die Sage, sie lege heimlich Geld an. Ganz unglaubhaft klang diese Sage nicht.

War Leben und Arbeit in freier Luft schön, wenn Sonne schien, als Nebel stiegen und kalter Regen auf Riegel und Bohlen klatschte, verwünschte Ernst Löhner das Bauhandwerk. Bald gab es Regen- und Frostfeiern, starken Lohnausfall und daheim erhöhten Zank. Die Mutter maulte und bombardierte Ernst mit scheelen Blicken, der daheim saß und nichts arbeitete. Er war nicht müßig, doch Schreiben und Lesen galt der Mutter als Flunkerwerk, das nichts trug und den Ofen nicht warm machte, daran es getrieben wurde.

Die Bücher stapelten sich um Ernst. Er wühlte tief in fremden Gedanken und Gefühlen, immer noch hoffend, irgendwo gedruckt zu finden, was Leben und Tod ist. Was ihn aber heute anzog, verlor schon morgen die Kraft, ihn zu halten. Ernst rannte von einer Quelle zur anderen, und pumpte sich mit Wissen voll, daß die Weisheit aus allen Poren lief. Aber er fühlte seinem eigenen Gewicht nicht ein Gramm zugelegt und zweifelte am eigenen Zweifel. Warum wollte es nicht vorangehen? Er spannte doch die erprobtesten Pferde vor den Karren, kutschierte sechsspännig auf allen Straßen des Geistes, und blieb doch wie durch Zauberwort an die Stelle gebannt.

Warum kam ihm die Welt nicht entgegen? Er war bereit, sie festlich zu empfangen. Die dumpfige Stube sah ihn lange über Büchern sitzen. Jede Buchseite wurde in freudiger Erwartung des Wunders gewendet. Sind Bücher nicht Sterne, die finstere Welt zu erhellen? Ein Mensch hat das Licht seiner Seele gesammelt, daß es anderen Menschen den Weg erleuchten soll. Warum zündete es in ihm nicht? Warum saß er vor den Büchern wie vor blinden Fenstern?

Nur trübes Qualmen war in ihm. Die Gedanken brauten giftige Nebel; in dunklen Verswolken rauchte Gefühl auf und zog den Himmel mit finsterem Gewölk ein.

Ich tapp in meinem finstern Haus
die Winkel alle ein und aus.
Ich suche was, bald da, bald dort,
ich suchte schon an jedem Ort
und immerfort!

Vernunft, das karge Dreierlicht,
blackt immer nur und leuchtet nicht.
Mit dieser Funzel, jammervoll,
find ich nicht, was ich suchen soll.
Das macht mich toll!

Drum wird's nicht bald im Hause hell,
dann greif ich nach dem Zunder schnell
und stecke mit der eignen Hand
die ganze Herrlichkeit in Brand.
Mit eigner Hand!

Das eine wüßt ich gerne nur:
Liegt's wohl im Ratschluß der Natur
daß lichterloh der Giebel brennt,
damit man nur im Haus erkennt,
wohin man rennt?

Wirr griff Ernst in die Luft. Zum Ersticken war es. Auf seine Brust drückte Gebirge harten Gefühls. Dort das Fensterkreuz ... Es reichte hoch genug über den Boden. Wenn man es tut? ... Die starke Schnur hielt sicherlich. Ernst nestelte einen Knoten auf. Seine Finger flogen. Die Schlinge paßte für seinen Hals. In zwei Minuten konnte es geschehen sein. Er hing dann am Haken und wußte von all dem tödlichen Gefühl, das sie Leben heißen, nichts mehr ... War es aber auch wirklich aus? Wer Gewißheit hat, springt leicht. Hatte er Gewißheit? ... Nein, nein, schrie gellend eine Stimme. Du siehst nur den Rand, von dem du abspringst, nicht den Grund, wo du landen wirst ... Der zum Sprung gereckte Vorsatz sank wieder ein. Hastig im Zimmer auf und ab gehend, verlief Ernst die Erregung. Sein Selbstgefühl ballte sich. Jede Muskel straff, streckte Ernst die Arme weit von sich, und ein Gelöbnis zum Leben auf jeden Fall posaunte durch seine Brust.

Laß mich inmitten Stürmen stehn!
Laß Not und Leid und Gram und Harm
Im Leben über mich ergehn.
Es ruhe schwer auf mir dein Arm!

Denn dann wird meine Siegerkraft,
die sonst in eitlem Tun verschwält,
von Schicksalslaunen unerschlafft,
mit jedem Kampfe neu gestählt.

Ich laufe nicht den stumpfen Trott
der nüchternen Alltäglichkeit.
Ich lebe dir, gewaltiger Gott,
und deinem Dienst bin ich geweiht.

Das ist es und der eigne Wert,
was trotz der Menschen Niedertracht
mein Leben, sturm- und drangerschwert,
mir froh und schön und friedlich macht.

Im Takt dieser harten, männlichen Verse marschierte Ernst die Stube aus, bald wieder in der gewohnten Haltung. Alles holte er nun aus sich selbst, die Gefahr und ihre Beschwörung. Keiner konnte ihm helfen, keiner, auch die Millionen nicht, die gleiches Joch drückt, und die gesonnen sind, dieses Joch zu brechen. Halte dich an dich, wenn du standhaft bleiben willst! Klammern sich elf Schwache an den zwölften Schwächling, so stürzt ein Dutzend zusammen. Habe Mut und Kraft, allein zu stehen und allein zu fallen, Ernst Löhner, und du steifst eine ganze schwankende Welt. Ernst war wieder ganz bei sich eingekehrt. Die Verse drängten sich zuhauf und rankten – dichtes Gestrüpp – um jedes Erlebnis. Einige ragten hoch wie Bäume aus dem Unterholz. In ihrem Geäst war es Ernst wohl. Er kletterte in die Kronen, wiegte sich im Wind und träumte, nur der Himmel und er seien Welt. Dort oben hielt er Zwiesprache mit den Gewalten des Lebens und stemmte die Brust gegen ihren Drang. Dort oben hielt er ihren Drang aus, den gleichen Drang, der ihn schüttelte, wenn er Erde unter dem Fuß hatte. Er war in Luft geboren, war heimisch im Element und gewann alle Kraft aus Unfaßbarem, Unirdischem. In den Fußtapfen Kleists schrieb Ernst ein derbes Lustspiel, »Die Probe«, Jamben, die in das spitzbübische Gelächter des Sosias und des Dorfrichters Adam einstimmten. Ein Drama, »Spartakus«, wandelte im Schatten Shakespeares, spiegelte im wilden Murren römischer Fechtersklaven Zeit und Zustand der Gegenwart und entschlief auf halbem Weg in einer sehr wortreichen Liebesszene. Noch ein drittes Stück, »Muttersünde«, entwarf Ernst nach der meisterlichen Zeichnung von Hebbels »Maria Magdalena«.

Alle Kraft warf Ernst auf die Erkenntnis der Schönheitsgesetze. Was er an Dichtung las, Dramen, Erzählungen, Verse, drehte er nach allen Seiten, untersuchte es im einzelnen und schrieb seine Gedanken zusammenhängend nieder. Ein altes Schulheft in blauem Umschlag nahm diese Dramaturgie auf. Von der lebenden Kunst kam Ernst nur wenig in die Hand. Er schalt die Dichter um ihre hohen Bücherpreise, die einen armen Mann abweisend im Buchladen anstarren. Winter und Frühjahr entschwanden bei diesen Arbeiten.

Ernst war sein eigener und einziger Hörer, klatschte sich selbst Beifall, weil niemand sonst es tat, und empfand diese Einheit von Schöpfer und Genießer als natürlichen Zustand. Die Zeit war aber reif, ihn aus seiner freiwilligen Verbannung zu holen. Seine Schwester – ihr Leben spielte sich fast ganz gesondert von seinem Leben ab – fand eines Tages Verse von ihm. Sie brachte sie zu einem Lehrer, der Ernst zu sich bat.

Das glatte, bartlose Gesicht des Lehrers Rüll verlor keine der vielen, höflichen Falten, als Ernst Löhner vorsprach. Er kam nachlässig daher, wußte nicht, wohin mit den Händen, und war dabei innerlich geschwellt von Selbstbewußtsein.

»Ihre Verse haben mir sehr starken Eindruck gemacht, Herr Löhner. Es muß etwas für Sie geschehen ...«

Eher hätte sich Ernst die Zunge abgebissen, als für diese freundliche Teilnahme mit dankbarem Wort zu erwidern. Es hätte schon längst etwas geschehen müssen, überlegte er, ohne daran zu denken, daß doch keine Seele ahnen konnte, ein wie vortrefflicher Künstler in ihm durch die Welt lief. Meister der Rede war Ernst nie gewesen. Lehrer Rüll sprach, und Ernst Löhner hörte zu, eine Kunst, die er um so besser verstand. Beim Abschied fragte sich Ernst verwundert, was denn nun eigentlich gewesen sei. Er hatte sich seinen Einzug in die Welt anders vorgestellt. Mit Pauken und Trompeten müßte man ihn holen, müßte ihn fußfällig bitten, doch aus seinem Versteck zu kommen, und er wollte sich dann noch überlegen, ob er mochte oder nicht. Das war nun anders gegangen. Ein freundlicher Mann hatte freundlich mit ihm geredet, hatte versprochen, etwas zu tun, und war höflich mit ihm bis zur Tür geschritten, als das Gespräch beendet war.

Daß der Besuch Hoffnungen beflügelte, spürte Ernst trotzdem. Fiebernd erwartete er Nachricht und las den Brief Rülls, ein bekannter Dichter habe sich lobend über seine Verse ausgesprochen, sehr bewegt wohl dreißigmal. Man erkannte ihn an. Er hatte recht getan, diese Jahre her zäh zu seinem inneren Gefühl zu stehen, das ihm versicherte, ein Dichter zu sein. Gleich pflanzte sich auch der Überschwang neben die Freude und malte das Bild in schreienden Farben. Übermorgen müßte die ganze Welt seine Verse auswendig lernen, meinte Ernst.

Die Welt kannte Ernst Löhner aber immer noch als entgleisten, von einst erstiegener Höhe gerutschten Eckensteher, der nicht gern arbeitete und keine Verschönerung des Straßenbildes war. In der Tat kam Ernst nicht eben vertrauenerweckend daher. Die kalkbespritzte Hose aufgekrempelt, das Hemd umgeschlagen, daß der magere Hals nackt hersah, den eingekniffenen Filz verwegen aufs Ohr gestülpt, stampfte er mit kurzen, festen Schritten vorbei. Das Gesicht, karg und knochig, lag mit dem Kinn auf der Brust. Die braunen, glänzenden Augen glitten meistens am Boden hin; hoben sie sich, so flitzten sie schwalbenhaft, ließen sich groß, voll und forschend auf den Dingen nieder und ruhten gelassen in jeder Erscheinung aus. Das ganze Bild: ein gefährlich geladener Mensch, der den Eindruck macht, als wollte er jeden Augenblick von innen heraus platzen.

Bekannt war Ernst Löhner vielen Leuten. Auf Schulgenossen und Arbeitskameraden stieß Ernst überall. Sie taten unbekannt, und zupften befriedigt ihre besseren Kleider. Ihn anzurempeln wagte keiner, denn Ernst galt als schlimmer Raufbold, dem es auf einige Wochen Gefängnis nicht weiter ankam. Auf Schritt und Tritt sah sich Ernst von Erinnerungen umstellt. Sein Leben war in dieser Welt geworden, Vom Kind zum Mann reihte sich eine Kette unvergeßlicher Erlebnisse, die im Zwinger geschmiedet, ihn an diese öden Straßen und Höfe fesselte. Diese Kette klirrte in jedem Schritt und tönte oft stark und läutend ... Klang der Kindheit, Glockenspiel der Jugend ...

Zehn Jahre hatte die Zeit über den Platz gewirbelt. Die alte, schmiedeeiserne Laterne grüßte ihn wie vormals. Sie kannte ihn noch und verleugnete die Bekanntschaft nicht. Zehn Jahre waren über ihn gebraust und hatten die Wipfel seines Wesens bis in den Staub gebogen, zehn Jahre, seit er auf diesem Platz gestanden und nach Gertrud spähte. Wo war das Gefühl jener Zeit? Lebte noch ein Schein des zarten Frühlichtes in seiner Seele? Oder hatten die Schatten jeden Schimmer von Licht erschlagen? Gertrud ... Ein Name, schön und trächtig von süßem Gewesensein, doch ein Name nur, in verblaßter Schrift dem Gedächtnis eingeschrieben, eine herrlich aufgebahrte Erinnerungsleiche ... Gertrud war seinen Gedanken wie seinen Wegen entrückt. Die Frau des angesehenen Bürgers durfte der Erinnerung in keinem Zug mehr gleichen. Eine blasse, schlanke Dame war Ernst manchmal begegnet; sie hatte durch ihn gesehen wie durch Glas, keinen Ausdruck von Gedächtnis im Blick. Der blaue Umhang mit dem rot gefütterten Kopfteil war wohl längst vermottet und lag in einer Spindecke. Wieder schwebte das schöne, rehzarte Geschöpf die baumbestandene Straße entlang. Noch einmal hing Ernst Löhners Blick an dieser Gestalt. Er grüßte den holden Jugendtraum ernsthaft und gemessen. Vorüber, vorüber ...

Er suchte den Vergnügungsanzeiger ab. Grimmiger Genuß, zu wissen, wie sich die besitzende Menschheit langweilt! Lauter elendes Zeug angekündigt: Operetten, Tingeltangel, Schwänke ... Ein Jahr noch, höchstens zwei, und auch sein Name prangte auf den Anschlagsäulen. O, es wird gut aussehen: Spartakus. Eine Tragödie in 5 Akten von Ernst Löhner. Dann sollten die Herrschaften aber büßen, die heute wegwerfend hinter ihm dreinschauten. Sie kommen dann wohl geschwänzelt, sich bei dem berühmten Schriftsteller zu empfehlen.

Das Theater war Ernst unbekannter als der Mond. Vierundzwanzig Jahre vollendeten sich bald, er hatte noch kein Theater von innen gesehen ... Seine Vorstellung baute einen Tempel, eine Walhalla der edelsten Geister, und der Gedanke »Theater« leuchtete in allen Farben inneren Schmuckes. Diesen Tempel betreten, nicht als Zuschauer, der andächtig vor dem Allerheiligsten stehen muß, als Geweihter, dem die Geheimnisse kund sind: Ernst Löhner harrte des Rufes. Dieser Ruf mußte zu seiner Stunde vom Himmel schallen und das Ohr der Welt auf ihn lenken.

Trunken von Fülle zukünftigen Glücks, kreiste Ernst um die in lauten Farben schreiende Säule. Der Herbstabend war weich und verhüllt. Laue Luft spülte um Menschen und Dinge. Leises Glucksen und Raunen brach sich an den Häusern und kehrte murmelnd ans Ohr zurück. Der Abend war wie Meer, das gebändigt zum Strand spricht. Es floß und schwoll, flutete und brandete fessellos über die müde Welt. Versunken ins Meer lag die Stadt, tief, tief auf dem Grund, längst verschollen, nur noch Klang einer uralten Sage, der in den Sternen klingt. Gefühl, ins All aufgelöst zu sein, zurückgegeben den Elementen, rann durch Ernst.

Alles laute Leben ist gestillt.
Nimm es, Mutter Nacht, in deine Hut!
Denn aus deinem tiefen Dunkel quillt
eines andren Lebens starke Flut.

Drängt solange gegen meine Brust,
bis ich wieder überwunden bin,
bis ich, keines Ufers mehr bewußt,
treibe auf dem großen Strom dahin.

Ob er mich noch heute ganz von hier
schwemmt in deiner nie erforschten Spur?
Strom des Seins, versinke ich in dir
oder überflutest du mich nur?

War er auf einem neuen Stern? Wie leicht das Leben, wie anders atmete sich die Luft? Das irdische Kleid abgestreift, schwärmte Ernst Löhner in die Nacht, erschwang das Mondgebirge und sah sich drunten stehen, klein, unfaßlich klein, Staubkorn im Wirbel der Welten.

Ernst war in der Welt. Andere Menschen wußten von ihm, nahmen Anteil und führten ihn mehr, als er ging, nach einem Platz hin, seinem Wesen gemäß. Lehrer Rüll war unermüdlich. Eine sehr bekannte Zeitschrift brachte einen Aufsatz über Ernst Löhner, mit Proben. Der Anfang war gemacht; Zurückweichen unmöglich. Den Aufsatz las Ernst mit vorquellenden Augen, gaukelte wieder in höchsten Höhen, und war kindlich aufgeregt, wenn ein Brief kam, der ermunternd und wohlwollend sprach. Nun war er durch. Was jahrelang fiebrisch ersehnt, war gekommen, der Aufbruch, der Durchbruch, der Sieg. Was er jetzt dichtete, entstand unter den prüfenden Augen der Welt und ging die Welt an, nicht ihn allein. Andere würden jetzt sagen, was er sich immer selbst gesagt hatte: Du bist doch ein Hauptkerl, Ernst, und wirst es noch weit bringen!

Erlösung aus körperlicher Mühsal war die nächste Folge. Durch den Aufsatz des Literaturlehrers war das Arbeiterblatt der Vaterstadt zu Ernst Löhner gekommen. Er sollte doch gelegentlich auf der Redaktion vorsprechen. Ob er sich getraue, die Schauspielbesprechung zu übernehmen? Ernst hatte gar keine Erfahrung, wußte überhaupt nicht, welche Kräfte das Theater leiten, aber er sagte tollkühn zu und ging ans Werk. Halbes »Haus Rosenhagen« war sein erstes Opfer. Er schrieb einen ziemlichen Bandwurm, ganz im Stil seiner häuslichen Dramaturgie, und guckte betrübt, als der Redakteur ihm Dreiviertel strich. Was er sage, sei gut, aber eine Zeitung wäre kein literarisches Fachblatt. Darum müßte er sich kürzer fassen.

Grübelnd versenkte sich Ernst Löhner in sein Amt. Vor dreißigtausend Menschen zu sprechen, stolzes Gefühl, dem aber das Bewußtsein die Wage hielt, daß er sich keine Blöße geben dürfe. Im Theater saß Ernst verkrümelt in seiner Reihe, schaute nicht rechts und nicht links, und achtete auf jedes Wort, das droben gesprochen, auf jede Gebärde, die gestaltet wurde. Er hatte die Witterung für Wesentliches. Viel Beschwer machten ihm zunächst die Maßstäbe. Ob Posse, besseres Lustspiel, ernsthaftes Schauspiel oder Tragödie im Bildungsstil: Ernst legte seine Elle gleichmäßig an, merkte unbarmherzig an und ging den Autoren berserkerisch zu Leibe. Er hatte nun einmal die Vorstellung des Tempels vom Theater und mühte sich halsstarrig, die Wirklichkeit in seine Vorstellung zu zwängen. Die beißende Schärfe seines Wesens, in schweren Zeiten geschliffen und gespitzt, blitzte und zuckte durch die Urteile. Dabei war Ernst ängstlich bestrebt, gerecht zu sein. Das gelang ihm nicht immer. Selbst Mensch im Schatten, hatte er unheimlich scharfen Blick für die Schatten eines Werkes, die ihm wichtiger und wesentlicher schienen als anderes. Fand Ernst ein Stück, das verwandt anklang, so sprach er in Ausdrücken ehrlicher Freude und Überzeugung. Nur den Menschen suchte er, wie im Leben, so auf der Bühne. Das Drum und Dran schien ihm ärgerlich und oft überflüssig.

Lust und Liebe trieben Ernst ins Theater. Wie einer, der lang entbehrt, sich leicht übernimmt, bohrte sich Ernst eigensinnig in das Urteilen, als gäbe es in der Welt nichts Wichtigeres. Anzuschauen, das Gesehene zu überdenken und die Gedanken festlegen: war das nicht Arbeit, die er immer erhofft, die er lange für sich selbst getrieben? Sie wurde ihm nun bezahlt, und war es auch kein fürstliches Auskommen, besser als bei der ewig schwankenden Handarbeit stand sich Ernst doch.

In ebendiese Zeit fiel ein wunderliches Ereignis, ein Stück Theater, worin Ernst Löhner die Rolle einer Sehenswürdigkeit spielen sollte. Eine königliche Prinzessin kam zur Einweihung einer Kinderkrippe und äußerte den Wunsch, Ernst Löhner zu sehen. Als Ernst von der hohen Ehre vernahm, sträubte er alle Borsten. Von den Bekannten wurden alle Überredungskünste darangewendet, und Lehrer Rüll atmete hoch auf, als ihm endlich gelang, Ernst von der Notwendigkeit des Besuches zu überzeugen.

Mit gepumpten Kleidern am Leib, in den feinen, nur viel zu weiten Mantel eines Freundes gehüllt, fuhr Ernst in den trüben Spätherbsttag. Lehrer Rüll begleitete ihn und half Ernst wenigstens über die gröbsten Hindernisse der äußeren Förmlichkeit turnen. Wie ein Bär kam sich Ernst vor, der seine Kunststücke zeigen soll, und wie ein Bär benahm er sich auch, brummig, unwirsch und furchtbar plump. Die Augenbrauen in den glatten Lakaiengesichtern zogen sich immer höher beim Anblick dieses merkwürdigen Gastes.

Was weiter geschah, flog an Ernst vorbei, ohne ihn eigentlich sehr zu berühren. Er kam in einen hohen, prächtig eingerichteten Saal. Der Weg dorthin ging über Läufer und Teppiche, die jeden Schritt lautlos verschlangen. Dann sah er in einem hohen Sessel mit geschnitzten Lehnen eine zarte, blasse Frau, die große, etwas verschleierte Augen auf ihn richtete.

Nach zehn Minuten stand Ernst auf dem Trittbrett des Zweispänners und besann sich, was denn nun eigentlich war. Lächerlich gleichgültige Worte hatten durch den Saal gehallt. Einmal hörte Ernst die eigene Stimme, weil er in lebhafter Erregung lauter sprach, als vielleicht nötig war. Der wie mit dem Lineal gezogene Herr im schwarzen Frack – wohl ein Hofmeister oder Kammerherr – legte ihm die Hand auf die Schulter, worauf Ernst kurz abbrach und hartnäckig schwieg.

Ohne bestimmten körperlichen Eindruck von der hochgeborenen Frau trollte sich Ernst und ließ eine Zentnerlast in dem freiherrlichen Saal zurück. Die müde, feine Frauenstimme ging mit. In ihr klang, wenn auch nur ganz schwach, ein Ton menschlicher Teilnahme erinnernd nach.

Auf der Heimfahrt überfiel Ernst plötzlich eine unerklärlich wilde Lustigkeit. Er sah sich wieder im grünen Polizeiwagen sitzen, neben Bettlern, Streunern und kleinen Dirnen. Lehrer Rüll nahm den feierlich steifen Filz ab, wischte sich die Stirn und schaute unsicher auf seinen Gefährten, der von innerem Kichern geschüttelt und die Beine weit vom Leib gestreckt, neben ihm auf dem weichen Polster saß.

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