Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Karl Bröger >

Der Held im Schatten

Karl Bröger: Der Held im Schatten - Kapitel 10
Quellenangabe
type
authorKarl Bröger
titleDer Held im Schatten
publisherEugen Diederichs
printrunAchtes bis zwölftes Tausend
year1923
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20150702
projectide8bcfdaf
Schließen

Navigation:

Frührot

Anders als bei seiner letzten Rückkehr grüßte Ernst Löhner die große Stadt. Sie war nicht geändert, streckte und dehnte sich wie immer in die flache Weite des reizarmen Landes und trug die alte Burg stolz wie einen Stirnreif. Die gewaltig beharrende Kraft des Lebens predigte in Ernst Löhners Sinnen. Die alten, grauen Türme und Mauern sind noch, die sein Streben und Irren, seine Wonne und seinen Wahn geschaut, die gleichen, die unbeweglichen Gesichtes dem gewechselten Menschen ins Auge blicken. Fühlten sie mit den Menschen, der stumm drunten stand und gelobte, das Leben hinfort zu tragen, es sei Lust, es sei Last, dem Leben treu zu bleiben, ob es ihn mit Glanz beschütten oder in Schatten begraben wollte. Die Türme hielten weiter hohe Schau, und ihre verwitterten Stirnen leuchteten im dünnen, glaszarten Glast der Herbstsonne.

Ernst sprang geschlossenen Auges in den Kampf. Mit geschlossenen Augen, weil er nicht sehen mochte, wie die alten Schatten sein äußeres Leben wieder in die Arme nahmen. Nichts sehen und nichts hören, was über die Stunde hinauswies, und in dieser Stunde nur wissen, daß dem Menschen gesetzt ist, zu arbeiten, wenn er leben will. Die Träume von Ruhm und Reichtum waren nicht gestorben, aber sie mußten schlafen, tief und fest schlafen, sollte das Leben ertragen und einem Ziel zugebracht werden. An dieses Ziel mochte Ernst nicht denken. Dachte er daran, so umwehte ihn kalter Grabgeruch. Arbeiten, später ein kleines Mädchen nehmen und Kinder zeugen, gab es ein Ausweichen auf diesem unerbittlich vorgeschriebenen Weg, den seit Geschlechtern jeder im Zwinger gegangen ist? Das Bild des Vaters schritt diesen Weg vor, schwermütig lächelnd und wortlos. So würde es auch bei ihm sein: ein kurzes, einfaches Glück, Entzweiung dann, ein schrecklicher Kampf in den vier Wänden und die Flucht in betrunkenes vergessen ...

Der Vater ruhte von Kampf und Flucht. Er war gestorben, als Ernst im ersten Frühjahr Soldat war. Ernst flickte eben den weißen Drillichrock, da kam der schwarzgeränderte Brief mit der Nachricht ... In dritter Garnitur, Helm und Lederzeug blank geputzt, ging Ernst hinter dem Sarg drein und fand Trost in dem Gedanken, daß der Tote sich wohl freuen würde, wenn er eine Uniform in seinem letzten Geleit sehen könnte. Trauer brachte Ernst nicht zuwege. Sie schien ihm Heuchelei. Der Vater hatte seinen harten, atemlosen Kampf hinter sich und schlief nach dem bösen, giftigen Traum seines Lebens tiefen, tiefen Schlaf. Hatte er in diesen Schlaf ein schönes Bild gerettet? Eine Wiese im heimatlichen Frankendorf, die Peterskirche, die der Schustergeselle auf der Wanderschaft gesehen, und die in seinem einfachen Denken der Gipfel aller Größe war, die Spieluhr, deren sanft klepperndes Rasseln dem ernsten Gesicht fröhliche Lichter weckte, eine Erinnerung, nicht von Galle und Geifer seines Alltags besudelt, dem guten Antlitz ein dankbares Lächeln als Beute seines Lebens zu schenken. Ernst wünschte es innig.

Ernst hauste mit der Mutter, die es ganz in natürlicher Ordnung fand, daß er in die Lücke des Vaters einrückte, und sich behandeln ließ, wie sie es in den Jahren gelernt und geübt hatte. Dazu fehlte Ernst jede Lust. Er reckte sich beim ersten Treffen finster auf, herrschte mit rauher Stimme Ruhe im Haus und war fest entschlossen, seinen Willen durchzudrücken, es mochte gehen, wie es wollte. Jeden Tag setzte es Kampf. Die Mutter strebte Gewalt über den störrischen Sohn an, versuchte grobe und feine Mittel und zitterte vor Zorn, weil nichts gelang. Der Sohn war härter, viel härter als der Vater. Er schwieg nicht und zählte böses Wort mit böserem Wort heim. Über an ein Nachgeben dachte auch Maria nicht. Fand sie es schon geraten, längeren Waffenstillstand einzuführen, der heimliche Kriegszustand dauerte fort und führte zu heftigen Ausbrüchen auf beiden Seiten.

Schnell hatten Ernst alle Kräfte des Lebens wieder, denen er zwei Jahre entrückt war. Er fiel seiner dunklen Verschlossenheit neu heim, wich den Menschen, und was sie bewegte, aus und baute noch höhere Zäune als jemals um die eigene Welt. Die Arbeit schätzte er als eine bittere Notwendigkeit, fand keine Lust und Freude daran, arbeitete aber leidlich regelmäßig, um seine Hauptwaffe im Familienkampf in der Hand zu behalten.

Das Leben ging ihn stark an. Das Gefühl, nun gelte es, wurde täglich mehr bekräftigt. Ernst wuchs an diesem Gefühl und an der klaren Erkenntnis, daß sein letzter, schwerer Kampf mit den Geistern der Tiefe nahe.

Ernst liebte die Arbeit nicht. Es fehlte ihm Geduld, Ausdauer, die Fähigkeit, körperliche Kraft auf einen Punkt zu sammeln. Er suchte umsonst einen Sinn in dem Zustand, daß er neun Stunden vor einer Bleipresse stand, die immer und immer nur um ihre Achse schwang, ob Blei in den Behältern war, ob die Behälter leer liefen. Daß Kraft wirkt, so oder so, war kümmerlicher Trost für ihn, der nicht wußte, daß Kraft genutzt werden will. Er fühlte andere Kraft in sich, Kraft, die unruhig und quälerisch die Brust hob und keinen Weg in Freiheit und Wirksamkeit finden konnte. Denn denken und dichten hält eine Bleipresse nicht im Gang. Ihr verschlug es nichts, ob ihr Sklave Gutes oder Böses dachte, ob er überhaupt dachte. Sie drehte sich im Kreis, forderte zum gewissen Augenblick ihren gewissen Handgriff, und die polierten Scheiben blinkten seelenlos, mochten die Gärten Sevillas, die Wunder der Pyramiden oder ein zarter Vers in Ernst blühen. Nichts, gar nichts verrückte ihren Schwung, die Achse stand genau im Lager am Morgen wie am Abend und das gepreßte Blei entquoll als endloser Wurm den Behältern. Stets hatte Ernst diesen endlosen Bleiwurm vor Augen. Er schlang und ringelte sich um ihn, kroch an seinen Gliedern hoch und schnürte seiner Seele die Luft ab, daß er zu ersticken meinte.

Luft, Luft! ... Keine Fabrikmauern mehr, nicht mehr den ekligen Bleiwurm, Himmel über sich, Weite um sich, die den Blick frei ausfliegen ließ, ihn nicht zurückstieß wie die Fabrikwand! Ernst nahm Arbeit auf Bauten, schleppte Mörtel und Ziegelsteine und sah das väterliche Gesicht vor sich, hoffnungslos lächelnd. War das sein Geschick: die vom Vater abgelegte Last weiterzutragen, bis zur letzten Stunde auf Leitern und Gerüsten zu turnen und anderen Wohnungen zu bauen, während er selbst heimlos irrte? Das rauhe, luft- und sonnenbraune Arbeitertum des Baugeschäftes stand Ernst innerlich näher als die Leibeigenschaft an der Maschine. Barsche, zuweilen rohe Sitten begegneten seiner eigensten Natur, die karg, herb und schwerflüssig leichter abstieß als anzog. Wenn er, die steingefüllte Trage geschultert, in freier Luft die Gerüste erstieg, Ziegel schmetternd abwarf und sich, der Last ledig, neu ausrichtete, begleitete ein Vorsatz diese Handlung, wie die Steine von der Schulter, würde er einst auch die drückende Innenlast abtun und freien Weg schreiten. Wie wuchs doch so ein Haus! Letzte Woche noch standen sie in der Grube und warfen stöhnend Grund aus. Heut wird schon der erste Stock gemauert, in einigen Wochen karrt das Gebälk vor, wird ausgewunden, und bald wimpelt das bändergeschmückte Richtbäumchen die Runde vom neuen Haus in die Nachbarschaft. Man sah das Werk seiner Hände vor den Augen werden. Auch mein Haus muß unter Dach und Fach kommen, dachte Ernst oft und gern.

Außer kräftiger Rede liebt der bauende Mensch auch kräftigen Trunk. Ernst saß viel mit den Kollegen im Wirtshaus, gewöhnte sich ehrbare Trinkfestigkeit an und lauschte den Reden. Da gab es viel zu hören. Fester, als er das in der Fabrik gefunden, ist die Gemeinschaft der arbeitenden Bauhandwerker. Fester und herrschsüchtiger, was Ernst sehr schnell spürte. Von Organisation und gemeinsamem Auftreten wußte Ernst nichts, was bei ihm, der stets allein lebte und dachte, nicht wundern kann. Noch keine zwei Stunden eingestellt, wurde Ernst schon in die Rippen gebohrt und peinlich nach einem Verbandsbuch befragt. Verbandsbuch? ... Ernst kannte Hebbels Gedichte genau, er vermaß sich, aus einem beliebigen klassischen Drama aufzusagen, von einem Verbandsbuch hatte er keinen Schimmer. Der Vertrauensmann wiederum schien von Hebbel, Kleist und Grabbe aber auch gar nichts zu ahnen und stellte die klare Forderung: Organisieren oder die Arbeit niederlegen! Ernst legte die Arbeit nieder, denn sich von jemand, der Hebbel nicht kannte, zwingen zu lassen, dünkte ihm ein Abbruch seiner geistigen Ehre. Am Nachmittag stand Ernst vor der gleichen Wahl: Organisieren oder Arbeit niederlegen! Er versuchte Ausflüchte. Zum Zahltag wolle er sich aufnehmen lassen.

»Wo bist denn du ausgelassen, Freunderl? ... Zahltag? Der ist bei uns alle Tag. Du kannst Vorschuß nehmen, wenn du sechs Stunden gearbeitet hast. Also quatsch nicht, Junge, und geh zum Kappo! Der gibt dir, was du brauchst ... Bei uns gibt es kein Fackeln. Wer nicht beim Verband ist, fliegt. Wir können solche Brüder nicht brauchen ...«

Noch dreimal versagte sich Ernst der Forderung. Er war wütend, was wollte man von ihm? Er schleppte seine Steine, bekam dafür sein Geld, und das andere scherte niemand. Verband? Ein Kerl wie er pfeift auf einen Verband. Er beißt sich schon allein durch. In der sechsten Arbeitsstelle machte Ernst schlapp und trat dem Verband bei. Es ging nicht anders, wenn er arbeiten wollte. Innerlich war er aber noch nicht bei der Stange. Jedesmal regte ihm der Beitrag die Galle auf. Sonst fuchste er durchaus nicht mit den Pfennigen.

Am Nachmittag gab es Krach. Der grobdrähtige Meister hatte einen Helfer Knall und Fall von der Baustelle gejagt, weil er nach seiner Meinung zu langsam schuftete. Abends war Bauversammlung. Alles folgte der Ansage, und Ernst merkte überrascht, daß die sonst so stumpfsinnige Laune seiner Kollegen einer sehr entschlossenen und sachlichen Haltung gewichen war. Nach einigen Formeln erhob sich ein vierschrötiger Mensch, besser angezogen als die anderen. Die laute, tönende Stimme legte los:

»Kollegen! Wir sind zusammengekommen, um zu beschließen, was getan werden muß, damit der Herr X. endlich einmal aufhört, für nichts und wieder nichts zu maßregeln. Ihr wißt, er hat heut nachmittag einen Kollegen entlassen, weil er nicht so gerannt ist, wie der Herr X. sich einbildet. Daß er auch einmal Steine getragen hat, weiß der Herr X. ja nicht mehr, wir wissen es aber noch recht gut, und mancher alter Kollege unter uns hat mit ihm zusammen gearbeitet. Kommt aber der Bettelmann aufs Roß, dann ist mit ihm schon gar nicht mehr zu hausen. Der Herr Meister beruft sich auf sein gutes Recht, jeden Arbeiter, wenn es ihm gefällt, zu entlassen. Die Herren Bauprotzen bilden sich ein, jeder Krauter wäre der liebe Herrgott selber. Der Kollege H. arbeitet seit vier Jahren bei ihm; er hat manchen Sommer geschwitzt, während sich der dicke Herr Meister aufs Kanapee legte. Jetzt arbeitet er auf einmal nicht mehr schnell genug. Arbeitet einer von euch schneller? Gut: wir wollen dem Herrn X. sein gutes Recht geben. Aber wir haben auch ein gutes Recht, und das verlangt, daß wir keinen Finger rühren, solange der entlassene Kollege gemaßregelt ist. Ich schlage deshalb vor, morgen vor Anfang der Arbeit die Wiedereinstellung des Kollegen zu fordern. Gibt der Herr Baumeister nach, schön! Gibt er nicht nach: Schluß der Arbeit! Alles geht vom Bau und läßt den Herrn Meister allein arbeiten, wollen doch sehen, ob es bei ihm schneller geht ...«

Tosender Beifall setzte nach diesen heftig hingesetzten Worten ein. Der am lautesten schrie und die Hände bearbeitete, war Ernst Löhner. Er glühte vor Eifer und Überzeugung, nickte immer wieder und suchte die eigene Erregung in den Gesichtern der anderen. Überall fand er sie. Die Kollegen brüllten und tobten, schwuren gräßlich fluchend jede Arbeit ab, wenn nicht geschah, was ihnen für Recht galt, und wählten einen kleinen Ausschuß, der die Verhandlungen führen mußte.

Dieses Ereignis war eine Fackel, in Ernst Löhners Vorstellungen geworfen. Er begriff plötzlich Wert und Macht der Gemeinschaft und strebte eifrig, die gewonnene Erkenntnis zu stützen. Er knüpfte Gespräche über Gewerkschaftsfragen an, las, es wollte erst gar nicht recht munden, was wissenswert auf diesem Gebiete war, und stellte sich leidenschaftlich auf die Seite der sozialistischen Heilslehre.

Daß es Reiche und Arme in der Welt gab, war Ernst nicht unbekannt. Daß der Armen mehr, unendlich viel mehr waren, wußte er auch. Aber er hatte sich mit diesem Wissen begnügt, hatte aus dem Zustand nur die einzige Aufforderung entnommen, selbst reich zu werden, und sich sonst nichts um die Ziele seiner eigentlichen Welt bekümmert. Ja, er hatte diese Welt innerlich abgelehnt, hatte sich wund und blutig gestoßen, sie geistig zu überwinden. Schaute er im Licht seiner sozialistischen Erkenntnis auf den Kampf seiner Jugend zurück, so erschien er ihm als das aussichtslose Fechten eines Versprengten, der vom Heer abgekommen, verzweifelt für sich selbst Krieg führt. Die neue Ordnung des Daseins kommt für alle Armen, nicht für einen allein. Sie kommt durch alle, oder sie kommt gar nicht. Was er gewürgt und gerungen, diese ganzen Jahre her, mußte zur Niederlage führen, denn er hatte nur für sich Besserung gewollt, hatte Millionen als seinen Besitz erträumt, die ihm, nur ihm ein schönes, seinen Neigungen und Anlagen gemäßes Leben schaffen sollten. An einen zweiten Menschen hatte er dabei nicht gedacht oder doch nur wie ein Reicher eben denkt, der Almosen austeilt. Es gibt kein Recht auf persönliches Glück; es gibt nur die Pflicht, das allgemeine Wohl zu fördern.

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.