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Wilhelm Blumenhagen: Der Harz - Kapitel 2
Quellenangabe
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authorWilhelm Blumenhagen
titleDer Harz
publisherVerlag Lothar Borowsky
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Einleitung

Niemand vermag die Erfahrung abzuleugnen, daß in den meisten Menschen eine wunderbare, unauslöschliche Sehnsucht nach den Höhen und Bergen wohnt und um Erfüllung ringt. Schon der Knabe blickt mit Verlangen aus den Ebenen der Heimat nach den blauen, grotesk gestalteten Massen, die seinen Horizont begrenzen, und es scheint ihm gewiß, daß sie etwas Geheimes und Großartiges verbergen müssen. Des Jünglings Phantasie strebt hinauf und darüber hinweg; sie sind ihm die kolossalen Pfeilertore eines fremden Reichs, und eine andere, buntere Welt muß dahinter liegen. Der Wohlhabende – sucht er ein Asyl für sein Alter, in dem er behaglich genießen möchte, was sein Fleiß erwarb, wo er auszuruhen trachtet von den Mühseligkeiten der Kampftage und der schweren Pilgerfahrt, die nur wenigen Auserwählten fehlen – baut sich sein Landhaus am Bergesrand oder auf bewaldeter Höhe; der von Sorgen gedrückte Geschäftsmann, der im Bücherstaub keuchende Gelehrte, der bemitleidenswerte Zahlenmaler und Ziffernzeichner – wohin flüchten sie, wenn eine Festwoche ihre Ketten lockert? Wohin anders als in die Berge? Die Klosterbrüder und ihre Führer, Bischöfe und Äbte, kundige Autoritäten in Sachen des Geschmacks, stellten ihre Klöster, ihre Residenzen meist auf Hügel und Berge, und auf Felskuppen sehen wir die Überbleibsel der Stammeshäuser und Burgen alter Rittergeschlechter, deren Wahl freilich zuweilen eine weniger gemütliche Nebenabsicht bestimmt haben möchte. –

Worin sollen wir aber die Ursache dieses so allgemein verbreiteten Triebes suchen, wo nach ihren Quellen graben? – Ist es der Höhensinn, dessen Organ jener tief denkende Württemberger, der geniale Gall, auf der Scheitelwölbung des tierischen Schädels ausfand und ihm dicht neben der Beharrlichkeit seinen Platz anwies? Der Höhensinn, welcher die schlanke und scheue Gemse, den wehrhaften Steinbock zum Erklettern der steilsten Gletscher und gefährlichsten Firne anspornt? Oder ist es ein Stück der moralischen Richtung dieses Höhensinns, die den Stolz und den Hochmut gebiert, den schönen Drang des Menschen nach Vervollkommnung, nach dem Besseren wach erhält, Helden und Tyrannen, Weise und Schwärmer, Wohltäter der Menschheit und jene verächtlichen Götzendiener des Goldes erschuf, jene faulen Drohnen des menschlichen Bienenstocks, deren einer Fuß sich auf den ergeizten oder ererbten Geldsack stützt, indes der andere das Elend und die bittende Armut in ihren Schlamm zurückstößt? Die kindische Eitelkeit bläht sich auf dem Berggipfel, Millionen wimmeln unter ihr gleich Ameisenhaufen, zu ihren Füßen dehnt sich unbegrenzt das Reich Gottes, sie verwechselt sich mit dem Fels, auf dem sie steht, und weil ihn der Schöpfer erhob über alles, ist auch sie es. –

Einen anderen, edleren Grund könnten wir in einem Gefühl suchen, das wir zu Recht das heiligste nennen, das wir zum Glück der Welt als das allgemeinste erkennen, dessen Keim der Wilde in den Urwäldern und auf den Steppen wie der orientalische Satrap auf seinen Samtpolstern nimmer in seiner Brust gänzlich zu ersticken oder auszurotten vermag: das Gefühl der Religiosität, das Gefühl der Abhängigkeit von einer höheren Macht, der Notwendigkeit des Vertrauens zu einem höheren Schirmherrn. Die Urvölker setzten ihre Opfersteine auf Berggipfel, ihren Altar auf eine Felskuppe; Moses sprach mit dem Herrn auf Sinai; auf der zusammengestürzten Granitpyramide des Mons bructerus feierten altgermanische Stämme ihre Frühlingsfeier, der Ostera flammenbeleuchtete Orgien; Jupiter thronte auf dem Kapitol; und warum der Mensch dort gerade inbrünstiger zu feiern, zu beten, leichter Erhörung zu finden wähnt, spricht ein Dichter der Alpenrosen wahrhaft in den zwei Strophen aus:

Es ist so heilig, heilig da;
Hier oben ist der Herr so nah!

Außerdem hört man jedoch noch ein paar andere Ursachen der genannten Sehnsucht anführen, und zwar zuerst ein Stück der Erbsünde, die der schwache Vater Adam allen seinen Kindern vermachte, jene Sucht nach Veränderung, die das, was sie besitzt, überall dem nachsetzt, was andere haben, und nimmer zufrieden, das Eigene gegen Fremdes zu tauschen begehrt – ein üppiger Quell des Handels und Völkerverkehrs, aber andererseits einer der ausgesäten Giftzähne des Kadmus, aus dem mehr Unglück in der Menschheit erwuchs, als man meint; und zweitens einen natürlichen Instinkt, der mit dem mächtigsten Triebrad in der Schöpfung, mit der Selbsterhaltung, in nächster Verwandtschaft steht. Wer könnte leugnen, daß uns auf den Bergeshöhen wie mit kühlen, jugendlichen Nymphenarmen ein eigenes Wohlbehagen umfängt? Mit Wollust schlürft die tiefatmende Brust die frische, erquickende Luft der Höhen ein; der üppige Wald in seiner Jungfräulichkeit haucht jedem neuen Sonnenlicht Ströme von Lebensodem, das eigentliche Pabulum vitae, entgegen; alle Sinnesorgane öffnen sich weiter, denn ungestört empfangen sie die natürlichen Reize, die endlose Aussicht für das Auge, die würzigen Düfte der köstlichen Kräuter, die reinen Klänge, die Posaunentöne des Waldlebens für Geruch und Gehör; der Qualm der beengenden Städte, der mephitische Dunst der Dörfer, das endemische Gift der stehenden Wässer, die mißduftende Tierschlacke der vollgepfropften Salons bleiben unten und steigen nicht hinauf zu den grünen Tempeln der Gesundheit, aus denen ein Heer junger Sprudelquellen, unbefleckt von verschmutzender Menschenhand, uns entgegentanzt, einladend zu Labetrunk und verjüngendem Bad; wo die Glieder sich freier regen, wo der Geist freier denkt und erschafft im Gefühl der Erlösung aus den Wänden und Kerkern und der quetschenden Zwangsjacke, mit denen der närrische Mensch sich selbst und seine Nachbarn umstellt und belastet hat. Alle Bergvölker sind gesünder, kraftvoller, rascher und kühner, tätiger und ausdauernder, und bei ihnen findet sich einzig das Heimweh jenes unheilbare Übel, das man nicht mit der Vaterlandsliebe verwechseln darf, das den Ausgestoßenen verzehrt und aufreibt, wenn ihn die Fremde auch mit Überfluß und Annehmlichkeiten überschüttete, und das nicht selten den Leidenden zum Selbstmord getrieben hat. – Oh, wer doch auch ein solches Heimweh mit zu empfinden vermöchte! –

Wir überlassen es dem geehrten Leser, von den angeführten Ursachen der Sehnsucht nach den Bergen sich diejenige auszuwählen, die ihn am meisten anspricht, halten uns jedoch fest an die bestehende Erfahrung, und angestachelt von dem unbezwinglichen Triebe in der eigenen Brust, rufen wir jeden, der das gleiche empfindet, auf, sich uns zu einer Bergfahrt anzuschließen, die uns lindernde Erfüllung verspricht. Und warum ferne suchen, was wir so nahe haben? – Herrliches Harzgebirge, du Krone der niedersächsischen Gaue, dir soll unsere Huldigung gelten! Bist du auch weniger gepriesen und besucht als die grandiosen Hochalpen und frostigen Gletscherriesen des Schweizer Landes, weniger besungen als Tirols romantische Kuppen und Firne – du stehst ihnen nicht nach an Naturschönheiten und großartigen Schöpfungen, obgleich vor wenigen Dezennien mancher Südländer dich und das Land, das da du beherrschst, als eine Terra incognita, als eine Art Sibirien zu betrachten gewohnt war, bis die großen, kriegerischen Völkerzüge des neunzehnten Säkulums ihm seinen Irrtum aufdeckten! –

Und euch alle, die ihr nicht verkümmert im hektischen Alltagsleben: wenn es erlaubt ist, einige Wochen hindurch sein Eigen zu sein, wer durch das tote, stereotype Brotgeschäft noch nicht ganz zur Mumie ausdörrte oder dem das Schicksal ein Familienkreuz auf den Nacken warf, ihr alle seid eingeladen; schließt euch unserer Karawane an, greift zur leichten Bluse, zum tüchtigen Dornstock und zum bescheidenen Scholarenränzel und folgt frisch und froh dem Führer, der kundig durch die lieben, oft besuchten Gegenden euch voranschreiten und ihre Herrlichkeiten euch zu entdecken versuchen will. Die beste Reisezeit ist im August und September.

Eine kurze, übersichtliche Einleitung halten wir unserer etwaigen fremdländischen Reisegefährten wegen nicht für unnütz und überflüssig, doch soll sie nur andeuten, was an anderen, geeigneteren Orten ausführlicher nachzulesen ist. Strom und Gebirge waren früher die natürlichen Grenzmarken der Völkerschaften. Dort, wo die germanischen Stämme der Cherusker und Katten, der Angrarier und Fosen sich berührten, wo jetzt Preußen und Hannover, Braunschweig und Anhalt-Bernburg zusammenstoßen, erhebt sich als Gebirge von höchst eigentümlichem Charakter und welthistorischer Berühmtheit der Harz mit seinem noch von niemand genügend erklärten Namen. Übertrifft ihn auch das Riesengebirge an Höhe, so darf er sich doch messen mit dem Erzgebirge und dem Thüringer Wald; er zeichnet sich als das nördlichste deutsche Gebirge aus. In einer Länge von etwa zwölf bis vierzehn und einer Breite von vier bis fünf Meilen streckt er sich von West nach Ost, doch nicht nach Art anderer deutscher Gebirge in langgezogenen, aneinandergereihten, sich ähnelnden und verwandten Höhen, sondern als ein frei sich erhebender, scharf umrissener Steinkoloß mit einer imposanten Physiognomie, in freier Hoheit fern ausschauend auf das niedere Land und fernher gesehen und rings umkreist von einem Heer geringerer Hügel, einem Riesenkönig ähnlich, den seine Hofhaltung – erzgerüstete Krieger und bunt geschmückte Diener – umsteht, mit abnehmendem Rang und Glanz, zuletzt an den Pforten des Reichs in zwergige Pagen sich verlierend.

Man teilt unser Gebirge in den Oberharz, den Unterharz und den Vorharz. Der Oberharz ist der Kern des Berges, wo das granitartige Urgestein, die Knochen der Erde, zutage tritt und das metallreiche Ganggebirge gleich Muskeln voll lebendig zuckender Nerven sich an dasselbe anlegt; er bildet mit dem berüchtigten Brocken und seinen sieben Bergstädten den nordwestlichen Teil des Gebirges. Clausthal, Andreasberg und Altenau; Zellerfeld, Lautenthal, Wildemann und Grund; alle unter hannoverscher Herrschaft, letztere vier ehemals gemeinsam Hannover und Braunschweig zugehörig. Hier herrscht ein winterlicheres Klima, rauher weht die Luft, Schnee und Eis liegen hochgehäuft zur Winterszeit und lange Monate hindurch, und der Sommer ist nur kurz, doch seine Gewitter sind desto furchtbarer und gewaltiger. Schon die Waldung – aus hochgewachsenen Tannen und phantastisch sich formenden Fichten bestehend – deutet den nordischen Charakter an, obgleich das Gehölz vielfach von Bruch und Morast unterbrochen wird. Hier wird kein Acker gebaut, nur hie und da trifft man die wohlgepflegte Wiese in geschützten Niederungen, das Magazin für die treffliche Rinderherde, die statt der Streu sich mit Tannennadeln begnügen muß.

Das Volk, das diese Höhen bewohnt, gleicht seiner Heimat; es ist kräftig und rauh, kühn und tätig, unverdrossen und gutmütig, duldsam und mit Geringem zufrieden, stolz auf seine Berge und nur auf ihnen glücklich. Alles, was hier lebt und waltet, gehört dem Bergbau an, sei es als eigentlicher Berg- und Hüttenmann oder als Köhler, Holzschläger und Fuhrknecht.

Der Bergbau ist hier die Seele des Lebens, das Zentrum des Getriebes; tausend Jahre hindurch ringt dieses Völkchen mit Lebensgefahr dem widerstrebenden Erdgeist seine edelsten Schätze ab, um die Paläste trägerer Mitbrüder zu schmücken, anderen Genuß und Reichtum zu verschaffen, und bleibt selbst arm und armselig; die blassen Wangen, die starken, scharfen, kalten Gesichtszüge, die straffen, fettlosen, aber kräftigen Muskelformen erzählen von den Mühseligkeiten seiner arbeitsvollen, entbehrungsreichen Tage, welche nahe grenzen an die jener schwarzen Sklaven in den Plantagen der Gewürzinseln und auf den Diamantfeldern, deren blutiger Schweiß gleichfalls für die Üppigkeit und den Luxus vergeudet wird. Aber im Feuerauge des Harzers leuchtet das Gefühl der Freiheit; freiwillig und mit Lust tut er die Arbeit seiner Väter, vor der der verweichlichte Fremde schaudert, und um seinen üppigen Mund lacht eine sarkastische Fröhlichkeit und spricht von seinem gesunden Herzen und seiner munteren Gemütsart.

An dreißigtausend Menschen leben dort oben in solcher Weise auf einer Grundfläche von dreizehn Quadratmeilen – stolz auf ihren Berghauptmann, den sie auch wohl den Harzkönig nennen, der sie nach eigenen Gesetzen regiert; stolz auf ihre Privilegien, auf ihre scharf geschiedene Lebensweise, auf ihre Freiheit von Steuern und Tribut anderer Art, selbst auf ihre Sprache, die gezogen und volltönend, süddeutschen Dialekten gleich, klingt und vielleicht von ihren aus dem Erzgebirge früher eingewanderten und hergerufenen Vätern stammen mag; doch wird die Begeisterung für manche dieser Vorzüge und Auszeichnungen jetzt allmählich in des Harzers Brust erlöschen müssen, da die hannoversche Ständeversammlung und das neue Staatsgrundgesetz auch unser Bergvölkchen von der Gleichstellung aller Landesbewohner, obgleich mit milder Berücksichtigung, nicht ausschließen durfte.

Ein freundlicheres Klima empfängt den Wanderer, sobald er zum Unterharz herabsteigt, Der Unterharz besteht aus fünf Provinzen: aus den Fürstentümern Blankenburg und Anhalt-Harzgerode, den Grafschaften Stolberg-Stolberg und Stolberg-Wernigerode und dem braunschweigischen Amt Walkenried. Er hat auf einer Grundfläche von 23 geographischen Quadratmeilen sieben Städte und sechzig Dorfschaften und über 30 000 Einwohner. zu dem man alles Gebirge zu zählen pflegt, was dem Brocken östlich liegt, und der aus Ganggebirge und Flözgebirge besteht, von ihm aber als Vorharz Zum Vorharz muß man die am Fuße des Harzes liegenden Orte Goslar, Gittelde, Seesen, Stauffenburg, Osterode, Herzberg, Westerhofen u. a. m. rechnen. Die Bewohner derselben mit zum Harz gezählt, würde die Zahl auf 100 000 erhöhen, die auf einer Grundfläche von 36 Quadratmeilen wohnen. Der Harz ist deshalb übervölkert zu nennen. die äußersten, noch immer hügeligen und bewaldeten Ausläufer und Vorsprünge unterscheidet, durch die das Gebirge allmählich in das flache Land verläuft, gleichsam die Finger und Zehen des Riesen, die er in die Ebene hinausgestreckt hat als Symbol seiner Herrschaft. Gottschalk schlägt in seinem sehr empfehlenswerten Taschenbuch höchst sinnig vor, die Grenze zwischen Ober- und Unterharz nach dem Ablauf der Gewässer zu bestimmen, so daß der Teil, dessen Quellen der Weser zuströmen, zum Oberharz, der Teil, dessen Quellen der Elbe zueilen, zum Unterharz gerechnet würden.

siehe Bildunterschrift

Gegend um Goslar

Hier im Unterharz ist die unerschöpfliche Schatzkammer des Malers und des Poeten; hier finden sich jene an geheimem Zauber und unvergleichlichem Reiz so reichen Plätze, die diesem nordischen Gebirge einen Weltruf erwarben; und ist die Erde hier im Innern weniger mit köstlichen Schätzen gefüllt, so ersetzt sie es im Übermaß durch ihre äußere Herrlichkeit. Die triste Tanne wechselt hier mit dem üppigsten Laubholz; hundertjährige Eichen wölben sich zum luftigen Dom, die schlanken Buchen bilden endlose Schattengänge, und die silberhäutigen Birken bekränzen den Saum des Waldbachs und laden mit den flüsternden Stimmen ihrer leicht beweglichen Blätter zum kühlen Ruheplatz. An den Höhen zieht sich Ackerland in langen, wellenförmigen Bändern hinauf; Schafherden wandern langsam und gedrängt in den begrasten Tälern; Obstgärten kreisen die Dörfer ein, wenn auch später als im Land reife Früchte spendend, und die Bewohner nähern sich in Form und Lebensweise und Beschäftigung den Nachbarn ihres Gebirges, und ihre Sprache schließt sich hier den niedersächsischen, dort den oberdeutschen Dialekten an.

Doch auch hier – wie überall im Harz – empfängt den Fremden altgermanische Gastlichkeit, jene Treuherzigkeit, die den Gast schnell mit dem Wirt befreundet, und beiden das Scheiden verbittert, und mit ihnen verbindet sich ein unerwarteter Hang zur Geselligkeit, der nur in freundlichen, freien, offenen und zufriedenen Herzen erblüht, der früher sich nicht schrecken ließ durch den gefährlichen Felsweg, durch den engen Pfad am Rande der Abgründe, der jetzt durch die neuerdings überall durchgezogenen bequemen Kunststraßen für Pferd und Wagen jeder Art die gewünschte Erleichterung findet und der selbst im tiefsten Winter, wenn der Schnee mannshoch sich häuft und die Tannenwälder, mit ungeheuren Grabtüchern bedeckt, in toter Majestät schaurig daliegen, im Hindernis einen Sporn findet, mit dem weithin klingenden Schellengeläut fliegender Schlitten die öde Wildnis belebt und Ort mit Ort, Freund mit Freund zu fröhlichen Festabenden verknüpft. – Welche Mannigfaltigkeit von Genüssen und Ergötzlichkeiten eine Wanderung durch solche Gegenden für jedes Gemüt, das die notwendige Empfänglichkeit mitbringt, darbietet, läßt sich schon aus dem Gesagten abnehmen. Jeder Geschmack wird nicht leer ausgehen.

Der Freund des Finsteren, Gewaltigen, Tragischen und Erschütternden wird sich plötzlich von himmelansteigenden Zackenfelsen umringt sehen, die auf ihn niederzustürzen drohen, die ihm den Ausgang zauberisch zu verbauen scheinen und aus deren gähnenden Spalten ihn alle jene mißgeformten Spukgestalten anglotzen, die aus den Märchen der Kinderwärterin in seinem Gedächtnis geblieben sind. Er schlürft mit Wollust alle Grauen dieses Geisterkessels ein, erklettert im Rausch des Hexentranks die Spitzen der Masten dieses verwünschten Steinschiffs und schleicht sich mit Zwang losreißend endlich weiter. Aus einem schlichten, einförmigen und einfarbigen Laubhölzchen ermattet eine Höhe hinansteigend, glaubt er jetzt sich plötzlich in ein Reich der Vernichtung versetzt, und der letzte Tag der Erde steht vor seiner Phantasie, wenn er sich am Rande eines erstorbenen, abgenadelten, ausgedörrten Fichtenwaldes findet, dem der verheerende Borkkäfer und der Holzwurm Saft und Mark geraubt haben und der als ein Schatten einstiger Kraft und Hoheit, einem ausgesogenen und entnervten Volk gleich, seine nackten Hungerarme in stummer Verzweiflung zum verschlossenen Himmel streckt. Es ist ein Siechenhaus, ein Kirchhof der Natur, und der erschütterte Wanderer wendet das Auge ab; da fesselt seinen Blick noch höher hinauf ein nicht geringeres Schauerbild. Ein unabsehbarer Wald liegt als Windbruch gestürzt und nach einem Strich niedergeworfen da, gleich einem hingeschlachteten Heer des Völkerkriegs; ein einziger Hauch der Allmacht schuf dieses undurchdringliche Verhack von Riesentannen, die aus dem zerrissenen Boden ihre kolossalen Wurzeln wie trockene Knochen eines Hünengrabes hervorstrecken, und um diesen Schauplatz wüstester Zerstörung, der das sündig-bange Herz an die Grauen des raschen, ungeahnten Todes mahnt, an Abbadonnas, des finsteren Engels, Abruf aus dem Taumel der Weltfreuden, mitten aus dem Trugtraum unverwüstlicher Gesundheit mahnt – um dieses Schauerbild noch furchtbarer zu machen, schnaubt ein ungeheurer schwarzborstiger Keiler drohend mit scharfen, glänzenden Hauern an ihm vorüber, die giftige, graue Wolfsotter hebt sich aus dürrem Moos und zischt ihn an, und ein gieriges Geierpaar kreist gespenstisch rauschend mit weitgespannten Flügeln über seinem Haupt, und der Wolkensegler abgestoßenes, weithin gellendes Gekreisch spricht ihm deutlich die feindliche Absicht aus, den unberufenen Eindringling aus dem usurpierten Korsarenstaat mit echt barbaresker Rücksichtslosigkeit zu vertreiben.

Nicht weniger angesprochen wird sich die mildere Seele finden, welche sich gern von sanfteren und kindlicheren Empfindungen wiegen läßt. Für sie sind jene Täler geschaffen, deren unzählige der Harz umschließt und welche als ersten Gedanken den Ausruf erzeugen: »Hier laßt uns Hütten bauen!«

Ich kenne ein solches Tal, das mir unvergeßlich geblieben ist. Von rauher, kahler Höhe steigt man zu ihm hinunter, durch ein Gehölz von schlanken Buchen und Erlen windet sich der schlangenförmige Fußsteig; überrascht steht man in der kleinen Schlucht auf blumenreichem Teppich wie in dem innersten Hof, in dem heiligen Asyl eines kleinen Tempels, rundum die grünglänzenden Kuppeln von braunen Säulen getragen, hereintretend über den Raum und ihn verdüsternd, und darin zur Rechten nur ein einzelnes braunes, stockwerkhohes Felsstück, kahl und mit grünem Moos in seinen Spalten bekleidet – ähnlich einem hohen Altar, der zu mysteriösen Priesterdiensten ausersehen ist. Und ein silberheller Harzbach stürzte sich herab aus der größten Spalte des dunklen Gesteins, schäumte und perlte unten im runden Blumenbassin und rauschte in schmaler Steinrinne weiter in das Holz; und oben auf dem braunen Stein stand ein einzelner schlanker Fingerhut in purpurroter Blütenpracht, auf ellenhohem Schaft seine Glockenkelche wiegend: eine geweihte, leuchtende Kirchenkerze dieses Heiligtums. Ein gleicher Ausruf freudigen Erstaunens tönte von meinem und des Freundes Mund, und wir lagerten lange an der Stätte und vergaßen die Mühen der Bergfahrt und träumten viele liebe Träume, von denen wie gewöhnlich die wenigsten wahr geworden sind.

Doch auch lebendigere Genüsse mangeln nicht. Dort weidet ein Rudel schlanker Hirsche auf besonntem Plateau; das Jagdhorn des Verfolgers tönt fern im Wald und weckt die Stimme des Echos, aber das Reh mit seinem Kälbchen horcht nicht darauf und genießt ungestört seine Sicherheit, den vielfachen Fluchtwegen und seiner Schnelligkeit vertrauend. Glockengeläute trifft unser Ohr, wir glauben wohlabgestimmte Turmglocken zu hören und meinen auf ein nahes Kirchdorf zu stoßen. Ins Freie treten wir und sind auf kräuterreicher Weide, die grünen Halme reichen fast zum Knie, und bunte, dichtgedrängte Blumenköpfe wiegt der Luftzug über der duftigen Fläche. Es ist ein Viehhof, worauf wir treffen, eine Milchhütte nach Schweizer Art. Starkgehörnte und mächtig große Stiere, volleutrige Kühe und blanke Rinder, jedes die gelbe Glocke am Hals, sind die Musiker, und der Hirt erquickt uns willig mit den wohlschmeckenden Schätzen, die seine Herde ihm liefert.

Auch dem Romantiker bleibt die unerschöpfliche Fundgrube des Berges nicht verschlossen. Es wimmelt von Sagen und Legenden auf dem Harz; fast jede besondere Klippe, jeder Brunnquell, jeder Schlund, jedes Städtchen, jedes Dorf hat seine Historie, welche der Nahewohnende gern und unermüdlich erzählt, findet er nur geduldige Ohren und Zeit bei dem fremden Wandersmann. Auch hier im Norden spricht sich derselbe, mit der bösesten Absicht nicht zu verderbende Geist des deutschen Volks durch diese Sagen aus, die der treffliche Bechstein in den südlicheren Bergen lobend erwähnt. Frommer Glaube, Schutz der Unschuld, Strafe des Frevelmuts, Peinigung des Lasters durch des Gewissens unerbittliche Richterstimme, grausige Vernichtung des Lästerers, Sturz des Ungerechten und Tyrannischen bilden die Grundlagen dieser Harzsagen; doch fehlt es auch nicht an den riesenhaften und komischen Gestalten der Märchenwelt: Zwerge und winzige Gnome hüten das unterirdische Gold, verschenken es nach Laune, necken die faule Magd, vertreiben aus rechtlosem Besitz, und die höllische Jagd saust durch die Mitternächte, der Wilde Mann, nackt, mit dem Tannenzweig gegürtet und die entwurzelte Fichte in der Faust, schreitet auf der Höhe hin und deutet auf die verborgene Silberader, und das Brockengespenst droht aus giftigem Nebel. Überall stößt man auf Trümmer alter Burgen und Schlösser, ehedem Sitze kaiserlicher Günstlinge oder räuberischer Harzgrafen; manche haben ihre welthistorische Bedeutung, an anderen flattert nur das leichte Band einer Romanze, macht sie aber deshalb nicht weniger anziehend und bedeutsam.

Übergehen wir den Naturforscher und den Gelehrten, denen natürlicherweise ein Gebirge wie das unsrige grundlose Quellen der Forschung und Bereicherung darbietet, die aber bei dem Zweck unserer Reise so eigentlich nicht zu uns passen, so haben wir nur noch den lebenslustigen Humoristen zu vertrösten. Auch er wird seine Christgaben auf der großen Tafel nicht vermissen. Das gemütliche »Glück auf!«, das ihn überall empfängt, wird sofort seine geistigen Adern öffnen, und er kann sich nur zusammennehmen, dem derben, naiven Volkswitz gehörig zu begegnen, wenn er ihn einmal mutwillig aufgereizt hat. Mag er es nur sofort versuchen mit der kurzröckigen, frischen Dirne, die auf vollwadigem, blau bestrumpftem Bein, mit dem gefüllten Tragkorb auf den breiten Schultern, Obst und Gemüse zur Bergstadt hinaufträgt und deren braunes, funkelndes Auge unter dem schwarzen, hochgetürmten Kopftuch ihn herausfordert. Mag er sich wagen an das bleichwangige Ehepaar, das, mit dem überhoch getürmten Holzgestell voll kleiner Käfige auf dem Rücken, in denen Hunderte buntgefiederter Singvögel zwitschern, hernieder zu den Städten des flachen Landes schreitet, auch ihm possierlich geschnitzte Holzfiguren oder eiserne Gußwaren feilbietet.

Besonders hüte er sich aber vor der jungen Brut am Wege, die den Reisenden schmeichelnd begleitet, vor den schmutzigen Puchknaben, welche unverdrossen neben der rollenden Karosse fortspringen und geschickt gleich den Seiltänzern der Jahrmärkte Purzelbäume und Kunsträder auf Fersen und Händen schlagen; denn greift er nicht freigebig in die Tasche, wird er eine Flut von wunderlichen Schimpfworten hören, die in keinem Lexikon zu finden sind, und der Schmähruf: »Der Harr Vatter hat Stroh in der Ficke!« wird ihn meilenweit verfolgen und schamrot machen. –

Man kann den Harz von zahllosen Punkten aus besteigen, denn es umkreist ihn kein mächtiger Strom als Wehr und Wächter, und nirgendwo hindert eine steile, abschüssige Klippenwand den Eintritt. Als Schlüssel zu ihm betrachtet man von der Grafschaft Mansfeld aus die Stadt Stolberg, von Hohnstein aus das Städtchen Ilfeld; gegen das Eichsfeld hin ist es Scharzfeld wie gegen Göttingen Herzberg und Osterode, und von Hannover oder Braunschweig aus gilt dafür das Städtchen Seesen. Wir haben den letzteren dieser Zugangspunkte für unsere Wanderung ausersehen, um von dort aus die Innerste zu überschreiten und zuerst der alten Kaiserstadt, unstreitig dem berühmtesten Ort des ganzen Gebirges, unsere Huldigung darzubringen. Nach dieser Ehrfurchtsbezeugung beabsichtigen wir das Ilsetal zu besuchen, den Brocken zu erklimmen und dann, östlich pilgernd, durch den Süden zum Westen kehrend, das Gebirge förmlich zu umkreisen. Auf freier Fahrt, ungezwängt durch geographische oder statistische Rücksichten, wird dieser Reisezug alle Hauptpunkte des Harzes berühren, und von der Kreislinie aus werden wir zum Zentrum Strahlen schießen können, auf welchen Radien wir auch zu den inneren Merkwürdigkeiten des Gebirges gelangen; bis wir zuletzt fast bei demselben nördlichen Punkt, wo wir eintraten, die Zirkelbahn wiederum schließen dürften.

   

Hätten dieses Vorwort vielleicht einige meiner Reisegefährten zu gedehnt gefunden, so möge mir zur Entschuldigung dienen, daß ich dadurch die Möglichkeit bezweckte, spätere Erläuterungen der einzelnen Gegenden nicht durch allgemeine Bemerkungen unterbrechen zu müssen. Hat doch auch dieses einleitende Gespräch schon den Nutzen gehabt, uns schnell und leicht über die erste Station der Reise hinwegzutragen. Wir haben bereits das freundliche Seesen mit seiner interessanten jüdischen Jakobsschule passiert, sahen schon den grauen Vater Brocken vor uns liegen, wanderten über Neuekrug durch schattiges Eichengehölz nach Langelsheim, überschritten die vom Oberharz herabrauschende Innerste und traten in das kühle Tal, das sich lang zwischen freundlichen Höhen hinzieht und das die Sophien- und die Juliushütte mit dem weißen Rauch ihrer Schmelzhütten füllen, und vor unserem Auge erhob sich eine ansehnliche Stadt mit einer ahnfraulichen Matronenphysiognomie, von einem Dutzend Türmen und Türmchen überragt, von umgatterten Gärten eingekreist, mit ihren schwärzlichen Schieferdächern scharf abstechend von den grünen Bergen, die dicht hinter ihr hochauf schwellen und deren kahle Vorhöhen mit den schlichten kleinen Gebäuden des Bergbaus, ihre Gipfel aber mit schlankem, gelichtetem Nadelholz geschmückt, unsere Neugier anlocken.

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