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Wilhelm Blumenhagen: Der Harz - Kapitel 10
Quellenangabe
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authorWilhelm Blumenhagen
titleDer Harz
publisherVerlag Lothar Borowsky
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Die Mittagsseite des Harzes

Wo die Selke ihre südlichste Krümmung macht und auf der Grenze, die das Bernburger Gebiet von der Grafschaft Stolberg scheidet, liegt das Dorf Straßberg, dem Mineralogen bekannt durch sein Silberbergwerk, seinen schönen Flußspat, seine schwarzen Blenden, seine Amethyste und trefflichen Wasserwerke, überhaupt merkwürdig, weil hier der Eisenspat die reicheren Erze überall begleitet und dem Bergmann als Schatzgräber dient. Der Weg von hier nach

Stolberg

ist ermüdend; er geht ständig durch düstere Waldung und läuft über einen Teil des Auerbergs, eine der bedeutendsten Höhen des Unterharzes, dessen finsteres Gehölz trotz der Stolberger Diamanten – klare Bergkristalle, die man in seiner quarzreichen und ehedem goldreichen Porphyrmasse findet – nichts Anlockendes hat, wenn man das liebliche Selketal eben verließ. Mit unseren Empfindungen harmonierte freilich diese einförmige, schweigsame Umgebung in etwas, eigen war uns jedoch die Bemerkung, daß wir ohne Abrede uns alle dichter an den gedrückten Gustav anschlössen und jeder ihm besondere Aufmerksamkeit zu zeigen bemüht war. Verjährte Irrtümer waren von ihm gefallen, er hatte sich selbst wiedergefunden, aber es hatte ihn viel gekostet. Wie ein Genesener, dessen kaum verharschte Wunden die zarteste Schonung erfordern, wurde der Freund beachtet und gehätschelt. –

siehe Bildunterschrift

Stolberg

Fast erschreckt tritt man unerwartet in das Städtchen Stolberg gerade aus dem schon langweilig gewordenen Buchendunkel hinein – ein trister, armseliger Ort, eingeklemmt in die hohen Berge, von seinem weißen Schloß beherrscht, das wachsam in die drei Spalten herabblickt, in die zweitausend Menschen, meistens Leinenweber und Kornhändler, ihre Nester zusammengequetscht haben. Das Schloß gibt ein hübsches Landschaftsbild mit seinem runden Turm und ist geräumiger als das Wernigeroder Schloß. Die Grafen von Stolberg-Stolberg residieren auf dieser Höhe. Es soll eine artige Bildergalerie, eine Sammlung seltener Uhren, viele Familienporträts und alte, kunstvolle Stickereien enthalten und auch ein hier ausgegrabenes Erzbild des Götzen Krodo umschließen. Wir bestiegen es wegen der Anwesenheit der Herrschaft nicht, begnügten uns damit, die sogenannten Stolberger Lerchen, auf die wir unseren Moritz, einen geborenen Leipziger, lüstern gemacht hatten und die sich zu seinem Erstaunen als kleine, wohlschmeckende Würstchen präsentierten, und das vortreffliche Felsenwasser des Klingelbrunnens am Waisenhaus zu kosten, begafften das alte Haus, wo der berüchtigte Thomas Münzer Sein Vater soll zu Stolberg hingerichtet worden sein; vielleicht daher der Keim seines Hasses gegen Fürsten, Adel und Klöster. Er wurde Prediger zu Zwickau, Wiedertäufer, Bauerngeneral, und die Fürsten ließen ihn nach der verlorenen Schlacht bei Frankenhausen 1525 zu Mühlhausen enthaupten. geboren wurde, und zogen auf unserer Straße fürbaß.

Die Stolberger rühmten den Tannengarten, ein gräfliches Jagdschloß jenseits des Auerbergs mit eigentümlichen Anlagen, indem man den dichten Buchenwald mit Tannenalleen durchschnitten und diese durch Lusthäuser geziert hat. Aber höchlichst verwunderte sich jedermann, daß wir nahe der Josephshöhe im Auerberg vorbeimarschiert waren, ohne diese so neu erschaffene wie entzückende Anlage zu besichtigen. Nachdem man uns die kleine, mehr perorierende als genügend beschriebende Druckschrift über diesen Glanzpunkt nebst Abbildung des Platzes (vom Stadtprediger Schüler zu Stolberg) vorgelegt hatte, bedauerten wir in Wahrheit, daß wir durch kein Taschenbuch auf denselben hingeleitet wurden und daß uns der anweisende Guide gefehlt hatte. Durch jahrelange Anstrengung hat es der regierende Graf vermocht, auch seinem düsteren Stolberg einen lichteren Freudenplatz er erschaffen, einen Anlockungsort für die Reisenden, gleich der Viktorshöhe und dem Stubenberg.

Hoch auf dem finsteren Auerberg – der seinen Namen sicherlich dem altgermanischen Ur oder Auerochsen verdankt – wurde durch Sprengung des weißlichen Porphyrfelsens und durch Ausrodung zahlloser Waldbäume ein freies Plateau geschaffen und dieses durch einen so originellen wie geschmackvollen Turmbau geschmückt. Ein kühnes und großartiges Werk! – Auf einem fünfstufigen Fundament, das mit einem starken und kunstreichen Eisengatter umstellt ist, erhebt sich über einer mit Türen und Fenstern versehenen Steinhalle ein übergroßes, vom stärksten Balkenwerk gänzlich durchbrochen gearbeitetes, innen wie außen besteigbares Kreuz, vielleicht das kolossalste Nachbild dieses heiligen Zeichens. Das Symbol des Glaubens steht hier an keinem weihelosen Ort, denn schon seit langem war es ein lobenswerter Gebrauch der Stolberger, in der Frühe des Pfingstmorgens hierher zu wallfahrten und im jung belaubten Holz das Maienfest mit frommen Gesängen zu beginnen. Das Rondell, welches das Kunstwerk umgibt, ist mit zwei netten Häusern besetzt, und in dem Kranz hoher Buchen verstecken sich einige Mooshütten, um sich von den Freunden der Einsamkeit suchen zu lassen.

Der Platz hat etwas Kirchliches; die Errichtung der vielen Kreuze am Harz möchte aber fast zu der Idee verleiten, es herrsche hier noch viel vom alten Wahn, der solche Schutzzeichen für nötig hielt. Im Überfluß ist man dann freilich gesichert, daß jenes alte Teufelsreich nicht wiederkehre, denn die Wege zum Brockenthron sind ihm so ziemlich durch mächtige Drudenfüße versperrt. Ernsthaft genommen stehen diese Kreuze jedoch am Harzgebirge zwischen den Trümmern der Zwingburgen, den Götzensteinen und Blutaltären am geeigneten Platz; sie künden den Sieg der Liebe über jene haßkeuchende Wildheit.

Die Aussicht auf der Josephshöhe ist sehr schön und reicht weit. Man sieht östlich den Magdeburger Dom, die Fluren der Elbe und der Saale, die Türme von Halle. Südlich, wohinaus die Durchsicht besonders gelichtet ist, erscheint das Labyrinth des Thüringer Waldes mit seinem köstlichen Vordergrund; freilich nähert sich diese Form nur dem Falkenauge oder muß durch ein gutes Sehrohr herangelockt werden. Das jährliche Wiesenfest der Stolberger wird jetzt ebenfalls auf diesem Lieblingsfleck begangen und hatte erst vor kurzem, Ende Juli, stattgefunden. Graf Joseph teilte diese Feier und erschien mit seiner Familie und seinen Gästen in Staatsequipagen auf der Höhe, wo ein großes Zelt für die edle Gesellschaft bereitstand. Die Kanonen von Stolberg donnerten über den Wald hinaus; militärische Jägermusik weckte die Baum- und Bergnymphen und lockte die schüchternen Oreaden und Dryaden zum Tanz, und die Stolberger Schützen schössen um die silberne Königskette.

Wir hatten wahrlich Mühe, der Versuchung zu widerstehen und den Rückmarsch von mehr als einer Stunde aufzugeben. Das bedrückte Gemüt panzerte die Schaulustigen wohl am stärksten gegen die wohlwollenden Überredungskünste.

Der Bergbau dieser Gegend geht auf Eisen und Kupfer, auch ist eine Messinghütte in der Nähe. Zwei südwestlich von Stolberg liegende Dörfer, Schwenda und Wolfsberg, sind anzuführen: letzteres, weil es die einzige und sehr ergiebige Spießglanzgrube des nördlichen Deutschland besitzt, die auch den selteneren Zinkenit und den Rosenit spendet, und ersteres, weil in seinem engen Krummschlachttal allein am Harz der echte Fluß in dem sogenannten Flußschacht gefunden wird.

Auch Stolberg hat, so wüst und fast unfreundlich es liegt, sein Tal, sein kleines Eden. Gerade hinab gen Süden scheint das schmale Tal der Tyra (ein Bach, aus einem Netz von kleineren Bächen gebildet) einen Ausfallsweg vom Harz ins Freie zu bilden, zwischen dessen vollbelaubten Bergwänden im smaragdenen Wiesenbett das Strömchen sich hinschlängelt; aber von Westen her schiebt sich ein anderer Bergrücken vor und deckt den Laufgraben da, wo das gräßliche Landhaus Rottleberode erbaut wurde, um der edlen Familie in der Nähe ihres Stammhauses, der Burg Stolberg, deren Ruinen ein tiefer Graben noch immer treulich beschirmt und die auf dem Rand des erwähnten Querbergs liegen, einen Sommeraufenthalt zu sichern. Ein großer Erdfall, der zum Teich geworden ist, eine Kalkhöhle, die Heimkehle genannt, die über einem Wasserbecken ein hie und da durchbrochenes Gewölbe bildet, der Kräuselberg, in dessen Kalksteinbrüchen man Mammutknochen fand, und die alten Kupfergruben im Kupferschieferflöz, das der Kräusel umgibt, gelten als Merkwürdigkeiten dieser Gegend; die Stolberger müssen uns jedoch verzeihen, daß wir auch diesen Seitenmarsch fürchteten und von unserer trüben Stimmung angespornt auf dem Waldweg weiterpilgerten.

Und nichts als Wald und immer wieder Wald, rundum, neben und über uns nichts als Bäume und wieder Bäume, stundenlang kein Zeichen von menschlicher Nähe, bergauf, bergab über steile Höhen, die ein mürrischer, maulfauler Junge, der an uns vorüberging, mit ansprechender Benennung die Himmelssteigen nannte, das machte den Marsch immer beschwerlicher, zwang uns zur Lagerung am klaren Bach und ließ uns das defekte Fußwerk, das wir bislang wenig beachtet hatten, mit Sorge und Mißmut betrachten.

Da lichtete sich auf der Höhe plötzlich der Wald, als hätte eine Zauberhand die Buschwand niedergeworfen, stumm in froher Bestürzung sahen wir in die Helle; es war wie ein Blick in das Gelobte Land; wir standen neben dem Jagdhaus Eichenforst, und vom flimmernden Strahlennetz der Abendsonne umzogen lag die Goldene Aue vor uns weit ausgebreitet da. Wer sie zuerst so sah, diese prachtvolle Flur, wie wir, der konnte ihr keinen anderen Namen geben; es ist die seltenste, reichste, farbigste Landschaft dieses Erdflecks, ihr Charakter, ihre Natur ganz verschieden von den gesehenen östlichen Gegenden, alles warm, südlich, das Herz aufschließend, den verdüsterten Geist weckend, belebend; wir konnten uns nicht losreißen aus dem Bann, mit dem der erste Blick unsere Sinne gefesselt hatte.

Nordhausen und der Kyffhäuser blieben die hellen Punkte, an die sich unsere besondere Teilnahme hing; Nordhausen, des kaiserlichen Finklers Stadt; Freimaurerbrüder stellten ihre Bauhütte auf das Fundament des kaiserlichen Palastes, wo einst die mutige Mathildis Deutschland bevormundete, und treiben dort unverdrossen und ohne Furcht und Hoffnung ihr Werk, das nie zu Ende kommt, weil es, seinem Zweck nach, nie zu Ende kommen kann; Nordhausen, wo Heinrich IV. 1047 seines Thrones entsetzt wurde, wo Otto IV. der Braunschweiger die schwäbische Beatrix ehelichte, die nur drei Tage Frau und Kaiserin war und wahrscheinlich gleich ihrem Vater keines natürlichen Todes starb; und Kyffhausen mit seinem majestätischen Tor und seinen ehrwürdigen Ruinen, in deren tiefstem Gewölbe der alte Rotbart sitzt am runden Tisch, der kriegerische Friedrich, der Verderber der braunschweigischen Fürstengröße und Herrlichkeit, und schläft – den Kopf gestützt, indes sein Bart den ganzen Tisch umwächst – und auf eine bessere Zeit wartet, in der er seinen Schild an die vertrocknete deutsche Eiche hängen möchte, damit sie wieder grüne in alter Macht und Pracht; und alle hundert Jahre einmal erwacht er und fragt: »Ob die Raben noch fliegen um Berg und Burg?« – Der Verlust der Josephshöhe war ersetzt.

Fest hielten uns die weichen Moosbänke, umgeben von dem englischen Garten, den Menschenhand der ungebändigten Natur abgetrotzt hat; fest hielt das Auge die Aue mit ihren Matten und Feldern voll rühriger Schnitter, mit ihrem Gewimmel friedlicher Dörfer; mit Überwindung nur konnten wir uns trennen von dem Platz und riefen: »Die Erde ist doch schön, deine Erde, Unnennbarer und Einziger!« –

Der tiefere Sonnenstand mahnte; wir stiegen erquickt und neu erfrischt weiter, und des Waldes Dunkel schien uns jetzt anmutiger, auch durchschnitten große Wiesenplätze seine Dichte; fleißige Landleute, die ihr Heu einbrachten, gaben ihm geselliges Leben, und wir hörten ihre Grüße mit Wohlgefallen und beschenkten gern die Kinder, die mit Furcht auf den runden Wangen dem ländlichen Brauch gemäß mit schwachen Ketten von Feldblumen den Fußpfad abzusperren wagten. Der Mensch ist nirgends zum Eremiten geboren; in der Fremde fühlt man den verborgenen Magnet am stärksten, der überall den Menschen zum Menschen zieht. –

Doch die Nacht kam, ehe wir's erwartet hatten; die Schatten breiteten sich wie große Geisterfittiche immer weiter aus; unvorsichtig hatten wir keinen Führer aufgerufen; Kreuzwege stellten uns Schlingen, Baumwurzeln legten uns Fallen; kein Laut verriet den Horchenden die Nähe lebendiger Wesen; wir folgten diesem Weg, jetzt jenem, doch wenn er sich nach einer falschen Himmelsgegend zu krümmen schien oder im hohen Farnkraut oder gar an einem Sumpf sich verlor, irrten wir auf ihm ratlos zurück; ein kühles Nachtquartier in unwirtlicher Wildnis schien uns bestimmt, und mit unlustigen Mienen ergaben wir uns schon darein.

Gustav hatte sich bereits mit Hingebung in das hohe tauige Waldgras gebettet. »Was ist's weiter als ein geringes Ungemach«, sprach er zu mir, »mit denen das Leben durchsät ist, und Reisen und Leben klingt gleichbedeutend. Die Morgenkühle wird in Kopf und Brust das heiß strömende Blut abkühlen und sein Anstürmen besänftigen. Mir besonders scheint es, als wenn eine neue Lebenskraft im Innern wach geworden sei, in Adern, Fleisch und Sehnen; auch fürchte ich keine Nacht mehr, und schüttelten auch Stürme diese Gipfel über uns und bräche auch ihr mächtiges Astgeflecht, das unser Dach werden soll. Die Gespenster sind alle von mir gewichen. Denn: Nicht wahr, William, konnte der Ohm mich fast vergebend und schuldlos betrachten, so wird sie, die Milde, Zarte, nicht härter sein, wird nicht mehr hassen, mich nicht mehr verachten. Und der Ohm hat sicherlich den Brief eingesteckt, damit sie ihn lesen möge. Zu hoffen ist nichts dabei, aber es ist mir, als sei dadurch ein geheimes, geistiges Band wiederum zwischen uns geknüpft, so wie ein geknickter Blütenzweig von der Binde des Gärtners gehalten wird, damit er nicht ganz bricht, wenn auch die geknickte Stelle nimmer wieder gesund wird.«

Seine Stimme klang wehmütig durch die Nacht, und seine Entsagung rührte mich tief; ich neigte mich zu ihm, doch meinen Zuspruch störten die jubilierenden Gefährten. Theodor hatte mit scharfem Auge jenseits einer Schlucht auf nahem Hügel einen morschen Wegweiser entdeckt und auf seinem hölzernen Arm »Nach Neustadt« entziffert. Ungesäumt brachen wir auf, und mit Verwunderung wurde die nächtliche Rotte angestarrt, als sie in die kleine Hauptstadt des stolbergischen Anteils der Grafschaft Hohenstein einzog, den der Grafenstamm unter hannoverscher Hoheit besitzt, indes die zweite Hälfte des Ländchens unmittelbares Königsland geblieben ist. Vor der Rats- oder Amtsschenke machten wir halt; Entbehrung ist des Genusses Würze, und die ewige Weisheit hing an dieses Mittel das Glück der Bettler; nicht viel mehr als das gewöhnlichste Gasthaus und zum Logieren kaum gerüstet, hatte dieses Asyl heute für uns den Wert eines Wiener Hotels mit springenden Marqueurs und duftendem Kochherd.

Dir muß ich hier ein Denkmal setzen, selbst auf die Gefahr hin, verlacht zu werden, dir, du treuherzige Baucis, welche die Söhne der Fremde so gefällig aufnahm in dein Haus, wo Eintracht und Genügsamkeit als Hausgötter am Herd herrschten; dir, ehrliches Mütterchen, das so emsig für unsere Erquickung und Bequemlichkeit Sorge trug, das sich die Mühe der nächtlichen Wege nicht nehmen ließ, um durch die Nachbarn unsere leidende Garderobe herstellen zu lassen, und am anderen Morgen betrübt auf die garstigen Handwerker schalt, die, der Wandersleute Not ausnutzend, nach seiner Meinung die Preise zu hoch gestellt hatten. Mütterchen, dachtest du vielleicht an deine Söhne, die als fechtende Gesellen draußen im fernen, unwirtlichen Land umherziehen, und drängte es dich, an uns zu üben, was du gern für die Deinen getan hättest? Der Himmel erfülle deine Gebete, lasse sie nirgends umsonst klopfen an nächtlicher Pforte und lasse sie viele Frauen finden voller Herzlichkeit und Wohlwollen wie die eigene Mutter!

Und ihr, Spötter des verloren geglaubten Deutschtums, sucht es nicht oben, sucht es tief unten im Volk; dort lebt es noch, und rühmlicher, weil es in den Lagunen des Lasters und der Gemeinheit noch nicht vermodert ist.

Die Miniaturhauptstadt prunkt am Rathaus mit einem zehnfüßigen Roland, dem altgermanischen Sinnbild der Gerichtsbarkeit über Leben und Tod; aber der Neustädter Roland hält gnadenreich sein Schwert in der Scheide, indes der Nordhausener es nackt in der Rechten trägt. Neustadt unter dem Hohenstein heißt sie nach der zerfallenen Burg, die dicht über dem Ort auf einem Porphyrkubus in gewaltigen, ausgedehnten Trümmern liegt, so daß man einen Führer bedarf, um sich in dem mit Busch durchwachsenen Mauerwerk nicht zu verirren, zwischen dem man auch die niedlichen, schlanken Stämmchen der Kornelkirsche antrifft. Graf Kurt von Sangerhausen erbaute die Feste im 11. Jahrhundert, sie wurde Stammhaus der Hohensteiner, kam durch Kauf an Stolberg und wurde im Dreißigjährigen Krieg von dem kursächsischen Obristen Vitzthum von Eckstädt in Ruinen verwandelt. Auch hier ist die Aussicht in die Goldene Aue köstlich, und die weißen Alabasterfelsen, die von der Aue her am Krebsbach hinauf bis zum Hochgebirge streichen, geben der Gegend eine eigene lachende Physiognomie; das Anlegen des älteren Flözgebirges an das Übergangsgebirge läßt sich hier deutlich beobachten. Nur eine Stunde von da trafen wir auf das berühmte

Ilfeld,

freilich nur ein hannoverscher Flecken, kleiner noch als Neustadt, aber wichtig durch sein Pädagogium, das mit den besten sächsischen Fürstenschulen wetteifern darf und worin mancher hochberühmte Deutsche seine Vorstudien gemacht hat.

siehe Bildunterschrift

Ilfeld

Dicht neben Ilfeld lag einst die Ilburg, jetzt nur ein Steinhaufen, von Ruhebänken umgeben, und auf ihr saß Graf Ilger von Hohenstein, der zum alten Geschlecht derer von Bielstein gehörte. Aber Blutschuld lastete auf dem Burgherrn, denn er hatte einen Totschlag begangen an Ritter Konrad von Beichlingen, einem Sohn des Bayernherzogs Otto von Nordheim, und zur Sühne stiftete er eine Ewige Lampe. In der klippenreichen Schlucht, oft vom dicht zusammengeschobenen Waldberg verengt, durch den die Bäre in schäumendem Wellensturz sich in das Freie drängt und die kahle Wand des Rabensteins bespült und wo die schwindelerregende Klippe des Gänsekopfs droht, brannte die geweihte Lampe in einer Felsnische; Hirten und Holzfäller beteten bei ihr, und gottesfürchtige Männer siedelten sich an neben der heiligen Stätte. Als im Jahre Christi 1178 Ilgers Sohn von Heinrich Leo die Grafschaft Hohenstein zu Lehen empfing, mußte er dafür auf dem Platz der Ewigen Lampe ein Marienkloster erbauen und dasselbe mit der Ilburg und deren Gebieten dotieren. Havemanns »Geschichte der Lande Braunschweig und Lüneburg«, S. 144. So entstand Ilfeld, ein Mönchskloster, 1550 vom eigenen Abte reformiert und in eine Schule verwandelt. Die Trefflichkeit der Anstalt, in der neun Lehrer unter dem Direktor unterrichten und in die acht Freischüler von Hannover und acht von Stolberg gesetzt werden dürfen, ist allgemein bekannt und anerkannt. In der Klosterkirche finden sich die Steinbilder des Grafen Ilger und der Gräfin Lutrudis, auch ein bemaltes Steinbild, das den ersten Rektor der Anstalt, Neander, darstellt.

Zwei bedeutende Braunsteingruben liegen in der Nähe des Platzes, auf dem auch hier eine völlig versunkene Harzburg gedroht haben soll; der Ilburg gegenüber arbeitet am kreideweißen Ufer die Johannishütte, ein Eisenwerk. Bunte Mandelsteine, Amethystkugeln, Achate lagern hier zuhauf, der reinste Alabaster – darum auch galanterweise der »schöne Mädchenstein« genannt – ist ein Schatz dieser Gegend, und der zarte, seltene Chiastolith fand sich im Porphyr verstreut. Im Kupferschiefer bei Wiegersdorf kommen Fischabdrücke vor, und 1803 wurde hier ein vollständiges Mammutskelett ausgegraben.

Auf der Heerstraße hinter dem Ort gerieten wir mitten in eine lebhafte Volksszene, die bösartiger Natur schien, und säumten nicht, mit Wort und Tat einem einzelnen beizustehen, der von der Mehrzahl mißhandelt schien. Mehrere mit Leinwand überwölbte und mit langen Zügen mutiger Hengste Pferd an Pferd bespannte Wagen hielten auf der Chaussee. Die Führer in ihren blauen Staubhemden aber waren unter boshaftem Geschrei und spöttischem Gelächter um einen Felsblock von seltsamer Gestalt beschäftigt, den sie zum Marterblock eines ihrer Kameraden ausersehen hatten. Der weiße Stein glich beinahe einer auf die Spitze gestellten Triangel und hatte in der Mitte eine enge Spalte; in ihr steckte der muskulöse und wohlbeleibte Bursche, und die übrigen mühten sich, mit ihren groben, safrangelben Zigeunerhänden den Eingeklemmten und laut Ächzenden hindurchzuspedieren. Es gelang – der Bursche stand auf den Beinen, aber die Kleidung hing zerfetzt, und die Schultern waren geschunden, doch lächelte der junge Mensch sauersüß.

Ein alter Fuhrmann klärte uns über die Sache auf. Der Stein hieß das »Ilfelder Nadelöhr«, und jeder Kärrner, der zum ersten Mal diese Straße von Nordhausen herauf passiert, muß sich dem Durchkriechen unterwerfen. Es war also eine Art Neptunstaufe am Äquator auf dem Land gewesen, und dieses Nadelöhr, den Mageren Freund, den Wohlbeleibten Feind, mochte schon manchem Dorfschneider Arbeit gegeben haben.

»Die Geschichte wäre für unseren Fränzel ein Gaudium gewesen«, bemerkte unser Musikus, erschrak aber und brach ab, als er die Wolken sah, die diese Erinnerung auf alle Gesichter legte.

Im südlichen Vorharz sind Erdfälle und größere oder kleinere Höhlen in Menge anzutreffen; berühmt und berüchtigt zugleich war unter ihnen die Kelle, die wir auf dem Weg nach Ellrich neben dem Dorf Werna berührten. Berühmt war diese Grotte durch ihre enormen Dimensionen. In einem angenehmen Hölzchen voll kleinerer Erdfälle trifft man, nachdem man eine Anhöhe umgangen hat, auf eine glatte, weiße Felswand, an deren Fuß eine weite Öffnung wie der Rachen eines gähnenden Ungeheuers sich auftut. Früher durfte man an der schrägen Fläche dieses Schlundes hinabgleiten und fand ein ungeheures, regelmäßiges Gewölbe von schneeweißen, glänzenden Gipsfelsen, in der Tiefe durch einen eisig kalten, 40 Fuß tiefen kristallhellen See gefüllt, der so klar ist, daß die Füße sein Wasser berührten, ehe das Auge es wahrgenommen hatte. Das Wasser ist so kalt und zugleich ätzend, daß Frösche und Fische darin umkommen. Der Dichter Goeckingk, Bürgers Freund, einst Kanzleidirektor zu Ellrich und Besitzer eines geschmackvollen Landhauses im nahen Wülferode, besang diese Grotte als seinen Lieblingsplatz in seinen Romanzen, verglich sie mit dem fürchterlichen Orkus und ließ sie in poetischer Spielerei mit hölzernen Bildwerken – dem Fährmann Charon und Gruppen aus dem Tartarus – ausschmücken. Berüchtigt war sie durch den Wahn, sie fordere jährlich ein Menschenopfer, weshalb die nahe wohnenden Mönche und Priester zu ihr von Zeit zu Zeit im zahlreichen Geleit der Umwohner fromme Prozessionen veranstalteten, Messen lasen und Geldopfer einsammelten, wodurch die Teilnehmer sich gesichert glaubten und das Sprüchlein seinen Ursprung fand: »Kommt und guckt in die Kelle, so kommt ihr nicht in die Hölle!« – Der Wahn hat sich zwar mit den Mönchen verloren, aber vor etwa dreißig Jahren erprobte sich dennoch die alte Verführungskraft der unterirdischen Berggeister durch den rätselhaften Selbstmord zweier Zimmergesellen, die die Kelle zu ihrem Sterbebett erwählten. Mit ihrer Berühmtheit geht es ebenfalls zu Ende; das mürbe, feuchte Gestein vernichtet selbst, was es gebildet hat, seit einigen Jahren ist ihr Gewölbe bereits so zusammengestürzt, daß sie unansehnlich und ungangbar geworden ist.

Ellrich, das preußische Grenzstädtchen, das seit dem November 1830 einen historischen Ruf bekommen hat, weil der von seinem Volk vertriebene Herzog Karl von Braunschweig in ihm sein Hauptquartier aufgeschlagen hat, um von hier mit einem Heerhaufen zusammengelaufenen Gesindels sein Herzogtum wiederzugewinnen, vor den anrückenden Forstmännern und ihren fern treffenden Büchsen jedoch nicht standhielt; Ellrich ließen wir unbeachtet und folgten dem Fußsteig nach Walkenried. Die Wanderung durch diese Gegend ist höchst unterhaltend durch die Anmut der Umgebung und den Wechsel der Gegenstände.

Am Abhang eines belaubten Hügels erheben sich die Reste des Klosters Walkenried, und mit Erstaunen betrachtet man diese Zeugen der Herrlichkeit deutscher Baukunst und muß der Stimme früherer Beschreiber Recht geben, die sie unvergleichlich nennen, und verwünscht mit ihnen die barbarischen Fäuste, die im Bauernkrieg dieses Meisterwerk anzutasten wagten. Seinen Ursprung verdankt es einer Gräfin von Klettenberg, 1127; Benediktiner bewohnten es, und die Kaiser beschenkten es freigebig. Achtzig Jahre baute deutscher Kunstfleiß an diesem Prachtbau, und seine Kirche galt als die schönste im ganzen Reich. Daß sie zu den ansehnlichsten gehörte, bezeugen die Schwibbögen, Pilaren und Wände, die noch von ihr stehen, bezeugen die vielen Kirchen, Hospitäler und Landhäuser, die von ihren trefflichen Quadern in der Nachbarschaft erbaut worden sind, die man selbst bis Kassel verfahren hat. Schade ist es, daß die zu dicht an die majestätische Ruine gelegten Häuser des Fleckens gleichen Namens den Überblick verkümmern lassen. Eine Halle wird noch jetzt als Kirche benutzt. In den düsteren Kreuzgängen sind zahllose alte Monumente zu beschauen, Schätze für den Antiquar, und über ihnen die Folterkammer wie auch ein kleines Gemach, die »Lutherfalle« getauft, in dem eine Falltür dem kühnen Reformator, wie man sagt, Unheil bereiten sollte, dem von Gott Beschirmten aber durch einen voranlaufenden Hund verraten wurde. Der Cantor loci fand in diesem Verlies scharfe Fußeisen und vermoderte Knochen.

Vom Klostertor lockt ein lachender Holzweg gerade in das schmale und tiefe Tal der brausenden Zorge hinein, und der anderthalbstündige Marsch bis zu dem braunschweigischen langgedehnten Dorf, das mit dem Flüßchen seinen Namen teilt, lohnt sich.

Wir haben uns wiederum dem Fuß des Hochgebirges genähert, die schönen Tannenwände, die sich an den Wiesenplatten des Tals aufstellten, künden es; wir stehen auf blankenburgischem Territorium, dieser seltsam geformten Landschaft, die, einem fabelhaften Drachenbild ähnlich, das Ende des stumpfen Leibes bis nach Wernigerode hinauf krümmt, mit dem gehobenen Schnabel bei Oberbrück den Brocken berührt und mit der Fußkralle das preußische Ellrich umkneift.

Zorge hat ein ansehnliches Eisenhüttenwerk, den Donner seines Eisenhammers hört man weithin; eine Drahthütte ist auch vorhanden, und aus seiner Gießerei ging der 70 Fuß hohe Obelisk hervor, der zu Braunschweig den beiden Herzögen, die in den Napoleonischen Kriegen den Soldatentod starben, errichtet wurde. Auch trifft man hier eine Maschinenwerkstatt von Ruf, die Dampfmaschinen und Buchdruckerpressen liefert. Die Kirche hat keinen Turm, sondern die Glocken hängen in einem Häuschen hoch am Berg. Zorge ist von Eisengruben umringt, die den übrigen am Unterharz gleichkommen, nur sind sie bei weitem tiefer, und ihr Bau ist neuerdings sehr vervollkommnet; der schimmernde Blutstein und der traubengleiche Glaskopf brechen sich hier in ausgezeichneter Güte; häufig kommt der graue Katzenstein oder Stinkstein vor; Kupfererze liegen nur in kleinen Nestern.

Fast des Besuches noch würdiger ist jedoch das Dorf Hohegeiß, nicht weit über Zorge lang hingestreckt auf der kahlen Fläche eines der höchsten Berge des Unterharzes, den man schon vom Brocken aus erblickt, der mit dem vollen, winterlichen Klima des Oberharzes beschenkt ist und dessen tannenbekränzten Fuß deshalb die tiefer Wohnenden den Hohen Harz zu nennen pflegen. Steil fällt er ab zum Zorgetal, und wenn er im langen Winter mit Schnee bedeckt ist, mag er wohl einem langbehaarten Ziegenrücken ähnlich sehen. Ein solch betäubendes Gelärm, wie diesen Fleck füllt, möchte kaum auf Erden zum zweiten Mal zu treffen sein; siebzig Schmiedewerkstätten hämmern, dreißig Böttcher rühren die flinken Schlegel, die Singvögel sind geflüchtet, das Wild wagt sich nirgends heran, es wäre dieser Platz das trefflichste Botany-Bay für alle Schwätzer und Klätscher, generis feminini et masculini, um die Zungen dieser moralischen Meuchler lahmzulegen. Die Arbeit hält gesund; lauter frische Gesichter schauten aus den von Ruß gefärbten, mit vertrocknetem Moos bedeckten Holzhütten.

In der Nähe von Zorge stand auch einst eine Staufenburg, die nicht zu verwechseln ist mit der gleichnamigen an der Westseite des Harzes. Die hiesige war ein Raubschloß, das aber erst im Dreißigjährigen Krieg vom Schwedenheer zerstört worden ist. Grimm erzählt eine Sage von einem verzauberten Fräulein, das noch am tiefen Burggraben wandere und schöne Lieder singe; auch von einer Fußstapfe, die ihrem Lieblingsplatz eingedrückt sei. Das Volk an den Bergen wußte aber nichts mehr von der Pantoffelspur und von der nächtlichen goldhaarigen Sängerin. –

Unserem Reiseplan gemäß drangen wir nicht tiefer in das Hochgebirge, sondern eilten durch das Zorgetal zurück. Bei dem Herabsteigen erkennt man erst, wie ansehnlich dieses Hohegeiß ist. Gleich einer schwarzen Stadt mit hohen Turmspitzen liegt der Tannenwald drunten, und zur Rechten gähnen Untiefen und grauenvolle Abgründe mehr als nötig, um den Bewohner der platten, gefahrlosen Ebene Fieberschauer über den Rücken zu jagen. Die Zorge, von vielen kleinen Bächen gefüttert, sahen wir nochmals gern, wie sie sich durch ihr schmales Bett drängt, hier eine weiße Klippe überschäumt, dort an einem hindernden Mühlwehr sich zürnend aufstemmt, jetzt in viele kleine Arme wie zum Spiel sich verteilt, dort wiederum in einen mächtigen Wasserstrahl vereint, dessen Brausen weithin gehört wird. Im Frühjahr soll das Flüßchen oft sehr bösartig anschwellen und Brücken und Wehre gewaltsam zerstören – eine Eigenschaft, die den kleinsten Gebirgsbächen eigen ist und um die sich die Anwohner eben nicht zu kümmern scheinen; baut doch auch der italienische Landmann am Fuß des tückischen Vesuv die vor kurzem vom Feuerstrom zerstörte Hütte wiederum auf. Es ist das der Zug der schönen Pietät des Menschen, der sich nicht von dem Fleck, wo seine Wiege stand und die Gräber seiner Alten liegen, zu trennen vermag. Mißfarbig und abstoßend stehen dieser Pietät die zahllosen Auswanderungen der neuesten Zeit gegenüber und sprechen eben nicht für die Veredelung des deutschen Charakters.

Auf der Straße von Ellrich weiter nach Westen rechts wird das Auge gefesselt durch den

Sachsenstein,

eine hohe, ausgedehnte Gipswand, deren blendend weiße Farbe in der grünen Landschaft eine ganz besondere Wirkung macht. Wohl geeignet scheint der Platz zu den Volksversammlungen der langumlockten Sassen gewesen zu sein, wo sie hinter ihren mannshohen Schilden lehnten und mit den baumhohen Lanzen und den langen Messern Krieg hinabdräuten zu den zagenden Thüringern. Wir passierten das preußische Städtchen Sachsa, bei dem der Ring des alten Sandsteins endet, der den südöstlichen Harz umlegt, und traten dann bei dem Dörfchen Staina, von dem linkerseits der Römerstein, eine schroffe und steile Klippe von blasigem Flözkalk, stolz wie sein Name ins Land schaut, über die Grenze des Fürstentums Grubenhagen, und begrüßten althannoversche Erde.

siehe Bildunterschrift

Der Sachsenstein

Zwei Plätze fordern in diesem Abschnitt noch umständliche Erwähnung: es sind dies der Bergort Lauterberg und Schloß und Flecken Herzberg.

Von Bartolfelde läuft eine Straße rechts ab über ein Wässerchen und einen Berg und führt zum Bett der Oder, dem Kind des Brockens und einem für den edleren Bergbau bedeutenden Harzflüßchen. Am Eingang der Talschlucht, die dieses Flusses Namen trägt, stößt man auf den Flecken Lauterberg, eigentlich wohl Lutterberg, dessen Häuserreihen sich auf eine halbe Stunde Weges lang im Tal hinaufziehen und an 3000 Menschen beherbergen, deren Mehrzahl durch Bergbau und Hüttenarbeit ihren bescheidenen Lebensunterhalt gewinnt. Zuerst erscheint die Königshütte, die größte Eisenhütte, die Hannover besitzt. Ihre Werke sind auf drei Wasserfälle verteilt und bestehen aus dem Hochofen, zwei Pochwerken, fünf Frischfeuern, einem Stahlfeuer, Hämmern, Draht-, Bohr- und Drehwerken. Die Gießerei hat es zu einer großen Vollkommenheit gebracht, und man bewunderte auf der letzten Gewerbeausstellung zu Hannover die eingelieferten Kunstwerke, worunter zwei bronzierte Apostelstatuen und ein bronziertes Jagdstück mit den saubersten Produktionen dieser Art rivalisieren durften und ein zierlicher Ofen von neuer ovaler Form schnell seinen Liebhaber fand. Die Arbeiten der Lauterberger Blankschmiede und der Nägelschmiede wurden dort ebenfalls beifällig betrachtet. Die Königshütte verschmilzt vorzüglich die schwerspathaltigen Roteisensteine vom Knollen und den Gruben der Umgegend, auch Brauneisensteine mit dem Zuschlag von mergeligem und dolomitischem Kalk. Das durchschnittliche Ausbringen beträgt wöchentlich 312 Zentner. Das Harzgebirge« von Dr. Christian Zimmermann, 1834. Die Zähigkeit des Königshütter Eisens eignet es besonders zu Gewehrlaufsplatinen und die Herzberger Fabrik bezieht solche von da. Das seit einigen Jahren sehr verbesserte Drahtwerk, mit einem neuen Walzwerk versehen, liefert wöchentlich 6 bis 12 Zentner Draht. Die Königshütte wurde 1732 angelegt, in neuerer Zeit jedoch mit den geschmackvollsten Gebäuden gleich der Rotenhütte durch die zierlichsten Gußarbeiten geschmückt und ausgestattet.

Früher lieferten die Lauterberger Gruben ein vorzügliches Kupfererz, jetzt wird nur noch eine derselben bearbeitet, die das Merkwürdige hat, daß ihr Erz nesterweise im losen Sand von Baryt und Kalkspat zu treffen ist. Die schönsten Malachite, Kiese und Ziegelerze sind hier zu haben. Die Kupferhütte liegt höher bergauf als der Ort, an dem Zusammenfluß zweier Bäche, der Geraden und der Krummen Lutter. Färbereien und Leinwandweben und Bleichen beschäftigen ebenfalls mehrere Lauterberger Familien.

Am linken Ufer der Oder erheben sich dem Flecken gegenüber zwei Bergkuppen, dem Gebirge zugewandt: der Scholm, zu dem eine schöne Aussicht verlockt, dem flachen Land näher der Kegel des Hausbergs, der vormals eine Grafenburg trug. –

Von Bartolfelde gingen wir durch das Dorf Barbis, bei dem sich ein Erdfall befindet, dessen Wasser unergründlich ist und der sich erst im Jahre 1825 unter donnerähnlichem Gekrache gebildet hat; dann über Neuhof, ein Vorwerk und Sitz des Amtes Scharzfeld, in dessen Nähe mehrere Maschinenfabriken arbeiten, auf Scharzfeld zu, ein Dorf, dessen Umgegend den Reisenden viel Interessantes darbietet. Auf dem Weg dahin treten zwei Waldhöhen als Zwillinge aus dem Gebirge, die sich weiter hinauf einer größeren Felsmasse anlegen, der Knollen genannt, die ihnen als Fuß dient, von dem sie gabelförmig hervorschießen. Diese Waldhöhen umschließen das Sehenswürdige der Gegend.

Wer das Freie liebt, Licht, Luft und blauen Himmel, der folge einem alten Waldpfad und besteige den Kalksteinfelsen an der Spitze der linken Gabelzinke und ergötze sich in den stattlichen Ruinen der

Burg Scharzfels,

einem Trümmerhaufen, immer noch ansehnlich, obgleich die Landleute das locker liegende Gestein meistenteils verschleppten und als Baumaterial benutzten. So macht alles seinen Zirkelkreis auf Erden: die vermoderte Eiche düngt das Blumenfeld, und des Bauern Enkel wird ein Volksführer. Die Aussicht von der Burg umfaßt einen schönen Strich Landes von dem Eichsfeld, dem göttingischen und hohensteinischen. Die Burgen Scharzfels und Lutterberg gehörten den Zweigen eines alten Grafenstammes, der 1379 ausstarb und der, reich und mächtig, den größten Teil der Umgebung zu eigen hatte. Scharzfels wird schon im Jahre 952 in alten Dokumenten unter dem Namen Skartfeld erwähnt. Zuerst war es magdeburgisch, dann Reichs- und später, zu Heinrich des Löwen Zeit, braunschweigisches Lehen; die Herzöge von Grubenhagen zogen es als erledigt ohne Berücksichtigung der Mitbelehnten ein. Das feste Schloß blieb lange wohlerhalten, bis die Franzosen 1761 die Besatzung überrumpelten und es nebst einem nahegelegenen kleinen Fort, der Frauenstein genannt, unwohnbar machten.

siehe Bildunterschrift

Burg Scharzfels

Auch dieser stolze, hellgraue Fels, der mit seiner Trümmerkrone, dem Wolkensitz eines tapferen Stammes aus dem Dynastengeschlecht der Lauterberge, noch jetzt den Buchenwald herrisch überragt, hat seine Sage vom Jahre 1080, die ein geheimes Gottesgericht entfaltet.

Gastlich aufgenommen von dem Burgherrn, ungewarnet durch die schimpfliche Buße zu Canossa, übte Heinrich IV., der ungezähmte Lüstling im Hermelin, mit Hilfe des Burgpfaffen Gewalttat an der edlen Ritterfrau. Ein Kobold, der bislang als graues Männlein den Schutzgeist des Schlosses gespielt hatte, dessen Warnungen der redliche Schloßherr nicht beachtet hat, tobte in der Frevelstunde durch die Gänge und Hallen der Burg und warf die Schieferdächer gleich einem Steinregen in die weiten Höfe. Kaiser und Mönch flüchteten ins Gebirge, nach der Sünde vom Biß des Gewissens gestachelt und den Rachebund der Geister und Menschen fürchtend. Der Mönch erhängte sich im Wald am Schandenberg; dem Kaiser, der, über dem Gesetz als Wächter stehend, das Gesetz verspottet hatte, weckte die Nemesis für zerstörtes Familienglück die Rächer in seiner Familie. Die eigenen Söhne, Konrad und Heinrich, entthronten ihn, beschimpften ihn, daß er starb in Schmach und Bann, und der jüngere ließ sogar des Vaters Sarg fünf Jahre unbeerdigt. Die Stürme des Harzes sollen seitdem kein neues Dach auf dem Turm von Scharzfels geduldet haben; er sollte ein Denkmal bleiben im ehrlichen, norddeutschen Gau, ein Warnungsmal der verletzten Gastfreundschaft und der geschändeten Krone.

Für die Liebhaber des mysteriösen Dunkels, des traumgeschwängerten Geisterreichs, liegt etwas weiterhin in dem Laubholzberg eine sehr tiefe, völlig finstere Tropfsteinhöhle, das Einhornloch genannt, vierkammerig, weithin den Berg unterwühlend und mit zahllosen Stimmen der Echos gefüllt. Schön ist die Höhle nicht, ihre Wände sind nur mit dünnem Sinter bekleidet, und ihr Boden ist locker, enthält jedoch mancherlei Tierknochen, besonders Zähne und Kinnbacken des Höhlenbären; auch bekam sie durch den Fund eines Skeletts, das die damaligen Gelehrten dem antediluvianischen Einhorn zuständig hielten, ihren Namen.

Bei weitem anziehender fanden wir näher dem Dorf

die Steinkirche,

die unter den seltensten Naturgebilden verzeichnet zu werden verdient. Man denke sich eine Höhle im harten Kalkfels von 40 Fuß Höhe, dabei 38 Schritte lang und 9 Schritte breit und von solch ernster und ehrfurchterweckender Form, daß man bei dem Eintritt an ein Gotteshaus erinnert werden müßte, wäre der Name des Platzes auch nie vorher gehört worden. Geregelte Nischen von verschiedener Größe für Heiligenbilder und Lampen finden sich in den Wänden; das Licht fällt von oben, wo auch wohl ein Betglöcklein gehangen haben mag, durch eine ansehnliche Öffnung in den Raum, und vor dem Eingang draußen winden sich Stufen zu einer Art rohem Betpult hinauf, von dem ein Apostel oder Eremit bequem der auf dem Anger hingelagerten Volksmenge eine Bergpredigt zu halten vermochte; auch soll diese Höhle den ersten Christen dieser Gegenden zur Kirche gedient haben und geheime Wohnung des ersten kühnen Verteidigers der Christuslehre unter den umwohnenden Sassen gewesen sein.

siehe Bildunterschrift

Die Steinkirche

Ein heftiger Schlagregen überfiel uns, als wir uns der Steinhalle näherten, und trieb uns eiliger in ihr Versteck. Wir trafen große Gesellschaft, denn ein Hirte hatte sich vor uns mit seinen Kindern und seiner Ziegenherde hineingeflüchtet, und Theodor, der Pädagoge, erinnerte uns an den Gruß und an die Anbetung der Hirten Palästinas. Fehlten auch Christkind und Krippe und die weiß beflügelten Engel – uns alle bewegte ein frommes Phantasiebild, das durch den hellfarbigen Friedensbogen, der außen die Landschaft überwölbte und aus der verdunkelten Höhle betrachtet lebhafter strahlte, als wir ihn je gesehen hatten, gehoben und geheiligt wurde. Wie der Mensch nie Genüge hat an dem Natürlichen, sei es noch so erhaben und großartig, und wie er immer das Wunderbare und Unglaubliche beizufügen geneigt ist, erfuhren wir an dem Eigensinn des alten Hirten, der halsstarrig behauptete, diese Steinkirche sei von einem Einsiedler nebst Treppe und Kanzel mit einem – hölzernen! – Beil ausgehauen, und der es übelnahm, als wir bescheidene Widerrede und Zweifel wagten. »Sagen des Harzes« von Karl Schuster, 1832. In dieser Sammlung werden die Sagen dieser Gegend, Scharzfels, die Steinkirche, das Teufelsbad und Heiso Freienhagens Ermordung zu Osterode recht nett behandelt.

Luft und Flur waren erfrischt, die Holzungen grünten heller und freundlicher, obgleich mancher Baum schon durch die heiße Jahreszeit eine bunte, herbstliche Blätterschattierung bekommen hatte, lustig schossen die Schwalben bald hoch unter den Wolken hin, bald tief über das duftende Gras, laut zwitschernd bei ihrer munteren Insektenjagd, und die vom Regen abgespülten Dolden des Vogelbeerbaums schimmerten über den Hecken und Gebüschen wie rote Karneolkronen. Leicht und flink wurde die kurze Wegstrecke zurückgelegt, und

Schloß Herzberg

schaute, ernst und im Gemüt des Hannoveraners eine eigene Ehrfurcht erweckend, von seinem hohen, vereinzelten Standpunkt auf uns hernieder. Wir suchten im Flecken den gelobten Gasthof »Zum weißen Roß«, um dort Nachtquartier zu bestellen und uns zu einer wichtigen Besichtigung historischer Erinnerungsmarken vorzubereiten. Weltbegebenheiten, denen der besondere Einfluß auf Völker und Länder nicht abzusprechen ist, heiligen für immer den Ort, von dem sie ausgegangen sind, und bleiben verschmolzen mit den Personen, auf die in jenen Begebenheiten die Hauptrollen gefallen sind. So wird Schloß Herzberg immer einer der merkwürdigsten Plätze im Königreich Hannover bleiben, solange es eine hannoversche Geschichte gibt, und es tut dem patriotischen Geschichtsfreund fast weh, daß man diesen Sitz des eigentlichen Stammvaters des jüngeren lüneburgischen Hauses, das von der Vorsehung unter den zahllosen Linien der Braunschweiger bestimmt wurde, den alten Glanz und die Glorie Heinrichs des Löwen dem Welfenstamm wiederum zu gewinnen, ja ihn zu überbieten, nicht in dem Maß fortehrt, wie er es fordern darf, indes man die alte Burg zu Celle in neuerer Zeit restaurierte und mit der Würde eines königlichen Ahnenschlosses auszustatten sich bewogen fühlte.

siehe Bildunterschrift

Herzberg

Es kann nicht von diesen Blättern erwartet werden, daß ihr Schreiber mit historischer Genauigkeit sich in die Geschichte des Schlosses Herzberg vertiefe; ein junger, fleißiger Gelehrter, Havemann, bislang Lehrer zu Ilfeld, ist gerade jetzt darüber aus, den Staub der verstecktesten Landesarchive zu durchwühlen und den Mangel einer umfassenden Landesgeschichte auszumerzen; er wird Herzberg nicht vergessen, und möge es ihm gelingen, das Auge des Landesherrn auf diese denkwürdige Stätte zu locken.

Die ganze Gegend war in längst verloschener Zeit Besitztum einer Dynastenfamilie, die sich in das Dreiblatt der Grafen von Scharzfels, Lutterberg und Klettenberg spaltete. Als sie ausgestorben waren, geschah es mit der ansehnlichen Besitzung wie mit der Grafschaft Hohenstein. Der Lehnsherr griff zu, ohne die weiteren Mitbelehnten zu beachten, und wir finden seitdem die braunschweigische Linie der Herzöge von Grubenhagen als die bleibenden Herren, von denen manche Herzberg und die nahe liegende Stadt Osterode – zwei in mancher Hinsicht oftmals gar eng verbundene Plätze – zu ihren Residenzen erwählten.

Von den Söhnen Herzog Albrechts des Großen von Braunschweig-Wolfenbüttel bekam Heinrich »mirabilis«, der älteste, Grubenhagen, und er wechselte seine Residenz sehr oft und hielt hof bald zu Osterode, bald zu Herzberg, bald zu Rotenkirchen, bald zu Katlenburg. Der jüngste von Heinrichs Söhnen, Wilhelm, stiftete die eigene herzbergsche Linie, starb jedoch ohne Deszendenz. Wilhelms Bruder Ernst, der zu Einbeck hofhielt, erbte des Bruders Teil; seine Witwe, eine von Eberstein, saß lange nachher noch auf Schloß Osterode. Von Ernsts Söhnen bekam der vierte, Friedrich, Herzberg und Osterode als Apanage. Friedrich wurde der Vormund Erichs, des einzigen Sohnes seines ältesten Bruders Albrechts II., der zu Salz der Helden residierte. Dieser Erich führte, mündig geworden, 1415 einen förmlichen Krieg um Scharzfels und Lutter mit dem Grafen Heinrich von Hohenstein, schlug ihn beim Dorf Osterhagen, in welchem Treffen drei Hohensteiner gefangen wurden und sich mit 8000 Gulden auslösen mußten. Albrecht III., Erichs Sohn, setzte Herzberg seiner Gemahlin, einer Waldeckerin, zum Leibgeding aus. Ihm folgte der ruhmwürdige Philipp I., der das Fürstentum Grubenhagen einmal wieder allein besaß, 1534 sich zum Luthertum bekannte; und auch dessen jüngere Söhne Wolfgang und Philipp II. liebten den freien, luftigen Sitz zu Herzberg auf der köstlichen Höhe. Von dem ersteren erschien eine neue Bergordnung anno 1593; mit dem letzteren starb die Grubenhagensche Linie aus, und zu Osterode wurde anno 1596 Philipp neben seiner Clara von Wolfenbüttel begraben, und Fürstenhut, Sturmhaube, Wappen, Siegel und Schwert wurden ihm in das Gruftgewölbe mitgegeben. Die Vettern von Wolfenbüttel und Celle stritten sich jetzt eine Zeitlang um das erledigte Land, jedoch mußten schon 1617 nach einem Kaiserspruch jene diesen das schöne Eigentum abtreten.

In diese Zeit fiel der denkwürdige Vertrag zwischen den sieben Söhnen des cellischen Herzogs Wilhelm, deren Selbstentäußerung zum Besten der Landeswohlfahrt vielleicht nirgends ihresgleichen gefunden hat noch finden möchte. Die Prinzen kamen überein, sämtlich bis auf einen unvermählt zu bleiben, und das Los entschied zugunsten des sechsten, des Herzogs Georg, der später als einer der tapfersten Kriegsobristen im Reich galt, um dessen Freundschaft sich Spanien und Dänemark, der Kaiser und der Schwedenheld Gustav Adolf abgemüht haben und der ein Stammvater des hannoverschen Kurhauses wie des englischen Königshauses geworden ist. Um ihn zu üben in der Regierungskunst, vertrauten ihm die Brüder das Grubenhagener Land an, und Schloß Herzberg wurde seine Residenz, sein Familienhaus, der Schauplatz seiner stillen Freuden und Leiden, wo ihm seine Gattin, die schöne Anna Eleonore von Darmstadt, vier Söhne gebar, die sämtlich in der Geschichte Hannovers die bedeutendsten Rollen gespielt haben. »Fürstenherzen oder die Prinzen von Lüneburg.« Historische Erzählung von Wilhelm Blumenhagen in den »Rosen« von 1829.

Auf Schloß Herzberg sah das Licht der milde und gütige, aber schwache Christian Ludwig; hier standen die Wiegen der Herzöge Georg Wilhelm und Johann Friedrich, die Spittler fest und bieder wie ein paar Altsachsen charakterisiert: Georg Wilhelm, der Lebenslustige, aber Tätige und Gerechte, und Johann Friedrich, edel, aber streng und eigenwillig, der den Widersprechern zu antworten pflegte: »Ich bin Kaiser in meinem Land!«

Und auf Schloß Herzberg wurde Ernst August geboren, der weise Staatsmann, der Freund der Wissenschaft, der den Kurhut zu gewinnen wußte, dessen Sohn den Thron Großbritanniens bestieg und der von vier Brüdern allein ausersehen war, Vater eines blühenden, neuen Herrscherstammes zu werden, der die Welt von sich reden machte und mehr als einmal Europas Schicksal entschieden hat. Herzog Georg, der Erbauer des Schlosses zu Hannover, und alle vier Söhne desselben regierten nacheinander in Hannover, und Herzberg stand von da an verlassen, verödet und wird nur noch einmal erwähnt, als Christian Ludwigs Witwe dort einige Jahre wohnte, bis sie mit dem Kurfürsten von Brandenburg, Friedrich Wilhelm, ein zweites Eheband knüpfte.

Das ist eine kurze, gedrängte Übersicht der Geschichte des Schlosses Herzberg, aus der sich wahrlich ein weites Gedankennetz von dem ernsten Beobachter der Menschen- und Fürstenschicksale hervorspinnen ließe. Den ersten Grund zum Schloß soll ein Graf von Lauterberg durch ein auf den majestätischen Fels gestelltes Jagdhaus gelegt haben, das den Namen Hirschberg getragen hat, Heinrichs des Löwen Vögte saßen später darauf, und Kaiser Ottos IV. Gemahlin soll es als Witwensitz benützt haben. Bis 1788 wurde das Schloß von einem Kastellan bewohnt, später wurde es den Amtsleuten des Amtes Herzberg zur Offizialwohnung eingeräumt. –

Die meisten Vorsprünge des Gebirges machen ihre steilen Abschüsse gegen das flache Land hinaus; die Höhe, auf der Herzberg fußt, hat das eigene, daß sie vom flachen Land her allmählich ansteigt und, gegen das Hochgebirge gewendet, von ihrer Spitze scharf hinabfällt. Auf diesem höchsten, nordöstlich gekehrten Altan liegt das Schloß, von drei Seiten her durch steile Bergwände vom Tal abgeschnitten. Mit fürstlicher Hoheit, in stolzer Kraft und deutsch-ritterlicher Sicherheit schaut der umfangreiche Steinbau auf Täler und Wälder hernieder und beherrscht im eigentlichen Sinne des Wortes den Gau. Vorzüglich imponiert seine westliche lange Front von dem breiten, mit Bachkieseln gefüllten Tal aus betrachtet, durch das sich das schmale Silberband der Sieber hinschlängelt, ein matt fließendes Harzbächlein, von den Wägen durchfahren, von den Herden durchwatet, das aber nach Regengüssen im Hochgebirge zum drohenden Fluß wird, der das ganze Tal ausfüllt und tiefer hinab, wo es in zahllosen mäandrischen Krümmungen nach Elbingerode und Hattorf fließt, unvorsichtigen Reisenden schon oftmals Unfälle bereitete. Eine Holzbrücke, die in einem hohen Bogen sich weit aufs Trockene über das unscheinbare Wasser legt und darum dem Leichtfertigen fast schöppenstädtisch wirken möchte, wird zur kläglichen Vorsorge, sobald man dieser kleinen Wasserschlange ein einziges Mal zorngeschwollen begegnete.

Das Schloßgebäude ist ein großes längliches Quadrat, das den innersten Burghof umgibt und aus dessen nordöstlichem Winkel der Turm emporsteigt, der, nach einem gar eigenen Geschmack erbaut, einem türkischen Minarett ähnelt. Auf drei Wegen kann man das Schloß besteigen; der eine führt aus dem südlichen Feld ansteigend in weiter Krümmung hinan bis zur Vormauer und heißt der Leichenweg – nahe seiner Einmündung trifft man auf einen weißen Kalkstein, dem man den Namen Freudenstein oder Fräuleinstein beigelegt hat, welche Benennung sich an eine verschollene Familienszene der Bürger knüpfen soll, und in der Nähe des Steins ist der Lust- und Gemüsegarten des zweiten Beamten angelegt –, den zweiten Zugang bildet der eigentliche Schloßweg, eine hohle, steile, gefährliche Fahrstraße, die zum ersten Tor leitet; der dritte, am meisten benutzte, besteht in einer bequemen Steintreppe, die auf 265 Stufen in mehreren Winkeln und Absätzen vom Flecken Herzberg zum Schloß hinaufreicht und in den vorderen Burghof einmündet. In diesem Vorhof ist noch die Stechbahn; durch einen Mauergang gelangt man von da zum inneren überwölbten Schloßtor, in dessen Eichenpforte sich noch das Nottürchen vorfindet, eng und schmal mit dem Übersteigbrett, das auch jetzt für nächtlich heimkehrende Hausgenossen allein vom Pförtner geöffnet wird. In dem Torgewölbe liegen die Amtsgefängnisse; von den Gebäuden aber, die den inneren Hof umgeben, ist der östliche, am meisten beschädigte Flügel des Kornmagazins bestimmt, die drei übrigen bewohnen die beiden Beamten, und der westliche lange Flügel besonders erinnert mit seinen gedehnten Gängen und hohen Zimmern noch immer an die einstige fürstliche Hofhaltung, von der auch die Wappen über dem Tor und die Namenszüge an Turm und Mauer erzählen. Auffallend ist das Material der Schutzmauern, das aus lauter kleinen, wohlverkitteten Bachkieseln besteht.

Westlich läuft der Berg vom Schloßfundament steil zum Tal hinab und ist nur hie und da mit einzelnem Buschwerk verziert; südlich legt sich ein Laubhölzchen bis fast herauf, und die beiden übrigen Seiten, nach dem Flecken hinaus die abschüssigsten des Felsens, umzieht der Schloßgarten – schmale Graswege, mit alten Laubbäumen einzeln bepflanzt, aber einige treffliche Aussichtsplätze auf den tief drunter liegenden Ort und hoch zum Gebirge hinüber darbietend und dem Naturfreund merkwürdig, weil sich die große Weinbergschnecke, Helix pomatia, trotz Kälte und Wind in seinen Kräutern und Moosen häuslich aufhält. Im Schloß werden noch Reste einer eleganten Wiege bewahrt, die man wohl irrtümlich für das erste Bett König Georgs II. ausgibt; im Archiv befinden sich aber viele Aktenstücke, Küchenzettel und militärische Befehlsbriefe aus Herzog Georgs Zeiten, die bislang unbenutzt scheinen.

Der Flecken Herzberg ist nicht ansehnlich; seine Hauptstraße wurde noch vor zehn Jahren von einem tiefen, nicht gefahrlosen Waldwasser durchschnitten – ein Übelstand, der seit kurzem jedoch durch Umpflasterung abgestellt worden ist. Seine Bartholomäi-Kirche, von Herzog Wolfgang anno 1593 erbaut, von Herzog Philipp mit einer Orgel beschenkt, enthält mehrere historische Merkwürdigkeiten. Zwei Töchter Georgs – die eine eine Zwillingsschwester von Ernst August – haben hier Epitaphia von schwarz und weiß gebändeltem Marmor, hinter dem Altar bewahrt man einen mit schwarzem Marmor ausgekleideten Taufstein, aus dem Georg II. die christliche Weihe empfangen haben soll, und im Gruftgewölbe ruhen zwei Särge, die für Kunstwerke der damaligen Zeit gelten können. Beide umschließen den Staub zweier tapferer Söhne des Kurfürsten Ernst August. Friedrich August fiel in einer Türkenschlacht anno 1690 in einem Engpaß Siebenbürgens als kaiserlicher Generalmajor, und sein Heldenleib soll ohne Kopf den trauernden Eltern heimgebracht worden sein. Prinz Christian, kaiserlicher Obrist, ertrank 1703 in der Donau bei Elchingen, nachdem sein Pferd erschossen worden war, während des Erbfolgekriegs. Wie diese letztgenannten Denkwürdigkeiten nach Herzberg gekommen sind, da die Regenten schon damals zu Hannover hofhielten, wird Havemann uns zu erklären wissen.

Berühmt ist Herzberg für die neuere Zeit durch seine Gewehrfabrik geworden, deren Produktion mit dem Besten der Art sich messen kann und die für das Land höchst wichtig ist. Die Fabrikgebäude liegen am Fuß des Schloßbergs, ein Kanal der Sieber treibt die Maschinen, und der Vorrat von Flinten, Bajonetten und Säbelklingen überrascht den Besucher. Sie war zuerst Eigentum der Landesherrschaft, wurde aber 1816 an den jetzigen Fabriksherrn Krause verkauft und beschäftigt mehrere hundert Arbeiter. Die Gewerbeausstellung zu Hannover bezeugte, wie sehr sich die feineren Kunstwerke der Herzberger Rüstmeister vervollkommnet haben, und mehrere derselben gewannen die Preismedaille. Besonders zog eine Reisepistole, von Hofrüstmeister Störmer erfunden, die Neugierigen an; sechs Läufe wurden nacheinander durch ein Schloß abgefeuert, und jeder Lauf legte sich wie von selber zum Schuß vor; ein Schutzgewehr, mit dem man ein halbes Dutzend »Highway-men« nicht zu fürchten hätte.

Beschauenswert sind der Ochsenpfuhl und der Jües; ersterer ist ein großer, klarer Wasserspiegel dicht an der Ostseite des Schloßbergs; er wird durch verborgene Grundquellen genährt, fließt ab in eine dunkle Schlucht des Felsens, und man weiß nicht, wo seine bedeutende Wassermasse bleibt. Einst lag an seiner Stätte eine große Wiese; ein toll gewordener Stier durchwühlte den Anger und warf mit mächtigem Gehörn einen großen Feldstein aus dem Boden auf; dem Stein sprang ein starker Wasserstrahl nach und füllte in kurzer Frist den ganzen Weideplatz. – Der Jües ist ein kleiner Landsee an der Ostseite des Fleckens; er ist fischreich, aber in seiner Mitte unergründlich, und man will bei klarem Wetter altes Gemäuer in seiner Tiefe gesehen haben. Wahrscheinlich entstand er durch einen Erdrutsch; die Sage meint, auf seinem Platz habe das Schloß eines sündigen Ritters gestanden, den Gottes Strafgericht schon auf Erden erreichte. Es ist eine Wiederholung der Sage vom Seeburger See bei Göttingen, vom Grafen Isang, der eine Nonne entführte, sie ehelichte und seine Schwester in ihr erkannte, und den eine silberweiße Schlange den Untergang seiner Burg und seines Reichtums vorherwissen ließ. Grimms »Deutsche Sagen«, S. 131.

Wenn man am Jües vorüber die links abbiegende Straße verfolgt, berührt man ein nettes Försterhaus am eigentlichen Eingang des Siebertals. Etwas mehr zurück liegt am Berg das letzte Haus des Fleckens Herzberg, das, solange der Harz noch steuerfrei war, eine besondere Eigenschaft darbot. Es war nämlich gerade auf der Grenzscheide zwischen Harz und Vorharz erbaut, dazu eine Schenke, und so bedurfte es nur des Schrittes durch eine innere Zimmertür, um auf der Harzseite den berühmten Nordhausener Branntwein wohlfeil zu trinken – ein Vorzug, der von den Liebhabern des bösen Geistes nicht ungenutzt geblieben ist.

Recht freundlich schleicht sich das Tal in die Berge hinein, linkerseits baut sich die Wand von Ton und Mergelschiefer, Alabaster und buntem Marmor hinauf, rechts schlängelt sich der Bach über Geröll und zwischen Grasplätzen im flachen Bett; wundersam blinken zahllose blaue Steinbrocken zwischen seinem Wellengekräusel hervor, Lazursteinen ähnlich, doch bei näherer Betrachtung sich in Hüttenschlacken verwandelnd. Jenseits des Wassers schaut man zu mannigfach geformten, dichtbelaubten Bergkuppen hinauf, mit grünen Terrassen gemischt, auf denen hie und da ein Rudel schlanker Rehe weidet. So zieht sich das Tal fast zwei Stunden lang bis zum Dörfchen Sieber hinan, das von Holzfällern bewohnt wird und wo es sich in größere Talflächen verliert, die ein Waldberg, der Acker genannt, einzäunt. –

Da bereits die Stadt

Osterode

sowohl in ihren historischen als anderen Verhältnissen als eng verknüpft mit Herzberg bezeichnet worden ist, so möchte es nicht unangemessen sein, das Nötige von ihr am Schluß dieses Abschnitts zu erzählen, wenn sie auch eigentlich der Punkt ist, den wir auf unserer Harzreise zuletzt berühren wollten. Die Straße von Herzberg zur Schwesterstadt läuft, nachdem man das steinige Tal und die Sieber passierte, anderthalb Stunden lang durch dichte Holzungen, in deren Mitte man in einer Ziegelei ruhen und sich erquicken mag, bis dahin, wo eine Reihe großer, schwarzer, von Erlengebüsch beschatteter Teiche, die Teufelsbäder genannt, die Nähe der Stadt ansagt. Osterode liegt westlich, dicht unter dem eigentlichen Harz, hat vielleicht nahe an 3000 Einwohner, ist weder umfangreich noch ansehnlich, jedoch gewiß die fleißigste Fabrikstadt des ganzen Fürstentums Grubenhagen, denn sie ist überfüllt mit Wollwebereien. Die Grevesche Wollmanufaktur, welche Kamelotte, Tamis, Chalons und Golgas liefert, ist eine der größten im Land, beschäftigt an 300 Stühle und läßt auch zu Herzberg auf 40 Stühlen in Baumwolle arbeiten. Hutfabriken, Leinwandwebereien, Gerbereien, Brennereien, Böttcher- und Tischlerwerkstätten, Nagelschmieden, ist umringt von allen möglichen Arten von Mühlen, hat einen Kupferhammer, und dicht neben ihr prangt am Scherenberg die großartige Schachtrupsche Bleiweiß-, Schrot-, Hagel- und Walzbleifabrik. Gipsberge formen um die Stadt einen Felsenkessel, Stinkstein und schöne Alabaster lagern darin; das Vorfeld nach dem platten Land zu gewährt jedoch den seltsamsten Anblick, da es mit Millionen gerundeter Bachkiesel in unübersehbarer Ausdehnung bedeckt erscheint und als ein unerschöpfliches Munitionsmagazin für Pariser Barrikadenmänner daliegt. Südlich grenzen treffliche Kornfluren daran, und der ehrsame Hübner betitelt die Stadt deshalb als des Harzes Kornhaus und der Bergstädte Brotkammer. Freundliches hat Osterode fast gar nichts, und es besteht meistens aus altmodischen Häusern und schlecht gepflasterten Straßen.

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Osterode

Ostara, die deutsche Aurora, hatte zur Altsassenzeit hier ihren Haupttempel, den Bonifaz, der gewaltige Beilführer, niederschlug. In der wüsten Kriegszeit, als Kaiser Heinrich IV. den Harz mit räuberischem Kriegsvolk erfüllte, mag der Ort, wie viele andere, zur mauerumschlossenen Stadt geworden sein. Die alte Burg dicht über Osterode, von der Vorstadt »die Freiheit« umgeben, soll vom Sassenherzog Bruno um 843 erbaut sein; Heinrich Leo nahm in ihr oftmals Quartier, und 1322 wurde sie noch bewohnt. Die gewaltigen Mauern, der halb verfallene Turm bezeugen, was sie gewesen ist, die ungeheure Ruine, von Menschen verlassen und aufgegeben, trotzt noch immer dem feindlichen Wetter und wird ihm noch lange trotzen. In den Tagen Karls des Großen läßt man hier schon ein mächtiges Dynastengeschlecht, die Grafen von Osterode, hausen.

Eine Wanderung durch die Stadt lohnt sich durch folgende Sehenswürdigkeiten: Der Marktplatz ist auffallend hübsch gegen seine Umgebung, und ein ansehnlicher Springbrunnen schmückt den Raum. Das Schloß, einst eine Abtei, wie schon gesagt, später die Residenz mehrerer Grubenhagener Fürsten, ist jetzt zum Amtsgebäude geworden. Der viereckige Schloßhof wird auf zwei Seiten von dem neuen und dem alten Schloßflügel, auf den beiden anderen von den Meiereigebäuden und der Schloßkirche eingeschlossen. Diese ist erst sechzig Jahre alt, auf dem Grund eines Ursulinerinnenklosters erbaut, das Herzog Ernst von Celle in der Reformationszeit aufgehoben hat; sie ist nach St. Jakob getauft, ein einfaches, pfeilerloses Gebäude. Das Meiereigebäude gehörte ebenfalls zum Kloster, wenigstens hat die enorm große Küche mit ihrer großen Altarnische noch jetzt einen unweltlichen Charakter, und aus der Gesindestube führt eine Treppe zu der herrschaftlichen Kirchenprieche hinauf. Große Nebenhöfe, ein hübscher Kloster- und Schloßgarten, weitläufige Wirtschaftshäuser und ein Gerichtshaus umgeben den Hauptbau, der unmittelbar an die Stadt grenzt. – Ein Kämmerchen auf dem Stallboden hielt die Bewohner viele Jahre in unheimlicher Scheu; in dem verschlossenen Gemach sollte sich ein Holzbild befinden, in das der Geist einer sündigen Nonne gebannt worden ist. Ein kecker Verwalter wollte vor kurzem den Erlöser spielen, zerschlug mit dem Beil die verrosteten Schlösser und fand wirklich den verzauberten Eichenklotz mit seltsamen Schnörkeln versehen; als er jedoch nach einigen Stunden den verschwiegen gehaltenen Fund näher zu untersuchen zurückkam, war derselbe auf unerklärliche Weise verschwunden, mit ihm aber auch Spuk und Gesindefurcht.

Die Marktkirche St. Ägidi, der Sage nach von Bonifazius gestiftet, enthält die Begräbnisstätten und Epitaphia der Herzöge, von denen schon die Rede gewesen ist. Neben ihr trifft man auch das unansehnliche, baufällige Rathaus, an seiner Wand hängen zwei Raritäten, und zwar an eisernen Ketten als Zeichen ihres Werts. Zuerst ein Messer, von dessen Ursprung niemand Zeugnis zu geben vermag – vielleicht ein warnendes Andenken des Jahres 1510, das die gespenstische Hand des von roher Volkswut zerfleischten Bürgermeisters Freienhagen dort hingehängt hat, Siehe die schon erwähnten »Harzsagen« von C. Schuster. und höher ein drei Ellen langer Knochen, von den Osterodern für eine Hünenrippe ausgegeben, sicherlich das fossile Knochenstück eines urweltlichen Riesentieres, vielleicht einst in dem nahen Hörden ausgegraben, dessen Mergelgruben früher solche Schätze in großer Anzahl lieferten.

Unter den sparsamen schönen Wohnhäusern zeichnen sich die der Gebrüder Schachtrup aus, und das große, massive Kornmagazin lockt das Auge besonders auf sich. Im Jahre 1722 wurde dieses 230 Fuß lange Gebäude fertig, dessen Zweck einer der wohltätigsten ist, mit dem irgendeine Landesregierung ihr Volk zu steter Dankbarkeit verpflichten konnte. Wie oft litten nicht früher die armen, fleißigen Harzer an Fruchtmangel und teurer Zeit! Dieses Magazin half für immer solcher Sorge ab; denn sobald der Kornpreis über einen Gulden für den Himpten steigt, wird für diesen Preis die Gottesgabe den Berg- und Hüttenleuten abgelassen, und den Verlust trägt der Landesherr.

In der nächsten Umgegend von Osterode bringt der Führer den Fremden zuerst auf der Straße nach Süden zum Klinkerbrunnen in der Nähe des Dorfes Schwiegershausen, einer Kalksteinhöhle, die der tröpfelnde Sinter mit einem unaufhörlichen heimlichen Geräusch erfüllt, woher sie auch den Namen bekam; das Grundwasser ist von bedeutender Tiefe und hat seinen Abzug wahrscheinlich nach dem erwähnten Teufelsbad. Eine ähnliche Grotte besucht man in dem Holz vor dem Dorfe Düna; sie heißt die Jettenhöhle und hat einst einem schönen Edelfräulein, das ein Ritter von Uehrde entführt hatte, zum verborgenen Aufenthalt gedient; der Nachahmungstrieb, so flüstert die hämische Fama, soll auch in neuester Zeit noch manch hübsche Osteroderin zum Besuch dieses der Liebe nun einmal geweihten Verstecks verleiten; ob mit oder ohne Geleit, wissen nur der verschwiegene Mond und die ehrlichen Waldbäume.

In derselben Gegend, näher jedoch der Stadt, an der Landstraße nach Göttingen, ehe man das Dorf Dorste erreicht, sprudelt ein Brünnlein, das für den Hannoveraner eine Art von historischer Bedeutsamkeit an sich trägt. Sein Trinkwasser ist nämlich so wohlschmeckend, daß König Georg II., wenn er in Hannover weilte, sich täglich ein Fäßchen davon durch eine Stafette bringen ließ. Das klare Brünnlein war sonst überbaut, jetzt liegt es offen und verfallen und hat sogar seinen wohlerworbenen Titel »Königsbrünnlein« verloren.

Westlich von der Stadt darf man die Papiermühle am Dörfchen Petershütte nicht unbesucht lassen, ein Lustplätzchen der Osteroder Welt; der Weg dahin wird interessant durch die schroffen, blendenden Gipsfelsen, die am Rand der Söse, dem wilden, Osterode bespülenden Harzflüßchen, fortlaufen und in den Katzensteinen am höchsten aufsteigen. In Trebras Prachtwerk findet sich eine treffliche Abbildung eines dieser Gipsfelsen, die ihre Gestalt, der Natur ihrer Bestandteile nach, durch den Einfluß des Wetters von Zeit zu Zeit verändern. –

Eine Abschiedsszene stand uns bevor, ehe wir das liebe Herzberg verließen. Der Pädagoge und der Musikus trennten sich von uns; sie wollten nach Göttingen hinunter, um dort die große Säkularfeier der Universität mitzumachen und die hundertjährige Georgia Augusta im glänzendsten Festkleid zu beschauen. Uns hinderte die karg bemessene Zeit der Freiheit, die Freuden zu teilen, die keiner der Gäste zum zweiten Mal feiern wird.

Wir geleiteten die Gefährten bis zum Dorf Pölde, das einst ein reiches, von der Kaiserin Mathildis, der zweiten Gattin des Finklers, gestiftetes Kloster war, worin der geächtete Löwenherzog eine Zeitlang ein Versteck suchte, obgleich der Abt nicht mit ihm zu Tisch sitzen wollte, und wo zwei junge Grafen von Katlenburg ihren edlen Schild mit nächtlichem Meuchlerwerk beschmutzten, als sie den Markgrafen Eckard von Meißen, den Werber um die Kaiserkrone, in einer Bauernhütte niederschlugen.

Auf der Oderbrücke standen wir und sahen und winkten den wackeren Reisegesellen nach. »Werden wir sie wiedersehen, und wann und wie?« stieß Gustav tiefsinnig heraus.

»Träume!« lächelte Ernst. »Kein gefährliches Meer, nur ein schmaler Landstrich wird sie von uns scheiden, und nach wenigen Tagen sitzen wir sämtlich wieder an einer Tafelrunde und tauschen aus, was sie dort, was wir hier noch eingesammelt haben.«

»Sagtest du nicht selbst jüngst in der Irrnacht, Leben sei Reisen und Reisen sei Leben?« entgegnete ich. »Und so ist es; je weiter man fortlebt, oder fortreist, je klangloser und je einsamer wird es um uns; die Gefährten, die der Jugendbund uns zugesellt hat, schwinden nach und nach, diesen ruft das Schicksal abseits in Weite und Ferne, jenen der Tod auf Nimmerwiedersehen. Fremde nähern sich, aber sie bleiben dem kälteren, verschlosseneren Herzen fremd; so pilgert man trübsinnig und still immer näher dem schwarzen Stein der heiligen Kaaba zu, und wohl dem, welchem bis da noch ein befreundetes Herz zur Seite blieb, um ihm das letzte Kissen bequemer zu rücken! Er darf nicht murren, denn gar vielen mangelt diese letzte der Erdenfreuden.«

Wir drei legten in einem Gedanken die Hände ineinander; frommer Wunsch, deutsches Versprechen sprach sich aus im festen Handdruck, dann gingen wir Hand in Hand gegen das Gebirge zurück.

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