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Der Handwerksbursche

Adolf Schmitthenner: Der Handwerksbursche - Kapitel 1
Quellenangabe
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authorAdolf Schmitthenner
booktitleNovellen
titleDer Handwerksbursche
publisherFr. Wilh. Grunow
year1896
firstpub1883
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Adolf Schmitthenner

Der Handwerksbursche

Er war nicht mit dem Trupp ins Städtlein gezogen, der unter dem Lindenbaum vor dem Thore Beratung gehalten und die Gassen unter sich verteilt hatte, sondern allein kam er die Landstraße her. Die sich ihm unterwegs zugesellten, ließen ihn bald wieder dahinten, denn er war kein lustiger Kumpan und ging langsamer, als wegfrohe Burschen es vertragen können. Als er endlich am ersten Hause anpochte, rief das öffnende Mägdlein in die Küche: Mutter, das ist der fünfte heute, unser Bettelschächtelein ist leer!

Ähnlich gings ihm überall, denn die andern hatten einzeln oder zu zweien alle Gassen durchgefochten; war eine Sektion mit ihrem Bezirke fertig, so bettelte sie noch ein wenig in den Nachbarbezirk hinein. Als unser Handwerksbursche in das enge Gäßlein schlüpfte, wo der Goldne Knopf lag, die billigste Nachtherberge, hatte er zwar die Taschen voll Brot, aber außerdem nur ein paar Kupfermünzen. Es war schon dunkel, als er zu dem niedern Fenster hineinschaute. Das Zimmer war voll Kollegen von ihm. Einige spielten Karten, andre zählten ihre Barschaft, andre stickten ihre Wämser, ein paar zechten und huben gerade ein lustiges Lied an. Der Handwerksbursche hatte genug gesehen. Er war heute kein Mann für diese Gesellschaft. Er fühlte sich unwohl.

Er suchte die Polizeiwache auf und bat um Obdach. Der ältere der beiden Ortsdiener sah ihn prüfend an. Die roten Haare gefielen ihm nicht; auch hatte der Mann etwas Wechselndes in seinem Gesicht und etwas Sonderbares in seiner Sprache, sodaß der Stadtwächter auf den Gedanken kam, es möchte das der Italiener sein, auf den wegen eines Mordes gefahndet wurde. Er winkte seinem jüngern Genossen, den Ausgang zu besetzen, und fragte nach dem Passe. Der Paß wies freilich eher nach dem Norden als nach dem Süden. Obgleich er in fremder Sprache geschrieben war, gelang es doch dem geübten Auge des Inspizierenden, das Wichtigste zu ermitteln. Der Handwerksbursch hieß Olaf Hansen, war aus Kopenhagen gebürtig, lutherischen Glaubens und der Sohn einer Christierna Hansen. Auf einem von der Polizei in Kiel ausgestellten Papier stand, daß besagter Olaf Hansen, Kürschnergeselle, über Hannover und Frankfurt in die Schweiz reisen wollte. Der Verdacht des Beamten war nicht völlig geschwunden; besonders die brennend roten Haare schienen ihm ein bedenkliches Indizium. Doch beschloß er, dem Herrn Amtsrichter erst am folgenden Tage seine Vermutung mitzuteilen und einstweilen den Gesellen aufzuheben. Er gab seinem Genossen den Befehl, den Säbel umzuschnallen und den Burschen ins städtische Arrestlokal abzuführen. Der Befehl, den Säbel umzuschnallen, bezweckte nicht etwa die ordonnanzmaßige Ausrüstung des allerdings etwas vergeßlichen Dienstgenossen, auch nicht die Einschüchterung des Delinquenten, sondern es hatte damit eine besondre Bewandtnis. Das Arrestlokal war nämlich zugleich städtische Gaststube, das Schlafgemach für die, die die Stadt umsonst beherbergte. Da nun niemand anders da war, der den Gästen der Stadt die Honneurs machen konnte, als der zweite Polizeidiener, und da derselbe Mann zugleich die Spitzbuben eskortierte, so sann der Rat auf ein Erkennungszeichen, an dem man die nach ihrem Schlafgemach begleiteten Gäste von den nach ihrem Gefängnis abgeführten Spitzbuben unterscheiden konnte, und ein heller Kopf kam auf den Gedanken, daß der Stadtdiener das eine mal mit dem Säbel bewaffnet hinter dem Delinquenten einherschreiten, das andre mal in zwangloser Weise neben dem Gaste oder ihm voraus wandeln solle, mit keinem weitem Zeichen obrigkeitlicher Gewalt als mit dem messingbeknopften Stocke, der ursprünglich für die Hosen der Gassenbuben bestimmt war. Diesmal war der Säbel am Platze. Aber noch ehe ihn der Untergebne vom Schranke heruntergeholt hatte, war der Bursche an der Thür zusammengebrochen. Er war vornüber gefallen wie die Klinge eines Taschenmessers, das man zuknickt. Mühsam raffte er sich wieder auf, stand zitternd an der Thür und bat, man möge ihn ein wenig auf der Pritsche ruhen lassen, er könne jetzt noch nicht gehen, er fühle sich unwohl. Der Kerl scheint betrunken, brummt der Wachtmann, springt aber hilfreich bei, als der Bursche zum zweitenmal umzusinken droht, und hilft ihm auf die Pritsche. Dann befiehlt er dem Unterbeamten, er solle an dem Menschen riechen, ob er Schnaps getrunken habe. Der thuts zwar, aber fügt bei, er könne nichts sagen, da er zufällig selber gerade vorhin einen Schnaps getrunken habe. Bei unserm Dienstführenden scheint derselbe Zufall obzuwalten, denn er schaut sich ratlos um. Da fällt ihm der bucklige Gehilfe auf der Ratsschreiberei ein; der gehört zu den Pietisten, und diese trinken keinen Schnaps. Er schickt sein Faktotum auf die Ratsstube und läßt dem Gehilfen sagen, er möchte doch ein wenig herüberkommen und an einem Handwerksburschen riechen, ob er Schnaps getrunken habe. Der Bucklige kommt, thut das Verlangte und sagt, er rieche nichts. Der Mann scheint mir krank zu sein, fügt er hinzu, man sollte ihn ins Spital schaffen.

Mit weitgeöffneten Augen liegt der Bursche auf der Pritsche. Diese Augen haben die Nasen nicht gesehen, die sich in sein Gesicht streckten; sie schauen in weite, weite Ferne; auch sie kennen eine Stätte, wo das Herz daheim ist.

Unterdessen hat sich der Wachtmann in das Feuilleton des Wochenblattes vertieft, sein Untergebner ißt daheim zu Nacht. Als er wiederkommt, ist der alte Polizist über die Liebesgeschichte zwischen dem Baron und der Gouvernante so gerührt, daß er darüber seinen Italiener völlig vergessen hat.

Jetzt müssen wir den Kerl dort fortschaffen! ruft ihm sein Kollege zu.

Vereint rütteln sie den Handwerksburschen aus seiner Betäubung und stellen ihn auf die Füße. Er kann wirklich stehen; bei jedem Versuch aber, einen Schritt zu machen, kommt er ins Schwanken.

Ich meine auch, sagt jetzt der jüngere Stadtdiener, man sollte ihn ins Spital bringen.

Meinetwegen, brummt der andre, aber in die feste Stube; sage dem Spittelmeister, es sei ein Verdächtiger!

Es war gut, daß es finster war, als der Polizeidiener den Handwerksburschen über die Straße führte, denn sonst wären die Bürger des Städtchens über Natur und Wesen des Fremdlings in schwere Zweifel gefallen. Der Säbel war da, und dies deutete auf einen Spitzbuben; dagegen schritt der Stadtknecht nicht hinter dem Burschen einher, sondern neben ihm, dies deutete auf einen gewöhnlichen Schlafkunden. Doch geschah es wieder nicht in zwangloser Weise, sondern der Geleitsmann griff seinem Befohlenen hie und da energisch unter die Arme und schien ihn förmlich zu schleppen – dies paßte wieder mehr für einen Spitzbuben. Als das Spital erreicht war, lehnte der Polizist den Handwerksburschen an die Mauer und zog die Glocke. Der Spittelmeister öffnete selber die Thür. Er wollte gerade noch einmal überall nach dem Rechten sehen und sich dann zu Bett legen. Darum schlug seine gute Laune plötzlich um, sobald die Klingel ertönte, und wurde gar übel, als er den Stadtdiener mit dem Fremden erblickte.

Wen bringt Ihr da? fragte er.

Einen Mordverdächtigen! rief ihm der Polizist halblaut entgegen. (Es sollte geflüstert sein.) Bringt ihn in die feste Stube!

Damit setzte der Sprechende dem Handwerksburschen den Hut auf, der ihm heruntergefallen war, als er, durch die Thür geschoben, an die unterste Stufe der Treppe anstieß, und verließ kurzen Grußes das Haus. Der Spittelmeister hielt dem Gaste die Laterne ins Gesicht und erkannte auf den ersten Blick einen Fieberkranken. Er faßte ihn kräftig unter den Arm und führte ihn, nicht die Treppe hinauf, sondern daran vorbei durch einen schmalen Gang, dann mit einer Wendung einige Stufen hinab, wie wenn es in den Keller ginge, hierauf in einen neuen Gang, länger als der erste und in der Richtung der Hausfront – endlich war die feste Stube erreicht. Die feste Stube war ein kleines Gelaß hinten hinaus in den Kanal. Die beiden Fenster waren mit dicken Eisengittern versehen, die Thür mit einem schweren, umständlichen Schloß. Beides erinnerte an eine Gefängniszelle. Die feste Stube war für gefährliche Kranke bestimmt, für Verbrecher oder Wahnsinnige. Zuletzt hatte man den Schnapsphilipp hineingesperrt. Er hatte das Delirium bekommen und wollte die Kinder seiner Schwester, bei der er wohnte, umbringen. Von drei starken Männern wurde er überwältigt, an Händen und Füßen gebunden und auf einem Karren ins Spital geführt. In der festen Stube ist er darauf eines greulichen Todes gestorben. Man erzählte sich im Städtlein, der Branntwein habe sich inwendig in seinem Leibe entzündet, aus Mund und Nase hätten die blauen Flammen herausgeschlagen, so sei der Arme unter schrecklichem Gebrüll lebendig verbrannt. Das war gestern nacht geschehen. In diese Stube wurde unser Handwerksbursche geführt. Vom Schnapsphilipp her war noch alles für einen Gast gerichtet. Nur das Bett mußte teilweise erneuert werden, da der Deliriumkranke Kopfkissen und Leintuch zerrissen hatte. Der Spittelmeister zog den Handwerksburschen, der auf der Schwelle zusammengesunken war, bis aufs Hemd aus, legte ihn zu Bett, schloß die Thür ab und ging zur Ruhe.

Bald nach Mitternacht wurde er von seiner Tochter geweckt. Ihr Zimmer ging hinten hinaus, und da vor einem halben Jahre ihr Schatz beim Eisbrechen ertrunken war, konnte sie des Nachts lange nicht einschlafen. Sie klopfte ihrem Vater und rief ihm in die Schlafstube, der Mensch unten müsse sehr krank sein, er lache, weine und singe durcheinander.

Er wird heute nacht nicht gerade sterben, rief ihr der Spittelmeister zu, morgen früh kommt der Herr Amtsarzt doch; es wird noch so lange Zeit haben.

Der Vater hat recht, dachte die Tochter und ging wieder in ihr Zimmer. Als sie die Thür aufmachte, klangs ihr vom offnen Fenster her leise und schaurig entgegen. Sie beugte sich in die Nacht hinaus und lauschte. Es waren Worte einer Sprache, die sie nicht verstand. Aber die Weise, in der sie gingen, war verständlich. Das war so traurig und heimwehschwer, daß sie an ihren toten Schatz drunten in der kalten Flut denken mußte. Aber bald weilte ihr Sinnen wieder bei dem Kranken. Er hatte aufgehört zu singen; eine Weile war es still; dann begann ein leises Zischeln und Murmeln, zwischen hinein helles Gelächter oder hastige Worte, sodaß es dem Mädchen bange wurde. Wenn der arme Mensch nur schwitzen könnte, dachte sie, und sogleich folgte diesem Gedanken der andre: ich will ihm Thee kochen. Nach einer Viertelstunde kam sie aus der Küche mit einem großen Topfe dampfenden Fliederthees zur Stube herein. Sie wollte noch einmal horchen, ehe sie hinunterging. Der Kranke sang dieselbe Weise wie vorhin, nur viel leiser und weicher; zuletzt flüsterte er nur noch. Da gingen dem Mädchen die Augen über. Mit dem Rücken der Hand wischte sie die Thränen ab, lief noch einmal in die Küche und holte aus dem Schranke ein viertes Stück Zucker, das sie in den Topf warf, um ihren Thee recht süß zu machen. Das that sie aus Mitleiden. Und dann lief sie hinab, an der Totenkammer vorbei, wo der Schnapsphilipp lag, aber es graute ihr nicht. Bevor sie den Riegel der festen Stube zurückschob, lauschte sie. Sie vernahm keinen Laut als das Rauschen des Kanals. Als sie auf die Klinke gedrückt, lauschte sie noch einmal; dann öffnete sie beherzt. Der Schein ihrer Laterne fiel hell auf das Lager. Der Handwerksbursche hatte sich gegen die Wand gekehrt und schien zu schlafen. Das Mädchen sah von ihm nichts als einen Schopf roter Haare. Als sie das so recht anschaute, wallte ihr das Herz über. Sie stellte den Topf auf den Boden und preßte beide Hände auf die Brust. Es war ihr, als sehe sie ihren toten Schatz. Er hatte auch rote Haare gehabt, und gerade so lag er, nachdem sie ihn am dritten Tage aus dem Wasser gezogen hatten, auf dem Bette seiner Eltern. Sie hatten ihn auch gegen die Wand gekehrt, damit sie sein blaues Gesicht nicht sehen sollte. – Das starke Mädchen hatte sich gefaßt. Sie raffte den Topf vom Boden und sagte: Ich habe Euch hier Thee gebracht! Keine Antwort folgte. Sie wiederholte die Worte, leiser, und doch wollte sie lauter. Der Kranke schien fest eingeschlafen zu sein. Er regte sich nicht. Es war ihr lieber so. Sie fürchtete, wenn er den Kopf hebe, in das blaue Totengesicht ihres Schatzes zu schauen. Rasch legte sie das Deckbett, das der Kranke auf den Boden geworfen, auf den Teppich, der ihn verhüllte, schob den einzigen Stuhl ans Bett, stellte ihren Topf darauf und schlich zur Thür hinaus. Noch lange horchte sie droben am Fenster, und als der Mond aufging und gerade zwischen die beiden Mauern in den Kanal hineinschaute, sodaß sich, wo vorhin unbekanntes Grauen in der Finsternis verborgen schien, die bekannten Bilder des Tages zeigten, da schloß sie mit einem herzlichen Gebet das Fenster, legte sich stille zu Bett, und im Nu war sie eingeschlafen.

In aller Frühe machte sich der Spitalvater auf die Beine, nach seinem Patienten zu schauen. Er fand ihn noch in der Lage, die gestern nacht seine Tochter so sehr an ihren toten Schatz erinnert hatte. Guten Morgen! rief er, bekam aber keine Antwort. Er rüttelte den Schläfer an der Schulter, zuerst leise, dann stärker. Dieser erwachte nicht. Darauf wandte er ihn um, sodaß er auf den Rücken zu liegen kam, und sofort ging ihm ein Licht auf. Dies blaublasse, geschwollne Gesicht mit den gebrochnen Augen war das Antlitz eines Toten. Der Spittelmeister fühlte ihn an. Die Stirn war kalt, der Puls stand still. Der Fremde war in der Nacht gestorben.

Das trifft sich geschickt, sagte der Untersuchende vor sich hin. Heute morgen fährt ja doch der Knecht mit dem Schnapsphilipp nach Freiburg auf die Anatomie; da kann er den da auch gleich mitnehmen.

Die Leichen wurden nämlich gut bezahlt, und der Betrag fiel in den Spitalfonds. Dem Spittelmeister aber als einem tüchtigen Manne lag das Gedeihen der Anstalt, in der er wirkte, am Herzen. Sorgfältig schloß er die Thür wieder zu, und es war doch keine Gefahr mehr vorhanden, daß der Mordverdächtige ausbreche. Er meldete persönlich den Todesfall auf dem Standesamte an. Nach einer Stunde kam der Leichenprokurator. Inzwischen hatte der Amtsarzt den durch einen Gehirnschlag erfolgten Tod konstatiert. Der Prokurator nahm die hinterlassenen Habseligkeiten auf. An Barschaft fanden sich siebzehn Pfennige vor. Sonst enthielten die Taschen noch mehrere Stücke alten Brotes. Hosen und Rock waren sehr defekt, desgleichen die Stiefel. Strümpfe und Weste waren nicht vorhanden. Dagegen hatte der Tote noch ein Hemd an, aber auch dieses stellte sich bei näherer Besichtigung als schadhaft heraus.

Für alles miteinander giebt der Trödler nicht mehr als vier Mark, meinte der Prokurator. Für diesen Bettel kann der Leichnam von der Stadt kein Begräbnis verlangen, besonders da er ortsfremd ist.

Der geschäftskundige Mann hatte recht; das hätte der Leichnam selber, wenn er die städtische Beerdigungsordnung hätte studieren können, zugeben müssen. Denn nach dieser wurden nur Einheimische umsonst begraben. Die nächst niedere Klasse der Beerdigung erforderte vierundzwanzig Mark, und dabei gingen noch Pfarrer und Küster leer aus.

Während so der Prokurator überschlug, war der Spittelmeister zu ihm getreten.

Das giebt etwas für die Studenten! sagte der Prokurator. Ich will Euch gleich einen Sack schicken und ihn einnähen lassen.

Bald nachdem er weggegangen war, kamen seine Untergebnen, die Leichenmänner. Des Spittelmeisters Tochter wollte gerade die Treppe hinunter, um den armen Menschen, dem sie in der Nacht Fliederthee gekocht hatte, noch einmal zu sehen. Aber als sie die Leichenmänner zur Hausthür hereinkommen sah, kehrte sie wieder um. Das waren die einzigen Menschen in der Welt, vor denen sie sich fürchtete; nicht vor ihrem Aussehen – das war zwar traurig genug mit den abgeschossenen schwarzen Mänteln und den zerdrückten schäbigen Cylinderhüten, aber es war doch nicht schrecklich; auch nicht vor ihrem Geschäfte – es ist zwar eins, an das man nicht gern denkt, aber immerhin ist es auch notwendig in der Welt. Sie fürchtete sich vielmehr vor ihren Händen. Sobald sie einen Leichenmann erblickte, mußte sie ihm auf die Hände sehen, und dann überkam sie ein Grauen. Das hatte seinen besondern Grund. Als man aus Versehen die Thür offen gelassen hatte, hatte sie zugeschaut, wie die Leichenmänner mit ihrem Schatze wirtschafteten. Seit dieser Zeit fürchtete sie sich vor den Händen, die mit toten Menschen ebenso umgingen wie die Hände des Schneiders mit einem Rock.

Kaum war sie wieder oben in der Wohnstube, so rief es von unten: Spittelmeister!

Da ihr Vater gerade im Stall war, um nach dem Planwagen zu sehen, der die beiden Leichen nach Freiburg führen sollte, ging sie halbwegs hinunter und fragte von der Treppe, was verlangt werde.

Kommt rasch herunter, Jungfer, wir haben da etwas gefunden!

Widerstrebend folgte sie dem Rufe. Als sie in den Gang einbog, der zu der festen Stube führte, gewahrte sie, wie einer der Leichenmänner aus der Thürspalte seinen schwarzbekleideten Arm herausstreckte. Es graute ihr, nach der Hand zu schauen, aber ihr halber Blick hatte doch schon bemerkt, daß sie etwas Rotes hielt.

Da, dies hat er unter dem Hemd auf der Brust getragen, rief der Mann heraus.

Das Mädchen überwand sich und schaute hin. Es war eine Korallenkette, so fein und schön, wie sie noch nichts gesehen hatte. Sie nahm die Schürze in die Hand und griff darnach.

Ich wills dem Vater bringen, sagte sie, und im Gehen wandte sie sich noch einmal um: Der Tote kommt nicht auf die Anatomie, er wird ehrlich begraben, dies Ding da ist wertvoll, ruft euern Meister!

Es geschah, wie sie gesagt hatte. Bald erschien der Prokurator zum zweitenmal und gab neue Anordnungen. Der Sack, in den der Leichnam eingenäht werden sollte, wurde fortgetragen. An dessen Stelle kam bald ein ordentlicher Sarg. Der Kirchendiener wurde benachrichtigt, und nach Besprechung mit dem Pfarrer die Begräbniszeit festgesetzt. Der Leiche sollte die niederste Klasse der Beerdigung für Ortsfremde zu teil werden. Die Habseligkeiten mit der Kette behielt die Stadt als Pfand zurück, um sie entweder nach Erstattung der Kosten den Angehörigen des Verstorbnen auszufolgen oder aber, wenn in der Heimatsgemeinde keine Angehörigen aufgefunden würden oder die Aufgefundnen sich ihres Verwandten nicht annähmen, Kleider und Kette zu veräußern und den erhaltenen Betrag nach Abzug der Kosten zum Spitalfonds zu schlagen. Ein Trödler hatte erklärt, für die Kette sofort fünfundzwanzig Mark zu geben; so war die Stadtgemeinde sicher gestellt.

Während die verschiednen Gänge gemacht wurden, um all dies zu ordnen, war des Spittelmeisters Tochter mit der roten Kette hinüber ins Pfarrhaus gesprungen. Seit dem Tode ihres Schatzes suchte und fand sie dort Zuspruch. Diesmal bezweckte ihr Besuch ein Zwiefaches. Sie wollte zunächst den Pfarrer als Beistand gewinnen, daß der arme Mensch nicht auf die Anatomie käme. Ja, wenn er noch allein hätte fahren dürfen! Aber daß einer, der rote Haare hatte wie ihr toter Schatz, mit dem Schnapsphilipp auf einem Wagen liegen sollte, das schnitt ihr durchs Herz. Außerdem aber plagte sie auch ein wenig die Neugierde, denn auf dem goldenen Schloß der Kette standen Worte einer Sprache, die sie nicht verstand.

Aus der verwirrten Erzählung des Küsters, der seinen Bericht mit der schmerzlichen Verwunderung begonnen hatte, daß der Trödler für das vornehme Kleinod nur fünfundzwanzig Mark geben wolle, hatte der Pfarrer sich den Vorfall zusammengereimt, sodaß ihm das Mädchen wenig neues mehr erzählen konnte. Ein reisefröhlich Herz war ihm geschenkt. Er hatte es Bergluft und Heideduft, Meeresdunst und Waldwürze atmen lassen. Land und Leute hatte er gesehen, ihr Wesen und Sprechen mit Liebe erforscht. Jetzt hatte er gerade den Erlaubnisschein zur kirchlichen Beerdigung vor sich liegen, und seine Gedanken weilten bei dem vaterlosen Handwerksburschen Olaf Hansen, der so verlassen hatte sterben müssen, und bei seiner Mutter, der Christierna Hansen in Kopenhagen. Mit Interesse hörte er dem Mädchen zu, als es erzählte, wie es in der Sterbestube unten so lieblich geklungen habe, während gestern die Seele des Schnapsphilipp unter schrecklichem Gebrüll dahingefahren sei. Er beruhigte die Erregte und zeigte ihr schwarz auf weiß, daß der Gestorbne ehrlich begraben werde wie ein Christenmensch, und nicht in den Winkel, sondern in die ordentliche Reihe der Erwachsenen. Dann betrachtete er aufmerksam die Kette, die das Mädchen ihm eingehändigt hatte. Er geriet in Staunen über die blaßrote, schöne seltene Farbe der Korallen, über ihren eigentümlichen Schliff, über das schwere goldne Schloß und die sparsamen kräftigen Verzierungen daran. Er sah sogleich, daß es aus einer Gegend stamme, wo das Material billiger ist als die Kunst, es zu verarbeiten. Und richtig, die Worte auf dem Schlosse waren nicht dänisch. Auf der einen Seite stand der Name einer brasilianischen Stadt, auf der andern ein Gruß, wie ihn der portugiesische Fischer hinter der großblätterigen Rebe seiner Winzerin zuflüstert, wie ihn am Ufer des rauschenden Marannon die heiße Kreolin mit dem geliebten Knaben tauscht, ehe sie ihn aus ihren Armen entläßt. Auf der Rückseite stand mit einer spitzen Gabel oder einer Schere ins Metall eingekratzt: »Kjöbenhavn 1860.«

Das hat er wohl von seiner Braut! sagte die Tochter des Spitalvaters.

Schwerlich, erwiderte der Pfarrer, dahinten steht die Jahreszahl 1860. Damals war der Bursche noch nicht auf der Welt, er ist erst neunzehn Jahre alt. Ich vermute, daß ihm seine Mutter diese Kette mitgegeben hat.

Und diese bekam sie im Jahre 1860 von ihrem Schatz! rief das Mädchen und errötete, denn sie hatte wohl erfahren, daß der Verstorbne keinen Vater vor der Welt hatte.

Möglich, meinte der Pfarrer. Trage jetzt die Kette deinem Vater zurück, daß er sie aufs Rathaus bringe!

Das Mädchen hatte des Pfarrers eigne Vermutung ausgesprochen. Wie er allein war, ging er in lebhaften Gedanken im Zimmer auf und ab. Er kannte Kopenhagen, die Königin der Ostsee. Es war ihm, als ob er erst gestern dort gewesen wäre, so deutlich standen ihm der Erlöserturm und die Christiansburg vor Augen. Er durchwanderte noch einmal die Straßen, die Quais, die Kirchenhallen und Säle; aber nichts andres kümmerte ihn dabei, als nur die Christierna Hansen, die Mutter des toten Dänen, zu finden. Wo sollte er sie suchen? dort oben in dem Dachkämmerchen, im fünften Stock der Mietkaserne? Sitzt sie dort über die Nähmaschine gebeugt, jahraus jahrein, bis ihr Rücken krumm, ihr Auge blind und ihr Gedanke blöde wird? Oder ist sie dort die behäbige Photographienverkäuferin vor dem Eingang zum Thorwaldsenmuseum, mit der dicken Kette über der hohen Brust und dem falschen Lockenbau auf dem Kopfe? O, lieber nicht! Soll ich sie in der Frauenkirche suchen unter den Weiblein des Wochengottesdienstes? Hat sie dort auch ihren bestimmten Platz und fehlt nie, denn sie muß für ihren Olaf zum lieben Gott beten? Weilt sie in einem der verlornen Gäßchen. der großen Stadt unter den Weibern in wüstem Anzug, die vor den Hausthüren auf dem Pflaster sitzen, Tabak kauen, Branntwein trinken und freche Lieder singen? Oder ist sie unter den Orangenhändlerinnen am Hafen, die vor Abgang der Dampfschiffe aufs Verdeck kommen und ihre lockenden Waren ausrufen? Es sind freundliche Mütterchen darunter. Ja, unter diesen möchte ich sie am liebsten suchen. Von morgens früh bis abends spät steht sie hinter ihrem Tische auf dem Quai und preist den Vorübergehenden ihre Südfrüchte und Blumen an. Sobald ein abgehendes Dampfschiff die Landungsbrücke auslegt, ist sie die erste an Bord, und dem saubern Frauchen kaufen alle gern Orangen ab. Ihr Handel blüht. In ihrem Stübchen zu Haufe ists behaglich. Ihr größter Stolz aber sind die Hemden und Strümpfe, die Wämser und Taschentücher, die sie für ihren Olaf im Kasten hat. Schon ist ein Paket gepackt und bedarf nur noch der Adresse. Sie wartet von Woche zu Woche auf Nachricht, damit sie ihren Gruß dem Sohne in die ferne Schweiz senden könne. Wie freut sie sich jetzt schon auf die Rückkehr ihres Olaf! Er wird als tüchtiger Kürschner ein eigen Geschäft gründen und reich werden, sodaß die Leute den Hut vor ihm ziehen wie vor dem Kürschner Petersen in der Gothersgade. So oft sie einen deutschen Kursdampfer anlegen sieht, stellt sie sich vor, wie es sein wird, wenn sie ihn erwartet. Er steht hoch oben auf der Kommandobank, denn der Kapitän erlaubt ihm dies, und sie erkennt ihn, wenn das Schiff noch ganz fern ist, und nichts als Rauch und Wimpel zu sehen sind – sie erkennt ihn an seinen Haaren. Zwar giebts viele Rothaarige hierzulande, aber so flammend rot wie ihr Olaf ist keiner. Ja doch, einer war auch so, aber der ruht, wills Gott, tief unten auf dem Grund des Meeres. Vor achtzehn Jahren hat sie auf ihn täglich am Hafen gewartet, auf den Untersteuermann Olaf von dem Westindienfahrer »Willemoes.« Der »Willemoes« kehrte zurück, aber der Steuermann Olaf nicht. Er hatte auf der Habana einen andern Dienst gesucht, sonst war nichts mehr von ihm zu erfahren. Ist er am Leben, so kommt er gewiß, sagte sie damals. Hatte er ihr nicht am letzten Abend, an dem sie zusammen getanzt hatten, die Korallenkette, die er in Bahia gekauft hatte, kosend um den Hals geschlungen? Hatte er ihr nicht in jener Nacht die Ehe versprochen? Und trug sie nicht ein Söhnlein von ihm auf dem Arm, dem Vater so ähnlich, wie aus dem Gesicht geschnitten, mit feurig roten Haaren? Geduldig wartete sie Monat für Monat und schlug die Hand eines braven Bewerbers aus, der sie trotz ihres Kindes zum Weibe begehrte. Als fünf Jahre vergangen waren, befiel sie eine drückende Angst, eine verzehrende Ungeduld; sie war dem Wahnsinn oder dem Sterben nah. Da brachte ein Ereignis die Krise. Sie stand einst spähend am Hafen, als ein kleiner schwedischer Schoner einfuhr. Er kam von Hernösand und hatte Renntierfett geladen. Hier suchte sie ihren Olaf nicht. Und doch, leuchteten dort nicht die roten Haare? Er ists, er ists! Sie nahm ihren Buben an der Hand und lief an die Landungsstelle. Nach langem Lavieren legte das Schiff an. Ja, er muß es sein, das sind die Haare, wie sie nur mein Bub noch hat! Schon saß sie in einem Boote und ruderte kräftig dem Schiffe zu. Verwandte an Bord! Mein Mann an Bord! rief sie hinauf. Die Strickleiter rauschte herunter. Zu langsam, viel zu langsam! Christierna setzte den Fuß auf, drückte ihren Knaben mit starkem Arm an die Brust, hielt sich mit der andern Hand an der Leiter, und nun gings hinauf wie der Wind!

Wer ist Euer Mann? fragten die Leute, die sie verwundert umstanden. Es waren Norweger.

Dort der! rief sie und wies auf den Gesuchten, der, ihr den Rücken kehrend, sich teilnahmlos über das Bugspriet beugte.

Der rote Hund? rief einer der Matrosen lachend.

Sie hörte es nicht, riß ihren Knaben am Arm und sprang auf den Mann am Bugspriet zu. Olaf, Olaf, das ist dein Kind!

Da wandte sich der Mann um, schaute die Frau stier an, stieß einen schrecklichen Fluch aus und schleuderte mit dem Fuß den Knaben hinweg. Fort, verdammter Balg!

Still fuhr Christierna mit ihrem Buben zurück. Das war dein Vater nicht, sagte sie zu ihm. Sie sagte es langsam und mit eigentümlicher Betonung, Als sie in das vertierte, blutrünstige, aufgelaufne Gesicht schaute, da stand sie entsetzt; das ist mein Olaf nicht, sagte sie zu sich selbst. Ruhig, ohne ein Wort zu sagen, wäre sie mit ihrem Kinde von dannen gegangen, auch ohne den wilden Fluch und den Fußtritt. Je länger sie darüber nachdachte, desto klarer wurde ihr: das war mein Olaf nicht. Der war ja schon Untersteuermann damals und müßte jetzt lange Kapitän sein. Der schreckliche Mensch aber war gemeiner Matrose und trug das Sträflingszeichen eingebrannt auf der Stirn. Es wurde ihr ein Glaubenssatz, daß ihr Olaf als Kapitän ertrunken sei, und zu ihren Nachbarinnen pflegte sie zu sagen: Mein Mann ruht, wills Gott, auf dem Grunde der See. An jenem Tage aber nahm sie die Korallenschnur von ihrem Hals und legte sie in ihre Kiste. Als sie ihren Sohn auf die Wanderschaft entließ, holte sie den Schmuck, streifte ihn über das geliebte Haupt und nestelte ihn unter das steife Hemd. Trag ihn, Olaf, er stammt von deinem Vater her. Bring es auch einmal so weit wie der! Vom Schiffsjungen brachte ers zum Kapitän. Er führte einen Westindienfahrer und ist mit dem irgendwo dort gescheitert. Jetzt ruht er, wills Gott, auf dem Grunde der See. – – Arme Christierna! Ob der Halsschmuck wieder in deine Hand kommen wird? Er hat wieder gut gemacht, was er dereinst gesündigt hatte. Der Mutter Gebet hat den Fluch in Segen verwandelt. Mit den roten Korallen hub vielleicht die Geschichte des Lebens an, das heute nacht ausgelöscht ist; und jetzt retten sie den Toten vor der Säge des Anatomiedieners.

Der Pfarrer ging längst nicht mehr auf und ab. Er stand in tiefen Gedanken am Fenster. Als er des Toten gedachte, sah er den Erlaubnisschein zur kirchlichen Beerdigung an und mußte lächeln. Wer hat mir doch diese Geschichte erzählt? murmelte er. Jetzt kennen wir uns, Christierna Hansen – armer Olaf!

Der Kirchendiener klopfte an die Thür.

Ist es schon Zeit?

Ja, es läutet schon.

Der Meßner half dem Pfarrer beim Anlegen seines Amtsgewandes und geleitete ihn zum Spital. Der Leichenwagen stand vor der Thür. Soeben wurde der Sarg eingeschoben. Die Leidtragenden waren zum Folgen bereit. Es waren die Stammgäste des Spitals.

Da war der »Dode,« ein Taubstummer mit einem Arm. Er hatte eine einzige Leidenschaft, das waren Cylinderhüte, und da er ein gutmütiger Mensch war, wurden ihm alle alten Cylinderhüte in der Stadt geschenkt. Er besaß darum einen so großen Vorrat an solchen, daß er zuweilen bei Leichenbegängnissen das ganze Trauergefolge versehen konnte. Und er war stets bereit dazu, denn ein Mensch, der bei einer Feierlichkeit dieses Hauptschmuckes entbehrte, war ihm ein unerträglicher Anblick.

Neben ihm stand der »Lützeli-Karl.« Das war der Ortsnarr. Das Bezirksamt hatte einmal darauf gedrungen, daß er nach der Irrenanstalt komme; aber das Städtlein konnte ihn nicht entbehren. Obgleich er schon nahe an fünfzig Jahren war, trug er sich doch noch mit dem Gedanken, Pfarrer zu werden. Das Predigen war seine Leidenschaft, und er übte es unverdrossen überall aus. Seine Vorbilder waren die Kanzelgrößen des Städtleins und der Nachbarschaft. Um mit dem Leichtesten zu beginnen, lernte er ihnen zunächst die Gesten ab, die er denn auch meisterhaft nachahmte.

Hinter diesem Paare stand ein andres. Da war zunächst der »Pfetterich.« Schon dreimal hatte man ihn nach der Kreispflegeanstalt gebracht, aber jedesmal war er wieder nach kurzer Frist im Städtlein angelangt, denn er könne, sagte er, die Pflege des Spitalvaters nicht entbehren. Er war der Sohn eines Schmiedes. Ein vornehmer Herr, dessen Rößlein der Vater beschlagen hatte, hatte ihn über die Taufe gehoben. Trotzdem war er etwas dämlich geblieben. All sein Stolz und Ruhm war der Taufpate oder »Pfetterich,« der nichts mehr von sich hatte hören lassen. Er hielt es für eine Entwürdigung dieses Paten, wenn er arbeitete, und ließ sich vom Spitalvater verpflegen. Jeden Fremden aber, der ins Städtlein kam, fragte er, ob er nicht sein Pfetterich sei, und beanspruchte dann infolge dieser usurpierten geistlichen Verwandtschaft ein Trinkgeld. Wenn der Fremde ihn erstaunt fragte: Ein Trinkgeld? Wofür denn? gab er die Erläuterung: Für um einen Schoppen zu trinken.

Neben dem Pfetterich stand der »Rapp.« Das war ein Krüppel mit einem Stelzfuß und zwei Krücken. Beim Birnenstehlen hatte er den Fuß verloren und soll bei dieser Gelegenheit den Vers gedichtet haben:

Ab ist ab,
Morsch ab,
Plumps, da liegt der
Schorsch Rapp.

Er schnitzte für die Haushaltung des Spitalvaters alle Jahre zwei Kochlöffel. In der Zwischenzeit reiste er auf einem Wägelein, das er selber treiben konnte, bettelnd die Kirchweihen ab.

Auch eine weibliche Person gab dem Handwerksburschen das letzte Geleite. Das war die »Lies.« Sie hatte nicht recht sprechen gelernt und war infolge der vielen Lautiermethoden, die man bei ihr versucht hatte, auch etwas dumm geworden. Im Sommer trug sie Beeren, im Winter Kienspäne feil. Weil der Pfarrer sie einigemal im Spital besucht hatte, erzählte sie im Städtlein, er werde sie heiraten (der Pfarrer war nämlich noch ledig), und sie hielt es nun für ihre Pflicht, keine Gelegenheit zu versäumen, ihm ihre Gewogenheit zu offenbaren. Sie ging mit jeder Beerdigung, dem Pfarrer zulieb. Ich bins ihm schuldig, pflegte sie zu sagen.

Sobald der Pfarrer vor dem Spital angelangt war, ordnete sich der kleine Zug. Der Lützeli-Karl ging willig an seinen Platz, denn er hatte soeben seine Predigt vollendet. Dagegen mußte der Dode mit Gewalt von der Lies auf die schuldige Ehrfurcht vor dem Herrn Pfarrer aufmerksam gemacht werden. Der Kutscher auf dem Totenwagen war nämlich im gewöhnlichen runden Kutscherhut erschienen; er hielt dies bei einem Ortsfremden für genügend. Diesen Unfug konnte der Dode nicht mit ansehen. Flugs holte er einen seiner Cylinderhüte herunter und nötigte ihn dem Kutscher auf. Nachdem dies besorgt war, äußerte er noch pantomimisch seine Mißbilligung über das Vorkommnis, bis ihn die Lies am Ärmel zupfte und auf den Herrn Pfarrer zeigte.

Jetzt also ordnete sich der Zug. Hinter dem Leichenwagen ging der Pfarrer mit dem Meßner, dann kam der Dode und der Lützeli-Karl, hierauf der Pfetterich und der Rapp, den Schluß bildete die Lies. Die Pferde hatten gerade angezogen, als aus dem Hofthore des Spitals, das in eine Seitengasse mündete, ein Wagen herausfuhr. Er bog so rasch um die Ecke, daß der Leichenkutscher seine Rosse zurückhalten mußte, damit die beiden Gefährte nicht zusammenstießen. Es war der Planwagen des Spittelmeisters, mit einem grauen Tuch überzogen. Der Knecht saß vorn auf einem Brette, das quer über den Wagen gelegt war. Er hatte sich nach rückwärts gewendet, einigen Bürgern zu, sodaß er den Leichenzug nicht gewahr werden konnte. Indem er den linken Daumen der Nase näherte und dann auf den Wagen wies, machte er nicht mißzuverstehende Geberden, sodaß die beiden Bürger in weitem Bogen um den Wagen herumgingen und sich zuraunten: Der Schnapsphilipp! Der Knecht bog sich noch weiter zurück und rief den beiden zu: Wenn der da drinnen wüßte, daß er nüchtern nach Freiburg müßte, würde er sich im Sack herumdrehen! Diesen Worten nickten der Pfetterich und der Rapp Beifall. Darauf hieb der Knecht auf seine Gäule, sie zogen an, und der Leichenzug wurde wieder frei. Der Pfetterich aber wandte seinen Kopf und schaute dem davonrasselnden Wagen nach. Er sah, wie der Knecht sofort wieder anhielt und mit zwei reisenden Gesellen verhandelte; er hörte, wie diese fragten, wohin die Landstraße führe, und ob sie aufsitzen dürften, und schaute mit steigendem Interesse zu, wie die beiden Burschen auf den Wagen stiegen und sich rechts und links vom Knechte auf das Brettlein setzten. Erst als der Wagen verschwunden war, beeilte sich der Pfetterich, neben seinen Nachbar zu kommen.

Die Andacht der Leidtragenden sollte noch einmal gestört werden. Aus einem großen Hause, in dem eine fromme Dame wohnte, kamen zwei Handwerksburschen heraus, gleichfalls zwei von denen, die dem Dänen gestern vorausgelaufen waren. Ein jeder trug ein Neues Testament mit Goldschnitt in der Hand. Sie zeigten sich lachend ihr Geschenk und verglichen es gegenseitig. Der Pfetterich hatte den Zug verlassen und war neugierig stehen geblieben. Die beiden kamen auf ihn zu und fragten ihn nach einem Trödler. Der Pfetterich gab ihnen Bescheid. Seine Frage nach der Patenschaft unterließ er zwar diesmal, aber um ein Trinkgeld bat er doch und fügte, da es eilte, sogleich die nähere Erklärung hinzu. Die Burschen lachten, jeder gab ein Paar Kupfermünzen, und der Pfetterich eilte vergnügt dem Trauerzuge nach.

Er hatte sich schon wieder zu seinem Genossen, dem verkrüppelten Rapp, gesellt, als das dritte Abenteuer die kurzweilige Leichenfeier störte. Aus einem Bauernhöfe kam ein Handwerksbursch, auch einer von denen, die gestern abend im Goldnen Knopf gezecht hatten, und hinter ihm drein der zweite Polizeidiener des Ortes. Dieser trug den Säbel an der Seite, in der Hand aber einen Pferdezaun und ein Paar Stiefel, wahrscheinlich die corpora delicti. Das ist ein Spitzbub, sagte die Lies so laut, daß es der ganze Zug hörte, und diesmal wäre fast die gesamte Begleitung mit Ausnahme des Pfarrers und des Meßners stehen geblieben. Aber die Lies erinnerte sich ihrer hohen Bestimmung. Ich bins dem Pfarrer schuldig, dachte sie und drängte einen nach dem andern durch milde und ernste Worte an seinen Platz zurück.

Jetzt war der Kirchhof erreicht, und jetzt das Grab. Der Sarg wurde in die Tiefe gelassen. Der Pfarrer hob an. Das Herz war ihm voll, und das Wort drängte sich ihm auf die Lippen: So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Bürger mit den Heiligen und Gottes Hausgenossen. Aber als er seine Gemeinde anschaute, da wollten ihm die Töne auf der Zunge ersterben. Doch dachte er, der Meßner ist da, das ist ein vernünftiger Mensch. Aber als er diesen anschaute, begegnete er einem so unsäglich gedankenlosen Gesicht, daß die Worte in den Schlund zurückflohen. Da rauschte es ihm zur Seite. Er schaute dorthin und sah des Spittelmeisters Tochter hinter einem Rosenbusche stehen. Sie hatte ihr Nachtmahlskleid angezogen, Thränen blinkten in ihrem Auge, Das war eine Leidtragende. Er schaute sie an und sprach, wies ihm ums Herz war, nach dem, was er wußte von Christierna Hansen in Kopenhagen und ihrem Sohne Olaf. Des Spittelmeisters Tochter hat alles verstanden.

Eine Stunde später, als der Pfarrer seinen gewöhnlichen Spaziergang machte durch den Kirchhof ins Wiesenthal, fand er das Grab schon zugeschüttet. Ein hölzern Kreuz steckte in der losen Erde, und an dem Kreuze hing ein Kranz von blaßroten Glasperlen. Der Pfarrer wußte, von wem Kreuz und Kranz herrührten.








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