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Der Gwissenswurm

Ludwig Anzengruber: Der Gwissenswurm - Kapitel 34
Quellenangabe
typecomedy
booktitleDer Gwissenswurm
authorLudwig Anzengruber
year1986
publisherPhilipp Reclam jun.
addressStuttgart
isbn3-15-000215-X
titleDer Gwissenswurm
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1874
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Sechste Szene

Grillhofer und Liesel.

Liesel (kommt vor, frisch). Jo, wir habn schon a Kreuz miteinander ... (Da sie Grillhofer näher ins Auge faßt.) Um Gotteswilln, Bauer, was is der denn?

Grillhofer. Nix, nix, Dirndl, triffst mich grad, wie ich nach meiner neuchen Wohnung ausschau.

Liesel. Gfreut dich dein alte nimmer? (Sieht hinaus.) Wo zu willst denn hinbaun?

Grillhofer (hinausdeutend). Siehst! Siehst! Durt, wo die Kreuzeln herschimmern.

Liesel. Am Freithof? Geh zu, was kümmert dich der Freithof? Dö er angeht, dö wissen nix davon, und dö davon wissen, dö geht er nix an! Schau lieber, wie heunt dö Stern funkeln und 's Mondschein leucht. Bin hizt durch'n Wald hergfahrn, im Gezweig habn dö Johanneskäferln ihr Gspiel triebn und über der stillen Nacht is der ganze Himmel voll Lichter glegn. Und wann ma so hinaufschaut, wie's leucht und funkelt über der weiten Welt, da is ein, als ziehet's ein d' Seel aus der Brust und reichet dö weit über d' Erd in sternlichten Himmel h'nein.

Grillhofer. O jo – wohl – wohl – wonn mer holt no a freie Seel hat!

Liesel (ermutigter). No geh, Bauer, tu net so verzagt, dö deine wird a no keiner am Strickl führn; laß dir hizt von meiner Mahm verzähln, daß d' auf andere Gedanken kimmst! – Denk dir, dö Mahm leidt's net, daß d' dein Hof weggibst!

Grillhofer (erstaunt). Dein Mahm, dö alte Horlacherin, leidt's net? Dös is bsunders! (Steht auf.)

Liesel. Gelt ja!

Grillhofer. Dö leidt's net! No möcht ich doch wissen ...

Liesel. Na siehst, wann d' es wissen möchst, mußt d' mich schon anhörn. – Geh, ich führ dich.

Grillhofer. A na – na – konn schon no selber gehn. (Geht, von Liesel geleitet, zum Sorgenstuhl, setzt sich.) No, so verzähl halt! Hätt net denkt, es verinteressieret mich noch was, aber dös is doch bsunders – – ja, ganz bsunders!

Liesel. Nöt wahr? Dös find ich a! Is a gscheits Weib sunst, die Mahm – mirk a nix, sie war af amal irr wordn, aber da kenn ich mich a neamer mit ihr aus! – Also ich kimm z' Haus, sag ihr, du hättst mich ausgjagt, hoaßt s' mich a ungschickte Gretl; wie ich aber sag, du wölltst wohl morgn mit 'n Dusterer nach der Kreisstadt fahrn, ihm 'n Hof übergebn, da war's aus, no gleich hat der Müller einspannen müssen, gegen Geld und gute Wort, herfahren hab ich müssen, daß ich.ja vor der Fruh da bin – umarmt und bußt hat mich die Mahm beim Wegfahrn, als wann a Abschied auf ewige Zeiten war! Und gar no ein Brief hat s' mir gschriebn.

Grillhofer. Dir?

Liesel. Jo, an dich!

Grillhofer. Ah so, no, so gib. Dös kimmt allweil verwunderiger!

Liesel (zieht den Brief aus ihrer Joppe). Und ich sollt machen, daß d'n heunt no les'st, und für dich solltst 'n vorerst lesen, hat s' gsagt. (Gibt ihm den Brief.)

Grillhofer. No, so lesn mer 'n halt. (Schiebt den Schirm der Lampe in die Höhe.)

Liesel (geht zum Fenster und blickt hinaus).

Grillhofer (entfaltet den Brief und liest). »Lieber Grillhofer! Mit schweren Herzen schick ich Dir a Anvertrauts zruck, doch steht Dir frei, wann D' den Brief glesen hast, ob Du's als das Deine anerkenne willst, sunst nimm ich's mit Freuden wieder an mich! Ich mein, ich brauch mich net z' schämen, wie ich Dir's zuschicke. Dö Dirn, was heunt zun zweitenmal bei Dir einspricht, is im Deckerl in mein Haus bracht wordn, weil s' Dein Weib net hat auf'n Hof vor Augen haben wolln, aber es war ihr Meinung, wann a rechtschaffen Gschöpf aus ihr wordn wär, sollt ich Dir's zuschicken. Lang hab ich mir dös verspart, aber ohne Schaden für sie könnt ich's hizt nimmer bei mir verhalten. Dö Dirn heißt nach ihrn Rufnamen Horlacher-Lies, weil s' von klein auf bei mir war, hat bis heunt für vater- und mutterlos golten und weiß's selber net anders; nach'm Kirchbuch heißt s' Elisabeth Riesler und is, wie dö Magdalen ausgsagt hat, Dein Kind!! Es grüßt Dich und laßt Dir Dein'n freien Willn dö alte Horlacherin.« (Legt den Brief vor sich auf den Tisch und hält sich den Kopf mit beiden Händen.) Oh, du mein Gott, is mer denn recht? Steht's wohl a a so da?

Liesel (hat diese Bewegung bemerkt und wendet sich). Was is dir? Was schreibt denn die Mahm?!

Grillhofer. Ich weiß net recht – ich muß's nomal lesen, kimm zu mir – kimm zu mir, mein Dirndl, und halt mer es Licht.

Liesel (eilt hinzu und steht neben Grillhofer und hält die Lampe).

Grillhofer (liest). »Mit schweren Herzen schick ich Dir a Anvertrauts zruck, doch steht Dir frei, wann D' den Brief glesen hast, ob Du's als das Deine anerkenne willst, sunst nimm ich's mit Freuden wieder an mich. I mein, ich brauch mich net z' schamen, wie ich Dir's zuschick. Dö Dirn, was heunt zun zweitenmal bei dir einspricht, is im Deckerl in mein Haus bracht wordn, weil s' Dein Weib net hat auf'n Hof vor Augen habn wolln, aber es war ihr Meinung, wann a rechtschaffen Gschöpf aus ihr wordn wär, sollt ich Dir's zuschicken ... « Vergelt dir's Gott, Mirzl, in sein'n Himmel obn, vergelt dir's Gott. Vergelt er's a der Horlacherin und alln braven Weibsleuten, wie s' an uns tun! ...

Liesel (ahnungsvoll). Aber ich kenn mi no net aus!

Grillhofer (liest). »Dö Dirn hoaßt mit ihrn Rufnamen Horlacher-Lies, weil s' von klein auf bei mir war, hat bis heunt für vater- und mutterlos golten und weiß's selber net anders; nach'm Kirchbuch heißt s' Elisabeth Riesler und is, wie die Magdalen ausgsagt hat, Dein Kind« Dirndl, was zitterst denn a so? (Faßt ihre Hand, in der sie die Lampe trägt, und führt sie nach dem Tische.)

Liesel (läßt die Lampe fahren). Jesses, is aber dö Mahm a falschs Ding gwest! (Sinkt vor Aufregung in die Knie auf den Schemel zu Grillhofers Füßen.) Also du, du hast mer's Lebn gehn, no, vergelt dir's Gott, es gfallt mer recht gut af der Welt!

Grillhofer. Es reut mich a neamer – es reut mich a neamer. (Sucht mit der zitternden Hand herum und legt sie der Liesel auf den Kopf.) O du mein lieber Herrgott! (Weinerlich.) 's Kind is im Vaterhaus! – Haha, weil nur 's Kind im Vaterhaus is! – (Preßt Liesel an sich.)

(Kleine Pause. – Von außen vor dem Fenster präludiert eine Zither und nimmt dann die Melodie des Liedes aus dem ersten Akt auf.)

Grillhofer (steht auf). Horch – no wird's gar lustig no derf's scho wieder lusti werdn.

Liesel (erhebt sich, deutet nach dem Fenster, und wie auf das Lied aufmerksam zu machen, singt sie piano).

Und Zithern und Derndeln,
Na, dö kenn ich net lon ...

Grillhofer. Wer is's denn?

Liesel. Der Wastl! (Umarmt Grillhofer und verbirgt ihr Gesicht an seiner Schulter.) Weißt es ja eh – Voda!

Grillhofer. Haha! (Das Orchester nimmt den zweiten Teil der Melodie voll auf. Er singt.)

                  O schön grüne Welt,
Laß sagn, wie d'mer gfallst,
Solang Zithern klingen
(Liesel an sich ziehend.)
Und mei Derndl mich halst!
(Den Jodler bringt die Musik allein.)
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