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Der gute Ton für die heranwachsende Jugend

Hedwig Dransfeld: Der gute Ton für die heranwachsende Jugend - Kapitel 9
Quellenangabe
typetractate
authorHedwig Dransfeld
titleDer gute Ton für die heranwachsende Jugend
publisherVerlag von Reinhard Wilh. Thieman
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131205
projectid9a6cc07a
wgs
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In Schule und Pensionat

Die heranwachsende Jugend ist für gewöhnlich noch nicht selbständig, sondern sie muß noch lernen, um sich dadurch für das spätere Leben eine ehrenvolle Stellung zu erringen. Die Knaben besuchen zum größten Teil noch eine höhere Schule, oder sie haben in Geschäftshäusern, Fabriken, auf Landgütern, in städtischen oder staatlichen Ämtern eine Verwendung gefunden. Sie sind infolgedessen befugt, den Titel Lehrling, Volontär oder Eleve zu führen, abgesehen von den andern klingenden Bezeichnungen, welche sich die Schüler der höheren Lehranstalten beilegen dürfen. Die jungen Mädchen bereiten sich in öffentlichen Instituten oder auch privatim in einer Familie auf ihre Rückkehr ins Elternhaus und ihren Eintritt in die Welt vor. Alle aber sind bestrebt, zu arbeiten, zu studieren, sich zu bilden, kurz, Geist und Körper für ein späteres Lebensalter brauchbar und tüchtig zu machen. Daraus erhellt, daß die Jugend nur eine Durchgangsphase ist und der Schwerpunkt des ganzen Daseins in die Zeit fällt, da die Grundbildung abgeschlossen und das tatkräftige selbstbewußte Wirken an die Stelle des Lernens getreten ist.

Erst wenn die Jugend die Pflichten der Erwachsenen erfüllt, kann sie auch die Rechte derselben beanspruchen. Und ganz allein von der Vorbereitungszeit wird es abhängen, ob sie tüchtig oder untüchtig ihr Arbeitsfeld betritt, ob sie in frisch strömender Kraft von Stufe zu Stufe emporsteigen oder als träges, unbrauchbares Glied ohne den Eifer des Fortschritts auf ihrem Platze verharren wird. – Diese Aussicht ist eine sehr ernste Mahnung für alle heranwachsenden Mädchen und Knaben, ihre Zeit wohl zu benutzen, denn was die Jugend verfehlt, macht das Alter durch keine Reue und keine Arbeit wieder gut.

Die Jugend ist die schönste Zeit des Lebens, aber auch diejenige, in welcher wir noch am meisten auf andere Menschen angewiesen sind. Sie müssen uns lehren und bilden, und wir sind ihnen dafür Achtung und Gehorsam schuldig. Daraus ergibt sich, daß die Jugend- oder Lehrjahre keine Herrenjahre sind.

In Schule und Pensionat sind die Lehrer direkte Vorgesetzte und alle Mitschüler, wes Standes und Alters sie auch sein mögen, Gleichberechtigte. In gewerblichen oder kaufmännischen Betrieben herrscht dasselbe Verhältnis zwischen Prinzipal und Lehrling und zwischen den Angestellten eines Hauses unter sich. Wer sich dieser natürlichen Ordnung der Dinge bewußt bleibt, der wird leicht den Maßstab für sein Verhalten gegenüber Vorgesetzten und Gefährten finden und nicht so leicht Gefahr laufen, einen derselben zu beleidigen oder zu verletzen.

Da in Schule und Pensionat ein gemeinschaftliches Leben geführt wird, muß jeder dazu beitragen, dasselbe nicht nur erträglich, sondern auch anregend und angenehm zu gestalten. Dazu gehört vor allem eine peinliche Pflege der Ordnung und Reinlichkeit. Schüler und Schülerinnen machen sich einer groben Unhöflichkeit schuldig, wenn sie mit zerrissenen und beschmutzten Kleidern zur Schule kommen, oder wenn die Reinlichkeit ihres Körpers zu wünschen übrig läßt. Sie können unter solchen Umständen nicht verlangen, daß ihre Schulkameraden gern den Platz an ihrer Seite einnehmen.

Auch die Schulsachen müssen davon zeugen, daß ihr Besitzer das große Lebensgebot von der Sauberkeit und Ordnung kennt. Ein zerfetztes, mit Tinten- und Fettflecken bedecktes Buch macht einen schlechten Eindruck; und geradezu eine Taktlosigkeit muß es genannt werden, wenn unsaubere Hefte dem Lehrer zur Korrektur übergeben werden. Schon die Achtung vor uns selbst muß uns antreiben, nur solche Sachen aus unserer Hand zu geben, welche andere zum wenigsten ohne Ekelempfindung berühren können.

Eine ebenso wichtige Tugend des Schülers ist die Pünktlichkeit; er muß es selbst als unpassend finden, wenn er durch spätes Erscheinen den Lehrer in seinem Vortrage und die Mitschüler in ihrer Aufmerksamkeit stört. – Solchen kleineren Verstößen hat auch in der Schule eine sofortige höfliche Entschuldigung zu folgen.

Der Lehrer ist der Stellvertreter der Eltern für die Zeit, in welcher sich die Schüler unter seiner Aufsicht befinden, und als solcher genießt er auch alle Rechte derselben. Er darf pünktlichen Gehorsam, ein höfliches und bescheidenes Auftreten, unausgesetzten Fleiß sowohl in der Schule, als auch bei den Hausaufgaben und ein aufmerksames Eingehen auf seinen Unterricht verlangen. In seiner Eigenschaft als Vorgesetzter ist er befugt, allen Schülern, die seinen Forderungen nicht entsprechen, eine Strafe nach seinem Ermessen aufzuerlegen.

Das mögen sich diejenigen Schüler merken, die dem Lehrer das Recht der Strafe streitig machen und durch Widerworte, vielleicht sogar durch häßliches, gewöhnliches Schimpfen ihren Groll und ihre Erbitterung auch äußerlich bekunden. Es ist ja freilich nicht gerade angenehm, eine Strafe zu erleiden; und zuweilen kann es auch vorkommen, daß der Lehrer die Sachlage verkannte und den Unschuldigen büßen ließ. Eine bescheidene, wenn auch nachdrückliche Rechtfertigung ist dann natürlich gestattet. Aber es ist und bleibt eine traurige Verirrung, wenn der Schüler sich nun für berechtigt hält, eine widersetzliche und trotzige Haltung anzunehmen, den Lehrer mit allerlei wenig schmeichelhaften Namen zu belegen, unwahre oder übertriebene Behauptungen über ihn aufzustellen und zu verbreiten oder ihm einen sogenannten »Streich« zu spielen.

Es soll hierdurch natürlich nicht jedes rasche und unbedachte Wort, jeder kleine, jugendliche Mutwillen rückhaltlos verurteilt werden. Aber wenn der Schüler mit einer geradezu findigen Bosheit beständig darauf ausgeht, den Lehrer zu kränken, und nachher im Kreise der Gefährten womöglich mit seinen Erfolgen prahlt, so kann man dadurch doch schon auf eine Fäulnis des Charakters schließen, die für die Zukunft nicht viel Gutes erwarten läßt.

Solche Schüler werden sich später auch hüten, mit der Tugend der Dankbarkeit in allzu nahe Berührung zu kommen. Und doch war die Erkenntlichkeit gegen Lehrer und Erzieher von jeher die Eigenschaft, die alle wirklich großen und edlen Menschen auszeichnete, wie die Geschichte der meisten Völker uns lehrt.

Die Achtung vor dem Lehrer muß sich auch in der Haltung und dem Benehmen der Schüler kundgeben, sowohl in der Schule, als auch außerhalb derselben. Bei seinem Eintritt in die Klasse erheben sich alle und bleiben solange stehen, bis er das Zeichen zum Niedersitzen gibt oder sich selbst niederläßt. Dieses Gebot bleibt auch für die oberen Klassen der Töchterschule bestehen, selbst wenn daselbst ein noch junger Lehrer unterrichten sollte. Es ist hier wieder einmal das Amt, das vor der Person geehrt wird; und jedes charaktervolle und nachdenkende junge Mädchen wird aus eigenem Herzenstrieb demjenigen eine besondere Aufmerksamkeit zollen, welchem es einen Teil seiner Ausbildung verdankt.

Auf der Straße wird der Lehrer stets zuerst gegrüßt. Im übrigen werdet ihr ihm alle Rücksichten erweisen, welche ihr als jüngere Leute den älteren, und als Untergebene den Vorgesetzten schuldig seid. – Alle Fragen, auch diejenigen, welche sich nicht auf den Unterricht beziehen, müssen schnell, laut und höflich beantwortet werden. Einer kurzen Bejahung oder Verneinung fügt man für gewöhnlich den Titel des Angeredeten hinzu. – Kleine Dienste werden mit freundlichem Eifer angeboten und mit sorgfältiger Genauigkeit ausgeführt. Durch eine tadellose Haltung bekunden wir auch äußerlich unsere Aufmerksamkeit und unser Interesse für den Unterrichtsgegenstand. Es ist nichts unangenehmer für den Lehrer, als wenn er sich lauter trägen Gesichtern und blöden Augen gegenüber sieht, die für die gesamte Wissenschaft nur die eine große Frage zu haben scheinen: »Was soll ich damit?«

Schwätzen und Lachen zur Unzeit, geräuschvolle Störungen, überhaupt alles, was von der Schulordnung abweicht, ist auch eine Art von Unhöflichkeit gegen Lehrer und Mitschüler und soll schon deshalb vermieden werden.

Euer Verkehr beschränkt sich in den Jugendjahren meistens auf eure Altersgenossen oder genauer genommen auf eure Schulgefährten. – Die Jugend ist im ganzen gesellig; sie schließt sich leicht an, schwärmt für Freundschaftsbündnisse, ist noch wenig zugänglich für Argwohn und Mißtrauen, läßt sich leicht für alles Gute und Schöne begeistern und zeigt sich in den meisten Fällen aufrichtig und opferwillig. Diesen Vorzügen stehen aber auch allerlei weniger gute Eigenschaften gegenüber, die den Verkehr der Schüler unter sich zu einem recht unangenehmen gestalten können. Die erste dieser Untugenden ist ein lächerlicher, unbegründeter Hochmut, der den Wert eines Mitschülers ausschließlich nach seinem Anzuge oder nach dem Stande und Geldbeutel seines Vaters bemißt. Knaben machen sich dieser kleinlichen Überhebung freilich nicht so leicht schuldig, wie junge Mädchen, bei denen die Idee der Standesrücksichten in den sogenannten Backfischjahren häufig besser ausgebildet ist, als die gesamte Wissenschaft. Der Grundsatz, auch in der Schule eine besondere Kaste bilden zu müssen, ist aber durchaus falsch. Für die häusliche Geselligkeit mag sich jeder seinen Verkehr nach Geschmack und Ansicht suchen; in der Schule aber herrscht das Prinzip der Gleichheit. Und geradezu eine Taktlosigkeit muß es genannt werden, wenn die Kinder unbemittelter, niedrig gestellter oder mit einem sittlichen Makel behafteter Familien in eine trostlose Sonderstellung hineingedrängt worden sind. Alle edlen jungen Leute werden sich solcher Schüler mit ganz besonderer Wärme annehmen.

Schüler von reicher, zuweilen auch schon von mittelmäßiger Begabung verfallen leicht in eine andere Art des Stolzes, den geistigen Hochmut. Dieser hat ein ansehnliches Gefolge von anderen Untugenden hinter sich. An erster Stelle steht die Rechthaberei, die mit rücksichtsloser Schärfe die eigenen Ansichten gegen jede nur halbwegs abweichende Meinung verficht. Eitelkeit und Selbstsucht drängen sich überall hervor, stellen das eigene Wissen bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit prunkhaft zur Schau und erachten es als ihr gutes, altes Recht, stets der dominierende Mittelpunkt des Ganzen zu sein. Beim geringsten Widerstand brechen solche Schüler Zank und Streit vom Zaune oder ziehen sich tiefgekränkt zurück; deshalb heißen sie auch wohl Spielverderber, und man rechnet sie ganz sicher nicht zu den beliebten und gesuchten Kameraden. Auch das Strebertum, das die Gunst des Lehrers ganz allein für sich in Anspruch nehmen möchte und zu diesem Zwecke zuweilen sogar die niedrigste Heuchelei zu Hilfe nimmt, ist eine Folge des geistigen Hochmuts, ebenso wie die Sucht, alles mitleidlos zu verspotten und ins Lächerliche zu ziehen, wenn es gilt, Witz und Schlagfertigkeit in das rechte Licht zu setzen.

Der Gegensatz all dieser Untugenden ist die Bescheidenheit, der schönste Schmuck der heranwachsenden Mädchen und Knaben, den wir mit Recht höher schätzen als alle andern Vorzüge und Talente.

Gefälligkeit und Duldsamkeit sind ebenfalls empfehlenswerte Eigenschaften, denn das gemeinschaftliche Leben in Schule und Pensionat wird ohne diese Grundlage kaum ein angenehmes und segenbringendes sein. Und endlich soll die Jugend alle Beleidigungen leicht verzeihen und vergessen und in gegebenem Falle auch unaufgefordert die Hand zur Versöhnung bieten. Das letztere gilt unserm Zeitgeist freilich vielfach als eine Schwäche; aber das krampfhafte Festhalten an Groll und Haß, die hochfliegenden Beteuerungen: »Ich bin ihr ewig böse,« – »Er ist der Beleidiger, er mag mit der Versöhnung den Anfang machen,« – »Ich verzeihe alles, nur diese Verletzung meiner heiligsten Gefühle nicht,« hält man für Äußerungen eines heldenhaft starken Charakters. Das ist aber eine grundfalsche Annahme. Denn mit seltener Willensstärke trotzig und störrisch sein, kann selbst das unvernünftige Tier auf der Landstraße, das die Karre zieht; aber nur einem gebildeten und edlen Menschen wird es gelingen, über die Gefühle der Abneigung und des Grolles Herr zu werden.

Aus der Schule soll gewöhnlich nicht geplaudert werden. Wenn es etwas Lobenswertes zu berichten gilt, so mag es ja gestattet und den Beteiligten sogar recht lieb sein; doch die Kunde von Tadel und Strafen soll grundsätzlich nicht über die Schulmauern hinausdringen.

Es ist zwar gesagt, daß alles Kastenwesen in der Schule zu vermeiden ist; aber wir dürfen und sollen deshalb nicht mit jedem verkehren, der uns darum angeht. Wenn wir kein Hehl daraus machen, daß wir allen unverbesserlich rohen, lügnerischen, boshaften und sittlich verdorbenen Schülern mit Entschiedenheit fern zu bleiben wünschen, so ist das eine Vornehmheit, die mit dem Hochmut ganz und gar nichts zu tun hat. Denn böser Umgang und schlechte Bücher sind in tausend Fällen das Verderben der Jugend gewesen.

So häßlich Angeberei an sich auch ist, so kann es doch für einen Schüler moralisch geboten sein, einem jugendlichen Verführer das Handwerk zu legen. Doch soll er ihn vorher warnen und, wenn dieses nichts nützt, öffentlich und ohne Scheu seine Anklage vorbringen.

Die Zöglinge der Pensionate müssen sich merken, daß ihr zeitiges Heim in jeder Hinsicht das Elternhaus vertritt. Sie müssen ihren Pflegern also kindlich und mit Vertrauen entgegenkommen und ihre Ratschläge gern befolgen. Durch übermäßige Ansprüche und unausgesetztes Kritisieren und Nörgeln will der Zögling fast immer andern eine möglichst hohe Meinung davon beibringen, wie reich und wie vornehm er es in seinem Elternhause gewohnt war. Und die Erfahrung lehrt doch, daß die Kinder wirklich vornehmer Familien für gewöhnlich auch die bescheidensten sind. – Die Hausregel muß der allgemeinen Ordnung wegen genau befolgt werden. Geräte und Sachen, die der Anstalt zugehören, sind fremdes Eigentum und deshalb mit Vorsicht zu gebrauchen. Treten kleine Übelstände auf, so ist es vollständig verfehlt, darüber zu zetern und zu schimpfen oder sie aufgebauscht an die Öffentlichkeit zu bringen. Für gewöhnlich wird in Anstalten alles scharf gerichtet, was man in der Familie hundertmal anstandslos hinnahm. Jeder will seine speziellen Wünsche erfüllt haben; und was dem einen ein Mißgriff dünkt, ist dem andern vielleicht eine Annehmlichkeit. Wenn wir uns dieses Umstandes bewußt bleiben, so werden wir schon lernen, milder zu urteilen.

Viele junge Leute, die sich in fremden Familien befinden, fassen die Klausel »zur Familie gehörig« zu scharf auf. Mag man sich ihrer auch mit den besten Absichten und mit liebevoller Aufmerksamkeit annehmen, sie werden doch zuweilen fühlen müssen, daß sie im engen Kreise nur Fremde sind; und eine verständnisvolle und edle Zurückhaltung wird in solchen Fällen viel eher am Platze sein als kleinliche Empfindlichkeit.

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