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Der gute Ton für die heranwachsende Jugend

Hedwig Dransfeld: Der gute Ton für die heranwachsende Jugend - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorHedwig Dransfeld
titleDer gute Ton für die heranwachsende Jugend
publisherVerlag von Reinhard Wilh. Thieman
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20131205
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Bei Tische

Es besteht ein gewisser Grundsatz, nach welchem man den äußeren Anstand eines Menschen am besten nach seinem Benehmen bei Tisch beurteilen kann. Hier ist nämlich mancherlei zu beachten, welches der Ungebildete übersieht, das aber dem Gebildeten zur zweiten Natur geworden ist. Es rächt sich bitter, falls das Elternhaus in dieser Hinsicht die Erziehung vernachlässigt hat; denn nur schwer werden sich erwachsene Menschen an die mannigfaltigen Regeln gewöhnen, die bei Tisch zu beachten sind, und, wenn sie es tun, doch meistens die Leichtigkeit und Sicherheit in Anwendung derselben vermissen lassen. Es ist deshalb angebracht, daß die Kinder schon im zartesten Alter an ein ordentliches Benehmen bei Tisch gewöhnt werden, damit sie sich später in größerer Gesellschaft desto leichter zurechtfinden können.

Jeder anständige Mensch wird sein Äußeres einer gründlichen Prüfung unterwerfen, bevor er zu Tisch geht, und jede gebildete Mutter wird streng darauf halten, daß ihre kleinen und großen Kinder dasselbe tun. Staubige Kleidung wird vorher gebürstet, die Hände und, wenn es nötig ist, auch das Gesicht werden gewaschen und die Haare geordnet. Es braucht wohl nicht bemerkt zu werden, daß junge Mädchen, die schon im Haushalt tätig sind, nicht mit der großen Hausschürze oder mit den Überärmeln und Knaben nicht mit der Mütze bei Tisch erscheinen dürfen. Seid ihr in fremden Häusern zu Tisch geladen, oder befindet ihr euch in einer größeren Gesellschaft, so werdet ihr in Handschuhen zu Tisch gehen und euch erst nach dem Niedersitzen derselben entledigen.

Im Elternhause habt ihr gewöhnlich einen bestimmten Platz; ist dieser geändert, etwa weil Besuch anwesend ist, oder seid ihr in Gesellschaft, so dürft ihr nicht willkürlich wählen, sondern müßt warten, bis euch euer Platz angewiesen wird. – Als ersten Platz bei Tische bezeichnet man gewöhnlich denjenigen neben der Hausfrau oder neben dem Hausherrn, in kleineren Zimmern auch wohl den Sofaplatz, und es ist natürlich, daß heranwachsende Knaben und Mädchen denselben nie ohne besondere Aufforderung einnehmen dürfen. Dieser Vorrang gebührt etwa anwesenden älteren Personen.

Ob ihr das Tischgebet stehend oder sitzend verrichtet, muß der herrschenden Sitte und den Anordnungen der Eltern überlassen bleiben; daß ihr während desselben andächtig und gesammelt seid und nicht mit etwa schon aufgetragenen Schüsseln liebäugelt, bedarf wohl keiner Erwähnung.

Vor dem Niedersitzen pflegt man in größeren Gesellschaften die den Vorsitz führende Person und die Nachbarn durch eine Verbeugung zu begrüßen, ebenso nach dem Aufstehen. Von Kindern wird diese Zeremonie im gewöhnlichen Leben noch nicht verlangt; doch ist es leicht möglich, daß die heranwachsende Jugend in die Gelegenheit kommt, diese Sitte mitzumachen, wenn sie vor den anderen nicht unangenehm auffallen will. – Der Wunsch »Guten Appetit« vor dem Essen und »Gesegnete Mahlzeit« nach demselben soll für gewöhnlich nicht von der Jugend ausgehen.

Mit dem Niedersitzen müßt ihr solange warten, bis sich die den Vorsitz führende Person niedergesetzt hat, zu Hause also die Mutter oder in Abwesenheit derselben der Vater. Auch dürft ihr nicht ohne Entschuldigung aufstehen, bevor jene das Zeichen dazu gegeben haben. – Die Serviette tragen kleinere Kinder der Sauberkeit wegen gewöhnlich um den Hals gebunden; Erwachsene legen sie nicht ganz entfaltet über das Knie. Sie im Knopfloch oder am Halse zu befestigen, etwa um die Kleidung zu schonen, ist unstatthaft; man muß beim Essen eben genügend Gewandtheit entwickeln, daß man sich nicht mit Speisen beschmutzt.

Die Haltung bei Tisch sei gerade; weder das Anlehnen an die Stuhllehne, noch nach vorn an die Tischkante ist gestattet. Die Hände werden nicht auf den Schoß gelegt, sondern zu beiden Seiten des Tellers etwa bis zum Handgelenk auf den Tisch. Die Ellenbogen dürfen natürlich niemals aufgestützt werden.

Wollt ihr einer weiter entfernt sitzenden Person einen Gegenstand zukommen lassen, so werdet ihr niemals den Arm vor dem Nachbar herstrecken. Ihr müßt vielmehr den Gegenstand hinter seinem Rücken herreichen oder euch eben erheben, um ihn selbst an Ort und Stelle zu bringen. Ist der Nachbar in eurem Alter oder gehört er zu euren Bekannten, so dürft ihr ihn auch bitten, die betreffende Sache weiter zu reichen; einem Fremden und namentlich einer höher stehenden Person gegenüber aber werdet ihr euch dies niemals erlauben.

Wird die Suppe herumgereicht, so gebührt der erste Teller natürlich der Mutter, falls diese nicht das Austeilen besorgt und deshalb zuletzt bedient sein will. Der zweite Teller wird dem Vater gereicht. Überhaupt habt ihr euch zu merken, daß für gewöhnlich die Mutter vor dem Vater bedient wird, wenn dieselbe nicht selbst eine andere diesbezügliche Anordnung getroffen hat. Das ist keine Herabsetzung des Vaters, sondern eine schöne, sinnreiche Sitte, die in der Stellung der Mutter als Herrin und Mittelpunkt des Hauses ihre Ursache hat. Und jeder edle Vater wird wünschen und verlangen, daß der Hausfrau an erster Stelle die ihr gebührende Ehre erwiesen wird. Dadurch ehrt er nur sich selbst.

Etwaiger Besuch wird natürlich vor den Eltern bedient, und zwar stets die älteren Personen vor den jüngeren und die Damen vor den Herren, es sei denn, daß ein ausnahmsweise hoher Gast zugegen ist. In diesem Falle müßte derselbe besonders vor jüngeren Damen den Vorrang haben. Eine ähnliche Reihenfolge wird in allen größeren Gesellschaften inne gehalten, namentlich beim Herumreichen des ersten Gerichtes, des Bratens und des Desserts. Die übrigen Gänge dürfen der Einfachheit halber schon der Reihe nach serviert werden. Die Gastgeber und ihre Hausgenossen werden selbstverständlich immer zuletzt bedient. Es ist hierbei zu bemerken, daß es von einem recht liebenswürdigen und bescheidenen Charakter zeugt, wenn die Kinder des Hauses beim Servieren den älteren der ständigen Hausgenossen den Vorrang lassen. Verwandten gegenüber versteht sich diese Rücksicht von selbst; doch sollte sie, namentlich auch in besseren Kreisen, den Beamten und höheren Angestellten des Hauses, welche die Familie zu Tisch zieht, erwiesen werden.

Schüsseln werden präsentiert mit einem einfachen »Bitte!« oder auch »Darf ich Ihnen das Gemüse, die Kartoffeln, den Braten – anbieten?« Fremden, älteren Personen und Damen wird man die Schüssel diensteifrig so lange halten, bis sie sich bedient haben; doch werden jüngere Leute sich hüten, diese Gefälligkeit von ihren Nachbarn anzunehmen oder zu beanspruchen. – Es spricht auch ungemein an, wenn die Kinder des Hauses für ihre Tischgenossen und deren Bedürfnisse ein offenes Auge haben und schnell und gewandt dieselben zu befriedigen suchen. Dadurch wird der Gast der oft unangenehmen Notwendigkeit überhoben, sich eine Schüssel, das Brot oder Salz von seinem Nachbar erbitten zu müssen.

Wird gedankt, so ist es unfein, lange zu nötigen. Unter sich sind Kinder darin natürlich freier, da es ja auch zuweilen gilt, den kleinen Gästen über ihre Verlegenheit und übergroße Bescheidenheit hinwegzuhelfen. Bei Erwachsenen aber setzt man voraus, daß sie erst dann danken, wenn sie wirklich keinen Wunsch und kein Bedürfnis zu speisen mehr haben, und so würde man ihnen durch lange Nötigung nur lästig werden.

Werdet ihr gefragt, ob ihr noch irgend eine Schüssel wünscht, so dürft ihr nicht mit einem einfachen »Ja« oder »Nein« antworten, sondern ihr müßt das höflichere »Bitte« und »Danke« anwenden. Mit diesen beiden Wörtchen darf man überhaupt niemals zu sparsam umgehen: für jede, auch die kleinste Dienstleistung wird gedankt, sei es auch nur durch ein leichtes Neigen des Hauptes, und etwaige Wünsche werden stets eingeleitet durch »Bitte« oder »Darf ich bitten«.

Messer, Gabel und Löffel werden nicht zu weit unten am Stile angefaßt und nicht krampfhaft mit allen fünf Fingern umspannt. Sie dürfen niemals zu vollgenommen werden, so daß auf dem Wege vom Teller zum Munde Speisen zurückfallen und wohl gar Tischtuch und Serviette beschmutzen. Den Löffel führe man mit der Spitze zum Munde. Erwachsene Menschen brauchen beim Essen gewöhnlich Messer und Gabel, indem sie das Messer in die rechte und die Gabel in die linke Hand nehmen. Das Fleisch wird dann nicht auf einmal zerschnitten, sondern nach und nach und mit der Gabel zum Munde geführt. Doch ist dieser Gebrauch von Messer und Gabel, der im übrigen auch der Mode unterworfen ist, noch nicht bindend für die heranwachsende Jugend. Kleinere Kinder zerkleinern ihr Fleisch gewöhnlich zu erst etwa zur Hälfte und nehmen dann die Gabel in die rechte Hand; größere mögen sich nach dem Benehmen der Erwachsenen richten.

Als Grundregel gilt, daß das Messer unter keinen Umständen zum Munde geführt werden darf. Fisch und eingemachte Früchte werden auch nicht mit der Gabel zerlegt, sondern die ersteren mit der Gabel und die letzteren mit einem sogenannten Dessertlöffel. Beim Essen von Spargel, Krebsen und Geflügel ist der Gebrauch der Finger gestattet.

Das Schlürfen und Kauen ist durchaus unanständig und sollte schon den kleinen Kindern mit äußerster Strenge abgewöhnt werden. Auch bemühe man sich, beim Essen die Lippen soviel wie möglich geschlossen zu halten und nie zu sprechen oder zu lachen, solange man den Mund voll Speisen hat; denn das widerstreitet nicht nur dem Anstand, sondern ist auch der Gesundheit schädlich, da auf solche Weise Speisen und Getränke in die Luftröhre gelangen können. – Ein noch schwereres Vergehen gegen den guten Ton würde es sein, wenn man halbzerkaute Speisen auf den Teller zurücklegen oder bei Tisch mit den Fingern, der Gabel oder anderen Gegenständen in den Zähnen herumstochern wollte. Für dieses unanständige Benehmen gibt es ganz und gar keine Entschuldigung. Selbst wenn man hohle Zähne hätte und deshalb bis zur Reinigung derselben eine kleine Zeitlang Schmerzen ausstehen müßte, so wäre das durchaus kein Grund, seine Tischgenossen auf diese Weise abzustoßen oder wohl gar Ekel in ihnen zu erregen.

Findet ihr in den Speisen etwas, das durch einen unglücklichen Zufall hineingekommen und beim Auftragen nicht bemerkt worden ist, z. B. eine tote Fliege, so verlangt natürlich niemand von euch, daß ihr dergleichen eßt. Aber ebensowenig verlangt man, daß ihr über eure Entdeckung ein großes Geschrei erhebt und den andern dadurch womöglich den Appetit verderbt. Ihr habt den Teller vielmehr nur zu wechseln, ohne Aufsehen zu erregen und ohne den Grund anzugeben. Auf jeden Fall muß der ekelerregende Gegenstand unbemerkt beiseite geschafft werden.

Über versalzene, angebrannte und nicht schmackhafte Speisen darf niemals laut und mürrisch Klage geführt werden; denn ein solches Benehmen verrät einen großen Mangel an Zartgefühl, der namentlich der Jugend schlecht ansteht, abgesehen, davon, daß es den Gastgeber oder die Hausfrau beleidigt oder doch leicht beleidigen könnte. Umgekehrt ist es nicht gestattet, besonders schmackhafte Speisen zu loben oder sich wohl gar nach der Zubereitung derselben zu erkundigen. Dieses letztere gilt natürlich nur für größere Gesellschaften, nicht für den Familientisch und für engere Kreise, in denen gewöhnlich die Regeln der Etikette nicht so streng verpflichten.

Unterbricht man das Essen, indem man etwa auf irgend eine Schüssel wartet oder etwas erzählt, so lege man Messer und Gabel solange auf den Teller. Ganz unstatthaft wäre es, dieselben mit dem Griff auf den Tisch zu stemmen, so daß die Spitze hoch emporragt; denn dadurch bekäme der friedliche Esser leicht ein kriegerisches Aussehen, das wenig zur Erbauung der Tischgenossen beiträgt. Die Rücksicht auf die letzteren verlangt es auch, daß man mit dem Besteck nicht zu laut und fortwährend klappert und in den Pausen nicht mit demselben oder mit dem Serviettenring spielt. Ein solches Benehmen kann unangenehm sein; geradezu unerträglich aber ist es, wenn gewisse Personen in Gedanken ihr Brot zerkrümmeln, Kügelchen daraus formen und dieselben wohl gar über den Tisch rollen. Soviel müssen wir immer auf uns achten, daß unsere Hände ihre ruhige, anständige Haltung beibehalten, selbst wenn Geist und Gedanken zuweilen abwesend sind.

Zu heiße Speisen werden nicht geblasen, auch nicht geräuschvoll herumgerührt oder von einem Teller auf den anderen gelegt. Selbst kleine Kinder sollten sich dieses unschöne Vorgehen abgewöhnen und in Geduld warten lernen, bis die Speisen genügend abgekühlt sind.

Brot und frisches Obst nimmt man mit der Hand von der Schüssel, alle anderen Speisen aber mit dem Löffel oder der Vorlege-Gabel, die zum diesbezüglichen Gebrauche neben dem Gerichte liegt. Sollten dieselben fehlen, so brauche man das eigene Messer, unter keinen Umständen die Gabel oder den Löffel. Man drehe und wende die Schüssel nicht, um sich das beste Stück hervorzusuchen, sondern nehme einfach und unauffällig das nächstliegende. Vollständig verfehlt würde es sein, wenn man etwas nicht Passendes vom eigenen Teller auf die Schüssel zurücklegen wollte, um sich dann ein besseres Stück auszusuchen; das würde den vollständig ungebildeten Menschen verraten.

Knochen, Gräten, Fruchtkerne und sonstige Abfälle werden abseits auf den Teller gelegt, vor allem nicht in den umgelegten Löffel oder wohl gar auf das Tischtuch. Sie dürfen auch nicht mit der Hand aus dem Munde geholt werden, sondern entweder mit der Gabel oder mit dem Löffel. Das erfordert freilich eine gewisse Übung und Zierlichkeit in der Anwendung des Besteckes, läßt sich aber mit gutem Willen schnell erlernen. Ausgenommen sind natürlich die Abfälle derjenigen Speisen, bei denen der Gebrauch der Finger ohnehin gestattet ist, und die Steine und Kerne der frischen Früchte, da diese auch mit der Hand zum Munde geführt werden.

Für gewöhnlich ist es in der Gesellschaft selbst der Jugend untersagt, die frischen Früchte ungeschält und unzerschnitten zu verzehren. Im Freien ist gegen diese Art und Weise freilich nichts einzuwenden; bei Tisch jedoch verlangt man, daß Apfel und Birnen zuerst in Viertel zerschnitten und dann nacheinander der Länge nach abgeschält werden. Pfirsiche, Aprikosen und Pflaumen bricht man in der Mitte entzwei.

Das Brot wird nicht abgebissen oder abgeschnitten, sondern abgebrochen. Es liegt an der linken Seite des Tellers und soll für gewöhnlich nicht in die Suppe gebrockt werden. – Es ist auch nicht schicklich, ganze Kartoffeln oder größere Stücke Fleisch auf die Gabel zu nehmen, um dieselben dann allmählich zu verzehren. Jeder Bissen muß vielmehr auf dem Teller ordentlich zugerichtet werden und darf vor allem nicht zu groß sein.

Sind Messer und Gabel sehr unrein, so daß man befürchten müßte, das Tischtuch zu beschmutzen, so reinige man dieselben vorher mit etwas Brot. Dieses wird dann nicht gegessen, sondern zu den anderen Abfällen auf den Teller gelegt. – Dasselbe Vorgehen ist anzuraten, wenn man sich mit der Messerspitze irgend ein Gewürz, Salz oder Pfeffer, aus dem Einsatz nimmt, da man hierzu niemals die Finger benutzen darf, oder wenn zu einem anderen Gericht, womöglich einer süßen Speise, kein neues Besteck gereicht wird. Unter keinen Umständen ist es gestattet, die Serviette oder das Tischtuch zum Reinigen des Besteckes zu verwenden. Beiläufig sei auch hier namentlich für die jüngeren Tischgäste bemerkt, daß zum Abputzen des Mundes ausschließlich die Serviette und nicht das Tafeltuch dient.

Haben wir das Unglück gehabt, ein Stück Fleisch oder eine Kartoffel auf Tischtuch oder Serviette fallen zu lassen, so müssen wir dieselben mit dem Messer wieder aufnehmen und auf den Teller legen. Solche Speisen werden dann gewöhnlich nicht mehr gegessen. Kleine Tropfen von Braten- oder Fruchtsauce können auch mit etwas Brot aufgetupft werden. – Sollten wir die Nachbarn durch unsere Ungeschicklichkeit belästigt haben, so ist eine Entschuldigung angebracht, ebenso der Hausfrau gegenüber, wenn das Tafeltuch auffallend beschmutzt worden ist. Doch soll diese Entschuldigung mit Rücksicht auf die Tischgäste kurz sein und nicht weitschweifige Ausdrücke des Bedauerns enthalten. –

Die Jugend macht sich bei Tisch häufig noch eines besonderen Fehlers schuldig. Manche pflegen nämlich vorzüglich nach schmackhaften Speisen die Teller derart zu reinigen, daß man für die Glasur des Porzellans fürchten muß. Wenn die Gabel nicht ausreicht, so nehmen sie kurz entschlossen das Messer oder den Löffel zu Hilfe, schütten auch wohl den Rest der Suppe oder Fruchtsauce in den Löffel hinein und wagen schließlich wohl gar den Versuch, den Teller an die Lippen zu setzen, um nur kein Tröpflein entbehren zu müssen. Über die Unzulässigkeit dieser mehr als kindischen Manieren braucht wohl kein Wort verloren zu werden; verraten sie doch sehr wenig Anstand, dafür aber desto mehr Gier und Leckerhaftigkeit. – Auch das vollständige Abwischen des Tellers mit einem Stück Brot ist nicht gestattet. Tunkt man dasselbe in die noch auf dem Teller befindliche Sauce, so muß man es zum wenigsten mit der Gabel halten; aber wohlgemerkt, es muß Maß gehalten werden, damit man sich nicht etwa den Anschein gibt, als sei man ausgehungert, oder als wollte man den Leuten in der Küche das Spülen ersparen.

Werden nach der Suppe die Teller abgenommen, so läßt man die Löffel auf denselben liegen. – Das Abnehmen der Teller hat stets von der rechten Seite des Tischgastes her zu erfolgen, wie das Präsentieren auf der linken Seite geschieht; denn so verlangt es die Bequemlichkeit desjenigen, der bedient wird. Fällt eine Gabel, eine Serviette oder dergleichen zur Erde, so haben sich die jüngeren Tischgäste natürlich diensteifrig zu bücken und dieselben aufzuheben; doch legt man die Gegenstände nicht auf den Tisch zurück, sondern ersetzt sie durch reine, die auf einem Teller zu präsentieren sind. Auch Wasser- und Weingläser darf man nie ohne Teller oder Tablett darreichen.

Wird zum Essen Bier oder Wein getrunken, so wartet man mit dem Einschenken bis nach der Suppe, da es unstatthaft ist, während derselben zu trinken. Man gieße stets mit der rechten Hand ein und zwar zuerst eine Kleinigkeit in das eigene Glas, um etwaige Korkstückchen nicht in die Gläser der andern gelangen zu lassen. Steht man hinter dem Tischgast, so schenke man von der rechten Seite her ein, da man ihn im umgekehrten Falle mit dem Arme oder mit der Flasche stoßen könnte und ihn deshalb nötigt, sich während des Bedienens vorsichtig nach rückwärts oder zur Seite zu neigen.

Die Gläser werden nicht bis zum Rande gefüllt, wie man sie auch nicht bis auf den allerletzten Tropfen zu leeren braucht. Man mache es sich zur Regel, so einzuschenken, daß bis zum Rande noch etwa ein Finger breit frei bleibt. Vor dem Trinken, mit welchem man natürlich wartet, bis die den Vorsitz führende Person den Anfang gemacht hat, streiche man mit der Serviette leicht am Munde vorbei, um ihn von etwaigen Speiseresten zu reinigen. Es macht nämlich einen häßlichen Eindruck, wenn der Rand der schönen hellen Gläser fettig geworden ist. – Alle Arten von Trinkgefäßen werden mit der rechten Hand gefaßt, und zwar die Weingläser unten am Fuße, die Biergläser und Tassen am Henkel. Daß namentlich die Jugend nicht zu schnell und nicht zu gierig trinken darf, sondern vor allem Maß halten muß, ist selbstverständlich.

Werden bei Tisch Reden gehalten, oder wird etwas vorgelesen, so muß das Besteck so lange ruhen; es ist auch unpassend und störend für den Redner, wenn man während des Vortrages heimlich flüstert, mit andern lacht und kichert oder über den Tisch hinüber allerlei Zeichen macht. Das leichte Anschlagen der Messerklinge an das Weinglas gilt gewöhnlich als Zeichen, daß jemand reden will, und die gute Sitte erfordert, daß darauf ein allgemeines und sofortiges Stillschweigen folgt.

Wird einer der Anwesenden in der Rede gefeiert, ist also ein sogenannter Toast ausgebracht worden, so pflegt man sich nach den Schlußworten zu erheben, um mit den gefeierten Personen anzustoßen. Das Wort »Prosit« ist nur noch in kleineren Kreisen und unter guten Freunden gebräuchlich; für gewöhnlich ersetzen es die Herren durch das besserklingende »Auf Ihr Wohl«, während bei Damen eine leichte Verbeugung genügt. – Es ist Sitte, daß man beim Anstoßen sein Gegenüber wenigstens flüchtig ansieht.

Die den Vorsitz führende Person hebt auch die Tafel auf. Nach derselben wird Kaffee gereicht; doch findet diese Sitte in vielen Häusern nur bei außergewöhnlichen Gelegenheiten statt.

Über das Benehmen bei Kaffee- und Teegesellschaften ist auch noch allerlei zu merken. Zunächst darf man das Butterbrot nicht zerbeißen, sondern muß es in kleinere Stückchen zerschneiden; doch ist hier eine Ausnahme gestattet für diejenigen Kinder, die noch nicht mit dem Messer umzugehen wissen. Backwerk und Zwieback werden gebrochen. Beides nimmt man mit der Hand von der Schüssel, ebenso den in Würfel zerschlagenen Zucker, falls nicht eine besondere sogenannte Zuckerzange auf der Dose liegt; beim Aufschnitt, beim Gewürz und bei gewissen Kuchensorten, namentlich bei Torten, ist diese Freiheit jedoch nicht gestattet. Das Belegen des Butterbrotes findet mit der Gabel statt, und zwar auf dem eigenen Teller, der rechts von der Tasse seinen Platz hat. Führt man die belegten Stücke mit der Gabel zum Munde, so wird diese natürlich in die linke Hand genommen; doch ist es auch erlaubt, beim Essen des belegten Butterbrotes die Finger zu gebrauchen. Die meisten Menschen versehen ihr Fleisch mit Pfeffer, Salz oder Senf; diese müssen sorgen, daß sie einen kleinen Vorrat der Gewürze auf dem Teller haben, und dann jedes Stückchen einzeln zurichten.

Man darf mit dem Zuckerlöffel nie den süßen Rest der Tasse leeren und weder Brot noch Kuchen in dieselbe eintunken. Eine Ausnahme macht der Zwieback, der in Kaffee und Schokolade, also niemals in Bier oder Wein leicht angefeuchtet werden darf; doch muß man darauf achten, daß er nicht zu weich wird und dann wohl gar abbricht.

Es ist nicht nötig, Tasse und Teller ineinander zu stellen, um dadurch anzuzeigen, daß man die Mahlzeit beendet hat; die Tasse zu diesem Zwecke umzulegen, ist eine ländliche Sitte und in Gesellschaft durchaus unstatthaft.

Ein Ei wird gegessen, indem man die Spitze desselben vorher abschlägt; die Schale darf nur zerdrückt auf dem Teller zurückgelassen werden.

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