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Der gute Ton für die heranwachsende Jugend

Hedwig Dransfeld: Der gute Ton für die heranwachsende Jugend - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
authorHedwig Dransfeld
titleDer gute Ton für die heranwachsende Jugend
publisherVerlag von Reinhard Wilh. Thieman
year1924
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Zu Hause

Das Haus ist noch der Jugend kleines Reich; sie hat noch nicht nötig, die friedlichen Mauern desselben zu verlassen und den Kampf ums Dasein aufzunehmen. Wie glücklich ihr seid, noch ein Haus, eine Heimat zu besitzen, wo ihr stets willkommen seid, wo man euch pflegt und lehrt und zärtlich auf euer Wohl bedacht ist, das seht ihr jetzt noch nicht ein. Es wird aber eine Zeit kommen, für die meisten vielleicht schon bald, da ihr mit voller Überzeugung sprechen werdet: »Die Jugend war doch die schönste Zeit meines Lebens.«

Es muß daher jetzt eure Sorge sein, euren Eltern und Hausgenossen durch ein liebenswürdiges und zuvorkommendes Benehmen Freude zu machen. Dieses Benehmen hängt von gewissen Regeln ab, die ihr euch schon jetzt fest einprägen müßt, wenn ihr nicht später als ungebildete Menschen verachtet und gemieden sein wollt. Auch dürft ihr nicht sagen: »Ach, was soll ich mir jetzt schon mit dergleichen Dingen Mühe geben? Es achtet doch niemand auf mich, und später lernt man das alles von selbst.« Wenn ihr so denkt, so seid ihr in einem großen Irrtum befangen. Wer nicht in früher Jugend gelernt hat, anständig und höflich zu sein, der wird sich auch im späteren Leben kaum jene Eigenschaften aneignen, die den Menschen in der Gesellschaft angenehm machen.

Ein anständiges, taktvolles, höfliches Benehmen ist für alle Menschen der beste Empfehlungsbrief. Viele verdanken demselben das Glück ihres Lebens. Wie oft schon hat ein reicher, angesehener Herr, dem ein Knabe in freundlicher Weise einen Dienst erwies, lebhaftes Interesse für denselben gefaßt und ist ihm später zu seinem Fortkommen behilflich gewesen! Die Fälle sind nicht vereinzelt, daß die Zuvorkommenheit, zu welcher die Jugend im Elternhause angehalten wurde, schon nach kurzer Zeit tausendfältige Frucht trug.

Es würde nun freilich völlig verfehlt sein, wenn wir aus nur eigennützigen Beweggründen die Regeln der Schicklichkeit beachten wollten; denn dann wäre unser Anstand nichts als ein äußerer Firniß, ein angelerntes Formenwesen, hinter welchem sich allerlei wenig ehrenhafte Gesinnungen verstecken können. Die wahre Herzensbildung dagegen hat ihren Urgrund und ihren Zweck ausschließlich in dem Gesetz der Liebe, das uns Christen von Gott gegeben und dessen Erfüllung uns zur strengsten Pflicht gemacht ist.

Die Höflichkeit als solche ist an sich zwar keine Tugend, namentlich nicht in jenen von der Sitte und Ansicht der einzelnen Stände abhängigen und mehr geringfügigen Forderungen. Aber sie hat mit der Tugend manches gemein, besonders die Selbstüberwindung und Selbstbeherrschung, das liebevolle Eingehen auf die Interessen der Mitmenschen, die edle Zurückhaltung, wenn Roheit oder Gemeinheit an uns herantreten, und endlich den entschiedenen Grundsatz, den Nächsten unter keinen Umständen zu verletzen oder Beleidigung mit Beleidigung zu vergelten.

Die Höflichkeit ist also eine einfache Pflicht, über die sich kein Mensch, sei er auch der angesehenste oder gelehrteste, ungestraft hinwegsetzt. Das Elternhaus nun ist der geeignetste Ort, um die Regeln der Schicklichkeit zu erlernen und sich in der Anwendung derselben zu üben. Es rächt sich bitter, wenn die Jugend mit dem größten Mangel, dem Mangel an Bildung und Wohlerzogenheit, das Elternhaus verläßt, und es ist das einstimmige und durch Erfahrung vielfach bestätigte Urteil aller Gebildeten, daß dieser Schaden nicht leicht wieder gut gemacht werden kann. Denn die Welt richtet scharf und unnachsichtig. Den Kindern gegenüber wird sie noch manche Entschuldigung gelten lassen, aber schon die heranwachsende Jugend ist ihrem Urteil völlig preisgegeben. Seid ihr zu blöde, so daß ihr beim Sprechen beinahe nach jedem Worte stockt, die Hände krampfhaft zu verbergen sucht und vor lauter Verlegenheit über alle möglichen Gegenstände stolpert, so wird sie das gerade so übel vermerken, als wenn ihr euch keck und aufdringlich benehmt und im gesellschaftlichen Leben nie die richtige Grenze zu ziehen wißt.

»Ein ungebildeter junger Mann! Ein ungebildetes Mädchen!« – Das ist eines der herbsten Urteile, das die Welt über die heranwachsende Jugend fällen kann, und dennoch geizt sie nicht damit. Etwaige Verstöße gegen die Sitte und den guten Ton bemerkt sie scharf und verzeiht sie schwer. Auf welch andere, viel zartere Weise werdet ihr dagegen zu Hause auf die Forderungen des Anstandes aufmerksam gemacht! Wie liebevoll ist man bemüht, euch über die Regeln der einfachsten Schicklichkeit aufzuklären und für dieselben zu gewinnen! Wie oft werden sie euch wiederholt, bis euch die Anwendung derselben zur zweiten Natur geworden ist! Darum macht das Elternhaus zu eurer Lehrmeisterin und nicht die Welt, die Jugend und nicht das spätere Lebensalter. Was ihr zu Hause spielend lernt, wird in der Welt nur mit Mühe und großen Demütigungen erworben, wenn es überhaupt erworben wird.

Nun könnte noch ein Teil der heranwachsenden Jugend die Entschuldigung vorbringen: »Bei uns zu Hause ist vom guten Ton keine Rede. Da geht es einfach und bürgerlich zu.« – Daß man nicht direkt vom guten Ton wohlgesetzte Reden hält und strenge Anstandsregeln aufstellt, ist schon zu glauben. Aber überall, wo eine gute, edle Mutter wirkt und ihre Kinder zu braven Christen und tüchtigen, leistungsfähigen Menschen heranzubilden trachtet, da wird dennoch der gute Ton zu Hause sein, und weder Eltern, noch Kinder, noch Dienstboten werden sich ungestraft einen groben Verstoß gegen denselben zu Schulden kommen lassen.

Es ist eben eine durchaus irrige Meinung, daß der gute Ton nur für die hohen und höchsten Gesellschaftskreise vorhanden sei, oder daß er ausschließlich in eleganten Verbeugungen, Besuchen, Visitenkarten usw. bestehe. Das letztere gehört freilich auch zu den von der allgemeinen Sitte gebilligten Grundregeln des gesellschaftlichen Lebens; aber es ist doch nur eine Äußerlichkeit, eine schmückende Zutat, die von der wechselnden Sitte verändert und gänzlich abgeschafft werden kann. Der Kernpunkt des guten Tones jedoch bleibt stets derselbe; er ist im allgemeinen Sinne die Kunst, sich durch ein taktvolles, liebenswürdiges Verhalten im Verkehr mit den Mitmenschen angenehm zu machen und keinen zu verletzen. Als solcher hat er seinen Ursprung viel mehr im guten, edel veranlagten Gemüt, als in angelernten Regeln, und deshalb dürfen wir uns nicht wundern, wenn wir den feinsten Herzenstakt oft in der ärmlichsten Hütte finden. Dieser Herzenstakt ist also nicht Eigentum der höheren Stände, sondern jeder Mensch, ob jung oder alt, arm oder reich, sollte denselben zu erwerben, zu veredeln und zu kräftigen suchen.

Wenn diese Auffassung auch in den breiteren Volksschichten anerkannt und verbreitet wäre, so würde gewiß manche Roheit von der Bildfläche verschwinden, kleine Meinungsverschiedenheiten würden nicht mehr so oft in die ärgerlichsten Zänkereien und schlimmsten Tätlichkeiten ausarten, und der Verkehr im häuslichen und geschäftlichen Leben könnte sich bedeutend angenehmer gestalten.

Das elterliche Haus ist die Vorschule des Lebens. Leider ist die Jugend leicht versucht, sich zu Hause gehen zu lassen und ein Verhalten zu zeigen, das sie selbst für den Verkehr mit Fremden streng verurteilen würde. Das ist aber durchaus verwerflich, denn die Menschen, denen wir zum größten Dank verpflichtet sind, müssen wir auch vor allem am meisten ehren. Unter unsern Wohltätern nehmen nun die Eltern die erste Stelle ein. Auch auf unsere Geschwister und die Dienstboten des Hauses haben wir Rücksicht zu nehmen, damit wir sie nicht gegen uns erbittern und ihnen das Zusammenleben mit uns oder wohl gar den Aufenthalt in unserm Hause verleiden. Zu Hause habt ihr also namentlich auf euer Verhalten gegen Eltern, Geschwister und Dienstboten zu achten.

Ein wohlerzogener Sohn oder eine wohlerzogene Tochter wird den Eltern niemals in lautem, grobem Tone widersprechen; sollten dieselben offenbar im Unrecht sein, so ist natürlich eine bescheidene, freundliche Berichtigung gestattet, namentlich den heranwachsenden Kindern. Wenn die Eltern jedoch ihre Überzeugung nicht ändern, so werden sie lieber schweigen, als daß sie hartnäckig auf ihrer Meinung beharren; denn die Kinder sind nicht zu Richtern über ihre Eltern gesetzt, wohl aber ist das Umgekehrte der Fall. Das sollten sich namentlich diejenigen Knaben und Mädchen merken, die eine höhere Schule besuchen und dort vielleicht eine etwas andere Bildung empfangen, als sie früher ihren Eltern zuteil wurde.

Es ist nichts häßlicher, als wenn die Kinder mit ihrer Schulweisheit vor den Eltern prunken und sie in der unpassendsten Weise auf etwaige kleine Fehler aufmerksam machen, womöglich sogar vor Fremden. Dieses Benehmen ist zugleich ein schlechter Dank für die Sorgfalt, die auf ihre eigene Erziehung verwendet wird. Aber vernünftigen Eltern wird es schon gelingen, die vorlaute Jugend in ihre Grenzen zurückzuweisen und sie ihre Überlegenheit fühlen zu lassen; denn sie übertreffen euch in tausend Dingen, eure Schulweisheit ist nur ein kleiner Bruchteil dessen, was ihr für das Leben nötig habt.

Es ist ebenso natürlich, daß ihr die Eltern nie im Reden unterbrecht, sie freundlich um Erlaubnis bittet oder wenigstens zu Rate zieht, wenn ihr etwas Wichtiges vornehmen wollt, und euch unter keinen Umständen ein Urteil über sie erlaubt, weder vor Hausgenossen, noch vor Fremden. Ein durchaus unkindliches und undankbares Gemüt würde es verraten, wenn ihr kleine Eigenheiten von Vater und Mutter bespöttelt oder euch wohl gar im Kreise der Schulkameraden darüber lustig macht. Das ist nicht nur eine grobe Ehrverletzung im rein menschlichen Sinne, sondern auch eine Übertretung des göttlichen Gebotes, der meistens schon auf Erden bittere Strafen folgen.

Nicht nur die Höflichkeit, sondern vor allem auch der kindliche Gehorsam und die Ehrfurcht vor den Eltern erfordern, daß ihr euch eifrig bemüht, ihnen bei jeder Gelegenheit eure kleinen Dienste anzubieten. Nie dürft ihr es leiden, daß sie sich selbst irgend einen Gegenstand, beispielsweise einen Stuhl, holen oder ihn von einem Zimmer in das andere tragen, selbst wenn ihr durch eure Aufmerksamkeit eine wichtige Arbeit unterbrechen müßtet. Mit einem freundlichen »Bitte, Vater,« – »Bitte, Mutter,« oder »Wohin darf ich dir die Sachen tragen?« nehmt ihr ihnen den betreffenden Gegenstand aus der Hand. Derselben Aufmerksamkeit werden sich natürlich alle älteren Verwandten erfreuen, namentlich etwaiger Besuch; denn gegen diesen haben wir noch ganz besondere Pflichten, die in einem eigenen Kapitel abgehandelt werden.

Ein höfliches Kind wird seinen Eltern manche Wünsche an den Augen ablesen; haben sie dieselben aber erst geäußert, so ist es selbstverständlich, daß es keine Sekunde mit der Erfüllung derselben zögert. Namentlich die Mädchen müssen ein offenes Auge dafür haben, was die Bequemlichkeit des heimkehrenden Vaters oder der stets beschäftigten Mutter erfordert, und sich eifrig um dieselbe bemühen. Es können hier nicht alle Fälle aufgezählt werden, in denen ihr euren Diensteifer und eure Zuvorkommenheit betätigen müßt; sie sind zu zahlreich und zu verschieden nach der Stellung und den Verhältnissen der einzelnen Familien. Ihr werdet aber niemals fehl gehen, wenn ihr die kindliche Liebe und Ehrfurcht ausschließlich zur Richtschnur eures Handelns macht.

Beim Betreten des Zimmers, namentlich wenn ihr aus der Schule kommt oder sonst längere Zeit draußen gewesen seid, habt ihr den Anwesenden einen freundlichen Gruß zu bieten; sind die Eltern allein im Zimmer, so ist es hübsch, den Namen »Vater« oder »Mutter« hinzuzufügen, denn das »Guten Tag, Vater«, klingt viel höflicher und zuvorkommender als das einfache »Guten Tag«, das wir jedem Fremden sagen. Wenn Besuch zugegen ist, so dürfen die Eltern natürlich nicht besonders angeredet werden, denn das könnte die Meinung erwecken, ihr hättet den Besuch nicht bemerkt oder wolltet ihn wohl gar übersehen. – Was den Morgen- und Abendgruß angeht, so pflegen in dieser Hinsicht fast in jedem Hause festbestimmte Sitten zu herrschen, die ihr genau befolgen werdet. Als Regel könnte man darüber aufstellen, daß namentlich die jüngeren Kinder für gewöhnlich des Morgens nicht zur Schule und des Abends nicht zu Bett gehen, bevor sie den Eltern ihr »Guten Morgen« oder »Gute Nacht« gewünscht haben.

Es braucht wohl nicht bemerkt zu werden, daß alles mürrische, trotzige und widerspenstige Wesen schwer zu tadeln ist. Einige Kinder haben die Gewohnheit, ihrem Zorne auf recht sonderbare Weise Ausdruck zu geben. Sie stampfen mit den Füßen, verzerren das Gesicht und schneiden allerlei Grimassen, stoßen ihre Sachen durcheinander, schlagen die Türe heftig zu oder gebrauchen wohl gar gewöhnliche und häßliche Schimpfworte. Solche Kinder und junge Leute kennen leider aus dem Alphabet der Wohlanständigkeit noch nicht den ersten Buchstaben und sind auf dem besten Wege, zu unerträglichen und allgemein gemiedenen Menschen heranzuwachsen.

Auch gegenüber den Geschwistern, Dienstboten und anderen Hausgenossen müßt ihr euch ein höfliches Benehmen anzueignen suchen. Da ist natürlich nicht die Rede von allerlei steifen Regeln, die nur den kindlich frischen und freien Ton beeinträchtigen, wie er in der Jugend herrschen soll; verlangt wird nur ein freundliches Benehmen und eine liebenswürdige, von Herzen kommende Höflichkeit. – Vor allem dürft ihr nicht den Zänkischen und Rechthaberischen herauskehren, der im Notfalle seiner Meinung auch durch einige Stöße und Püffe Nachdruck verleiht. – Wenn ihr die Sachen eurer Geschwister gebrauchen wollt, so bittet ihr vorher kurz um Erlaubnis und dankt nach dem Gebrauch derselben. Umgekehrt stellt ihr ihnen bei Gelegenheit euer Eigentum freundlich und gefällig zur Verfügung, wie ihr ihnen überhaupt nicht leicht eine Bitte abschlagt. –

Durch ein höfliches »Entschuldige« oder »Entschuldigen Sie«, auch Dienstboten und Arbeitsleuten gegenüber, werden kleine Versehen sofort wieder gut gemacht. Diese unmittelbare Bitte um Entschuldigung muß uns gewissermaßen zur zweiten Natur werden. Dadurch können wir uns manche unangenehme Bemerkung ersparen und häufig einen Streit, der schon auszubrechen drohte, im ersten Aufflackern ersticken.

Es ist eine schöne Sitte mancher hochgebildeten Leute, im Privatverkehr ihren Untergebenen niemals einen Auftrag zu erteilen, dem sie nicht das kleine Wörtchen »Bitte« hinzufügen. Die Mühe ist so gering und doch zuweilen von so großem Erfolg, ohne daß die Vorgesetzten dadurch ihrer Würde etwas vergeben. Der Dienstbote wird seine Pflicht viel pünktlicher und gewissenhafter erfüllen, wenn das Benehmen der Herrschaft ihm Achtung und Zutrauen einflößt. Wenn nun erwachsene Leute sich derartig zu ihren Untergebenen herablassen, um wieviel mehr wird es für die Kinder des Hauses schicken, stets freundlich zu bitten und niemals zu befehlen! Zudem hängen sie ja ebenso gut wie die Dienstboten von der Gnade der Eltern ab. Also denkt daran, das kleine Wörtchen »Bitte« fleißig anzuwenden, und statt des unfreundlichen »Tun Sie!« das etwas liebenswürdigere und besserklingende »Wollen Sie?« zu setzen.

Viele Menschen, darunter auch bereits viele Kinder, meinen, es sei ein Zeichen von Vornehmheit, keine Arbeit anzurühren und sich bei jeder Gelegenheit bedienen zu lassen. Das ist aber eine gründlich falsche Auffassung. Es macht einen wohltuenden Eindruck, wenn die heranwachsende Jugend auch der höheren Stände sich bereits nützlich zu machen sucht und ihren Stolz darin setzt, gewisse kleine Arbeiten selbst zu verrichten. Besonders junge Mädchen sollten sich dieses merken und nur selten persönliche Dienste von den Untergebenen verlangen.

Die Achtung vor sämtlichen Hausgenossen erfordert es, daß alle Glieder einer Familie sich nur vollständig angekleidet vor einander sehen lassen und zwar mit geordnetem Haar und gewaschenem Gesicht. Auch die Zähne und die Nägel der Finger müssen jeden Morgen ordentlich gereinigt werden. – Viele Menschen haben die üble Gewohnheit, beständig an den Nägeln zu beißen und zu nagen, das ist ebenso unstatthaft, als wenn wir in Gesellschaft anderer dieselben schneiden oder reinigen wollten.

Nicht nur in unsern Zimmern und Schränken, in der Schultasche und im Arbeitskörbchen müssen peinliche Ordnung und Reinlichkeit herrschen, sondern vor allem auch in unserm Anzug. Schon Kinder werden lieber selbst die bessernde Hand anlegen, als daß sie sich in schmutziger oder zerlöcherter Kleidung sehen lassen, die auf jeden Menschen einen nachlässigen, wenn nicht ekelhaften Eindruck macht. Die Schuhe werden allabendlich gereinigt und die sämtlichen Teile des Anzugs gründlich gebürstet und nachgesehen. Besondere Sorgfalt hat man auf die Wäsche zu verwenden, denn kaum irgend etwas kann unangenehmer wirken als ein unsauberer Kragen oder ein unsauberes Taschentuch.

Alle Arten von Kleidungsstücken gehören in den Schlafraum und nicht in das Familienzimmer, Mantel und Hut dagegen an den Garderobenständer, der sich gewöhnlich im Korridor oder im Vorzimmer befindet. Taschentücher dürfen wir nicht auf Stühlen und Tischen liegen lassen; auch sollen wir dieselben nicht zu lange in der Hand tragen, sondern sie nach dem Gebrauch rasch zusammenlegen und in die Tasche stecken. Daß beim Husten, Gähnen und Niesen in den meisten Fällen das Taschentuch zu gebrauchen ist, damit wir unsere Mitmenschen nicht belästigen, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Zuweilen genügt es auch, nur die Hand vor den Mund zu legen; diese Bewegung ist das geringste, das die Wohlanständigkeit fordern kann, und die Unterlassung derselben wird mit Recht als eine grobe Unhöflichkeit betrachtet. Die früher üblichen Grüße beim Niesen sind vollständig veraltet.

Auch eine gute, korrekte Haltung haben sich die Kinder von den frühesten Lebensjahren anzugewöhnen. Schon an zehn- bis zwölfjährigen Kindern sollte man in dieser Hinsicht nichts mehr zu tadeln haben, geschweige denn an jener etwas höheren Altersstufe, die man im allgemeinen als »heranwachsende Jugend« bezeichnet.

Das Anlehnen an die Stuhllehne darf in Gegenwart älterer Personen nur in außergewöhnlichen Fällen stattfinden; dagegen ist das Hin- und Herschaukeln der Stühle, das Aufstützen der Ellbogen oder des Kopfes auf den Tisch und das Schlenkern der Füße unter keinen Umständen gestattet. Eine häßliche Unsitte ist auch das Übereinanderschlagen der Beine, das man Knaben freilich manchmal nachsieht, jungen Mädchen aber niemals.

Auch zu Hause dürft ihr für gewöhnlich nicht vor den Eltern oder andern gesellschaftlich gleichstehenden Erwachsenen das Zimmer betreten, namentlich nicht vor Damen. Ihr öffnet nur die Tür und tretet dann ein wenig zurück, um jene vorzulassen; denn stets gebührt den älteren Personen der Vortritt vor den jüngeren und den Damen vor den Herren. Nur beim Besteigen einer Treppe nimmt der Herr den Vortritt vor der Dame. Doch dürft ihr auch, falls die Treppe breit genug ist, mit dem Begleiter auf derselben Stufe bleiben, namentlich beim Abwärtssteigen. Einer direkten Aufforderung zum Vortritt, etwa um den Weg zu zeigen, einen Besuch bei den Eltern anzumelden oder eine Tür zu öffnen, habt ihr natürlich ohne weitschweifige Weigerung zu folgen.

Manche junge Leute machen sich ein besonderes Vergnügen daraus, die halbe Treppe herabzuspringen oder doch zwei bis drei Stufen auf einmal zu nehmen, und endlich, wenn sie noch etwas tief in den Kinderschuhen stecken, auf dem Geländer herabzurutschen. Für Mädchen sind diese seltsamen Turnübungen direkt unstatthaft; Knaben mögen sich merken, daß sie nicht gerade einen erbaulichen Anblick gewähren, und daß schon manches Unglück die Folge solcher Leistungen gewesen ist. Die kleinen Freiheiten, welche wir den Knaben in dieser Hinsicht gewähren, gelten aber nur für den Verkehr unter sich; in Gegenwart Erwachsener haben sie sich nach Art Erwachsener zu betragen.

Die heranwachsenden Knaben und Mädchen müssen für das Elternhaus genau dieselben Regeln beachten, die ihnen für den Verkehr in fremden Häusern vorgeschrieben sind. Dazu gehört vor allem, daß sie vor dem Eintritt in das Haus die Füße reinigen und nicht mit Überschuhen, Stöcken oder Regenschirmen das Familienzimmer betreten. Knaben haben unbedingt und immer vor der Tür desselben die Mütze abzunehmen.

Es ist auch eine Art von Unhöflichkeit, wenn man beim Essen oder bei verabredeten Ausgängen auf sich warten läßt. Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige; nicht weniger ziert sie jeden andern gewöhnlichen Menschen, denn sie ist die einfachste Rücksicht, die wir im gesellschaftlichen Leben auf unsere Umgebung nehmen können. Haben wir uns eine kleine Verspätung zu Schulden kommen lassen, so müssen wir uns sofort entschuldigen.

Je größer die Kinder werden, desto eifriger sollten sie darauf bedacht sein, das polternde, lärmende Wesen abzulegen. Damit soll natürlich nicht gesagt sein, daß ihr jetzt wie Schatten durch die Zimmer und Korridore huschen müßt. Zuweilen könntet ihr dadurch sogar in den Verdacht kommen, ihr wolltet horchen, und dieses Fehlers will sich doch gewiß keiner von euch schuldig machen, weder im Elternhause, noch bei Fremden. Das Horchen widerspricht nicht nur dem guten Ton und den einfachsten Regeln der Schicklichkeit, sondern es ist auch unehrlich wie Heucheln und Lügen, und den Eltern wird nichts unangenehmer sein, als wenn sie nur bei verschlossenen Türen über wichtige Dinge beraten können. Mit dem Horchen Hand in Hand geht das Spionieren bei Geschwistern und Dienstboten, um allerlei verborgene Dinge ausfindig zu machen, das Durchsuchen von Sachen und Briefschaften anderer Personen und endlich die Angeberei, die von einem unehrlichen und schadenfrohen Charakter Zeugnis gibt. Jedes nur in etwas edel veranlagte Kind wird einen heiligen Stolz darin setzen, sich namentlich vor diesen Fehlern zu hüten.

Manche Kinder nehmen alle Wohltaten, die ihnen von den Eltern erwiesen werden, als etwas Selbstverständliches hin und denken nicht daran, für dieselben zu danken. Das ist aber eine durchaus falsche Auffassung. Wenn die Eltern euch irgend welche Geschenke machen oder euch ein besonderes Vergnügen bereiten, so ist ein sofortiger herzlicher Dank gewiß das geringste, das sie für alle ihre Mühe und Liebe erwarten können.

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