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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Der gute Mond - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDorf- und Schloßgeschichten
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1991
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-32972-2
titleDer gute Mond
pages294-324
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Kindisch! kindisch! Wer wußte das besser als ich, wer hätte verstanden, mir so tüchtig die Leviten zu lesen, wie ich selbst es tat? Aber von Tag zu Tag wurde meine Neigung zu der Kleinen inniger und wärmer und ebenso der Wunsch, daß sie Zutrauen zu mir gewinne, wenn schon kein anderes, doch ein solches wie zu einem älteren Bruder. Deshalb verfehlte ich's meistens und war, zu meinem eigenen Schaden, bitter und grämlich. Und an dergleichen war die Kleine nun gar nicht gewöhnt. Geführt werden auf Tritt und Schritt, nach Pflicht und Vorschrift fühlen, denken, atmen, geleitet werden wie ein Maschinchen, o ja! aber wohlgemerkt, ohne ein rauhes, womöglich ohne ein lebhaftes Wort.

Die Gnädigste hatte ein scharfes Auge auf mich, und der geistliche Herr, der mir am Hochzeitstage meine Papiere abgefordert, gleichfalls, und detto noch einige andere geistliche Herren, die im Hause ein- und ausgingen. Ich sah wohl, daß sie mich beobachteten, aber ich dachte: Nur zu! Wie ich bin, so bin ich. Müßte übrigens lügen, wenn ich behaupten sollte, daß sie mir das geringste in den Weg gelegt haben; bin vortrefflich mit ihnen ausgekommen. Glaube auch, daß die Gnädigste ihrem Rat Folge geleistet hat, als sie mir nach Verlauf von ungefähr sechs Wochen eröffnete, wenn es mir angenehm wäre heimzureisen, wolle sie mich nicht länger aufhalten.

Es würde sich nicht für mich schicken, die Komplimente, die sie mir damals gemacht hat, zu wiederholen. Als sie jedoch mit ihnen fertig war, sagte sie: »Das Walten einer gnädigen Vorsehung über meinem Hause hat sich mir stets geoffenbart; niemals jedoch so sichtbarlich wie in dieser letzten Zeit, bei der letzten weltlichen Angelegenheit, die zu bestellen mir noch auferlegt war. Gott hat meine Ziehtochter einer großen Gefahr entrückt, in welcher sie untergegangen wäre ohne seine Dazwischenkunft. Statt des Unwürdigen, an den ich im Begriffe stand sie zu vermählen, hat er einen ihrer würdigen Lebensgefährten, hat er Sie gesandt. Lieber Sohn« – zum ersten Male nannte sie mich so -, »Sie haben Alma aus der Hand der Kirche empfangen: empfangen Sie Ihre Frau jetzt aus der meinen und meinen mütterlichen Segen und Glückwunsch dazu.«

»Alles wohl und gut, Gnädigste«, entgegnete ich, »aber die Hauptsache fehlt.«

Sie sah mich steif und groß an: »Wieso?«

»Das Herz der Kleinen hat noch nicht ja gesagt.«

»Ihr Herz! Haben Sie nicht ihren Schwur vor dem Altar? Ihr Herz? Wo ihre Pflicht ist, da ist ihr Herz.«

Dieses schöne Wort rührte mich nicht, schien mir vielmehr eines von denjenigen zu sein, mit welchem die Schwärmer sich aus der Verlegenheit helfen und ihrer eigenen Empfindung ein X für ein U vormachen. Aber froh war ich, von der Gnädigsten und ihrem Anhang das Absolutorium erhalten zu haben, und traf mit Almas Einwilligung – daß Gott erbarm, die Einwilligung einer Willenlosen! – meine Reisevorbereitungen.

Der Abschied der Kleinen von ihrem Zuhause und von jedem einzelnen Hausgenossen war schwer. Nie wieder habe ich so viele Weinende auf einem Fleck beisammenstehen gesehen wie an jenem Tage. Das Bild der Gnädigsten, die uns noch vom Balkon aus mit erhobenen Händen und zum Himmel gerichteten Blicken segnete, wird mir unvergeßlich bleiben. Den alten Diener hätten wir gern mitgenommen, und er wäre gern mit uns gegangen, fühlte sich aber zu gebrechlich zur Reise und mochte uns keine Ungelegenheiten verursachen. – »Sterben muß ich«, sagte er zu seiner kleinen Herrin; »da ist's schon besser, ich sterbe hier in der Heimat aus Sehnsucht nach Ihnen als dort bei Ihnen aus Sehnsucht nach der Heimat.« Einige Monate später haben wir denn auch die Nachricht seines Todes erhalten.

Es versteht sich von selbst, daß ich längst an meine Leute geschrieben und Befehl gegeben hatte, den Garten und das Schlößchen so gut als nur möglich zum Empfang der Gebieterin herzurichten. Da war fast mehr geschehen, als ich gewünscht hatte, aber zu meiner Verwunderung keine einzige Ungeschicklichkeit, und auch im größten Jubel der festlichen Begrüßung kam keine von den Derbheiten und plumpen Anspielungen vor, die einem neuvermählten Paar von einer getreuen Landbevölkerung sonst nicht erspart werden und die bei uns am wenigsten am Platz gewesen wären.

Als ich meinen Wirtschafter herzlich belobte, tat er zuerst geheimnisvoll und gestand sodann, der Herr Franz von drüben sei in der verwichenen Woche täglich dagewesen, habe alle Vorbereitungen geleitet, aber dringend aufgetragen, mir nichts von seiner Einmischung zu verraten. Und gestern war er abgereist, und niemand wußte wohin, und hatte sehr übel ausgesehen und so aufgeregt, daß jedem um ihn bange geworden.

Was soll das wieder heißen? fragte ich mich und ging ernstlich mit mir zu Rate, ob ich mit der Kleinen von ihm sprechen sollte oder nicht. Bevor ich aber zu einem Entschluß kam, hatte ich nicht mehr nötig, einen zu fassen. In der Gegend wurde allgemein bekannt, daß der Franz seiner treulos gewordenen Muse nachgefahren war, sie in der Nähe von Vatra-Dorna in der Bukowina eingeholt und den Begleiter, in dessen Gesellschaft sie an den Ufern der goldenen Bistriza lustwandelte, herausgefordert hatte. Dies mußte in einem jener Anfälle blinder Wut geschehen sein, denen der Sklave seiner Impulse unterworfen war, und mit großer Übereilung und ohne Beachtung der üblichen Formalitäten hat das Duell stattgefunden. Die Gegner sollen (ich glaube es heute noch nicht) zugleich geschossen haben. Einer war maustot auf dem Platz geblieben, der andere, der Franz, hatte eine Kugel in die Hüfte bekommen und wurde in jammervollem Zustand heimtransportiert.

Ich befand mich im Garten mit der Kleinen, als ein Reitender daherjagte und mir meldete, es gehe zu Ende mit dem Herrn Franz, und er wünsche mich noch einmal zu sehen. Das hört die Kleine, verfärbt sich und sagt: »Oh, der arme Herr Franz! der Arme! Komm, fahren wir gleich zu ihm.«

Wir, sagte sie, und, denkt euch, mir gefiel's, daß sie es so frank und frei und natürlich aussprach. Erst später fanden sich Skrupel bei mir ein, und auf dem Wege zum Sterbebett meines nächsten Anverwandten dachte ich nicht an ihn, sondern fortwährend an das junge Wesen neben mir und fragte mich voll Herzensangst: Was mag sie fühlen? Was geht in ihr vor?... Und nie war es mir so sehr aufgefallen wie damals, um wieviel schöner das Gut des Vetters doch lag als das meine. Schöner, romantischer, eine grüne Zunge im Gebirgsrachen.

»Bemerkst du, Alma, wie hübsch diese Gegend ist?« sagte ich zu ihr, und sie antwortete: »Ich habe nichts bemerkt, ich bin zu sehr in Sorgen um den armen Herrn Franz.«

»So hast du ihm verziehen?«

»Was denn?«

»Nun«, rief ich, »wenn du fragen kannst!«

Sie lächelte mich an mit ihren klugen, klaren, unschuldigen Augen. »Ach freilich«, sagte sie.

Wir fanden ihn schwach zum Auslöschen und trotz seiner zahlreichen Dienerschaft schlecht versorgt und verpflegt. Es war wirklich nichts zu tun, als dazubleiben und sich seiner anzunehmen. Ist denn geschehen und er langsam genesen und nach seiner Genesung in meinem Hause oft ein- und ausgegangen wie in der früheren Zeit.

Die Kleine war mit ihm viel unbefangener als mit mir, und wenn er etwas sagte, was ihr nicht gefiel, widersprach sie ihm ohne Umstände.

»Widersprich auch mir einmal!« bat ich sie.

»Dir nie!« war ihre rasche Antwort; sie besann sich ein Weilchen und wiederholte mit heiligem Ernst: »Dir nie!«

Es kam vor, daß sie ganz plötzlich und ohne Grund meine Hand ergriff und küßte, und das war mir das Ärgste – so ein kindlicher Handkuß.

Nicht immer habe ich mich überwinden und schweigen können, ich habe sie leider nicht selten angefahren: »Wofür bedankst du dich?« Oder gar: »Bittest um Verzeihung?« Aber dann – ihr Entsetzen! und meine Verzweiflung... Um tausend Meilen zurückgeworfen von meinem Ziel – das hatte ich davon. Herrgott! was für ein plumper Bengel bin ich euch gewesen, und was war sie für ein holdseliges Mädchen – holdselig! Wie kein zweites paßte dieses Wort auf sie. Dabei war sie aber auch ganz klug und vernünftig, wartete ruhig und emsig im Hause, konnte nicht einen Augenblick müßig bleiben. Denkt euch nicht etwa eine träumerische Romanprinzessin, die nicht imstande ist, Gerste von Weizen zu unterscheiden, und immer in höheren Regionen schwebt. Davon keine Spur. So gut wie im Walde kannte die Kleine sich unter den Ähren der Felder, den Blumen der Wiesen aus und fühlte sich recht daheim auf der Erde, deren lieblichstes Kind sie war... Und wenn ich sie auch hie und da barsch anließ, mein höchstes Kleinod ist sie doch gewesen, und ich habe sie gehütet und gehegt mit mehr Liebe, als ich ihr zu zeigen wagte, denn ihre Nähe schüchterte mich sehr ein. Sie war ja die erste junge Frau, mit der ich jemals in täglichem Verkehr gestanden habe. Übrigens ging es ihr nicht schlecht bei mir; ihre früher so blassen Wangen färbten, ihre zarte Gestalt kräftigte sich, und Augenblicke gab es, in denen mir vorkam, als erwache in der aufblühenden Jungfrau – das Weib.

Der Franz hat sich – in seiner Weise natürlich – musterhaft benommen. Ein gewisses Kokettieren konnte er allerdings jungen hübschen Frauen gegenüber nicht lassen. – Es war seine Natur, es kam ihm unbewußt, im Schlaf, wie ihm seine Gedicht kamen. Diese verfluchten Gedichte, um die ich mich sonst nicht gekümmert hatte und die mir jetzt soviel zu denken gaben, weil sie der Kleinen gefielen. Sie waren hübsch, und merkwürdigerweise, dieser Mensch, der eitel war auf seine Augen, auf seinen Schnurrbart, seine Nägel – auf sein Bestes, eben die Gedichte, war er's nicht. Hat sie nie gesammelt, nie drucken lassen; aber sie leben, viele von ihnen leben im Munde unseres Volkes. Es sind lauter Liebeslieder, Mädchen und Bursche singen sie, ich habe es oft gehört und mit Vergnügen.

Als jedoch eines wonnigen Sommerabends die Kleine anhob, eines dieser Lieder zu singen mit ihrer wunderbaren Stimme, dem tönenden Schlüssel zu allen Geheimnissen meiner Brust, da faßte mich ein heißer Zorn, und von der Stunde an war ich eifersüchtig... Verachtete mich darum und war's, und alles, wovon mein Verstand mir riet: Das solltest du nicht tun, nicht sagen – das tat ich, das sagte ich. Und so kindisch machte mich die törichtste von allen Leidenschaften, daß mir, dem praktischen Mann, nichts wünschenswerter schien, als nur eine Stunde lang ein Dichter sein und ein Lied erfinden zu können, ein Lied, das zum Herzen geht. Einige Strophen sollte es haben und nach jeder derselben den Schlußreim bringen: Du Meine und nicht Meine!

Umsonst zerbrach ich mir den Kopf, der Schlußreim war da – die Strophen wollten mir nicht einfallen.

Aus diesen poetischen Anwandlungen wurde ich durch die nüchternste Prosa gerissen.

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