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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Der gute Mond - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDorf- und Schloßgeschichten
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1991
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-32972-2
titleDer gute Mond
pages294-324
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Eine volle Stunde verging.

Die Kleine wehrt sich, hoffte und – fürchtete ich, die Kleine macht Gebrauch vom Recht des Schwachen, vom Recht, nein zu sagen.

Das Jubilieren der Gäste, denen man vermutlich brav einschenkte, um ihnen die Wartezeit zu versüßen, drang zu mir herüber. Die Glocken begannen mit erneuerter Kraft zu läuten, an der Tür pochte es. Ein Geistlicher von kleiner Statur und klugem Aussehen näherte sich: »Unsere Allergnädigste«, sprach er mit leiser, etwas heiserer Stimme, »beliebten mir mitzuteilen, daß Euer Hochwohlgeboren in der Eile der Abreise einige Ihrer Dokumente zu Hause vergessen haben, aber hoffentlich doch nicht alle.«

Ich hatte meinen Paß, und damit Punktum. Den reichte ich dem geistlichen Herrn. Er nahm ihn in genauen Anschein und sagte: »Das ist ja gut. Was noch fehlt, werden Euer Hochwohlgeboren die Gnade haben nach der Vermählung herbeizuschaffen.«

»Vermählung? – So ist Vermählung?«

Der Geistliche überhörte meinen unwillkürlichen Ausruf. – »Unsere Allergnädigste«, fuhr er fort, »die nicht mehr Zeit hat, das Geschäftliche noch einmal mit Euer Hochwohlgeboren durchzusprechen, läßt Euer Hochwohlgeboren durch mich in Erinnerung bringen, daß Fräulein Nichte keine Anwartschaft auf die Herrschaft Folt besitzt, diese vielmehr nach dem Ableben der Allergnädigsten laut getroffener testamentarischer Verfügung in das Eigentum der Kirche übergeht. Hingegen erhalten Fräulein Nichte als Heiratsgut von hochdero Frau Tante ein Geschenk von fünfzigtausend Gulden Konventionsmünze, das nach geschlossener Trauung Euer Hochwohlgeboren übergeben werden wird.«

»Hat gar keine Eile«, antwortete ich und verließ, von dem Pfäfflein geleitet, das Zimmer.

 

Notabene: Hier pflegte unser verehrter Gönner und Freund eine Pause zu machen, und ich pflegte ihm meine Dose hinzureichen, lediglich als Zeichen der Hochachtung, sintemal er eigentlich kein Schnupfer war. Und er, aus Artigkeit, nahm eine Prise, hielt sie eine Weile zwischen den Fingern, sagte plötzlich: »Aha!« und deponierte sie in das Markenkästchen des Nachbars oder in sein eigenes.

»Kinder«, rief er, »wo sind wir?« Und einer von uns antwortete: »Auf dem Weg zur Kirche.«

»Ja, ja, zur Kirche!« Und regelmäßig wurde bei der Stelle der alte Herr ganz weich und bewegt und fuhr also fort:

 

Zur Kirche, zwischen Bäumen, über gestreute Blumen wandere ich, neben mir zwei rosenfarbige Fräulein und vor mir die Kleine, die Weiße, im Myrtenkranz und Brautschleier.

Ringsum ein Menschengedränge, in dem es dumpf und leise und gleichsam ehrerbietig wogt. Keine Stimme ist laut als die eherne der Glocken... Und auch die verstummt – ich steh vor dem Altar, und an meiner Seite steht die Braut. Ich wünschte innig, daß sie sich ein Herz fassen und mich nur ein wenig ansehen möchte, daß ich ihr mit einem Blick hätte sagen können: fürchten Sie sich nicht. Aber sie wandte kein Auge von dem Priester und war mehr einer bleichen jungen Nonne ähnlich als einem lebensfreudigen Mädchen, das einem Manne angetraut wird.

Die Rede des Geistlichen dauerte lang, und bei jedem Wort der Ermahnung, das der Kleinen galt, dachte ich: Zuviel! zu hart! – und bei jedem, das mir galt: Das versteht sich ja alles von selbst.

Beim Hochzeitsschmaus bin ich neben ihr gesessen, habe aber mit ihr nicht sprechen können, weil fortwährend Toaste ausgebracht wurden, auf die ich antworten mußte, und weil ich über eine kleine Rede nachsann, die ich selbst zu guter Letzt halten wollte. In dieser sagte ich denn, daß ich kein Flausenmacher sei und eher derb, daß ich jedoch gestehen müsse, ich hätte bei den Hochzeiten, denen ich bisher angewohnt, immer tüchtig geweint – mir ist leid um die Braut gewesen. Sei es, wie es sei; komme, was da wolle; für die Frau ist der Schritt in die Ehe der wichtigere Schritt. Davon aber hat noch keiner, den ich den ehelichen Trauring wechseln sah, etwas wissen wollen, vielmehr jeder sich als Hauptperson bei der heiligen Handlung betrachtet. Als ob es nicht eine kleinere Sache wäre, eine Verantwortung – oft schlecht und recht, und meist nur vor dem eigenen, in dem Punkt gewöhnlich sehr dehnbaren Gewissen – zu übernehmen, als überantwortet zu werden mit Gut (ich dachte an die fünfzigtausend Gulden) und Blut und für das ganze Leben. Daher meine innige Rührung bei jeder fremden Hochzeit, daher auch meine Standhaftigkeit bei meiner eigenen. Die Jungfrau, welche heute vertrauensvoll ihre Hand in die meine gelegt, befände sich nicht in dem eben von mir angeregten Fall – ich wisse, wer von beiden, Mann oder Frau, mehr riskiert bei der Schließung eines unlösbaren Bundes. Und so, wie sich ein Starker, der wenig wagt, einem Schwächeren gegenüber, der viel wagt, zu benehmen hat, so werde ich mich allzeit meiner Gemahlin gegenüber benehmen.

Ein großer Jubel, besonders von seiten der Damen, belohnte diese meine Erklärung. Die Gnädigste erhob sich von ihrem Platz und umarmte mich vor der ganzen Gesellschaft. Nach der Tafel gab es feierliche Aufzüge der Dorfbewohner, glückwünschende Deputationen aus den nächsten Ortschaften und endlich Ball vor dem Haus, unter Gottes freiem Himmel, bei Mondenschein und Sternenschimmer, und Ball im Haus unter den Kronleuchtern bei Kerzenglanz. Eine Polonaise eröffnete ihn, bei welcher mir die Auszeichnung zuteil wurde, mit der Gnädigsten, die ihre Fingerspitzen auf meinen Arm legte, die Runde um den Saal zu machen. Den ersten Ländler tanzte ich mit der verehrten Kleinen. Bis tief in die Nacht dauerte das Fest, und nachdem der letzte Gast sich bei uns empfohlen hatte, empfahlen die Gnädigste und ihre Nichte sich bei mir.

Und ich sage euch, liebe Freunde, ich habe gut und sanft geschlafen und angenehm geträumt, und zwar von der Kleinen. Wir gingen miteinander spazieren daheim in meinem Garten, und ich hielt sie umschlungen, und sie sprach zu mir: »Das war ein Irrtum, das mit dem andern Franz. Du bist der Rechte – du!«

Ein Mensch, der mir die Hand küßte, weckte mich – der Alte, der heute viel weniger ängstlich tat und mich in schmelzendem Tone ersuchte, ich möge geruhen, mich ankleiden zu lassen und mich dann zum Frühstück zu begeben zu der Allergnädigsten und zu meiner jungen Gemahlin. Das letztere hatte er mit einem für den Scherz um Verzeihung bittenden untertänigen Bückling hinzugesetzt. Ich gab ihm einen leichten Schlag auf den gekrümmten Rücken und sagte: »Was nicht ist, kann werden«, worauf er mit freundlichem Ernst erwiderte: »Das walte Gott!« und mir wieder die Hand küßte.

Dieser alte Mensch ist mein getreuer Anhänger geblieben während der ganzen Zeit, die ich noch in Folt zugebracht habe, hat mir auch manchen nützlichen Wink gegeben und mir manches Licht aufgesteckt, das meinen sehr nebeligen Pfad freundlich erhellte. So zum Beispiel erfuhr ich durch ihn, daß die Gnädigste, als Franz sich um Fräulein Alma bewarb, an einen Gewährsmann in unserer Nähe geschrieben und sich bei ihm nach Herrn Franz von Bauer erkundigt hatte. Infolge eines Irrtums in ihrem Briefe mußte besagter Gewährsmann meinen, die gewünschte Auskunft beträfe mich, und auf meinen Leumund hin hat Franz das Jawort erhalten. Was die Repräsentation anbelangt, die verstand er, und die Gedichte haben auch ihren Effekt gemacht. Von einer Neigung des Kindes zu ihm fand ich keine Spur, und ihr könnt euch denken, wie ich darauf aus war zu erfahren: Hat sie ihn liebgehabt, die Kleine, hat sein niederträchtiges Benehmen sie empört? und schließlich: Welches Mittel hat die Gnädigste angewendet, um sie zu bewegen, mir zum Altar zu folgen?

Die Lösung des Rätsels war einfach – die Kleine war eben ein Kind; ahnungsvoll und doch gedankenlos, verwöhnt und doch willenlos. Willenlos! der einzige dunkle Punkt in der Sache... Wenn ich fragte: »Beliebt es Ihnen spazierenzugehen?« Ja, es beliebte ihr. »Beliebt es Ihnen zu Hause zu bleiben?« Es beliebte ihr gleichfalls. »Täten wir nicht besser auszureuten?« Gewiß, wir täten besser.

Eines schönen Morgens wanderten wir zusammen im Wald herum. Und sie war euch so herzig in ihrer sanften und aufmerksamen Heiterkeit. Merkte alles, wußte genau, daß hier zwischen den weggescharrten Blättern Rehwild gerastet und daß sich dort im aufgewühlten Boden ein Hirsch niedergetan. Scharfsichtig wies sie hin auf die Spuren der Wilddiebe und entdeckte sie an den Bäumen böswillig befestigte Vogelschlingen, gleich heraus mit dem Taschenmesserchen und fort mit ihnen.

Ich, ich stand neben ihr und bewunderte sie; keine Sprache spricht es aus, wie gut sie mir gefiel. Fräulein sagte ich nicht mehr zu ihr, sondern einfach Alma, aber immer noch Sie. Damals im Walde kam mir dieses Sie so dumm vor, daß ich sie frischweg fragte: »Alma, wollen wir nicht du zueinander sagen?«

Sie war eben mit dem Wegtilgen einer Vogelschlinge fertiggeworden, steckte ihr Messerchen ein, machte mir einen kleinen Knicks und erwiderte: »Wenn Sie erlauben.«

»Ich bitte darum!« rief ich heftig.

Sie erschrak, wurde rot, sah sich um wie nach Hilfe und stammelte: »Sie haben zu befehlen.«

»Ich werde dir nie etwas befehlen, Alma, am wenigsten in dieser Hinsicht«, versetzte ich so ruhig, als mir möglich war bei meinem Naturell.

»Nie etwas befehlen?« wiederholte sie und brauchte ein paar Minuten, um sich von ihrer Verwunderung so weit zu erholen, daß sie die Erklärung abgeben konnte: »Ich werde Ihnen aber doch gehorchen.«

»Ihnen?«

»Dir... Oh, verzeihen Sie: dir.«

Mit welcher Angst sie das sagte, könnt ihr euch nicht vorstellen, und mein Entsetzen über diese Angst auch nicht.

Sie vergaß noch sehr oft, mir du zu sagen, und geriet darüber jedesmal in große Bestürzung und Reue. Ich gab mir Mühe, einen Spaß aus der Sache zu machen, aber es wollte mir nicht recht gelingen. Zu tief verdroß mich das unglückliche Sie, das ihr von selbst auf die Lippen kam; zu wenig freute mich das zögernde Du, zu dem sie immer erst einen Vorsatz fassen mußte.

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