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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Der gute Mond - Kapitel 2
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDorf- und Schloßgeschichten
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1991
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-32972-2
titleDer gute Mond
pages294-324
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Bald darauf finde ich ihn ausgestreckt auf dem Ruhebett, und er hat neben sich auf dem Tisch einen offenen Brief liegen. – »Von wem denn schon wieder?« fragte ich. – »Von meiner Braut.« – »So? Hat sie geschrieben, die Wonne, die Sonne?...« Da wird euch sein Gesicht ellenlang und seine Miene essigsauer, und er gibt dem Blatt einen Schneller, daß es bis zu mir hinübergleitet, und seufzt, als ob ihn ein schweres Unglück getroffen hätte: »Unorthographisch.«

Ich konnte nicht umhin auszurufen: »Gott sei Dank dafür!« und nehme den Brief und lese ihn, und es ist ein solcher Schatz von einem unschuldigen liebreizenden kindlichen Brief, daß mir das Herz hüpft, der neuen Kusine entgegen. – »Du hast ja heute reisen sollen«, sage ich; und er: »Ich habe geschrieben, daß ich erst am Hochzeitstage komme; sie sollen nur alle Vorbereitungen treffen.«

Nun, wie ich das höre, da steigen mir die Grausbirnen auf. Weil ich ihn aber kenne und seinen Stütz nicht reizen will, tue ich nichts dergleichen, sondern bemerke einfach: »Und wenn dir unterwegs der Wagen bricht oder wenn dir ein Pferd ausspannt, was dann?« Er schweigt und schaut mit seinem hochmütigsten Blick zum Fenster hinaus, und mir läuft die Galle über, und ich schreie ihn an: »Schreib doch lieber ganz ab!« – »Du weißt recht gut, daß ich nicht mehr aus kann«, entgegnet er, »werde schon zur rechten Zeit dort sein. Sie erwarten mich gar nicht vor der letzten Stunde.«

»Aha«, versetzte ich, »die Braut muß am Altar stehen, dann wirst du erscheinen wie der Prinz im Feenmärchen – wirst du?« – Keine Antwort. Der Mensch versinkt wieder in seine träumerische Stummheit und erhaben sein sollende Ruhe.

Glaubt mir, wenn es damals wie jetzt auf eine Tagereise von meinem Gut ein Telegraphenamt gegeben hätte, aufs Pferd würde ich mich geworfen haben, hingeritten wäre ich und hätte auf eigene Gefahr nach Folt depeschiert: »Unvorhergesehene Hindernisse, Ankunft zweifelhaft, Brief folgt.« Aber damals, da war es so bei uns, daß der Postmeister von Türsdorf, wie ich zum erstenmal das Wort Telegraph vor ihm ausgesprochen habe, der Meinung gewesen ist, das sei etwas Eßbares.

Eine gräßliche Woche vergeht; der Tag, an dem der Franz durchaus hätte reisen müssen, um noch knapp zurechtzukommen, ist da, und wieder finde ich ihn auf seinem vermaledeiten Lotterbett, dieses Mal mit Eisumschlägen auf den Kopf. Wie eine kranke Schlange wand er sich: »Ich kann nicht fort, Bruder, ich kann nicht! Sie stirbt, meine Muse stirbt, wenn ich gehe, es ist ihr Tod!« – So winselt er... »Bruder, fahre du hin, entschuldige mich, sage der guten Kleinen, es war ein Irrtum, ich habe mich übereilt. Nein, sage ihr, ich habe mich besonnen – ich verdiene sie nicht!«

Von jeher habe ich gewußt, daß ich ein heftiger Mensch bin und rauh von Natur. Die Wut aber, die in dem Augenblick bei mir losgebrochen ist, deren hätte ich mich nicht für fähig gehalten. »Weißt du«, sag ich ihm, »du bist doch ein miserabler Kerl«, sag ich ihm... »Und wenn du noch einen meiner Namen führtest, aber du führst beide, und ein schlecht Unterrichteter kann glauben, daß von mir die Rede ist, wenn jemand sagt: Franz von Bauer heißt die Kanaille!« So rase ich, der Zorn umnebelt meinen Geist, trotzdem aber steht es klar vor mir, daß mit dem elenden Waschlappen von einem Menschen nichts anzufangen ist und daß ich nur gleich meine sieben Zwetschen zusammenpacken und davonkutschieren muß.

Ein paar Stunden später bin ich auf der Reise gewesen und bin gefahren mit der Post, mit dem Bauer, mit allem, was mir den Wagen vom Fleck gebracht hat – er war zum Glück neu und gut –, bin gefahren vom äußersten Nordosten des Landes bis zum äußersten Südwesten, Tag und Nacht, in der linken Hand die Geldkatz, in der rechten die Peitsche... Herrgott im Himmel! nur einen Tag einbringen, einen einzigen, damit die armen Damen wenigstens den Hochzeitsgästen absagen und die Musikanten nach Haus schicken können. – Das habe ich erreichen wollen. Ist mir aber nicht geglückt... In der Geldkatz haben die letzten Muttergottes-Zwanziger gescheppert, von der Peitsche war das Schmißl abgehauen, und der einunddreißigste August hat mich noch auf dem Weg gefunden.

Kinder! Keinem von euch wünsche ich, daß er sich einen Begriff davon machen könne, wie mir war, als ich beim Dorfe Folt ankomme und den ersten Böllerschuß höre, der mich begrüßt... was – mich! den Bräutigam, den sein sollenden – und ich dahinfahre unter dem ersten Triumphbogen und die ganze Bevölkerung im Sonntagsstaat auf den Beinen ist. Vom Kirchturm bimmelt Glockengeläute, vor dem Herrenhause stehen Wagen an Wagen, Menschen an Menschen, und auf dem Balkon schimmert's blau und rosenfarbig vor lauter Kranzeljungfern. Und ein so donnerndes Hurra empfängt mich, als ich in den Hof hineinfahre, daß mein Geschrei: »Ich bin's nicht! Stillgeschwiegen! – Ich bin's nicht!« geradesoviel Wirkung macht wie das Stöhnen eines Verwundeten im Schlachtgewühl. Eine Unzahl Hände streckt sich mir entgegen, mir aus dem Wagen zu helfen... Ich stoße alle fort und rufe einem alten Diener zu, der dasteht mit schlotternden Knien und wackelndem Kopf und dem Tränen des Entzückens und der Rührung über die Wangen laufen: »Führe mich zur gnädigen Frau. Ich muß mit ihr sprechen unter vier Augen.« – »Bitte, bitte!« stammelt er und macht noch Zeremonien wegen des Vortritts. Das war, sag ich euch, zum Teufelholen.

Nun, der alte Mensch geleitet mich in ein Zimmer, einfach, solid; an der Wand ein großer Schreibtisch wie von einem Amtmann, drüber ein Kruzifix. Da warte ich kaum eine Minute. Eine hohe Gestalt tritt ein – klösterlich gekleidet, streng, majestätisch. Stutzt nicht einmal bei meinem Anblick, zieht nur die Brauen finster zusammen, als ich mich nenne, und wird nur bleicher, während ich ihr kurz und bündig melde, wie die Sachen stehen.

»Und was gedenken Sie jetzt zu tun, Herr von Bauer?« fragt sie.

»Das weiß ich nicht, Gnädigste«, antworte ich.

Sie richtet die Augen auf das Kruzifix, ich glaube, daß sie gebetet hat.

Dann wendet sie sich wieder in ihrer steinernen Hoheit zu mir und fragt: »Sind Sie verheiratet?«

»Nein, Gnädigste.«

»Ist Ihr Herz frei?«

»Ja, Gnädigste.«

»Sie haben gegen kein weibliches Wesen Ihres oder eines anderen Standes irgendwelche bindende Verpflichtung?«

Ich mußte lächeln.

Eine bindende Verpflichtung – ich! Ich hatte nie eine Liebschaft gehabt und mit den Weibern überhaupt so wenig als möglich zu tun. Sie verdienen keinen Respekt, meinte ich damals, und fühlte höchstens Mitleid mit ihnen, wenn ich sah, wie sie dem Franz nachliefen, an dem ja gar nichts war, einzig und allein wegen seines hübschen Gesichtes und seiner verdammten Versschmiederei.

Ich mußte also lächeln und verneinte.

Die Dame sah mich mit Augen an, mit Augen, wie ich vorher keine gesehen hatte und nachher keine gesehen habe, Augen, die Herz und Nieren prüfen, dann sagte: »Sie sind brav und redlich.«

Ja – Sie sind! sagte sie und nicht, wie es doch natürlich gewesen wäre: Ich halte Sie für brav und redlich.

Noch einen Blick nach dem Kruzifix, noch ein Stoßgebet, und sie sprach: »Der gute Name meiner Nichte fordert, daß meine Nichte heute mit Herrn Franz von Bauer vor den Traualtar trete.«

»Fordert? würde fordern«, versetzte ich – »es gibt leider kein Auskunftsmittel.«

»Es gibt eines, Herr von Bauer, ein gefährliches allerdings... Herr von Bauer, wollen Sie verhindern, daß ein unbescholtenes Mädchen Schmach erfahre durch ein Mitglied Ihrer Familie?«

»Gott weiß, daß ich's verhindern wollte!« rief ich. »Wäre ich sonst hier? Hätte ich mich sonst zum Überbringer der elendesten Botschaft gemacht? Meine Schuld ist es nicht, daß ich zu spät gekommen bin!«

»Nicht zu spät«, lautete ihre Entgegnung, »wenn Sie sich entschließen könnten, Ihren wortbrüchigen Verwandten zu vertreten.«

Da wurde mir schwindelig, und ich fragte: »Am Traualtar?«

Sie erhob die rechte Hand wie aus Wellen von allerlei Spitzenzeug, das um sie herumflutete, und sah mich an. Eine Norne, sag ich euch, eine Sibylle! Ich sag euch – etwas Überirdisches.

»Nur am Traualtar«, sprach sie feierlich, ging an den Schreibtisch, schellte und gab dem herbeieilenden Diener Befehl, ihre Nichte zu rufen.

Liebe Jungens, da kam euch ein Kind herein, ein Kind im Brautschleier und Myrtenkranz, das holdeste, das die Welt je gesehen, keine Schönheit, etwas tausend- und tausendmal Lieblicheres als eine Schönheit.

Ich habe immer meinen Spaß gehabt an den plötzlichen Verliebungen, die in Romanen und in Theaterstücken vorkommen, und gesagt, mir selbst muß sowas passieren, sonst glaub ich's nicht... Als das Kind im Myrtenkranz hereintrat, da hat mich's gepackt... Versteht mich! Nicht à la Romeo; behüt der Himmel! in viel sanfterer Manier, aber mit einer großen Macht... Wo ist denn nur geschwind eine Gefahr, aus der ich dich retten könnte? – Das war mein Gefühl. Eine ungemeine Verlegenheit dazu, wegen meiner bestaubten Stiefel und Kleider, und die bestürzte Frage: Wie seh ich aus?

Das Kind, heiter wie das Sonnenlicht, dankt meinem tiefen Gruße und sagt zu mir: »Wo ist Herr Franz?« und zur Tante: »Das ist der gute Vetter, nicht wahr? von dem er uns so oft erzählt hat.« Die Tante nickt, führt mich einige Schritte weiter und flüstert: »Nun?« – und ich antworte: »Oh – was mich betrifft – aber sie – wird sie denn wollen?«

»Meine Nichte hat keinen Willen«, erwiderte die Gnädigste und gibt dem Diener – es ist immer derselbe Alte, der kein Ende finden kann mit Flennen – Befehl, den Herrn Bräutigam auf sein Zimmer zu geleiten und ihm behilflich zu sein beim Ankleiden.

Es war mein Glück, daß ich mir einen anständigen Anzug mitgebracht hatte, und während ich mich wasche und mir die Haare bürste, nimmt der Alte meinen Frack aus dem Koffer, drückt ihn an seine Brust und weint, daß mir bange wird, der sammetene Kragen könne Spiegel kriegen.

»So ein Engel, gnädiger Herr! und ich habe ihre Mutter – und die war auch schon so ein Engel – auf diesen meinen Armen getragen... Und seien der gnädige Herr gut mit dem Engel; wir alle, wir haben ihm unsere Hände unter die kleinen Füße gelegt... Und die Allergnädigste sind wie eine Königin in ihrem Reich, aber weiches Wachs in den Fingern der kleinen Alma.«

»So?« entgegne ich und lebe auf, denn wie die Gnädige gesprochen hatte: Meine Nichte hat keinen Willen, ist sie mir vorgekommen wie Iwan der Schreckliche und ich mir wie sein gehorsamer Henker. – »So hat die Kleine doch einen Willen?«

Der Diener geriet in Bestürzung und stotterte: »Willen, halten zu Gnaden, das nicht, wie sollte sie? – einen Willen hat sie nicht.« Ich wandte mich von dem alten Esel ab und hörte nicht mehr auf sein Geplapper.

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