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Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach: Der gute Mond - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDorf- und Schloßgeschichten
authorMarie von Ebner-Eschenbach
year1991
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main und Leipzig
isbn3-458-32972-2
titleDer gute Mond
pages294-324
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Marie von Ebner-Eschenbach

Der gute Mond

Vor vierzehn Tagen haben wir ihn zur letzten Ruhestätte begleitet: Herr Franz von Meyer, Herr Joseph von Müller und ich, Johann Ritter von Schmidt.

Ja, er ist tot, der gute Mond; nun gibt es keinen Königrufer mehr, und sind wir reduziert auf einen Tapper. Einen anderen Stammgast des »Blauen Raben« einzuladen, den leer gewordenen Stuhl des Freundes zu besetzen ist uns nicht eingefallen, so viele Prätendenten sich derohalber auch direkt und indirekt bei uns gemeldet und so anständige Leute es auch waren, an denen unser Städtchen überhaupt, zu seiner Ehre sei es gesagt, keinen Mangel leidet. Der Platz, den der gute Mond durch neunzehn Jahre allabendlich drei Stunden lang eingenommen hat, ist infolge des hohen Alters seines Inhabers und des Ratschlusses der ewigen Vorsehung leer geworden und soll denn leer bleiben. Was die Erinnerung an den Verblichenen betrifft, so wird sie uns niemals entschwinden, und werden wir die Geschichte, die er am liebsten erzählte, niemals vergessen. Aber derweil sie noch frisch in uns lebt und seine Ausdrucksweise uns auch noch ganz geläufig ist, habe ich, der ich mich des besten Gedächtnisses erfreue und auch ziemlich gut in der Feder bin, es unternommen, dieselbe aufzuschreiben. Bin mir dabei wohl bewußt, daß die Hauptursache des Eindrucks, den die Geschichte auf uns machte, in dem Mangel an Übereinstimmung lag zwischen dem, was der Erzähler von sich selbst, und dem, was seine Erzählung von ihm aussagte.

Kaum wird es, soweit die Erde rund ist, einen Mann geben, der sich in einer Lage wie diejenige, in welche er versetzt wurde, mit ähnlicher Selbstbeherrschung und Zartheit benommen hätte. Daß er trotzdem immer auf sein derbes und brüskes Wesen zurückkam und es ihm nie einfiel, daß er auch anders hätte handeln können, als er gehandelt hat, das eben war es, was uns jenen oben angezogenen, seltsamen und rührenden Eindruck machte.

Ob dies beim Lesen in gleichem Maße der Fall sein wird, muß ich dahingestellt sein lassen; genug, daß ich mich der größten Treue in der Wiedergabe der Worte unseres Freundes befleißige.

Das Titelblatt zu dem Manuskript anzufertigen hat Herr von Müller sich bereit erklärt, und es wird den Verewigten vorstellen, wie er beim Tarock sitzt, mit seiner rosigen, etwas ins Karmoisinene spielenden Gesichtsfarbe und seinen schneeweißen Haaren.

Die Frau von Meyer, die eine gute Hausfrau und sehr praktisch ist, hat ihn immer verglichen mit einer zur Hälfte gezuckerten Erdbeere, und die Frau von Müller, die mehr poetisch fühlt und zur Schwärmerei neigt, wurde stets durch ihn an einen beschneiten Rosenhügel gemahnt. Dies in Parenthese.

Der Herr von Meyer spitzt schon ein Bund Gänsekiele – da er sich absolut nicht zur Stahlfeder bequemen will – zu einer kalligraphischen Abschrift.

Jedermann weiß, daß die schlechtesten Witze von den Jägern und von den Kartenspielern gemacht werden, und so war es denn auch ein schlechter Witz von uns, daß wir ihn den guten Mond nannten. Mond, weil er diese Karte so oft in die Hand bekam, und den guten, weil er mit ihr statt den anderen sich selbst einen Schaden zufügte, sintemalen er sie sehr oft vom Sküs fangen ließ. Sein wirklicher Name war Franz Edler von Bauer, und er hatte ein ansehnliches Gut besessen, das er bis in sein siebzigstes Jahr ausgezeichnet verwaltete. Als er jedoch seine Kräfte schwinden und sich nicht mehr recht fähig fühlte, die Wirtschaft mit der gewohnten Energie und Genauigkeit zu führen, und vielleicht auch aus anderen Gründen, verkaufte er die Besitzung und zog ins Städtchen, wo er bald zu sterben gedachte. Dieses traf jedoch lange nicht ein, und er brachte es zu einem Alter, das ihn berechtigte, uns, die wir sämtlich zwischen dem fünften und dem sechsten Jahrzehnt herumhüpfen, per grüne Grasteufel und rote Erdzeisel zu traktieren. Verheiratet war er gewesen und nicht gewesen. Aber – das ist eben die Geschichte, und die beginnt somit.

 

Es ist so lange her, daß ich mich nicht zu genieren brauche, sondern aufrichtig sagen darf: wir sind ein paar schöne Leute gewesen, mein Vetter Franz und ich. Franz! Ihr wißt schon, wir führten denselben Familien- und denselben Taufnamen, und er war ein einziger Sohn wie ich, und wir haben einander auch im Äußeren ähnlich gesehen. Beide blond mit blauen Augen, stattlichen Nasen und Vollbärten, nur daß bei ihm alles in die Länge und bei mir in die Breite ging. Und er so fein! Ach, was war euch dieser Mensch so fein! Ich habe nie einen so feinen Menschen gesehen... Ich dafür immer mehr brüsk, aber sonst – ganz ähnlich.

Meine Eltern starben früh, setzten mir einen schläfrigen Vormund, der mein Interesse nicht zu wahren verstand, und weil ich als Bub schon auf mein Interesse war wie der Teufel, kümmerte ich mich selbst um meine Sache und dirigierte und kommandierte bereits als ein Unmündiger bei mir herum. Zeit hatte ich dazu; damals verdummten und verweichlichten die jungen Leute noch nicht wie jetzt auf der Schulbank. Bei meinem lieben Vetter und Nachbar ging's anders zu; seine Eltern trieben Abgötterei mit ihm und hätschelten ihn, als ob er eine brustkranke Prinzessin gewesen wäre. Wenn er ein Gewehr in die Hand nahm, wurden sie blaß, und wenn er junge Pferde zuritt oder einführte, beteten sie für ihn. Wenn er aber ein Gedicht machte – denn er machte Gedichte; ja, Gedichte in Versen, und die Verse reimten sich sogar – und wenn er die Poesie dem Papa oder der Mama am Geburtstag oder Namenstag unter die Serviette legte, da weinten sie vor Freude. Kurz, die Aufgabe ihres Lebens war, den Sohn zu verzärteln, und als sie dieselbe fertiggebracht hatten, verließen sie ihn – just, da sie ihm am nötigsten gewesen wären, dem unerfahrenen und unschuldigen Kind von fünfundzwanzig Jahren. Die Mutter wurde plötzlich von einem Herzschlag hinweggerafft, der Vater folgte ihr bald nach – aus Sehnsucht, meiner Treu. Auf dem Totenbett empfahl er mir den Sohn und das Gut, das, wie gesagt, an das meine grenzte. Da hatte ich ihn auf dem Hals und die Ehre, alle Tage mit ihm auf den Friedhof zu laufen zu den Gräbern seiner Eltern, die er mit Kränzen schmückte und mit sentimentalen Inschriften. Und nach Dresden ist er gereist und hat bei einem berühmten Bildhauer einen Engel machen lassen, der seine Züge trug. Sie können denken, was das gekostet hat – mich nämlich; erst die Statue und dann der weite Transport von Dresden bis herunter zu uns nach Siebenbürgen. Aber dafür welch ein Aufsehen! Von weit und breit kamen die Leute aus der Nachbarschaft, den schönen Grabesengel zu sehen und die Inschriften zu lesen, und was jung war und eine Frau oder ein Fräulein, das verliebte sich in das Urbild des Engels und in den Urheber der Inschriften. Es regnete nur so Einladungen und Briefchen, und er hatte bald eine Korrespondenz wie ein Minister. Was mir recht war, denn es zerstreute ihn doch. Und Partien hätte er machen können – prächtige! und hätte nur die Wahl gehabt zwischen einem halben Dutzend Erbtöchtern. Aber diese Unentschlossenheit und Zaghaftigkeit und dieses Nichtwissen, in welche er verliebt war!... Heute schien es ihm die und morgen jene, und wenn ich es mir einfallen ließ, auch einmal der oder jener die Cour zu schneiden, dann fühlte er sich tief gekränkt, und dann wäre gerade diese die eine und einzige gewesen, die ihm gefallen und gepaßt hätte. So, daß ich richtig immer zurücktreten mußte, wenn ich eben anfing Feuer zu fangen. Wenn ich aber sagte: »Gut, so bewirb du dich«, machte er den Großartigen und rief, er brauche keine Opfer, und jetzt sei ihm die Freude schon verdorben, und deklamierte etwas von einem kalt gewordenen Bissen auf Cäsars Teller.

Um seine Besitzung kümmerte er sich gerade soviel, um zu bemerken, daß sie ihm nichts eintrug. Hat auch nicht anders sein können, die Regie fraß ihn auf. Ich war mein eigener Verwalter, Förster, Stallmeister und Barbier. Er hat für das kleinste Amt einen eigenen Menschen besoldet und wäre dabei weiß Gott wie oft zugrunde gegangen, wenn ich nicht ausgeholfen hätte. Was ist mir anderes übriggeblieben? War es aber geschehen, das beruhigte ihn mitnichten, da ging erst das Wimmern los, daß seine Verpflichtungen gegen mich ihn niederdrückten. Um nur sein Lamentieren nicht hören zu müssen, habe ich die dummen Quittungen, die er mir aufnötigte, mehr als einmal vor seinen Augen zerrissen.

Einige Jahre ging es so fort, er näherte sich schon seinem dreißigsten, da geriet euch der Mensch in die Bande einer koketten Frau. Hochgebildet, wie bereits ihr Taufname Aglaja verriet. Ich tat, was ich konnte, um ihn loszumachen, aber es wollte mir nicht gelingen, die Dame hielt ihn fest mit schmachtenden Blicken und mit geistreichen Gesprächen. Mit Absicht machte ich mich zum unwillkommenen Dritten in ihrem zarten Bunde, scherte mich nicht um die üble Laune, mit der sie mich merken ließen, daß ich überflüssig sei, und langweilte mich wie ein Toter bei ihren Konversationen. Sie warfen herum mit Namen wie Schopenhauer, Eliot, Sand, Chopin, und ich hatte keine Idee, ob von Männlein oder Fräulein die Rede war.

Nun denn! Dieser schwärmerische Umgang und seine vielen Sorgen wegen seiner Mißwirtschaft und seine innere Friedlosigkeit und – glauben sie mir – hauptsächlich sein ewiges Dichten brachten ihn endlich so herab, daß der Arzt ihn zur Nervenstärkung ins Bad schickte. Drei Wochen war er dort, da bekam ich einen Brief von ihm, wißt ihr, so einen, den man meint nur mit der Feuerzange anrühren zu können, so einen, bei dem man staunt, daß das Papier dem Glutstrom widerstanden hat und nicht in Flammen aufgegangen ist.

Der Franz ist verliebt wie ein Italiener aus der Gegend des Vesuvs, wo sie am hitzigsten sind. In ein blutjunges Fräulein, das er in dem Badeorte kennengelernt hat. Er ist auch schon verlobt, die Hochzeit wird im nächsten Monat gefeiert, auf dem Gut der alten Tante, der einzigen, weiblichen Verwandten der »göttlichen Kleinen«, männliche hat sie gar keine. Ich weiß nicht, warum es mir, wie ich das gelesen habe, gleich durch den Kopf gefahren ist: Du armes schutzloses Ding. Am Schluß des Briefes teilt mir der Mensch noch mit, daß er in acht Tagen nach Haus kommt, um seine Angelegenheiten zu ordnen (o weh! denk ich und schau meine eiserne Geldkasse im Winkel recht traurig an), in vierzehn Tagen aber wieder abreisen wird, zu ihr! seiner Sonne, seiner Wonne, seinem weißen Schäfchen, seiner Taube. Und ganz am Schlusse heißt es: »Tiefstes Schweigen! Aglaja darf um Gottes willen nichts erfahren, bevor die Hochzeit vorüber ist.«

Das gefällt mir nicht, ich tu ihm aber den Willen, halte mein Maul und erkundige mich sub rosa nach den Verhältnissen der Braut. Alles in Ordnung, alles sehr anständig, nur im Geldpunkt, da hapert's. Das Gut der Tante (es hieß Folt, lag an der Grenze des Banats und war viel wert) kriegt die Kleine nicht, das hat die Tante einem Kloster verschrieben, in das sie eintreten will, sobald die Nichte angebracht sein wird.

Aus den acht Tagen, nach denen Franz heimkehren wollte, werden vierzehn. Er hat sich nicht losreißen können von der Geliebten, dunkle Ahnungen haben ihn bedrängt, und beim Abschied, den er für ein paar Wochen genommen, ist ihm gewesen, als sei es ein Abschied für immer. Ich lache ihn aus, ihn und seine Nerven, und meine nichts Besseres tun zu können, als ihn aufzumuntern, sein Haus herzurichten zum Empfang der jungen Frau. Aber da geht der sentimentale Teufel in ihm erst recht los. Auf Tritt und Schritt begegnen ihm Erinnerungen an seine »goldene Junggesellenzeit«. Trockene Blumen und Lorbeerkränze mit seidenen Bändern und Widmungen, gestickte Pantoffeln und Kissen und Schlafsessel... mir ein Graus, das Zeug. Um jedes Stück, das ich vernichten oder verschenken wollte, feilschte er, und als ich über die Kassette kam, in welcher Aglajas Briefe lagen, in Paketen zusammengebunden mit rosafarbenen Schleifen, da wurde er wild und erklärte, die Briefe dürften nicht vernichtet werden, die müsse er ihr, die seine Muse gewesen war, selbst zurückbringen. – »So tu's!« rief ich, »bring ihr die Briefe und sag: Es ist aus; sei ein Mann und sag: Es ist aus und vorbei, ich heirate.« – Er versprach's – hat auch gewiß in dem Augenblick die besten Vorsätze gehabt, das heißt, daß er geholfen hat, den Weg zur Hölle pflastern. Ist auch von der Aglaja zurückgekommen wie ein getaufter Pudel.

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