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Der grüne Heinrich

Gottfried Keller: Der grüne Heinrich - Kapitel 90
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grüne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMünchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grüne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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Vom freien Willen

Je höher der Mann in meiner Achtung stand, um so eifriger machte ich mir zu schaffen, die geliebte Freiheit des Willens, welche ich von jeher zu besitzen und tapfer auszuüben glaubte, wiederherzustellen. Unter den wenigen Gegenständen, die sich aus jenen Tagen erhalten, gibt es noch ein kleines Schreibbuch. Es enthält einige hastige Aufzeichnungen, und ich lese die mit Bleistift beschriebenen Seiten jetzt mit bescheideneren Gefühlen, aber nicht ohne Rührung wieder:

»Die Verneinung des Professors ist es an sich nicht, die mich abstößt oder erschreckt. Es gibt eine Redensart, daß man nicht nur niederreißen, sondern auch wissen müsse aufzubauen, welche Phrase von gemütlichen und oberflächlichen Leuten allerwegs angebracht wird, wo ihnen eine sichtende Tätigkeit unbequem entgegentritt. Diese Redensart ist da am Platze, wo obenhin abgesprochen oder aus törichter Neigung verneint wird; sonst aber ist sie ohne Verstand. Denn man reißt nicht stets nieder, um wieder aufzubauen; im Gegenteil, man reißt recht mit Fleiß nieder, um freien Raum für Licht und Luft zu gewinnen, welche überall sich von selbst einfinden, wo ein sperrender Gegenstand weggenommen ist. Wenn man den Dingen ins Gesicht schaut und sie mit Aufrichtigkeit behandelt, so ist nichts negativ, sondern alles ist positiv, um diesen Pfefferkuchenausdruck zu gebrauchen.

Wenn die Freiheit des Willens nun bei den untern Stufen unsers Geschlechtes und verwahrlosten einzelnen auch nicht vorhanden war, so mußte sie sich doch einfinden und entwickeln, sobald die Frage nach ihr sich einfand, und wenn Voltaires Trumpf: ›Gäbe es keinen Gott, so müßte man einen erfinden!‹ eher eine Blasphemie als eine ›positive‹ gute Rede war, so verhält es sich nicht also mit der Willensfreiheit und hier dürfte man nach Menschenpflicht und -recht sagen: Lasset uns diese Freiheit schaffen und in die Welt bringen!

Die Schule des freien Willens kann man am füglichsten mit einer Reitbahn vergleichen. Der Boden derselben ist das Leben dieser Welt, über welches auf gute Manier hinwegzukommen es sich handelt, und er kann zugleich den festen Grund der Materie vorstellen. Das wohlgeartete und geschulte Pferd ist das besondere, immer noch materielle Organ, der Reiter darauf der gute menschliche Wille, welcher jenes zu beherrschen und zum freien Willen zu werden trachtet, um auf edlere Weise über jenen derben Grund hinwegzukommen; der Stallmeister endlich mit seinen hohen Stiefeln und seiner Peitsche ist das moralische Gesetz, das aber einzig und allein auf die Natur und Gestalt des Pferdes gegründet ist und ohne dieses gar nicht vorhanden wäre. Das Pferd aber würde ein Unding sein, wenn nicht der Boden existierte, auf welchem es traben kann, so daß also sämtliche Glieder dieses Kreises durcheinander bedingt sind und keines sein Dasein ohne das andere hat, ausgenommen den Boden der Materie, welcher daliegt, ob jemand darüber reite oder nicht. Nichtsdestoweniger gibt es gute und schlechte Reitschüler und zwar nicht allein nach der körperlichen Befähigung, sondern vorzüglich auch infolge des entschlossenen Zusammennehmens. Den Beweis liefert das erste beste Reiterregiment, das uns über den Weg reitet. Die Scharen der Gemeinen, welche keine Wahl hatten, mehr oder weniger aufmerksam zu lernen, und nur durch eine eiserne Disziplin in den Sattel gewöhnt wurden, sind alle beinahe gleich zuverlässige Reiter; keiner zeichnet sich besonders aus und keiner bleibt zurück, und um das Bild eines ordentlichen Schlendrians des Lebens zu vollenden, kommen ihnen die zusammengedrängten und in die Reihe gewöhnten Pferde auf halbem Wege entgegen; und was etwa der Reiter versäumen sollte, tut sein Organ, das Pferd, von selbst. Erst wo dieser Zwang und Schlendrian, das bitter Notwendige der Masse aufhört, beim löblichen Offizierskorps, gibt es sogenannte gute Reiter, schlechtere und vorzügliche Reiter; denn diese haben es in ihrer Gewalt, über das geforderte Maß hinaus mehr oder weniger zu leisten. Das Ausgezeichnete und Kühne, was der Gemeine erst im Drange der Schlacht, in unausweichlicher Gefahr und Not unwillkürlich und unbewußt tut, die großen Sätze und Sprünge übt der Offizier alle Tage zu seinem Vergnügen, aus freiem Willen und sozusagen theoretisch; doch fern ist es von ihm, daß er deswegen allmächtig sei und nicht trotz allem Mute und aller Kraft einmal abgeworfen oder von seinem allzu widerspenstigen Tiere bewogen werden könne, durch ein anderes Sträßlein zu reiten, als er gewollt hat.

Wird aber der Steuermann, um auf ein anderes Bild zu kommen, zufälliger Stürme wegen, die ihn verschlagen können, der Abhängigkeit wegen von günstigen Winden, wegen schlecht bestellten Fahrzeuges und unvermuteter Klippen, wegen verhüllter Leitsterne und verdunkelten Sonne sagen: ›Es gibt keine Steuermannskunst!‹ und es aufgeben, nach bestem Vermögen sein vorgestecktes Ziel zu erreichen?

Nein, gerade die Unerbittlichkeit, aber auch die Folgerichtigkeit der tausend ineinander greifenden Bedingungen müssen uns reizen, das Steuer nicht fahren zu lassen und wenigstens die Ehre eines tüchtigen Schwimmers zu erkämpfen, welcher in möglichst gerader Richtung über einen starkziehenden Strom schwimmt. Nur zwei werden nicht hinübergelangen: derjenige, der sich nicht die Kraft zutraut, und der andere, der vorgibt, er brauche gar nicht zu schwimmen, er wolle fliegen und nur noch warten, bis es ihm recht gefalle.

Ja, ein verantwortlichkeitsschwangeres Wesen treibt in den Dingen und kräuselt den Spiegel der ruhigen Seele: die Frage nach einem gesetzmäßigen freien Willen ist zugleich in ihrem Entstehen die Ursache und Erfüllung desselben, und wer einmal diese Frage getan, hat die Verantwortung für eine sittliche Bejahung auf sich genommen!«

Ich erinnere mich, daß es im Monat August und in abgelegener Gegend eines öffentlichen Parkes war, als ich diese Worte schrieb. Von ihrem Gewichte nicht gerade niedergedrückt, wandelte ich nach vollbrachter Tat gemächlich weiter und gelangte an eine Hecke wilder Rosensträuche, zwischen denen die ausgespannten Netze vieler Spinnen hingen. Es war eine Art kleiner gelber Kreuzspinnen, die hier eine Kolonie zu bilden schienen und alle in wacher Tätigkeit schwebten. Die eine saß still in der Mitte ihres Kunstwerks und lauerte aufmerksam auf einen Fang; die andere klomm geruhig an den Fäden umher, um hie und da einen Schaden auszubessern, während die dritte mit Unfrieden einen bösen Nachbar beobachtete. Denn an der Grenzmark eines jeden Netzes, im Blattwerke verborgen, saßen gleichfarbige aber ganz dünnleibige Spinnen, welche keine eigenen Netze bauten, sondern sich darauf beschränkten, den Erwerb der fleißigen Künstlerinnen für sich zu packen. Ein leichter Wind bewegte das Gesträuche und mit demselben die luftige Stadt dieser Ansiedler, so daß der allgemeine Wettlauf auch hier in aller Stille Leidenschaft und Unruhe hervorbrachte.

Ich haschte eine Fliege und warf sie auf ein Gewebe, dessen Inhaberin reglos im Mittelpunkte hing. Sogleich stürzte sie über das unglückliche Tier her, drehte und wendete es einigemal zwischen den Pfoten, schnürte ihm mit vorläufigen Stricken Flügel und Beine zusammen, überzog es dann mit dichterem Gespinste, indem sie abermals den Raub mit größter Fertigkeit zwischen den Hinterfüßen drehte gleich dem Braten am Spieße, und stellte so ein handliches Paket her, das sie bequem nach ihrem Sitze schleppte. Aber schon war die parasitische Raubspinne von ihrem Lauerposten mit kurzen Rucken halbwegs herangenaht, bereit, dem rechtmäßigen Jäger die Beute zu entreißen, und kaum ersah dieser den Feind, als er den Waidsack an das Gitter seines Burgsitzes hing und sich wie der Blitz gegen den Angreifer wendete. Mit funkelnden Augen und ausgestreckten Vorderfüßen gingen sie sich entgegen, versuchten sich wie förmliche Fechter und rannten sich an. Die Spinne, die im wohlerworbenen Rechte war, schlug die andere nach entschlossenem Kampfe in die Flucht und kehrte zu ihrer Beute zurück; die war jedoch inzwischen von einem zweiten von entgegengesetzter Seite herbeigekommenen Räuber weggeholt worden, der soeben mit der Fliege nach seinem Schlupfwinkel abzog. Da dieser glücklichere Geselle bereits im Besitze war, so trieb er nun seinerseits die ihn verfolgende rechtmäßige Besitzerin von sich ab und entzog sich ihrer Gewalt, indem er schleunigst das Netz verließ. Aufgeregt ging jene umher, brachte das Gewebe, wo es durch die Ereignisse beschädigt war, in Ordnung und setzte sich endlich wieder in den Mittelpunkt.

Da brachte ich eine neue Fliege herbei; die Spinne packte sie wie die frühere; allein schon machte sich der erste Wegelagerer wieder herbei, dem der Hunger keine Wahl lassen mochte; und nun, statt das neue Opfer kunstgerecht einzuwickeln, nahm sie es kurzweg zwischen die Freßzangen und trug es, wie der Bär das Lamm, nicht nach dem Mittelsitze, sondern aus dem Netze heraus nach einem Refugium. Sie erreichte es nicht; denn der Feind rannte ihr den Weg ab, so daß sie eine andere Zuflucht suchen mußte, weil sie ihren Fang nicht fahren lassen und deshalb den Kampf nicht aufnehmen konnte. So entwickelte sich ein noch ärgeres Irrsal für das geplagte Tierchen, indem zu gleicher Zeit der Wind stärker wurde und das Netz so heftig schaukeln machte, daß eine Hauptstütze desselben zerriß, nämlich einer der stärkeren Fäden, an welchen es aufgehangen war. Darüber ging die Fliege verloren, der Gegner machte sich auch aus dem Staube, und nur die Spinne blieb auf dem Platze, um ihre Pflicht zu tun. Wie während des Sturmes ein Matrose im Takelwerk seines Schiffes hängt, so kletterte sie mit zitternden Gliedern an dem schwankenden Netze auf und nieder und suchte zu retten, was zu retten war, unbekümmert um die Windstöße, welche sie samt ihrem Werke umher warfen. Erst als ich einen Zweig brach und das ganze Gebäude plötzlich hinwegstreifte, floh sie vor der höheren Gewalt in das Gebüsche. Nun wird sie für heute genug haben! dachte ich und ging weiter. Als ich aber eine Viertelstunde später an demselben Orte vorüberkam, hatte die Spinne schon ein neues Werk begonnen und bereits die Radialtaue gespannt. Jetzt zog sie die feineren Querfäden, zwar nicht mehr so gleichmäßig und zierlich wie die zerstörten; es gab lockere oder zu enge Stellen, hier fehlte eine Linie, dort zog sie eine solche zweimal, kurz, sie betrug sich wie einer, über den Schweres und Hartes ergangen ist und der sich bekümmert und mit zerstreuten Sinnen wieder an die Arbeit gemacht hat. Ja freilich, es war unverkennbar, die kleine Kreatur sagte sich: Es hilft nichts! Ich muß in Gottes Namen wieder anfangen!

Hierüber erstaunte ich nicht wenig; denn eine solche Entschlußfähigkeit in dem winzigen Gehirnchen erhob sich beinahe zu der menschlichen Willensfreiheit, die ich behauptete, oder sie zog diese zu sich herunter in den Bereich des blinden Naturgesetzes, des leidenschaftlichen Antriebes. Um diesem zu entrinnen, erhöhte ich sofort meine sittlichen Ansprüche, da es beim Bau von Luftschlössern auf ein Mehr oder Weniger an Unkosten ja niemals ankommt. Ob auch Luftschlösser sich verwirklichen, oder ob sie mindestens dazu dienen, eine goldene Mittelstraße zu schützen, wie das römische Kastrum einst den Heerweg, wird wohl das Geheimnis einer Erfahrung sein, welches erworbene Bescheidenheit nicht immer preisgibt.

So war ich also mit dem glänzenden Schwerte der Willensfreiheit bewaffnet, ohne aber ein Fechter zu sein. Daß ich erst beabsichtigt hatte, einige anatomische Einsicht behufs der Darstellung der menschlichen Gestalt zu holen, wußte ich fast nicht mehr und unterließ jedes weitere Vorgehen in dieser Richtung.

Ohne zu wissen, wie es geschehen, war ich schon im gleichen Sommer in ein vorbereitendes Kollegium über Rechtswissenschaft geraten und hatte nur wenige Stunden versäumt, da mir bald unerträglich dünkte, das nicht zu kennen, wovon ich vor kurzem nichts gewußt und was niemand von mir verlangte. Von neuen Bekanntschaften, die ich dabei gemacht und die jetzt in die Ferien gereist, hatte ich Bücher geliehen und das eine oder andere auch selbst erworben. Darin las ich nun tage- und nächtelang, als ob eine Prüfung vor der Türe stände, und als im Herbst die Säle sich wieder auftaten, fand ich mich bei dem ersten Lehrer des römischen Rechtes als Hörer ein, keineswegs in der Absicht, etwa ein Jurist zu werden, sondern lediglich, um zu erfahren, was es mit diesen Dingen auf sich habe, und die Textur derselben zu sehen. Meines Bleibens war hier freilich nur so lange, bis ich ein vernünftigeres Gelüste nach der Geschichte des römischen Staates und Volkes überhaupt empfand, und von hier aus lag es nahe, die Hand auch nach den griechischen Geschichten auszustrecken, welche ich in ihrer ersten dürftigen Schulgestalt mitten im Kurs einst mußte fahren lassen, als ich aus der Schule geschickt worden. Ich verhielt mich jetzt sehr still und ruhig und ließ die Herrlichkeiten mit frohem Behagen auf mich wirken, niemals ohne mir die schönen Landschaften, die Inseln und Vorgebirge zu vergegenwärtigen, wenn ihre wohllautenden Namen genannt wurden.

Unversehens aber stieß ich auf die Bände deutscher Rechtsaltertümer, Weistümer, Sagen und Mythologie, welche damals in der Blüte ihres Ruhmes standen; hier führten alle Pfade wieder in die Urzeit der eigenen Heimat zurück, und ich lernte mit neuer Verwunderung die wachsende Freude an Recht und Geschichte derselben kennen. Zu jener Zeit begann auch schon am Horizonte der Brunhildenkultus als Sehnsucht nach der Germanenjugend aufzutauchen und den Schatten der wackeren Hausfrau Thusnelde zu verdrängen, wie die dämonische Medea dem überreizten Sinne besser gefällt als die menschliche Iphigenia. Insbesondere manchem schwächlichen Ritterlein schien für das Herzensbedürfnis die unverstandene gewaltige Heldenjungfrau gerade gut genug, und sie wurde in ihren Wolkenschleiern nachträglich vielfach angeliebelt. Immerhin aber warf das glänzende Luftbild helle Lichtstreifen über die Landschaften der Vorzeit und rief das Gegenpostulat der Siegfriedsgestalt wach, die im Schatten der Wälder verborgen schlief.

So phantasiegeborene Anschauungen verzogen sich jedoch bald vor Gedanken nüchterner Art, als ich mich mehr an das Betrachten der Geschichte gewöhnte und ich wie ein neuer Sancho Pansa beinahe mit ein paar platten Sprichwörtern ausreichte, um die Ergebnisse zusammenzufassen. Ich sah, daß jede geschichtliche Erscheinung genau die Dauer hat, welche ihre Gründlichkeit und lebendige Innerlichkeit verdient und der Art ihres Entstehens entspricht. Ich sah, wie die Dauer jedes Erfolges nur die Abrechnung der verwendeten Mittel und die Prüfung des Verständnisses ist, und wie gegen die ununterbrochene Ursachenreihe auch in der Geschichte weder Hoffen noch Fürchten, weder Jammern noch Toben, weder Übermut noch Verzagtheit etwas hilft, sondern Bewegung und Rückschlag ihren wohlgemessenen Rhythmus haben. Ich versuchte daher acht zu geben auf dieses Verhältnis in der Geschichte und verglich den Charakter der Ereignisse und Zustände mit ihrer Dauer und dem Wechsel ihrer Folge: welche Art von länger anhaltenden Zuständen zum Beispiel ein plötzliches oder aber ein allgemaches Ende nehmen, oder welche Art von unerwarteten, rasch einfallenden Ereignissen dennoch einen dauernden Erfolg haben? Welche Bewegungsarten einen schnellen oder langsamen Rückschlag hervorrufen, welche von ihnen scheinbar täuschen und in die Irre führen, und welche den erwarteten Gang offen gehen? In welchem Verhältnisse überhaupt die Summe des moralischen Inhaltes zu dem Rhythmus der Jahrhunderte, der Jahre, der Wochen und der einzelnen Tage in der Geschichte stehe? Hiedurch dachte ich mich zu befähigen, schon im Beginn einer Bewegung je nach ihren Mitteln und nach ihrer Natur die Hoffnung oder Furcht zu beschränken, die auf sie zu setzen war, wie es einem besonnenen freien Weltbürger geziemte. »Denn wie man's treibt, so geht's!« meinte ich, sei auch in der Geschichte glücklicherweise kein Gemeinplatz, sondern eine eiserne Wahrheit. Für das gegenwärtige Leben sei daher die Erkenntnis nützlich: Alles, was wir an unsern Gegnern tadelnswert und verwerflich finden, das müssen wir selber vermeiden und nur das an sich Rechte tun, nicht allein aus Neigung, sondern recht aus Zweckmäßigkeit und geschichtlichem Bewußtsein.

Mein liebster Aufenthalt waren nun die Stätten, wo gelehrt wurde, und ich trieb mich als eine Art von Halbstudent um, der da alles zu vernehmen und zu sehen begehrte, gleich einem jungen Herrensohn, der zu seiner allgemeinen Ausbildung auf der hohen Schule weilt, sonst es aber gerade nicht nötig hat. Wo von Physikern, Chemikern, Zoologen oder Anatomen merkwürdige Demonstrationen angekündigt und von Redemeistern besonders berühmte Kapitel abgehandelt wurden, befand ich mich stets im Strome der Neugierigen, welche sich hinzudrängten. Und nach bestandenem Abenteuer war ich inmitten der Studentenhaufen zu sehen, wenn sie vor Tisch ihre burschikosen Frühschoppen tranken. Denn erst jetzt handelte ich dem Rate des Eichmeisters zuwider, vor Abend niemals ins Wirtshaus zu gehen, weil es mich trieb, über das Erfahrene sprechen zu hören und mich selbst auszusprechen. Zuweilen gedieh ich im Eifer sogar zum lauten Wortführer, fast genau wie zu jener Zeit, als ich meine Sparbüchse verschwendete, ein Großsprecher unter den Knaben war und einem tragischen Unheil entgegenging.

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