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Der grŁne Heinrich

Gottfried Keller: Der grŁne Heinrich - Kapitel 66
Quellenangabe
typefiction
booktitleDer grŁne Heinrich
authorGottfried Keller
year1991
publisherWinkler Verlag
addressMŁnchen
isbn3-538-05123-2
titleDer grŁne Heinrich
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1879
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9

Das Pergamentlein

Wie lange ist es her, seit ich das Vorstehende geschrieben habe. Ich bin kaum derselbe Mensch, meine Handschrift hat sich längst verändert, und doch ist mir zu Mut, als führe ich jetzt fort zu schreiben, wo ich gestern stehen blieb. Dem unveränderlichen Lebenszuschauer sind Stern und Unstern gleich kurzweilig, und er zahlt seinen wechselnden Platz unbesehen mit Tagen und Jahren, bis seine fliehende Münze zu Ende geht.

Der Wendepunkt, welcher mit dem Entschwinden der ersten Jugendzeit und der Judith unvermerkt genaht war, zeigte sich in der Notwendigkeit, meine Kunstübungen nunmehr einem Abschluß entgegenzuführen. Es galt, jenen Weg in die weite Welt anzutreten, nach welcher so viele tausend Jünglinge täglich ausfahren, von denen so mancher nie mehr wiederkommt. Diese alltägliche Angelegenheit war meinesteils so beschaffen, daß ich für eine beschränkte Zeit ohne Nahrungssorgen noch dem Lernen obliegen konnte, mit der Aussicht jedoch auf einen bestimmten Tag, an welchem ich auf mir selber zu stehen hatte.

Eine von Vaterseite vor Jahren mir zugefallene geringe Erbsumme lag nach gesetzlichen Vorschriften in der Verwaltung des Oheims, welcher mir zum Vormunde bestellt war, obgleich er sich selten in meine Sachen mischte. Da fragliches Geld aber den Aufenthalt an der Künstlerschule ermöglichen sollte, die ich in herkömmlicher Weise gewählt, so war eine vormundschaftliche Verhandlung nötig, um dasselbe flüssig machen und aufbrauchen zu dürfen. Der Fall war im ländlichen Heimatorte ganz neu, und niemand vermochte sich zu erinnern, daß jemals die schlichten Landmänner der Waisenbehörde darüber zu Gericht gesessen seien, ob ein junger Musensohn sein Vermögen zusammenpacken und aus dem Lande fahren dürfe, um es buchstäblich zu verzehren. Dagegen hatten sie seit einiger Zeit das lebendige Beispiel eines Menschen unter sich, der dieses Geschäft ohne ihr Zutun verrichtet hatte und der Schlangenfresser genannt wurde. An entfernten Orten unter dem Schutze leichtsinniger und unwissender Eltern aufgewachsen, hatte er gleich mir ein Maler werden wollen und sich in Sammetröcken und engen Beinkleidern, mit langen Locken und Sporen an den Füßen auf Akademien herumgetrieben, bis das Gut und die Eltern verschwunden waren. Dann schien er noch jahrelang mit einer Gitarre auf dem Rücken sich beholfen zu haben, ohne jedoch auch auf diesem Instrumente etwas Ordentliches vorbringen zu können, bis er unlängst als ein alternder Mensch in das Dorf heimgeschoben und in das Armenhäuslein gesteckt wurde, wo ein Dutzend alte Weiber, Idioten und ausgeglühte Lebenskünstler der untersten Ordnung zusammenhausten und zuweilen schrien und lärmten, als ob sie im Fegefeuer säßen. Seine Vergangenheit war wie eine dunkle Sage. Niemand wußte etwas Bestimmtes davon, ob er jemals Talent besessen und etwas gekonnt habe oder nicht, und er selbst schien auch keine Erinnerung daran mehr zu besitzen. Keine Äußerung oder Handlung verriet, daß er einst unter gebildeten Menschen gewesen und einer Kunst obgelegen, außer wenn er gelegentlich sich rühmte, daß er einmal schöne Kleider getragen habe. Seine einzige Geschicklichkeit bestand darin, sich auf tausend Wegen einen Schluck Branntwein zu verschaffen und Schlangen zu fangen, die er wie Aale briet und schmauste; auch machte er sich auf den Winter einen Topf voll Blindschleichen ein, als ob es Neunaugen wären, und schleppte denselben aus einer Ecke in die andere, um den Schatz vor den Nachstellungen seiner Hausgenossen zu sichern, die im Punkte des Eigennutzes nicht harmloser waren als die Lebensvirtuosen höheren Ranges.

Wie nun ein einziger Unhold dieser Art eine ganze Gegend verwüsten und alle Herzen gegen das Musenzeug aufbringen kann, so war auch mir der Schlangenfresser nicht zur guten Stunde im Dorfe aufgetaucht, als ich mich jetzt einfand, um der besagten Verhandlung beizuwohnen. Er erschien mir selbst wie ein böser Dämon, da ich am Wege eine große vorjährige Distel, die aussah wie der Tod von Ypern, ins Büchlein zeichnete und der Kerl, zwei tote Schlangen an einer Gerte über der Schulter tragend, einen Augenblick stillstand, mir zusah, grinste und kopfschüttelnd weiterging, als ob ihm etwas Kurioses durch die Erinnerung liefe. Er trug einen langen zerlöcherten Rock von ehemals rostbrauner Farbe, bis oben zugeknöpft, an den nackten Beinen Pantoffeln, die mit verblichenen Rosen gestickt waren, und auf dem Kopfe eine österreichische Soldatenmütze; ich seh ihn noch heute davonschlurfen.

Dieses Gespenst rumorte offenbar in den Köpfen der drei oder vier Gemeindevorsteher, welche als Waisenamt um einen Tisch versammelt saßen und meine Person mit vorsichtiger Neugier einen Augenblick betrachteten; denn der Oheim hatte für gut gefunden, mich selbst einzuführen und vorzustellen, damit ich im Notfall seinen Vortrag ergänzen und näher beleuchten möge. Die Männer schienen mir aber Gesichter zu machen wie solche, die eine unliebsam Sache halb und halb kommen sahen und nun sagen: da haben wir's! Sie mochten wohl mit Verwunderung beobachtet haben, wie ich schon seit Jahren allsommerlich Feld und Wald durchstreifte und da oder dort den weißen Leinwandschirm aufspannte, ohne daß ihre Gemarkung dadurch zu besonderem Rufe zu gelangen schien oder fremde Reisende kamen, das merkwürdige Land aufzusuchen. Die Frage, ob ich bei dem lustigen Handwerk eigentlich etwas verdiene und mein Brot erwerbe, hatten sie einstweilen auf sich beruhen lassen, da niemand etwas von ihnen verlangte; jetzt kam der Handel an den Tag.

Sie benahmen sich zwar anfänglich sehr zurückhaltend, als der Oheim die Sache dargelegt und erklärt hatte. Keiner mochte zuerst einen Mangel an Verstand und Einsicht beurkunden oder sich als einen unbescheidenen Verächter dessen zeigen, was ihm unbekannt war. Nichtsdestoweniger prägten sie sich deutlich ein, daß ein rundes Stück Vermögen, das jetzt so sicher in der Schirmlade lag wie Lazarus in Abrahams Schoß, binnen einer gegebenen Zeit tatsächlich verschwinden sollte. Schnell stellte sich jeder, nach seiner eigenen Lage und Persönlichkeit, vor, zu was ein solches Geld nützlich wäre. Der eine hätte eine Wiese gekauft, als Erbstück für Kind und Kindeskind, eine Wiese, die einige Stücke Vieh nährte; der andere warf sein Auge auf eine Kammer Rebenlandes an vorzüglicher Lage, wo auch im schlimmsten Falle noch ein trinkbarer Wein wuchs; der dritte kaufte in Gedanken dem Nachbar ein Wegrecht ab, welches seinen Feldbesitz der Länge nach durchschnitt, und der vierte endlich vermutete, er würde den betreffenden Werttitel, welcher ein altes Pergamentlein war, als ein gutes Zinsstück, desgleichen man nie weggeben sollte, einfach behalten. Indem sie dergestalt ihre Maßstäbe an die unsichtbare Sache legten, für welche ich die Wiese, den Weinberg, das Wegrecht und das Pergamentlein hingeben wollte, stellte jene sich immer sichtbarer dar, aber als ein nichtiger Nebel, ein ungreifbarer Dunst, und der älteste gewann den Mut, seine Bedenken mit einem trockenen Hüsteln verziert zu äußern. Ihm folgte einer um den andern.

Es scheine doch, hieß es, nicht ratsam, das einzige und wenige, was man besitze und sicher in der Hand habe, an ein Ungewisses zu tauschen, da es keineswegs verbürgt sei, daß ich meinen Zweck erreichen und das Gewünschte wirklich erlernen werde. Für diesen Fall wäre es vielleicht klüger, jetzt schon anzunehmen, ich besäße das Geld nicht, und mir sonstwie zu behelfen. Dann würde es für Tage der Krankheit, der Not oder Verarmung einst plötzlich willkommen sein und mit Vorsicht verwendet werden können.

Man habe auch etwa gehört, daß bedeutende Gelehrte oder Künstler, von frühsten Jahren an in die Welt gestellt, sich durch ihren Arbeitsfleiß haben ernähren und ihre Kunst dabei zugleich erlernen und groß machen müssen, ja daß gerade die dadurch angewöhnte unablässige Tätigkeit und Emsigkeit solchen Leuten ihr Leben lang zustatten gekommen und sie das Größte habe erringen lassen. Dies Lied hörte ich nun zum zweitenmal in meinem kurzen Leben, und es gefiel mir noch immer nicht.

Die Männer, welche also verhandelten, saßen um einen runden Tisch herum und hatten ihr Glas dünnen säuerlichen Weines vor sich stehen; ich dagegen, als der Gegenstand der Beratung, saß allein an einem langen Tische, dessen Ende sich in der Gegend der Türe im Halbdunkel verlor. In dieser Dämmerung hockte der Schlangenmann, der sich unbemerkt hereingeschlichen hatte, während ich mich oben im helleren Lichte befand, ein Fläschchen dunkelroten Weines vor mir. Das war freilich ein großer Taktfehler, obgleich er der Gemeindewirtin zur Last fiel, die mir den Wein vorgesetzt und die ich abzuweisen nicht besonnen genug war. Der Oheim, der bei den Vorstehern saß, trank von dem nämlichen Weine, eines kleinen Magenleidens wegen, wie er den Bauern sagte.

Einer der letztern, der sein Stückchen Weißbrot wie Marzipan behandelte und die auf den Tisch gefallenen Krümchen mit dem Handbissen so sorglich auftupfte, als ob es Goldstaub wäre, fuhr nun fort: Er verstehe nichts von der Sache, aber allerdings schiene es ihm auch zweckmäßiger gewesen zu sein, wenn der junge Mann, statt sich auf das kleine Erbe zu verlassen, die Jahre her, da er bei der Mutter gelebt, sich auf den Erwerb eingeübt und auf die bequemlichste Weise der Welt diejenige Summe zusammengespart hätte, deren er nun bedürfe. So wäre nun bereits für die Zukunft gesorgt; denn wer sich bei guter Zeit angewöhnt habe, an den kommenden Tag zu denken und keine Arbeit ohne Hinblick auf ihren Wert zu verrichten, der könne von dieser Gewohnheit gar nicht mehr lassen und wisse sich überall zu helfen, wie ein Soldat im Felde. Das sei auch eine gute Kunst, die je früher je besser erlernt werde; er möchte deshalb geradezu raten, daß ich mich frischen Mutes mit einem bescheidenen Reisegeld und dem Vorsatz auf den Weg mache, mich jetzt schon durch die Welt zu bringen. Ich werde doch wohl die ganzen Jahre her irgend etwelche Fertigkeiten erworben haben, oder ob dies nicht der Fall sei?

Auf diese Frage, welche ebenso richtig wie unrichtig gestellt war, wendete sich alles und blickte nach mir herüber. Der Schlangenfresser war aus seiner Dämmerung allmählich in meine Nähe gerutscht und belauerte aufmerksam meinen Wein und die Verhandlung zugleich; so wurden wir auch alle drei, der rote Wein, der Schlangenfresser und ich, ins Auge gefaßt, und ich fühlte, daß ich so rot wurde wie der Wein, als eine vielsagende Stille eintrat. Das wackere Getränk zeugte gegen meine Bescheidenheit und Sparsamkeit, der Genosse an meiner Seite gegen meine Lebenspläne, und zwar so laut, daß niemand für nötig hielt, ein Wort hinzuzufügen.

Es blieb deshalb, nachdem der Eindringling hinausgeschickt worden, noch ein gutes Weilchen still, bis der Oheim das Wort ergriff, um das festgefahrene Schifflein wieder flott zu machen. Man könne das nicht so nehmen, wie die Herren Vorsteher meinen, sagte er; das wäre, wie wenn ein Bauer sein Scheffel Korn, anstatt es zur Aussaat zu verwenden, aufbewahren wollte, bis eine Hungersnot käme, und dazwischen bei andern Leuten auf Tagelohn ginge. Zeit sei bekanntlich auch Geld, und es wäre nicht wohlgetan, einen jungen Menschen zu zwingen, jahrelang sich mühselig durchzuschleppen, um das zu erlernen, was er in kürzerer Zeit erreichen könne mit frischem Einsatz eines kleinen Erbgutes. Auf dieses sei man nicht planlos verfallen, sondern man habe von Anfang an darauf gerechnet, es zur rechten Zeit zu verwenden; übrigens möge man den Neffen selbst auch hören und derselbe vorbringen, was er etwa zu bemerken wisse.

Der Vorsitzende gab mir hierauf das Wort, mit welchem ich, halb schüchtern, halb empört, einige Prahlereien zustande brachte. Die Zeit sei längst vorbei, da die Kunst mit dem Handwerk verbunden gewesen und der Scholare von Stadt zu Stadt habe wandern können wie jeder andere Handwerksgesell. Es gebe jetzo kein solches stufenweises Nacheinander mehr, sondern mit einem einzigen wohlvorbereiteten Erstlingswerke müsse sich der Anfänger auf eigene Füße stellen. Das sei aber nur möglich an einem Kunstorte; dort finde man nicht nur die nötigen Vorbilder für alle Arten der Kunstübung, sondern auch den lehrreichen Wetteifer vieler Mitstrebenden, endlich aber zugleich die Anerkennung des zu Leistenden, den Markt für geschaffene Werke und die Pforte des Wohlergehens für die Zukunft. An dieser Pforte sinke nieder und gehe unter, wer nicht berufen sei, die hehre Flamme des Genius nicht in sich trage, wie zum Beispiel der arme Schlangenspeiser, der vorhin da gesehen worden. Die andern aber schreiten kühn hindurch und gelangen rasch zu Wohlstand und Ehre, so daß es noch die Bescheideneren unter ihnen seien, welchen bald der Verkaufspreis eines einzigen Werkes die aufgewendeten Kosten ersetze, den Wertbetrag einer Wiese, eines Weinberges oder Ackerstückes erreiche!

Wie es das Schicksal des guten Landvolkes ist, daß es in seiner Gläubigkeit immer wieder den großen Worten zuversichtlicher Menschen unterliegt, so wurden auch die Männer durch meine Reden unsicher, wenn nicht etwa gar gelangweilt. Es fand abermals eine kurze Pause statt, während welcher das Gehörte lakonisch beräuspert wurde, worauf der Obmann unversehens sagte, er wolle gewärtigen, ob der Oheim als Vormund auf seinem Antrage beharre; denn am Ende liege es in dessen Befugnis und sei er auch der Mann dazu, ein maßgebendes Wort zu sprechen. Der Oheim bestätigte nochmals seine Meinung mit dem Beifügen: Fort müsse ich, das sei notwendig; allein weder sei vorgesehen worden, noch eigne ich mich dazu, wie die Dinge ständen, ohne Mittel auf die Wanderschaft zu gehen und ohne weiteres sofort mein Brot zu suchen. Wären die Mittel nicht da und ich überhaupt ganz verwaist und ohne Freunde, so würde ich mich, das traue er mir zu, frischen Mutes dem Schicksal unterziehen; ohne Not aber zwinge man zu so etwas einen unvorbereiteten Jüngling nicht.

Auf die Umfrage des Vorsitzenden erwiderten die andern Vorsteher, sie hätten ihre Ansicht nach ihrem Sachverstande geäußert und fühlten sich nicht gedrungen, einen besondern Widerstand zu leisten, zumalen man gern auf Begabung, Fleiß und tugendhafte Führung des in Rede stehenden Herrn Vögtlings vertrauen wolle, der freilich, wenn er die Pforte des Wohlergehens zu durchschreiten gedenke, sich vor der Hand abgewöhnen müsse, gleich vom besseren Wein zu trinken, wo er absitze.

Während ich diese Andeutung verschluckte, wurde über die Herausgabe des kleinen Vogtgutes Beschluß gefaßt, derselbe zu Protokoll gebracht und von meinem Oheim mit unterschrieben.

Die Schirmlade, in welcher die Wertschriften der unter Vormundschaft Stehenden aufbewahrt wurden, befand sich anderer Geschäfte wegen bereits zur Stelle, und die Behörde erklärte, es sei am besten, das Stück jetzt gleich herauszunehmen; so sei man dieser Angelegenheit hoffentlich für immer enthoben.

Der hölzerne, mit drei Schlössern versehene Kasten wurde auf den Tisch gestellt und geöffnet, indem der Vorsitzende, der Säckelmeister und der Schreiber jeder einen Schlüssel aus der Tasche zog, in das entsprechende Loch steckte und bedächtig umdrehte. Der Deckel ging auf und da lag nun an einem Häuflein das Vermögen der Witwen und Waisen, gleich einer kleinen Schafherde in der Ecke zusammengedrängt, wie es das Tragen und Rütteln des Kastens gefügt hatte. »Es ist schon viel Schicksal durch diese Lade gegangen!« sagte der Schreiber, als er die Überschriften der verschiedenen Pakete zu lesen begann; es bezogen sich nicht alle auf Frauen und Minderjährige, auch die Vermögensteile von gefangenen, verschwenderischen oder geisteskranken Männern waren dabei. Endlich stieß er auf ein kleines Wesen, las »Lee, Heinrich, Rudolfen sel.« und reichte es dem Vorsitzenden. Dieser enthüllte ein gebräuntes altes Pergament, an welchem ein halb zerbröckeltes Siegel von grauem Wachse hing. Er legte sein messingenes Brillengeschirr um das Haupt und entfaltete das ehrwürdige Schriftstück, dasselbe weit von sich haltend. »Dem Landschreiber, der die Gült ausgefertigt hat, tun die Zähne auch nicht mehr weh!« bemerkte er, »sie ist von Martini 1539 datiert, ein gutes altes Wertstück.« Zugleich richtete er einen ernsten Blick auf mich, der ihm jedoch durch die Brille, die nur zum Lesen gut war, ganz nebelhaft erscheinen mußte.

»Seit dreihundert Jahren«, fuhr er fort, »ist dieser ehrwürdige Brief von Geschlecht zu Geschlecht gegangen und hat immer fünf vom Hundert Zinsen getragen!«

»Wenn wir sie nur hätten«, warf mein Oheim lachend ein, um die abermals auf mich gerichtete Aufmerksamkeit zu stören; »mein Neffe besitzt das Brieflein ja erst seit etwa zehn Jahren, und vor nicht vierzig Jahren noch gehörte es dem Kloster, dessen Abt es zur Zeit der Revolution verkaufte. Man kann überhaupt nicht auf solche Weise rechnen; es ist ebenso unrichtig, wie wenn man immer sagt, diese drei Greise sind zusammen zweihundertsiebzig Jahre oder jene zwei Eheleutchen einhundertsechzig Jahre alt! Nein, jene Greise sind alle drei zusammen nur neunzig Jahre alt, Mann und Frau achtzig, da es genau dieselben Jahre sind, die sie verlebt haben. So vertut der junge Künstler hier nicht die Zinsen von drei Jahrhunderten, wenn er das Brieflein verkauft, sondern nur den einfachen Betrag desselben!«

Das wußten die Männer freilich wohl; weil aber jeder von ihnen auf seinem Hofe solche uralte unablösliche Schuldverpflichtungen hatte und sich selbst als den Bezahler aller der ewigen Zinsen betrachtete, so hielten sie die nehmende Hand der wechselnden Gläubiger für etwas ebenso Unsterbliches und legten dem betreffenden Instrumente einen geheimnisvoll höhern Wert bei, als ihm zukam. So fiel endlich das Wichtigkeitsgefühl der Verhandlung auch auf mich nieder und beengte mir den Sinn. Ich sah mich als Gegenstand ernster Anrede und rechtlichen Verfahrens, leidend und verantwortlich zugleich, ohne daß ich etwas begangen hatte oder zu begehen willens war, nach meiner Ansicht, und strebte mit verdoppeltem Eifer, aus der unfreien Lage hinauszukommen. »Sie wissen den Teufel, was Freiheit heißt!« singt der Student von den Philistern, nicht merkend, daß er selber erst auf dem Wege ist, es zu lernen.

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