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Der große Kuppler

José Echegaray: Der große Kuppler - Kapitel 2
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titleDer große Kuppler
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Vorspiel

Ein geschmackvolles Arbeitszimmer bei Julián Garagarza. Geöffnete Mitteltür mit aufgezogener Portiere. Hinter der Mitteltür ein erleuchteter Korridor, von dem eine Treppe in das oberste Stockwerk führt. Rechts von der Mitteltür ein großer Bücherschrank, darauf die Büsten von Calderon und Cervantes; ein Sofa mit Tisch und Stühlen; eine elektrische Klingel. Links von der Mitteltür eine Säule mit der Herme von Dante, dahinter Blattpflanzen. Rechts vorn ein Kamin mit flackerndem Feuer und einer Stutzuhr; vor dem Kamin Sessel und Fußbank; rechts zwischen Kamin und Bücherschrank ein Stehspiegel. Links hinten eine Seitentür. Links vorn über Stufen zu einem Fenster, ein Sessel, ein Telefon. Links zwischen Fenster und Tür ein Sessel und ein Rauchtisch. In der Mitte des Zimmers ein Arbeitstisch mit Büchern, Papieren, Zubehör, brennender Lampe und Arbeitsstuhl; vor dem Arbeitstisch eine Causeuse. Es ist Abend.

Erster Auftritt

Ernesto allein

Ernesto sitzt in großer Unruhe hinter dem Mitteltisch, blickt nachdenklich vor sich hin, versucht zu schreiben, doch wirft er bald die Feder fort Nein! Das war es nicht, das ist es wieder nicht! Ich kann meine Gedanken nicht zum Ausdruck bringen! Wahrhaftig, man könnte toll werden! Ich sehe meinen Stoff, er lebt, er bewegt sich, ich sichte ihn, doch wenn ich ihn fassen, ihn auf das Papier bringen will, verflüchtigt er sich; er schwindet mir unter den Händen, er zerfließt in nichts. Er steht auf Dieser unermeßliche Abgrund zwischen Wollen und Vollbringen! Pause Wie oft bin ich in ruhigen, glücklichen Stunden in diesem Zimmer auf und ab gegangen, Pläne im Kopf, klopfenden Herzens, mit heißer Stirn, während ich vor mir in nebelhaften Umrissen die sonderbarsten Gestalten sah. Und nach ihrer kaum vernehmbaren Stimme glaubte auch ich ein Dichter zu sein. Wie war ich von einer beständigen Furcht gequält, daß mir diese Traumbilder entwischen könnten, wie griff ich zur Feder, um diesen Gestalten eine feste Form zu geben, wie sehr ängstigte ich mich, diese Stimmen zum Sprechen zu bringen. Er geht sinnend auf und ab Oh, diese Ohnmacht der Ausführung! Mit jedem Federstrich gestaltete ich meine Gedankenbilder anders. Nicht mein Wollen, nicht das, was ich gesehen und gehört hatte, schrieb ich nieder. Es waren Worte, Worte, nichts als Worte! Er bleibt am Fenster links stehen Und wenn man verzweifelt, wenn es geschieht, daß zwischen Eingebung und Ausführung die Gedanken erlahmen und absterben, dann wagen jene sich heran, die es besser wissen wollen – die Nörgler –, um einem zu sagen: du bist noch zu jung, zu erregt, du mußt austoben! Du mußt warten, der Most gärt noch zu stark, erst in Jahren wird er guter Wein. Er lacht bitter In Jahren – ja, ja –, wenn die Kraft erlahmt und die Jugend dahin ist. Den Ton ändernd Und dennoch, ich muß es versuchen, es muß mir gelingen. Er will sich wieder an den Mitteltisch setzen.

Teodora Garagarza, vornehme, elegante Erscheinung, erscheint in Theatertoilette, einen Schleier über dem Kopf, ein Cape um die Schultern, in der offenen Mitteltür unter der Portiere.

Zweiter Auftritt

Ernesto, Teodora zu seiner Linken

Teodora auf der Schwelle Darf ich eintreten?

Ernesto wendet sich lebhaft um Teodora!

Teodora Ihre Tür war nicht geschlossen, ich sah Licht bei Ihnen und komme, Ihnen einen guten Abend zu sagen. Doch Sie arbeiten, da will ich nicht stören und wünsche Ihnen nun eine gute Nacht. Sie wendet sich zum Gehen.

Ernesto Aber nein! Sie stören mich nicht im geringsten. Ich wollte arbeiten, doch mir fiel wieder einmal nichts ein. Aber wo ist denn Ihr Mann?

Teodora tritt an Ernesto vorüber vor den Spiegel rechts und legt Schleier und Cape ab. Ernesto ist ihr behilflich Er ist noch auf einen Augenblick zu seinem Bruder hinaufgegangen. Irgendeine wichtige, eilige Angelegenheit. Er wird sich nicht lange aufhalten. – Also nichts zustande gebracht? Dann hätten Sie besser daran getan, mit uns ins Theater zu gehen.

Ernesto lächelnd Habe ich denn soviel versäumt?

Teodora scherzend Das nicht. Es war wie gewöhnlich: weder gut noch schlecht. Ernesto führt sie zur Causeuse vor dem Mitteltisch, Teodora nimmt dort Platz.

Ernesto geht um den Tisch und setzt sich auf den großen Stuhl hinter dem Mitteltisch Nun also? Wie war's?

Teodora zögernd Hätten Sie uns begleitet, wäre ich der Mühe enthoben gewesen, unseren Freunden und Bekannten, die uns in der Loge aufsuchten, zu begründen, weshalb Sie zu Hause geblieben sind.

Ernesto ernst Interessiert man sich wirklich ein wenig für mich?

Teodora etwas verlegen, mit dem Fächer spielend Wir erregen oft mehr Interesse, als wir denken, und vielleicht auch mehr, als wir verdienen. Es war ein unausstehliches Gefrage. Sie ahmt im folgenden die Stimmen und die Art der Fragenden nach ›Nun, gnädige Frau‹, wichtig sagte die eine, ›allein hier? Wo ist Ernesto‹? ›Zu Hause, er arbeitet.‹ ›Ernesto‹, höhnisch fragte der zweite, ›Ihr liebenswürdiger, unzertrennlicher Begleiter ist doch nicht krank?‹ ›Gott sei Dank, nein, er sitzt zu Hause und arbeitet.‹ Und endlich ein Dritter, mit komischer Würde der witzig sein wollte, schwang sich zu den Worten auf: ›Die Sonne ohne ihren Schatten?‹ Ich bilde mir natürlich bei meiner gewohnten Bescheidenheit ein, heiter daß ich die Sonne bin und Sie der Schatten sind. Ernesto macht eine abwehrende Handbewegung Und so kam einer nach dem anderen. Schließlich verlor ich die Geduld, und als sie das bemerkten, lächelten sie so sonderbar, daß ... sie hält inne Doch sprechen wir von etwas Anregenderem als von diesen rücksichtslosen Leuten. Pause, dann schnell Von Ihrem Drama.

Ernesto Das finden Sie anregender? Und ich soll davon sprechen? Alles ist noch ein unklares Durcheinander, wüst und dunkel. Doch ich werde mich zur Klarheit durcharbeiten. Was ich höre und sehe, scheint mit der Idee meines Stückes in unmittelbarer Verbindung zu stehen, selbst die Äußerungen dieser unerträglichen Streber, die, wie Sie selbst gehört haben, sich über mich so sorgfältig und eingehend erkundigten. Bitter Ich glaube, sie alle werden eine Rolle, eine Hauptrolle in meinem Drama spielen.

Teodora neugierig So haben Sie also Ihren ersten Entwurf geändert?

Ernesto Wieso?

Teodora Sagten Sie uns nicht, der Grundgedanke Ihres Stückes sei aus Dantes Hölle, die Begebenheit der Francesca da Rimini?

Ernesto unbefangen Ja und nein. Diese Begebenheit wird nicht mehr die Grundlage meines Werkes bilden, aber mit ihr im engsten Zusammenhang stehen.

Teodora Dann habe ich mich also unnötig bemüht. Ich gestehe offen, daß ich nach Ihrer gestrigen Äußerung jene Stelle in der Göttlichen Komödie zum erstenmal gelesen habe, und es beschämt mich, sie nicht völlig verstanden zu haben. Ernesto lächelt Sie lächeln über meine Schwerfälligkeit?

Ernesto Gewiß nicht. Ich nehme sogar an, daß der größte Teil meiner Zuhörer – wenn ich überhaupt welche haben werde – nicht wissen wird, um was es sich handelt. Ich werde deshalb meinem Drama einige Strophen hinzufügen, die diese Stelle aus der Hölle wiedergeben und alles klären.

Teodora erhebt sich Haben Sie diese Strophen zur Hand?

Ernesto ist ebenfalls aufgestanden, geht nach dem Bücherschrank rechts hinten und entnimmt ihm ein Buch Ja, gewiß. Langweilt es Sie auch nicht? Teodora schüttelt lachend den Kopf Ich habe als Motto Dantes Worte gewählt: ›Quel giorno piu non vi leggemo avante‹, ›An jenem Tage lasen wir nicht weiter‹, und habe es ›Galeoto‹ genannt.

Teodora setzt sich auf den Sessel vor dem Kamin rechts Lesen Sie mir die Verse vor, bitte! Ernesto steht mit dem Buch vor ihr. Teodora verfolgt aufmerksam jede seiner Bewegungen. Die im Kamin lodernde Flamme beleuchtet die Gruppe.

Ernesto liest

So lasen sie zur Kurzweil die Legende;
Sie ahnten nicht, daß der Gefühle Drang
Durch Liebesgluten – stärker und behende
Als sie's gedacht – den schwachen Geist bezwang.

Im wachen Traume, der erfreut den Schläfer
Und in sein Herz dringt – das zu springen droht
Vor Lust und Wonne –, irrt umher der Schäfer:
Von treuer Lieb' gefesselt Lanzelot!

Ginevra liebt dich, sprach's in ihm mit Beben.
Wie blöde bist du, Armer, hast kein Wort!
Genieß' in dieses Weibes Bann dein Leben,
Was sie dir bietet, folg' ihm fort und fort!

Da war ein andrer, Höherer am Orte
Für den verschüchterten, verliebten Mann,
Der stillgeschäftig öffnete die Pforte,
Der unerwartet brach den schwachen Bann!

Zu dieser wonnevollen, süßen Stunde
Der Mittler König Galeoto war,
Der gern gefällig zu dem Herzensbunde
Vereinigte die beiden ganz und gar.

Er rieb sich seine Hände, schlich von hinnen,
Als er die zwei Verliebten einig fand,
Als sich die schönste aller Königinnen
Und Lanzelot in Liebesqualen wandt.

Wie er erschauert, seiner selbst nicht mächtig,
Der Ritter kühn, in heißer, toller Glut:
Das war die Sünde! Jetzt war er verdächtig!
Er neigt sich zu ihr, Lipp' auf Lippe ruht!

Auch sie umfing ihn minniglich und heiter,
Es traf ihn glühend ihr verliebter Blick! –
An jenem Tage lasen sie nicht weiter,
Das Buch verkuppelte
sie dem Geschick.

Pause

Teodora flüstert vor sich hin ›An jenem Tage lasen sie nicht weiter.‹ Sie trocknet sich mit ihrem Tuch die brennenden Lippen. Pause. Plötzlich erwacht sie wie aus einem Traum Ah, nun verstehe ich. Aber welche Beziehung besteht zwischen Galeoto und Ihrem Stück?

Ernesto Galeoto ist die Hauptperson. Ohne seine Gelegenheitsmacherei wäre die Königin Ginevra geblieben, was sie war: ein pflichtgetreues, ehrbares Weib, und der kühne Lanzelot wäre wehmütigen Herzens fortgezogen, um in neuen Heldentaten seine unglückliche Liebe zu vergessen. Seine Rede steigert sich Aber dieser Galeoto ist es, der die Schuldlosen zusammenführt, der das Holz zum Scheiterhaufen schleppt, der das Feuer daran legt und sich dann mit stillem Lachen in Sicherheit bringt. Galeoto, der Zwischenträger, ist der wahre Schuldige des Trauerspiels, für den die anderen mit ihrem Leben büßen, mit ihrem Glück zahlen. Er ist nicht bloß der Strafbare in meiner Tragödie, sehr ernst nein – er ist auch der Schuldige fast in allen Dramen des menschlichen Lebens.

Teodora horcht nach außen Ich höre jemanden auf der Treppe, es wird mein Mann sein. Sie steht auf und geht ihrem Mann entgegen.

Ernesto legt das Buch auf den Mitteltisch und geht zur geöffneten Mitteltür Wir sind hier, Julián!

Julián Garagarza ein Mann in den besten Jahren, der weniger auf den idealen als auf den praktischen Wert des Lebens sieht, sich stets freundlich und gut gelaunt gibt, erscheint in Frack und weißer Binde im Korridor, wo er Hut und Mantel ablegt. Er tritt ein.

Dritter Auftritt

Teodora rechts, Julián in der Mitte, Ernesto links

Julián sich die Handschuhe ausziehend, zu Ernesto Nun, mein Junge, wie geht's? Bist du zufrieden mit deinem Abend? Hast du etwas fertiggebracht? Er klopft ihm leutselig auf die Schulter, begrüßt dann seine Frau.

Ernesto Leider nein! Eben habe ich deiner Frau meinen Kummer gebeichtet. Ich habe zwanzig Seiten geschrieben und ebensoviel zerrissen. Vielleicht bin ich zu streng gegen mich selbst.

Julián Das ist niemand, der sich bemüht, das Ziel seiner Wünsche zu erreichen, oder im engeren Sinne auf deinen Fall bezogen, der danach strebt, das verschleierte Bild seiner Sehnsucht zu enthüllen. Nicht den Mut verlieren, und nicht unnötig hartnäckig sein, lieber Junge! Wenn du merkst, daß dir die Gedanken nicht zufließen wollen, so suche dich zu unterhalten. Du hättest mit uns ins Theater gehen sollen, es war lohnend, und viele haben nach dir gefragt. Teodora setzt sich auf ihren vorigen Platz. Julián geht während des Gesprächs in der Mitte auf und ab.

Ernesto setzt sich am Fenster rechts Ich weiß, Teodora erzählte mir, welchen überraschenden Anteil man an mir nimmt.

Julián Ganz natürlich. Die Leute sind gewohnt, uns immer zu dritt zu sehen; wir gehen zusammen aus, wir wohnen zusammen, wir sind in den Augen unserer Umgebung die Unzertrennlichen. Wenn einmal einer fehlt, erwacht die Neugierde. Ich weiß nicht, wie oft ich schon unsere Beziehungen erklären mußte: daß du mein Sohn nicht bist, es gar nicht sein kannst! Er faßt lustig Teodora unters Kinn. Teodora, leicht verlegen, wehrt ihn mit dem Fächer ab ›Zweifellos ist er Teodoras Bruder?‹ ›Ich bedauere, nein!‹ ›Der Sohn eines nahen Verwandten?‹ ›Ganz und gar nicht! Weder verwandt noch verschwägert. Er ist der Sohn eines alten lieben Freundes, der mir ein Bruder war – nichts mehr und nichts weniger. Ernesto ist uns ein junger redlicher Freund, den ich wie meinen Sohn liebe, und der, wie ich denke, auch für uns eine wahre und innige Zuneigung hegt.‹

Ernesto steht auf und reicht ihm beide Hände Sie sind ein ausgezeichneter Mann, Julián.

Julián wehrt ihn ab Laß, ich bitte dich!

Ernesto gerührt Ihre Heiterkeit, Ihre Milde, Ihre Liebenswürdigkeit, Ihr ...

Julián unterbricht ihn Ich bitte dich, laß es gut sein! Du schuldest mir keinen Dank. Selbst wenn ich dir den größten Dienst der Welt erweisen könnte, trüge ich nur die Zinsen meiner Schuld an deinen vortrefflichen Vater ab. Was ich bin, was ich habe, ihm schulde ich es. Ernesto macht eine ablehnende Handbewegung Und wenn du das nicht gelten lassen, wenn du dich durchaus als meinen Schuldner betrachten willst, sei unbesorgt, ich werde dich als gewandter Geschäftsmann schon ausnützen. Ich habe zu deinen Fähigkeiten ein unbegrenztes Vertrauen, und wenn ich dich zu fördern versuche, so ist das ein Luxus, den ich mir erlauben kann. Sprich mir also nicht mehr von deinen vermeintlichen Pflichten, arbeite an deinem Drama, das ist gescheiter. Wie weit bist du denn damit? Er setzt sich auf die Mittelcauseuse.

Ernesto nimmt neben ihm Platz, seufzt Es wird wohl nichts werden.

Julián Was sagst du? Wie soll ich das verstehen?

Ernesto Die Idee meines Stückes schien mir für eine dramatische Entwicklung geeignet zu sein, aber sobald ich meine Gedanken gestalten will, werden sie widersinnig und unausführbar. Die erste Unmöglichkeit: die Hauptperson des Dramas, die Triebfeder der Handlung, die alles belebt, um die sich alles dreht, diese Person, die schließlich die Katastrophe herbeiführt, kann gar nicht auf die Bühne gebracht werden.

Teodora steht auf, geht langsam im Hintergrund auf und ab, bleibt öfter stehen und wirft einen Blick auf die Bücher und Schriften, die auf dem Mittelschreibtisch liegen Warum nicht? Ist sie abstoßend, widersinnig, unleidlich, unwahrscheinlich?

Ernesto wendet sich um zu ihr Nicht mehr und nicht weniger als jede andere Person. Nicht gut, nicht schlecht, nicht unwahrscheinlich. Aber ich wage es der öffentlichen Meinung gegenüber nicht, sie auftreten zu lassen.

Julián Wo haben wir also dann die Schwierigkeit zu suchen?

Ernesto Keine Bühne hat Raum genug für meine Person.

Julián komisch entsetzt Doch nicht etwa ein mythologisches Drama? Mit Riesen und Titanen? Ort der Handlung: Ossa oder Pelion?

Ernesto lachend Titanen wohl, doch nach moderner Art. Ort der Handlung: hier oder in jeder beliebigen anderen Stadt.

Julián Wenn du willst, daß ich dich verstehen soll, drücke dich deutlicher aus. Wer also ist deine Hauptperson?

Ernesto Die Menge, die Öffentlichkeit, jeder, die öffentliche Meinung. – Wählen Sie den Namen, der Ihnen am besten gefällt.

Julián schüttelt den Kopf und lacht Die ganze Welt? Du hast recht, dafür sind auch unsere größten Bühnen viel zu klein. Doch gerade herausgesagt, du hast dir für ein Erstlingswerk eine hübsche Aufgabe gestellt.

Ernesto Sie sehen nun, wie recht ich hatte, und werden es mir nachfühlen können, weshalb ich so oft meine Feder mutlos beiseite warf.

Julián O nein! Wenn wir uns gewisse Urbilder und Charaktere aus der Menge als Vertreter der Leidenschaften herausheben – solche, die die ganze Welt bewegen –, dann sehen und verstehen wir auch ›alle Welt‹ mit allen ihren so grundverschiedenen Gestalten. So sind alle großen Dichter zu Werke gegangen. Entscheide dich für Allerweltsvorbilder, dann werden wir wissen, was du willst.

Ernesto Das ist für mein Stück unmöglich.

Julián Und warum?

Ernesto Weil ich auf unüberwindliche Schwierigkeiten stoße, die meine Gedanken stören, anstatt sie zu beleben und zu kräftigen. Nicht dieser oder jener ist gemeint – von der Hydra mit den tausend Köpfen, die man Welt nennt –, der an meiner Handlung teilnimmt, nein, die ganze Welt, dieser und jener ist es. Ein harmloses Wort, zwei unschuldige Blicke, die sich begegnen, ein Lächeln um den Mund, alles zusammen gestaltet meine Handlung. Nicht der einzelne – die leidenschaftslose, nicht boshafte, nicht gehässige, ganz gleichgültige Menge, kurz: die ganze Gesellschaft macht mein Stück. Ein einziges unkluges Wort, ein hämisches Lächeln, ein bedeutungsvoller Blick genügen, die Entscheidung herbeizuführen. Alle diese kleinen Nichtigkeiten wachsen zusammen und tauchen plötzlich als erbärmliche Verleumdungen auf, die die Ehre beflecken und das Eheglück zerrütten. Jeder handelt für sich, ohne schlechte Absicht, und das Ende ist doch – allgemeine Vernichtung und Zerstörung. Teodora bleibt hinter dem Schreibtisch stehen, lehnt sich über ihn und hört aufmerksam zu Solange ich einem einzelnen alle diese Züge gebe, wird's der herkömmliche Theaterbösewicht. Lasse ich ihn aber den Ausdruck einer ganzen Gesellschaftsklasse sein, dann hält man im natürlichen Rückschluß diese ganze Gesellschaft für angefault und schlecht. Und das möchte ich gar nicht sagen. Ich will im Gegenteil beweisen, daß Unbedachtheit, Nachlässigkeit und Sorglosigkeit, von einer ganzen Menge zusammengehäuft, den Untergang der einzelnen bringen.

Julián wendet sich um zu Teodora Begreifst du dies?

Teodora Ungefähr.

Julián Nun, dann bist du klüger als ich. Eine Person mit hundert Köpfen, die nicht schlecht ist, doch Schlechtes tut und Unglück aus Sorglosigkeit heraufbeschwört, das überschreitet mein Begriffsvermögen. Zu Ernesto Vielleicht werde ich es verstehen, wenn ich das Drama auf der Bühne sehe. Wenn mich augenblicklich deine erhabene Phantasie überflügelt, das Menschliche in deinem Stück werde ich schon begreifen, und ich verspreche dir, mich ganz vorzüglich zu unterhalten, wenn eine hübsche Liebesgeschichte darin vorkommt.

Ernesto steht auf Da haben Sie die zweite Schwierigkeit: in meinem Stück gibt's keine Liebesgeschichte.

Julián Dann schreib's überhaupt nicht.

Ernesto Und doch sind Liebe und Eifersucht die Angelpunkte meiner Handlung. Teodora hört das Folgende mit gesteigertem Interesse.

Julián aufstehend Wieder was Neues! Von Liebe ist keine Rede, und die Liebe spielt die Hauptrolle?

Ernesto Ja, so ist es. Ich habe in meinem Stück keinen Liebhaber eines jungen Mädchens oder einer jungen Frau, und doch ist die Liebe der Mittelpunkt vom Ganzen.

Julián Dann mußt du, um wahrscheinlich zu sein, ungewöhnliche Dinge vorführen.

Ernesto Im Gegenteil. Die Vorgänge in meinem Drama müssen so gewöhnlich und alltäglich wie nur irgend möglich sein. Nichts ereignet sich äußerlich, die dramatische Entwicklung vollzieht sich lediglich im Seelenzustand der Personen, bricht sich langsam Bahn, dringt in den Verstand, erfaßt das Gemüt und untergräbt schließlich den Willen.

Julián ungläubig Wie willst du denn das alles darstellen? Das ist keine Aufgabe für einen Bühnendichter, das ist ein philosophisches Problem.

Ernesto Und trotz alledem kann es dramatisch sein.

Julián Dann mußt du mit einer außerordentlichen Geschicklichkeit den Knoten zu knüpfen und zu lösen wissen.

Ernesto Ich löse ihn überhaupt nicht. Im Augenblick seiner Verknüpfung fällt der Vorhang, und das Stück ist aus.

Julián Mit anderen Worten, es ist zu Ende, wenn es beginnen soll.

Ernesto So ist's.

Julián Dann schreibe lieber das andere Drama, das da beginnt, wo deines zu Ende ist. – Und wie heißt es ?

Ernesto Auch das weiß ich noch nicht.

Julián Was! Verwundert Noch keinen Titel? Mein lieber Junge, du bist ein unverbesserlicher Träumer. Ein Theaterstück, in dem die Hauptperson nicht auftreten kann, ohne Liebesverwicklungen, ohne Handlung und mit alltäglichen Vorgängen, das in dem Augenblick beginnt, wenn der Vorhang zum letztenmal fallt, und das noch keinen Namen hat? Er schüttelt den Kopf Wie du weißt, erwarte und hoffe ich viel von dir, doch heute muß ich dir sagen, du bist auf dem Holzweg. Schreib' etwas anderes, wähle einen anderen Stoff, wenn ich dir raten darf! Und jetzt komm mit uns, trink' ein Gläschen Punsch, leg' dich dann zu Bett, schlaf tief, und morgen gehen wir auf Rebhuhnjagd. Meinst du nicht auch, Teodora?

Teodora tritt an Ernestos linke Seite Gewiß, Julián hat ganz recht. Kommen Sie mit uns. Ich habe Ihnen ganz aufmerksam zugehört, doch ich glaube wirklich, Sie stellen sich vor eine unmögliche Aufgabe.

Ernesto nach einigem Nachdenken entschlossen Nein und nochmals nein! Ich bin meiner Sache sicher. Es ist ein Drama, und ich muß es schreiben, wenn nicht jetzt, so doch gewiß später. Und je länger ich darüber spreche, je mehr begreife ich es, und der Ablauf wird sichtbar. Ohne Zweifel, ich stehe vor der Wahrheit! Entschlossen Noch heute abend, gleich jetzt gehe ich an die Arbeit und beginne von neuem. Er steht in Gedanken versunken. Teodora und Julián sind, während Ernesto spricht, in den Hintergrund gegangen, wo Julián seiner Frau das Cape umlegt.

Teodora leise Ist dir vorhin im Theater das Betragen meiner Schwägerin nicht aufgefallen? Sie war so sonderbar und will mich morgen unter vier Augen sprechen.

Julián leise Ja, ganz recht. Auch meinen Bruder Severo fand ich übellaunig, nervös, überreizt. Auch er will mit mir reden – ich habe beide zu Tisch gebeten.

Teodora leise Vortrefflich. Sie tritt von links vor Ernesto Also bis morgen! Gute Nacht, Ernesto. Sie reichen sich die Hand.

Julián tritt von rechts vor Ernesto Nun, gute Nacht, mein lieber Junge, mögen dir die Musen beistehen, wenn sie dich besuchen.

Ernesto begleitet beide bis zur Treppe hinten; Julián und Teodora steigen die Treppe hinauf.

Vierter Auftritt

Ernesto allein

Ernesto kommt zurück, erregt Wie brennen mir die Augen. Wie schwül ist's hier! Er geht zum Fenster links, öffnet es und bleibt dort stehen. Mondlicht fällt ins Zimmer Ah, wie tut es wohl, wenn die linde Nachtluft mir die Stirn umstreicht. Pause Nein, ich verzichte nicht. Ich werde einen Körper aus tausend zerstreuten und verschiedenen Ur-Teilchen bilden, werde beweisen, wie etwas Fürchterliches gleichsam aus dem Nichts entsteht – aus einem Nichts, wie aus dem Achselzucken des einen, dem Lächeln des anderen, der zweifelhaften Frage eines Dritten und dem unschuldigen Blick eines Vierten. Kleinigkeiten und Nichtigkeiten sollen sich zu einer Lawine ballen, die herabrollt, sich vergrößert und schließlich Tod und Entsetzen verbreitet. Mit einer verächtlichen Handbewegung aus dem Fenster über die Stadt Ich will euch zeigen, wie ihr es durch eure Tuscheleien anstellt, aus einer Wahrheit eine Lüge zu drehen, wie ihr die reinste und unschuldigste Seele vergiftet, wie jene Leute, die sich heute im Theater so eifrig nach mir erkundigten, nur die Vorläufer der Verleumdung sind und welches Verderben über solche Verleumdung hereinbricht. Drohend Wehe euch Zungen, die ihr jetzt schlaft und von neuen Lügen träumt! Er verläßt das Fenster und geht an den Schreibtisch in der Mitte Wie sie sich beistehen, unbewußt, zu der großen Arbeit der Zerstörung, wie sie sich unüberlegt um den guten Namen bringen, wie sie sich beschmutzen und verkuppeln! – Verkuppeln? – Jawohl! »Der große Kuppler« könnte ich mein Drama nennen, wenn dieses Wort nicht zu anstößig wäre. Und doch! Jetzt hab' ich's. Pause. Er überlegt Ich habe den Titel! ›Galeoto.‹ Steigernd ›Der große Galeoto.‹ Er schüttelt den Kopf. Pause. Nun mit Nachdruck ›Galeoto!‹ Er setzt sich an seinen Schreibtisch und beginnt zu schreiben.

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