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Der Graf von Monte Christo. Zweiter Band.

Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo. Zweiter Band. - Kapitel 6
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDer Graf von Monte Christo. Zweiter Band.
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
illustratorFritz Bergen
translatorMax Pannwitz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
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Die Gefängnisregister.

Einen Tag, nachdem die Szene auf der Straße von Bellegarde nach Beaucaire vorgefallen war, erschien ein Mann von dreißig Jahren in blauem Frack, Nankingbeinkleidern und weißer Weste, mit der Haltung und der Aussprache eines Engländers, bei dem Maire von Marseille und sagte: Mein Herr, ich bin der erste Kommis des Hauses Thomson und French in Rom; wir stehen seit zehn Jahren in Verbindung mit dem Hause Morel und Sohn in Marseille, sein Konto beläuft sich bei uns auf etwa 100 000 Franken, und wir sind einigermaßen in Unruhe, da man behauptet, dieses Haus sei dem Ruin nahe. Ich komme daher ausdrücklich von Rom, um mir von Ihnen Auskunft über Morel und Sohn zu erbitten.

Mein Herr, antwortete der Maire, ich weiß bestimmt, daß seit vier bis fünf Jahren das Unglück Herrn Morel zu verfolgen scheint; er hat hintereinander vier Schiffe verloren und durch drei Bankerotte Verluste erlitten; aber obgleich ich selbst mit einigen tausend Franken Gläubiger des Hauses bin, geziemt es mir doch nicht, irgend eine Auskunft über den Zustand seines Vermögens zu geben. Fragen Sie mich als Maire, was ich von Herrn Morel denke, so antworte ich Ihnen, er ist ein streng rechtlicher Mann und hat bis jetzt alle seine Verbindlichkeiten äußerst pünktlich erfüllt. Das ist alles, was ich Ihnen sagen kann. Wollen Sie mehr wissen, so wenden Sie sich an Herrn von Boville, Inspektor der Gefängnisse, Rue Noailles Nr. 15; er hat, soviel ich weiß, 200 000 Franken beim Hause Morel angelegt, und wenn wirklich etwas zu fürchten wäre, so würden Sie ihn, da diese Summe beträchtlicher ist, als mein Guthaben, wahrscheinlich über diesen Punkt besser unterrichtet finden, als ich es bin.

Der Engländer schien diese Rücksicht zu würdigen, grüßte, verließ den Maire und wanderte mit dem den Söhnen Großbritanniens eigentümlichen Gange nach der bezeichneten Straße. Herr von Boville war in seinem Kabinett; als ihn der Engländer erblickte, machte er eine Bewegung des Erstaunens, die anzudeuten schien, daß er nicht zum erstenmal diesem Manne gegenüber stand. Herr von Boville aber war so verzweiflungsvoll, gleichsam verschlungen von dem Gedanken, der ihn in diesem Augenblick beschäftigte, daß er nichts für alte Erinnerungen übrig hatte. Der Engländer legte ihm mit dem seiner Nation eigenen Phlegma fast in denselben Ausdrücken dieselbe Frage vor wie dem Maire.

Oh! Herr, rief Herr von Boville, Ihre Befürchtungen sind leider nur zu sehr begründet, und Sie sehen einen verzweifelnden Mann vor sich. Ich hatte 200 000 Franken bei dem Hause Morel angelegt. – Es war dies die Mitgift meiner Tochter, die ich in vierzehn Tagen zu verheiraten gedachte. Ich hatte Herrn Morel von meinem Wunsche, das Geld bis zum 15. nächsten Monats zu erheben, benachrichtigt, und nun ist er vor einer halben Stunde zu mir gekommen, um mir zu sagen, wenn sein Schiff Pharao bis zum 15. nicht einlaufe, sei er außer stande, seine Verbindlichkeit zu erfüllen.

Da handelt sich's doch wohl nur um Fristverlängerung, sagte der Engländer.

Es handelt sich um einen Bankerott, rief Herr von Boville.

Der Engländer schien einen Augenblick nachzudenken und sagte sodann: Diese Schuldforderung scheint Ihnen also gefährdet?

Das heißt, ich betrachte sie als verloren.

Gut, ich kaufe sie Ihnen ab.

Sie? – Ja, ich.

Aber sicher nur mit ungeheurem Rabatt?

Nein, um 200 000 Franken; unser Haus, fügte der Engländer lachend bei, macht keine solchen Geschäfte.

Und Sie bezahlen bar?

Der Engländer zog, ohne ein Wort zu sagen, ein Päckchen Banknoten aus seiner Tasche, die das Doppelte der Summe betragen mochten, die Herr von Boville zu verlieren fürchtete. Ein Blitz der Freude zog über das Gesicht des Herrn von Boville; doch suchte er sich zu bemeistern und sagte: Mein Herr, ich muß Ihnen bemerken, daß Sie aller Wahrscheinlichkeit nach nicht sechs Prozent von dieser Summe zurückerhalten.

Das geht mich nichts an, erwiderte der Engländer, das geht das Haus Thomson und French an, in dessen Namen ich handle. Es liegt vielleicht in seinem Interesse, einen Nebenbuhler zu Grunde zu richten. Ich weiß nur, daß ich Ihnen diese Summe gegen Übertragung zu bezahlen habe, wobei ich mir indessen einen Maklerlohn erbitten werde.

Das ist nicht mehr als billig! rief Herr von Boville. Die Kommission beträgt gewöhnlich anderthalb; wollen Sie zwei? Wollen Sie drei? Wollen Sie fünf, wollen Sie noch mehr? Sprechen Sie!

Mein Herr, antwortete der Engländer lachend, ich bin wie mein Haus, ich mache keine solchen Geschäfte; mein Maklerlohn ist ganz anderer Natur. Sie sind Inspektor der Gefängnisse?

Seit vierzehn Jahren.

Führen Sie Eintritts- und Abgangsverzeichnisse, die Noten in Bezug auf die Gefangenen enthalten.

Jeder Gefangene hat sein Aktenheft.

Nun wohl, ich bin in Rom von einem armen Teufel von Abbé erzogen worden, der plötzlich von dort verschwunden ist. Seitdem habe ich erfahren, daß man ihn im Kastell If gefangen gehalten hat, und ich möchte gern etwas Näheres über seinen Tod wissen; er hieß Abbé Faria.

Oh! ich erinnere mich seiner ganz genau, rief Herr von Boville, er war ein Narr.

Es ist möglich. Welcher Art war seine Narrheit?

Er behauptete, Kenntnis von einem unermeßlichen Schatze zu haben, und bot der Regierung tolle Summen, wenn man ihn in Freiheit setzen wollte.

Armer Teufel! Und er ist tot?

Ja, er starb ungefähr vor fünf oder sechs Monaten, im vergangenen Februar. Ich erinnere mich dieser Geschichte deshalb so genau, weil der Tod des armen Teufels von einem seltsamen Ereignis begleitet war.

Was war denn das für ein Ereignis? fragte der Engländer mit dem Ausdruck großer Neugierde.

Das Gefängnis des Abbés war ungefähr fünfzig Fuß vom dem eines ehemaligen bonapartistischen Agenten entfernt, eines sehr entschlossenen und gefährlichen Menschen aus der Zahl derer, die am meisten zur Rückkehr des Usurpators im Jahre 1815 beigetragen haben.

Wirklich? sagte der Engländer.

Ja, ich hatte selbst Gelegenheit, diesen Menschen im Jahre 1816 oder 1817 zu sehen; man stieg in seinen Kerker stets nur mit einer Wache hinab; er machte einen tiefen Eindruck auf mich, und ich werde sein Gesicht nie vergessen.

Der Engländer lächelte unmerklich. Und Sie sagen, versetzte er, die beiden Kerker . . .

Waren etwa fünfzig Fuß voneinander, aber es scheint, dieser Edmond Dantes . . ., so hieß nämlich der gefährliche Mensch, hatte sich Werkzeuge verschafft oder verfertigt, denn man fand einen Gang, durch den die Gefangenen miteinander verkehrten.

Dieser Gang war ohne Zweifel für einen Fluchtversuch gemacht worden?

Allerdings; aber zum Unglück für die Gefangenen wurde der Abbé von der Starrsucht befallen und starb.

Ich begreife; das mußte die Fluchtpläne ein für allemal vereiteln.

Für den Toten, ja, antwortete Herr von Boville, für den Lebenden nicht; dieser Dantes sah im Gegenteil darin ein Mittel, seine Flucht zu beschleunigen. Er dachte ohne Zweifel, die im Kastell If gestorbenen Gefangenen würden auf einem gewöhnlichen Friedhofe begraben, trug den Hingeschiedenen in seine Zelle, nahm dessen Platz in dem Sacke ein, in den man ihn genäht hatte, und erwartete den Augenblick des Begräbnisses.

Das war ein gewagtes Mittel, woraus sich auf einigen Mut schließen läßt, bemerkte der Engländer.

Ich habe Ihnen bereits gesagt, daß es ein sehr gefährlicher Mensch war; zum Glück befreite er die Regierung selbst von der Furcht, die sie seinetwegen hegte.

Wieso?

Das Kastell If hat keinen Friedhof; man wirft die Toten ganz einfach ins Meer, nachdem man ihnen eine Eisenkugel von 36 Pfund an die Füße gebunden hat. Sie können sich denken, wie groß das Erstaunen des Flüchtlings gewesen sein muß, als er fühlte, daß man ihn vom Felsen herabstürzte. Ich hätte sein Gesicht in diesem Augenblick sehen mögen.

Das wäre schwierig gewesen.

Gleichviel, sagte Herr von Boville, den die Gewißheit, seine 200 000 Franken wieder zu erhalten, in gute Laune versetzte; gleichviel, ich stelle es mir vor.

Der Flüchtling ist also ertrunken? fragte der Engländer, und somit wurde der Gouverneur des Kastells zugleich von dem Wütenden und von dem Narren befreit?

Gewiß.

Es mußte doch eine Art von Protokoll über dieses Ereignis aufgenommen werden? fragte der Engländer.

Ja, ja, ein Sterbeprotokoll. Sie begreifen, für die Verwandten des Dantes, wenn er welche hat, konnte es von Interesse sein, sich zu versichern, ob er gestorben sei oder noch lebe.

Folglich können sie nun ruhig sein, wenn sie von ihm erben. Er ist wohl tot, sehr tot.

Oh! mein Gott, ja. Man wird Ihnen einen Schein ausstellen, wenn sie einen haben wollen.

Selbstverständlich, sagte der Engländer. Doch um auf die Listen zurückzukommen . . .

Richtig . . . Diese Geschichte hat uns abgeführt. Verzeihen Sie.

Was soll ich verzeihen? Die Geschichte? Keineswegs; sie war mir sehr interessant.

Sie ist es in der Tat . . . Sie wünschen also alles zu sehen, was sich auf den armen Abbé bezieht, der die Sanftmut selbst war, so? Kommen Sie in mein Amtszimmer, ich will es Ihnen zeigen.

Beide gingen in das Zimmer des Herrn von Boville.

Alles war hier in vollkommener Ordnung; jedes Register bei seiner Nummer, jedes Aktenheft in seinem Fach. Der Inspektor nötigte den Engländer in seinen Lehnstuhl, legte ihm das Register und die Akten vor und ließ ihm volle Muße, darin zu blättern, während er selbst, in einem Winkel sitzend, seine Zeitung las.

Der Engländer fand ohne Mühe die Akten, die sich auf den Abbé Faria bezogen; doch es scheint, die Geschichte, die ihm Herr von Boville erzählt, hatte ihn lebhaft interessiert, denn nachdem er die ersten Stücke eingesehen, blätterte er weiter, bis er zu Edmond Dantes' Akten gekommen war. Hier fand er schön beisammen: Denunziation, Verhör, Bittschrift des Herrn Morel, Randglosse des Herrn von Villefort. Er faltete unbemerkt die Denunziation zusammen, steckte sie in seine Tasche, las das Verhör und sah, daß der Name Noirtier unterdrückt war, durchlief dann auch noch das Gesuch vom 10. Februar 1815, worin Herr Morel, nach Villeforts Rat, in guter Absicht, weil Napoleon noch regierte, die Dienste übertrieb, die Dantes der kaiserlichen Sache geleistet hatte. Nun begriff er alles. Das von Villefort aufbewahrte Gesuch war nach Napoleons zweiter Entthronung eine furchtbare Waffe in den Händen des Staatsanwalts geworden. Er wunderte sich daher nicht mehr über folgende Note, die er neben seinem Namen fand:

Edmond Dantes   Wütender Bonapartist, hat tätigen Anteil an der Rückkehr von der Insel Elba genommen.

Im geheimsten Gewahrsam und unter der strengsten Aufsicht zu halten.

Unter diesen Zeilen stand von einer andern Handschrift: In Betracht obiger Note nichts zu machen.

Die Handschrift der Randbemerkung mit der der Erklärung vergleichend, die der Staatsanwalt unter Morels Gesuch gesetzt hatte, bekam der Engländer die Gewißheit, daß Randglosse und Erklärung von einer Hand, nämlich Villeforts, herrührten.

Was die letzte Note betrifft, so sagte er sich, daß sie von irgend einem Inspektor herrührte, der vorübergehendes Interesse an Dantes' Lage genommen, durch die erwähnte Bemerkung sich aber in die Unmöglichkeit versetzt gesehen hatte, seiner Teilnahme Folge zu geben.

Aus Diskretion hatte sich der Inspektor entfernt und las im Staatsanzeiger. Er sah also nicht, wie der Engländer die von Danglars in der Sommerlaube der Reserve geschriebene Denunziation zusammenlegte und einsteckte. Hätte er es aber auch gesehen, so würde er sicher zu wenig Gewicht auf dieses Papier und zu viel auf seine 200 000 Franken gelegt haben, um einzugreifen.

Ich danke, sagte der Engländer, indem er das Register geräuschvoll schloß. Ich weiß, was ich wissen wollte, und nun ist es an mir, mein Versprechen zu halten; erklären Sie schriftlich, daß Sie mir Ihre Schuldforderung für die Summe von 200 000 Franken abtreten, und ich bezahle Ihnen die Summe.

Und während Herr von Boville eiligst die Erklärung aufsetzte, zählte der Engländer auf einem Tischchen die Banknoten auf.

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