Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Alexandre Dumas (der Ältere) >

Der Graf von Monte Christo. Zweiter Band.

Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo. Zweiter Band. - Kapitel 13
Quellenangabe
pfad/dumasalt/montchr2/montchr2.xml
typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDer Graf von Monte Christo. Zweiter Band.
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
illustratorFritz Bergen
translatorMax Pannwitz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorGerd Bouillon
senderwww.gaga.net
created20120404
projectid05d718e1
Schließen

Navigation:

Mazzolato

Meine Herren, sagte der Graf von Monte Christo eintretend, ich bitte Sie tausendmal um Entschuldigung, daß ich mir zuvorkommen ließ, aber ich fürchtete, wenn ich früher bei Ihnen erschiene, unbescheiden zu sein.

Franz und ich sind Ihnen den größten Dank schuldig, Herr Graf, erwiderte Albert; Sie entziehen uns in der Tat einer großen Verlegenheit.

Ei! mein Gott, erwiderte der Graf, indem er die beiden jungen Männer ersuchte, sich auf einen Diwan zu setzen, es ist Pastrinis Fehler, wenn ich Sie so lange in Verlegenheit ließ; er sagte mir kein Wort von Ihrer mißlichen Lage, während ich nur eine Gelegenheit suchte, mit meinen Nachbarn Bekanntschaft zu machen. Sie haben auch gesehen, wie ich im ersten Augenblick, wo ich erfuhr, ich könnte Ihnen in irgend einer Beziehung nützlich sein, mit allem Eifer diese Veranlassung ergriff, um Ihnen meine Achtung zu beweisen.

Die jungen Leute verbeugten sich. Franz hatte noch kein Wort sprechen können, er hatte auch noch keinen Entschluß gefaßt, und da nichts bei dem Grafen seinen Willen, ihn zu erkennen, oder den Wunsch, von ihm erkannt zu werden, andeutete, so wußte er nicht, ob er mit irgend einem Worte auf die Vergangenheit anspielen, oder es der Zukunft überlassen sollte, ihm neue Beweise an die Hand zu geben. Völlig überzeugt, daß derselbe Mann am Tage vorher in der Loge gewesen, konnte er nicht ebenso bestimmt dafür stehen, daß er zwei Tage vorher im Kolosseum verweilt hatte. Er beschloß daher, die Dinge ihren Gang gehen zu lassen, ohne dem Grafen irgend eine bestimmte Eröffnung zu machen. Überdies war er ihm in gewisser Beziehung überlegen, da er Herr seines Geheimnisses war. Mittlerweile wollte er jedoch das Gespräch auf einen Punkt bringen, der einiges Licht in das Dunkel werfen könnte, und er sagte:

Herr Graf, Sie haben uns Plätze in Ihrem Wagen und an Ihren Fenstern im Palaste Rospoli angeboten, können Sie uns nun auch noch sagen, wie wir uns einen Platz auf der Piazza del popolo verschaffen?

Ah! das ist wahr, entgegnete der Graf mit zerstreuter Miene, zugleich aber Morcerf mit besonderer Aufmerksamkeit anschauend, findet auf der Piazza del popolo nicht eine Hinrichtung oder dergleichen statt?

Ja, antwortete Franz, als er sah, daß der Graf von selbst dahin kam, wohin er ihn bringen wollte.

Ah! ich glaube, ich habe gestern meinen Intendanten beauftragt, hierfür zu sorgen; vielleicht kann ich Ihnen noch einen kleinen Dienst leisten.

Er streckte die Hand nach einer Klingelschnur aus.

Es trat ein Mann von 50 Jahren ein, der fast aufs Haar dem Schmuggler glich, durch den Franz in die Grotte geführt wurde, der ihn aber durchaus nicht zu erkennen schien.

Herr Bertuccio, sagte der Graf, haben Sie sich meinem Auftrag gemäß bemüht, mir ein Fenster auf der Piazza del popolo zu verschaffen?

Ja, Exzellenz, es ist das, welches vom Fürsten Lobanieff gemietet worden war; doch ich mußte hundert . . .

Gut, gut, Herr Bertuccio, erlassen Sie uns diese Berechnungen; Sie haben das Fenster, weiteres ist nicht nötig. Geben Sie dem Kutscher die Adresse des Hauses, und stellen Sie sich auf die Treppe, um uns zu führen!

Der Intendant verbeugte sich und machte einen Schritt, um sich zu entfernen.

Oh! fügte der Graf hinzu, tun Sie mir den Gefallen und fragen Sie Pastrini, ob er die Tavoletta erhalten habe und ob er mir das Programm der Hinrichtung schicken wolle.

Das ist nicht nötig, versetzte Franz, seine Schreibtafel aus der Tasche ziehend, ich habe den Zettel gelesen und kopiert; hier ist er.

Sie können gehen, Herr Bertuccio, ich bedarf Ihrer nicht mehr. Man melde uns nur, wenn das Frühstück aufgetragen ist. Diese Herren, fuhr er, sich an die beiden Freunde wendend, fort, werden mir die Ehre erzeigen, mit mir zu frühstücken?

In der Tat, Herr Graf, das hieße Ihre Güte mißbrauchen, erwiderte Albert.

Im Gegenteil, Sie machen mir ein großes Vergnügen; einer oder der andere von Ihnen, vielleicht beide, vergelten mir das alles einmal in Paris.

Er nahm die Schreibtafel aus Franzens Händen und las mit einem Tone, als seien es »Kleine Anzeigen«, die uns bekannte Ankündigung von der Hinrichtung der beiden Verurteilten. Ja, in der Tat, sagte er dann, so sollte die Sache anfangs vor sich gehen; aber ich glaube, seit gestern hat man sich zu einer Programmänderung entschlossen.

Bah! rief Franz.

Ja, gestern war bei dem Kardinal Rospigliosi, wo ich den Abend zubrachte, glaub' ich, die Rede von einem Aufschube, der einem von den Verurteilten bewilligt sein soll.

Andrea Rondolo? fragte Franz.

Nein, dem andern, erwiderte gleichgültig der Graf, dem andern – er warf einen Blick auf die Schreibtafel, als suchte er sich des Namens zu erinnern – Peppino, genannt Rocca Priori. Sie verlieren also eine Guillotinierung, aber es bleibt Ihnen noch die Mazzolata, die eine interessante Art von Hinrichtung ist, wenn man die Sache zum erstenmal sieht, und selbst noch zum zweitenmal, während die andre, Ihnen jedenfalls auch bekannte Art, zu einfach, zu einförmig erscheint, um das Zuschauen zu lohnen. Oh! fügte der Graf verächtlich hinzu, reden Sie mir nicht von den Europäern, was Hinrichtungen betrifft, sie verstehen nichts davon und stecken wahrhaftig in dieser Beziehung noch in den Kinderjahren oder vielmehr im Greisenalter.

In der Tat, Herr Graf, erwiderte Franz, man sollte glauben, Sie hätten das Hinrichtungsverfahren bei den verschiedenen Völkern der Welt zum Gegenstand eines vergleichenden Studiums gemacht.

Es gibt wenige Arten, die ich nicht gesehen habe, antwortete kalt der Graf.

Und Sie fanden ein Vergnügen daran, so furchtbaren Schauspielen beizuwohnen?

Mein erstes Gefühl war Widerstreben, mein zweites Gleichgültigkeit, mein drittes Neugierde.

Neugierde? Das Wort ist schrecklich!

Warum? Es gibt im Leben nur eine ernste Sache, die unser ganzes Wesen erfaßt, und das ist der Tod. Ist nun nicht das Studium anziehend, auf welch verschiedene Arten die Seele aus dem Leibe gehen kann, und wie nach den Charakteren, nach den Temperamenten und selbst nach den Sitten der Länder die einzelnen Menschen diesen Übergang vom Sein zum Nichts ertragen? Ich meinesteils stehe Ihnen für eines: je mehr man sterben gesehen hat, desto leichter wird es einem zu sterben; meiner Ansicht nach ist der Tod vielleicht eine Strafe, aber keine Sühne.

Ich begreife Sie nicht ganz, sprach Franz.

Hören Sie, versetzte der Graf, und sein Gesicht unterlief sich mit Galle. Wenn ein Mensch durch unerhörte Qualen, unter endlosen Martern Ihren Vater, Ihre Mutter, Ihre Geliebte, kurz eines von den Wesen hätte sterben lassen, die, aus Ihrem Herzen gerissen, eine ewige Leere, eine stets blutende Wunde darin zurücklassen, würden Sie die Genugtuung, die Ihnen das Gesetz durch die Guillotine gewährt, für hinreichend erachten, weil der, welcher Sie jahrelang moralische Leiden erdulden ließ, ein paar Sekunden lang körperliche Schmerzen ausgestanden hat?

Ja, ich weiß, versetzte Franz, die menschliche Gerechtigkeit ist als Trösterin ungenügend; sie kann Blut für Blut vergießen, und mehr nicht; man muß nicht mehr von ihr verlangen, als sie zu tun vermag.

Und ich setze noch den Fall, wo die Gesellschaft, durch den Tod eines Menschen in der Grundlage angegriffen, worauf sie beruht, den Tod durch den Tod rächt. Gibt es aber nicht Millionen von Schmerzen, von denen die Eingeweide des Menschen zerrissen werden können, ohne daß sich die Welt nur im geringsten darum kümmert, und ohne daß sie ihm auch nur das ungenügende Mittel einer Rache bietet, von der wir soeben gesprochen haben? Gibt es nicht Verbrechen, für die der Pfahl der Türken, die Nervenzerrung der Irokesen noch zu gelinde Strafen wären, während sie die gleichgültige Gesellschaft völlig straflos läßt . . . antworten Sie mir, gibt es nicht solche Verbrechen?

Ja, versetzte Franz, und um sie zu bestrafen, ist das Duell geduldet.

Ah! das Duell, rief der Graf, eine schöne Art, zu seinem Ziele zu gelangen, wenn das Ziel Rache ist. Es hat Ihnen ein Mensch Ihre Geliebte geraubt, Ihre Frau verführt, Ihre Tochter entehrt; er hat aus einem ganzen langen Leben ein Dasein des Schmerzes, des Elends oder der Schande gemacht, und Sie halten sich für gerächt, weil Sie diesem Menschen, der Ihnen Wahnsinn in den Geist, Verzweiflung ins Herz pflanzte, einen Degenstich in die Brust gegeben oder eine Kugel vor den Kopf geschossen haben? Abgesehen davon, daß er oft siegreich aus dem Kampfe hervorgeht, in den Augen der Welt rein gewaschen und von Gott gleichsam freigesprochen wird. Nein, nein, wenn ich mich je zu rächen hätte, würde ich mich nicht auf diese Art rächen.

Sie mißbilligen also das Duell, Sie würden sich nicht auf einen Zweikampf einlassen? fragte Albert, erstaunt, eine so seltsame Theorie aussprechen zu hören.

Oh! doch wohl, erwiderte der Graf. Verstehen wir uns recht! Ich würde mich schlagen wegen einer Erbärmlichkeit, wegen einer Beleidigung, wegen einer Ohrfeige, wenn man mich einer Lüge bezichtigen wollte, und dies mit um so mehr Kaltblütigkeit, als ich infolge der Gewandtheit, die ich in allen körperlichen Übungen erlangt habe, infolge langer Gewöhnung an die Gefahr so gut wie sicher wäre, meinen Mann zu töten. Aber für einen tiefen, endlosen, ewigen Schmerz würde ich, wenn es möglich wäre, einen ähnlichen Schmerz dem bereiten wollen, der ihn mir verursacht hätte. Auge um Auge, Zahn um Zahn, wie die Orientalen sagen . . . unsere Meister in allen Dingen, diese Auserwählten der Schöpfung, die sich ein Leben der Träume und ein Paradies der Wirklichkeit zu bereiten gewußt haben. – Aber auf Ehre, meine Herren, wir führen da ein sonderbares Gespräch für einen Karnevalstag; setzen wir uns vor allem zu Tische, denn man meldet, daß aufgetragen ist.

Ein Diener öffnete eine von den vier Türen des Salons. Die jungen Männer standen auf und gingen in den Speisesaal. Während des Frühstücks, das aus allen möglichen Leckerbissen bestand und mit dem feinsten Luxus serviert wurde, suchte Franz mit den Augen Alberts Blick, um darin den Eindruck zu lesen, den die Worte ihres Wirtes, wie er nicht zweifelte, auf ihn hervorgebracht haben mußten. Er fand aber seinen Gefährten nicht im geringsten ergriffen; er erwies im Gegenteil dem Mahle die schuldige Ehre. Der Graf dagegen, den Alberts Person merkwürdig zu beunruhigen schien, berührte die Schüsseln kaum. Es war, als erfüllte er, wenn er sich mit seinen Gästen zu Tische setzte, nur eine einfache Pflicht der Höflichkeit, und als erwarte er ihr Fortgehen, um sich irgend ein besonderes Gericht vorsetzen zu lassen. Dies erinnerte Franz unwillkürlich an den Schrecken, den der Graf der Gräfin G*** eingeflößt, und an ihre Überzeugung, der Mann, den er ihr in der Loge gegenüber der ihrigen gezeigt, sei ein Vampir. Als das Frühstück zu Ende war, zog Franz seine Uhr.

Nun! . . . sagte der Graf zu ihm, was machen Sie denn?

Sie werden uns entschuldigen, Herr Graf, erwiderte Franz, wir haben noch tausenderlei zu besorgen. Wir besitzen zum Beispiel noch keine Maskenanzüge, und heute ist die Verkleidung strengstes Gebot.

Sorgen Sie nicht hierfür! Wir haben auf der Piazza del popolo ein besonderes Zimmer; ich lasse dahin die Kostüme bringen, die Sie mir gefälligst bezeichnen wollen, und wir maskieren uns, während wir dort verweilen.

Nach der Hinrichtung? rief Franz.

Nachher, während derselben oder vorher, wie Sie wollen.

Im Angesicht des Schafotts?

Das Schafott bildet einen Teil des Festes.

Vorwärts also, da Sie es so wollen, sagte Franz; doch wünschte ich beim Gange nach der Piazza del popolo über den Korso zu kommen.

Gut, über den Korso! Wir schicken den Wagen voraus mit dem Befehl, uns auf der Piazza del popolo zu erwarten; überdies ist es mir auch nicht unangenehm, wenn wir den Korso passieren, denn ich kann mich bei dieser Gelegenheit überzeugen, ob meine Befehle vollzogen worden sind.

In diesem Augenblick öffnete ein Diener die Tür und meldete: Exzellenz, ein Mensch in der Tracht eines Büßers wünscht Sie zu sprechen.

Ah ja, sagte der Graf, ich weiß. Meine Herren, wollen Sie in den Salon zurückkehren, Sie finden auf dem Tische einige Havanna; ich folge Ihnen sogleich.

Die jungen Männer standen auf und gingen zu einer Tür hinaus, während sich der Graf, nachdem er seine Entschuldigung wiederholt hatte, durch die andere entfernte.

Nun, sagte Franz zu Albert, was denken Sie von dem Grafen von Monte Christo?

Was ich denke? erwiderte dieser, sichtbar erstaunt, daß Franz eine solche Frage an ihn richtete. Ich denke, er ist ein sehr angenehmer Mann, der vortrefflich die Honneurs seines Hauses macht, viel gesehen, viel nachgedacht, viel studiert hat, der einem Brutus der stoischen Schule gleicht, und der, fügte er hinzu, indem er eine Rauchwolke ausstieß, die in einer Schneckenlinie zum Plafond aufstieg, und der ausgezeichnete Zigarren besitzt.

Dies war die Ansicht, die Albert über den Grafen äußerte. Da Franz aber wußte, sein Freund urteile nur nach eigener Überzeugung, er bilde seine Ansicht über Menschen und Dinge erst nach reiflicher Erwägung, so bemerkte er nichts dagegen und fragte nur: Doch haben Sie die Aufmerksamkeit bemerkt, mit der er Sie betrachtete?

Albert dachte nach.

Ah! rief er, einen Seufzer ausstoßend, darüber darf man sich nicht wundern. Ich bin fast ein Jahr von Paris abwesend und muß Kleider wie ein Hinterwäldler haben. Der Graf wird mich für einen Menschen aus der Provinz halten; ich bitte Sie, klären Sie ihn darüber bei der nächsten Gelegenheit auf.

Franz lächelte; einen Augenblick nachher kehrte der Graf zurück.

Hier bin ich, meine Herren, sagte er, und ich stehe nun ganz zu Ihren Diensten. Nehmen Sie von diesen Zigarren, Herr von Morcerf, fügte er hinzu, indem er einen seltsamen Nachdruck auf diesen Namen legte, den er zum erstenmal aussprach.

Mit großem Vergnügen; wenn Sie nach Paris kommen, werde ich es Ihnen vergelten.

Ich weise das nicht von mir ab, denn ich gedenke eines Tages dorthin zu gehen und werde dann, wenn Sie es mir erlauben, an Ihre Tür klopfen.

Alle drei gingen hinab und schlugen den Weg über die Piazza di Spagna nach der Via Frattina ein, die sie gerade an den Palast Rospoli führte. Franz schaute nach diesem Palaste; er hatte das im Kolosseum zwischen dem Manne mit dem Mantel und dem Trasteveriner verabredete Signal nicht vergessen.

Welche Fenster gehören Ihnen? fragte er den Grafen mit dem natürlichsten Tone, den er anzunehmen vermochte.

Die drei letzten, erwiderte der Graf mit einer Nachlässigkeit, die nichts Geheucheltes hatte.

Franzens Augen richteten sich rasch nach den drei Fenstern. An den beiden Seitenfenstern erblickte er Vorhänge von gelbem Damast, an dem mittleren einen Vorhang von weißem Damast mit rotem Kreuz. Der Mann mit dem Mantel hatte dem Trasteveriner Wort gehalten; es unterlag keinem Zweifel mehr, der Mann mit dem Mantel war der Graf. Die drei Fenster waren noch leer. Man traf übrigens auf allen Seiten Vorbereitungen, man stellte Stühle, schlug Gerüste auf und behing die Fenster. Erst mit dem Klange der Glocke durften die Masken erscheinen und die Wagen fahren.

Franz, Albert und der Graf setzten ihren Weg auf dem Korso fort. Je mehr sie sich der Piazza del popolo näherten, desto dichter wurde die Menge, und schon sah man über den Häuptern des Volkes zwei Gegenstände emporragen: im Mittelpunkt des Platzes den Obelisken, überragt von einem Kreuze, und davor die beiden obersten Balken des Schafotts, zwischen denen das runde Eisen glänzte.

An der Ecke der Straße fand man den Intendanten des Grafen, der seinen Herrn erwartete. Das gemietete Fenster gehörte zu dem zweiten Stocke des zwischen der Strada del Babuino und dem Monte Pincio liegenden großen Palastes. Es lag in einem Ankleidekabinett, das in ein Schlafzimmer ging; schloß man die Tür des Schlafzimmers, so waren die Mieter des Kabinetts für sich allein; auf den Stühlen lagen die zierlichsten Bajazzo-Anzüge von weiß-blauem Atlas.

Da Sie mir die Wahl der Tracht überließen, so wählte ich diese, sagte der Graf. Einmal wird sie in diesem Jahre am meisten Mode sein, und dann ist sie das Bequemste für die Konfetti, da man das Mehl nicht darauf bemerkt.

Franz hörte kaum die Worte des Grafen, denn seine ganze Aufmerksamkeit war von dem Schauspiel, das die Piazza del popolo bot, und von dem furchtbaren Werkzeuge gefesselt, das zu dieser Stunde ihren Hauptzierrat bildete. Er sah zum erstenmal eine Guillotine.

Zwei Männer, die Gehilfen des Nachrichters, die auf dem Brette saßen, worauf man den Verurteilten legt, frühstückten in Erwartung der Dinge und aßen, soviel Franz sehen konnte, Brot und Würste; der eine hob das Brett auf, zog eine Flasche Wein hervor, trank einen Schluck und reichte sie seinem Kameraden. Schon bei diesem Anblick fühlte Franz den Schweiß an den Wurzeln seiner Haare hervorbrechen.

Am Abend zuvor von den neuen Gefängnissen in die kleine Kirche Santa-Maria-del-Popolo geführt, hatten die Verurteilten, jeder unter dem Beistande von zwei Priestern, die Nacht in einer schwarz ausgeschlagenen Kapelle zugebracht, die mit einem Gitter verschlossen war, vor dem Schildwachen auf und ab gingen. Eine doppelte Reihe von Carabinieri stand von der Kirchentür bis zum Blutgerüst, um das herum sich diese Doppelreihe schloß. Der ganze übrige Platz war mit Männer- und Frauenköpfen wie gepflastert, während viele Frauen ihre Kinder auf den Schultern hielten.

Der Monte Pincio sah aus wie ein weites Amphitheater, dessen Plätze insgesamt mit Zuschauern überfüllt waren; die Balkone der Kirchen waren von bevorzugten Neugierigen vollgepfropft; jeder Mauervorsprung trug lebendige Statuen. Was der Graf sagte, entsprach also der Wahrheit: das Interessanteste im Leben ist das Schauspiel des Todes. Und dennoch stieg statt des Stillschweigens, das die Feierlichkeit dieser Szene zu fordern schien, ein Geräusch aus dieser Menge empor, das sich aus Gelächter, Gezisch und freudigem Geschrei zusammensetzte; die Hinrichtung war eben, wie der Graf ebenfalls gesagt hatte, für all dieses Volk nichts anderes, als der Anfang des Karnevals.

Plötzlich hörte der Lärm wie durch einen Zauberschlag auf; die Tür der Kirche hatte sich geöffnet. Mönche von der Brüderschaft der Büßer, deren Mitglieder insgesamt in graue, nur an den Augen ausgehöhlte Säcke gekleidet waren und eine angezündete Kerze in der Hand hielten, erschienen zuerst. Hinter den Büßern kam ein Mensch von hoher Gestalt; dieser Mensch war nackt, abgesehen von einer Leinwandhose, an deren linker Seite er ein großes in seiner Scheide verborgenes Messer befestigt hatte; auf der Schulter trug er eine schwere eiserne Keule. Es war der Henker. Unter den Füßen hatte er noch mit Stricken angebundene Sandalen. Hinter dem Henker marschierten in der Ordnung, in der sie hingerichtet werden sollten, zuerst Peppino und dann Andrea, jeder von zwei Priestern begleitet. Keiner hatte die Augen verbunden. Peppino ging festen Schrittes einher; ohne Zweifel hatte er Kunde von dem, was sich für ihn vorbereitete. Andrea wurde unter dem Arme durch einen Priester unterstützt. Beide küßten von Zeit zu Zeit das Kruzifix, das ihnen der Beichtiger darbot.

Franz fühlte, wie ihm bei diesem Anblick die Beine den Dienst versagten; er schaute Albert an. Dieser war blaß wie sein Hemd und warf unwillkürlich seine Zigarre von sich. Nur der Graf allein sah unempfindlich aus. Mehr noch, es schien sogar eine leichte Röte die Leichenblässe seiner Wangen durchdringen zu wollen. Seine Nase erweiterte sich wie die eines wilden Tieres, das Blut riecht. Bei alledem hatte sein Antlitz einen Ausdruck lächelnder Sanftmut, den Franz nie an ihm wahrgenommen; seine Augen besonders waren von bewunderungswürdiger Weichheit und Milde.

Die Verurteilten setzten indessen den Weg nach dem Schafott fort, und ihre Gesichtszüge ließen sich nach und nach deutlicher unterscheiden. Peppino war ein hübscher Junge von etwa 25 Jahren, mit sonnverbranntem Gesichte und freiem, wildem Blicke. Er trug den Kopf hoch und schien den Wind einzuziehen, als wollte er sehen, von welcher Seite sein Befreier käme. Andrea war dick und kurz; sein gemein grausames Gesicht ließ das Alter nicht genau erkennen; er mochte jedoch ungefähr dreißig Jahre zählen. Im Gefängnis hatte er seinen Bart wachsen lassen. Der Kopf fiel ihm auf eine Schulter herab, seine Beine bogen sich unter der Last; sein Körper schien nur einem mechanischen Triebe zu gehorchen, an dem sein Wille keinen Teil mehr hatte.

Wie mir scheint, kündigten Sie uns an, es würde nur eine Hinrichtung stattfinden? sagte Franz zu dem Grafen.

Ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt, antwortete er kalt.

Hier sind aber zwei Verurteilte.

Ja, doch von den zwei Verurteilten ist der eine dem Tode nahe, während der andere noch lange Jahre zu leben hat.

Soll die Gnade kommen, so ist meiner Ansicht nach keine Zeit zu verlieren.

Sie kommt schon, sehen Sie dort! sagte der Graf.

In dem Augenblick, wo Peppino am Fuße des Schafotts anlangte, drang ein Büßer, der sich verspätet zu haben schien, durch die Hecke der Soldaten, ohne daß diese Widerstand leistete, eilte auf den Anführer der Brüderschaft zu und überreichte ihm ein zusammengelegtes Papier. Peppinos glühender Blick war diesem Vorgang mit äußerster Spannung gefolgt. Der Anführer der Brüderschaft entfaltete das Papier, las es, hob die Hand auf und sagte mit lauter, verständlicher Stimme:

Der Herr sei gesegnet und Seine Heiligkeit sei gelobt! Man hat dem Leben eines Gefangenen Gnade angedeihen lassen.

Gnade! rief das Volk mit einem Schrei; begnadigt!

Bei dem Worte schien Andrea emporzuspringen und den Kopf aufzurichten.

Gnade für wen? rief er.

Die Todesstrafe ist Peppino, genannt Rocca Priori, erlassen. antwortete der Anführer der Priesterschaft und übergab das Papier dem die Carabinieri befehligenden Kapitän, der es ihm, nachdem er es gelesen hatte, zurückstellte.

Gnade für Peppino! rief Andrea, völlig aus der Starrheit erwachend, in die er versunken zu sein schien. Warum Gnade für ihn und nicht für mich? Wir sollten miteinander sterben, man versprach mir, er würde vor mir sterben, man darf mich nicht allein sterben lassen; ich will nicht allein sterben, nein, ich will nicht.

Und er hing sich an die Arme der Priester und krümmte sich und heulte und brüllte und strengte sich wahnsinnig an, die Stricke zu zerreißen, mit denen seine Hände gebunden waren. Der Henker machte seinen Gehilfen ein Zeichen: sie sprangen vom Schafott herab und bemächtigten sich des Verurteilten.

Was gibt es denn? fragte Franz den Grafen, denn da alles in römischer Mundart gesprochen wurde, hatte er's nicht gut verstanden.

Was es gibt? erwiderte der Graf, erraten Sie es nicht? Dieser Mensch, der sterben soll, ist wütend darüber, daß der andre nicht mit ihm stirbt, und wenn man ihn gewähren ließe, würde er ihn eher mit seinen Nägeln und Zähnen zerreißen, als ihn das Leben genießen lassen, dessen er selbst beraubt werden soll. Oh! Menschen, Menschen! Krokodilenbrut, wie Karl Moor sagt, rief er, seine beiden Fäuste nach der Menge ausstreckend, wie erkenne ich euch hier, und wie sehr seid ihr jeder Zeit euer selbst würdig.

Andrea und die beiden Gehilfen des Henkers wälzten sich wirklich im Staube, wobei der Verurteilte fortwährend ausrief: Er muß sterben, ich will, daß er sterbe, man hat nicht das Recht, mich allein umzubringen. Die Knechte trugen Andrea schließlich auf das Schafott, alles Volk nahm gegen ihn Partei, und zwanzigtausend Stimmen riefen wie mit einem Schrei: Tötet ihn! tötet ihn! Franz warf sich zurück, aber der Graf ergriff ihn am Arm und hielt ihn am Fenster fest.

Was machen Sie denn? sagte er zu ihm; Mitleid? Das wäre in der Tat gut angebracht! Wenn Sie rufen hörten: Dort ist ein wütender Hund! so würden Sie Ihr Gewehr nehmen, auf die Straße eilen und das arme Tier niederschießen, dessen ganze Schuld am Ende darin bestände, daß es, von einem andern Hunde gebissen, das, was man ihm getan, vergilt. Und Sie haben Mitleid mit einem Menschen, den kein anderer Mensch gebissen, und der dennoch seinen Wohltäter umgebracht hat, und nun, da er nicht mehr umbringen kann, weil seine Hände gebunden sind, mit aller Gewalt seinen Kerkergefährten, seinen Unglückskameraden sterben sehen will? Sehen Sie, sehen Sie!

Diese Aufforderung war überflüssig geworden, Franz war von dem furchtbaren Schauspiel wie von einem Blendwerk ergriffen. Die Knechte hatten den Verurteilten auf das Schafott geschleppt und ihn hier, trotz seines Widerstrebens, seines Beißens, seines Geschreis, genötigt, sich auf die Knie zu werfen; währenddessen stellte sich der Henker an seine Seite und hielt die Keule empor; auf ein Zeichen zogen sich die Gehilfen zurück. Der Verurteilte wollte sich erheben, doch ehe er dazu Zeit hatte, fiel die Keule auf seine linke Schläfe; man hörte ein dumpfes, mattes Geräusch, und der Verbrecher stürzte mit dem Gesicht voran wie ein geschlagener Ochs zur Erde. Der Henker ließ nun die Keule aus seinen Händen sinken, zog das Messer aus seinem Gürtel und öffnete dem Opfer mit einem Schnitte die Gurgel.

Nun konnte es Franz nicht mehr aushalten; er warf sich zurück und fiel halb ohnmächtig in einen Lehnstuhl. Albert blieb mit geschlossenen Augen auf seinen Füßen, klammerte sich aber an den Vorhängen an, ohne deren Unterstützung er gewiß gefallen wäre.

Der Graf stand aufrecht und triumphierend wie der Racheengel.

 << Kapitel 12  Kapitel 14 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.