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Der Graf von Monte Christo. Vierter Band.

Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo. Vierter Band. - Kapitel 6
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDer Graf von Monte Christo. Vierter Band.
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
illustratorFritz Bergen
translatorMax Pannwitz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Eheliche Szene.

Morel, Chateau-Renaud und Debray waren aus der Gesellschaft gemeinsam fortgeritten bis zum Platze Ludwigs XVI.; hier trennten sich die jungen Leute; Morel schlug den Weg über die Boulevards ein, Chateau-Renaud ritt über den Pont de la Révolution, und Debray folgte dem Kai.

Morel und Chateau-Renaud kehrten zweifellos nach Hause zurück; nicht so Debray, denn er ritt im scharfen Trab nach der Rue de la Michodière zu und kam vor Herrn Danglars' Tür gerade in dem Augenblick an, als der Wagen des Herrn von Villefort, nachdem er diesen und seine Frau im Faubourg Saint-Honoré abgesetzt hatte, anhielt, um die Baronin nach Hause zu bringen.

Als ein im Hause bekannter Mann ritt Debray zuerst in den Hof, warf den Zügel einem Bedienten zu und kehrte dann an den Wagenschlag zurück, empfing Frau Danglars und bot ihr den Arm, um sie in ihre Gemächer zu führen. Sobald das Tor geschlossen war und die Baronin und Debray sich im Hofe befanden, fragte der letztere: Was haben Sie, Herminie, und warum ist Ihnen so übel geworden bei der Geschichte oder vielmehr Fabel, die der Graf erzählte?

Weil ich heute abend abscheulich aufgelegt war.

Nein, Herminie, Sie werden mich das nicht glauben machen. Sie waren im Gegenteil in vortrefflicher Stimmung, als Sie beim Grafen ankamen. Es hat Ihnen irgend jemand etwas getan. Erzählen Sie es mir! Sie wissen wohl, ich dulde es nicht, daß Ihnen eine Beleidigung zugefügt wird.

Ich versichere Ihnen, Sie täuschen sich, Lucien, es ist so, wie ich Ihnen gesagt habe.

Frau Danglars stand offenbar unter dem Einfluß einer jener Nervenreizungen, von denen die Frauen sich selbst keine Rechenschaft geben können, oder sie hatte, wie Debray annahm, irgend eine geheime Aufregung erfahren, die sie niemand gestehen wollte. Als ein Mensch, der gewohnt ist, die Launen als ein unvermeidliches Element der Weiblichkeit zu betrachten, drang er nicht weiter in sie und beschloß, einen günstigen Augenblick zu neuem Ausforschen oder ein freiwilliges Geständnis abzuwarten.

An der Tür ihres Zimmers traf die Baronin Fräulein Cornelie, ihre Lieblingskammerfrau. Was macht meine Tochter? fragte Frau Danglars.

Sie hat den ganzen Abend studiert und ist dann zu Bett gegangen, antwortete Fräulein Cornelie.

Es kommt mir doch vor, als hörte ich ihr Klavier?

Fräulein Louise d'Armilly musiziert, während das Fräulein im Bett liegt.

Gut, kleiden Sie mich aus!

Man trat in das Schlafzimmer. Debray streckte sich auf einem großen Sofa aus, und Frau Danglars ging mit Fräulein Cornelie in ihr Ankleidekabinett.

Einige Minuten nachher kam sie in einem reizenden Négligé aus ihrem Kabinett und setzte sich neben Lucien.

Dann fing sie an, träumerisch mit ihrem spanischen Schoßhündchen zu spielen. Lucien betrachtete sie eine Minute schweigend und sagte hierauf mit weichem Tone: Antworten Sie offenherzig, Herminie, nicht wahr, es hat Sie irgend etwas verletzt?

Nichts, erwiderte die Baronin.

Doch sie mußte aufstehen und suchte freieren Atem zu gewinnen, denn es schnürte ihr die Brust zusammen; sie stellte sich vor einen Spiegel und rief: Ich sehe in der Tat heute abend aus, daß einem vor mir bange werden könnte.

Debray erhob sich ebenfalls lächelnd, um Frau Danglars über diesen letzten Punkt zu beruhigen, als plötzlich die Tür sich öffnete. Herr Danglars erschien; Debray setzte sich wieder. Bei dem Geräusch der Tür wandte sich Frau Danglars um und schaute ihren Gatten mit einem Erstaunen an, das sie sich nicht einmal zu verbergen bemühte.

Guten Abend, gnädige Frau, sagte Danglars; guten Abend, Herr Debray. Die Baronin glaubte ohne Zweifel, dieser unvorhergesehene Besuch bedeute etwas wie ein Verlangen, die bitteren Worte wieder gutzumachen, die ihm am Tage entschlüpft waren.

Sie bewaffnete sich mit einer würdigen Miene, wandte sich gegen Debray um und sagte zu diesem, ohne Danglars' Gruß zu erwidern: Lesen Sie mir etwas vor, Herr Debray.

Debray, den dieser Besuch anfangs einigermaßen beunruhigt hatte, erholte sich bald wieder, als er die Baronin so unbewegt sah, und streckte die Hand nach einem Buche aus.

Verzeihen Sie, sagte der Bankier, doch Sie werden sehr müde werden, Baronin, wenn Sie so lange wachen; es ist elf Uhr, und Herr Debray wohnt sehr weit von hier.

Debray war im höchsten Maße erstaunt; nicht als ob Danglars' Ton nicht vollkommen ruhig und höflich gewesen wäre; doch hinter dieser Ruhe und Höflichkeit ließ sich die ungewöhnliche Absicht nicht verkennen, an diesem Abend etwas anderes zu tun, als den Willen seiner Frau. Die Baronin war ebenfalls verwundert und bezeigte ihr Erstaunen durch einen Blick, der ihrem Manne ohne Zweifel zu überlegen gegeben haben würde, hätte dieser seine Augen nicht auf eine Zeitung gerichtet gehabt, in der er die Schlußnotierung der Rente suchte. Demzufolge ging dieser Blick ins Leere und verfehlte völlig seine Wirkung.

Herr Lucien, sagte die Baronin, ich erkläre Ihnen, daß ich nicht die geringste Lust habe zu schlafen, ich muß Ihnen tausend Dinge erzählen, und Sie werden die Nacht damit zubringen, mich anzuhören, und sollten Sie stehend schlafen.

Zu Ihren Befehlen, gnädige Frau, antwortete phlegmatisch Lucien.

Mein lieber Herr Debray, sagte der Bankier, bringen Sie sich nicht damit um, daß Sie stundenlang Frau Danglars' Torheiten anhören, denn Sie können sie ebensogut noch morgen vernehmen; doch dieser Abend gehört mir, ich muß mir ihn vorbehalten und mit Ihrer gütigen Erlaubnis der Besprechung ernster Interesse mit meiner Frau widmen.

Diesmal war der Schlag so unmittelbar, daß er Lucien und die Baronin betäubte; beide befragten sich mit den Augen, als wollte das eine bei dem andern eine Hilfe gegen den Angriff suchen; aber die unwiderstehliche Gewalt des Herrn vom Hause siegte, und die Macht blieb dem Gatten.

Glauben Sie indessen nicht, daß ich Sie fortjage, mein lieber Debray, fügte Danglars hinzu, nein, durchaus nicht; infolge eines unvorhergesehenen Umstandes muß ich noch heute eine Unterredung mit der Baronin wünschen; dies kommt so selten vor, daß man mir deshalb nicht grollen darf.

Debray stammelte ein paar Worte und verabschiedete sich.

Es ist unbegreiflich, sagte er, als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, wie leicht diese Ehemänner, die wir so lächerlich finden, den Vorteil über uns erringen!

Als Lucien weggegangen war, nahm Danglars seinen Platz auf dem Sofa ein, schloß das offen gebliebene Buch und fuhr fort, in einer, wie seine Frau meinte, furchtbar anmaßenden Haltung mit dem Hunde zu spielen. Da jedoch der Hund keine Sympathie für ihn hatte und ihn beißen wollte, so faßte er ihn am Genick und schleuderte ihn an das andere Ende des Zimmers auf eine Chaiselongue.

Das Tier stieß einen Schrei aus; doch am Orte seiner Bestimmung angelangt, kauerte es sich hinter ein Kissen und verhielt sich, erstaunt über diese ungewohnte Behandlung, stumm und regungslos.

Wissen Sie, Herr Danglars, sagte die Baronin, ohne eine Miene zu verziehen, wissen Sie, daß Sie Fortschritte machen? Gewöhnlich waren Sie nur grob, heute sind Sie roh und unverschämt.

Dies kommt davon, daß ich heute abend in einer schlimmeren Laune bin, als gewöhnlich.

Herminie schaute den Bankier mit der größten Verachtung an. Sonst brachten solche Blicke den stolzen Bankier außer sich; doch an diesem Abend schien er kaum darauf zu achten.

Was geht mich Ihre schlimme Laune an? entgegnete die Baronin, gereizt durch die Unempfindlichkeit ihres Gatten; was habe ich mich darum zu bekümmern? Schließen Sie Ihre schlechten Launen bei sich ein, oder verweisen Sie sie in Ihre Büros, und da Sie Kommis haben, die Sie bezahlen, so lassen Sie an denen Ihre Launen aus.

Nein, versetzte Danglars, Ihre Ratschläge sind verkehrt, und ich werde sie nicht befolgen. Meine Kommis sind ehrliche Leute, die mir mein Vermögen verdienen und die ich weit unter ihrem Werte bezahle; ich werde mich also nicht gegen sie erzürnen. In Zorn bringen mich die, welche meine Mittagsmahle verzehren, meine Pferde zu Tode hetzen und meine Kasse zu Grunde richten.

Und wer sind denn die, welche Ihre Kasse zu Grunde richten? Ich bitte Sie, erklären Sie sich deutlicher.

Oh! seien Sie unbesorgt; spreche ich in Rätseln, so gedenke ich Sie doch nicht lange nach dem Schlüssel suchen zu lassen, versetzte Danglars. Es sind die, welche in einer Stunde 700 000 Franken daraus ziehen.

Ich verstehe Sie nicht, entgegnete die Baronin, die zugleich die Aufregung ihrer Stimme und die Röte ihres Gesichtes zu verbergen suchte.

Sie verstehen mich im Gegenteil sehr gut, versetzte Danglars; doch wenn Sie in Ihrer Verstellung verharren, so werde ich Ihnen sagen, daß ich 700 000 Franken an den spanischen Papieren verliere.

Ah! was höre ich! rief die Baronin hohnlächelnd; und mich machen Sie verantwortlich für diesen Verlust? Ist es meine Schuld, daß Sie 700 000 Franken verloren haben?

In jedem Falle ist es nicht die meinige.

Mein Herr, ich habe Ihnen ein für allemal gesagt, Sie sollen nicht von Kassenangelegenheiten mit mir sprechen, erwiderte spitzig die Baronin; es ist dies eine Sprache, die ich weder bei meinen Eltern noch bei meinem ersten Manne gelernt habe.

Das glaube ich bei Gott wohl, sagte Danglars, weder die einen noch der andere besaßen einen Sou.

Ein Grund mehr für mich, bei Ihnen das Rotwelsch der Bank, das mir hier vom Morgen bis zum Abend die Ohren zerreißt, nicht zu lernen; dieser Klang von Talern, die man wieder und wieder zählt, ist mir verhaßt, und außer dem Tone Ihrer Stimme kenne ich nichts, was mir unangenehmer wäre.

In der Tat, das ist seltsam! Ich glaubte gerade, Sie nähmen den lebhaftesten Anteil an meinen Operationen!

Ich? Wer hat Ihnen eine solche Albernheit vorgeredet?

Sie selbst. Erinnern Sie sich vielleicht, daß Sie im verflossenen Februar zu mir zum ersten Male von den haytischen Papieren sprachen; Sie hatten geträumt, ein Schiff laufe in den Hafen von Havre ein, und dieses Schiff bringe die Nachricht, eine Zahlung, von der man glaubte, sie sei auf die lange Bank geschoben, würde wirklich geleistet. Ich traute der Hellseherei Ihres Schlafes, kaufte unter der Hand alle haytischen Schuldscheine, die ich auftreiben konnte, und gewann 400 000 Franken, von denen Ihnen gewissenhaft 100 000 zugestellt wurden. Sie machten damit, was Sie wollten, . . . das geht mich nichts an.

Im März handelte es sich um eine Eisenbahnkonzession. Drei Gesellschaften boten gleiche Garantien. Sie sagten mir, Ihr Instinkt – und obgleich Sie behaupten, Sie seien der Spekulation fremd, so glaube ich doch im Gegenteil, daß Ihr Instinkt in gewissen Dingen sehr entwickelt sei – Sie erklärten mir also, Ihr Instinkt sage Ihnen, das Privilegium werde einer bestimmten Gesellschaft erteilt werden. Ich ließ mich auf der Stelle für zwei Drittel der Aktien dieser Gesellschaft einschreiben; das Privilegium wurde ihr wirklich bewilligt, wie Sie gesagt hatten; die Aktien erhielten einen dreifachen Wert, ich gewann eine Million, wovon Ihnen 250 000 Franken als sogenanntes Nadelgeld zukamen. Wie Sie diese 250 000 Franken angewendet haben, geht mich nichts an.

Doch wo wollen Sie denn am Ende mit all dem hinaus, mein Herr? rief die Baronin, zitternd vor Zorn und Ungeduld.

Geduld, ich komme zum Ziele. Im April speisten Sie bei dem Minister zu Mittag, Man plauderte von Spanien, und Sie belauschten ein geheimes Gespräch, in dem von der Austreibung Don Carlos' die Rede war: ich kaufte spanische Fonds, Die Austreibung fand wirklich statt, und ich gewann 600 000 Franken, Von diesen 600 000 Franken erhielten Sie 50 000 Taler; sie gehörten Ihnen; Sie verfügten darüber nach Ihrer Laune, ich verlange keine Rechenschaft von Ihnen, So haben Sie in diesem Jahre 500 000 Livres erhalten.

Nun, und weiter, mein Herr? In der Tat, Sie haben Redensarten . . .

Sie drücken meine Gedanken aus, und das genügt . . . Vor drei Tagen sprachen Sie mit Herrn Debray über Politik, und Sie glaubten, aus seinen Worten zu vernehmen, Don Carlos sei nach Spanien zurückgekehrt. Da verkaufe ich meine Rente, die Nachricht verbreitet sich, ein manischer Schrecken ergreift die Leute; ich verkaufe nicht mehr, ich verschenke; am andern Tage findet es sich, daß die Nachricht falsch war, und daß ich 700 000 Franken durch diese falsche Nachricht verloren habe.

Nun?

Nun! da ich Ihnen ein Viertel gebe, wenn ich gewinne, so sind Sie mir auch ein Viertel schuldig, wenn ich verliere; das Viertel von 700 000 Franken macht 175 000 Franken.

Was Sie mir sagen, ist ganz ungereimt, und ich sehe gar nicht ein, warum Sie den Namen Debray mit dieser ganzen Geschichte vermengen.

Weil Sie, wenn Sie etwa die 175 000 Franken, die ich von Ihnen verlange, nicht haben, sie von Ihren Freunden entlehnen werden, zu denen auch Herr Debray gehört.

Pfui! rief die Baronin.

Oh! keine Gebärden, kein Geschrei, kein modernes Drama, sonst muß ich Ihnen bemerken, daß ich von hier aus sehe, wie Herr Debray bei den 150 000 Franken, die Sie ihm in diesem Jahre bezahlt haben, hohnlächelt und sich sagt, er habe endlich das gefunden, was die geschicktesten Spieler nie zu entdecken vermochten, nämlich ein Roulette, wo man ohne Einsatz gewinnt, und wo man nichts verspielt, wenn man auch verliert.

Die Baronin wurde wütend. Elender, rief sie, wollen Sie sich erdreisten, mir zu sagen, Sie hätten das nicht gewußt, was Sie mir heute zum Vorwurf zu machen wagen?

Ich sage Ihnen nicht, daß ich es wußte, ich sage Ihnen auch nicht, daß ich es nicht wußte, ich sage Ihnen nur: Beachten Sie mein Benehmen seit den vier Jahren, seitdem Sie nicht mehr meine Frau sind und ich nicht mehr Ihr Mann bin, und Sie werden sehen, ob es immer folgerecht gewesen ist. Kurze Zeit vor unserem Bruche wünschten Sie von dem berühmten Bariton, der mit so großem Erfolg in der italienischen Oper auftrat, singen zu lernen; ich wollte von jener Tänzerin tanzen lernen, die sich in London einen so großen Ruf erworben hat. Das kostete mich, sowohl für Sie als für mich, ungefähr 100 000 Franken. 100 000 Franken, damit der Mann und die Frau gründlich tanzen und musizieren lernen, ist nicht zuviel. Bald waren Sie des Gesanges überdrüssig, und Sie wünschten, von einem Ministerialsekretär Diplomatie zu lernen. Ich habe nichts dagegen, da Sie die Lektionen, die Sie nehmen, aus Ihrer Kasse bezahlen. Doch nun sehe ich, daß es auf Rechnung der meinigen geht, und daß mich Ihr Unterricht 700 000 Franken monatlich kosten kann. Halt, meine Dame! Das geht nicht weiter. Entweder gibt der Diplomat unentgeltliche Lektionen, und ich werde ihn dulden; oder er setzt keinen Fuß mehr in mein Haus; verstehen Sie mich?

Oh! das ist zu stark, rief sie, vom Zorn beinahe erstickt. Sie überschreiten die Grenzen der Gemeinheit.

Sie haben recht; wir wollen unsere Sache ruhig und kalt behandeln, um zum Ziele zu kommen. Wenn ich mich je in Ihre Angelegenheiten mischte, so geschah es nur zu Ihrem Besten, machen Sie es ebenso! Meine Kasse geht Sie nichts an, operieren Sie mit der Ihrigen, aber füllen Sie die meinige nicht, und leeren Sie sie ebensowenig. Wer weiß übrigens, ob nicht diese ganze Geschichte ein politischer Messerstich ist, ob nicht der Minister, wütend darüber, daß ich der Opposition angehöre, sich mit Herrn Debray verständigt hat, um mich zu Grunde zu richten?

Wie wahrscheinlich ist das!

Allerdings; wer hat je so etwas gesehen . . . eine falsche telegraphische Nachricht, das scheint ja unmöglich oder fast unmöglich! Es ist in der Tat ausdrücklich für mich geschehen.

Sie wissen, sagte die Baronin, wie es scheint, nicht, daß der Telegraphenbeamte sogar fortgejagt wurde, daß man den Befehl erteilte, ihn zu verhaften, und daß dieser Befehl vollstreckt worden wäre, hätte er sich nicht der ersten Nachforschung durch Flucht entzogen, woraus sich seine Verrücktheit oder seine Schuld ergibt . . . Das ist ein Irrtum.

Ja, der mich 700 000 Franken kostet.

Mein Herr, sagte plötzlich Herminie, wenn diese ganze Geschichte Ihrer Ansicht nach von Herrn Debray herrührt, warum sagen Sie es mir, statt es unmittelbar ihm selbst zu sagen? Warum beschuldigen Sie den Mann und halten sich an die Frau?

Kenne ich Herrn Debray? Will ich ihn kennen? Will ich wissen, daß er Ratschläge gibt? Will ich sie befolgen? Spiele ich? Nein, Sie tun dies alles und nicht ich!

Doch da Sie Nutzen daraus ziehen . . .

Danglars zuckte die Achseln und erwiderte: In der Tat, tolle Geschöpfe, diese Weiber! Sie halten sich für Genies, weil sie ein paar Intrigen so durchgeführt haben, daß nicht ganz Paris davon voll ist. Doch bedenken Sie, hätten Sie Ihre Extratouren auch Ihrem Manne verborgen, was das ABC der Kunst ist, da die Ehemänner meist gar nicht sehen wollen, so wären Sie doch nur eine blasse Kopie von dem, was die Hälfte Ihrer Freundinnen, die Frauen von Welt, tun. Das ist aber nicht mein Fall. Ich habe seit etwa sechzehn Jahren gesehen und immer gesehen, Sie konnten mir vielleicht einen Gedanken verbergen, aber nie einen Schritt, Handlung, einen Fehler. Während Sie sich selbst wegen Ihrer Geschicklichkeit Beifall spendeten und fest überzeugt waren, Sie täuschten mich, was war das Resultat? Daß infolge meiner vermeintlichen Täuschung, von Herrn von Villefort an bis zu Herrn Debray, nicht einer von Ihren Freunden nicht vor mir zitterte. Jeder behandelte mich als Herrn des Hauses; keiner wagte es, Ihnen von mir zu sagen, was ich Ihnen heute selbst sage. Ich erlaube Ihnen, mich verhaßt zu machen, aber ich werde Sie verhindern, mich lächerlich zu machen, und ich verbiete Ihnen besonders auf das bestimmteste und vor allem, mich zu Grunde zu richten.

Bis zu dem Augenblick, wo der Name Villefort ausgesprochen wurde, beobachtete die Baronin eine ziemlich gute Haltung; doch bei diesem Name erbleichte sie, streckte, indem sie, wie von einer Feder geschnellt, auffuhr, ihre Arme aus, wie um eine Erscheinung zu beschwören, und machte drei Schritte gegen ihren Gatten, als wollte sie ihm das volle Geheimnis entreißen.

Herr von Villefort! Was soll das bedeuten? Was wollen Sie damit sagen?

Das soll bedeuten, daß Herr von Nargonne, Ihr erster Mann, der weder ein Philosoph noch ein Bankier war und sah, daß sich aus einem Staatsanwalt kein Nutzen ziehen ließ, aus Kummer oder aus Ingrimm starb, als er Sie nach einer Abwesenheit von neun Monaten im sechsten Monat schwanger fand. Ich bin roh und unverschämt, ich weiß es nicht nur, sondern ich rühme mich dessen; es ist eines von meinen Mitteln, in Geschäftsunternehmungen Erfolg zu erzielen. Warum hat er sich selbst töten lassen, statt zu töten? Weil er keine Kasse zu retten hatte; aber ich bin mich meiner Kasse schuldig. Herr Debray, mein Associé, ist schuld, daß ich 700 000 Franken verliere! er trage seinen Teil am Verlust, und wir setzen unsere Geschäfte fort; wenn nicht, so mache er mir Bankerott mit diesen 175 000 Livres, und tue dann, was Bankerottierer tun, er verschwinde! Mein Gott! ich weiß wohl, er ist ein reizender Bursche, wenn seine Nachrichten pünktlich und richtig sind; doch wenn sie dies nicht sind, so gibt es fünfzig in der Welt, die mehr Wert haben, als er.

Frau Danglars war niedergeschmettert; sie machte jedoch eine äußerste Anstrengung, um diesen letzten Angriff zu erwidern. Sie fiel in einen Lehnstuhl, denn sie dachte an Villefort, an die Szene in Auteuil, an die Unglücksfälle, die seit ein paar Tagen über ihr Haus hereingebrochen waren.

Danglars schaute sie nicht einmal an, obgleich sie alles mögliche tat, um ohnmächtig zu werden. Er öffnete die Tür des Schlafzimmers, ohne ein Wort hinzuzufügen, und kehrte in seine Wohnung zurück, so daß Frau Danglars, als sie von ihrer Halbohnmacht wieder zu sich kam, glauben konnte, sie hätte einen bösen Traum gehabt.

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