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Der Graf von Monte Christo. Vierter Band.

Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo. Vierter Band. - Kapitel 13
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDer Graf von Monte Christo. Vierter Band.
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
illustratorFritz Bergen
translatorMax Pannwitz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Frau von Saint-Meran.

Es war wirklich eine düstere Szene im Hause des Herrn von Villefort vorgefallen.

Nachdem die drei Damen auf den Ball gegangen waren, wohin trotz aller Bitten der Frau von Villefort ihr Gatte sie nicht begleiten wollte, schloß sich der Staatsanwalt, seiner Gewohnheit gemäß, in sein Kabinett mit einem Haufen von Akten ein, der jeden andern erschreckt, der jedoch im gewöhnlichen Laufe der Dinge seinen kräftigen Arbeitshunger kaum befriedigt hätte.

Doch diesmal waren die Aktenstöße nur Sache der Form, Villefort schloß sich nicht ein, um zu arbeiten, sondern um nachzudenken. Nachdem der Befehl gegeben war, ihn nur bei Vorfällen von großer Wichtigkeit zu stören, setzte er sich in seinen Lehnstuhl und fing noch einmal an, alles zu erwägen, was seit sieben bis acht Tagen den Becher seines finstern Kummers und seiner bittern Erinnerungen überströmen ließ.

Sodann öffnete er eine Schublade seines Schreibtisches und zog das Bündel mit seinen persönlichen Noten hervor, . . . wertvolle Manuskripte, auf denen er auch mit Ziffern, die nur ihm bekannt waren, die Namen aller derer verzeichnet hatte, die auf seiner politischen Laufbahn, bei seinen Finanzoperationen, bei seiner Tätigkeit als Staatsanwalt oder bei seinen geheimen Liebschaften seine Feinde geworden waren.

Ihre Zahl schien ihm heute, wo er zu zittern anfing, furchtbar, und doch hatten ihn alle diese Namen, so mächtig ihre Träger auch waren, oft lächeln lassen, wie der Reisende lächelt, der von dem höchsten Gipfel des Gebirges herab zu seinen Füßen die spitzigen Felsen, die rauhen, beschwerlichen Wege und die Ränder der Abgründe erblickt, an denen er, um auf die Höhe zu gelangen, so lange und so mühsam hatte umherklettern müssen.

Als er alle diese Namen durchgegangen, als er sie wiedergelesen, wohlerwogen und in seinen Listen mit Bemerkungen versehen hatte, schüttelte er den Kopf und murmelte: Nein, keiner dieser Feinde hätte geduldig und in der Stille arbeitend bis zu dem Tage gewartet, zu dem wir nun gelangt sind, um mich jetzt erst mit diesem Geheimnis niederzuschmettern. Zuweilen, wie Hamlet sagt, dringt das Geräusch der am tiefsten verborgenen Dinge aus der Erde hervor und tanzt wie das Feuer des Phosphors, toll in der Luft umher; doch dies sind Flammen, die nur einen Augenblick leuchten, um irrezuleiten. Die Geschichte wird von dem Korsen irgend einem Priester erzählt worden sein, der sie seinerseits weiter erzählt hat. Herr von Monte Christo wird sie erfahren haben, und um sich aufzuklären . . .

Doch wozu sich aufklären? fuhr Herr von Villefort nach kurzem Nachdenken fort; welches Interesse kann Herr von Monte Christo, Herr Zaccone, der Sohn eines maltesischen Reeders, der Besitzer eines thessalischen Silberbergwerks, der zum erstenmal nach Frankreich kommt, welches Interesse kann er haben, sich über eine geheime Tat, wie diese, aufzuklären? Aus all den unzulänglichen Nachrichten, die mir von diesem Abbé Busoni und von diesem Lord Wilmore, von dem Freunde und dem Feinde, gegeben worden sind, ergibt sich eines klar und zweifellos: In keiner Zeit, in keinem Fall, unter keinen Umständen kann die geringste Berührung zwischen ihm und mir stattgefunden haben.

Doch Herr von Villefort sagte dies, ohne selbst daran zu glauben. Das Schrecklichste für ihn war nicht die Enthüllung, denn er konnte leugnen oder sich sogar verantworten. Wenig kümmerte ihn das »Mene, tekel, upharsin«, das plötzlich in blutigen Buchstaben an der Wand erschien; aber es bekümmerte ihn, daß er den Körper nicht kannte, dem die schreibende Hand angehörte.

In dem Augenblick, wo er sich selbst zu beruhigen suchte und sich, statt der politischen Zukunft, die er in seinen ehrgeizigen Träumen zuweilen in der Ferne erblickt hatte, aus Furcht, diesen seit langer Zeit schlummernden Feind zu wecken, eine auf die Freuden des häuslichen Herdes beschränkte Zukunft ausmalte, erscholl das Geräusch eines Wagens im Hofe. Dann hörte er auf seiner Treppe den Gang einer betagten Person und Schluchzen und Wehklagen.

Er stieß schnell den Riegel seiner Tür zurück, und bald trat eine alte Dame ein, ohne angemeldet zu sein, ihren Schal auf dem Arm und ihren Hut in der Hand haltend. Unter ihren weißen Haaren trat eine Stirn, matt wie vergilbtes Elfenbein, hervor, und ihre Augen, in deren Ecken das Alter tiefe Runzeln gegraben hatte, verschwanden beinahe unter der Anschwellung vom Weinen.

Oh! mein Herr, sagte sie, oh! mein Herr, welch ein Unglück, ich werde auch sterben; oh! ja, ich sterbe sicherlich ebenfalls.

Und sie sank in den Lehnstuhl, welcher der Tür zunächst stand, und brach in ein Schluchzen aus.

Die Bedienten, die auf der Schwelle standen und nicht weiter zu gehen wagten, schauten Noirtiers alten Diener an, der, als er das Geräusch vernahm, aus den Zimmern seines Herrn herbeilief. Villefort stand auf und ging auf seine Schwiegermutter zu, denn sie war es.

Mein Gott! was ist denn vorgefallen? fragte er, was beugt Sie so sehr nieder? Begleitet Sie Herr von Saint-Meran nicht?

Herr von Saint-Meran ist tot, sagte die alte Marquise, ohne Einleitung, ohne Ausdruck und mit einer Art von Stumpfsinn.

Villefort wich einen Schritt zurück, schlug seine Hände aneinander und stammelte: Tot? . . . So gestorben, so plötzlich gestorben?

Vor acht Tagen, sagte Fran von Saint-Meran, stiegen wir nach Tische miteinander in den Wagen. Herr von Saint-Meran war seit einiger Zeit leidend; doch der Gedanke, unsere liebe Valentine wiederzusehen, machte ihn mutig, und er wollte, trotz seiner Schmerzen, abreisen. Sechs Stunden von Marseille wurde er aber, nachdem er seine gewöhnlichen Pillen verschluckt hatte, von einem so tiefen Schlafe ergriffen, daß es mir ganz unnatürlich vorkam. Plötzlich schien sich sein Gesicht zu röten und die Adern seiner Schläfe heftiger als gewöhnlich zu schlagen. Da jedoch die Nacht eingebrochen war und ich nichts mehr sah, so ließ ich ihn schlafen; bald stieß er einen dumpfen, schmerzhaften Schrei aus, wie ein Mensch, der im Traume leidet, und warf mit einer ungestümen Bewegung seinen Kopf zurück. Ich ließ den Postillon halten, rief laut den Namen meines Gatten, wollte ihn an meinem Flacon mit flüchtigen Salzen riechen lassen, aber alles war vorbei, er war tot, und ich kam mit seinem Leichnam in Aix an.

Villefort stand ganz verwundert und mit offenem Munde vor der alten Dame.

Sie ließen ohne Zweifel einen Arzt rufen?

Auf der Stelle; doch es war, wie gesagt, zu spät.

Allerdings; aber er vermochte doch wenigstens zu erkennen, an welcher Krankheit der arme Marquis gestorben war?

Mein Gott, ja! Er sagte mir, es scheine ein Schlagfluß gewesen zu sein.

Und was taten Sie sodann?

Herr von Saint-Meran äußerte stets, wenn er fern von Paris sterben sollte, so wünsche er, daß man seinen Körper in die Familiengruft bringe. Ich ließ ihn in einen bleiernen Sarg legen und reiste ihm um ein paar Tage voran.

Oh Gott! arme Mutter! sagte Villefort, solche Sorgen, nach einem solchen Schlage und in Ihrem Alter!

Gott hat mir bis zum Ende Kraft verliehen; überdies hätte er sicherlich für mich getan, was ich für ihn getan habe. Es ist wahr, seitdem ich ihn dort verließ, komme ich mir wie wahnsinnig vor. Ich kann nicht mehr weinen: wohl sagt man, in meinem Alter habe man keine Tränen mehr; es scheint mir jedoch, solange man leidet, sollte man weinen können. Wo ist Valentine, mein Herr? Ihr zu Liebe kehrten wir zurück; ich will meine Valentine sehen.

Villefort mochte nicht antworten, Valentine sei auf einem Ball, und sagte der Marquise nur, ihre Enkelin sei mit ihrer Stiefmutter ausgefahren, und man werde sie benachrichtigen. Auf der Stelle, mein Herr, auf der Stelle, ich bitte Sie, sagte die alte Dame.

Villefort nahm den Arm der Frau von Saint-Meran unter den seinen und führte sie in ihre Wohnung.

Ruhen Sie aus, meine Mutter, sagte er.

Die Marquise schaute bei diesen Worten empor, und als sie den Mann sah, der sie an ihre so sehr beklagte Tochter erinnerte, die für sie in Valentine wieder auflebte, fühlte sie sich durch den Namen Mutter erschüttert, brach in Tränen aus und sank auf die Knie vor einem Polsterstuhl, in dem sie ihr ehrwürdiges Haupt begrub.

Villefort empfahl sie der Sorge der Frauen, während der alte Barrois ganz erschrocken wieder zu seinem Herrn hinaufstieg; denn nichts erschreckt die Greise so sehr, als wenn der Tod einen Augenblick ihre Seite verläßt, um einen andern Greis zu treffen.

Während Frau von Saint-Meran immer noch knieend aus der Tiefe ihres Herzens betete, ließ Villefort einen Wagen kommen und suchte bei Frau von Morcerf seine Frau und seine Tochter selbst auf, um sie nach Hanse zu führen.

Er war so bleich, als er auf der Schwelle des Salons erschien, daß ihm Valentine mit dem Ausruf entgegenlief: Oh, mein Vater! es ist irgend ein Unglück geschehen!

Deine gute Mama ist soeben angekommen, Valentine, sagte Herr von Villefort.

Und mein Großvater? fragte das Mädchen zitternd. Herr von Villefort antwortete nur, indem er seiner Tochter den Arm bot.

Es war Zeit; Valentine wankte, vom Schwindel ergriffen; Frau von Villefort beeilte sich, sie zu unterstützen, und half ihrem Manne sie nach dem Wagen bringen.

Das ist doch seltsam, sagte Frau von Villefort, wer hätte das vermuten können? Oh! das ist seltsam.

Und die ganze Familie entfernte sich so und warf einen traurigen Schatten wie einen schwarzen Mantel auf den übrigen Abend.

Unten an der Treppe fand Valentine Barrois, der auf sie wartete. – Herr Noirtier wünscht Sie heute abend zu sehen, flüsterte er ihr zu.

Sagen Sie ihm, ich werde zu ihm kommen, sobald ich meine gute Großmutter verlasse, sprach Valentine.

In seinem Zartgefühle hatte das Mädchen begriffen, daß zu dieser Stunde Frau von Saint-Meran am meisten seiner bedürfe. Valentine traf ihre Großmutter im Bett; stumme Liebkosungen, schmerzhafte Herzenswallungen, unterbrochene Seufzer, brennende Tränen begleiteten dieses Wiedersehen, dem am Arme ihres Gatten Frau von Villefort beiwohnte, anscheinend voll Achtung für die unglückliche Witwe.

Nach einem Augenblick neigte sie sich an das Ohr ihres Gatten und sagte: Ich will mich mit Ihrer Erlaubnis entfernen, denn mein Anblick scheint Ihre Schwiegermutter noch mehr zu betrüben.

Frau von Saint-Meran hörte dies und flüsterte Valentine zu: Ja, ja, sie mag gehen, aber du bleibst. Frau von Villefort entfernte sich, und Valentine blieb allein am Bette ihrer Großmutter; denn, bestürzt über diesen unvorhergesehenen Tod, folgte der Staatsanwalt seiner Frau.

Barrois war indessen wieder zu dem alten Noirtier hinaufgegangen; dieser hatte den ganzen Lärm gehört und, wie gesagt, seinen Diener abgeschickt, um sich erkundigen zu lassen.

Bei seiner Rückkehr befragte das lebendige und gescheite Auge den Boten. Ach! Herr, sagte Barrois, ein großes Unglück ist geschehen, Frau von Saint-Meran ist angekommen, und ihr Gemahl ist tot.

Herr von Saint-Meran und Noirtier waren nie durch enge Freundschaft verbunden gewesen; man weiß aber, welche Wirkung die Kunde vom Tode eines Altersgenossen stets auf einen Greis hervorbringt. Noirtier ließ das Haupt auf die Brust sinken, dann schloß er das linke Auge.

Fräulein Valentine? sagte Barrois.

Noirtier machte ein bejahendes Zeichen.

Sie ist auf dem Ball, wie der gnädige Herr wohl weiß, denn sie kam in großer Toilette hierher, um Abschied zu nehmen.

Noirtier schloß abermals das linke Auge.

Ja, Sie wollen sie sehen.

Der Greis bedeutete durch ein Zeichen, daß er es wünsche.

Nun, man wird sie ohne Zweifel bei Frau von Morcerf holen; ich erwarte ihre Rückkehr und sage ihr, sie möge heraufkommen. Ist es so recht?

Ja, antwortete der Gelähmte.

Barrois wartete, wie wir gesehen, auf Valentines Rückkehr und teilte ihr den Wunsch ihres Großvaters mit, und so ging sie auch zu Noirtier hinauf, als sie Frau von Saint-Meran verließ, die, so aufgeregt sie auch war, endlich der Müdigkeit unterlag und in einen fieberhaften Schlaf verfiel. Man hatte in den Bereich ihrer Hand einen Tisch gestellt, auf dem eine Flasche mit Orangeade, ihrem gewöhnlichen Getränk, und ein Glas standen.

Valentine umarmte den Greis, der sie so zärtlich anschaute, daß das Mädchen abermals Tränen, deren Quelle es versiegt glaubte, seinen Augen entstürzen fühlte.

Der Greis verharrte bei seinem Blicke.

Ja, ja, sagte Valentine, du willst mir sagen, ich habe immer noch einen guten Großvater?

Der Greis bedeutete durch ein Zeichen, daß er wirklich dies habe durch seinen Blick sagen wollen.

Ach! zum Glücke, versetzte Valentine. Mein Gott, was würde sonst aus mir werden?

Es war ein Uhr morgens. Barrois hatte Lust, sich niederzulegen, und bemerkte daher, nach einem so schmerzhaften Abend bedürfe jedermann der Ruhe. Der Greis wollte nicht sagen, seine Ruhe sei es, sein Kind anzuschauen. Er verabschiedete Valentine, der die Ermattung und der Schmerz in der Tat ein leidendes Aussehen verliehen.

Als sie am andern Morgen bei ihrer Großmutter eintrat, fand sie diese im Bette; das Fieber hatte sich nicht gelegt, es brannte im Gegenteil ein düsteres Feuer in den Augen der Marquise, und sie schien das Opfer einer heftigen Nervenaufregung zu sein.

Oh! mein Gott! gute Mama, leiden Sie mehr? rief Valentine, als sie diese Zeichen der Aufregung wahrnahm.

Nein, meine Tochter, nein, sagte Frau von Saint-Meran; aber ich erwartete mit Ungeduld dein Erscheinen, um deinen Vater holen zu lassen.

Meinen Vater? fragte Valentine unruhig.

Ja, ich will ihn sprechen.

Valentine wagte es nicht, sich dem Wunsche ihrer Großmutter, dessen Ursache sie überdies nicht kannte, zu widersetzen, und einen Augenblick nachher trat Villefort ein.

Mein Herr, sagte Frau von Saint-Meran, ohne irgend einen Eingang und als befürchtete sie, es könnte ihr an Zeit gebrechen, Sie haben mir geschrieben, es handle sich um die Verheiratung dieses Kindes?

Ja, gnädige Frau, antwortete Villefort, und es ist sogar mehr als ein Plan, es ist ein Abkommen.

Ihr Schwiegersohn heißt Franz d'Epinay?

Ja, gnädige Frau.

Er ist der Sohn des Generals d'Epinay, der zu den Unseren gehörte, und einige Tage, ehe der Usurpator von der Insel Elba zurückkehrte, ermordet wurde?

So ist es.

Diese Verbindung mit einer Enkelin des Jakobiners widerstrebt ihm nicht?

Unsere Bürgerkämpfe sind glücklicherweise vorüber, meine Mutter, sagte Villefort; Herr d'Epinay war bei dem Tode seines Vaters beinahe ein Kind; er kennt Herrn Noirtier sehr wenig, und wird ihn, wenn nicht mit Vergnügen, doch wenigstens mit Gleichgültigkeit sehen.

Ist er eine schickliche Partie?

In jeder Beziehung, der junge Mann erfreut sich allgemeiner Achtung.

Während dieser ganzen Unterredung war Valentine stumm geblieben.

Wohl, mein Herr, sagte Frau von Saint-Meran nach kurzem Nachdenken, Sie müssen sich beeilen, denn ich habe wenig Zeit mehr zu leben.

Sie, gnädige Frau! Sie, gute Mutter! riefen gleichzeitig Herr von Villefort und Valentine.

Ich weiß, was ich sage, versetzte die Marquise; Sie müssen sich also beeilen, damit, da es die Mutter nicht vermag, wenigstens die Großmutter ihre Ehe segnen kann. Ich bin die einzige, die ihr noch von seiten meiner armen Renée bleibt, die Sie so schnell vergessen haben, mein Herr.

Ah! Sie bedenken nicht, daß ich diesem armen Kinde eine Mutter geben mußte.

Eine Stiefmutter ist nie eine Mutter, mein Herr. Doch es handelt sich nicht darum, sondern um Valentine; lassen wir die Toten ruhen.

Alles dies wurde mit einer solchen Geschwindigkeit und mit einem Ausdrucke gesprochen, daß es schien, die Aufregung der Kranken gehe in ein Delirium über.

Es soll nach Ihrem Wunsche gehen, sagte Villefort, und dies um so mehr, als Ihr Wunsch mit dem meinigen im Einklang steht. Sobald Herr d'Epinay nach Paris zurückgekehrt ist . . .

Meine gute Mutter, unterbrach ihn Valentine, die Schicklichkeit, die neue Trauer . . . würden Sie eine Ehe unter so trüben Umständen schließen wollen?

Meine Tochter, versetzte rasch die Großmutter, keine solchen Alltagsreden, die schwache Geister hindern, auf solide Weise ihre Zukunft zu gründen. Ich habe auch am Sterbebette meiner Mutter geheiratet und bin darum nicht unglücklich gewesen.

Abermals dieser Todesgedanke! rief Villefort.

Abermals! immer . . . ich sage Ihnen, daß ich sterben werde, hören Sie? Nun wohl! ehe ich sterbe, will ich meinen Eidam sehen; ich will ihm befehlen, meine Enkelin glücklich zu machen, ich will in seinen Augen lesen, ob er mir gehorchen will; kurz, ich will ihn kennen lernen, um ihn aus der Tiefe meines Grabes aufzusuchen, wenn er nicht wäre, was er sein soll, wenn er nicht wäre, was er sein muß, fügte die alte Frau mit einem furchtbaren Ausdrucke hinzu.

Gnädige Frau, sagte Villefort, Sie müssen die aufgeregten Gedanken, die fast an Wahnsinn grenzen, von sich entfernen. Liegen die Toten einmal in ihren Gräbern, so schlafen sie darin, um sich nie mehr zu erheben.

Oh ja, ja, gute Mutter! beruhige dich, rief Valentine.

Und ich, mein Herr, sage Ihnen, daß es nicht so ist, wie Sie glauben. Diese Nacht lag ich in furchtbarem Schlafe; denn ich sah mich gleichsam schlummern, als ob meine Seele bereits über meinem Leibe schwebte. Meine Augen, die ich gewaltsam offen halten wollte, schlossen sich unwillkürlich, und dennoch, ich weiß wohl, daß Ihnen dies unmöglich vorkommen wird, Ihnen, mein Herr, . . . ich sah mit geschlossenen Augen, auf derselben Stelle, wo Sie sind, aus jener Ecke kommend, in der eine Tür ist, die nach dem Ankleidezimmer von Frau von Villefort geht, geräuschlos eine weiße Gestalt hervortreten.

Valentine stieß einen Schrei aus.

Das Fieber hat Sie aufgeregt, sagte Villefort.

Zweifeln Sie, wenn Sie wollen, doch ich bin dessen, was ich sage, gewiß. Ich sah eine weiße Gestalt; und als sollte ich durch das Zeugnis eines andern Sinnes noch bestärkt werden, hörte ich das Glas rücken, das hier auf dem Tische steht.

Oh! gute Mutter, das war ein Traum.

Es war so wenig ein Traum, daß ich die Hand nach der Glocke ausstreckte und daß der Schatten bei dieser Gebärde verschwand. Die Kammerfrau trat mit einem Lichte ein.

Doch sie hat niemand gesehen?

Die Geister zeigen sich nur denen, die sie sehen sollen, es war die Seele meines Mannes.

Oh, sagte Villefort, unwillkürlich in der innersten Tiefe erschüttert, gestatten Sie diesen finstern Gedanken keinen Einfluß; Sie werden mit uns leben, Sie werden lange Zeit glücklich, geliebt, geehrt leben, und wir werden machen, daß Sie vergessen . . .

Nie, nie, nie! rief die Marquise. Wann kommt Herr d'Epinay zurück?

Wir erwarten ihn jeden Augenblick.

Es ist gut; sobald er angekommen ist, benachrichtigen Sie mich. Eilen wir, eilen wir. Dann möchte ich auch gern einen Notar sehen, um mich zu vergewissern, daß unsere ganze Habe Valentine zukommt.

Oh! meine Mutter, murmelte Valentine, ihre Lippen auf die glühende Stirn der alten Frau drückend; Sie wollen mich also töten? Mein Gott! Sie haben Fieber, nicht einen Notar muß man rufen, sondern einen Arzt!

Einen Arzt! sagte sie, die Achseln zuckend, ich leide nicht, ich habe nur Durst.

Was trinken Sie denn, gute Mama?

Du weißt, wie immer meine Orangeade. Mein Glas steht dort, dort auf dem Tische, gib es mir, Valentine.

Valentine goß die Orangeade aus der Flasche in ein Glas, nahm dieses mit unwillkürlichem Schrecken und gab es ihrer Großmutter, denn es war dasselbe Glas, das, wie sie behauptete, der Schatten berührt hatte.

Die Marquise leerte das Glas auf einen Zug. Dann drehte sie sich auf ihrem Kopfkissen um und wiederholte: Den Notar! den Notar!

Herr von Villefort ging weg, Valentine setzte sich an das Bett ihrer Großmutter. Die Arme schien selbst sehr des Arztes zu bedürfen, den sie der alten Frau empfohlen hatte. Eine flammenartige Röte brannte auf ihren Wangen, ihr Atem war kurz und keuchend, und ihr Puls schlug, als ob sie Fieber hätte. Der Grund war, daß sie an Maximilians Verzweiflung dachte, wenn er erfahren würde, daß Frau von Saint-Meran, statt eine Verbündete zu sein, ohne ihn zu kennen, handelte, als ob sie seine Feindin wäre.

Mehr als einmal dachte Valentine daran, ihrer Großmutter alles zu sagen, und sie würde keinen Augenblick gezögert haben, hätte Maximilian Morel Albert von Morcerf oder Raoul von Chateau-Renaud geheißen. Aber Morel war von plebejischer Abkunft, und Valentine kannte die Verachtung, welche die stolze Marquise von Saint-Meran gegen alles hegte, was nicht von Adel war. Ihr Geheimnis war also stets in dem Augenblick, wo es zu Tage treten wollte, durch die traurige Gewißheit zurückgedrängt worden, daß sie es unnötig preisgeben würde, und daß alles verloren wäre, wenn das Geheimnis einmal zur Kenntnis ihres Vaters oder ihrer Stiefmutter gelangt sei.

So vergingen etwa zwei Stunden, während deren Frau von Saint-Meran in heißem, unruhigem Schlafe lag. Man meldete den Notar.

Obgleich diese Meldung sehr leise gemacht wurde, erhob sich doch Frau von Saint-Meran aus ihrem Kopfkissen. Der Notar war an der Tür, er trat ein.

Geh, Valentine, sagte Frau von Saint-Meran, und laß mich mit diesem Herrn allein.

Aber, meine Mutter . . .

Geh, geh.

Das Mädchen küßte ihre Großmutter auf die Stirn und entfernte sich, ihr Taschentuch vor den Augen. An der Tür fand Valentine den Kammerdiener, der ihr sagte, der Arzt warte im Salon.

Valentine ging rasch hinab. Der Arzt war ein Freund der Familie und zugleich einer der geschicktesten Männer der Zeit; er liebte Valentine, die er zur Welt hatte kommen sehen, ungemein. Er besaß eine Tochter, ungefähr von dem Alter Valentines; doch diese Tochter war von einer brustkranken Mutter geboren, und der Arzt lebte in beständiger Angst um sein Kind.

Ah, sagte Valentine, mein lieber Herr d'Avrigny, wir erwarteten Sie mit Ungeduld. Doch vor allem, wie befinden sich Madeleine und Antoinette?

Madeleine war Herrn d'Avrignys Tochter und Antoinette seine Nichte.

Herr d'Avrigny antwortete traurig lächelnd: Antoinette sehr gut, Madeleine ziemlich gut. Sie haben mich holen lassen, liebes Kind. Es ist weder Ihr Vater, noch Frau von Villefort krank? Was Sie selbst betrifft, so sehe ich zwar, daß Sie sich von Ihren Nerven nicht freimachen können, glaube aber doch, daß Sie meiner sonst nicht bedürfen, als meines Rates, Ihre Einbildungskraft nicht so auf weitem Felde umherschweifen zu lassen.

Valentine errötete; Herr d'Avrigny trieb die Wissenschaft der Divination bis zum Wunderbaren, denn er war einer von den Ärzten, welche das Körperliche stets auf geistigem Wege behandeln.

Nein, sagte sie, man hat Sie meiner armen Großmutter wegen gerufen. Nicht wahr, Sie wissen, welch ein Unglück uns widerfahren ist?

Ich weiß es nicht.

Ach! sagte Valentine, ein Schluchzen unterdrückend, mein Großvater ist gestorben.

So plötzlich?

An einem Schlagfluß.

An einem Schlagfluß? wiederholte der Arzt.

Ja. Und meine arme Großmutter hat nun der Gedanke erfaßt, ihr Gatte, den sie nie verlassen, rufe sie, und sie werde bald mit ihm vereinigt sein. Oh! Herr d'Avrigny, gehen Sie zu meiner armen Großmutter, sie ist in ihrem Zimmer, mit dem Notar.

Gut, ich eile, und Herr Noirtier?

Immer derselbe, vollkommene Klarheit und Schärfe des Geistes, aber auch dieselbe Unbeweglichkeit, dieselbe Stummheit.

Und dieselbe Liebe für Sie, nicht wahr, mein gutes Kind?

Ja, erwiderte Valentine mit einem Seufzer, er liebt mich sehr.

Wer sollte Sie nicht lieben?

Valentine lächelte traurig.

Und woran leidet Ihre Großmutter?

An einer sonderbaren Nervenaufregung; ihr Schlaf ist unruhig und seltsam. Sie behauptete heute morgen, während ihres Schlummers schwebe ihre Seele über dem Körper, und das ist doch Delirium; sie versichert mir, sie habe einen Geist in ihr Zimmer treten sehen und das Geräusch gehört, das der Geist, als er ihr Glas berührte, gemacht habe.

Das ist sonderbar, äußerte der Doktor, ich wußte nicht, daß Frau von Saint-Meran solchen Sinnestäuschungen unterworfen ist.

Es ist das erste Mal, daß ich sie so gesehen habe, entgegnete Valentine, und es wurde mir sehr angst um sie, denn ich hielt sie für wahnwitzig, und mein Vater, – Sie kennen meinen Vater gewiß als einen ernsten Mann, – nun selbst auf meinen Vater schien die Sache einen starken Eindruck hervorzubringen.

Wir werden sehen, versetzte Herr d'Avrigny; was Sie mir da sagen, kommt mir ganz eigentümlich vor.

Der Notar entfernte sich, und man benachrichtigte Valentine, ihre Großmutter sei allein.

Gehen Sie mit hinauf? fragte der Doktor.

Oh! ich wage es nicht, sie hat mir verboten, Sie holen zu lassen! Dann bin ich, wie Sie sagen, selbst aufgeregt, fieberhaft, mißgestimmt; ich will einen Gang in den Garten machen, um mich zu erholen.

Der Doktor drückte Valentine die Hand, und während er zu ihrer Großmutter hinaufging, stieg sie die Freitreppe hinab.

Wir brauchen nicht zu sagen, welcher Teil des Gartens Valentines Lieblingsspaziergang war. Nachdem sie zwei- oder dreimal an dem Blumenbeete hin und her gewandert, welches das Haus umgab, nachdem sie eine Rose gepflückt, um sie in ihren Gürtel oder in ihre Haare zu stecken, wandelte sie gewöhnlich unter der düsteren Allee fort, die zu der Bank führte, und von der Bank begab sie sich zu dem Gitter.

Diesmal machte Valentine, ihrer Gewohnheit gemäß, mehrere Gänge unter den Blumen, doch ohne eine zu pflücken, ihr Herz war zu traurig; dann wandte sie sich der Allee zu. Während sie weiter schritt, kam es ihr vor, als hörte sie ihren Namen rufen. Sie blieb stehen.

Da gelangte der Ton deutlicher an ihr Ohr, und sie erkannte Maximilians Stimme.

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