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Der Graf von Monte Christo. Vierter Band.

Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo. Vierter Band. - Kapitel 10
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDer Graf von Monte Christo. Vierter Band.
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
illustratorFritz Bergen
translatorMax Pannwitz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Nachforschungen.

Herr von Villefort hielt Frau Danglars und besonders sich selbst Wort, indem er zu erfahren suchte, wie der Graf von Monte Christo Kenntnis von der Geschichte des Hauses in Auteuil erlangt habe.

Er schrieb an demselben Tage an einen gewissen Herrn von Boville, der, nachdem er einst Inspektor der Gefängnisse gewesen war, jetzt eine höhere Stellung bei der Sicherheitspolizei einnahm, um von diesem die gewünschte Auskunft zu erhalten. Herr von Boville verlangte zwei Tage, um in Erfahrung zu bringen, bei wem man genaue Kunde einziehen könnte. Nach zwei Tagen erhielt Herr von Villefort folgende Note:

Die Person, die man den Grafen von Monte Christo nennt, ist besonders dem Lord Wilmore, einem reichen Fremden, bekannt, den man zuweilen in Paris sieht, und der sich in diesem Augenblick hier befindet; sie ist ebenfalls bekannt dem Abbé Busoni, einem sizilianischen Priester, der im Orient viele gute Werke verrichtet hat und dort einen großen Ruf genießt.

Herr von Villefort antwortete durch einen Befehl, über diese beiden Fremden auf das schleunigste und genaueste Erkundigungen einzuziehen; am andern Abend waren seine Befehle vollzogen, und er erhielt folgende Notizen:

Der Abbé, der nur auf einen Monat in Paris war, bewohnte hinter Saint-Sulpice ein kleines Haus, bestehend aus einem Stocke und einem Erdgeschoß; vier Zimmer, zwei oben, zwei unten, bildeten die ganze Wohnung, deren einziger Mieter er war.

Die zwei unteren Zimmer bestanden aus einem Speisesaal mit Tischen, Stühlen und Büfett von Nußbaumholz und einem Salon mit weiß angemaltem Getäfel, ohne Zieraten, ohne Teppiche und ohne Uhr. Man sah, daß sich der Abbé für seine Person auf das Notwendigste beschränkte. Der Abbé bewohnte vorzugsweise den Salon im ersten Stocke, der ganz mit theologischen Büchern und Pergamenten, unter denen man ihn, wie sein Kammerdiener sagte, sich Monate lang vergraben sah, ausgestattet war.

Sein Diener betrachtete die Besucher durch eine Art von Gitter, und wenn ihm ihr Gesicht unbekannt war oder mißfiel, so antwortete er, der Abbé sei nicht in Paris, womit sich viele begnügten, denn man wußte, daß er häufig reiste und zuweilen lange auf der Reise blieb. Mochte er übrigens zu Hause sein oder nicht, so gab der Abbé doch immer reichliche und ständige Almosen. Das andere Zimmer, das neben der Bibliothek lag, war ein Schlafzimmer. Ein Bett ohne Vorhänge, vier Lehnstühle und ein Sofa bildeten nebst einem Betpult seine ganze Ausstattung.

Lord Wilmore wohnte in der Rue Saint-George. Er gehörte zu den englischen Touristen, die ihr ganzes Vermögen auf der Reise verzehren. Er mietete eine möblierte Wohnung, in der er nur zwei bis drei Stunden des Tages zubrachte und sehr selten schlief. Er hatte unter andern die Manie, durchaus nicht französisch sprechen zu wollen, jedoch soll er ziemlich korrekt französisch geschrieben haben.

Am andern Tage, nachdem diese kostbare Auskunft bei dem Staatsanwalt eingetroffen war, klopfte ein Mensch, der an der Ecke der Rue Férou aus dem Wagen stieg, an eine olivengrün angemalte Tür, fragte nach dem Abbé Busoni und erhielt von einem Diener die Antwort, der Herr Abbé sei ausgegangen.

Ich kann mich mit dieser Antwort nicht begnügen, sagte der Besuch, denn ich komme im Auftrage einer Person, für die man immer zu Hause ist. Doch wollen Sie dem Herrn Abbé Busoni . . .

Ich habe Ihnen bereits gesagt, er sei nicht zu Hause, wiederholte der Diener.

So geben Sie ihm, wenn er zurückkehrt, diese Karte und dieses versiegelte Papier. Wird der Herr Abbé heute abend um acht Uhr zu Hause sein?

Ohne allen Zweifel, mein Herr.

Ich werde heute abend zur genannten Stunde wiederkommen, versetzte der Besuch und entfernte sich.

Zur bestimmten Stunde kam derselbe Mensch in demselben Wagen, der, statt an der Ecke der Rue Férou anzuhalten, diesmal vor der grünen Tür anhielt. Er klopfte, man öffnete ihm, und er trat ein.

Aus den Zeichen der Ehrfurcht, die ihm der Diener erwies, ersah er, daß der Brief die gewünschte Wirkung hervorgebracht hatte.

Ist der Herr Abbé zu Hause? fragte er.

Ja, er arbeitet in seiner Bibliothek; doch er erwartet den Herrn, sagte der Diener.

Der Fremde stieg eine ziemlich schlechte Treppe hinauf und erblickte an einem Tische, dessen Oberfläche mit der Helle übergossen war, die ein weiter Lichtschirm konzentrierte, während der Rest des Zimmers im Schatten lag, den Abbé in geistlicher Kleidung, den Kopf mit einer von jenen Kappen bedeckt, wie sie im Mittelalter die Gelehrten trugen.

Habe ich die Ehre, mit Herrn Busoni zu sprechen? fragte der Fremde.

Ja, antwortete der Abbé, und Sie sind die Person, die Herr von Boville, der ehemalige Intendant der Gefängnisse, im Auftrage des Herrn Polizeipräfekten zu mir schickt? – Ganz richtig, mein Herr. – Einer von den Agenten, die für die Sicherheit von Paris zu sorgen haben? – Ja, mein Herr, antwortete der Fremde mit einem gewissen Zögern und etwas errötend.

Der Abbé richtete die große Brille zurecht, die nicht nur seine Augen, sondern auch seine Schläfe bedeckte, setzte sich wieder und bedeutete dem Fremden durch ein Zeichen, er möge sich ebenfalls setzen.

Ich höre Sie, mein Herr, sagte der Abbé mit scharf italienischem Akzente.

Die Sendung, die ich übernommen habe, mein Herr, sagte der Besuch, jedes seiner Worte so langsam aussprechend, als hätten sie Mühe aus dem Munde zu gehen, gereicht sowohl dem zum Vertrauen, der sie vollzieht, wie dem, bei dem sie vollzogen wird.

Der Abbé verbeugte sich.

Ja, mein Herr, fuhr der Fremde fort, Ihre Redlichkeit ist dem Herrn Polizeipräfekten so wohl bekannt, daß er als Beamter von Ihnen eine Sache erfahren will, bei der die öffentliche Sicherheit beteiligt ist, in deren Namen ich bei Ihnen erscheine. Wir hoffen, Herr Abbé, daß weder Bande der Freundschaft, noch menschliche Rücksichten Sie veranlassen werden, der Justiz die Wahrheit zu verbergen.

Vorausgesetzt, daß die Dinge, die Sie zu erfahren wünschen, in keiner Beziehung die Bedenklichkeiten meines Gewissens berühren. Ich bin Priester, und die Geheimnisse der Beichte, zum Beispiel, müssen mir und der Gerechtigkeit Gottes und nicht mir und der menschlichen Gerechtigkeit vorbehalten bleiben.

Oh, seien Sie unbesorgt, Herr Abbé, sagte der Fremde, jedenfalls werden wir Ihr Gewissen nicht belasten.

Bei diesen Worten drückte der Abbé auf seiner Seite auf den Lichtschirm nieder und hob ihn auf der andern Seite, so daß das Gesicht des Fremden völlig beleuchtet wurde, das seinige aber ganz im Schatten blieb.

Verzeihen Sie, Herr Abbé, sagte der Abgeordnete des Polizeipräfekten, dieses Licht ist höchst schmerzhaft für meine Augen.

Der Abbé drückte den grünen Pappendeckel nieder.

Sprechen Sie nun!

Ich komme zur Sache. Sie kennen ohne Zweifel den Grafen von Monte Christo?

Sie meinen Herrn Zaccone?

Zaccone . . . heißt er denn nicht Monte Christo?

Monte Christo ist der Name eines Gutes, oder vielmehr eines Felsens und kein Familienname.

Wohl, es mag sein; streiten wir nicht über Worte, und da Herr von Monte Christo und Herr Zaccone derselbe Mensch ist, so wollen wir von Herrn Zaccone sprechen; kennen Sie ihn? – Genau. – Wer ist er? – Er ist der Sohn eines reichen Reeders in Malta. – Ja, ich weiß, das sagt man; doch Sie begreifen, die Polizei kann sich nicht mit einem ›man sagt‹ begnügen!

Wenn aber, versetzte der Abbé mit sehr freundlichem Lächeln, dieses man sagt die Wahrheit ist, so muß sich die ganze Welt damit begnügen, und die Polizei ebenfalls.

Sind Sie dessen, was Sie sagen, gewiß?

Ob ich dessen gewiß bin!

Bemerken Sie wohl, mein Herr, ich, setze durchaus keinen Zweifel in Ihre Glaubwürdigkeit. Ich frage Sie: Sind Sie Ihrer Sache gewiß?

Hören Sie, ich habe Herrn Zaccone, den Vater, gekannt und habe mit dem Sohne, als er noch ein Kind war, wohl zehnmal auf den Werften gespielt.

Doch dieser Grafentitel? . . .

Sie wissen, so was läßt sich kaufen.

Doch diese Reichtümer, welche, wie man sagt, ungeheuer sind . . .

Oh! was das betrifft, erwiderte der Abbé, ungeheuer, das ist das richtige Wort.

Wieviel glauben Sie, daß er besitzt?

Oh! er hat gewiß 200 000 Franken Rente.

Ah! das läßt sich hören, versetzte der Fremde, aber man sprach von drei, von vier Millionen Rente!

Oh, das ist nicht glaublich!

Und Sie kennen seine Insel Monte Christo?

Gewiß: jeder, der von Palermo, von Neapel oder Rom nach Frankreich reist, kennt diese Felseninsel, weil er sie im Vorüberfahren sehen muß.

Und warum hat der Graf diese Felsen gekauft?

Gerade, um Graf zu sein. Um in Italien Graf zu werden, bedarf man auch einer Grafschaft.

Sie haben ohne Zweifel von den Jugendabenteuern des Herrn Zaccone sprechen hören?

Ah! hier fängt die Ungewißheit bei mir an, denn hier habe ich meinen Kameraden aus dem Gesichte verloren.

Sie sind nicht sein Beichtvater?

Nein, mein Herr; ich glaube, er ist Lutheraner.

Wie? Lutheraner?

Ich sage, ich glaube; ich weiß es nicht genau. Übrigens war ich der Ansicht, in Frankreich bestehe Freiheit des Kultus.

Allerdings, auch beschäftigen wir uns in diesem Augenblick nicht mit seinem Glauben, sondern mit seinen Handlungen; im Namen des Herrn Polizeipräfekten fordere ich Sie auf, zu sagen, was Sie davon wissen.

Er gilt für einen sehr wohltätigen und menschenfreundlichen Mann. Unser heiliger Vater, der Papst, hat ihn, eine Gunst, die er kaum Fürsten bewilligt, zum Ritter des Christusordens für die großen Dienste ernannt, die er den Christen im Orient geleistet; er hat so fünf bis sechs Großkreuze für Dienste erhalten, die von ihm den Fürsten oder den Staaten erwiesen worden sind.

Und er trägt sie? – Nein, doch er ist stolz darauf; er sagt, er liebe mehr die den Wohltätern der Menschheit geltenden Belohnungen, als die, welche man den Zerstörern der Menschen zubilligt. – Weiß man, daß er Freunde hat? – Ja, denn es sind alle die seine Freunde, die ihn kennen. – Doch hat er gar keinen Feind? – Einen einzigen. – Wie heißt er? – Lord Wilmore. – Wo ist er? Kann er mir Auskunft geben? – Kostbare. Er war zu gleicher Zeit mit Zaccone in Indien und wohnt, glaube ich, jetzt irgendwo in der Chaussée d'Antin.

Sie stehen schlecht mit diesem Engländer?

Ich liebe Zaccone, und er haßt ihn; unser Verhältnis ist darum nicht das beste.

Mein Herr Abbé, glauben Sie, der Graf von Monte Christo sei je in Frankreich gewesen, vor der Reise, die er jetzt nach Paris gemacht hat?

Nein, mein Herr, er ist nie hier gewesen, denn er hat sich vor sechs Monaten an mich gewendet, um die erforderliche Auskunft zu erhalten. Da ich meinerseits nicht wußte, wann ich in Paris sein würde, so wies ich ihn an Herrn Bartolomeo Cavalcanti.

Sehr gut, mein Herr; ich habe Sie nur noch eines zu fragen und fordere Sie im Namen der Menschheit, der Ehre und der Religion auf, mir ohne Umschweife zu antworten.

Sprechen Sie, mein Herr!

Wissen Sie, in welcher Absicht Herr von Monte Christo ein Haus in Auteuil kaufte?

Gewiß, denn er hat es mir gesagt. Um daraus ein Hospiz für Geisteskranke nach Art dessen zu machen, das der Baron von Pisari in Palermo gegründet hat.

Kennen Sie dieses Hospiz?

Ich habe davon gehört; es soll eine herrliche Anstalt sein.

Hierauf grüßte der Abbé den Fremden, wie ein Mensch, der zu verstehen geben will, es sei ihm nicht unangenehm, eine unterbrochene Arbeit wiederaufnehmen zu können.

Begriff der Besuch das Verlangen des Abbés, oder war er mit seinen Fragen zu Ende . . . er stand ebenfalls auf. Der Abbé begleitete ihn bis zur Tür, und der Fremde entfernte sich.

Der Wagen führte ihn geradeswegs zu Herrn von Villefort.

Eine Stunde nachher kam der Wagen abermals heraus, und diesmal wandte er sich nach der Rue Fontaine-Saint-George, bei Nr. 5 hielt er an. Hier wohnte Lord Wilmore. Der Fremde hatte Lord Wilmore schriftlich um eine Zusammenkunft gebeten, die dieser auf zehn Uhr bestimmte. Als der Abgesandte des Polizeipräfekten zehn Minuten vor zehn Uhr ankam, antwortete man ihm, Lord Wilmore, die Pünktlichkeit und Genauigkeit in Person, sei noch nicht zurückgekehrt, aber er werde sicher Punkt zehn Uhr erscheinen.

Der Besuch wartete im Salon. Dieser Salon hatte nichts Merkwürdiges und war wie alle Salons in einem Hotel garni. Ein Kamin mit zwei schönen Porzellanvasen, eine Pendeluhr mit einem Amor, der seinen Bogen spannt; ein Spiegel, auf jeder Seite dieses Spiegels ein Kupferstich, eine Tapete in Grau: das war der Salon des Lord Wilmore.

Er wurde durch Kugeln von geschliffenem Glase beleuchtet, die nur ein mattes Licht verbreiteten, das ausdrücklich für die schwachen Augen des Abgeordneten des Herrn Polizeipräfekten berechnet zu sein schien.

Nachdem dieser zehn Minuten gewartet hatte, schlug es zehn Uhr; beim fünften Schlage öffneten sich die Türen, und Lord Wilmore erschien.

Lord Wilmore war ein Mann, mehr groß als klein, mit dünnem, rotem Backenbarte, weißer Gesichtsfarbe und blonden, gräulich werdenden Haaren. Er war auf echt englisch-bizarre Weise gekleidet, das heißt, er trug einen blauen Frack mit goldenen Knöpfen und einem hohen, gesteppten Kragen, wie sie 1811 Mode waren, eine weiße Weste und Hosen von Nankin, die drei Zoll zu kurz waren, aber durch Stege von demselben Stoffe verhindert wurden, bis an die Knie zurückzuweichen. Sein erstes Wort beim Eintritt war: Sie wissen mein Herr, daß ich nicht Französisch spreche?

Ich weiß wenigstens, daß Sie es nicht gern sprechen, antwortete der Bote des Herrn Polizeipräfekten.

Doch Sie können es sprechen, versetzte Lord Wilmore, denn wenn ich es auch nicht spreche, so verstehe ich es doch.

Und ich, sagte der Besuch, das Idiom wechselnd, spreche leicht genug Englisch, um eine Unterredung in dieser Sprache führen zu können. Tun Sie sich also keinen Zwang an, mein Herr.

Oh! rief Lord Wilmore mit jenem Tone, der nur den reinsten Eingeborenen Großbritanniens angehört.

Der Abgeordnete des Polizeipräfekten übergab Lord Wilmore sein Beglaubigungsschreiben. Dieser las es mit englischem Phlegma . . . Als er damit zu Ende war, sagte er englisch: Ich begreife, ich begreife sehr gut.

Nun begannen die Fragen.

Es waren ungefähr dieselben, die man dem Abbé Busoni vorgelegt hatte. Da jedoch Lord Wilmore als Feind des Grafen von Monte Christo nicht mit derselben Zurückhaltung antwortete, wie der Abbé Busoni, so wurden sie vervielfacht. Er erzählte von der Jugend Monte Christos, der, seiner Behauptung nach, in einem Alter von zehn Jahren in den Dienst eines der kleinen indischen Fürsten getreten war, die mit England beständig im Streite liegen; hier traf ihn Wilmore seiner Aussage nach zum ersten Male, und sie kämpften gegeneinander. Und in eben diesem Kriege wurde Zaccone zum Gefangenen gemacht, nach England geschickt und auf die Pontons gebracht, von wo er schwimmend entfloh. Hierauf folgten seine Reisen, seine Zweikämpfe, seine Leidenschaften; es kam der Aufstand in Griechenland, und er diente in den Reihen der Hellenen. Während er in ihren Diensten war, entdeckte er eine Silbermine in den Gebirgen Thessaliens; doch er hütete sich, mit irgend jemand davon zu sprechen. Nach der Schlacht bei Navarin, und nachdem sich die griechische Regierung befestigt hatte, verlangte er von König Otto ein Privilegium zur Ausbeutung dieser Miene, das ihm bewilligt wurde. Daher rührte sein Vermögen, das sich nach der Ansicht Lord Wilmores auf eine bis zwei Millionen Einkünfte belaufen mochte, ein Vermögen, das nichtsdestoweniger versiegen konnte, wenn sein Bergwerk versiegte.

Doch wissen Sie, warum er nach Frankreich gekommen ist?

Er will in Eisenbahnen spekulieren, sagte Lord Wilmore; und als geschickter Chemiker und nicht minder ausgezeichneter Physiker hat er einen Telegraphen erfunden, dessen praktische Ausbeutung er im Auge hat.

Wieviel gibt er ungefähr jährlich aus? fragte der Abgeordnete des Polizeipräfekten.

Oh! höchstens 5 bis 600 000 Franken, er ist geizig. Offenbar ließ der Haß den Engländer so sprechen; er wußte nicht, was er dem Grafen zum Vorwurf machen sollte, und warf ihm Geiz vor.

Wissen Sie etwas von seinem Hause in Auteuil?

Sie fragen, warum er es gekauft hat? – Ja.

Der Graf ist ein Spekulant, der sich in Versuchen und Utopien zu Grunde richten wird. Er behauptet, es gebe in Auteuil, in der Gegend des von ihm erkauften Hauses, eine Mineralquelle, die den ersten französischen Wassern gleich komme. Er will aus seiner Erwerbung ein Badehaus machen. Bereits hat er zwei bis dreimal seinen ganzen Garten umgewühlt, und weil er die berühmte Quelle nicht finden konnte, so werden Sie sehen, daß er binnen kurzem alle Häuser kauft, die an das seinige grenzen. Da ich ihm grolle und hoffe, daß er sich mit seiner Eisenbahn, mit seinem elektrischen Telegraphen oder seiner Bäderspekulation zu Grunde richten wird, so folge ich ihm, um mich an seiner Niederlage zu weiden, die früher oder später eintreten muß.

Und warum grollen Sie ihm? fragte der Besuch.

Ich grolle ihm, antwortete Lord Wilmore, weil er bei einem Aufenthalte in England die Frau eines meiner Freunde verführt hat.

Doch wenn Sie feindselig gegen ihn gesinnt sind, warum suchen Sie sich nicht an ihm zu rächen?

Ich habe mich bereits dreimal mit ihm geschlagen, das erste Mal auf Pistolen, das zweite Mal mit dem Degen, das dritte Mal auf Säbel.

Und was war der Erfolg dieser Duelle?

Das erste Mal zerschmetterte er mir den Arm, das zweite Mal durchstieß er mir die Lunge, und das dritte Mal brachte er mir diese Wunde bei. Der Engländer schlug einen Hemdkragen zurück, der ihm bis an die Ohren ging, und zeigte eine anscheinend ziemlich frische Narbe.

Deshalb bin ich sein Feind, wiederholte der Engländer, und er wird sicherlich nur von meiner Hand sterben.

Doch es scheint mir, Sie schlagen nicht den rechten Weg ein, um ihn zu töten, bemerkte der Fremde.

Ao! rief der Engländer, ich gehe jeden Tag zum Schießen, und Grisier kommt alle zwei Tage zu mir.

Das war alles, was der Fremde wissen wollte, oder es war vielmehr alles, was der Engländer zu wissen schien. Der Agent stand auf und entfernte sich, nachdem er Lord Wilmore gegrüßt hatte, der ihm mit englischer Steifheit und Höflichkeit vergalt.

Als Lord Wilmore hörte, daß sich die Tür nach der Straße wieder hinter dem Fremden schloß, kehrte er in sein Schlafzimmer zurück, wo er in einer Sekunde seine blonden Haare, seinen roten Backenbart, seine falsche Kinnlade und seine Narbe verlor, um die schwarzen Haare und die matte Gesichtsfarbe des Grafen von Monte Christo wieder anzunehmen.

Allerdings war es Herr von Villefort und kein Bote des Polizeipräfekten, der in die Wohnung des Staatsanwaltes zurückkehrte. Dieser fühlte sich durch diesen doppelten Besuch, der ihm wenigstens nichts Beunruhigendes eröffnet hatte, ein wenig beschwichtigt. Die Folge davon war, daß er zum erstenmal seit dem Fest in Auteuil in der nächsten Nacht sich eines friedlichen Schlafes erfreute.

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