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Der Graf von Monte Christo. Sechster Band.

Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo. Sechster Band. - Kapitel 5
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDer Graf von Monte Christo. Sechster Band.
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
illustratorFritz Bergen
translatorMax Pannwitz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Das Gesetz.

Während Danglars mit schweißbedeckter Stirn beim Anschauen der vor ihm liegenden ungeheuren Kolonnen seiner Passiva dem Gespenste des Bankerotts entgegenstarrte, wollte die Baronin, nachdem sie sich von der ersten heftigsten Erschütterung des niederschmetternden Schlages, der sie getroffen, erholt hatte, bei Lucien Debray Rat holen, fand ihn aber nicht daheim.

Wieder in ihrem Zimmer angelangt, pochte sie an Eugenies Tür. Als sie keine Antwort erhielt, versuchte sie hineinzugehen; aber die Riegel waren vorgeschoben. Frau Danglars glaubte, von der furchtbaren Aufregung des Abends ermüdet, habe sich Eugenie zu Bette gelegt und sei eingeschlafen.

Fräulein Eugenie, antwortete die Kammerfrau auf ihre Frage, ist mit Fräulein d'Armilly in ihr Zimmer zurückgekehrt; dann tranken sie miteinander Tee, und hierauf verabschiedeten sie mich mit der Bemerkung, sie bedürften meiner nicht mehr.

Frau Danglars legte sich hierauf ohne einen Schatten von Verdacht nieder, konnte aber in Erinnerung an die Vorgänge des Tages nicht einschlafen. Der Vorfall erschien ihr in immer trüberem Lichte, je mehr sie darüber nachdachte. Eugenie, sagte sie sich, ist verloren, und wir sind es ebenfalls. Die Geschichte, so wie sie dargestellt werden wird, bedeckt uns mit Schmach, denn in einer Gesellschaft, wie die unsere, sind gewisse Lächerlichkeiten einfach unerträglich und nicht wieder gutzumachen. Welch ein Glück, murmelte sie, daß Gott Eugenie den seltsamen Charakter gegeben hat, der mir oft solche Sorge bereitete.

Dann dachte sie wieder an Cavalcanti. Dieser Andrea war ein Elender, ein Dieb, ein Mörder, und dennoch besaß er Manieren, die auf eine gute Erziehung hindeuteten. Er besaß anscheinend ein großes Vermögen; ehrenhafte Leute liehen ihm ihre Unterstützung.

Wie soll man klar in diesem Irrsale sehen? An wen sich wenden, um aus dieser grausamen Lage zu kommen? Da fiel ihr Herr von Villefort ein. An diesen beschloß sie sich zu wenden. Er würde ihr, in Erinnerung an die Vergangenheit, sicher beistehen, und er würde dann die Sache allmählich sich im Sande verlaufen oder wenigstens Cavalcanti fliehen lassen. Erst bei diesem Gedanken schlief sie ruhig ein.

Am andern Morgen um 9 Uhr stand sie auf und kleidete sich an, verließ heimlich das Hotel, stieg in einen Fiaker und ließ sich nach dem Hause des Herrn von Villefort fahren.

Seit einem Monat bot dieses Haus den finstern Anblick eines Lazaretts, in dem die Pest ausgebrochen ist. Ein Teil der Zimmer war von außen und von innen geschlossen, die Läden öffneten sich nur von Zeit zu Zeit einen Augenblick, um etwas Luft einzulassen; dann sah man am Fenster den verstörten Kopf eines Bedienten erscheinen; das Fenster schloß sich wieder, und die Nachbarn fragten sich ganz leise: Werden wir heute abermals einen Sarg aus dem Hause des Staatsanwalts kommen sehen?

Frau Danglars wurde bei dem Anblicke dieses verödeten Hauses von einem Schauer befallen; sie stieg aus, näherte sich mit zitternden Knien der geschlossenen Tür und läutete. Erst als zum dritten Male die Glocke ertönte, kam ein Portier und öffnete die Tür nur einen Zoll weit.

Öffnen Sie doch! sprach die Baronin.

Sagen Sie mir zuerst, gnädige Frau, wer sind Sie? fragte der Portier.

Wer ich bin? Sie kennen mich ja.

Wir kennen niemand mehr, gnädige Frau.

Sie sind ein Narr, rief die Baronin.

Gnädige Frau, es ist Befehl. Entschuldigen Sie mich! Sagen Sie Ihren Namen und was Sie wollen.

Oh, was soll das heißen? Ich werde mich bei Herrn von Villefort über die Unverschämtheit seiner Leute beklagen.

Gnädige Frau, das ist keine Unverschämtheit, es ist Vorsicht; niemand darf hier herein ohne Erlaubnis des Herrn Doktor d'Avrigny, oder ohne mit dem Herrn Staatsanwalt gesprochen zu haben.

Wohl! Gerade mit dem Herrn Staatsanwalt habe ich zu tun. Vorwärts! Hier ist meine Karte, bringen Sie sie Ihrem Herrn.

Der Portier schloß die Tür und ließ Frau Danglars auf der Straße. Einen Augenblick nachher öffnete sich die Tür abermals, diesmal hinreichend, um der Baronin Durchgang zu gewähren; sie ging hinein, und die Tür schloß sich hinter ihr.

So sehr Frau Danglars von ihrem eigenen Ungemach, das sie hergeführt hatte, beunruhigt war, so kam ihr doch der Empfang, der ihr hier zuteil geworden war, so unwürdig vor, daß sie sich vor allem hierüber beklagte.

Doch Villefort hob sein vom Schmerz gebeugtes Haupt empor und schaute sie mit einem so traurigen Lächeln an, daß die Klagen auf ihren Lippen erstarben.

Entschuldigen Sie meine Diener wegen eines Schreckens, aus dem ich ihnen keinen Vorwurf machen kann.

Sie sind also auch unglücklich? sagte die Baronin.

Ja, gnädige Frau.

Und Sie begreifen, was mich hierher führt?

Sie wollen von dem sprechen, was vorgefallen ist, nicht wahr?

Ja, mein Herr, ein furchtbares Unglück.

Das heißt ein Unfall.

Ein Unfall!

Ach! gnädige Frau, entgegnete der Staatsanwalt mit unzerstörbarer Ruhe, ich bin dahin gekommen, daß ich nur unwiederbringliche Dinge ein Unglück nenne.

Glauben Sie, daß man es vergessen wird?

Alles vergißt sich. Ihre Tochter wird sich morgen verheiraten, wo nicht heute; in acht Tagen, wenn nicht morgen. Was aber den Verlust des Bräutigams betrifft, so glaube ich nicht, daß Sie diesen sehr zu beklagen haben.

Frau Danglars schaute Villefort an, denn sie war über diese beinahe spöttische Ruhe ganz, erstaunt.

Bin ich zu einem Freunde gekommen? fragte sie mit einem Tone voll schmerzlicher Würde.

Sie wissen, daß dies der Fall ist, antwortete Villefort, dessen bleiche Wangen sich bei dieser Versicherung mit einer leichten Röte bedeckten.

So seien Sie liebevoller, mein teurer Villefort, sagte die Baronin, sprechen Sie mit mir als Freund und nicht als Staatsbeamter, und wenn ich unendlich unglücklich bin, so sagen Sie mir nicht, ich solle heiter sein.

Villefort verbeugte sich und erwiderte: Gnädige Frau, ich habe seit drei Monaten, wenn ich von Unglück sprechen höre, die ärgerliche Gewohnheit, an das meinige zu denken, und unwillkürlich nimmt mein Geist eine selbstsüchtige Vergleichung vor. Darum kam mir Ihr Unglück gegen das meinige nur wie ein Unfall vor; darum erschien mir neben meiner traurigen Lage die Ihrige als beneidenswert; doch das verdrießt Sie, und wir wollen darüber weggehen. Sie sagten, gnädige Frau?

Ich wollte von Ihnen erfahren, mein Freund, wie es mit dem Betrüger jetzt steht?

Betrüger! wiederholte Villefort; Sie wollen offenbar gewisse Dinge mildern und andere übertreiben; Herr Andrea Cavalcanti oder vielmehr Herr Benedetto ein Betrüger! Sie täuschen sich, gnädige Frau, Benedetto ist ein Mörder.

Mein Herr, ich leugne die Richtigkeit Ihrer Bemerkung nicht, doch je mehr Sie sich mit Strenge gegen diesen Unglücklichen waffnen, desto härter treffen Sie unsere Familie. Vergessen Sie ihn einen Augenblick, statt ihn zu verfolgen; lassen Sie ihn fliehen!

Sie kommen zu spät, die Befehle sind bereits gegeben.

Nun! wenn man ihn verhaftet . . . Glauben Sie, man werde ihn verhaften? – Ich hoffe es.

Wenn man ihn verhaftet; nun so lassen Sie ihn im Gefängnis!

Der Staatsanwalt machte ein verneinendes Zeichen.

Wenigstens bis meine Tochter verheiratet ist.

Unmöglich, gnädige Frau, die Justiz hat ihre strengen Formen.

Selbst für mich? versetzte die Baronin, halb ernst, halb lächelnd.

Für alle, und für mich, wie für die andern.

Ah! rief die Baronin, ohne in Worte umzusetzen, was sie bei diesem Ausruf dachte.

Ja, ich weiß, was Sie sagen wollen, versetzte Villefort, Sie spielen auf die in der Welt verbreiteten furchtbaren Gerüchte an, alle die Todesfälle, die mich seit drei Monaten in Trauer kleiden, auch Valentines schwere Erkrankung seien nicht natürlich?

Ich dachte nicht daran, erwiderte lebhaft Frau Danglars.

Doch, gnädige Frau, Sie dachten daran, und das war kein Unrecht, denn Sie mußten notwendig daran denken, und Sie sagten sich ganz leise: Du, der du das Verbrechen verfolgst, verantworte dich. Warum gibt es an deiner Seite Verbrechen, die unbestraft bleiben?

Die Baronin erbleichte.

Nicht wahr, Sie sagten sich das? – Ich gestehe es.

Ich will Ihnen antworten, und Villefort näherte seinen Stuhl dem der Frau Danglars; dann stützte er seine beiden Hände auf seinen Schreibtisch und sprach mit einem dumpferen Tone als gewöhnlich: Es gibt Verbrechen, die unbestraft bleiben, weil man die Verbrecher nicht kennt und ein unschuldiges Haupt statt eines schuldigen zu treffen befürchtet; doch wenn die Verbrecher bekannt sind, so sollen sie, bei dem lebendigen Gott, sterben, gnädige Frau, wer sie auch sein mögen. Nachdem Sie meinen Eid, den ich halten werde, gehört haben, wagen Sie es noch, mich um Gnade für den Elenden zu bitten?

Ei! mein Herr, sind Sie sicher, daß er so schuldig ist, wie man behauptet?

Hören Sie, hier liegen die ihn betreffenden Akten: Benedetto wurde zuerst im Alter von sechzehn Jahren zu fünf Jahren Galeeren wegen Fälschung verurteilt; Sie sehen, der junge Mensch versprach etwas; dann ist er entwichen, dann Mörder geworden.

Und wer ist dieser Unglückliche?

Weiß man das? Ein Vagabund, ein Korse.

Er ist also von niemand reklamiert worden?

Von niemand; man kennt seine Verwandten nicht.

Doch der andere war aus Lucca?

Auch ein Gauner, wie er, vielleicht sein Genosse.

Die Baronin faltete die Hände und flüsterte mit ihrem süßesten und einschmeichelndsten Tone: Villefort!

Um Gotteswillen, gnädige Frau, entgegnete der Staatsanwalt mit einer trockenen Festigkeit, um Gotteswillen, verlangen Sie doch von mir nicht die Begnadigung eines Schuldigen. Wer bin ich denn? Das Gesetz, das Gesetz. Hat das Gesetz Augen, Ihre Traurigkeit zu sehen? Hat das Gesetz Ohren, Ihre weiche Stimme zu hören? Hat das Gesetz ein Gedächtnis für Ihre zarten Gedanken? Nein, gnädige Frau, das Gesetz befiehlt, und wenn es befohlen hat, schlägt es! Sie werden mir sagen, ich sei ein lebendiges Wesen und kein Kodex, ein Mensch und kein Buch. Schauen Sie mich an, gnädige Frau, schauen Sie um mich her! Haben die Menschen mich als Bruder behandelt, haben sie mich geliebt? Haben sie mich geschont? Hat jemand Gnade für Herrn von Villefort verlangt? Nein! Nein! Nein! Geschlagen, stets geschlagen! Als Frau, das heißt als Sirene, schauen Sie mich beharrlich mit dem bezaubernden, ausdrucksvollen Auge an, das mich daran erinnert, daß ich erröten muß. Wohl! es sei, ja, erröten über das, was Sie wissen, und vielleicht noch über etwas anderes! Doch, seitdem ich gefehlt habe und vielleicht ärger als die andern gefehlt habe, habe ich die Kleider der andern geschüttelt, um das Geschwür darunter zu finden, und ich habe es immer gefunden; ich sage noch mehr, ich habe es mit Glück, mit Freude gefunden, dieses Siegel der Schwäche oder der menschlichen Verkehrtheit! Denn jeder Mensch, den ich als schuldig erkannte, und jeder Schuldige, den ich schlug, erschien mir als ein neuer Beweis dafür, daß ich selbst keine häßliche Ausnahme war! Ah! die ganze Welt ist böse, beweisen wir dies, und schlagen wir den Bösen!

Villefort sprach diese Worte mit einer fieberhaften Wut, die ihm eine wilde Beredsamkeit verlieh.

Oh, mein Herr! rief die Baronin, Sie sind unbarmherzig gegen die andern! Wohl, so sage ich Ihnen, man wird unbarmherzig gegen Sie sein!

Es sei! sagte Villefort, seine Arme mit drohender Gebärde zum Himmel emporstreckend.

Verschieben Sie wenigstens den Prozeß des Unglücklichen, wenn er verhaftet wird, bis zur nächsten Schwurgerichtstagung; das gibt doch sechs Monate zum Vergessen.

Nein, ich habe noch fünf Tage, und die Voruntersuchung ist fertig. Bedenken Sie auch, daß ich ebenfalls vergessen muß! Wenn ich arbeite, wie ich es Tag und Nacht tue, dann gibt es Augenblicke, wo ich mich nicht mehr erinnere, und dann bin ich glücklich nach Art der Toten, und das ist immer noch besser als leiden.

Er ist entflohen; so lassen Sie ihn entfliehen! Die Saumseligkeit ist eine geringe Nachsicht.

Aber ich sagte Ihnen bereits, daß es zu spät ist; mit Tagesanbruch hat der Telegraph gespielt, und zu dieser Stunde . . .

Herr Staatsanwalt, sagte der eintretende Kammerdiener, hier eine Depesche aus dem Ministerium.

Villefort nahm den Brief und entsiegelte ihn rasch.

Frau Danglars bebte vor Schrecken, Villefort vor Freude.

Verhaftet! rief Villefort; man hat ihn in Compiegne verhaftet, es ist vorbei.

Frau Danglars erhob sich kalt und bleich.

Leben Sie wohl, mein Herr! sagte sie.

Leben Sie wohl, gnädige Frau! erwiderte der Staatsanwalt fast freudig und führte sie bis zur Tür zurück.

Dann trat er an einen Schreibtisch, schlug mit dem Rücken seiner rechten Hand auf den Brief und sagte: Gut, ich hatte eine Fälschung, drei Diebstähle und zwei Brandstiftungen, es fehlte mir nur ein Mord – hier ist er; die Tagung wird hübsch sein.

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