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Der Graf von Monte Christo. Sechster Band.

Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo. Sechster Band. - Kapitel 3
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDer Graf von Monte Christo. Sechster Band.
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
illustratorFritz Bergen
translatorMax Pannwitz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Die Straße nach Belgien.

Einige Augenblicke nach der Szene der Verwirrung, welche die unerwartete Erscheinung des Gendarmerieoffiziers und die Enthüllung des Polizeikommissars hervorgebracht hatten, leerte sich das große Danglarssche Hotel mit einer Geschwindigkeit, als wäre einer der Gäste von der Pest oder der Cholera befallen worden.

In dem Hotel des Bankiers waren nur Danglars, der, in sein Kabinett eingeschlossen, vor dem Gendarmerieoffizier seine Aussagen machte, Frau Danglars in ihrem Boudoir und Eugenie zurückgeblieben, die sich mit ihrer unzertrennlichen Freundin, Fräulein Luise d'Armilly, in ihr Zimmer zurückgezogen hatte.

Oh! mein Gott! mein Gott! diese furchtbare Geschichte! sagte die junge Tonkünstlerin; wer konnte dies vermuten? Herr Andrea Cavalcanti . . . ein Mörder . . . aus dem Bagno entsprungen . . . ein Galeerensklave! . . .

Ein ironisches Lächeln zog Eugenies Lippen zusammen.

In der Tat, ich war prädestiniert, sagte sie. Ich entgehe Morcerf, um in Cavalcantis Hände zu fallen.

Oh! verwechsele den einen nicht mit dem andern, Eugenie.

Schweige, alle Männer sind Schändliche, bis jetzt verachtete ich sie, nun hasse ich sie.

Was werden wir machen?

Was wir in drei Tagen machen sollten . . . abreisen.

Also heiratest du nicht mehr, du willst beständig . . .

Höre, Luise, ich habe einen Abscheu vor diesem Leben der Gesellschaft, das stets geordnet, abgemessen, geregelt ist, wie unser Notenpapier. Was ich immer gewünscht, gewollt, erstrebt habe, ist das Leben einer Künstlerin, das freie Leben, das unabhängige Leben, wobei man nur sich selbst Rechenschaft abzulegen hat. Hier bleiben, warum? Damit man es in einem Monat abermals versucht, mich zu verheiraten – mit wem? Mit Herrn Debray vielleicht, wie man es einen Augenblick im Sinne hatte. Nein, Luise, nein, der Vorfall heute abend wird mir zur Entschuldigung dienen; ich suchte ihn nicht, ich verlangte ihn nicht, Gott schickt ihn mir, und er ist willkommen.

Wie stark und mutig du bist, sagte das blonde, schwächliche Mädchen zu seiner braunen Gefährtin.

Kennst du mich noch nicht? Also, zunächst der Reisewagen?

Ist zum Glück seit drei Tagen gekauft.

Unser Paß? – Hier ist er!

Eugenie entfaltete mit ihrer gewöhnlichen Festigkeit ein Papier und las: Herr Leon d'Armilly, einundzwanzig Jahre alt; Gewerbe: Künstler; Haare: schwarz; Augen: schwarz; reist mit seiner Schwester.

Durch wen hast du dir diesen Paß verschafft?

Als ich zu Herrn von Monte Christo ging und ihn um Briefe an die Direktoren der Theater in Rom und Neapel bat, drückte ich ihm meine Befürchtungen darüber aus, daß ich allein reisen sollte. Er begriff mich vollkommen, bot an, mir einen Männerpaß zu verschaffen, und zwei Tage nachher erhielt ich diesen, dem ich mit meiner Hand die Worte: Reist mit seiner Schwester, beigefügt habe.

Wir brauchen also nur noch unsern Koffer zu packen und abzureisen.

Überlege es wohl, Eugenie.

Oh! ich habe es wohl überlegt; ich bin es müde, von nichts sprechen zu hören, als von Bilanzen, Monatsabschlüssen, von Steigen und Fallen der Rente, von spanischen Fonds, von Haytischen Papieren. Statt dessen, Luise, begreifst du! die Luft, die Freiheit, der Gesang der Vögel, die Ebenen der Lombardei, die Kanäle Venedigs, die Paläste Roms, das Gestade Neapels. Wieviel besitzen wir, Luise?

Das befragte Mädchen zog aus einem eingelegten Sekretär ein kleines Portefeuille mit Schloß, öffnete es und zählte dreiundzwanzig Banknoten.

Dreiundzwanzigtausend Franken, sagte Luise.

Und für wenigstens ebensoviel Perlen, Diamanten und Juwelen, sagte Eugenie. Wir sind mit 45 000 Franken reich, wir können zwei Jahre lang wie Prinzessinnen, oder vier Jahre lang anständig leben. Doch ehe sechs Monate vergehen, haben wir, du mit deiner Musik, ich mit meiner Stimme, unser Kapital verdoppelt. Vorwärts! Übernimm du das Geld, ich übernehme das Kistchen mit den Edelsteinen, so daß, wenn eine von uns das Unglück hätte, ihren Schatz zu verlieren, die andere immer noch den ihrigen besäße. Und nun den Koffer, rasch den Koffer.

Mit einer wunderbaren Geschäftigkeit fingen die beiden an, in einem Koffer alle Gegenstände aufzuhäufen, die sie für ihre Reise nötig zu haben glaubten.

Gut, nun schließe den Koffer, während ich die Kleider wechsele, sagte Eugenie.

Sie zog eine Schublade auf, aus der sie einen blauseidenen Regenmantel für Fräulein d'Armilly nahm, mit dem diese sofort ihre Schultern bedeckte, und einen vollständigen Männeranzug, von den Stiefelchen bis zum Oberrock, nebst einem Vorrat von Wäsche. Mit einer Geschwindigkeit, die bewies, daß sie nicht zum ersten Male Männerkleider anzog, schlüpfte Eugenie in ihre Stiefelchen, in die Beinkleider, band sich eine Krawatte um, knöpfte die Weste bis zum Halse zu und legte den Oberrock an, der ihre zarte, schön gewachsene Gestalt hervorhob.

Oh! In der Tat, das ist sehr gut! sagte die Tonkünstlerin, Eugenie mit Bewunderung anschauend; doch diese schönen, schwarzen Haare, wird sie ein Männerhut zusammenhalten?

Du wirst es sehen, sagte Eugenie.

Mit der linken Hand die Flechte ergreifend, die ihre langen Finger kaum umspannen konnten, faßte sie mit der rechten eine große Schere, und bald fiel das weiche, glänzende Haar zu den Füßen des Mädchens nieder. Als die obere Flechte abgeschnitten war, ging Eugenie zu denen an den Schläfen über, die sie nach und nach ebenfalls abschnitt, ohne daß ihr die geringste Klage entschlüpfte; ihre Augen, unter ihren ebenholzschwarzen Brauen, funkelten im Gegenteil freudiger als gewöhnlich.

Oh! die herrlichen Haare! sagte Luise mit Bedauern.

Ei! bin ich nicht so hundertmal besser dran? rief Eugenie, die zerstreuten Locken ihres ganz männlich gewordenen Kopfes glättend, und findest du mich nicht schöner?

Oh! Du bist schön, immer schön! rief Luise. Doch wohin gehen wir?

Nach Belgien, wenn du willst, es ist die nächste Grenze. Wir erreichen Brüssel, Lüttich, Aachen; wir fahren den Rhein hinauf bis nach Straßburg, reisen durch die Schweiz und steigen über den St. Bernhard nach Italien hinab; bist du damit einverstanden?

Jawohl! – Was betrachtest du?

Ich betrachte dich. In der Tat, du bist anbetungswürdig; man sollte meinen, du entführst mich.

Ei, bei Gott! man würde recht haben.

Und die Freundinnen, von denen man hätte meinen sollen, sie seien in Tränen versunken, brachen in ein Gelächter aus.

Nachdem sie ihre Lichter ausgelöscht, öffneten die Flüchtlinge, spähend und horchend, die Tür eines Ankleidezimmers, das auf eine in den Hof führende Gesindetreppe ging. Eugenie schritt voran und hielt mit einer Hand den Henkel des Koffers, den an dem entgegengesetzten Henkel Fräulein d'Armilly kaum mit ihren beiden Händen aufzuheben vermochte. Der Hof war leer, und nur beim Portier war noch Licht. Auf Eugenies Verlangen, die Tür zu öffnen, ging er einige Schritte vor, um die Person zu erkennen, die hinausgehen wollte; als er aber einen jungen Mann sah, der ungeduldig sein Beinkleid mit seinem Stöckchen peitschte, öffnete er auf der Stelle. Sogleich schlüpfte Luise wie eine Eidechse durch die halb offene Tür und sprang leise hinaus. Scheinbar ruhig folgte ihr Eugenie.

Es kam ein Dienstmann vorüber, dem man den Koffer übergab. Die jungen Mädchen bezeichneten ihm als Ziel ihrer Wanderung die Rue de la Victoire No. 26 und marschierten hinter dem Mann her, dessen Gegenwart Luise beruhigte.

Man kam an das angegebene Ziel. Eugenie befahl, den Koffer niederzusetzen, gab dem Manne etwas Münze und schickte ihn fort, nachdem sie an den Laden geklopft hatte.

Dieser Laden war der einer zum voraus benachrichtigten Wäscherin; sie hatte sich noch nicht zu Bette gelegt und öffnete.

Fräulein, sagte Eugenie, lassen Sie vom Portier den Wagen vorziehen und schicken Sie ihn nach der Post, um die Pferde zu holen. Hier sind fünf Franken für seine Mühe.

Die Wäscherin sah ganz erstaunt aus, doch da sie verabredetermaßen zwanzig Louisd'or bekommen sollte, so machte sie nicht die geringste Bemerkung.

In einer Viertelstunde kam der Hansmeister mit einem Postillon und mit Pferden zurück.

Hier ist der Paß, sagte der Postillon; welchen Weg schlagen wir ein, junger Herr?

Die Straße nach Fontainebleau, antwortete Eugenie mit einer fast männlich klingenden Stimme.

Was sagst du? fragte Luise.

Ich gebe einen falschen Weg an, erwiderte Eugenie; die Frau, der wir zwanzig Louisd'or geschenkt haben, kann uns für vierzig verraten; auf dem Boulevard nennen wir eine andere Richtung. Und das Mädchen sprang in den vortrefflich zum Schlafen eingerichteten Wagen.

Du hast immer recht, Eugenie, sagte die Gesanglehrerin, neben ihrer Freundin Platz nehmend.

Eine Viertelstunde nachher fuhr der Postillon, auf den rechten Weg gewiesen, durch die Barriere Saint-Martin.

Herr Danglars hatte keine Tochter mehr.

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