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Der Graf von Monte Christo. Sechster Band.

Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo. Sechster Band. - Kapitel 23
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDer Graf von Monte Christo. Sechster Band.
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
illustratorFritz Bergen
translatorMax Pannwitz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Die Vergebung.

Am andern Morgen hatte Danglars abermals Hunger; die Luft dieser Höhle war im höchsten Maße Appetit erregend; der Gefangene glaubte, an diesem Tage müßte er keine Ausgabe machen; als sparsamer Mann hatte er die Hälfte von seinem Huhn und ein Stück von seinem Brot in einer Ecke seiner Zelle versteckt. Doch er hatte kaum gegessen, als er Durst bekam; darauf hatte er nicht gerechnet.

Er kämpfte gegen den Durst, bis zu dem Augenblick, wo er fühlte, daß seine vertrocknete Zunge an seinem Gaumen anklebte. Als Danglars dem verzehrenden Feuer nicht mehr widerstehen konnte, rief er.

Eine Wache öffnete die Tür; es war ein neuer Bandit.

Er dachte, es wäre für ihn besser, wenn er mit einem alten Bekannten zu tun hätte, und rief Peppino.

Hier bin ich, Exzellenz, sagte Peppino, mit einem Eifer herbeieilend, den Danglars als ein gutes Vorzeichen betrachtete, was wünschen Sie?

Zu trinken, sprach der Gefangene.

Exzellenz, Sie wissen, daß der Wein in der Gegend von Rom übermäßig teuer ist.

So geben Sie mir Wasser, erwiderte Danglars, der den Stoß zu parieren suchte.

Exzellenz, das Wasser ist noch viel seltener, als der Wein; es herrscht gegenwärtig eine so große Trockenheit.

Gehen Sie doch, Sie fangen wieder an, scheint es! sagte Danglars lächelnd, um sich den Anschein zu geben, als scherze er. Der Unglückliche fühlte, wie der Schweiß seine Schläfe befeuchtete.

Nun, mein Freund, fuhr er fort, als er sah, daß Peppino unempfindlich blieb, ich bitte Sie um ein Glas Wein! Werden Sie es mir abschlagen?

Ich habe Ihnen bereits gesagt, Exzellenz, daß wir den Wein nicht im kleinen verkaufen, erwiderte Peppino ernst.

Wohl! So geben Sie mir eine Flasche vom billigsten.

– Sie haben alle denselben Preis. – Und was ist dieser Preis? – Fünfundzwanzigtausend Franken die Flasche.

Sagen Sie mir, rief Danglars mit größter Bitterkeit, daß Sie mich ganz und gar ausziehen wollen; das ist schneller und besser auf einmal getan, als wenn Sie mich so Fetzen für Fetzen auffressen.

Es ist dies möglicherweise der Plan des Herrn. – Wer ist dieser Herr? – Der, zu dem man Sie vorgestern geführt hat. – Und wo ist er? Machen Sie, daß ich ihn sehen kann. – Das ist leicht.

Einen Augenblick nachher stand Luigi Vampa vor Danglars.

Sie rufen mich? fragte er den Gefangenen.

Sie, mein Herr, sind der Anführer der Leute, die mich hierher gebracht haben? – Ja, Exzellenz.

Wieviel Lösegeld verlangen Sie von mir? Sprechen Sie.

Ganz einfach die fünf Millionen, die Sie bei sich tragen.

Danglars fühlte einen ungeheuren Krampf sein Herz zermalmen.

Das ist alles, was ich auf der Welt habe, mein Herr, es ist der Rest eines ungeheuren Vermögens; wenn Sie mir es nehmen, so nehmen Sie mir mein Leben.

Es ist uns verboten, Ihr Blut zu vergießen, Exzellenz.

Und durch wen ist Ihnen dies verboten?

Durch den, dem wir gehorchen.

Ich glaubte, Sie seien selbst der Führer?

Ich bin der Führer dieser Leute, doch ein anderer ist mein Gebieter.

Und dieser Gebieter gehorcht auch jemand?

Ja. – Wem? – Gott.

Danglars blieb einen Augenblick nachdenklich, und sagte sodann: Ich begreife Sie nicht. – Das ist möglich.

Und dieser Führer hat Ihnen gesagt, Sie sollen mich so behandeln? – Ja. – Was ist sein Zweck? Ich weiß es nicht. – Aber meine Börse wird sich erschöpfen – Das ist wahrscheinlich. – Hören Sie, wollen Sie eine Million? – Nein. – Zwei Millionen? – Nein.

Drei Millionen? .. Vier? .. Hören Sie, vier? Ich gebe sie Ihnen unter der Bedingung, daß Sie mich gehen lassen.

Warum bieten Sie uns vier Millionen für das, was fünf wert ist, versetzte Vampa; das ist Wucher, Herr Bankier, oder ich verstehe mich nicht darauf.

Nehmen Sie alles! Nehmen Sie alles! sage ich Ihnen, und töten Sie mich! rief Danglars.

Still! Still! Beruhigen Sie sich, Exzellenz, Sie regen Ihr Blut so auf, daß Sie einen Appetit bekommen, bei dem Sie eine Million täglich verzehren; Mord und Tod! Seien Sie sparsamer, lieber Herr.

Doch wenn ich kein Geld mehr besitze, um Sie zu bezahlen, mein Herr? rief Danglars in Verzweiflung.

Dann werden Sie Hunger haben.

Ich werde Hunger haben? fragte Danglars erbleichend.

Das ist wahrscheinlich . . . antwortete Vampa phlegmatisch.

Aber Sie sagen, Sie wollen mich nicht töten? Und dennoch wollen Sie mich Hungers sterben lassen?

Das ist nicht dasselbe.

Wohl! Ihr Elenden, rief Danglars, ich werde Eure schändlichen Berechnungen vereiteln. Soll ich einmal sterben, so will ich lieber sogleich ein Ende machen: laßt mich leiden, martert mich, tötet mich, doch Ihr sollt meine Unterschrift nicht bekommen.

Wie es Ihnen beliebt, Exzellenz, sagte Vampa und verließ die Zelle.

Danglars warf sich brüllend auf die Bockfelle seines Lagers.

Wer waren diese Menschen? Wer war dieser sichtbare Führer? Wer war der unsichtbare Führer? Welche Pläne verfolgten sie mit ihm? Und wenn die ganze Welt sich loskaufen konnte, warum vermochte er allein dies nicht?

Oh! Allerdings der Tod, ein rascher und gewaltsamer Tod war ein gutes Mittel, diese erbitterten Feinde zu hintergehen, die eine unbegreifliche Rache gegen ihn zu planen schienen.

Ja, aber sterben! Zum ersten Male vielleicht in seiner ganzen Laufbahn dachte Danglars an den Tod zugleich mit dem Verlangen und der Furcht, zu sterben. Doch die Stunde war für ihn gekommen, seinen Blick auf das unversöhnliche Gespenst zu heften, das im Innern jedes Geschöpfes lebt und das nun bei jedem Pulsschlage des Herzens zu ihm sagte: Du wirst sterben.

Danglars glich jenen wilden Tieren, welche die Jagd aufregt, in Verzweiflung bringt, und denen es durch die Gewalt der Verzweiflung zuweilen gelingt, sich zu retten.

Danglars dachte an Flucht.

Doch die Mauern waren die Felsen selbst, und vor dem einzigen Ausgang, der aus der Zelle führte, lag ein Mensch; hinter diesem Menschen sah man mit Flinten bewaffnete Schatten hin und her gehen.

Sein Entschluß, nicht zu unterzeichnen, dauerte zwei Tage, dann verlangte er Nahrungsmittel und bot eine Million. Man trug ihm ein vortreffliches Abendessen auf und nahm seine Million.

Von da an war das Leben des unglücklichen Gefangenen eine beständige Ausschweifung. Er hatte so viel gelitten, daß er sich keinen weiteren Leiden mehr aussetzen wollte und sich allen Forderungen unterzog. Nach Verlauf von acht Tagen machte er eines Nachmittags, als er wie in den schönen Tagen seines Glückes gespeist hatte, seine Rechnung und bemerkte, daß er so viele Anweisungen abgegeben, daß ihm nur noch fünfzigtausend Franken übrig blieben.

Da ging eine seltsame Umwandlung in ihm vor. Er, der fünf Millionen hingegeben hatte, suchte die fünfzigtausend Franken zu retten, die ihm blieben; er beschloß, eher die größten Entbehrungen zu ertragen, als diese fünfzigtausend Franken herzugeben. Der Unglückliche nährte einen Schimmer von Hoffnung, der an Wahnsinn grenzte; er, der seit so langer Zeit Gott vergessen hatte, dachte an ihn, um sich zu sagen, Gott habe zuweilen Wunder getan. Diese Höhle könnte versinken; die päpstlichen Karabinieri könnten diesen verfluchten Aufenthaltsort entdecken und ihm zu Hilfe kommen; dann würden ihm noch fünfzigtausend Franken bleiben; fünfzigtausend Franken wären eine hinreichende Summe, um einen Menschen vor dem Hungertode zu schützen. Er bat Gott, ihm diese fünfzigtausend Franken zu erhalten, und indem er bat, weinte er.

So vergingen drei Tage, während deren der Name Gottes beständig, wenn nicht in seinem Herzen, doch auf seinen Lippen war. In Zwischenräumen hatte er Augenblicke des Irrsinns, in denen er durch die Fenster einer armseligen Kammer einen Greis im Todeskampfe auf einem elenden Lager zu erblicken glaubte. Dieser Greis starb auch vor Hunger.

Am vierten Tage war er kein Mensch mehr, sondern ein lebendiger Leichnam; er hatte auf dem Boden die letzten Krümchen seiner früheren Mahle zusammengerafft und fing an das Stroh zu verzehren, mit dem der Boden bedeckt war.

Dann flehte er Peppino an, wie man einen Schutzengel anfleht, ihm etwas Speise zu geben; er bot ihm tausend Franken für einen Mund voll Brot. Peppino antwortete nicht.

Am fünften Tage schleppte er sich vor den Eingang der Zelle.

Ihr seid also kein Christ? sagte er, sich auf seine Knie erhebend; Ihr wollt einen Menschen töten, der Euer Bruder vor Gott ist?

Und er fiel mit dem Gesicht auf die Erde.

Dann fuhr er plötzlich wieder auf und rief: Der Führer!

Hier bin ich! sagte, sogleich erscheinend, Vampa, was wünschen Sie noch?

Nehmen Sie mein letztes Geld, stammelte Danglars, ihm sein Portefeuille reichend, nehmen Sie es und lassen Sie mich in dieser Höhle; ich verlange meine Freiheit nicht mehr, ich verlange mein Leben nicht mehr.

Sie leiden also sehr? fragte Vampa.

Ja, ich leide grausam.

Es gibt aber Menschen, die mehr gelitten haben.

Ich glaube es nicht.

Doch! Die, welche vor Hunger gestorben sind.

Danglars dachte an den Greis, den er während der Stunde seines Irrsinns durch die Fenster seiner armseligen Kammer auf seinem Lager sich winden sah. Er schlug mit der Stirn auf die Erde und stieß einen Seufzer aus.

Ja, sagte er, es ist wahr; es gibt Leute, die mehr gelitten haben, als ich, aber diese waren Märtyrer.

Sie bereuen wenigstens? sagte eine düstere, feierliche Stimme, welche die Haare auf Danglars' Haupte sich sträuben ließ.

Sein geschwächter Blick suchte die Gegenstände zu unterscheiden, und er sah hinter dem Banditen einen Mann, der in einen Mantel gehüllt und vom Schatten eines steinernen Pfeilers bedeckt war.

Was soll ich bereuen? stammelte Danglars.

Das Böse, das Sie getan haben.

Oh! ja, ich bereue es, ich bereue es, rief Danglars.

Und er schlug mit seiner abgemagerten Faust an seine Brust.

Dann vergebe ich Ihnen, sagte der Unbekannte, seinen Mantel abwerfend und in das Licht vorschreitend.

Der Graf von Monte Christo! rief Danglars, bleicher vor Schrecken, als er es einen Augenblick zuvor vor Hunger und Elend gewesen war.

Sie täuschen sich; ich bin nicht der Graf von Monte Christo.

Und wer sind Sie denn?

Ich bin der, den Sie verkauft, preisgegeben, entehrt haben; ich bin der, dessen Braut Sie mit Schmach bedeckten; ich bin der, auf den Sie traten, auf dem Sie fortschritten, um sich zum Glück aufzuschwingen; ich bin der, dessen Vater Sie vor Hunger sterben ließen, den Sie verurteilt hatten, ebenfalls Hungers zu sterben, und der Ihnen dennoch vergibt, weil er selbst der Vergebung bedarf; ich bin Edmond Dantes.

Danglars stieß einen Schrei aus und stürzte, so lang er war, zur Erde nieder.

Stehen Sie auf, sagte der Graf, Ihr Leben bleibt unverletzt; ein solches Glück ist Ihren zwei Genossen nicht widerfahren; der eine ist wahnsinnig, der andere ist tot. Behalten Sie die fünfzigtausend Franken, die Sie noch haben, ich mache sie Ihnen zum Geschenk. Die fünf Millionen, die Sie den Hospitälern gestohlen haben, sind diesen bereits von unbekannter Hand wiedererstattet worden.

Und nun essen Sie und trinken Sie! Für heute abend sind Sie mein Gast.

Vampa, wenn dieser Mensch sich beruhigt hat, lassen Sie ihn frei!

Danglars blieb auf der Erde liegen, bis sich der Graf entfernte; als er das Haupt erhob, sah er nur noch einen im Gange verschwindenden Schatten, vor dem sich die Räuber verbeugten.

Danglars wurde dem Befehle des Grafen gemäß von Vampa mit dem Besten, was er hatte, erquickt. Als er seinen Hunger gestillt hatte, ließ ihn der Anführer der Banditen in einen Wagen steigen, begleitete ihn eine Strecke weit und lehnte ihn dann unfern der Straße an einen Baum.

Hier blieb er bis zum Anbruch des Tages, ohne zu wissen, wo er war.

Beim Morgenlichte bemerkte er, daß er sich in der Nähe eines Baches befand; er hatte Durst und schleppte sich bis zu diesem Bache. Als er sich neigte, um daraus zu trinken, sah er, daß seine Haare weiß geworden waren.

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