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Der Graf von Monte Christo. Sechster Band.

Alexandre Dumas (der Ältere): Der Graf von Monte Christo. Sechster Band. - Kapitel 19
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typefiction
authorAlexander Dumas d. Ä.
titleDer Graf von Monte Christo. Sechster Band.
publisherFranckh'sche Verlagshandlung
illustratorFritz Bergen
translatorMax Pannwitz
correctorreuters@abc.de
secondcorrectorgerd.bouillon@t-online.de
senderwww.gaga.net
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Das Haus in den Allées de Meillan.

Sie legten zehn Stunden zurück, ohne ein Wort zu sprechen, Morel träumte, Monte Christo schaute den Träumer an.

Morel, sagte der Graf endlich zu ihm, sollten Sie bereuen, daß Sie mir gefolgt sind?

Nein, Herr Graf, doch Paris verlassen . . .

Hätte ich geglaubt, das Glück erwarte Sie in Paris, so würde ich Sie dort gelassen haben.

In Paris ruht Valentine, und von Paris scheiden heißt sie zum zweiten Male verlieren.

Maximilian, sagte der Graf, Freunde, welche wir verloren haben, ruhen nicht in der Erde; sie sind in unserem Herzen begraben, und Gott hat es so gewollt, damit wir sie stets bei uns haben können. Ich habe zwei Freunde, die mich auf diese Art beständig begleiten: der eine ist der, welcher mir das Leben, der andere der, welcher mir den Verstand gegeben hat. Der Geist beider lebt in mir. Ich befrage sie im Zweifel, und wenn ich etwas Gutes tat, so habe ich es ihren Ratschlägen zu verdanken. Beraten Sie sich mit der Stimme Ihres Herzens, Morel, und fragen Sie, ob Sie mir fortwährend dieses böse Gesicht machen sollen.

Mein Freund, sagte Morel, die Stimme meines Herzens ist sehr traurig und verheißt mir nur Unglück.

Es ist das Eigentümliche geschwächter Geister, daß sie alle Dinge nur durch einen schwarzen Flor sehen. Die Seele bildet sich selbst ihren Horizont; Ihre Seele ist düster, und sie läßt Ihnen den Himmel stürmisch erscheinen.

Das mag wahr sein, sagte Maximilian und verfiel wieder in seine Träumerei.

Die Reise ging mit wunderbarer Schnelligkeit vor sich, die Städte zogen wie Schatten auf ihrem Wege vorüber. Am andern Morgen kamen sie in Chalons an, wo sie das Dampfboot des Grafen erwartete. Ohne einen Augenblick zu verlieren, wurde der Wagen an Bord gebracht, nachdem die beiden Reisenden selbst eingeschifft waren.

Was den Grafen betrifft, so schien ihn, je mehr er sich von Paris entfernte, eine um so größere Heiterkeit wie eine Glorie zu umgeben; es war, als kehre ein Verbannter in sein Vaterland zurück.

Marseille, das weiße, warme, lebendige Marseille, die jüngere Schwester von Tyrus und Karthago, die ihnen in der Herrschaft auf dem mittelländischen Meere folgte, Marseille, das immer jünger wird, je mehr es altert, erschien bald vor ihren Augen. Dieser runde Turm, dieses Fort Saint-Nicolas, das Stadthaus, der Hafen mit den Kais von Backsteinen, wo beide als Kinder gespielt hatten, boten den Reisenden einen erinnerungsreichen Anblick.

Auf der Canebière blieben sie stehen.

Ein Schiff ging nach Algier ab. Das geschäftige Handhaben der Warenballen, die auf dem Verdecke sich drängenden Passagiere, die Menge der Verwandten, der Freunde, die hier Abschied nahmen, weinten und schrieen; alle diese lärmenden Szenen vermochten Maximilian einem Gedanken nicht zu entreißen, der ihn ergriff, sobald er den Fuß auf die breiten Platten des Kais setzte. Sehen Sie, sagte er, Monte Christo am Arme fassend, dies ist der Ort, wo mein Vater stand, als der Pharao in den Hafen einlief. Hier warf sich der brave Mann, den Sie vom Tode und von der Schande erretteten, in meine Arme; ich fühle noch seine Tränen auf meinem Antlitz, und er weinte nicht allein, sondern es weinten noch viele Leute, die uns sahen.

Monte Christo lächelte und sagte, auf eine Straßenecke deutend: Ich war dort.

Als er dies sagte, hörte man in der von ihm angegebenen Richtung ein schmerzliches Seufzen, und man sah eine Frau, die einem Passagier des abgehenden Schiffes Zeichen machte. Der Anblick dieser Frau, die verschleiert war, brachte bei Monte Christo eine Erschütterung hervor, die Morel leicht wahrgenommen hätte, wären seine Augen nicht auf das Schiff geheftet gewesen.

Oh mein Gott! rief Morel, ich täusche mich nicht! jener junge Mann mit den Epauletten des Unterleutnants ist Albert von Morcerf!

Ja, sagte Monte Christo, ich habe ihn erkannt.

Wie kann dies sein? Sie schauten auf die entgegengesetzte Seite.

Der Graf lächelte, wie er es machte, wenn er nicht antworten wollte, wobei seine Augen zu der verschleierten Frau zurückkehrten, die an der Straßenecke verschwand. Dann wandte er sich um und sagte zu Maximilian: Lieber Freund, haben Sie nichts in dieser Gegend zu tun?

Ich habe auf dem Grabe meines Vaters zu weinen, antwortete Morel mit dumpfem Tone.

Es ist gut, gehen Sie, und erwarten Sie mich dort, ich werde Sie abholen.

Sie verlassen mich?

Ja . . . ich habe auch eine Pflicht zu erfüllen.

Monte Christo ließ Maximilian weggehen und blieb auf derselben Stelle, bis er verschwunden war; dann erst wanderte er nach den Allées de Meillan, um das kleine Haus aufzusuchen, das unsere Leser am Anfange dieser Geschichte kennen gelernt haben.

Es erhob sich noch im Schatten der großen Lindenallee, die den müßigen Marseillern als Spaziergang dient, und im Schmucke der großen Vorhänge von Weinreben, die auf dem von der glühenden Sonne des Südens vergilbten Gesteine ihre geschwärzten und gezackten Arme kreuzten.

In dieses trotz seines Alters reizende, trotz seiner Ärmlichkeit heitere Haus, das einst Dantes' Vater bewohnte, trat die Frau mit dem langen Schleier, die Monte Christo von dem abgehenden Schiffe sich entfernen sah.

Für den Grafen waren die ausgetretenen Stufen vor der Tür alte Bekannte; er verstand es besser als irgend jemand, diese Tür zu öffnen, deren innere Klinke ein Nagel mit breitem Kopfe hob.

Er trat auch ein, ohne zu klopfen, ohne sich melden zu lassen, wie ein Freund, wie ein Gast.

Am Ende eines mit Backsteinen gepflasterten Ganges öffnete sich, reich an Wärme, an Sonne und an Licht, ein kleiner Garten, derselbe, wo an dem bezeichneten Orte Mercedes die Summe gefunden hatte, deren Verwahrung der Graf aus Zartgefühl um vierundzwanzig Jahre zurückdatierte. Von der Schwelle der Haustür erblickte man die ersten Bäume des Gartens.

Schon auf der Schwelle hörte Monte Christo ein Seufzen, das einem Schluchzen glich. Dieses Seufzen leitete seinen Blick, und unter einer Laube von dichtem Blätterwerk sah er Mercedes mit gesenktem Kopfe und weinend auf einer Bank sitzen.

Monte Christo machte einige Schritte, der Sand knisterte unter seinen Füßen.

Mercedes hob das Haupt und stieß einen Schrei des Schreckens aus, als sie einen Mann vor sich sah.

Gnädige Frau, sagte der Graf, es liegt nicht mehr in meiner Gewalt, Ihnen das Glück zu bringen; doch ich biete Ihnen den Trost; wollen Sie ihn als von einem Freunde kommend annehmen?

Ich bin in der Tat sehr unglücklich, erwiderte Mercedes; allein auf der Welt . . . Ich besaß nur meinen Sohn, und er hat mich verlassen.

Und er hat wohl daran getan, gnädige Frau, Ihr Sohn ist ein edles Herz, versetzte der Graf. Er hat begriffen, daß jeder Mensch dem Vaterlande einen Tribut schuldig ist, die einen ihre Talente, die andern ihren Gewerbefleiß; diese ihren Schweiß, jene ihr Blut. Wäre er bei Ihnen geblieben, so würde er ein unnützes Leben in Schwermut hingebracht haben. Im Kampfe gegen sein Mißgeschick, das er sicherlich in Glück verwandelt, wird er groß und stark werden. Lassen Sie ihn für Sie beide eine neue Zukunft schaffen; ich wage Ihnen zu versprechen, daß sie in sicheren Händen ist.

Oh! dieses Glück, sagte die arme Frau, traurig den Kopf schüttelnd, dieses Glück, das ich Gott aus dem Grunde meines Herzens bitte ihm zu gewähren, werde ich nicht genießen. Es ist so vieles in mir und um mich her in Trümmer gegangen, daß ich mich meinem Grabe nahe fühle. Sie haben wohl daran getan, Herr Graf, mich an einen Ort zu versetzen, wo ich so glücklich gewesen bin. Da, wo man glücklich gewesen ist, muß man sterben.

Ach! Alle Ihre Worte, gnädige Frau, fallen bitter und brennend auf mein Herz, um so bitterer und um so brennender, als Sie recht haben, wenn Sie mich hassen; ich habe Ihr ganzes Unglück verursacht. Warum werfen Sie mir meine Schuld nicht vor, warum klagen Sie mich nicht an?

Sie hassen, Sie anschuldigen! Sie, Edmond . . . den Mann, der meinem Sohne das Leben gerettet hat, hassen, anschuldigen! Denn nicht wahr, es ist Ihre unselige, blutige Absicht gewesen, Herrn von Morcerf den Sohn zu töten, auf den er so stolz war? Oh! Schauen Sie mich an, und Sie werden sehen, ob an mir auch nur ein Schein von Vorwurf wahrzunehmen ist.

Der Graf schlug seine Augen auf und betrachtete Mercedes, die, sich halb aufrichtend, ihre Hände gegen ihn ausstreckte.

Oh! Schauen Sie mich an, fuhr sie mit einem Gefühle tiefer Schwermut fort; man kann den Glanz meiner Augen heute ertragen, die Zeit ist vorüber, wo ich Edmond Dantes zulächelte, der mich dort an dem Fenster jener von seinem alten Vater bewohnten Mansarde erwartete . . . Seit damals sind viele schmerzliche Tage vergangen und haben einen Abgrund zwischen mir und jener Zeit gegraben. Sie anklagen, Edmond, Sie hassen, mein Freund, nein! Mich klage ich an, mich hasse ich! Oh! Ich Elende! rief sie, die Hände faltend und die Augen zum Himmel aufschlagend. Wie bin ich bestraft worden! . . . Ich hatte die Religion, die Unschuld, die Liebe, dieses dreifache Glück, das die Engel bildet, und ich Elende zweifelte an Gott.

Monte Christo ging einen Schritt auf sie zu und reichte ihr schweigend die Hand.

Nein, sagte sie, sacht die ihrige zurückziehend, nein, mein Freund, berühren Sie mich nicht. Sie haben mich verschont, und dennoch war ich von allen, die Sie geschlagen haben, die Schuldigste. Alle haben aus Haß, aus Habgier, aus Selbstsucht gehandelt, ich handelte aus Feigheit; sie wurden von Begierden getrieben, und mich trieb die Furcht. Nein, drücken Sie meine Hand nicht, Edmond. Sie sinnen auf ein liebevolles Wort, ich fühle dies; sagen Sie es nicht, behalten Sie es für eine andere, ich bin dessen nicht würdig. Sehen Sie . . . das Unglück hat meine Haare grau gemacht; meine Augen haben so viele Tränen vergossen, daß sie von blauen Adern umzogen sind; meine Stirn runzelt sich. Sie, Edmond, sind im Gegenteil immer jung, immer schön, immer stolz. Das kommt davon her, daß Sie den Glauben, daß Sie die Kraft gehabt haben, daß Sie auf Gott bauten, daß Gott Sie unterstützte. Ich bin feig gewesen, ich habe Gott verleugnet, Gott hat mich verlassen, und so bin ich nur noch eine Ruine.

Mercedes zerfloß in Tränen; das Herz der Frau brach unter dem gewaltigen Stoße der Erinnerungen.

Monte Christo nahm ihre Hand und küßte sie ehrfurchtsvoll; aber sie fühlte selbst, daß dieser Kuß ohne Glut war, wie der, den der Graf auf die marmorne Hand der Bildsäule einer Heiligen gedrückt hätte.

Es gibt von vornherein verdammte Wesen, fuhr sie fort, Wesen, deren ganze Zukunft ein erster Fehler zertrümmert. Ich hielt Sie für tot und hätte sterben sollen; denn wozu nutzte es, die Trauer um Sie ewig im Herzen zu tragen? Nur dazu, aus einer Frau von neununddreißig Jahren eine Frau von fünfzig zu machen. Wozu hat es genutzt, daß ich Sie allein unter allen erkannte und so meinen Sohn retten konnte? Mußte ich nicht den Mann, den ich als Gatten angenommen, so schuldig er auch war, ebenfalls retten? Doch ich ließ ihn sterben; mein Gott! Was sage ich, ich trug durch meine feige Unempfindlichkeit, durch meine Verachtung zu seinem Tode bei, indem ich mich nicht erinnerte, nicht erinnern wollte, daß er sich meinetwegen zum Verräter und Meineidigen gemacht hatte! Wozu nutzt es endlich, daß ich meinen Sohn bis hierher begleitet habe, da ich mich hier von ihm trenne, da ich ihn allein abreisen lasse, da ich ihn dem verzehrenden Boden Afrikas preisgebe! Oh! Ich bin feig gewesen, sage ich Ihnen, ich habe meine Liebe verleugnet und bringe allem, was mich umgibt, Unglück.

Nein, Mercedes, sagte Monte Christo, nein! Fassen Sie eine bessere Meinung von sich selbst. Nein, Sie sind eine edle, fromme Frau und haben mich durch Ihren Schmerz entwaffnet; doch unsichtbar war hinter mir ein Gott, in dessen Auftrag ich handelte, und der den Blitz, den ich geschleudert hatte, nicht zurückhalten wollte. Oh! Ich beschwöre diesen Gott, zu dessen Füßen ich mich seit zehn Jahren jeden Tag niederwerfe, ich rufe diesen Gott zum Zeugen an, daß ich Ihnen dieses Leben und mit diesem Leben die Pläne, die damit verbunden waren, zum Opfer gebracht hatte. Doch ich sage es mit Stolz, Mercedes, Gott bedurfte meiner, und ich starb nicht. Prüfen Sie die Vergangenheit, prüfen Sie die Gegenwart, suchen Sie die Zukunft zu erraten, und sehen Sie, ob ich nicht das Werkzeug des Herrn bin. Das gräßlichste Unglück, die grausamsten Leiden, der Abfall aller derer, die mich liebten, die Verfolgung der Menschen, die mich nicht kannten, das war der Inhalt des ersten Abschnittes meines Lebens. Dann plötzlich, nach der Gefangenschaft, nach der Einsamkeit, nach dem Elend die Luft, die Freiheit, ein so glänzendes, so wunderbares, so maßloses Glück, daß ich, ohne blind zu sein, denken mußte, Gott habe es mir mit großen Absichten geschickt. Von da an erschien mir dieses Glück als ein Priestertum; von da an hatte kein Gedanke mehr für dieses Leben, dessen Süßigkeit Sie, arme Frau, zuweilen genossen haben, in mir Raum; keine Stunde der Ruhe, nicht eine einzige, gab es mehr für mich. Ich fühlte mich fortgetrieben, wie die feurige Wolke, die am Himmel hinzieht, um die verfluchten Städte in Asche zu legen. Früher gut, vertrauensvoll, nachsichtig, machte ich mich rachsüchtig, heuchlerisch, böse, oder vielmehr unempfindlich, wie das taube und blinde Verhängnis. Dann betrat und durchschritt ich den Pfad, der sich vor mir geöffnet hatte, ich berührte das Ziel; wehe denen, die ich auf meinem Wege traf!

Genug! sagte Mercedes, genug, Edmond! Glauben Sie mir, daß die, welche Sie allein zu erkennen vermochte, auch allein Sie verstehen konnte. Edmond, hätten Sie die, welche Sie zu erkennen, zu begreifen vermochte, auf Ihrem Wege getroffen, und wie ein Glas zerbrochen, sie hätte Sie bewundern müssen, Edmond! Wie eine Kluft zwischen mir und der Vergangenheit befestigt ist, so besteht auch eine Kluft zwischen Ihnen und den andern Menschen, und meine schmerzlichste Qual, ich sage es Ihnen, ist es, zu vergleichen; denn es gibt nichts auf der Welt, was Ihnen an Wert gleichkommt, nichts, was Ihnen ähnlich ist. Nun, sagen Sie mir Lebewohl, Edmond, und trennen wir uns!

Ehe ich Sie verlasse, was wünschen Sie, Mercedes?

Ich wünsche nur eines, Edmond, daß mein Sohn glücklich werde.

Bitten Sie den Herrn, der allein das Dasein der Menschen in seinen Händen hält, er möge den Tod von ihm fernhalten, das übrige sei meine Sorge.

Ich danke, Edmond.

Doch Sie, Mercedes?

Ich brauche nichts, ich lebe zwischen zwei Gräbern; das eine ist das von Edmond Dantes, der vor langer Zeit gestorben; ich liebte ihn! Dieses Wort paßt nicht mehr zu meiner verwelkten Lippe, doch mein Herz erinnert sich noch dessen, und um keinen Preis der Welt möchte ich dieses Andenken meines Herzens verlieren. Das andere ist das eines Menschen, den Edmond Dantes getötet hat; ich billige die Tat, aber ich muß für den Toten beten.

Ihr Sohn wird glücklich werden, wiederholte der Graf.

Dann werde ich so glücklich sein, wie ich sein kann.

Doch was gedenken Sie . . . am Ende . . . zu tun?

Mercedes lächelte traurig.

Wollte ich Ihnen sagen, ich werde in dieser Gegend leben, wie die Mercedes von ehemals, das heißt arbeiten, so würden Sie mir nicht glauben; ich vermag nur noch zu beten, doch ich bedarf der Arbeit nicht. Der von Ihnen vergrabene kleine Schatz hat sich an dem bezeichneten Orte gefunden; man wird forschen, wer ich bin, man wird fragen, was ich mache, man wird nicht wissen, wovon ich lebe; was liegt daran? Das ist eine Angelegenheit zwischen Gott, Ihnen und mir.

Mercedes, sagte der Graf, ich mache Ihnen keinen Vorwurf, doch Sie haben das Opfer übertrieben, indem Sie das ganze von Herrn von Morcerf angehäufte Vermögen Fremden überließen, während die Hälfte von Rechtswegen Ihrer Sparsamkeit und Wachsamkeit zukam.

Ich sehe, was Sie mir vorschlagen wollen, doch ich kann es nicht annehmen, mein Sohn würde es mir verbieten.

Ich werde mich auch wohl hüten, etwas für Sie zu tun, was nicht die Billigung des Herrn Albert von Morcerf hätte. Ich werde seine Ansichten erforschen und mich denselben unterwerfen. Doch wollen Sie, wenn er das, was ich tun will, annimmt, selbst nicht widerstreben?

Sie wissen, Edmond, daß ich kein denkendes Geschöpf mehr bin; ich habe keine Entschließung, wenn nicht die, mich nie mehr zu entschließen. Gott schüttelte mich so in seinen Stürmen, daß ich den Willen verloren habe. Ich bin wie ein Sperling in den Klauen des Adlers. Gott will nicht, daß ich sterbe, da ich lebe. Schickt er mir Hilfe, so wird er dies wollen, und ich werde sie annehmen.

Seien Sie auf Ihrer Hut, gnädige Frau, sagte Monte Christo, so betet man Gott nicht an! Gott will, daß man ihn verstehe und sich seine Macht klar mache; deshalb hat er uns den freien Willen gegeben.

Unglücklicher! rief Mercedes, sprechen Sie nicht so zu mir. Wenn ich glaubte, Gott habe mir den freien Willen gegeben, was bliebe mir, um mich vor Verzweiflung zu retten?

Monte Christo erbleichte leicht und neigte das Haupt, niedergebeugt durch die Heftigkeit dieses Schmerzes.

Wollen Sie mir nicht sagen: Auf Wiedersehen? sprach er, ihr die Hand reichend.

Oh ja, ich sage Ihnen Lebewohl auf Wiedersehen und beweise damit, daß ich noch hoffe, antwortete Mercedes, feierlich auf den Himmel deutend, und nachdem sie die Hand berührt, stürzte sie nach der Treppe und verschwand aus seinen Augen.

Monte Christo verließ langsam das Haus und schlug den Weg nach dem Hafen ein.

Doch Mercedes sah nicht, wie er sich entfernte, obgleich sie in dein kleinen Zimmer von Dantes' Vater am Fenster stand. Ihre Augen suchten in der Ferne das Schiff, das ihren Sohn nach dem weiten Meere forttrug, wenn auch ihre Stimme gleichsam unwillkürlich murmelte: Edmond! Edmond! Edmond!

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